Heidgespenster

[260] In Blüte steht der Honigbaum; ein süßer Duft geht durch das Land,

Über der Heide Rosenrot blauseiden sich der Himmel spannt,

Zahllose blaue Falter weh'n lustig dahin im Tändeltanz,

Die Birken an der weißen Straße haben hellen Silberglanz.


Ein Mensch wankt unter ihnen her, Fuselröte im Gesicht,

Die Heidepracht, das Himmelsblau, den Sonnenschein, er sieht es nicht;

Er murmelt unwirsch vor sich hin: »Kein Geld, kein Schnaps, zu dumm, zu dumm!«

Mit langem Arm nach seiner Stirn hinfingert das Delirium.


Er sieht die Heide himmelblau und sieht den Himmel heiderot,

Von jedem weißen Birkenstamm entgegen ein Gesicht ihm droht,[260]

Ein weiß' Gesicht, ein tot' Gesicht, entsetzensbleich und voller Qual,

Ein Hals so weiß und schlank und jung mit einem breiten roten Mal.


Was klingt heran wie Hufgeklapp? Was blitzt und funkelt hell und grell?

Halt, der Gensdarm! In das Gebüsch mit jähem Sprunge hastet schnell

Der Vagabund; und wie der Wind den Klang der Hufe näher bringt,

Besinnungslos er in des Bruches dunkelgrünen Schatten dringt.


Ist das hier kühl, ist das hier schön! Da führt ein Weg den Bach entlang;

Wenn nur das Wasser schweigen wollt! aus seinem Rauschen tönt ein Klang,

Wie Weinen, oder wie ein Schrei, ein Wimmern voller Angst und Qual,

Und da ist wieder das Gesicht, und auch das breite rote Mal.


Aufstöhnend stürzt der Stromer hin; das weiße Totenangesicht

Ist wieder da mit bösem Blick, der bis ins tiefste Herz ihm sticht;

Es schwebt heran und starrt ihn an; er richtet hastig sich empor

Und schlägt den Weg zur Linken ein, und der führt auf das hohe Moor.


Das Moor ist weit, das Moor ist breit; verlassen ist es, tot und leer,

Nur eine weiße Weihe zieht, wie ein Gespenst darüber her;

Doch dort am Graben steht ein Mann! Der Stromer wendet rechter Hand,

Ausweichend dem Machangelbusch in seines Wahnes Fieberbrand.


Wo ist der Weg? Hier ist kein Weg; hier ist nur Moor und nichts als Moor!

Bei jedem Tritt, bei jedem Schritt gurgelt das Wasser braun hervor.[261]

Der Weg, der Weg, wo ist der Weg, wo mag er sein? Er blickt rundum

Und flüstert angstvoll vor sich hin: »Kein Geld, kein Schnaps; zu dumm, zu dumm.«


Der Schnaps, der Schnaps war schuld daran! Es war ein Tag, wie dieser Tag;

Es war im Moor, das Abendrot blutrot auf allen Gräben lag;

Ein Kiebitzpaar nur Zeuge war; die Kiebitze sind wieder da;

Es ist, es ist dasselbe Moor, auf dem einst jene Tat geschah.


Dasselbe Moor, dieselbe Zeit, dasselbe rote Abendrot;

Derselbe weiße Wetterkopf, der hinten an dem Himmel droht;

Derselbe spitze Kirchenturm über des fernen Waldes Rand;

Dasselbe Wetterleuchten, wie es damals hinter dem Moore stand.


Und dort das weiße Angesicht, so jung, so freundlich und so rein,

Beleuchtet von der Abendsonne allerletztem Widerschein;

»O Gott, o Gott, der Schnaps war schuld!« Er sieht sich zähneklappernd um;

Der Durst, der Durst, die Angst, die Angst: »Kein Geld, kein Schnaps, zu dumm, zu dumm.«


Und hätt' ihn der Gensdarm gefaßt, und schleppte er ihn vor Gericht,

Und käm die Untat auch zu Tag; das schadet nicht, schadet nicht;

Lieber das Beil, das blanke Beil, das wäre eine kurze Pein,

Doch nur nicht um die Uhlenflucht alleine hier im Moore sein.


Das Herz, das Herz, das dumme Herz, und das Gesicht, ja, das Gesicht!

Von allen Seiten kommt es an und geht mit ihm in das Gericht;

Allüberall sieht es ihn an mit Augen angsterfüllt und rund

Und ruft und stöhnt ihm heiser zu: Du Hund, du gottverfluchter Hund!
[262]

Er sieht sich um; er steht in Blut und über ihm ist rotes Blut,

Und in ihm Blut und nichts als Blut und Todesangst und Höllenglut.

Das Blut, das Blut, das rote Blut, es hämmert wild, jetzt steht es still;

Über das rote tote Moor geht ein entsetzliches Gebrüll.


Bis Mitternacht klingt hohl und dumpf es in die hohe Geest hinein;

Der Jäger, der vom Anstand kommt, bleibt stehn und horcht: »Was mag das sein?«

Der alte Jagdaufseher meint: »Ein Vogel ist es, hierzuland

Moorochs genannt, gelbbunt gefärbt und mit dem Reiher dicht verwandt.«


Der Bauer, der am andern Tag zu seinem Immenschauer geht,

Der sieht, wie dort das Krähenvolk umschichtig auf und niederweht;

Er tritt hinzu und prallt zurück; da liegt ein toter Vagabund,

Die Augen auf und schauerlich verzerrt den blutgefüllten Mund.


»Ein Vagabund, ein Schnapsgesicht; der liegt am besten, wo er liegt.«

Der Bauer geht: das Krähenvolk von neuem auf und niederfliegt.

Über das rosenrote Moor blauseiden sich der Himmel spannt,

In Blüte steht der Honigbaum, ein süßer Duft geht durch das Land.

Quelle:
Hermann Löns: Sämtliche Werke, Band 1, Leipzig 1924, S. 260-263.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Mein blaues Buch
Mein blaues Buch. Balladen
Mein blaues Buch: balladen (German Edition)

Buchempfehlung

Jean Paul

Flegeljahre. Eine Biographie

Flegeljahre. Eine Biographie

Ein reicher Mann aus Haßlau hat sein verklausuliertes Testament mit aberwitzigen Auflagen für die Erben versehen. Mindestens eine Träne muss dem Verstorbenen nachgeweint werden, gemeinsame Wohnung soll bezogen werden und so unterschiedliche Berufe wie der des Klavierstimmers, Gärtner und Pfarrers müssen erfolgreich ausgeübt werden, bevor die Erben an den begehrten Nachlass kommen.

386 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon