Zweiter Teil

[313] Als Albertine ihren Vater und ihre Geschwister, die sie begleitet hatten, aus dem Gesicht zu verlieren und von lauter fremden und unbekannten Gegenständen sich umgeben zu fühlen anfing, verdoppelte sich die Angst ihres Herzens und folglich auch die Tränengüsse, in welchen diese sich von ihrer frühesten Jugend an Luft zu machen pflegte. Da es ihr nun itzt, besonders wegen des Abschieds von den Ihrigen, an keinem Vorwand fehlte, beschloß sie, der unbeantworteten bekümmerten Fragen ihres Mannes ungeachtet, sie wolle sich einmal recht satt weinen.

Sie kamen nach einer starken Tagereise vor den Toren ihres Dorfes an. An dem Heck stand der Schulz des Dorfs mit entblößtem Haupte, nebst einigen der Angesehensten aus der Gemeine: »Wir haben schon seit Sonnenuntergang auf Sie gewartet, Herr Pfarrer«, sagten sie. »Tausend Glück und Segen zu Ihrer Veränderung!« Mannheim schüttelte jedem von ihnen die Hand, ohne daß er zu antworten imstande war. Sie sahen ihm die innere Bewegung seines Herzens auf dem Gesichte wohl an und begleiteten ihn mit entblößten Häuptern bis vor die Tür seiner Pfarrwohnung. Dieser Anblick war ein wehendes Abendlüftchen für das ermattete Herz unserer Albertine. Sie hoben sie beim Heraussteigen aus dem Wagen; ihre Freundlichkeit schlug in dem Augenblick, als die rauhen Kerle sie sahen, einen monarchischen Thron in ihrer aller Herzen auf; sie nötigte sie herein, sagte ihrer alten Haushälterin, die sie vor sich fand, sie möchte ihnen allen ein Abendessen machen. Das wäre alles schon bestellt, versetzte jene. Nur drei aus der Gesellschaft nahmen die Einladung der jungen Frau Pastorin an und baten sie, zu ihrem nicht geringen Erstaunen, mit ihnen vorliebzunehmen.[313] Die Gemeine hätte sich die Freiheit genommen, ihren lieben Herrn Pfarrer Mannheim bei einer so außerordentlichen Gelegenheit zu bewirten. »Hier ist mein Assoziierter«, rief Mannheim, der eben mit dem vierten Gast, den er mit Gewalt beim Fortgehen noch von dem Hoftor zurückgeschleppt, in die Stube trat, »diesem wackern Mann, liebe Frau, haben wir alle Ordnung zu danken, die du in unsern Zimmern finden wirst.« In der Tat hatte er während der Abwesenheit des Pfarrers noch verschiedene Zimmer überweißen und die Decke des Hauptsaals, den der Pfarrer, sowie den ganzen neuen Flügel der Pfarrerwohnung, auf seine Kosten angelegt, von neuem gipsen lassen und ihm überdem ein Dutzend sauberer, neuer Stühle hineingestellt. Der gute Mann wußte nicht, daß sich Mannheim aus der Stadt Tapeten mitgebracht. Einige andere Möbeln, die Albertine in die Haushaltung mitbekam, trugen nicht wenig zur Verschönerung des Ganzen bei, und das väterliche Silberzeug und Teeservice ließen sie in den ersten Tagen ihrer neuen Einrichtung noch immer in dem freundlichen Wahn, sie sei in dem Hause ihres Vaters.

Die Abendmahlzeit war eine der feierlichsten, die jemals in dem Dorf gehalten worden. Kaum hatten sie eine Viertelstunde am Tisch gesessen, so kam eine große Prozession von Knaben und Mädchen, alle mit Wachslichtern in den Händen, in den Hof eingezogen, stellte sich unters Fenster und brachte der jungen Frau Pastorin eine förmliche Serenade mit den Musikanten, die im Dorf waren, wozu einige der besten Stimmen von ihnen von dem Schulmeister dazu verfertigte Stanzen sangen. Es ward Wein hinausgeschickt; der Schulmeister kam herein und brachte im Namen der ganzen Gesellschaft die Gesundheit des Herrn Pfarrers und der Frau Pastorin aus, wozu die draußen Stehenden mit einem herzlichen Hoch! einstimmten. So beschloß dieser erste Abend und wiegte unser junges Paar auf den Flügeln der Liebe ihrer Gemeine zu einer erquickenden Ruhe ein, die sie wegen der Reise und den mancherlei Abwechselungen so nötig hatten.

Der zweite Tag schien sich ein wenig zu bewölken. Itzt mußten[314] Besuche abgestattet werden, und zwar zuerst bei dem Herrn des Dorfes. Mannheim ließ sich bei ihm zum Nachmittage melden; er schickte zurück und lud sie zum Mittagessen ein. Nun hatte die Höflichkeit des gnädigen Herrn, der ohnedem eine Zeitlang in französischen Diensten gestanden war, noch eine besondere Springfeder, die war, daß Mannheim mit ihm im Handel wegen einer seiner Zehnten stund, mit deren Einfoderung er, weil er die Kniffe der Bauern nicht kannte, viele Mühe hatte. Die Dame aber und das Fräulein und sein Bruder, welcher bei ihm wohnte, nebst einem weiblosen Vetter, die alle nicht aus Deutschland gekommen waren, hatten noch alle das Rauhe, Herbe und Ungenießbare des Adelsstolzes, der eben dadurch, weil er seinen Rang anderen fühlen läßt, alle Hochachtung, die sein Rang Vernünftigen einflößen würde, zu Boden schlägt und den gerechten Stolz aller edlen Menschen wider sich empört, die ihm in jedem Augenblick die große Wahrheit zurückzufühlen geben: Kein Mensch kann dafür, wie er geboren ist.

Diese Art Leute beraubt sich aller wahren Schätze und Vorzüge des Lebens. Ihre Verachtung wird von denen mit ihnen grenzenden Ständen mit Verachtung erwidert, und weil sie vor ihren Obern nach ihrem angenommenen Grundsatz wieder kriechen müssen, so sind sie eigentlich die Allerverachtetsten unter allen Menschenkindern. Rechnet man dazu die Leerheit in der Seele, die dieses ewige Aufblähen ihrer selbst verursacht, so wird man ihren Zustand, anstatt ihn zu beneiden, in der Tat eher zu bedauern versucht werden.

Auf der andern Seite gibt es einen Stolz der niedern Stände, der ebenso unerträglich ist. Das heißt, wenn sie einen gewissen Trotz, der zu nichts führt, als alle Verhältnisse, die unter Menschen eingerichtet sind, einzureißen, für die notwendigste Eigenschaft eines braven Menschen halten, der sich, wie sie sagen, nicht unterdrücken läßt. Sie bedenken nicht, daß eben dieser Stoß in die Rechte der andern einen Gegenstoß veranlaßt, der gerade das macht, was sie Unterdrückung nennen und am Ende die traurige Spalte zwischen den beiden Ständen, ich meine[315] dem Adel und dem edlen Bürger zurückläßt, die einander doch so unentbehrlich sind.

Wenn jeder Teil dem andern voraus hinlegte, was ihm gehört, würde jeder Teil auch seinerseits sich zu bescheiden wissen, nicht mehr zu fodern und lieber aus Großmut etwas von seinen Rechten fahrenzulassen, die ihm der andere aus eben dieser Großmut mit Zinsen wieder bezahlte.

Der gnädige Herr empfing unsern Pfarrer nebst seiner Frau im Speisesaal; die gnädige Frau nebst dem Fräulein ließen sich nicht eher als nach ein Uhr sehen, da sie sich denn, nach einem kurzen Kompliment von weitem, an ihre Plätze setzten und überhaupt taten, als ob sie der Besuch nicht anginge. Der gnädige Herr, der ein munterer Mann war, setzte die Frau Pfarrerin zu sich; Pfarrer Mannheim ging und nahm ungebeten seinen Platz zwischen der gnädigen Frau und dem Fräulein, deren Antlitz sich mit Blut übergoß, weil eben dieser Platz dem Vetter vom Hause bestimmt war. Sie geruhten wenig über Tisch zu sprechen, aßen desto mehr, richteten das Gespräch aber immer an den Herrn Onkel und Herrn Vetter, die wenig zu antworten wußten. Pfarrer Mannheim mischte sich in alles mit seiner Beredsamkeit und Weltkenntnis und hatte bei jedem dritten Wort eine Gans auf der Zunge. Das Wort Gans schlug so oft an die Ohren der gnädigen Frau, daß sie in ihrem Innersten eine dunkle beklemmende Ahndung zu spüren anfing, daß diese öftere Wiederholung ein und desselben Worts kein bloßes Werk des Zufalls sein dürfte, und wie denn kein Unglück und keine Furcht allein geht, gesellte sich auch zu dieser ihrer Furcht eine noch viel alpmäßig drückendere, es möchten andere in der Gesellschaft ebendieselbe tolle Ahndung haben können; kurz, sie ward so geschmeidig und freundlich gegen ihren Beisitzer, den Pfarrer Mannheim, daß es einem Zuschauer, der von ungefähr dazugekommen wäre, das Werk eines halben Wunders geschienen haben müßte. Sobald sie einlenkte, ward Pfarrer Mannheim auch artiger und gab ihr auf eine feine Art zu verstehen, daß man einem vernünftigen Mann es durchaus von selbst zutrauen müßte, daß er gegen das, was Wohlstand und Verhältnisse[316] erfoderten, nicht verstoßen werde, daß man ihn aber eben dadurch, daß man dächte, er könne dies und jenes bei andern Gelegenheiten mißbrauchen, in die Notwendigkeit setzte, falls er nicht ein Pinsel wäre, sich bei allen möglichen Gelegenheiten mehr herauszunehmen, als er sollte. »Und überhaupt«, sagte er, »gibt das einen peinlichen Umgang, wenn man in Gesellschaften nichts weiter zu tun hat, als auf seiner Hut zu sein, dem andern nicht zuviel einzuräumen.«

»Ja, wenn der andere ein vernünftiger Mann ist«, sagte der Onkel mit einem sehr gnädigen Blick.

»Von dem rede ich nur«, sagte der Pfarrer. »Sie trinken heute nachmittag den Kaffee im Garten mit uns«, sagte die gnädige Frau. »Haben Sie de ›Almanach der Grazien‹ gelesen?« fragte das Fräulein.

Die Fragen kamen so unmittelbar aufeinander, daß er sie nicht anders als mit einem ehrerbietigen Bückling und einem feinen Lächeln am Munde beantworten konnte. Er sagte, wollte den Nachmittag die Gnade haben, der gnädigen Frau und dem gnädigen Fräulein einige Zeichnungen von seinen Reisen in der Schweiz zu weisen, worunter besonders die Gegenden des Pays-de-Vaud wären, die Rousseau in seiner »Heloise« so meisterhaft geschildert.

»Oh, Sie sind ein allerliebster Mann«, sagte das Fräulein.

Die Tafel ward aufgehoben. Nun war der Damm eingerissen, der bisher die Konversation gehemmet; alles floß in Geselligkeit und Scherz und – Vertraulichkeit zusammen.

Eine harte Prüfung stand ihnen noch bevor. Als sie alle zusammen in Eintracht in der großen Sommerlaube im Garten um den Kaffeetisch saßen und die schmeichelnden Frühlingslüfte den Erzählungen Mannheims von der französischen Schweiz einen geheimen Zauber gaben, der ihn mit Einstimmung aller zum Haupthelden auf der Szene machte – führte das Glück oder Unglück, ganz wie aus den Wolken gefallen, einen nicht eben allzu reichen Edelmann aus der Hauptstadt nebst seiner Frau Gemahlin herbei, der eigentlich dort nur die sehr mäßigen Zinsen seines Kapitals verzehrte, auf dem Lande aber überall[317] sich das Ansehen gab, als ob er einen außerordentlichen Einfluß am Hofe und besonders auf den Landesherrn habe, der ihn weiter nicht als Figuranten in der Antichambre zu kennen das Glück hatte. Diese Erscheinung war wie ein Hagelwetter nach einem Sonnenschein; alle Gesichter fielen in ihre angeborene Karikatur zurück, und Öde und Leere, wie ehmals im Chaos, herrschte nun in der Gesellschaft. Pfarrer Mannheim hielt es nicht für nötig, mit seinem Weiblein davonzuschleichen, so sehr ihm die Augen aller Anwesenden es zu raten schienen; er faßte gleich beim Eintritt des Fremden seinen Stuhl an, damit ihm dieser nicht etwa im Hurli Burli genommen werden könnte, war aber übrigens ungemein ehrerbietig und zurückgezogen bei den ersten Komplimenten. Kaum hatten der Fremde und der Hausherr sich gesetzt, so nahm er und seine Frau ihren alten Platz ein, so daß wahrhaftig für das gnädige Fräulein und den Herrn Vetter kein Stuhl mehr übrigblieb und sie genötigt waren, den Bedienten unverzüglich nach einem zu schicken. »Das ist der berühmte wunderbare Herr Pfarrer Mannheim«, sagte der Hausherr, um diese Reibung der Gesellschaft zu maskieren, »der aus seinen Bauern Edelleute und aus seiner Kirche eine Akademie der ökonomischen Wissenschaften machen will.«

Diese hohe Ankündigung sollte auf einer Seite dem neuen Gast alle Befremdung, einen Prediger in dieser Gesellschaft zu finden, ersparen, auf der andern dem Pfarrer Mannheim auf eine sehr subtile Art eine Erinnerung geben.

Der Höfling, dessen Augen ohnehin immer zusammengezogen waren, tat, als ob er den Pfarrer Mannheim nicht sähe.

»Es ist mir wenigstens schmeichelhaft, gnädiger Herr«, sagte der Pfarrer Mannheim, »daß unser Landesfürst mich durch ein eignes gnädiges Handschreiben seines Beifalls versichert hat.«

Es war, als ob er eine Rakete unter die Leute geworfen; alle Augen waren auf ihn gerichtet.

Unterdessen kamen die Stühle für das Fräulein und den Herrn Vetter an.

»Und ich hoffe, daß nächstens«, fuhr er fort, »auf meinen untertänigsten Vorschlag in Ansehung der Austeilung der[318] neuen Kopfsteuer, wie mir Seine Exzellenz der Präsident von der Kammer versichert haben, eine eigene Kommission von seiten der Kammer und eine andere von seiten unsers Oberamts niedergesetzt werden soll, um die eingeschlichenen Mißbräuche zu heben, die den Landmann so sehr beeinträchtigen als die landesfürstliche Kasse.«

»Das wäre in der Tat sehr nötig«, sagte der Herr vom Hause.

Der Höfling maß ihn mit seinen Augen, welches der Pfarrer Mannheim erwiderte.

Auf ihrer Seite tat Albertine alles mögliche, um das Fräulein zu besänftigen, die wegen des Vorfalls mit den Stühlen und wegen ihrer Entfernung von der neuangekommenen Hofdame sich noch gar nicht erholen konnte. Sie sprach mit ihr von einigen neuen Kopfzeugen, die sie aus ihrer Vaterstadt mitgebracht und von denen sie ihr das Muster schicken wollte. Das Fräulein nickte mit dem Kopf und lächelte, daß man geglaubt hätte, sie weinte. »Das, was die gnädige Frau aufhaben«, fuhr Albertine sehr laut fort, »ist eben keins von den neuesten.« Die Hofdame schlug die Augen fest vor sich nieder. »Indessen«, sagte Albertine weiter, um sie zu trösten, »ist es nach meinem Auge von unendlich mehrerem Geschmack als die neueste Art mit den fatalen Fledermäusen und dem Gesimse auf dem Kopf.« Der Höfling wandte sein Auge bei diesen Worten, die mit einiger Laune ausgesprochen wurden, mitten in dem tiefsinnigsten Gespräch mit dem Herrn vom Hause auf die Frau Pastorin.

Der Pfarrer Mannheim, der schon wieder als Insel dasaß und wohl merkte, daß das tiefsinnige Gespräch der beiden Herren auf nichts herumdrehte, als daß beide etwas leise gegeneinander die Lippen rührten, ohne daß einer von den Worten des andern das geringste verstund – fuhr mit einer neuen Rakete zwischen ihnen drein.

»Ich muß mich sehr wundern«, sagte er und richtete sich gerade an den Herrn vom Hofe, der ihm schon durch das allgemeine Gerücht bekannt war, »daß die meisten Herren von Adel ihre Kapitalien hiesigen Kaufleuten anvertrauen, wo sie doch so unsicher stehen, und sich nicht nach Holland wenden,[319] das wir so nahe haben und wo ich durch sichere Briefe weiß, daß die Konkurrenz bei gegenwärtigem Kriege viel größer ist.«

»Wie meinten Sie das«, fragte der Herr vom Hofe und rückte seinen Stuhl näher –

Pfarrer Mannheim tat, als ob er diese Frage nicht hörte, sondern stand in dem nämlichen Moment vor der gnädigen Frau, von der er sich mit einem sehr tiefen Bückling beurlaubte, alsdann seine Frau an die Hand nahm und sie denen Herren zum Abschied präsentierte, die außerordentlich höflich waren. Der Herr Vetter, der den Augenblick in den besten Humor von der Welt kam, bat sich die Erlaubnis aus, sie nach Hause zu begleiten; Pfarrer Mannheim verbat sich's, weil vermutlich sein Kutscher auf ihn wartete; der junge Herr hob sie also in den Wagen, und so endigte sich dieser Besuch.

»Wir wollen ihn einmal besuchen«, sagte der Herr vom Hause, als er fort war. »Der Mann gefällt mir besser als die Frau«, sagte die Hofdame. »Mir auch«, widerhallte das Fräulein. Der Vetter, der zurückgekommen war, lächelte wie einer, der vergnügt ist, ohne zu wissen, warum. Alles ging wieder in betäubende Stille über.

Als sie nach Hause gekommen waren, bat Albertine ihren Mann sehr ernstlich, daß sie doch heute keine Visite mehr machen wollten. Er bestand aber drauf, den Abend bei seinem Assoziierten zu essen, welches auch geschah. Beide kamen merklich vergnügter von dort nach Hause, als sie beim Mittagessen gewesen waren. Denn da waren sie die streitende Kirche, hier aber die triumphierende, und sie verbreiteten durch ihre Freundlichkeit und Gesprächigkeit so viel Freude bei diesem wackern Bürger, dessen Haushaltung gewiß mit so vielem Geschmack eingerichtet war, als die Haushaltung des wohlhäbigsten Kaufmanns in der Stadt es nur immer sein kann, daß er ihnen gern sein Herz aus dem Leibe vorgesetzt hätte.

Albertine, welche ihren Mann inständigst bat, sie soviel möglich aller sogenannten Staatsvisiten zu überheben, fing nun an, das Bedürfnis nach Gesellschaft, das heißt einer Gesellschaft,[320] die ihr nach Herz und Sitten gleich gestimmt war, ziemlich lebhaft zu spüren. Sie wollte es ihrem Manne anfangs nicht sogleich gestehen, aber alle ihre geheimsten Korrespondenzen nach Hause waren voll davon. Der Mann hatte sein Amt; er hatte vor allen Dingen seine wirtschaftlichen Angelegenheiten, die ihn oft den ganzen Tag foderten, so daß er nur wenige Abendstunden der Erholung in dem Schoße seines Weibes widmen konnte; sein eigen Herz flüsterte es ihm gar bald zu, daß seine Frau unmöglich den ganzen Tag allein bleiben könnte; er traf also insgeheim Verfügungen, und eben als er an einem Nachmittage seiner Frau, die einen Augenblick in den Garten gegangen war, ihren Salat zu besehen, ein Briefchen aus ihrem offenen Schreibpult stahl, in dem sie mit folgenden Worten ihr Herz gegen eine Freundin erleichtert:

»Den besten Freund meines Lebens an meiner Seite, in einem Hause, wo es mir an nichts fehlt und jeder meiner Wünsche mir durch die Sorgfalt meines Mannheims entgegeneilt, fehlt mir doch immer noch ein Herz, das mein Glück, selbst das Glück, so geliebt zu sein, als ich bin, mit mir teilt, sich mit mir freut, wenn ich närrisch bin, mit mir das Maul hängt, wenn der Himmel trübe ist: liebes Liesgen, das bist Du – –«

Man stelle sich vor, wie unserm Weiblein zumut ward, als sie über ein Krautbeet sich emporhob, einen Wagen im Hofe rasseln hörte, unter ihrem Sonnenhütchen heraussah und in dem Augenblick sich von den Armen ebendesselben Liesgens umschlungen fühlte, an welche sie den obigen Brief unvollendet gelassen. Ihn mit dem offenen Briefe in der Hand die Treppe hinunterstürzen, sie mit ihrem lieben Liesgen an der Hand, als ob es von ungefähr geschehen, ihm entgegenfliegen – und hernach aus diesem süßen Traum mit der Empfindung aufwachen zu sehen, daß er ihr von ihrem Mannheim zu rechter Zeit geschickt war – überlasse ich dem teilnehmenden Herzen meiner Leser und Leserinnen, sich selber abzuschildern.

Das Bedürfnis seiner Frau war befriedigt; aber nachdem dieses kleine Trio eine Zeitlang gedauert, fühlte er, daß sich für sein Herz ein ähnliches anhub. Er sann also ein Befriedigungsmittel[321] aus, das ich mich nicht enthalten kann zum Besten des Ganzen allgemein bekannter zu machen, besonders, da ich es nur, als ein sehr schlecht gekritzeltes Kupferblatt, von einem Originalgemälde kopiert habe, das zu allgemein bekannt und verehrt ist, als daß es meines Lobes bedürfte. Es ist das große Gemälde deiner Haushaltung, mein S–, das ich vor Augen habe und von dem ich gern Modelle für alle möglichen Klassen von Menschen vermannigfaltigen möchte.

Er wußte, welch eine unangenehme Epoche im menschlichen Leben der Übergang vom Jünglingsalter zu männlichern Geschäften macht und wie nötig jungen Leuten, die von der Akademie kommen oder sonst in dem Vorbereitungsstande zu wichtigern Geschäften stehen, ein Hafen sei, in welchem sie ihr Schiff takeln, kalfatern und segelfertig machen können, ehe sie es wagen dürfen, es vom Stapel abzulassen. Er machte also seine Spekulationen auf diese Vorbereitungsjahre edler Jünglinge, die nicht durch Kriechen oder Sich-an-Schürzen-Hängen, sondern durch das Bewußtsein innrer Kräfte, in Ämter oder zu Künsten aufgenommen zu werden strebten, und öffnete ihnen, sobald er diesen Funken in ihnen entdeckte, sein Haus ohne Ausnahme, gegen keine andere Entschädigung, als daß sie einige Stunden von ihren täglichen Beschäftigungen zu dem Umgange mit ihm und seinem Hause abbrächen, der ihnen in allen Rücksichten nicht anders als höchst vorteilhaft sein konnte. Hier hatte er eine beständige Unterhaltung für seinen Geist und sein Herz und schuf sich eine Menge Freunde von so mannigfaltigem Charakter, Talenten und äußeren Beziehungen, daß es eine wahre Weide für seine Seele war, sie mit all ihren Eigenheiten und auszeichnenden Bestimmungen in ruhigen Stunden vor seiner Einbildung vorbeigehen zu lassen, und der Stoff zur Unterredung mit den Seinigen niemals fehlen konnte. Alle diese verschiedenen Menschen breiteten sich nachher bald hie bald dorthin aus, und das edelste Gefühl im Menschen, das unter allen am letzten unterdrückt werden kann, die Erkenntlichkeit, die sie von ihm mitnahmen, machte, daß sie, wenn sie in bessere Verfassungen gekommen waren, seiner weder in Briefen noch in Aufträgen,[322] die er an sie hatte, jemals vergessen konnten, wodurch denn seine Korrespondenz und sein Wirkungskreis einer der angesehensten im Königreich war.

So ward sein Haus in gewisser Art eine Akademie der Künste und Wissenschaften, weil sich Künstler und Gelehrte zu ihm flüchteten. Er hatte dabei keine weitere Unkosten, als daß er ein paar Zimmer in seinem Hause für sie zurichten ließ und denen, welche mäßig waren, wie es echte Künstler und Gelehrte immer sind, mittags und abends eine Serviette mehr hinlegen ließ, welches in einer Haushaltung auf dem Lande kaum merklich wird. Vom Tee und Kaffee und Tabak war in seinem Hause niemals die Rede, wohl aber von Obst und Früchten, wie es die Jahreszeit mit sich brachte.

