Der Persische Prinz,

eine Erzählung, an Ihro Königliche Hoheit den Prinzen Heinrich von Preussen

Ben-Ha-Alim, ein Prinz erzogen an dem Thron,

Des grossen Perser Schachs, war seines Bruders Sohn,

Jung, lieblich, angenehm, und in dem ganzen Lande

Ein kleines Wunderwerk von keimendem Verstande.[307]

Ben-Ha-Alim gieng einst mit seinem Großvezier

Lustwandeln in breitschattigten Alleen.

Ein armer alter Mann blieb in der Ferne stehen;

Wie ich im schlechten Rock einst an der Kirchenthür

Versteckt, anbethen stand, und schüchtern neben mir

Vorbey sah reiche Leute gehen:

So niederblickend blieb der arme Perser stehen.

»Gegrüsset seyst du mir, o Greiß!

Dich seegne der Prophet, und Gott, der ihn gesendet!«

So spricht Ben-Ha-Alim zum alten Mann gewendet,

Der ihn mit nichts zu danken weiß,

Als nur mit einer stillen Zähre,

Die von der Wang herunter fließt.

Schon froh, daß ihn der Prinz gegrüßt,

Vergaß er, daß er nackt und daß er hungrig wäre;

Die Hände faltet er auf seinem Stab, und hebt

Das Auge zu dem Gott, der allem, was da lebt

Auf Erden, Speise giebt. Ach! spricht Ben-Ha-Alim,

Der arme Mann! er betet für mein Leben!

Ich wolt ihm ohne dies schon geben.[308]

Mein lieber Großvezier! vernimm,

Du gabst mir heute die Zechinen!

Sie sollten auf den Monath mir,

Zu meinen kleinen Kosten dienen;

Der alt gewordne Perser hier

Braucht Geld zu Rock und Brodt, er soll die Hälfte haben.

Der junge Prinz sprach so, und seine Finger gaben

Den halben Reichthum in die Hand

Des Mannes, der vor ihm als wie versteinert, stand!

Zu angenehm erschrack er vor so vielem Gelde.

Prinz! sprach der Großvezier, dich lohne der Prophet,

Dann dieser Greiß that jung auch tapfer in dem Felde;

Siehst du nicht, wie er hinken geht?

Und welche Narben auf den Wangen

Er von den Wunden hat, die ihm der Feind gemacht?

Sein Leben war ihm feil in mehr als einer Schlacht.

Die Hälfte gabst du ihm, doch hast du nicht bedacht

Wenn nun bald noch ein Armer käme?

O! sprach der allerliebste Sohn

Der frommen Menschlichkeit, Vezier! dann wüst ich schon[309]

Auch Rath dafür. Mitleidig nähme

Ich meines Reichthums Ueberrest,

Und theilt ihn mit dem Mann, den ganz das Glück verläßt.

Du lehrst mich ja, Vezier! man soll die Menschen lieben.

Ich wollt es thun, und stünde kein Geboth

Dazu im Alcoran geschrieben;

Tief rührte mich des armen Mannes Noth.

Heyl sey dir, guter Prinz! sprach der Vezier, und redte

Mit Freudenthränen mehr in seinem Angesicht,

Als Cicero hoch ausgerufen hätte

Zum Lob Ben-Ha-Alims. Sprich, Heinrich! Würde nicht

Dein ganzes Herz gewogen werden,

Dem Ha-Alim, von dem das Buch der Perser spricht?

Die Menschen-Liebe war sein größt Gesetz auf Erden.

Mich dünkt, du gleichest ihm an Herzen und Gebehrden!

Quelle:
Anna Louisa Karsch: Auserlesene Gedichte, Berlin 1764, S. 305-310.
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