Die blaue Flamme

[263] Im Bornbusch wohnt eine Nachtigall,

Die singt im Jahr ein einziges Mal,

Singt nur in einer Sommernacht,

Und was sie singt, ist Leid und Qual.
[263]

Die Bäume, die im Bornbusch stehn,

Ihr Flüstern ist wie Todeswehn,

Ihre Zweige kreischen gellend,

Wenn nachts die Winde wehn.


Die Blume, die im Bornbusch blüht,

Das ist ein bitterböses Kraut;

Ihre Blätter sind mit Blut besprengt,

Ihre Blüten mit Gift und Galle getränkt

Und mit kaltem Schweiß betaut.


Der Bach, der aus dem Bornbusch quillt,

Ist klar wie Glas und kalt wie Eis;

Kein Fisch in seinen Fluten lebt,

Kein Vogel an seinem Ufer schwebt,

Sein Grund ist leichenlakenweiß.


Der Weiher, in dem der Bach ertrinkt,

Ist uferlos und ohne Grund;

Blutrote Blumen ihn umblühn,

Blutfäden seine Flut durchziehn,

Es stöhnt bei Nacht sein Mund.


An dem Bach steht ein Machangelbaum,

Oben schwarz und unten grau;

Da liegt die Otter und sammelt Gift,

Da fällt nicht Regen noch Tau.


Seine Zweige strecken wie Finger sich,

Sein Stamm ist verrenkt und verdreht;

Kein Vogel baut sein Nest hinein,

Der Mensch, der dort vorübergeht,

Dem fällt nur Trauriges ein.


Im Bornbusch singt die Nachtigall

Blutrotes heißes Herzeleid,

Singt blasse kalte Todesangst

Und graue Hoffnungslosigkeit.


Der Himmel ist so tief und tot,

Zwei Sterne stehen darin;

Der eine ist rot wie Liebesglühn,

Der andere ist wie Gift so grün,

Er hat einen bösen Sinn.
[264]

Glühwürmer schweben langsam hin,

Wie Perlen aufgereiht;

Sie schweben still und feierlich,

Heben sich und senken sich,

Vergehn in Dunkelheit.


Ein Schimmel trabt von der Heide her,

Der ist so weiß wie der Schnee;

Sein Zaumzeug ist mit Gold benäht,

Vom Halsbug purpurn Bandwerk weht,

Der Sattel ist rot wie der Klee.


Der Nachtigall Lied zerspringt wie Glas,

Der Bäume Geflüster verhallt;

Aus der Heide kommt ein hohler Ruf,

Ist fern und nah, ist hier und da,

Ist schwach und voller Gewalt.


Er ist voll Angst und ist voll Stolz,

Ist Leben und ist Tod,

Es ist ein Ruf voll Mut und Lust

Und ist ein Schrei der Not.


Die Nebelfrauen schauern auf

Und fallen tot in das Moos;

Der Bornbusch schluchzt und trägt das Wort,

Das die Heide rief, zu dem Weiher fort,

Der öffnet den schwarzen Schoß.


Eine Flamme schlägt daraus hervor,

So kalt und blaß und blau;

Sie dreht und wiegt und windet sich,

Und flackert wild und feierlich;

Unter ihr gefriert der Tau.


Es glimmt kein Halm, es glüht kein Holz,

Wo die blaue Flamme geht,

Es kohlt kein Moos, es schwelt kein Gras,

Wo die taube Flamme steht.


Die blaue Flamme tanzt und springt,

Die Flamme lacht und singt;

Aus der Heide kommt ein ferner Ruf,

Der wie ein Stöhnen klingt.
[265]

Er ist wie eines Helden Schrei,

Den arge List verdarb,

Er ist wie eines Mannes Fluch,

Der an falscher Liebe starb.


An tauber, kalter Liebe starb,

An der sein Herz zerfror,

Der Weg und Steg und Ziel vergaß

Und sich im Sumpf verlor.


Ein Hornruf hallt vom Bornbusch her,

Ein Hund voll Freuden bellt,

Der Schimmel in die Kniee sinkt,

Den Hals er gebogen hält.


Es klirrt wie Brückenkettenklang,

Eine eiserne Pforte kracht,

Es schallt ein goldner Jubelruf,

Eine silberne Stimme lacht.


Es weht wie weißes Schleiertuch,

Es wallt und weht und winkt;

Der Schimmel auf die Brücke tritt,

Die Brücke klirrt und klingt.


Die blaue Flamme tanzt und springt,

Sie tanzt wohl her und hin;

Sie lacht mit ihrem roten Mund,

Ihre Arme sind so weiß und rund,

Ihre Haare sind wie blankes Gold,

Ihre Augen leuchten wunderhold;

Grüne Punkte sind darin.


Der rote Stern vom Himmel fällt,

Grün lacht es hinter ihm her;

Der Stern, so rot wie Liebesglühn,

Zerspringt und ist nicht mehr.


Die blaue Flamme tanzt heran;

Es lacht ihr roter Mund,

Es glüht ihr langes, goldnes Haar,

Es blitzt und blinkt ihr Augenpaar,

Ihre Arme sind weiß und rund.
[266]

Ein schwarzes Schweigen schwebt herab,

Es klirrt ein heller Schrei;

Ein Stöhnen webt, ein Schluchzen bebt,

Es bricht ein Herz entzwei.


Vom Bornbusch kommt ein weher Ruf,

Ein Ruf aus Angst und Not,

Am Himmel lacht der grüne Stern,

Der rote Stern ist tot.


Vom Morgen weht ein harter Wind,

Die blaue Flamme verlischt,

Der schwarze Weiher seufzt und stöhnt,

Ein kaltes Herz zerzischt.


Im fernen Dorfe kräht der Hahn,

Ein heller Schein erglüht;

Am Himmel lacht der grüne Stern,

Bis daß sein Licht zersprüht.


Die Sonne auf dem Walde steht,

Die Luft wird lind und lau:

Es blitzt in dem Machangelbusch

Wie Spinnegewebe im Tau.


Die Spinne webt dort nie ihr Netz,

Der Tau fällt nie dahin;

Es ist ein Stück vom Schleiertuch

Der armen Herzogin.

Quelle:
Hermann Löns: Sämtliche Werke, Band 1, Leipzig 1924, S. 263-267.
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