Vielleicht wird es einige meine Leser interessieren, zu erfahren, wie Albertine ihrem Manne den Rauchtabak und er ihr zur Dankbarkeit den Kaffee abgewöhnt. Albertine hatte ihm einigemal gesagt, daß sein Zimmer übel röche und daß sich der Geruch in seine Kleider zöge; er spottete ihrer falschen Delikatesse, nahm seine Tabaksdose, sie zu quälen, auf ihr Zimmer und rauchte ihr beim Vorlesen den ganzen Abend vor. Sie ließ es hingehen. Einen Monat mochte vom Tabak gar nicht wieder die Rede gewesen sein, als er auf einmal an einem Morgen seinen kleinen Johannes, das erste und nun schon zweijährige Söhnchen, das sie ihm geschenkt hatte, mit einer langen tönernen Pfeife im Munde gewahr ward. »Frau«, sagte er, indem er rot ward und dem Kleinen nicht ohne Widerstand die Pfeife aus den Händen nahm, »das Spielwerk taugt nichts für Kinder.« Die Frau verbiß ein geheimes Lächeln und sah emsig auf ihre Arbeit. Er kam den Abend wieder mit seiner Pfeife auf ihre Stube; den Morgen fand er seinen kleinen Jungen wieder in der nämlichen Stellung. »Was ist denn das mit der Pfeife?« sagte er und konnte sich nicht enthalten zu lachen und zugleich noch röter zu werden. »Kann ich's ihm abgewöhnen«, sagte sie mit der größten Sanftmut, »wenn er dich alle Abend rauchen sieht? Du weißt, wie die Kinder sind; alles, was die Alten tun, macht ihnen Freude.« – »Und wer hat ihm die Pfeife gekauft?« fragte[323] Mannheim und versteckte seinen Kopf an ihrer Brust; hier fand sie es für gut, ihm aus dem Stegereif eine kleine Gardinenpredigt über das Rauchen, sobald es Gewohnheit wird, zu halten. »Es ist eine Kette«, sagte sie, »an der du ziehst, die dir alle deine übrigen Vergnügungen verdirbt, darum nur, darum habe ich was dagegen einzuwenden. Du bist nirgends ruhig, wenn dich nicht die Pfeife begleitet, und du magst es dir verhehlen, wie du willst, es bleibt immer eine kleine Unreinlichkeit. Ich habe einen Menschen gekannt, der sich parfümierte, wenn er geraucht hatte, und er kam mir geradeso vor wie ein Schinken, den man aus dem Rauch nimmt und eine Sauce von Zitronen dran macht. Überlassen wir das Rauchen den Unglücklichen, die keine andere Freude haben, den Walfischfängern in Grönland oder den Negern in Zuckerplantagen, die ein Opium brauchen, um sich gegen ihr Elend zu betäuben, aber du, im Schoße des Glücks, in meinem Schoße« – hier faßte sie ihn mit unaussprechlicher Schmeichelei unter das Kinn. Er ging trotzig fort. Den Abend ward Pfeife und Tabak in den Ofen geworfen, und den Morgen ließ er sein Studierzimmer von neuem ausweißen und flüchtete in das Zimmer seiner Frau.

Nach langer Zeit ward er inne, daß seine Frau es mit dem Kaffee hielt wie er mit dem Rauchtabak. Ihr war nicht wohl, wenn sie des Morgens ihren Kaffee nicht genommen, und sehr oft überfiel er sie mit ihrem Liesgen auch des Nachmittags am Kaffeetisch, wo sie einander wie wahre Stadtweiber, die Schale in der Hand, mit den Neuigkeiten ihrer Korrespondenzen unterhielten. Sobald sein Weib oder ihr Liesgen übles Humors war, ward es hernach zur Gewohnheit, daß zweimal Kaffee getrunken werden mußte. Er wollte beide einmal auf die Probe setzen und las ihnen bei Tisch einen erdichteten Brief vom Präsidenten vor (mit dem er wirklich korrespondierte), in welchem dieser ihm meldete, es würde nächstens eine landesfürstliche Verordnung bekanntgemacht werden, worin allen Privatpersonen ohne Ausnahme der Gebrauch des Kaffees bei schweren Geldstrafen untersagt werden würde, dafern sie sich nicht eine unmittelbare Erlaubnis vom Landesherrn, durch[324] Bezahlung einer dazu ausgesetzten Geldsumme, auswirkten. Seine Frau und Liesgen sahen einander an; beide suchten die verschiedenen Empfindungen, die diese Neuigkeit in ihnen veranlaßte, jede auf ihre Art zu verbergen, endlich konnte sich Liesgen nicht länger halten und brach aus: »Werden Sie uns diese Erlaubnis denn kaufen?« Mannheim lächelte. »Du würdst wohl ohne Kaffee nicht leben können, aber ich hoffe, was meiner Frau gut ist, wird dir auch recht sein.« Hierauf setzte er ein sehr ernsthaftes Gespräch mit einem seiner jungen Freunde fort. Als er vom Essen aufstand und sie küssen wollte, stürzten zwei unbändige Tränen, die sie mit aller ihrer Mühe und Kraft beim Essen zurückgehalten hatte, ganz wider ihren Willen und Absicht von den Wangen der armen Albertine den mutwilligen Lippen Mannheims entgegen, die sie wollüstig aufschlürften. »Und so weinst du denn, meine liebe Frau«, sagte er laut und triumphierend, »und meinst, der Kaffee sei keine Kette, kein Opium, das dich für alle andere Vergnügungen taub und ungestimmt macht. Wenn haben unsre Vorfahren Kaffee getrunken, die doch auch ihre Freude hatten, und herzlicher als wir. Trinken wir den Kaffee wie sie, als etwas Außerordentliches, als etwas, das alle Jahre einmal kommt und bloß etwas zu lachen gibt, gewöhnen wir unsere Nerven aber nicht an ein Opiat, das viel feiner und reizender und eben deswegen auch viel schädlicher ist als der Tabak und das Opium selber. Der Kaffee ist in der Tat nur eine galante Unreinlichkeit, und ich bin versichert, daß der saubere Porzellan, in den wir ihn fassen, das meiste und vielleicht das einzige zu seinem Wohlgeschmack beiträgt. Können wir aber nicht ebensowohl von porzellanenen Kredenztellern Obst und andere Sachen essen, die unsern Nerven nichts schaden und uns nicht zur schädlichen Gewohnheit werden?« Albertine ließ sich diesen Nachmittag einige Pfirsiche heraufbringen, und wenn Fremde zu ihr kamen, setzte sie ihnen Wein, eingemachte Sachen und Obst vor, wobei die Munterkeit und das Scherzen und das Hüpfen und die Pfänderspiele und das Tanzen und das Jauchzen viel allgemeiner wurden. Des Morgens war ihr Frühstück ein Äpfelkuchen oder[325] ein Butterbrot oder sonst etwas, wovon ihnen nur ein Gelüste durch den Kopf zog, nie aber banden sie sich an etwas, und sie schämten sich hernach nicht wenig, als ihnen Mannheim sagte, das Verbot vom Kaffee sei nur eine Erfindung von ihm gewesen. Mannheim aber und seine Gäste frühstückten, nachdem es der Phantasie der Frauenzimmer beliebte.

Tausend Veränderungen, tausend drollige Szenen jagten einander in diesem glücklichen Hause, welche durch die Erfindungskraft der Frauenzimmer sowohl als der jungen Fremden, die Mannheim herbergte, entstanden. Bald ward eine Komödie gespielt, bald eine Wallfahrt in die benachbarten Gebirge angestellt, bald eine allgemeine Verkleidung in Bauern und Bäuerinnen vorgenommen, die denn zur Heumachenszeit auf den Wiesen von Johannes Mannheim et Compagnie die nötigen Arbeiten meisterlich verrichteten, im Grünen ihre kalte Milch aßen und dergleichen. Oder es wurden im Winter Schlittenfahrten angestellt, wobei Johannes Mannheim seine erste Deklaration1 oft wiederspielte und sich dafür von der ganzen Gesellschaft weidlich auslachen ließ. Das größte Vergnügen hatten sie bei der Ernte, wo sie sich unter Schnitter und Schnitterinnen mischten und mit ihnen hernach die Mahlzeit aßen.

Nach und nach fing der Wurm der Begierde, öffentlich bekannt zu werden, an, in diesem harmlosen Herzen zu wühlen. »Bin ich es denn nicht«, sprach er zu sich selber, »durch die guten Menschen, die ich bei mir bewirte, durch die vielen Briefe, die ich von allen Seiten erhalte, durch die Reisenden selber, die meine Haushaltung zu sehen neugierig sind? Aber doch der Wunsch, gemeinnützig zu werden, nicht eben ein Philanthrop oder Kosmopolit, aber doch ein Mann zu sein, der mehrern Menschen seine Existenz zu fühlen gibt.« Er trug diesen Wurm und drückte und unterdrückte ihn, aber doch bei gewissen Gelegenheiten, wenn's ihm aus den Augen verschwunden war, daß sein Beispiel das ganze Dorf zu einem der wohlhäbigsten im Königreich gemacht, und das Beispiel dieses Dorfs mit der[326] Zeit für die benachbarten Dörfer und also, wie alle Handlungen ins Unendliche gehen, für das ganze menschliche Geschlecht ansteckend werden würde – fiel ihm dieser Lindwurm mit so unheilbaren Bissen wieder an das Herz, daß es ihm manche trübe Stunde machte. Niemand auf der Welt, selbst das Auge seiner Albertine, dem doch kein Winkel seines Herzens verborgen blieb, hätte wohl jemals diese geheime Springfeder einiger seiner üblen Launen ausfindig machen können. Kurz, es war – der schlimmste Sauerteig, der seit Adams Fall im menschlichen Herzen gegärt hat – es war der Autor, der das Haupt in ihm emporhob. Den ersten Keim dazu hatte ein Einladungsschreiben von einem Journalisten, doch von Zeit zu Zeit einige Rezensionen in sein Journal zu fertigen, so tief in seine Seele gelegt, daß es mit all seiner Mannheit unmöglich war, ihn ganz auszureuten.

Wenn's auch nur eine Heilsordnung wäre, sagte er sich manches Mal. Denn zu Rezensionen fühlte er gleich von Anfang die größte Abneigung. Sein Urteil andern Menschen aufbinden zu wollen, war nie sein Fall gewesen. Und der Stolz, der sich da hineinmischt, war ihm eine peinlichere Empfindung als die größte Demütigung, die er hätte erleiden müssen. Ein solcher Mensch, sprach er zu sich selbst, macht, wenn andere und besonders vernünftige und gescheite Leute seinem Urteil nicht beipflichten, sein Leben zur Hölle, und umsonst hat der Mund der Wahrheit nicht gesagt: Richtet nicht, daß ihr auch nicht gerichtet werdet.

Aber die Autorschaft – andern Leuten Brillen zu schleifen, wodurch sie sehen können, ohne welche ihnen tausend Sachen verborgen blieben. – Es ist doch groß das, meinte er.

Vor alten Zeiten schrieben die Prediger Postillen; als der Postillen zuviel waren, ward darüber gelacht und gespottet, da setzten sie sich auf ihre Kirchhöfe (die meisten Male freilich nur in Gedanken) und lasen den unsterblichen Engländer, den erhabenen Young. Da erschienen »Christen bei den Gräbern«, »Christen in der Einsamkeit«, »Christen am Morgen«, »Christen am Abend«, »Christen am Sonntage«, »Christen am Werktage«, »Christen zu allen Tagen und Zeiten des Jahrs«. Die[327] Buchhändler wollten deren auch nicht mehr, und warum sollte ein Prediger nicht auch durch Romane und Schauspiele nützen können wie durch Predigten und geistliche Lieder? Der Nutzen müßte noch weit größer sein, weil dergleichen Bücher in weit mehrere Hände kommen, weit begieriger gelesen werden, wenn es dem Verfasser an Witz nicht mangelt und –

Wir setzen mit Fleiß diese lange Stelle aus dem Selbstgespräch des ehrwürdigen Johannes Mannheim her, um unsern Lesern ein Pröbchen, wie weit in so kurzer Zeit, durch einige Zeilen nur, die verborgene Radix Ruhmsucht in diesem gesunden Herzen aufgegäret war und sich seinen edelsten Säften mitgeteilt hatte. Fast ein ganzes Vierteljahr wälzte er's mit sich im Bette herum, einen Roman im Geschmack des Richardson oder Fielding der gelehrten Welt vorzulegen; verschiedene Begebenheiten aus seiner eigenen Lebensgeschichte hineinzuspinnen, das Ganze aber etwan als die Geschichte eines Prinzen oder eines Ritters oder eines – Bauern oder eines – was weiß ich's, einzukleiden, das noch nicht vorgekommen wäre, Notabene. Der gute Mann bedachte nicht, daß durch seine freiwillige Entfernung von dem, was man große Welt nennt und überhaupt von dem Gange der menschlichen Angelegenheiten in Städten und an Höfen sowie von dem Ton der Gesellschaften und dem Hervorstechenden in Charakteren und Sitten, sich ihm alles nur durch das Prisma seiner Korrespondenz oder des Hörensagens oder gar gewisser Bücher bald – dreieckig, bald – rautenförmig, bald – vieleckig, bald spitz, bald stumpf, bald platt weisen würde, was sonst schlechtweg rund oder gerade war, und umgekehrt. Die Begierde, ein Romanschreiber zu werden, drückte und folterte ihn Tag und Nacht, wo er ging; was er sah, was er anrührte wollte er alles in seinen Roman bringen, und der arme Mann saß beständig in seiner fröhlichen Gesellschaft da wie ein Elefant mit einem Ring in der Nase –

»Hol der Henker Roman und alles«, schrie er eines Tages überlaut beim Mittagessen, als ihm kein Bissen Brots mehr schmeckte – seine Frau und Liesgen starrten ihn mit großen Augen an –, und einer seiner Fremden, der durch die Sympathie[328] was davon geahndet haben mochte, fing überlaut an zu lachen. »Kinder, ich muß euch gestehen«, sagte er und wischte sich den Schweiß von der Stirne, »ich bin einige Monate her nur halb bei euch gewesen – aber es ist vorbei, gottlob! und ich hoffe, es soll nicht wiederkommen.« – »Wie, Mann!« fing Albertine an, »du hast doch wohl keinen Roman schreiben wollen?« – »Was denn anders?« sagte Johannes Mannheim. »Der Teufel hat mich versucht, und du hast mir helfen sollen. Aber laßt uns von was anders sprechen, und wer unter euch sich untersteht, mir von dem Roman auch nur mit einer Silbe wieder zu erwähnen, den erkläre ich für den allertödlichsten Feind, den ich in meinem Leben gehabt habe.«

Den Nachmittag war er in einer Laune, daß ihn alle die Seinigen hätten fressen mögen. Besonders merkte dies sein alter Assoziierter, der seit einiger Zeit einen so schläfrigen Gang in seinen Wirtschaftsgeschäften wahrgenommen, daß er hundertmal auf dem Sprung stand, deswegen zu ihm zu gehen, wenn ihn nicht immer die Ehrfurcht, mit der er ihn sonst zu behandeln gewohnt war, zurückgehalten hätte. »Gott tröst«, sagte er den andern Tag zu Albertinen, »was ist mit unserm Herrn Pfarr vorgegangen? Er ist ein ganz andrer Mensch, als er diese ganze Zeit über war. Ich dachte schon, er wäre krank oder müßt ihm sonst was fehlen im Unterleib. Wie es den gelehrten Herren zu gehen pflegt.«

Nichtsdestoweniger hat man nach dem Tode unsers Johannes Mannheim einige fürtreffliche Traktate gefunden, die in einer Sammlung seiner Schriften sämtlich zu Amsterdam in Groß-8° herausgekommen sind. Darunter war eine »Abhandlung von der Viehseuche, von den Pferdekuren, von dem Wieswachs und dem Nutzen der englischen Futterkräuter, von dem Klima und dessen Einfluß auf Menschen, Tier und Pflanzen, besonders der Bevölkerung,« worinnen Blicke in die Menschennatur und die allgemeine organisierte Natur waren, die einen Montesquieu würden haben erröten machen. Er fand das große Geheimnis der Ähnlichkeit des Menschen mit der ganzen Schöpfung, die ihn umgibt, ja er fand, welches Montesquieu selbst nicht gesucht[329] haben würde, selbst die Unterschiede der Regierungsform in der Natur des Bodens und dem Einfluß desselben auf Charaktere, Sitten und Meinungen seiner Bewohner. Durch diesen Schlüssel erklärte er die wunderbarsten Phänomene in der Geschichte und noch Erscheinungen, die heutzutage sich ergeben, auf eine Art, die keinen Zweifel übrigließ. Vorausgesetzt, daß er Handel und Veränderungen dieses Bodens und seiner Produkte mit zu den Ursachen rechnete, ferner, daß er abrechnete, was herumziehende Nationen, wie zum Beispiel die Römer selbst anfangs, wie hernach die Langobarden, die Goten, die Alemannen und Franken selber, von ihrem Boden und von ihren Sitten mitgebracht, das sich hernach mit der neueren Denkart vermischt. So behauptete er, die Römer wären eigentlich bis zu den Zeiten der Kaiser keine italienische Nation gewesen, sondern ein Haufen Kriegsleute, der sich beständig zu wehren hatte und alles unter sich bringen wollte, weil er diese Tapferkeit und den kriegerischen Hang mitgebracht. Unter den Kaisern wies sich erst der Einfluß des Bodens, der sie zu einer Nation machte, die von der heutigen italienischen durch wenig Schattierungen unterschieden ist. So leitete er von den Steinkohlen die Melancholie der Engländer, von dieser ihren Eigensinn, ihre Freiheitsliebe, ihre Regierungsform; von den flüchtigen Weinen der Franzosen ihren Leichtsinn, von diesem ihre Sorglosigkeit für die öffentlichen Geschäfte, von dieser ihre Liebe zur Monarchie, wo alles von selbst geht und sie sich nur zu bücken und zu schmeicheln haben, um höher zu kommen. Von dem rauhen Klima der Deutschen und dem Bier ihre Festigkeit, wobei er jedoch die Einschaltung machte, daß seit dem häufigen Gebrauch des warmen Wassers, besonders des Kaffees, diese Tugend sehr abgenommen und in eine weibische Weichlichkeit und Unentschlossenheit ausgeartet wäre, die, wenn sie nicht noch bisweilen vom Boden und Himmel überstimmt würde, den ganzen Nationalcharakter verändern könnte. Aus dieser Festigkeit und Mannheit leitete er die ganze Verfassung des Heiligen Römischen Reichs her und zeigte, daß sie in ihren Grundfesten nicht zu erschüttern wäre, es müßten denn die Sitten der Nation[330] ganz umgegossen werden. Deutschland wäre das einzige Reich in der Welt, wo sich die alte Lehnsverfassung noch bis auf den heutigen Tag erhalten, eine Menge kleiner Fürsten nebeneinander, die unter ihren Lehensleuten und Vasallen herrschten, nur sollte der Adel nicht ungekränkt fremde Dienste nehmen dürfen, weil es wider die Lehenspflicht sei. So aber, wenn sie lang in fremden Ländern lebten, verlören sie ihr Deutsches, ihre Mannheit und Festigkeit, ihren Trotz für ihre Rechte und die Rechte ihres Landesherrn, ihre Anhänglichkeit an ihren Boden, brächten weibische Unentschlossenheit statt guten Sitten zurück und könnten leicht Knechte des ersten werden, der sie finde. Übrigens gestand er selbst ein, daß nichts liebenswürdiger sei als ein Deutscher, der gereist hat, ein Franzose, der alt geworden ist, und ein Engländer, der lange Jahre unter den Russen gewesen. Den Despotismus dieser Nation schrieb er der Strenge ihres Klimas, der Kargheit ihres Bodens und dem daherrührenden Mangel des großen Haufens der Einwohner zu, denn überall, wo Mangel ist, ist Despotismus, weil der, der sich nicht zu helfen weiß, sich alles blindlings gefallen läßt.

Alle diese Sachen aber verhehlte Johannes Mannheim sorgfältig den Seinigen, weil er den Schatz seiner Erfahrungen und seiner darüber angestellten Meditationen seinem Sohn als ein Erbstück hinterlassen wollte, das ihm nach seinem Tode zu einer Art von Führer und Schutzgeist durch die Welt dienen könnte. Wir werden in der Folge sehen, wie sein Sohn sich gegen das Andenken seines Vaters dankbar erwiesen.

Albertine aber, anstatt sich von dem Beispiel ihres Mannes warnen zu lassen, ließ sich von demselben anstecken, und Gedanken, die nie in ihrem Herzen aufgekommen waren, verderbten auf einmal die Unschuld ihrer Seele.

An einem schönen Sommerabend, da die kleinen gesteckten Wolken wehmütig und rührend wie Engel um die scheidende Sonne hingen, konnte sie ihrem Herzen nicht widerstehen; sie zitterte, nahm ihr Mäntelchen und ihre Kappe und das ganz allein in die kleine Wiese hinaus, wo der Bach sich im Widerschein des Himmels wollüstig langsam dahinwand. Sie warf sich[331] in ein Gesträuch, das neben ihm stand, und fast wie der Allmutter Eva, nach Geßners reizender Beschreibung2, ihr erster Sohn ohne Schmerzen geschenkt ward, ward ihr hier das erste Gedicht verliehen, das sie, mit warmem schlagendem Herzen und sich jagenden Tränen auf den Backen, ihrem Mann und ihrer Freundin machte. Sie kam nach Hause; man sah eine außerordentliche Bewegung ihrem Gesicht an. »Was hast du?« fragte der Mann, der ihr im Hoftor entgegentrat. Sie wies ihm ihre kleinen Täfelchen (Tablettes, wie man sie in Frankreich nennt), auf denen sie mit Bleistift ziemlich unleserlich einige Verse geschrieben hatte, die sein sympathetisches Gefühl sogleich entzifferte. Ein langer Handdruck, eine stumme Umarmung waren der ganze Dank, den er ihr gab. »Ich werde sie abschreiben und deiner Freundin vorlesen«, sagte er und steckte die Täfelchen zu sich.

Das geschah. Aber er löschte die Bleistift aus und gab ihr die Verse nicht wieder. Sie bat ihn oft drum. »Ich will's dir vorlesen«, sagte er, wenn sie's zu arg machte.

Nun fing sie an, öfter nach demselben Fleckchen zu gehn und sich dort in Begeisterung zu setzen. Sie machte in demselben Gesträuch ein Gedicht auf den Morgen, das sie ihrem Mann brachte. »Ich will's behalten«, sagte er; »aber da, da und da hast du dieselben Gedanken wieder gebraucht, die im ersten waren, nur unter einem andern Kleide, und du merkst wohl, daß das bei weitem nicht so herzlich ist. –

Wenn ich dir raten kann, mach keine Verse mehr.«

»Wenn es dir keine Freude macht«, sagte sie mit einem etwas finstern Gesicht –

»Nein, es macht mir keine«, versetzte er mit einem ungewöhnlichen Ton. Sie ging fort.

Das Fleckchen ward unaufhörlich besucht und alle Sachen, die dort gemacht wurden, Liesgen vorgelesen, die sie denn, wie natürlich, alle außerordentlich fand und sich in ein gichterisches Entzücken darüber versetzte. Mannheim, der sie bisweilen behorchte, grämte sich innerlich.[332] Liesgen machte auch Verse. Sie wurden gegen ihn geheimnisvoll und zurückhaltend, aber sie waren es nicht gegen die Welt. Liesgen hatte einen Bekannten, der ein schöner Geist war. Dem wurden die Sächelchen zugeschickt. Er machte ein Wesens davon, daß die große Bühne des Himmels hätte einfallen mögen. Zu großem Glück fiel sein dithyrambischer Brief darüber Johannes Mannheim in die Hände. Er hatte ihn gerade an seine Heva gerichtet, und da Mannheim in der Geschwindigkeit nicht nach der Aufschrift sah (denn er pflegte niemals Briefe an seine Frau aufzumachen), fiel ihm dieser Schlangenkopf gerade in die Augen, als er seinem Weibe den giftigen Apfel reichte. Er verbarg ihn in seinen Busen, ging zu seiner Frau aufs Zimmer und fragte, ob sie den Nachmittag spazierengehen wollte, er wollte sie in eine Gegend führen, wie sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen hätte. Nichts konnte der Frau willkommener sein als ein so poetischer Antrag, wo sie neue Ideen zu einer Ode zu sammeln hoffte, die sie schon lange über die Einsamkeit zu machen willens war.

Alles ging erwünscht. Die Gegend war eine der furchtbarsten und wildesten im benachbarten Gebirge, die die schöpferische Einbildungskraft eines – – – sich je zu einem Macbethsgemälde hätte erfinden können. Es war ein zerstörtes Schloß auf einer Felsenhöhe, von der man ohne Schwindel nicht hinabsehen konnte. Die untenstehenden Fichten, die an ihrem Fuße unabsehbar sein mußten, erschienen hier wie kleine gedrückte Gebüsche. Unten stürzte sich ein Wasserfall von einer merklichen Höhe, dessen Rauschen hier kaum dem Summen eines Bienenschwarms gleichte. Albertine sah hinab und fühlte den Tod unter ihren Füßen. Ohne die gespannte Einbildungskraft, die sie mitnahm und die allen ihren Sinnen eine gewisse Stärke gab, würde sie diesen Anblick nimmer haben ertragen können. Auch sank sie, von einem leichten Schwindel befallen, an Mannheims Busen zurück, der, stärker als sie in diesem Augenblick, sie fest in seinen linken Arm schloß, mit der rechten aber das verhaßte Papier herauszog, es ihr vors Gesicht hielt und sie mit folgenden Worten anredete:[333]

»Ungetreue! In dem Augenblick, da ich dir mein ganzes Leben aufopfere, täglich eine Last nach der andern wegwälze, damit das Gebäude unsers Glücks fest und dauerhaft stehen könne, mir Ruhe und Erquickung bis ins Alter versage, nur damit auch nach meinem Tode du und meine Kinder einen Witwensitz, eine Felsenburg haben, damit die jungen Adler hernach mit den ererbten väterlichen Fittichen auf ihren Raub herabschießen können – in dem Augenblick empfängst du Briefe, mit der schwärmerischsten unsinnigsten Leidenschaft geschrieben, von einem Menschen, der nicht wert ist, daß er unsere Kühe melkt, von einem Laffen, der dich seine Muse nennt und in seinem Leben noch keine andere Muse als seine Aufwärterin gehabt; der sich dein Phaon nennt und nicht weiß, ob der Phaon ein Bub oder ein Mädchen war.«

Man stelle sich die Angst und das Schrecken unserer Albertine vor, als Mannheim ihr nach dieser sehr ernsthaft gehaltenen Anrede den auf den abgeschmacktesten dithyrambischen Stelzen gehenden Brief des jungen Violi vorlas, desselben, dem Liesgen ihre Oden und Lieder geschickt hatte und der diese mehr als sapphischen Akkorde aufs schleunigste in den nächsten »Almanach« und in das »Taschenbuch« einzusenden versprach. Sie konnte dem Menschen dafür nicht anders als gewogen sein, um so mehr befürchtete sie, die poetischen Ausdrücke des jungen Menschen hätten wirklich die Eifersucht des von Leidenschaften sonst so raschen Mannheims rege gemacht.

Ihre Angst ward vermehrt, als nach Endigung dieses Briefs sie Mannheim fester in den Arm faßte und, nachdem er sie ein wenig vom Boden aufgehoben, mit erschrecklicher Stimme rief:

»Wohlan, wenn du denn die Rolle der Poetin spielen willst, so mußt du sie ganz spielen, wie sie ehemals die Griechin gespielt hat. Stürz dich herab von diesem Felsen, rufe deinen Phaon noch einmal an und sag ihm, daß du für ihn stirbst –«

Hier hob er sie höher; Liesgen, der Sehen und Hören verging, warf sich hinter ihm auf die Knie, hielt ihn am Zipfel des Rocks und schrie mit aufgehobenen Händen: »Barbar, kennst du keine Verzeihung? –«[334]

»Nein, ich kenne keine«, rief er sehr nachdrücklich – indem er sich umkehrte und die Frau vom Berge herabtrug, »weil ich niemals gezürnt habe.« Das arme Weib war bleich und blaß, und Liesgen weinte. »Ich habe dich nur zur Poetin weihen wollen, Albertinen«, sagte er; »denn ich sehe, daß du eher nicht gescheit werden wirst, als bis du einen solchen Sprung getan hast. Wie gesagt, willst du unsere Sappho sein, so tu es ihr nach, sonst geb ich keinen Pfifferling für all deine Oden und Lieder. Willst du aber mein lieb Weibgen sein, so laß mich dem jungen Gelbschnabel seinen Brief beantworten; ich werde alles schon so einrichten, daß deine Reputation, auch als Schriftstellerin, nichts dabei verlieren soll.« Albertine warf sich auf die Knie und bat ihn bei seiner Verzeihung, er möchte sie dieses Wort nicht wieder hören lassen. In ihrem Leben sei ihr kein Name unerträglicher vorgekommen.

Nach dieser Katastrophe wurden keine Verse mehr gemacht; wohl aber die alten Liederchen von Hagedorn, Uz und Gleim wieder vorgenommen und gesungen oder Goethens »Erwin« durchgespielt. Sie machten auch kleine Familienstücke für sich, die sie aufführten, wozu Mannheim mit seinen Freunden den Plan entwarf, jedes aber danach seine Rolle selber ausarbeiten mußte. Hauptsächlich aber parodierten sie unnatürlich sentimentale Stücke auf ihre Art, wie z.B. den »Günther von Schwarzburg« und dergleichen, welches denn ein unversiegbarer Quell von Ergötzungen für sie ward.

Mannheims Söhnchen wuchs heran. Er erzog ihn selber, nicht, daß er ihn viel unterrichtete, sondern nur, daß er ihm die Bücher hingab, aus denen er lernen konnte, und ihm erlaubte, ihn zu fragen, wenn er nicht fortkam. Er hatte den Grundsatz, daß alles, was aus dem Menschen wird, aus ihm selber kommen muß und daß seine Erzieher aufs höchste nur als Stahl dienen müssen, etwas aus ihm herauszuschlagen. Zu dem Ende gab er wohl acht, daß der Bube in seiner Studierkammer, wo er ihm einige Bücher wie von ungefähr hingelegt, auch wohl gar diejenigen anzurühren aufs strengste verboten hatte, von denen er am liebsten wünschte, daß er sie läse; daß er, sage ich, auf dieser Stube von[335] keinen unzeitigen Spießgesellen oder von anderm Lärmen gestört wurde. Das war seine ganze Erziehung. Und sein kleiner Johannes, der ohnedem bei Tisch von hunderttausend Sachen sprechen hörte, die seine Neugier reizten, und kein Mensch, auch wenn er fragte, sich die Mühe gab, ihm ganz zu erklären, sondern ihn immer auf die Universität und die und die berühmten Männer verwies, die davon geschrieben hatten, verschlang alle Bücher, die diesen Namen auf dem Titel hatten, mit einer Begierde, die ihn noch in seinem Knabenalter zu einem neuen Beispiel frühzeitiger Gelehrten machte. Nur zu gewissen Stunden des Tages war es ihm erlaubt, sich Gesellschaften zu suchen, wie und wo er konnte; die übrige Zeit mußte er zu Hause in seines Vaters Studierzimmer bleiben, wo er sich beschäftigen konnte, wie er wollte. Besonders muß ich's rühmen, daß ihm die Bibliotheken, die damals so häufig in Deutschland waren, sehr vorteilhaft gewesen, weil er dadurch und durch den witzigen Ton, der sie auszeichnete, auf hundert Sachen neugierig geworden war, die er sonst auch nicht gekannt hätte. Wiewohl mehr als alle das die Diskurse seines Vaters beitrugen, alle seine mit Mühe gesammelten Kenntnisse in Blut und Leben zu führen. Die Sprachen lernte der Bube alle von sich selbst, wiewohl ihm der Vater alle nur möglichen Hilfsmittel – nie aber Unterricht – gab, nur von Zeit zu Zeit diskursweise erzählte, wie er's in seiner Jugend gemacht, was für Hilfsmittel er gebraucht usf. Er erlaubte übrigens dem Sohn, alle nur möglichen Fragen an ihn zu tun, wann und wo er wollte, und der bediente sich dieses Vorrechts oft, weil es ihm eine solche Miene von Altklugheit und Wichtigkeit gab, die seine kleine Eitelkeit kitzelte. Sobald diese Eitelkeit dem Vater merklich ward, geschah – wiewohl immer mit Worten nur und allezeit an die dritte Person gerichtet – eine durchdringende Demütigung.

Dieses war derselbe Johannes Mannheim, der, nachdem er die Rechte in Göttingen gemacht, mit einem jungen Herrn von seinem Hofe auf Reisen ging und in Rom eine italienische Abhandlung »L'Ambassadore« drucken ließ, die ihm die Stelle als Sekretär seines Gesandten in Wien verschaffte. Weil er aber[336] einer der ersten Köpfe seines Jahrhunderts war, so zeichnete er sich auch hier, nachdem einige Jahre Erfahrung ihm die Geschäfte des Hofes eigen gemacht und Blicke in die verborgensten Angelegenheiten desselben eröffnet hatten, von so viel empfehlenden Seiten aus, daß man ihm eine gewisse höchst wichtige Negoziation desselben bei den Generalstaaten ganz allein zu treiben übergab und ihm zu derselben den Titel eines außerordentlichen Abgesandten bewilligte. Das Glück und die Feinheit und Festigkeit, womit er dieses höchst wichtigen und zugleich äußerst mißlichen Auftrages zur größten Zufriedenheit seines Hofes sich entledigte, machte, daß er bei seiner Wiederkunft in den Freiherrnstand erhoben ward. Er erhielt Nachricht, seine Eltern wären krank; er kam und fand sie wirklich mit den heitersten Gesichtern einander gegenüberliegen und sich von Zeit zu Zeit noch mit den Händen winken und Küsse zuwerfen. Ihre Krankheit schien mehr die Ruhe zweier ermatteter Pilger, die beide unter der Last, die sie trugen, auf einem Wege niedergefallen. Schmerzen fühlten sie beide nicht; bisweilen ein wenig Angst und große Mattigkeit. Als sie ihren Sohn hereintreten sahen, nach dem sie beide oft heimlich geseufzet und, weil es hieß, er würde eine neue Gesandtschaft antreten, seine Gegenwart vor ihrem Tode nicht mehr vermutet hatten, überlief ein feuriges Rot zu gleicher Zeit die beiden blassen Gesichter. Er warf sich wechselweise, bald dem einen, bald dem andern zu Füßen; sie konnten nicht sprechen, sondern legten beide nur die Hand auf das Köpfchen, durch das so viel gegangen war, und segneten ihn mit ihren Blicken. Ob es die Freude über sein Wiedersehen war, sie starben beide desselben Tages. Johannes Sekundus konnte sich gar nicht trösten lassen. Er lief wie ein Verzweifelter durch alle Zimmer, wo er seine Kindheit zugebracht, rief ihre Namen den leeren öden Wänden des Hauses, allen Bäumen, Felsen und Gebirgen umher in lauter tränen der Wehklage vergeblich zu. Liesgen, die lange Jahre vorher glücklich verheiratet worden, kam mit ihrem Mann, ihm klagen und die Leichen unter die Erde bestatten zu helfen. Bei der Eröffnung jedes neuen Papiers von der Verlassenschaft des Vaters verdoppelte[337] sich sein Schmerz. Überall fand er Spuren des Andenkens an ihn. Er drang darauf, daß die Leichen nach dem kleinen Witwensitz, den der alte Mannheim mit seinem Assoziierten gemeinschaftlich gebauet und Johannes Sekundus sich als erb und eigen mit allem, was dazu gehörte, von eben diesem Assoziierten gekauft hatte, geführt werden mußten, wo er ihnen eine kleine Kapelle mit einem Gewölbe zum Erbbegräbnis anlegte. An der Türe dieser kleinen Kapelle standen die beiden Büsten dieses unvergleichlichen Paars aus Marmor, die er schon bei ihrem Leben von einem der ersten Künstler des Landes hatte verfertigen lassen und die unverbesserlich ausgefallen waren. Bei dieser Kapelle erbaute er eine Art von Landhaus mit einem schönen Garten, wo er seine Tage im Frieden zuzubringen gedachte, wenn er der Welt müde wäre. Eine ganz besondere Art hatte er, den Todestag seiner Eltern zu feiern, auf die er sehr viel Kosten wendete. Alle drei Jahre war die große Feier; er lud zu dieser ein Vierteljahr vorher die berühmtesten Gelehrten, nicht allein seines Landes, sondern auch der benachbarten Provinzen, ein, die er acht Tage lang auf die köstlichste Art bewirtete, da er bloß für sie ein Gasthaus, das sonst nie bewohnt war, mit den geräumigsten Zimmern hatte erbauen lassen, die Mahlzeit aber immer, weil diese Zeit gerade in die Mitte des Sommers fiel, in einem großen von Tannen und Wacholderstrauch erbauten Saal auf dem Hofe gehalten wurde, dessen Boden nur mit Rasen gepflastert war. Den ersten Abend nach ihrer Ankunft tat die ganze Gesellschaft, präzis um Mitternacht, jedes einen Myrtenzweig in Händen, eine Wallfahrt zu der Kapelle, wo sie von einer dazu neu gesetzten Trauermusik bewillkommt wurden. Die schwarzen Kleider, die Myrten und die Fackeln, die alles dieses erleuchteten, gaben der Prozession eine traurige Feierlichkeit, die auch die kältesten Herzen nicht ungerührt lassen konnte; hierzu kamen die Kräfte der Musik und der schmelzende Anblick kindlicher Zärtlichkeit, den ihnen Johannes Sekundus gab, der bei Endigung der Musik mit zerstreuten Haaren vor dem Bilde seines Vaters und seiner Mutter kniete, sie um ihre Fürbitte und um ihren Schutz und Begleitung durchs Leben mit den ungeschminktesten[338] Worten ansprach und gewiß sein konnte der Tränen, die die ganze Gesellschaft umher dem Andenken seiner Eltern geschenkt hatte. Hierauf legten sie alle ihre Myrtenzweige auf einen dazu von Erde erbauten Tisch und gingen alle tränenfröhlich wieder zurück, wiewohl den ersten Abend nur einige Erfrischungen herumgereicht, aber keine Mahlzeit gegeben wurde. Die andern Tage ging es desto lustiger, und sie wurden fürstlich bewirtet. Des achten Tages reisten alle fort, und nun ging die Mädchenfeier an. Er hatte nämlich ein Vierteljahr vorher die schönsten Mädchen, die ihm vornehmen und geringen Standes bekannt waren, mit ihren Müttern eingeladen; diese wurden auf dieselbe Art bewirtet, nur mit dem Unterschiede, daß sie bei der Prozession alle weiß gekleidet sein und jede einen Blumenkranz in Händen haben mußte. Die Feierlichkeit war dieselbe; nur geschah sie nicht in der Nacht, sondern bei Sonnenuntergange. Die Büsten seines Vaters und seiner Mutter hatten Rosen um das Haupt gewunden; die Musik war fröhlicher, und es ward eine Schäferkantate abgesungen. Das Rührendste bei diesem Anblick waren zwei lange Ketten von Blumen, die von einer Büste zur andern gezogen und womit sie gleichsam aneinandergebunden waren. Sobald die Jungfrauen ankamen, warfen sie ihre Kränze vor ihnen hin auf einen Haufen und tanzten hernach nach dem Schall der Flöten und Schalmeien um sie herum. Dieser Anblick war so reizend, daß er Zuschauer aus den entferntesten Ländern herbeizog, die sich lange vorher auf das Johannisfest zu Adlersburg, so hieß dieses Leichenbegängnis, zu freuen pflegten. Die Mütter schlossen einen großen Kreis um sie herum. Es war ein besonderes Gerüst für die Zuschauer erbauet. Nach Endigung dieses Tanzes, wobei jede Schöne, wie natürlich, ihre zaubervollsten Stellungen sehen ließ, hielt Johannes Sekundus ihnen eine Rede, worin er ihnen dankte, daß sie Balsam in seine Wunde gegossen. Sobald sie zurückgekommen waren, wurden sie, wenn es das Wetter nur irgend erlaubte, in einem schönen Gehölze, das er bei seinem Hause angelegt, unter beständiger Musik mit Milch, Obst und den ausgesuchtesten Erfrischungen bewirtet, und die Nacht war[339] das Gehölz, das Haus, der Garten auf das herrlichste erleuchtet, wobei die Musik nimmer ruhig ward. Auf dem Flusse, der bei seinem Hause vorbeilief, warteten ihrer mit Maien geschmückte Fahrzeuge, welche von andern, die mit Musikanten besetzt waren, bald begegnet, bald verfolgt wurden. Die Illuminationen taten im Wasser herrliche Wirkung. Alles endigte mit Abfeuerung von sechs ansehnlichen Kanonen, das Signal zur Ruhe. Die übrigen acht Tage dauerten die Feierlichkeiten fort, wenn anders nicht einige von ihnen nach Hause eilten. Keine Mannsperson aber ward anders als zum Zuschauer hinzugelassen, für die, wie gesagt, ein eigenes Gerüst bei der Kapelle und ein anderes am Eingang des Gehölzes erbaut war, an dem bei jeder Reihe Bänke zwei Mann Wache mit scharfgeladenem Gewehr stunden, die Befehl hatten, auf jeden zu feuern, der nicht in den Schranken, die mit allen möglichen Bequemlichkeiten dazu erbaut waren, bleiben würde. Die Zuschauer marschierten auch ordentlich unter der Begleitung der Wache von einem Gerüste zum andern und hatten ihren eigenen Gasthof, aus dem sie frei bewirtet wurden. Es wurde ihnen nämlich in den Schranken kalte Küche, Wein und Erfrischungen herumgereicht, wobei freilich auf den Unterschied des Standes gesehen wurde, weil jeder bei seinem Eintritt sich beim Kastellan unsers Johannes gemeldet und von dem eine gewisse Marke seines Standes aufzuweisen haben mußte, nach welcher ihm hernach aufgewartet ward.

Man kann sich leicht vorstellen, daß die reizendsten Schönheiten des Landes hier ihre Zaubereien spielen ließen und sich oft lange vorher zu diesem Tage zuschickten. Weil sie alle als Schäferinnen gekleidet und angesehen waren, so fielen hier, während daß die Feierlichkeiten dauerten, alle Erinnerungen des Standes weg und ward bloß auf die Reize der Person gesehen, wo jede sich bemühte, es der andern zuvorzutun. Johannes Sekundus tat mehrenteils einige Monate vorher Reisen ins Land und in die Städte umher, um Priesterinnen zu dieser Feierlichkeit anzuwerben, welches diese sich für eine große Ehre schätzten, weil dadurch der Ruf ihrer Schönheit einen merklichen Zuwachs erhielt.[340]

Die nachgelassenen Schriften seines Vaters und einige herzliche Gedichte seiner Mutter, die er zu diesem Ende unter den Papieren seines Vaters mit großer Sorgfalt aufgehoben fand, ließ er, mit ihren Bildnissen geziert und mit einer Lebensbeschreibung, auf die er einen ganzen Sommer, den er sich von seinem Landesherrn ausgebeten, um den Brunnen zu trinken, verwendet hat, und aus welcher diese kurze Erzählung zusammengezogen ist, zu Amsterdam in zwei Bänden Groß-Oktav mit saubern Lettern auf schönem Papier drucken, und so endigte sich die Geschichte des Lebens und der Taten Johannes Mannheims, Pfarrers von Großendingen.

Quelle:
Jakob Michael Reinhold Lenz: Werke in einem Band. Berlin und Weimar 21975, S. 313-341.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Der Landprediger
Der Landprediger
Der Landprediger, Und Zerbin; Oder, Die Neuere Philosophie (Dodo Press)
Der Landprediger
Der Landprediger

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Frau Beate und ihr Sohn

Frau Beate und ihr Sohn

Beate Heinold lebt seit dem Tode ihres Mannes allein mit ihrem Sohn Hugo in einer Villa am See und versucht, ihn vor möglichen erotischen Abenteuern abzuschirmen. Indes gibt sie selbst dem Werben des jungen Fritz, einem Schulfreund von Hugo, nach und verliert sich zwischen erotischen Wunschvorstellungen, Schuld- und Schamgefühlen.

64 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon