Dritter Brief

[13] Den 8. September 1762


Sieben mit Gram durchstürmte Winter hatte ich in Frauenstadt durchlebt. Diese Stadt genießt zuweilen das stolze Vergnügen, den König von Polen auf einige Wochen zu beherbergen; gleich dem großen Mogul aber weiß August sein Erblicken kostbar zu machen. Ich konnte ihn nicht zu sehen bekommen, unerachtet er offene Tafel hielt; ich war nicht darüber betrübt, denn meine Seele war noch immer voll geblieben von dem Ruhm eines größern Königs. Ich hüpfte vor Freuden, als mir einst aus der ersten Festung, die er eroberte, ein Beruf kam, herüberzufliegen. Der Hofprediger Döbel zu Glogau war eingenommen von den Gesprächen seines polnischen Freundes von der Entdeckung einer Dichterin; er hörte mich selbst und vereinigte sein Verlangen mit dem Rath seiner ehelichen Freundin wegen Veränderung meiner Wohnung; ich fand wenig Schwierigkeiten zu überwinden, verließ Polen und befand mich im Herbst des Jahres 1755 zu Glogau. Meine Familie ward vermehrt, ich war Mutter von 4 Kindern und noch immer die Gattin eines nicht zu bessernden Mannes. Er verlor bald die Gunst seines Predigers durch Schuld einer unanständigen Aufführung, ich aber befestigte mich desto mehr und ward von keinem Menschen beneidet als von Dem, der sich über Alles erfreuen sollte, was meinem verfallenen Glücke aufzuhelfen schien. Einen halben Folianten müßte ich schreiben, um Ihnen Alles zu sagen, was meine Tage qualvoll gemacht hat; aber jenes pöbelhafte Betragen und jene furchtvollen Auftritte mögen unter einem Vorhange verdeckt bleiben. Das Auge des Alles überblickenden Gottes sah mich leiden, sah meine Geduld und die Ausübung aller Pflichten,[13] die nur jemals der beste, der liebenswürdigste Mann fodern konnte; aber Alles ward verschwendet und ohne ein Wunderwerk war es nicht möglich, daß ich erlöset werden, oder daß der Kummer für meinen Unterhalt aufhören konnte. Das Haus des würdigen Hofpredigers war meine einzige Erholung; seine Frau besitzt einen männlichen Geist, ist klug und von großer Entschlossenheit; ihre Beredtsamkeit ebenso einnehmend als ernsthaft, und sie wetteiferte mit ihrer Schwester, meine Freundin zu sein. Die niemals ausgesöhnten Feinde des Königs nöthigten ihn zu dem Feldzuge, den er 6 mal wiederholen mußte; er siegte bei Lowositz; ich sang meinen ersten Siegeston, und mein Freund Döbel gab das Lied unter die Presse. Die östreichische Macht ward auf den böhmischen Gebirgen bei Prag geschlagen; ich sang eine Art von Siegspsalm, und er gefiel! Herr Graf v. Reder, ein Patriot vom ersten Rang, hörte meine Muse mit Vergnügen, und sein Haus ward von diesem Tage an meine Stütze. Aber alle Zuwürfe der gütigsten unter den Menschen waren fruchtlos, ich blieb eine Lastträgerin der Dürftigkeit. Ein unglücklicher Zufall warf den dritten Theil von Glogau in einen Schutthaufen zusammen. Ich brachte mein Weniges unter den Schutz eines Kellers, nahm das kleinste Kind auf meinen Arm, führte das dritte an der Hand, sah die 2 ältesten vor mir her weinen, und so ging ich zwischen den dicken Gewölken von Rauch nach der Vorstadt zu; ganz betäubt von dem Elende der Stadt war meine Seele gewesen. Jetzt erhielt ich die Freiheit zu weinen und bat Gott um Einschränkung der wüthenden Flamme; das Gebet vieler Tausende, die auf den Wiesen lagen, drang zu ihm herauf, die Glut erlosch, und ich konnte die Nacht wieder unter dem Dache zubringen, von welchem mich die Gefahr fliehen hieß. Acht Tage dauerte meine Bestürtzung noch fort; ich konnte die Gedanken nicht sammeln, bis der Consitorialrath Ludovki auf der Brandstätte des Altars unter freiem Himmel eine Rede gehalten hatte; da kam mein Geist wieder zu mir, ich setzte mich und schrieb 2 Gedichte zum Andenken dieser traurigen Begebenheit. Der Buchhändler Hr. Günter ließ beide drucken, und in seinem Gewölbe müssen sie noch zu finden sein. Der Brand hatte betrübte Folgen für Viele! Ich war nicht davon ausgeschlossen, aber ich entwischte zuweilen meinem Kummer auf das Land. Verschiedene Prediger waren gastfrei gegen mich, zu denen flog ich, besonders zu Kriel und Balling; ich kann mich nicht enthalten, sie zu nennen. Sie haben mir Gutes erwiesen und ihnen soll von dem Segen des Himmels ersetzt werden, was sie, gleich so Vielen, in der Unruhe des Krieges verloren haben. Zu diesen gehört vorzüglich noch ein Prediger Tschirner, der schon in ältern Zeiten mein Freund war; seine herzlichen Wünsche, die er tausend Mal für mein Bestes that, diese allein verdienen, daß ihm Gott seinen großen Verlust siebenfältig ersetze, sowie seinem gnädigen Patron, dem Herrn v. Luck, dessen Freundschaft und Edelmüthigkeit gegen mich gerühmt zu werden verdient. Alle vereinigten sich, mich bei der Lust zum Singen nicht muthlos werden zu lassen. Einstmals fand ich in mir einen großen Trieb aufs Land; ich kam zu Predigern, die mir noch unbekannt waren, und der Zufall führte mich an den Ort, wo Friedrich übernachtete; er zog gegen Zorndorf; im Predigerhause logirte der General Wobersnov. Geschwind machte ich ihn mir zum Freunde, sahe des andern Morgens den besten und größten der Könige zu Pferde und hörte um ihn her seine Krieger einen Morgengesang anstimmen. Jetzt kannte ich den Trieb, der mich hinriß, nannte das Lustwandeln von 2 Meilen[14] genugsam belohnt und schickte mich an, den Sieg des Königs zu singen. Wobersnov schrieb gleich nach dem Treffen an den Prediger und ermahnte ihn, mir Nachricht davon zu geben. Ich machte 2 Gesänge wegen dieses Sieges. Sie wissen die noch folgenden Begebenheiten und das Gedränge der allgemeinen Rache vor dem Siege bei Roßbach. Dieser Sieg allein blieb ungesungen von mir, denn eben, als ich mit meiner Hand die Leier ergriff, kam das zerstreute beverische Corps durch Glogau. Die Noth trieb mich zu einer Reise zu meinen polnischen Freunden; ich feierte bei ihnen meinen Geburtstag voll Hoffnung besserer Zeiten, und sie waren schon da; ich kam zurück und mit mir die wichtige Nachricht des Sieges bei Leuthen. Diesen Augenblick gebot ich meiner Muse zu singen, denn es waren nur 24 Stunden bis zum Dankfest. Ich schickte die erste Strophe des Gesangs zum Setzer; ehe der fertig ward, brachte man die zweite, und so fuhr ich fort bis zum Schluß des Lieds; es ward gedruckt und man vertheilte es unter die jubelnde Menge der Rechtlichgesinnten. Alle sagten, ich müßte den Gesang gezaubert haben, Alle wollten mich sehen. O, diese Bewunderung brachte mir Nutzen, aber sie brachte mir zugleich größern Zorn Desjenigen, der als Herr über mich herrschen wollte, von meinen Händen Brot nahm und mit der Vorsehung zankte, daß sie dieses Brot nicht in seine Hand fallen ließ. Ich verschweige die Raserei, zu welcher ein niederträchtiger Stolz den Menschen bringen kann; im zweiten Theil der »Moralischen Briefe« findet man ein Beispiel dieser Art. Ich glaube Alles gesagt zu haben, sowie mein Herz Alles zu vergeben wußte und auf die Gelübde eines bessern Vorsatzes stolz ward. Meine durch Schrecken und Verdruß hinfällig gewordene Gesundheit zwang mich zu einer Reise in das berühmte Bad bei Kirchberg. Verwundern Sie sich nicht, daß ich eine so kostbare Unternehmung wagte ohne reich zu sein; mir ward schon der Tisch eines unbekannten Freundes gedeckt, und schon war mein Zimmer bereit, als ich ankam. Der Pastor zu Warmbrunn war es, dem ich die Möglichkeit dieser Reise verdankte; sie machte mich in einigen hirschbergischen Häusern bekannt. Ich erhielt ein Paar liebenswürdige Schwestern zu Freundinnen, und was mir unschätzbar ist, ich erlangte die Ehre eines Briefwechsels mit Generallieutenant v. Seidlitz; ohne mich gesehen zu haben, ward er mein Freund; mein gutes Glück hat ihn mir zu erhalten gewußt, er ist es noch; ich lebte 2 Monate wie im Elysium. Die stürmenden Briefe meines Mannes und das Verlangen nach meinen Kindern trieben mich zurück. Ich genoß 4 Wochen einer häuslichen Ruhe, gleich einer drohenden Meeresstille, die von lauernden Orkanen unterbrochen wird. Meine 2 jüngsten Töchter wurden vom Arme des Todes dahingerissen, gleich Zwillingsrosen, die, an Einem Stengel aufgewachsen, von Einem tödtenden Wurme zernagt, sterben müssen, ehe sie noch Dem Freude zuduften konnten, der die Ursach ihres Daseins war. Ich erkühnte mich, den Himmel zu fragen, warum er dicht aneinander meine Kinder zu sich nahm? Ich Unwissende sollte ihm Dank sagen, aber mir entfuhren Wünsche, nachzusterben; mein Zustand ward von dieser Zeit an unerträglich, 4 Monate, mit allen Martern einer unglücklichen Ehe durchwebt, empfand ich nur noch mein Dasein in dem Schmerz und in der Furcht, die mich zittern machte. Der 21. Jan. des Jahres 1760 war bestimmt, diese tragische Rolle zu verändern; man holte mitten unter meinen Klagen Den, der sie mir auspreßte, zu den Fahnen des Krieges. Eine andere als diese Stunde würde mich[15] widersprechend gefunden haben, und ich hätte noch einmal vergessen können, daß ich elend war; aber sie war aufgezeichnet von Dem, der unsere Tage in sein Buch schreibt. Ich befand mich gleich Einem, der von schweren Träumen erwacht; ich erholte mich und sang ein Lied auf den Geburtstag des König. Mit diesem Tage wandte das Glück seine Stirn mir zu, ich lebte bis zur Zeit der blühenden Rosen in einer tiefen Ruhe, meine Tage wurden durch zufällige unerwartete Geschenke gramlos gemacht. Der 5. Juli brachte einen Theil des Fouqué'schen Corps zurück und gab mir Einquartirung. Ich empfing Den, nach dem ich mich nenne, mit allem Anstand einer Gattin; die Kriegsrüstung, die Munterkeit, mit welcher er sie trug, und der Gedanke, welchem Könige er diente, verschaffte ihm Achtung mehr als jemals. Ich glaubte sein veränderter Stand, die halbjährigen Beschwerden und die Art von Mangel würden viel zu meinem Besten gethan haben; das Uebrige hoffte ich durch Güte zu heben. Ich ging mit ihm auf die öffentlichen Spazirgänge, ich that Alles, was er wünschen konnte, um ihm Vergnügen zu machen, und dennoch hieß ich stolz. Es lagen Preußen und Russen bei der Festung umher, es ward große Theurung, ich gerieth in Schulden, der Winter kam in drohender Gestalt, und ich sah keinen Ausweg meiner labyrinthischen Sorgen; ganz allein trug ich sie, denn mein Mann war unbekümmert. Der König schlug bei Torgau; mit dem Glücke des Krieges wandte sich zugleich das Glück meiner Muse; sie ward, meinen Sorgen zum Trotz, munter, und in meinem Herzen redete eine Hoffnung, der ich keinen Namen zu geben wußte. Der 12. Nov. nahm mir meinen Gast; die Krieger marschirten, und nun sang ich den Sieg bei Torgau. Dieses Lied flog mir voran in die glückselige Gegend, wohin ich bestimmt war. Ich sang den Bruder des Königs, den Prinzen Heinrich, der sich in Glogau befand; ich schien ganz Geist zu werden, aber ich bebte noch immer vor der Zukunft. Es war an meinem Geburtstage, als mitten unter den Danksagungen, die ich Gott opferte, ein Bedienter hereintrat und mir ein kleines Billet gab, geschrieben von der Frau Generalin v. Wreech; dieser Dame war ich Antwort schuldig geblieben, und sie ließ mich durch den Freiherrn v. Kottwitz daran erinnern. Ich kannte den Bruder dieses musterhaften Edelmanns, ihn aber nicht; er ließ mich zu sich rufen und sagte mir die Grüße der Generalin. Ich sollte ihm eins von meinen Gedichten sagen und wußte keins als »Klagen einer Witwe«. Sie gefielen ihm, er schenkte mir eine Tabatiere und reiste nach Breslau; ich war ganz Freude über das Geschenk und fand nach 3 Tagen ein Goldstück unter dem Tabak. In einer Art von Enthusiasmus setzte ich mich, sang das Gemälde der Dose und schrieb dem Baron, ohne zu wissen, was ihm der General ins Herz gegeben hatte. Er kam zurück, ließ mich holen und fragte, ob es mir gefiele, in seiner Equipage nach Berlin zu reisen; er wolle für mich und meine Kinder sorgen; er glaube, daß hier mein Genie unter Sorgen der Nahrung erstickt, und daß es in der großen berlinischen Welt mehr hervordringen werde. Ich erstaunte! Also erstaunte vormals einer von den Aposteln, als durch die eisernen Thüren des Kerkers ein glänzender Seraph sich schwang, seine Ketten anrührte, sie herabfallen machte und ihn folgen hieß. Ich glaubte in irgend einen schmeichelnden Traum gesunken zu sein; ich taumelte zu meinem kranken Freunde, dem Hofprediger Döbel, empfahl ihn dem helfenden Gott und mich seiner Freundschaft. Unter dem Glückwünschen aller meiner Freunde verließ ich Glogau und segnete noch die Häuser[16] Ziethen und Haack; sie schützten mich oft vor der Kälte des Winters. Jetzt empfand ich den Nordwind nicht. So wenig fühlten ihn die von Peter III. aus der sibirischen Wüste zurückgerufenen Verbannten; sie kehrten mit hüpfenden Herzen nach ihren lange verlassenen Wohnungen zurück, und die herabgeschüttelten Schneeflocken wurden zu Thautropfen für sie.

Quelle:
Zeitgenossen. Ein biographisches Magazin für die Geschichte unserer Zeit. Reihe 3, Band 3, Nr. 18, Leipzig 1831, S. 13-17.
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