An eine Freundin

[325] Dichterherzen können segnen,

Wen sie lieben; fremd und rauh

Meinem Herzen zu begegnen,

Hüte dich, du schöne Frau.


Eine Sage läßt dich grüßen,

So ich im Gebirg vernahm,

Als ich einst vor Wettergüssen

Flüchtend in ein Hüttlein kam:


In den tiefsten Einsamkeiten,

Zwischen Felsen, ruht ein See;[325]

Dem entstieg ein Geist vor Zeiten,

Kam den Menschen in die Näh.


Kam ins Dorf, erschien beim Feste,

Brachte Segen in das Haus,

Und es blickten Wirt und Gäste

Oft gar sehnlich nach ihm aus.


Plötzlich stand er unter ihnen,

Trug ein dunkles Mönchsgewand,

Und der Mann mit ernsten Mienen

Freud an ihrer Freude fand.


Gerne weilt' er eine Stunde,

Nickte und verlor sich sacht

In den See, zum stillen Grunde

Taucht' er heim um Mitternacht.


Glücklich ward die Braut gepriesen,

Wenn er kam und ihr zum Tanz

Brachte von verborgnen Wiesen

Fremder Blumen einen Kranz.


Wohlgeruch durchquoll das Zimmer,

Schöner blühte dann die Braut,

Ward im gleichen Jugendschimmer

Viele Jahre noch geschaut.


Mutter ward sie guter Kinder,

Haus und Feld gedieh; bis spät

Sie der Tod, ein leiser, linder,

Überraschte beim Gebet.


Einst mit rauher Ungebühre

Sprach ihm eines was zuleid;

Traurig schwieg er, und zur Türe

Schwand der Saum von seinem Kleid.[326]


Und sie sahn vom Ufer nieder,

Riefen, klagten je und je;

Doch es kam der Geist nie wieder,

Blieb in seinem tiefen See.

Quelle:
Nikolaus Lenau: Sämtliche Werke und Briefe. Band 1, Leipzig und Frankfurt a.M. 1970, S. 325-327.
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