§ 45
Sprachkürze

[175] Die Kürze der Sprache verdient, ehe wir den unbildlichen Witz weiter verfolgen bis zum bildlichen, noch ein paar besondere Blicke. Kürze, d.h. die Verminderung der Zeichen, reizt uns angenehm, nicht durch Vermehrung der Gedanken – denn da man immer denkt, so ist die Zahl immer gleich, indem auch Wiederholung desselben Gedanken eine Zahl und jedes überflüssige Zeichen einen gibt –, sondern durch die Verbesserung derselben[175] auf zweierlei Weise; erstlich dadurch, daß sie uns statt der grammatischen leeren Gedanken sofort den wichtigern vorführt120 und uns mit einem Regenbache trifft statt mit dem Staubregen; und zweitens dadurch, daß sie die Vergleichpunkte und Gegenstände durch das Wegräumen aller unähnlichen Nebenbestimmungen, welche die Vergleichung entkräften und verstecken, einsam in helle Strahlen scharf aneinanderrückt. Jede Unähnlichkeit erweckt die Tätigkeit; aus dem Schlich auf dem platten Gartensteig wird auf dem abgesetzten Klippenweg ein Sprung. Die Menschen hoffen (in ihrem halben Lese-Schlafe) stets, im Vordersatze schon den Untersatz mitgedacht zu haben und mithin die Zeit, welche sie mit dem Durchlesen des letzten verbringen, angenehm zur Erholung verwenden zu dürfen – wie fahren sie auf (das kräftigt sie aber), wenn sie dann sehen, daß sie nichts errieten, sondern von Komma zu Komma wieder denken müssen!

Kürze ist der Körper und die Seele des Witzes, ja er selber, sie allein isoliert genugsam zu Kontrasten; denn Pleonasmen setzen ja keine Unterschiede. Daher hat das Gedicht, das allein zur Scheide des Witzes gemacht ist, die wenigsten Zeilen und Worte zugleich, das Sinngedicht. Tacitus und die Sparter, wie oft die Volksentenzen, wurden nur witzig, weil sie kurz waren nach ihrem lex minimi überall. So Kato, so Hamann, Gibbon, Bako, Lessing, Rousseau, Seneka. Bei dem Witze gibt es so wenig einen Pleonasmus der Zeichen – obwohl leicht der Gedanken, wie z.B. bei Seneka –, daß eben darum die Engländer unterstreichen, um verwandte Wörter durch das äußere Auge abzusondern für das innere; z.B. Genie und Kenntnis sinken, sagt Young, unsere abnehmenden Tage sind dunkel und kalt. In der Phantasie hätten Finsternis und Kälte sich ohne den Druck leicht so durchdrungen wie in jeder Nacht. – Die Franzosen verdanken ihre Sprachbestimmtheit ihrem unbildlichen oder Reflexion-Witze und diesen jener. Welche witzige Vorteile verschafft ihnen nicht ihr bloßes en der Beziehung! Die englische und die deutsche Prose,[176] welche die Kette der klassischen Perioden noch nicht so, wie die französische, in einzelne Ringe zersprengt haben, verbinden daher mehr mit Ketten121 als mit Ringen. Wenn jener römische Kaiser einen Fremden, über die Familienähnlichkeit spottend, fragte: »War deine Mutter nicht in Rom gewesen?« – und dieser versetzte: »Nie, aber wohl mein Vater«: so springt der Witz-Funke der Antwort aus einem Zusammenschlagen nicht sowohl fernster Ähnlichkeiten als nächster, welche man bloß in ihre deutliche Wahrheit aufzulösen braucht, und dadurch den ganzen Witz in nichts. Aber wo bleibt der Witz? In der Kürze; die erste Gedankenreihe der Frage, die plötzlich sich umwendende der Antwort werden in einigen Zwingwörtern durchlaufen. Gesetzt, ich sagte hier mehr Beispiels als Scherzes wegen: sonst im alten Rom bewahrten Tempel die Bibliotheken auf, jetzo aber Bibliotheken die Tempel122, so zwäng' ich den Verstand in wenigen Worten und Augenblicken zu schnellem Umwenden und zweimaligem Durchlaufen einer Gedankenreihe.

In der Prose, sobald sie der bloßen Philosophie dienstbar ist, siegt die französische Abkürzung. Für das Begreifen, das nur Verhältnisse, nicht lebendige Gestalten begehrt (wie etwan die Phantasie), ist keine Kürze zu kurz123; denn diese ist Klarheit. Die meisten deutschen Philosophen – auch die englischen – sollten sich in französische übersetzen (so wie in Fichtens Sprachschärfe das Anüben der Rousseauschen erscheint). So ist z.B. die Antithese zwar nicht der dichterischen Darstellung günstig, aber desto mehr der philosophischen durch ihr Abkürzen; und Lessing und Rousseau erfuhren ihre Gunst. – Kant und noch mehr die Kantianer verfinstern sich durch ihr Verdoppeln – wie der durchsichtige Körper durch seine eigne Wiederholung opak wird. Viele[177] Deutschen sagen kein Wort, welchem sie nicht einigen Nachklang und darauf Wiederklang beifügen, so daß wie in resonierenden Kirchen die Stimme des Predigers ganz verworren umherhallt. Nur bei seltener Kürze schreiben sie so: Un tel reçu à St. Come, Oculiste pour les yeux. – Eine Gegend lernt man zwar durch ein Verkleinerungglas kennen, aber nicht durch ein Vergrößerungglas. Ferner liest ein Mensch nichts so äußerst eilig als einen weitläuftigen; wie sehr der Verfasser dieses in philosophischen Werken alle Blätter zu fliegenden macht, um zur Sache zu gelangen, wie sehr er von abstrakten Werken von neuem abstrahieret oder abzieht, um nur einigermaßen zu reflektieren, das gesteht er ungern, um nicht Schreiber zu beleidigen, bei welchen man früher die Schale abzuschälen hat als den Kern. Warum wollen denn Philosophen nicht so schreiben, wie Klopstock malte? –

– Aber warum malte dieser nicht öfter so, wie jene schreiben? Denn philosophische Kürze ist nur poetische Zwergin. Wenn der Verstand aus allen Gestalten nur unsichtbare Verhältnisse abzieht (destilliert): so breitet die Phantasie jene lebendig aus. Für Poesie gibt es keine absolute Kürze; und ein kürzester Tag bei ihr ist wenig von einer Nacht verschieden. Daher ist Klopstock, zumal in seinen neuern Oden, um so weniger poetisch, als er sich für den Verstand abkürzt. Er gibt uns eine Zelle voll Rosen-Honig statt des Rosenbusches selber, und statt des Veilchenufers einen Medizinlöffel voll Veilchen-Sirup. Ich frage – um dieses zu beweisen –, ob er je viele Oden (besonders neuere) geschrieben, worin nicht der ihm eigne Komparativ – dieser prosaische Reflexion-Schößling – den dürren Ast ausstreckte. – Einen unvergleichbar höhern Rang behaupten die epigrammatische Erhabenheit oder die erhabenen Spitzen, womit er häufig schließet, so wie sein Erinnern an die selbstvergeßne Kürze der Einfalt. Um nicht die Kürze über sie selber zu vergessen, wollen wir sie verlassen und zum – witzigen Zirkel kommen.[178]

120

Die Unterschrift unter die Bildsäule eines untätigen französischen Königs: Statua Statuae, oder der Einfall über ein leeres Parterre, es sei le double de l'autre.

121

d.h. mehr mit einer Reihe bildlicher Ähnlichkeiten als mit einer Antithese, wie weiter unten bei dem bildlichen Witze gezeigt wird.

122

Denn unser Gottesdienst wird jetzo meist in Büchern gehalten.

123

Nur die Hamannsche ausgenommen, deren Kommata zuweilen aus Planetensystemen und deren Perioden aus Sonnensystemen bestehen, und deren Worte (gleich den ursprünglichen, nach Herder) ganze Sätze sind. Oft ist die Kürze leichter zu haben als zu lesen, der Verfasser kömmt zum ausgedrückten Gedanken durch lauter weggeschnittene Nebengedanken; der Leser muß diese erst ergänzen aus jenem.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 175-179.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Vorschule der Ästhetik
Vorschule Der Aesthetik: Nebst Einigen Vorlesungen in Leipzig Uber Die Parteien Der Zeit Volume 2
Vorschule Der Aesthetik (1); Nebst Einigen Vorlesungen in Leipzig Uber Die Parteien Der Zeit
Vorschule Der Aesthetik Nebst Einigen Vorlesungen in Leipzig Uber Die Parteien Der Zeit (1)
Vorschule Der Aesthetik Nebst Einigen Vorlesungen in Leipzig Uber Die Parteien Der Zeit
Vorschule Der Aesthetik Nebst Einigen Vorlesungen in Leipzig Uber Die Parteien Der Zeit (3)

Buchempfehlung

Pascal, Blaise

Gedanken über die Religion

Gedanken über die Religion

Als Blaise Pascal stirbt hinterlässt er rund 1000 ungeordnete Zettel, die er in den letzten Jahren vor seinem frühen Tode als Skizze für ein großes Werk zur Verteidigung des christlichen Glaubens angelegt hatte. In akribischer Feinarbeit wurde aus den nachgelassenen Fragmenten 1670 die sogenannte Port-Royal-Ausgabe, die 1710 erstmalig ins Deutsche übersetzt wurde. Diese Ausgabe folgt der Übersetzung von Karl Adolf Blech von 1840.

246 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon