§ 55
Bedürfnis des gelehrten Witzes

[203] So frei der Witz ist und macht, so schränket er sich oft auf Bezirke ein, wo ers nicht ist. Lichtenberg glänzt mit unbildlichem Witz, der sich meistens auf Größen bezieht – Lessing mit Antithesen – Musäus mit Allegorien – manche durch nichts. Rohe oder dürftige Naturen, wie z.B. Cranz, holen ihre Ähnlichkeiten meistens vom Essen und noch mehr vom Kriege und Kriegvolk her (bei uns selten vom Seewesen), weil in beiden sich der Staat so im kleinen wiederholt, daß die Blume in die Hand wächset. Wem nicht das Entfernteste beifällt, der ergreift das Neueste zum Bilde; so wurde sehr lange das Luftschiff gebraucht als witzig verbindendes Weberschiff, dann wurde durch die Revolution et was abgetan. Jetzo kann man sich teils auf die Galvanische Säule, teils auf die Reichsritterschaft stützen141, um die entferntesten Sachen zu verknüpfen. Ebenso kann man den pas de Calais als Seiten-, Rück- und Vor-Pas (z.B. bei der englischen Achte) so lange brauchen, als noch das Einlaß-Billett in den Kanal abgeschlagen wird. Häufig hat man, um zu Ähnlichkeiten zu gelangen, erst die Arbeit, durch die alten durchzubrechen. Will man z.B. gut vom Ehebruche sprechen: so fliegen jedem die Hörner ordentlich in den Kopf, und man unterscheidet sich durch nichts von der Menge; ein Hirsch oder Aktäon, welche nachkommen, bringen nicht viel weiter; man reitet mehr ein Schaukelpferd als ein Musenroß – es will also mit der Allegorie gar nicht fort. Wie hat sich nicht Shakespeare hierin abgearbeitet! – Ebenso denke an die Freude eine Frau (um etwas Ähnliches zu geben) in einem Briefe, oder ein Dichter in einem Verse; sofort schießet die fatale Blume der Freude auf und an, diese Eisblume, dieses Wintergrün,[203] dieser Phytolith unter den Metaphern – Millionenmal wurde mir diese perennierende Färbepflanze von den Dichtern und Weibern schon geschenkt – ich wäge sie auf der Heuwaage – Kräutermützen für den Kopf; Kräutersäckchen für das Herz sind damit schon ausgestopft – Aber fällt denn niemand darauf, diese versteinerte offizinelle Blume, die man bisher nur blühen, welken, pflücken und ertreten ließ, wenigstens mit allegorischer Hand zu behandeln, die Wurzeln und die Staubfäden der Freuden-Blumen genau zu zählen? – Verstand man denn nicht, sie in hesperidische Gärten zu versetzen bloß durch den Blumenheber, oder sie zu pressen, zu trocknen und in die Kräuterbücher der Dichtkunst einzukleben? Warum tat dies noch niemand, sondern ich hier erst?

Nur zwei Dinge gibt es auf der Welt und dem Musenberge, welche ohne Frage und Plage mit allem sich vergleichen lassen –: erstlich das Leben; weil es eben die Verhältnisse aller Dinge gibt und annimmt, z.B. der Teppich des Lebens, der Stern des Lebens, die Saite des Lebens, die Brücke des Lebens kann ich in gutem Zusammenhange ohne allen Anstand sagen mit wahrem Anstand –; zweitens das Verhältnis, wodurch sowohl das Leben entsteht als die Zote, kann ich gleichfalls mit der ganzen Welt142 vergleichen, und die nämliche ewige Quelle der Menschen und ihrer Einfälle ist unerschöpflich.

Sobald nun aber diese beiden Reichvikarien des Witzes abdanken und abtreten: so höret, wie ich schon bewiesen, der Autor fast zu regieren auf, wenn er nicht zu dem greift – wozu dieser Paragraph einleiten sollte –, zum gelehrten Witze. Unbedeutende Sprecher nennen ihn weit hergeholt, indem sie dabei selber, scherzend, wert hergeholt doppelsinnig gebrauchen: einmal kann es erzwungene, unähnliche Ähnlichkeiten bedeuten; dann auch Anspielungen auf ein in Zeit oder Raum entferntes Ding. Nur in ersterer Bedeutung, die mit der zweiten nichts zu verkehren hat, ist der Witz keiner. Was aber die zweite anlangt: warum soll man bei den zunehmenden Miß- und Fehljahren und Fehljahrhunderten nicht anspielen können, auf was man will, auf alle[204] Sitten, Zeiten, Kenntnisse, sobald man nur den fremden Gegenstand einheimisch macht, was gerade das Gleichnis besser tut als die voraussetzende Allegorie?

Der Maler, der Dichter nimmt überall neuere Gelehrsamkeit in Anspruch: warum darf es der Witzige nicht dürfen? Man lerne durch das Buch für das Buch; bei der zweiten Lesung versteht man, als Schüler der ersten, so viel wie der Autor. – Wo hörte das Recht fremder Unwissenheit – nicht ignorantia juris, sondern jus ignorantiae – auf? Der Gottes- und der Rechts-Gelehrte fassen einander nicht – der Großstädter fasset tausend Kunstanspielungen, die dem Kleinstädter entwischen – der Weltmann, der Kandidat, der Geschäftmann, alle haben verschiedene Kreise des Wissens – der Witz, wenn er sich nicht aus einem Kreise nach dem andern verbannen will, muß den Mittelpunkt aller fodern und bilden; und noch aus bessern Gründen als denen seines Vorteils. Nämlich zuletzt muß die Erde ein Land werden, die Menschheit ein Volk, die Zeiten ein Stück Ewigkeit; das Meer der Kunst muß die Weltteile verbinden; und so kann die Kunst ein gewisses Vielwissen zumuten.

