80. [622] Pythagoras kan wilde Thiere mit Worten zwingen.

Man findet hin und wieder bey bewährten Scribenten /insonderheit aber beym Platone viel von des Pythagoræ hohem Verstande / Weißheit und Gelehrsamkeit. Aber ich zweiffele nicht / er müsse ein Zauberer gewesen seyn / wann es anderst nicht erdichtet ist /was man von ihm erzehlet / und hiernechst folget.

[622] Pythagoras war einmal zu Sommerszeit von Tarent ungefehr ausgespatziret / und traff im Felde einen Kühhirten an / welcher das Vieh weidete: Unter demselben war ein Ochs / welcher in die grüne Saat lieff /und grossen Schaden darinn that: Da sprach Pythagoras zum Hirten: Lieber / stehe auff / und hüte des Viehes / damit nicht durch deinen Unfleiß andern Leuten Schaden zugefügt werde / vielmehr gebiet dem Ochsen des Korns zuschonen. Der ungeschickte vierschrötige Tölpel verlachte den guten Pythagoram hönisch / und kützelte sich / als hätte er ein Hufeisen gefunden / sprechende: Er hätte die Kunst nicht gelernet mit unvernünfftigen Thieren zu reden / seine Sprache verstünden die Ochsen nicht / er sehe ihn (den Pythagoram) aber für einen Schulmeister an / darum / wann ers könte / solte er nur das Verbot in seinem Namen thun / und den Schaden verhüten. Pythagoras tritt hierauff zum Ochsen / und murmelte ihm etwas ins Ohr: Darauf gehorchte das Thier so bald / verließ die niedliche Speise / und kehrete wiederum zu seiner Gesellschafft.

Auff eine andere Zeit sahe eben dieser Pythagoras einen starcken Adler in der Lufft fliegen / sprach nur wenig Worte / da ließ sich der Adler mit einem sanfften Flug zu ihm herunter auff die Erden / und satzte sich bey ihm / ließ sich angreiffen und betasten.

Ein andermal kam eine grimmige Wölffin herzu gelauffen / für welcher sich iederman furchte und flohe: Pythagoras aber griff sie ohne Furcht und unerschrockē an / führete sie mit sich in sein Hauß / und da er sie eine Zeitlang beherberget hatte / hieß er sie wieder in ihre Freyheit lauffen / doch mit diesem ernstlichen Befehl / daß sie herfüro keinem Menschen oder Vieh Schaden zufügen[623] solte / welchem dieses Thier auch ist gehorsam gewesen / sintemal die Erfahrung bezeuget hat / daß es sich hernach offtmals unter den Menschen hat finden lassen / und doch niemals iemand verletzet.


Plinius im 10. Buch seiner natürlichen Geschichte im 49. Cap. hat zwar des Democriti Artzney auffgezeichnet /dadurch man der Vögel Gesänge auslegen / und mit ihnen reden kan: Aber das ist Fabelwerck. Thiere zu verstehen / oder von ihnen verstanden werden / wann sie nicht zu etlichen Worten durch Länge der Zeit gewohnt werden / ist nicht natürlich / sondern kömmt von Teuffel her.

Quelle:
Lauremberg, Peter: Neue und vermehrte Acerra philologica, Das ist: Sieben Hundert auserlesene, nützliche, lustige und denckwürdige Historien und Discursen, aus den berühmtesten griechischen und lateinischen Scribenten zusammengetragen [...], Frankfurt am Main, Leipzig, 1717, S. 622-624.
Lizenz:
Kategorien: