Der Heidhauer

[245] Ein Gluttag in die Heidmark zieht;

Noch sind vom Tau die Büsche naß,

Noch liegt es silbern auf dem Ried,

Noch sind die Grillen stumm im Gras.


Da schanzt er schon im braunen Feld,

Macht Platz dem Korn im Ödeland;

Mit seinen harten Händen hält

Den Twickenstiel er fest umspannt.


Es blitzt das Eisen in der Luft,

Die Plagge reißt es knirschend fort;

Der Heideerde saurer Duft

Steigt auf von dem geschälten Ort.


Ein jeder Ruck, ein jeder Schlag

Ein Stückchen Land, ein Stückchen Brot,

Ein Schritt mehr hin zum Licht und Tag,

Ein Schritt mehr fort aus Nacht und Not.


Die Sonne steigt, die Luft wird heiß,

Kein Lüftchen um die Birken bebt;

Des Mannes Blondhaar näßt der Schweiß,

Am Rückenstrang das Hemd ihm klebt.


Die Sonne sticht, die Lerche schweigt,

Aus blauer Luft der Bussard schreit;

Und rundumher und weit und breit

Die Grille ihren Singsang geigt.


Die Sonne brennt, die Sonne sengt,

Es kocht und loht das ganze Land;

Zum Schatten er die Schritte lenkt,

Die Twicke legt er aus der Hand.
[245]

Ein Rangen Brot, ein dünner Trank,

Des Maserkopfes blauer Rauch;

Dann macht er seinen Rücken lang

Am krüppligen Machangelstrauch.


Der Maserkopf hat ausgeschwelt,

Die Unterstunde ist vorbei;

Des Mannes Arm ist neu gestählt,

Von Müdigkeit sein Rücken frei.


Den Rücken krumm, die Beine breit,

So scharwerkt stramm er weiter weg;

Reißt in das braune Heidekleid

Aufs neue wieder Fleck um Fleck.


Und jeder Fleck ein Stückchen Land,

Ein Stückchen Feld, ein Stückchen Grün;

Hellgrüner Saaten lichtes Band

Sieht er aus braunem Unland blühn.


Buchweizen bollwerkt später hier

Und süßer Klee, so rot wie Blut;

Goldner Lupinen schwere Zier

Und grünen Leines blaue Flut.


Obstbäume trägt des Baches Rand

Und Wiesen, bunt von buntem Vieh;

Drum auf und ab mit harter Hand,

Mit krummem Rücken, krummem Knie.


Drum Plagg und Plagge fest heraus,

Mit jedem Hieb, mit jedem Riß

Verläßt die Schuldenlast das Haus,

Verblaßt der Sorge Finsternis.


Am Wege mülmt es gelb und dicht,

Der Schäfer treibt die Schnucken ein;

Der Mann im Heidfeld achtet's nicht,

Sein Tagewerk muß länger sein.


Die Heidelerche wieder singt,

Der Regenpfeifer ruft im Moor;

Und von dem Torfstich quarrend klingt

Der Frösche breiter Abendchor.
[246]

Die Sonne sinkt, die Luft geht kühl,

Der heiße Tag ist bald vorbei,

Schon treibt die Fledermaus ihr Spiel,

Schon gellt der Eule Jammerschrei.


Daheim wohl wartet schon sein Weib;

Er legt die Twicke aus der Hand

Und knöpft um seinen nassen Leib

Den alten Rock aus Beiderwand.


Sein Blick noch einmal überfliegt

Die Rodung, die er heut' geschafft,

Und was noch brach und öde liegt

Und wartet seiner Fäuste Kraft.


Dann schreitet still er durch den Sand,

Durch Heid' und Moor, so schwarz und tot;

Der Abendschein am Himmelsrand,

Ihm leuchtet er wie Morgenrot.

Quelle:
Hermann Löns: Sämtliche Werke, Band 1, Leipzig 1924, S. 245-247.
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