Fünfter Akt

[516] Die ersten Szenen spielen vor einem Vorhang, der später sich öffnet und den Thronsaal des kaiserlichen Palastes in Peking zeigt.


KAISER der ehemalige Prinz Pao. Diktiere, Bruder Dichter, deine Verse, die Verse, die dir heute nacht zwischen Traum und Wachen eingefallen sind; ich will sie niederschreiben mit silberner Tusche auf Schwarz.

DICHTER. Improvisation des Kaisers für eine ferne Geliebte – schreib, Bruder Kaiser –


Blume

Frau,

Dem Kaiser ist ein Lächeln eingegraben,

Ewiges Lächeln, unvergänglich, seit er dich sah.

Die Jahreszeiten fliehen an dir vorüber

Auf jagenden Rossen –

Du bleibst dir gleich

Dir treu

Auf der Nordseite der Terrasse

Beugst du die jungfräulichen Brüste über das Blumengeländer

Eine Blume zwischen den Lippen.

KAISER schweigt, dann. Du sprichst aus meinem Herzen, Li. Kennst du die Frau, an die ich oft denke?

DICHTER. Ich kenne sie nicht, doch wird sie deiner würdig sein.

KAISER. Sie war Teehausmädchen in Nanking. Es ist ein Jahr her. Damals lebte der alte Kaiser noch, damals war ich noch der simple Prinz Pao, und mich hatte nicht das Los unter fünfzehn kaiserlichen Prinzen zum neuen Kaiser erwählt. Ich wollte einen Abend totschlagen, wie ich so viele meiner leeren Abende und Nächte totgeschlagen mit einem Mädchen, Reiswein, Gesang und Tanz in einem Teehaus. Ich ging in das erste beste am Weg. Ein weißer Vogel auf schwarzem Grund war sein Schild. Was für einen schönen, weißen Vogel traf ich im Käfig drinnen!

DICHTER. Ihr zwitschertet zu zweit im Wechselgesang –[516]

KAISER. Bis ein Habicht aus den Wolken stieß und mir den kleinen, weißen Vogel raubte.

DICHTER. Du verfolgtest den Räuber deines Glückes?

KAISER. Ich hatte kein Recht dazu.

DICHTER. Und fragt ein Liebender nach Recht und Macht?

KAISER. Vielleicht, daß ich zu wenig liebte?

DICHTER. Wer liebt, der stiehlt und mordet um sein Glück.

KAISER. Gerechtigkeit – so heißt des Kaisers oberstes Gesetz und aller Tugenden Tugend. Ich habe darum für heute alle Verbrecher, die in meinem Reich seit meiner Thronbesteigung zum Tode verurteilt wurden, samt ihren Richtern hierher in meinen Palast entboten, um Gerichtstag zu halten. Ich habe Frieden geschlossen mit den Feinden des Landes, den Tataren; mich dauerte das unnütz vergossene Blut. Vergossen um den Besitz einer dürren, unfruchtbaren, gleichgültigen Provinz an der Wüste Gobi. Ich trat sie leichten Herzens dem Feinde ab. Nun will ich gegen die inneren Feinde zu Felde ziehen. Der innere Feind aber ist vor allem – ein bestechliches Beamtentum. Ungetreue Richter, deren Seele vergeizt und verfilzt und deren Urteil käuflich ist wie Fische am Markt. Ich will den Unterdrückten meines Volkes helfen, ich will ihr Bruder, nicht ihr Richter sein. Mein Schatten aber genüge schon, den Bösewichtern Schrecken einzujagen. Die Lilie meines Wappens für die Guten, das Schwert darin für die Schurken. Auf den steinernen Tisch, in den die Gesetze eingegraben sind, habe ich das Zeichen »Im Namen des Gottes« eingraben lassen. Wer dieses Zeichen sieht, der sei von heiliger Scheu durchdrungen. Denn der Gott richtet durch meinen Mund.


Ein Zeremonienmeister tritt auf.


ZEREMONIENMEISTER. Untertänigst zu vermelden, Euer Majestät, es ist Zeit, sich zu der Sitzung umzukleiden.

KAISER. Ich komme. Begleite mich, Li. Setz mir die Krone auf. Aus wessen Händen nähme ich sie lieber, als aus den deinen. Ich will, daß unsere Freundschaft immer bestehe und du immer um mich seist. Ich werde dich zum Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften und Künste und zum Oberaufseher der Annalen und Staatsarchive ernennen. Du mußt die sonderbaren und hervorragenden Ereignisse meiner[517] Regierungszeit, der Nachwelt zum Denkmal, in Worte und Schriftzeichen fassen. Möge die Zeit meiner Regierung dir nur Anlaß zu guten Zeichen geben!

DICHTER. Ich danke dir: dem Menschen, dem Freund, dem Kaiser.


Alle drei ab. Es erscheinen Tschu-tschu, Tschao, Frau Ma, jetzt Frau Tschao, das Kind auf dem Arm.


TSCHAO. Warum bist du überhaupt mitgekommen? Deine Anwesenheit ist hier völlig deplaciert, um nicht zu sagen überflüssig.

FAWU MA. Kaum sind wir verheiratet, so hast du deine Maske der Ergebenheit und dienenden Liebe schon abgeworfen. Du gönnst mir auch keine Freude. Daß ich den Kaiser von Angesicht zu Angesicht sehen soll, das achtest du gering? Ich brenne danach, den Sohn des Himmels zu sehen.

TSCHAO. Er wird weniger nach dir brennen.

FAWU MA. Ist es wahr, daß die Krone ihm nach und nach auf dem Kopf festwächst? Daß seine Haare pures Silber werden und seine Fingernägel Perlmutter? Ist es wahr, daß der Blick seiner Augen töten kann, wen er will? Daß seine Augen blaue Saphire sind, und daß ihm die menschlichen bei der Thronbesteigung ausgestochen werden?

TSCHAO. Red keinen Unsinn, ungebildete, abergläubische Gans, und verhalte dich nur recht ruhig im Hintergrunde.

TSCHU. Ich muß ja sagen, daß mir nicht ganz wohl zumute ist, wenn ich daran denke, daß der Kaiser mit seinen Augen mich anblitzen wird. Er ist ein junger, tatkräftiger Herr. Er wird wie alle jungen Menschen reformsüchtig sein. Unter dem alten hatte unsereiner nichts zu befürchten. Er war so alt, daß er seine Augen selbständig gar nicht mehr aufhalten konnte. Bei Audienzen mußte man kleine Elfenbeinstäbchen zwischen die Lider stecken. Vor diesen Augen konnte man anstellen, was man wollte, sie entdeckten nichts. Aber der neue Herr – ich fühle einen leichten Schwindel im Kopf.

TSCHAO. Wenn Ihr Euch nicht zu beherrschen wißt, so könnt Ihr ihn leicht verlieren.

TSCHU. Den Schwindel? Das will ich hoffen!

TSCHAO. Den Kopf![518]

TSCHU. Nun, so fest wie der Eure sitzt er mir auch noch auf der Schulter.


Sie treten seitwärts. Der Vorhang hebt sich, und die Bühne stellt den Thronsaal dar. Im Hintergrund der Thronsessel des Kaisers. Trompetenstoß des Zeremonienmeisters. Alles fällt im Kotau nieder. Der Kaiser im Ornat schreitet langsam bis zum Thronsessel, auf dem er sich niederläßt.


KAISER.

Durch Gottes Gnade auf den Thron berufen,

Sandt ich in die Provinzen meines Reichs Stafetten,

Daß ich als erste Handlung meines Amts

Des Rechtes Banner hier errichten wollt –

Die goldene Fahne mit dem Drachen drin.

Es sollten Richter und Gerichtete

Vor meinem Thron erscheinen, Rechenschaft

Von sich und ihren Taten abzulegen.

Ich bin den Schmeicheleien unzugänglich,

Die Ohrenbläser blasen in die Luft.

Ich richte auch die Richter. Wer Beschwerde

Gegen sie hat, erhebe sie. Der gelbe Saal

Hat tausend Augen, alles zu durchschaun,

Und tausend Hände, die das Richtschwert schwingen.

Hier auf den Stufen meines Tribunales steht

Ti-sching gemalt: Sprich leise, handle leise, denke leise!

Ein jeder gehe mit sich selbst zu Rat,

Der hier das Wort ergreift. Im Park die Bäume

Sind kahl und ohne Blätter. Doch sie werden

Verbrecher, falsche Zeugen, falsche Richter

Als sonderbare Blüten tragen.


Zu Tschang-ling.


Du da,

Mit deinem Zopf an jenes Weib gebunden –

Soldaten, löst die Zöpfe – sage mir,

Warum bist du im Block, und was ist dein Verbrechen?

Was bleibst du stehn und fällst nicht in die Knie?

TSCHANG-LING.[519]

Gäb es Gerechtigkeit in diesem Land,

Ich stünde nicht im Block vor dir.

Wer so viel litt, wie ich, der kniet

Vor keinem Menschen mehr.

KAISER. Du wagst es, mich zu duzen?

TSCHANG-LING.

Ich stehe vor dem Tod – vor dir –

Und soll ich mir den Kopf da noch beschweren

Mit all den Riten, Du und Sie und Euch

Und Majestät?

Doch wenn's dich schmeichelt, daß

Ein Mann aus niederer Kaste,

Niederer Gesinnung,

Dich »Majestät« nennt, gut, es sei.

Ich beuge mich der Majestät des Todes.

KAISER. Der Richter.


Tschu: Kotau.


Was verbrach der Mann?

TSCHU. Er lästerte des Himmels Sohn, die geheiligte Majestät. Keine Strafe ist zu hoch für ihn. Er muß in hundertzwanzig Stücke zerschnitten werden und sein Kopf auf der Mauer aufgespießt werden, den Raben zum Fraß, den Untertanen zur Warnung, ihre Zunge besser im Zaum zu halten.

TSCHANG-LING. Das vollgefressene Schwein stinkt aus dem Maul. Die Lippe trieft vor Fett und Lügen.

KAISER. Er lästerte die Majestät – mit welchen Worten?

TSCHU. Er beschmutzte mit dem Unflat seiner Flüche den hohen Gerichtssaal von Tscheu-kong.

KAISER. Die Worte –

TSCHU. Untertänigst zu vermelden: – kaum wag ich, sie zu äußern; die Zähne weigern sich, sie freizulassen – der neue Kaiser wird auch nicht besser sein als der alte.

KAISER. Dies sagte er?

TSCHANG-LING. Und dieses noch dazu:


Wir Armen werden unter seinem Banner

Rechtlos am Straßenrand verrecken wie bisher.

Denn Recht hat nur, wer Macht hat, Geld, ein Amt.

Die Möglichkeit, den Richter zu bestechen[520]

Mit Talerchen, mit einer schönen Frau,

Der eigenen vielleicht, was tut's?

Der Kaiser sitzt in Peking auf dem Thron –

Peking ist weit – des Kaisers Sinn so tief

Mit hoher Politik beschäftigt. Recht?

In China gäb es Recht! Daß ich nicht lache!


Er weint.


TSCHU. Er ist ein Revolutionär. Ein Mitglied des Bundes vom weißen Lotos.

KAISER. Du weinst; weinst du um dein Geschick?

TSCHANG-LING. Ich wein um China.

KAISER.

Nehmt ihm den Halsblock ab! Er sei befreit!

Wer solche Tränen weint, ist kein Verbrecher.

Sie netzen

Die Blume seines Herzens

Wie Tau.

Daß er mich lästerte, verzeih ich ihm.

Er lästerte aus einem edlen Willen,

Die schlechte Welt zu bessern.

Uns eint das gleiche hohe Ziel. Komm, sei mein Freund,

Und hilf mir, meinen Dornenweg zu schreiten!

TSCHANG-LING.

Du bist in Wahrheit aller Himmel Sohn.

Ich küsse deines Sternenmantels Saum.

KAISER. Ich lese hier einen mir vom In Akten blätternd. Richter zu Tscheu-kong Tschu: Kotau. eingereichten Bericht. Es handelt sich darin um eine Frau zweiten Grades namens Tschang-Haitang.


Tschang-Haitang hebt den Blick, den sie bisher gesenkt gehalten. Kaiser und Haitang erkennen sich.


Diese Dame soll ihren Mann ermordet und sich aus Erbschaftsgründen des Kindes der ersten Frau haben bemächtigen wollen?

TSCHU. So ist es.

KAISER. Verbrecher dieser Art gehören in die zehn Kategorien, die mit dem Tode bestraft werden.


[521] Haitang in die Knie sinkend.


KAISER. Tschang-Haitang, ist es wahr, daß du deinen Mann vergiftet und der ersten Frau das ihr gehörige Kind geraubt hast, um die reiche Erbschaft antreten zu können?


Haitang schweigt.


TSCHAO. Eure Majestät ist ein Spiegel, der sie blendet ...

TSCHU. Eure Majestät ist die Sonne, die uns alle blendet.

KAISER. Tschang-Haitang, welchem Beruf gingest du nach, ehe du Herrn Ma heiratetest?

HAITANG.

Am Ufer hinter Weiden steht ein Haus,

Ein kleines Mädchen sieht zur Tür hinaus.

An der Voliere steht der Mandarin,

Ein kleiner Vogel singt und hüpft darin.

Verschließ den Käfig, hüte gut das Haus,

Sonst fliegt der Vogel in den Wald hinaus.

KAISER. Du warst ein Blumenmädchen?


Haitang nickt.


Wer waren die Besucher des Hauses hinter den Weiden?

HAITANG. Herr Ma holte mich aus dem Haus, den ersten Tag schon, den ich darin verbrachte.

KAISER. Hat niemand sonst dich dort besucht?

HAITANG. Ein junger Herr besuchte mich.

KAISER. Wer war der junge Herr?

HAITANG. Würd ich seinen jetzigen Namen nennen, er würde glauben, ich wollte, mein Schicksal zu erleichtern, ihm schmeicheln, um Linderung meiner Qualen betteln, Gnade vor Recht erflehen. Ich nenne seinen Namen nicht. Ich fordere Gerechtigkeit, sonst nichts.

KAISER. Und Liebe, würdest du nicht Liebe fordern, wenn du selber liebtest?

HAITANG. Ich liebe mein Kind.

KAISER. Die beschworenen Zeugenaussagen hier in den Akten besagen, daß das Kind, das du für dich in Anspruch nimmst, nicht dein Kind ist.


Haitang schweigt.


TSCHANG-LING. Die Zeugen sagten falsch aus. Sie sind bestochen von der ersten Frau.[522]

FAWU MA. Er lügt.

KAISER. Der Richter ist dazu bestellt, wahres und falsches Zeugnis zu scheiden.

TSCHANG-LING. Der Richter war bestochen wie die Zeugen –

TSCHU. Er lügt.

KAISER. Die erste Frau des Mandarinen Ma ist im Saal, wo ist sie?


Frau Ma tritt vor. Kotau.


Weib, sprich, wer ist die Mutter des Kindes, das du auf dem Arme trägst?

FAWU MA. Ich bin es, Majestät –

KAISER. Gut. – Zeremonienmeister!

ZEREMONIENMEISTER. Majestät –

KAISER. Nehmt ein Stück Kreide, zieht einen Kreis hier auf dem Boden vor meinem Thron, legt den Knaben in den Kreis.

ZEREMONIENMEISTER. Es ist geschehen.

KAISER.

Und nun, Ihr beiden Frauen

Versucht, den Knaben aus dem Kreis zu ziehen

Zu gleicher Zeit. Die eine packe ihn am linken,

Die andere am rechten Arm. Es ist gewiß,

Die rechte Mutter wird die rechte Kraft besitzen,

Den Knaben aus dem Kreis zu ziehn.


Die Frauen tun wie geheißen. Haitang faßt den Knaben nur sanft an, Frau Ma zieht ihn brutal zu sich hinüber.


Es ist augenscheinlich, daß diese Zu Haitang. nicht die Mutter sein kann. Sonst wäre es ihr wohl gelungen, den Knaben aus dem Kreis zu ziehen. Die Frauen sollen den Versuch wiederholen!


Wieder zieht Frau Ma den Knaben an sich.


Haitang, ich sehe, daß du nicht die mindeste Anstrengung machst, das Kind aus dem Kreis zu dir herüberzuziehen. Was bedeutet das?

HAITANG. Ich fürchte den Groll der Majestät. Sie sieht finster zu mir herab wie ein Wolf oder Tiger und wird mich verschlingen, wenn ich nicht gehorche. Allein ich vermag es nicht. Ich habe dieses Kind unter meinem Herzen getragen neun Monate.[523] Neun Monate hab ich mit ihm gelebt, neun Monate länger als andere Menschen. Ich habe alles Süße mit ihm genossen, alles Bittere mit ihm gelitten. Wenn er fror, wärmte ich seine Gliederchen. Seine Gelenke sind so zart und zerbrechlich, ich würde sie ihm ausdrehen, wenn ich meinerseits daran zerren wollte wie jene Frau. Die Arme des Kindes sind ja so zart und zerbrechlich wie Strohhalme, wie Hanfhalme. Wenn ich mein Kind nur dadurch bekommen kann, daß ich ihm die Arme ausreiße, so soll nur jene, die nie die Schmerzen einer Mutter um ihr Kind gespürt hat, es aus dem Kreis ziehen.

KAISER ist aufgestanden. Erkennt die ungeheure Macht, die in dem Kreidekreis beschlossen liegt! Jene Frau Zu Frau Ma. trachtete sich des gesamten Vermögens des Herrn Ma zu bemächtigen und raubte darum das Kind. Da nun die wahre Mutter erkannt ist, wird auch die wahre Mörderin zu finden sein. Ich lese in den Akten den Wortlaut des Schwures, den Frau Ma gesprochen. Frau Ma, wiederholen Sie den Schwur!

FAWU MA. Ich – schwöre – bei – den – Gebeinen – Gebrochen. meiner – Ahnen, daß die, die nicht die Mutter des Kindes ist – Herrn Ma vergiftet hat.

KAISER. Ihr schwurt den entsetzlichen Schwur, daß Ihr selbst die Mörderin des Herrn Ma seid –

FAWU MA. So – ist – es –

KAISER. So bekennt Ihr Euch des Mordes an Eurem Gatten schuldig?

FAWU MA. Ich – bekenne – mich – schuldig.

KAISER. Die Delinquentin in den Stock. Werft ihr die hölzerne Krause über.

FAWU MA. Doch hat mich jener angestiftet, der mich liebt.


Auf Tschao weisend.


TSCHAO winselnd. Ich angestiftet? Ich dich lieben? Herr der Himmel, hört dieses lügnerische Schandmaul! Ist ihr Gesicht nicht ein einziger Schminktopf, und laufen unter der Schminke nicht die Runzeln wie in einem herbstlichen Acker die Furchen?

FAWU MA. Und dennoch wolltest du dir einmal meinethalben[524] dein schmutziges Leben nehmen und sagtest mir einst, ich sei bezaubernd schön wie Kwanyin.

TSCHAO. Wie Kwanyin! Das ist wohl lange her! Und ich dich angestiftet? Wer hat die falschen Zeugen bestochen – die Hebamme, die zwei Kulis? Wer war gierig wie eine Elster nach Herrn Mas Vermögen? Ich bin nur ein kleiner, bescheidener Beamter. Wie hätte ich das Geld aufgebracht, den Nimmersatt Exzellenz Tschu, Oberrichter von Tscheu-kong, mit hundert Taels zu bestechen?

TSCHU. Ich hätte mich bestechen lassen, ich, der unbestechlichste Richter weit und breit?

KAISER. Ich vernehme von Ihrem sagenhaften Reichtum; ein unbestechlicher Beamter kann seinen Söhnen nicht Gold und Edelsteine hinterlassen.

TSCHAO. Drückt ich selbst Eurer Exzellenz dem goldgreifenden Tiger nicht den Beutel mit Gold in die Hand, den jene mir für Euch eingehändigt?

KAISER. Genug des unwürdigen Gekeifes und Gezänkes! Wie ein Rattenkönig seid Ihr miteinander verfilzt in Eurer Schuld.


Bindet sie mit den Zöpfen aneinander.

Und du, Haitang, der man so bitter Unrecht tat,

Das reinste Geschöpf, das diese Erde trug, verdächtigte,

Die man gerichtet ohne Grund und Recht –

Ich trete ab vom Richterstuhl und lege

Den Stab des Rechts in deine rechte Hand.

Sprich du das Urteil über diese drei

Aus deinem klaren Herzen, das

Klar wie ein Quell allein den Himmel spiegelt.

Ich hüte dir das Kind auf deinem Arm.

HAITANG vomThron.

Ich halte über Euch den Stab des Rechts –

Und breche ihn, weil ich nicht richten will.

Dem Menschen steht das Richteramt nicht zu,

Der selber Unrecht denkt und Unrecht tut!

Ich muß mich dessen wahrhaft schuldig sprechen.

Der da ließ sich bestechen –


Ließ ich mich nicht bestechen einst durch eines Jünglings Wesen?
[525]

Der fällte falsches Urteil –

Fällte ich nicht falsches Urteil über Ma?

Der zweite liebte. Seine Schuld war Liebe –

Hab ich und Ihr, hat jeder nicht

Aus Liebe schon gefehlt?

Die Dritte – daß sie mir mein Kind gestohlen.

Verzeih ich gerne ihr – stähl ich es selber doch,

Das reizende, das liebliche,

Säh ich's bei einer andern.

Daß sie den Gatten tötete,

Dies freilich ist entsetzlich,

Und ein Gefühl der Rache steigt in meine unbewehrte Brust.

KAISER.

Was diese drei dir angetan,

Du achtest es für nichts?

HAITANG. Wie darf der Richter Recht von sich aus sprechen? Das höchste Wesen sprech aus seinem Mund!


So sprech ich Tschu und Tschao des Richteramts verlustig –

Sonst sind sie frei und mögen gehen, wohin es ihnen gefällt.

Frau Ma, auch Ihr seid frei – doch freigesprochen nicht.

Gewiß besitzt Ihr noch von jenem Zucker,

Den Ihr Herrn Ma einst in den Tee geschüttet,

Geht – kocht Euch Tee – und sprecht Euch Euer Urteil selbst!


Tschao, Tschu und Frau Ma ab.


Tschang-ling, mein Bruder!

KAISER. Ich verleihe ihm den durch das Ausscheiden des Herrn Tschu erledigten Richterstuhl von Tscheu-kong.

TSCHANG-LING. Leb wohl! Des Lotos weiße Blüte wird immer über dir leuchten!


Ab. Die Seitenvorhänge fallen, die letzte Szene spielt wie die erste des fünften Aktes vor ihnen.


HAITANG. Mein Kind! Mein Kind! Mein Pantherköpfchen, mein Luchsäuglein, mein Hasenöhrchen, mein Aprikosenwängelein, mein Pfirsichärschlein! Trugst ein kleines Mützchen, hab ich selbst gestrickt, hab ich dreingestickt die acht Genien und den Gott des langen Lebens. Kleine Schellen klingeln an der Mütze, hör dich, kleiner Narr; dunkelrot ist dein Rock, grün dein Jäckchen, buntes Höschen wie ein Hahn, wie ein Pfau. Deine Schuhchen vorn sperren sich wie ein Tigerrachen –[526] ha! wie er nach mir schnappt, der böse Tigerschuh! Wie süß du duftest, wenn man dich küßt! Du hast auch einen schönen Namen bekommen: Li heißt du; das bedeutet Licht, Licht meines Lebens! Leuchte meiner Nacht! Drachensproß, Phönixsohn! Der Herr des südlichen und nördlichen Polarsternes verleihe dir ein langes Leben von neunundneunzig Jahren! Du wirst einst im hellen Glanz erstrahlen! Die Sonne wird sich beschämt verkriechen, und der Mond sich mit seinem goldenen Krummschnabel den Bauch aufschlitzen. Du aber wirst leuchtend auf dem Turm der azurnen Wolken stehen. Ich bin so froh und beglückt um dich. Ich danke dem höchsten Wesen, daß es mich erschaffen, den Eltern, daß sie mich erzogen, der Erde, daß sie mich ernährt hat.


Verborgenes ward durch Liebe offenbar.

Die Dunkelheit ward durch die Liebe klar.

Die Liebe macht die Lügner stumm.

Die Liebe bringt die Hoffart um.

Die Liebe brennt wie Sonn' so sehr,

Die Liebe rast wie Sturm im Meer,

Die Liebe bringt den Tod zu Fall.

Und Liebe, Liebe überall!

KAISER. Haitang –

HAITANG. Mein kaiserlicher Freund –

KAISER. Noch auf ein Wort, bevor ich dich entlasse.

HAITANG. Entlaßt Ihr mich? Verlaßt Ihr mich so bald?

KAISER. In jener Nacht, da Ma im Hause Tongs dich kaufte, du erinnerst dich?

HAITANG. Wie könnt' ich jene Nacht vergessen, da ich zum erstenmal Euch sah –

KAISER. Sag, was geschah in jener Nacht im Hause Mas?

HAITANG. Man brachte mich in ein Zimmer zu ebener Erde, dessen Schiebetüren nach dem Garten hinausgingen. Ich weinte, bat um Ruhe. Herr Ma ließ mich allein. Ich trat auf die Terrasse. Der Mond schien. Die Blumen dufteten. Im Park sprang ein Springbrunnen. Es war so drückend heiß, daß ich die Tür zum Garten offen ließ. Als ich mich niederlegte, da hatte ich einen wunderlichen Traum –

KAISER. Was träumtest du?[527]

HAITANG. Ich träumte, ich läge im Zimmer bei Ma, wo ich in der Tat auch lag, und es käme ein junger Herr durch den Park geschlichen, leise, wie der Panther schleicht. Er trat in mein Zimmer, setzte sich auf das Kang, auf dem ich lag, legte sich zu mir, liebte mich, umarmte mich wie ein Ehemann sein Eheweib.

KAISER. Wie kommt es, daß du diesen Traum so treu bewahrtest im Gedächtnis?

HAITANG. Ei, lieber Herr, ich träumte von Euch, daß Ihr zu mir gekommen. Und wenn ich recht bedenke, war im Traum ich herzlich froh, daß Ihr die Blume meines Parkes pflücktet.

KAISER. Dies alles träumtest du?

HAITANG. Ich träumt' es nur.

KAISER. Haitang, was du geträumt, es hat in Wahrheit sich begeben. Ich folgte dir in jener Nacht, stieg übern Bambuszaun, schlich in dein Schlafgemach, und derart schön erschienst du mir, daß ich entzündet wurde und meiner Sehnsucht und Begier nicht widerstand. Ich liebte dich, die Schlafende, die einmal nur im Schlafe leise seufzte. Kannst du verzeihen, was ich aus allzu großer Liebe gewagt?

HAITANG.

Verzeihen will ich dir, wenn du dies Kind

Als deins erkennst, denn also muß es sein.

Gezeugt hat es der Sturm, geboren hat's der Wind.

Sein Pate war der gelbe Mondenschein.

KAISER. Noch heut verkünd ich dich dem Volk als meine Gattin.

HAITANG hebt das Kind hoch.

Mein Mondkind! Mein Sonnenkind!

Mein Schmerzenskind! Mein Herzenskind!

Ich habe alles Leid auf mich genommen

Das je dich könnte überkommen.

Dir werden alle Glocken Freude läuten.

Dir werden alle Tage Glück bedeuten.

Gerechtigkeit, sie sei dein höchstes Ziel,

Denn also lehrt's des Kreidekreises Spiel.


Vorhang.


Quelle:
Klabund: Der himmlische Vagant. Köln 1968, S. 516-528.
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