Die Nebelkappe.

[411] Die Hannse kommen freilich, wie Ihr schon gelesen habt, gar häufig durch ihre Dummheit fort, aber allemal doch nicht, zumal dann nicht, wenn sie dabei hochmüthig sind. Ich denke immer, der Hochmuth schadet ihnen dann mehr, als die Dummheit. – Lasset es uns sehen.


Der Niklas (auch ein Hanns, wiewohl er Klas hieß) war schon in der Schule ein witziger Junge, der es im funfzehnten Jahre allbereits bis zum Buchstabiren gebracht hatte (versteht sich, daß der Schulmeister ordentlich nachhalf); und im Rechnen war er so weit, daß er die Zahl Zehn schon mit 01 schreiben konnte; im Schreiben aber war er so gelehrt, wie die großen Gelehrten, deren Handschrift kein Mensch lesen kann, und sie selbst zuweilen auch nicht, aber die größesten Gelehrten, wie gelehrt sie auch schreiben konnten, übertraf er hierin doch Alle zusammen, denn seine Handschrift war lauter Malerei mit Kreide und Kohle, an Wänden und Thüren.[412]

Das Wesen im Hause wollte ihm nicht schmecken, außer zur Mittagszeit, und nur im Winter, wenn die Schlachtzeit mit dem Wellfleisch und den Würsten kam, war er dabei. Mit dem Felde macht er sich auch eben nicht mehr zu schaffen, als daß er zuweilen ein Paar Metzen Kartoffeln ausnahm, um sie in der Asche zu rösten und zwischen den Mahlzeiten, nach dem Frühstück und dem Vesperbrot, nebenbei aus der Asche zu verzehren. Am liebsten war er im Walde, Vogelnester zu suchen und Brombeeren, Himbeeren, Erdbeeren, wilde Süßkirschen, Nüsse und Elsebeeren zu pflücken, und darnach zur Erholung unter einem Baum auf weichem Rasen zu schlummern.

Niklas kannte seine Gaben und wollte ganz hochgelahrt werden, daher verlangt es ihn immer nach Nürnberg, wo sie Alles hatten, und also auch hohe Gelahrtheit. Der Vater aber ließ ihn nicht hin und sagte ihm, er sei ein Brummochse. Da brummte Niklas denn wirklich, und dachte, der Vater verstehe den Henker davon!

Als der Vater gestorben war, sagt er, nun wolle er in die Stadt gehen, und recht weise und hochgelahrt werden, ehe acht Tage ins Land kämen, denn weil er den Verstand schon lang hätte, brauche er nur noch die Weisheit und Gelahrtheit. Die Verwandten laufen zusammen und wollen ihm steuern und wehren. »Geh nicht, Klas, sagen sie, du kommst dort übel an, denn in der Stadt sind sie pfiffig und schlau. – Bleib bei uns, Klas, – bleib, lieb Klasmännchen: du kommst, weiß der Himmel, schlecht an!«

»Wie Ihrs versteht! sagte Klas, ich bin wohl schlauer als die!«

Klas nahm sein Geld – wohl an dreißig Gülden, welches gar viel war in der damaligen Zeit. Er zieht die blaue Sonntagsjacke von Fries an, den rothen Brustlatz von Kalmank mit blanken zinnernen Knöpfen darunter, die grünen weiten Beinkleider von Rasch wurden angethan und mit Bandschleifen von weißem Zwirnband am Knie gebunden; die gelben Strümpfe mit grauen Zwickeln stehen[413] den wohlgenährten Waden recht schön; die Schuhe sind mit Fischthran wohl eingeschmiert und die Zinnschnallen darauf, die ihm doch nur sechs Kreutzer kosten, glänzen wie vom feinsten Silber. Er setzt den Achtgroschenhut auf, und steckt die zwei schönsten Sichelfedern darauf, die der Kikerihahn auf dem Hofe aus seinem Schwanze hatte hergeben müssen. Dann nimmt er den herrlichen großen, aus dem Walde geschnittenen Schlehdornenstock, dem er ringelweis die Schale abgeschält hatte, daß er weiß und dunkelgrau aussah, und nun, da Alles fertig ist, geht er nach der Stadt und hebt die Beine hoch und vornehm auf.

»Die sollen einmal das Maul aufsperren, die Leute in der Stadt, wenn ich hereinkomme,« denkt der Klas und hatte wahrhaftig recht gedacht, denn als er kam, sperrten sie es weit auf und sagten: »das ist ein Esel, ein dummer Dorfteufel!« Er aber hört nichts davon, und denkt, sie bewundern und loben ihn sehr.

Er geht in das Gasthaus zum grünen Esel, denn das Schild zog ihn sehr an, und er meinte, es sei das beste Gasthaus der Stadt. Das wars aber gar nicht, denn nur Lumpengesindel kehrte darin ein.

Er sieht sich in der Gaststube um und bewundert Alles in seinem Herzen, obwohl eben gar nichts Bewundernswerthes darin war, aber es war doch viel anders, als auf seinem Dorfe.

Da sitzen drei Lumpenhunde an einem Tische, mit abgeschabten Röcken und leeren Taschen und Magen, aber mit hochweisen Mienen. Die sehen es dem Niklas gleich an, weß Geistes Art und Gelahrtheit er ist. Sie waren überall das Land durchstrichen, hatten sich für hochweise, wohlerfahrne Leute ausgegeben, hatten Manchen hinters Licht geführt, und solche Menschenkinder, wie Niklas war, die hatten sie gleich weg. – Man nannte sie damals fahrende Schüler.[414]

»Setzt Euch zu uns, liebster Herr, sagten sie zu ihm, denn Ihr habt wohl auch viel erfahren und gesehen, wie wir, und seid wohl auch weit her.«

»Ja, weiß Gott, das bin ich, sagte Klas: bin fünf Stunden weit her, aus Kraks dort hinten vor, und habe unterwegs Alles gesehen.«

»Ei, das ist ein Vieles! sagten sie, – so rückt denn doch näher, damit wir Eurer angenehmen Gespräche um so leichter genießen.«

Er setzt sich zu ihnen hin und hört sie von den Wunderdingen erzählen, die sie da und dort gesehen, gehort und erfahren hätten, in Ländern mit wundersamen Namen.

»Das sind gewaltige Leute, denkt Klas, die sind noch weiter gewesen als du, und von solchen muß man schon etwas lernen.«

Da läßt er sich denn Braten und Fisch geben und Wein – Alles vom Besten, und bittet die Wundermänner mit ihm zu essen, damit er immer mehr von ihnen hören möchte. Darauf hatten die Wundermänner in der That es abgesehen, und wenn sie vorher so viel Maulwerk von ihren Fahrten machten, so wars gar nicht deshalb, weil sie das Maul schon abgefüttert hatten, damit es dafür auch ordentlich sprechen könnte, sondern sie ließen es erst sprechen, damit es sich das Futter dadurch verdiene. Das fand sich denn auch, wie sie es schlau hatten berechnet.

Der Niklas hatte sie gebeten, seine Gäste zu sein, und sie hatten es angenommen, aber bloß ihm zur Liebe, weil er so artig und gefallig sei, und so aufmerksam zuhorche und so verständig sei, was sie nicht überall gefunden hätten. Sie selbst brauchten sehr wenig, und lebten fast mehr von der Luft, als vom Essen; besonders aber lebten sie von der Weisheit.

Und nun erzählten sie aus dermaßen, daß der Klas das Essen vergaß, so ein großer Freund er auch davon war, und während sie so erzählten, langten sie in Gedanken da und dort zu, und Niklas[415] ließ neue Schüsseln und neue Weinflaschen kommen, so sehr gefiel ihm die Erzählung der Wundermänner, die ihn so hoch beehrten.

Weil sie ihm nun als einem grundverständigen Menschen so wohl wollten, erzählen sie ihm nicht blos von den Wunderdingen, die sie gesehen hätten, sondern auch von denen, welche sie besäßen. Die wären aber allesammt daheim, bis auf Eines, das sie immer nöthig hätten, weil sie überall zu lernen und Alles erfahren müßten. Das sei eine alte unscheinbare Nebelkappe von Leder, die kein Mensch zu einem Kreutzer bezahlen würde, der ihre Tugend nicht wisse, aber wer sie wisse, der gäbe ein Königreich dafür. Wer die auf den Kopf stülpe, werde unsichtbar und könne überall hin, ohne daß Jemand ihn merke. Es wären solcher Kappen nur zwei in der Welt, und wenn sie in schlechte Hände kämen, würden sie groß Unheil anrichten. Sie hätten dieselbe von dem großen Weisen Merlin in Schotenland bekommen. Die andere Kappe könne aber auch keiner erlangen als sie. Sie aber hätten sie nicht nöthig, so lang sie beisammen blieben.

Da bettelte Klas nun, weil es doch zwei solcher Kappen gäbe, und sie ihm so gut wären, sie möchten die eine ihm ablassen – und er wolle den besten Gebrauch davon machen!

Da sieht ihm einer der fahrenden Weisen lang und ernst ins Gesicht und spricht dann zu dem andern: »Der junge Mann ist sehr weise und gut! Seid Ihr es zufrieden, so will ich ihm die Kappe geben. Ich denke, sie soll in gute Hände gerathen! – Ihr kennt die Bedingung, unter der wir sie ihm hingeben dürfen.«

Die Andern besannen sich lange im tiefsinnigen Schweigen. Dann sprachen sie zu dem Ersten: »Gib ihm die Kappe; er ist ja weise und gut. Aber gib sie ihm unter bewußten den Bedingungen.«

»Nimm sie denn hin, sagte der Erste zum Niklas sehr ernst und feierlich. Nie mache zum Hehlen und Stehlen falschen Gebrauch[416] davon, sondern nur zum Lernen und Schauen! Darauf gib Wort und Handschlag vor Gott dem Allwissenden! – Wir haben Eil und müssen fort.«

Er gab hurtig Wort und Handschlag und war tiefgerührt.

»Du mußt aber, hieß es weiter, zwanzig Gülden für die Koppe zahlen, denn du weißt ja, das 10 mal 2 zwanzig macht und fünfmal genommen Hundert ist. Du siehst also hierauf schon ein, da wir die Nebelkappe eben so hoch haben dem Merlin vergüten müssen, daß wir sie dir nicht wohlfeiler ablassen dürfen, und daß du sie auch keinem Menschenkinde weder um mehr, noch um weniger ablassen darfst, und verschenken darfst du sie gar nicht, selbst nicht deinem Sohne, wenn du einen hättest. – Wir hoffen, du begreifst das?«

»Gott ja! ich begreife es, und ich dank Euch gar schön und viel tausendmal, sagte der Klas, und zahlte die Gülden. Die Weisen aber drückten ihm die Hand, sprachen, er solle gut bleiben und die Kappe nicht mißbrauchen, und machten sich fort.«

Sinnend und schweigend hatte der Klas gesessen, als die Weisen schon lange fort waren. – »Na! denkt er, nachdem er sich ein wenig von dem Wundern erholt hatte, so will ich doch die Nebelkappe ein Bißchen aufsetzen und sehen, wie man sie gebrauchen muß, und will ein wenig unsichtbar in der Stadt herumschlenderiren.« Da setzt er denn seine Kappe auf und den Hut darüber, nimmt den schönen Stock in seine Hand und will sich in Nürnberg Alles besehen. Den Wirth wollt' er bezahlen, wenn er wieder käme.

Aber der Wirth hatte hinter dem Ofen im Winkel gesessen, und als der Niklas in der Nebelkappe davon wollte, denkt er, der will ihm entwischen, packt denselben bei dem Kragen und spricht: »Freundchen, Hundekerl, Dorfteufel – bezahle erst, Patron, so ist es hier Sitte!«[417]

Da spricht der Niklas: »Was lärmt Ihr denn so? Sehen könnt Ihr mich ja doch nicht, denn ich habe die Nebelkappe auf.«

»Ich will dich schon kappen, du Kappnarr, du Hollunke«, sagt der Wirth; pufft ihn mit seinen Fäusten und sagt: »nun siehst doch, daß ich dich sehe, du Fratz?« – und läßt sich acht Gülden bezahlen.

Da sahe der arme Niklas, daß er nicht unsichtbar war, und kam mit etwa zwei Gulden trübselig nach dem Dorfe, woher er gekommen war.

Ach! sie gaben ihm dort viel lächerliche und garstige Schimpfnahmen, als sie die Geschichte erfuhren, und Niklas war hoch betrübt.

Wohl würde er sich getröstet haben, hätte er nur gewußt, daß es hohen und weisen Männern zuweilen auch nicht anders ergeht, denn daß sie verlacht und verspottet werden, blos weil sie die Kappe aufhaben, anfangs auch eine Nebelkappe, dann eine andere.[418]


Quelle:
Johann Andreas Christian Löhr: Das Buch der Maehrchen für Kindheit und Jugend, nebst etzlichen Schnaken und Schnurren, anmuthig und lehrhaftig [1–]2. Band 2, Leipzig [ca. 1819/20].
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