XIII

[198] Der Sträflingstransport, mit dem Ssergej und Katerina Lwowna nach Sibirien verschickt wurden, brach zu einer Zeit auf, wo der Frühling nur im Kalender stand und die Sonne zwar leuchtete aber noch nicht wärmte.

Katerina Lwownas Kind wurde der alten Base des seligen Boris Timofejitsch zur Pflege gegeben: das Kind[198] war nach dem Gesetz ein ehelicher Sohn des ermordeten Sinowij Borissowitsch und einziger Erbe des ganzen Ismailowschen Vermögens. Katerina Lwowna war damit sehr zufrieden und gab ihr Kind gleichgültig hin. Wie es bei leidenschaftlichen Frauen oft der Fall ist, hatte sich ihre Liebe zum Vater in keiner Weise auf das Kind übertragen.

Es gab für sie übrigens kein Licht und kein Dunkel, kein Gut und kein Böse, keine Freude und keine Langweile; sie begriff nichts; liebte niemand, nicht einmal sich selbst. Sie wartete mit Ungeduld auf den Ausmarsch; sie hoffte unterwegs ihren Ssergej zu sehen, ihr Kind hatte sie aber schon ganz vergessen.

Katerina Lwownas Hoffnung wurde nicht getäuscht: der gebrandmarkte, mit schweren Ketten beladene Ssergej verließ zugleich mit ihr das Gefängnistor.

Der Mensch gewöhnt sich an jedes noch so schreckliche Elend und behält in jeder Lage die Fähigkeit, seinen kümmerlichen Freuden nachzugehen. Katerina Lwowna aber brauchte sich an nichts zu gewöhnen; sie sah ihren Ssergej wieder, und der Weg nach Sibirien bedeutete für sie an seiner Seite den Weg zum Glück.

Katerina Lwowna konnte in ihrem Leinensack nur wenig Wertgegenstände und noch weniger bares Geld mitnehmen. Dies alles verteilte sie, noch ehe der Transport Nischnij-Nowgorod erreicht hatte, unter den Gefängnisaufsehern für die Erlaubnis, an Ssergejs Seite zu marschieren und manchmal bei finsterer Nacht ein Stündchen mit ihm in einer kalten Ecke des schmalen Gefängniskorridors zu verbringen.

Der gebrandmarkte Freund Katerina Lwownas war[199] aber gegen sie lieblos geworden; sie bekam von ihm kein einziges freundliches Wort mehr zu hören; er legte auch wenig Wert auf die geheimen Zusammenkünfte mit ihr, für die sie ihr letztes Geld hergeben mußte, und sagte ihr sogar mehr als einmal:

»Statt mit mir im Korridor herumzustehen, hättest du doch lieber das Geld, das du dafür dem Aufseher zahlst, mir gegeben!«

»Es waren ja nur fünfundzwanzig Kopeken, Sserjoscha!« rechtfertigte sich Katerina Lwowna.

»Sind denn fünfundzwanzig Kopeken kein Geld? Du hast doch unterwegs noch kein einziges Geldstück gefunden, hast aber schon eine ganze Menge ausgegeben.«

»Dafür habe ich dich sehen dürfen, Sserjoscha!«

»Das Wiedersehen nach all dem Elend ist doch wirklich keine Freude! Ich verfluche mein Leben und will an diese Zusammenkünfte gar nicht denken!«

»Mir ist aber alles gleich, Sserjoscha! Wenn ich dich nur sehen kann!«

»Das sind Dummheiten«, entgegnete Ssergej.

Als Katerina Lwowna solche Antworten zu hören bekam, biß sie sich oft die Lippen blutig. Bei den nächtlichen Zusammenkünften traten ihr oft Tränen der Erbitterung in die Augen, die sonst niemals weinten. Sie trug aber alles schweigend und suchte sich selbst zu betrügen.

So sehr hatten sich ihre Beziehungen zueinander geändert, als sie Nischnij-Nowgorod erreichten. Hier schloß sich an ihren Transport ein anderer an, der aus Moskau kam.

In diesem sehr großen Transport befanden sich unter[200] anderm zwei interessante weibliche Individuen: die Soldatenfrau Fiona aus Jaroslawl, ein üppiges, großes, schönes Weib mit langem, schwarzem Zopf und schmachtenden dunklen Augen, die von den langen Wimpern wievon einem geheimnisvollen Schleier beschattet waren. Die andere war ein siebzehnjähriges Ding mit spitzigem Gesicht und zarter, rosiger Haut, kleinem Mündchen, Grübchen in den frischen Wangen und goldblonden Locken, die unter dem leinenen Kopftuch lustig auf die Stirne niederfielen. Dieses Mädel wurde von den Sträflingen Ssonetka genannt.

Die schöne Fiona war sanft und faul. Alle Sträflinge kannten sie; keiner von den Männern zeigte besondere Freude, wenn sie ihm ihre Huld schenkte; niemand grämte sich auch, wenn sie diese Huld auf einen andern übertrug.

»Fiona ist ein guter Mensch, sie benachteiligt niemand«, scherzten die Sträflinge.

Ssonetka war aber ganz anders.

Von ihr sagte man:

»Sie ist wie ein Aal: sie gleitet einem durch die Finger und läßt sich von niemand einfangen.«

Ssonetka hatte Geschmack und war wählerisch; sie wollte, daß man ihr die Leidenschaft nicht im rohen Zustande, sondern mit einer pikanten Sauce entgegenbringe; sie verlangte Leiden und Opfer. Fiona war aber die verkörperte russische Einfalt, die viel zu faul ist, um jemand »Nein« zu sagen und die nur das eine weiß, daß sie ein Weib ist. Solche Frauen werden in den Räuberbanden, Sträflingstransporten und Petersburger sozialistischen Kommunen sehr geschätzt.[201]

Das Erscheinen dieser beiden Frauen in dem gleichen Transport, in dem sich Ssergej und Katerina Lwowna befanden, hatte für diese letztere eine tragische Bedeutung.

Quelle:
Ljesskow, Nikolai: Eine Teufelsaustreibung und andere Geschichten. München 1921, S. 198-202.
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