Warum will der gelehrte Deutsche143 und Herr von Steigentesch in Wien nicht das erlauben, was der gelehrte Brite erhebt, nämlich einen gelehrten Witz, wie Butler, Swift, Sterne etc. hatten, zumal da sogar der ungelehrte Gallier seinem Montesquieu ein fremdes Gleichnis144 verstattet und dem gelehrten Rabelais jedes? – Und dem Homer, der alles gewußt, erlaubt man diese Allwissenheit ungescheut, und noch dazu in einem Werke der Anschauung, wo alles auf augenblickliche ankommt? – Und herrscht nicht jetzo dazu noch eine besondere Vielwisserei, ja eine größere Allwissenheit[205] und Enzyklopädie in Deutschland, und dies nicht bloß durch Hofmeister, sondern auch durch unsere allgemeinen Literatur-Zeitungen und Bibliotheken, welche jeden, der im Journalistikum mit ist und zahlt, ohne sein Wissen zu einem Vielwisser unter der Hand ausprägen? – Und hab' ich und andere Deutsche – gesetzt, daß ich zu Zeiten auf etwas Fremdes anspielte – nicht das enzyklopädische Wörterbuch bei Webel in Bändchen ohne den künftigen Nachtrag145, so daß wir, um ein schweres Buch zu lesen, nichts brauchen, als ein leichtes aufzuschlagen? – Wie viel anders, milder, leichter lesen dieserseits Weiber! Stoßen sie etwan auf gelehrten Witz: so schreien sie nicht ungebärdig oder jammern über gestörten Nex, sondern sie lesen still weiter und wollen gar nicht wissen – um leichter zu vergeben und zu vergessen –, wovon eigentlich die Rede gewesen. – Noch zwei Nachschriften sind vielleicht kein Überfluß. Witzige Ähnlichkeiten, von einem bekannten Gegenstande hergenommen, greifen immer stärker und schneller ein als ebenso witzige, aber gelehrte, von einem unbekannten, und die ersten wären aller dings jedem Kopfe anzuraten, falls sie nur zu haben wären. Nur ist dies leider nicht; die Zeit hat diese Kornblumen schon abgeerntet und den Witz nur auf den Nachflor einer kärglichen Nachlese und auf ein reiches Botanisieren im Ausland beschränkt. Ja wohl gewährt ein bekannter Gegenstand der Anspielung zugleich die Vorteile der leichtern Anschaulichkeit, der Kürze und der Notwendigkeit, und die gelehrte Anspielung entbehrt alle diese Vorteile, und nur der Notwendigkeit oder Wahrheit wird auf das ehrliche Wort des Zitators mehr geglaubt als empfunden. Je entfernter von uns ein Volk in Zeiten, Räumen und Sitten, desto matter reizen uns Anspielungen auf dasselbe, gerade solche, welche dem fremden Volke selber langgehoffte Genüsse sind, gleichsam schmackhafte Lehrbraten eines vollendeten Lehrlings. So würde z.B. nur ein Sineser die Anspielungen leichtgenießend auffassen, wenn ich ihm folgende sagte: »Die Abzeichen der vornehmen Macht sind mit Recht von lauter Ursachen und Wirkungen des Beschädigens[206] geborgt, nämlich der Drache, das Gelb, die langen Fingernägel und die Fettsucht,« denn dem Sineser wär' es geläufig, daß der Drache und das magere Welk- und Neid-Gelb nur sein kaiserliches Haus und lange Nägel und Dickbäuche nur Personen von Stande bezeichnen; aber deutschen Lesern, welche dergleichen erst seit heute und gestern erfahren, wollen so entfernte Ähnlichkeiten weniger gefallen und einleuchten. – Noch weniger Wirkung tut ein Verfasser (z.B. der uns sehr wohl bekannte), der gar nur auf einmalige Einzelnheiten, medizinische, geschichtliche oder andere Curiosa anspielt; z.B. wenn ich solche Anspielungen selber auf Curiosa wegen ihrer geringen Wirkung mit dem zweiten Paar Augen vergleichen wollte, die ein Ägypter auf dem Rücken hatte, womit er aber nichts sah (Plin. h. n. XI. 52) – oder mit der dritten Brust auf dem Rücken, aber ohne Säugwarze (Barthol. in ann. secund. Ephem. cur. obs. 72).

Die zweite Nachschrift ist: Man kann auch die gelehrte Anspielung verzeihlich machen, wenn man sie vorher einmal erklärt und darauf zehnmal gebraucht, wie Wieland z.B. mit den Bonzen, Derwischen, Hetären und Sykophanten getan, welches böse Volk nun so gut als einheimisch bei uns anzusehen und allen witzigen Köpfen brauchbar ist.

141

Bei diesem und dem folgenden, überhaupt bei allen Zeit-Anspielungen des Buchs muß man nicht vergessen, daß es schon 1803 geschrieben worden.

142

S. Kampaner Tal; die Holzschnitte, S. 100

143

Z.B. ein pedantischer Zierling tadelte in der Dykischen Bibliothek der schönen Wissenschaften in der Rezension von Lichtenbergs Hogarth die Statua pensilis als pedantisch.

144

Nämlich das bekannte von dem Despotismus und dem baumabhauenden Wilden. Nur unter den dürftigen Franzosen, nicht unter den Briten und Deutschen, konnte ein solches Gleichnis aufglänzen, welches am Ende nur die Gattung durch die Unterart darstellet; ich erbiete mich, das ähnliche, aber noch bestimmtere zu machen, dieses nämlich, daß der Despot dem Kinde gleicht, welches immer die Bienen tatet, um die Honigblase auszusaugen.

145

Sogar jedem Allwisser empfehl' ich dieses Sachwörterbuch, welcher nicht eben ein Vielwisser ist.

Quelle:
Jean Paul: Werke. Band 5, München 1959–1963, S. 203-207.
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