Fünfzehntes Kapitel

[275] Es war mit den Ereignissen, welche zu Ende des vorigen und zu Anfang des jetzigen Jahrhunderts auf die Geister einstürmten, wie mit dem gefährlichen Clima mancher Gegenden. Die Kraftlosen erlagen dem Einfluß, die Kräftigen, welche ihn überwanden, bewiesen damit zugleich ihre Dauerbarkeit. Dieselben Eindrücke, welche in den Einen Strenggläubigkeit und Unduldsamkeit erzeugt hatten, erzeugten in den Andern Aufklärung und Toleranz. Neben den bejahrten Personen, welche auf uns Jüngere mit mitleidiger Vornehmheit herabsahen, und all unser Streben leer und eitel nannten, lebten noch die letzten Zeugen der großen Vergangenheit in ungeschwächter Kraft, und wir fanden bei ihnen, was kein Strebender entbehren kann: Theilnahme, Ermunterung und Nachsicht.

An der Spitze dieser geistigen Veteranen stand, neben Alexander von Humboldt, den ich erst später kennen lernte, in erster Reihe der Geheimerath Varnhagen von Ense. Nachsichtiger, bereitwilliger im Anerkennen und Fördern junger Personen und jugendlicher Bestrebungen als eben er, ist schwerlich Jemand gewesen. Bei großer persönlicher Würde und gemessener Zurückhaltung, ließ er die[275] Jüngern das Uebergewicht nie drückend empfinden, welches seine Jahre ihm über uns verliehen, wenn schon er beständig geneigt war, uns den reichen Schatz seiner Erfahrungen freundlich zu Gute kommen zu lassen.

Ich habe im dritten Bande dieser Erinnerungen erzählt, wie mein Vater und ich es im Jahre zweiunddreißig durch meine Schuld versäumt hatten, uns Herrn von Varnhagen vorzustellen. Auch als ich im Jahre neununddreißig den Winter in Berlin zubrachte, hielt mich die Scheu, seine Zeit in Anspruch zu nehmen, ohne ihm einen Ersatz dafür bieten zu können, von einem Besuche bei ihm ab. Als ich dann vier Jahre später abermals nach der Hauptstadt zurückkehrte, sah Herr von Varnhagen keine Gesellschaften bei sich. Meine Cousinen, die seit dem Tode ihres Vaters, des Doktor Assing, unter dem Schutze ihres Onkels Varnhagen lebten, hatten mir nicht vorgeschlagen, mich ihrem Beschützer vorzustellen, ich hatte mir also daraus den Schluß gemacht, daß es ihm lieb sei, nicht behelligt zu werden, und hatte denn eine geraume Zeit in Berlin gelebt, ohne ihn jemals gesehen zu haben.

Inzwischen war ich im Winter von dreiundvierzig durch eine Frau von Schmehling mit Fräulein Henriette Solmar, bekannt geworden, bei welcher Herr von Varnhagen seit Rahel's Tode fast alle seine Abende zubrachte, aber auch dort hatte ich ihn nicht getroffen, weil ein längeres Unwohlsein ihn in seiner Behausung zurückhielt.

Fräulein Solmar war eine entfernte Verwandte von Rahel Levin, und lebte damals, wie noch lange Jahre nachher, in dem obern Stockwerk des Königlichen Bankgebäudes, dessen Fenster auf die hohen Baumwipfel eines[276] schattigen Gartens niedersahen. Von Varnhagen und von dem geistigen Leben Berlin's zu sprechen, ohne Fräulein Solmar's zu erwähnen, in deren Zimmern sich durch ein Menschenalter fast Alles zusammenfand, was die deutsche, ja man kann wohl sagen, was die europäische Literatur an Namen aufzuweisen hatte, ist aber nicht wohl möglich; abgesehen davon, daß sie und ihr Salon damals fast allein noch jene Tradition der alten Berliner Geselligkeit aufrecht erhielten, welche in dem Varnhagen'schen Hause einst ihren Gipfel gehabt hatte.

Niemand wird aber zufällig der Mittelpunkt eines Kreises von ausgezeichneten Menschen. Das Bedeutende zu erkennen muß man selber Bedeutung haben, und um es dauernd an sich zu fesseln, dazu gehören Eigenschaften, die sich nur selten so wie in Fräulein Solmar, der langjährigen Freundin Varnhagen's zusammen finden. Mit schnellem klarem Verständniß verband sie eine lebhafte Empfindung für Wahrheit und für das Schöne, und zugleich eine ganz ungewöhnliche Anspruchslosigkeit. Sie sprach die modernen Cultursprachen wie ihre Muttersprache, kannte die moderne Literatur in ihrer weitesten Ausdehnung, und hatte neben der liebevollen Gabe vortrefflich zuzuhören, die höchste Anmuth im Erzählen, wobei ihr die ganze Tonskala von dem würdigsten Ernste bis zu dem Humor des heitern Berliner Witzes gleichmäßig zu Gebot stand. Dabei war sie ihrer Zeit eine ausgezeichnete Sängerin und Clavierspielerin gewesen. Altersgenossen rühmten ihr Talent für das Schauspiel, und Jeder, der sie näher kannte, mußte die Einfachheit, die Gradheit ihres Wesens, neben der feinsten Form und der zartesten Diskretion[277] schätzen lernen. Durch die ganze Reihe meiner Erinnerungen ist mir keine zweite Frau vorgekommen, die so wenig von ihren Gästen für sich selbst verlangte, die völlig heiter und zufrieden war, wenn Andere sich behaglich bei ihr fühlten, und ich habe überhaupt nur wenig Frauen gekannt, welche ihren Freunden so durch alle Wechselfälle des Lebens unwandelbar verlässig blieben wie sie, ohne ihnen je ein Freundschaftsversprechen oder eine besondere Freundschaftsversicherung gemacht zu haben. Klänge es nicht gesucht, und das ist es nicht, da das Bild sich mir eben unwillkürlich bietet, so möchte ich sagen, man gewöhnte sich, wenn man sie kannte, auf sie und ihre Beständigkeit, wie auf die Wiederkehr des Tages zu bauen. Das Gute und Liebenswürdige wurde so selbstverständlich an ihr.

Eben so einfach wie sie selbst, war auch die Art, in welcher sie ihre Gäste behandelte. Sie hatte, was so vielen Hausfrauen fehlt, die unschätzbare Klugheit, die Menschen in Ruhe, das heißt sie gewähren zu lassen. Niemand brauchte seinen Geist, sein Wissen in ihrer Nähe besonders zu beweisen, Niemand brauchte Künste zu machen; und weil man volle Freiheit hatte, gab Jeder sich unbefangen in ihrem Hause, bot Jeder unwillkürlich sein Bestes dar, und alle Theile fanden und finden noch heute, nach fünfundzwanzig weitern Jahren, eine Befriedigung in dem schönen, freundlichen Zimmer der trefflichen Frau. Es wäre zu wünschen, daß man jetzt, wo die Photographie für solche Zwecke so bereitwillig ihre Hülfe leiht, ein Bild dieses langen Saales mit seinen verschiedenen Etablissements aufnehmen ließe, denn durch ganz Europa und über seine Grenzen hinaus, leben zahlreiche Freunde und[278] Gäste dieses Hauses, denen es wohl geworden ist in dem Raume, und die sich bei dem Anblick desselben mit Freuden der guten Stunden erinnern würden, welche sie in demselben genossen haben.3

Fräulein Solmar's Gewohnheiten waren von je sehr häuslich. »Man braucht nur hübsch in Berlin und in seiner Stube zu bleiben,« pflegte sie zu sagen, »um alle Welt kennen zu lernen!« Und für ihr Theil hatte sie damit recht. Sie empfing ihre Freunde an jedem Abende. Nach sieben Uhr fand man sie, mit seltensten Ausnahmen, Winters an ihrem Theetisch sitzen, ihre verwittwete Schwester und deren Tochter, ihr gegenüber, und es währte dann auch nicht lange, bis dieser oder jener Fremde, und einer oder der andere alte Bekannte sich bei ihr einstellten. Wer aber auch kommen, wie groß die Zahl der Gäste auch werden mochte, ein bestimmter Stuhl, ein wunderlicher dreieckiger Sessel, zur rechten Seite des Sopha's, dicht neben dem Ofen, wurde von Niemand eingenommen, denn diesen Stuhl hatte Herr von Varnhagen sich ausgewählt, und Herr von Varnhagen kam damals an jedem Abende zu seiner Freundin.

Kurz vor acht Uhr oder doch nur wenig später, pflegte sich regelmäßig die breite einflüglige Thüre des nicht eben hohen Salon's zu öffnen, und es trat dann raschen Schrittes ein Mann von etwa sechszig Jahren ein. Er trug einen schwarzen Oberrock, den Stern eines Ordens an breitem[279] Bande um den Hals, den Hut, und den Rohrstock mit goldenem Knopfe in der Hand. Leichten und leisen Ganges sah man ihn, freundlich grüßend, sich nach dem wunderlichen dreieckigen Lehnstuhl an Fräulein Solmar's Seite begeben, und während er ihr den guten Abend bot, die Zeitungen, welche er ihr alltäglich mitzubringen pflegte, vor sie auf den Tisch legen. Das war der Geheimerath Varnhagen von Ense.

Kaum daß er sich niedergelassen hatte, so wendete er sich der Unterhaltung zu, und es war dann ein Vergnügen, das feine, bewegte Mienenspiel seines Antlitzes zu betrachten. Sein Gesicht war rund und hatte in den Formen und Farben viel Jugendliches behalten, auch das volle graue Haar hatte noch ein leichtes Gelock, so daß man es sich ohne Mühe vorstellen konnte, welch hübscher junger Mann, welch eleganter Offizier er gewesen, und wie gefällig seine Erscheinung sich auf dem Parket des diplomatischen Salons dargestellt haben mußte, da sie noch in spätern Jahren so viel Anmuth besaß. Er trug eine Brille mit sehr großen Gläsern, hatte aber weder das Ansehen noch die Manieren eines Kurzsichtigen. Seine Bewegungen waren durchaus frei, und obschon er auch im Sitzen bisweilen lange den Stock in der Hand behielt, war seine Gestikulation für einen Deutschen ungewöhnlich lebhaft, denn er pflegte seine Worte, mehr als es im Allgemeinen unter uns geschieht, durch Bewegung des Kopfes und der wohlgeformten und wohlgepflegten Hände zu begleiten.

Als man mich ihm vorgestellt hatte, setzte er sich mit großer Freundlichkeit zu mir, und sprach mir den Antheil aus, welchen meine beiden Romane ihm eingeflößt hätten.[280] »Eine Dichtung,« sagte er, »welche sich das Leben und die Verhältnisse einer Judenfamilie und namentlich einer jungen Jüdin zur Aufgabe gestellt, müsse ihm natürlich besonders anziehend sein, da er an Rahel und durch sie vielfach Gelegenheit gehabt habe, sich mit der eigenthümlichen Geistesrichtung dieses Volksstammes zu beschäftigen. Er habe überhaupt viel Freunde gehabt, welche demselben angehört, und es lägen in dem jüdischen Geiste, neben Fehlern und Verkehrtheiten, die nicht abzuläugnen wären, und von denen nur die Durchgebildeten und Besten sich frei zu machen wüßten, eine ursprüngliche Energie und Schlagfertigkeit, die ihm immer anziehend gewesen wären. Es sei in den Juden eine Gradheit des Sehens, eine eigene Art von Scharfsinn, welche Rahel im allerhöchsten Grade, ja bis zu seherischer Klarheit besessen habe.«

Ich sprach ihm so gut ich es konnte aus, was Rahel's Briefe mir in einer bestimmten Epoche meiner Jugend gewesen waren, und welch eine Wohlthat er auch mir mit deren Herausgabe bereitet hätte. Er hörte das freundlich an, und lobte dann meine Schreibweise, wobei er mir dringend empfahl, was ich auch immer schreiben möge, nie die Sorgfalt auf den Styl aus den Augen zu setzen. »Wer sich formell zum korrekten und edeln Ausdruck seiner Gedanken gewöhnt, korrigirt und veredelt damit sein Denken,« sagte er. »Es ist sehr schwer, in einem durchsichtigen und klaren Styl etwas Unklares oder Thörichtes auszusprechen, und ist irgendwo die Wechselwirkung auffallend, so ist es die zwischen Ausdruck und Gedanke.«

Man nahm ihn von anderen Seiten in Beschlag, und[281] ich sprach ihn an dem Abende, so viel ich mich erinnere, nicht wieder.

Am andern Morgen, es war am dritten Mai achtzehnhundert vierundvierzig, einige Tage vor meiner Abreise nach Schlesien und Böhmen gewesen, sendete er mir mit einigen freundlichen Worten Rahel's Briefe.

Er hatte sicherlich die Absicht gehabt, mir eine Freude zu bereiten, eine Aufmunterung zu gewähren, wie groß beide aber waren, davon hatte er gewiß keine Ahnung, ganz abgesehen davon, daß mir nun die Gelegenheit geboten wurde, ihm persönlich danken zu gehen.

Ich that es an einem der folgenden Tage. Herr von Varnhagen wohnte in der Mauerstraße, in einem Quartiere des palastähnlichen Hauses Nummer sechsunddreißig, das er schon zu Rahel's Zeiten inne gehabt hatte, und in welchem sie und auch er gestorben sind. Es war ein großes Haus mit ansehnlichem Portal, recht für den Empfang von Gesellschaft gemacht. Die weite Einfahrt, die breite, gelind ansteigende Treppe, die durch Spiegel maskirten Eingangsthüren im ersten Stock, die Bänke für eine wartende Dienerschaft hatten etwas vornehm Gastliches. Trat man aber aus diesem Vorhause in die Varnhagen'schen Zimmer hinein, so befand man sich mit dem ersten Schritte in einer großen Bibliothek, und das weltmännische Element und die Gelehrsamkeit, welche sich in Varnhagen zusammenfanden, waren dadurch gleich bei dem Eintritt wie in einem Bilde dargestellt.

Nachdem der Bediente mich ihm angemeldet hatte, öffnete mir eine ältliche Frauensperson, deren Kleidung zwischen der Tracht einer Dienerin und einer Dame die[282] Mitte hielt, die Stubenthüre, und trat mit mir zusammen bei Herrn von Varnhagen ein, der ausgestreckt, mit einer seidenen Decke bedeckt, auf einem kleinen unbehaglichen Sopha lag, welches nach englischer Weise unter den Fenstern stand. Er sah viel älter als am Abende aus, klagte über seine schlechte Gesundheit, und die ältliche Frau machte sich geflissentlich das Geschäft, ihm die Decke zurecht zu legen. »Das ist Dore!« sagte er freundlich, »die Ihnen wohl aus Rahel's Briefen bekannt sein wird.«

Es schien mir, als habe »Dore« diese Art von Vorstellung eigens erwartet, als sei sie nur um dieselbe zu genießen, in das Zimmer gekommen, und Herrn von Varnhagen's Güte, Treue und Dankbarkeit des Herzens, welche von allen Denen, die ihn näher kannten, als hervorstechende Eigenschaften seiner Natur gerühmt wurden, waren ganz dazu gemacht, der bewährten Dienerin diese Befriedigung ihrer Eitelkeit als Anerkennung ihrer treuen Dienste zu vergönnen. Sie sprach ein paar Worte von ihrer seligen gnädigen Frau, Varnhagen lächelte dazu nachsichtig, und mir fiel der Ausruf Rahel's auf ihrem Sterbebette ein, als Dore sie einmal mit solcher Anrede angesprochen hatte: »Ach was! es hat sich ausgegnädigefraut, nennt mich Rahel!« – Es war das Ehrliche, Kecke, Unumwundene in Rahel's Geist und Ausdruck, das ich so sehr in ihr liebte, weil es einen so schönen Hintergrund für die Weiche und Güte ihres Herzens abgab.

Als die Dienerin darauf hinausging, kam mir Herr von Varnhagen plötzlich wieder jünger und gesünder vor, denn er richtete sich hoch auf, sprach lebhaft und munter, und ich konnte mich an jenem Morgen des Gedankens[283] nicht erwehren, als finde Dore ein Interesse daran, ihren Herrn in der Krankenrolle zu erhalten, um sich ihm unentbehrlich zu machen.

Ehe ich nun im Jahre vierundvierzig abermals von Berlin nach Königsberg ging, traf ich Herrn von Varnhagen wieder bei Fräulein Solmar. Ich erzählte ihm, daß ich für den Winter zu meinem Vater und nach Hause zurückkehren wolle, und während die meisten meiner nahen Bekannten mit diesem Vorhaben nicht recht einverstanden waren, erklärte er sich ganz entschieden dafür; ja, als ich später zu ihm ging, mich ihm zu empfehlen, rieth er mir eigens dazu. »Sie sind noch nicht so gefestigt gegen neue Eindrücke,« sagte er, »daß sie nicht dadurch zerstreut werden könnten, und wenn auch der an das Leben einer großen Stadt Gewöhnte nirgend besser als in einer solchen arbeitet, so werden Sie gewiß noch Vortheil davon haben, wenn Sie Ihren begonnenen Roman in der Heimath ausführen können, während Sie bei erneuter Rückkehr nach Berlin einen neuen Maaßstab und eine geschärfte Einsicht für dasjenige gewonnen haben werden, was für Sie das Bedeutende und Wesentliche an Berlin ist.«

Aus allen seinen Aeußerungen ging der ernste Wille wirklichen Berathens hervor, und doch, so lebhaft und dankbar ich dies empfand, vermochte ich mich weder an jenem Tage noch jemals später so frei und unbefangen gegen Herrn von Varnhagen auszusprechen, als ich es wünschte, und als es mir andern Personen gegenüber möglich war.

Ich glaube, das rührte von der sarkastischen Seite seiner Natur her, vor der ich Scheu trug, und die ich[284] nicht anzuregen wünschte. Denn wie sich in seinem Gesichte und in den feinen Zügen um seinen Mund, neben dem Ausdruck geistvoller Güte, leicht ein Lächeln des Spottes kund gab, so mischte sich in die Worte seines Antheils oft eine gewisse satirische Wendung ein, die mich unsicher machte. Selbst die Duldsamkeit und Nachsicht gegen Irrthümer und Schwächen, welche er in vielen Fällen bewies, in denen die Strenge meiner Unerfahrenheit eine entschiedene Mißbilligung oder einen harten Tadel von ihm zu hören begehrte, machte mich dann nur unsichrer, scheuer und unselbstständiger. Während ich im Allgemeinen nicht darauf gestellt war, mich immerfort zu fragen, wie ich den Andern eben vorkommen möge, wurde ich Herrn von Varnhagen gegenüber selten die Frage los: »Was mag er von Dir jetzt eben denken?« und mit einer solchen Sorge ist man unfrei.

Ich weiß nicht, ob dieser Zustand, der sonst nur sehr eiteln Menschen eigen zu sein pflegt, bei mir in diesem besondern Falle von dem Verlangen herrührte, Varnhagen's Zustimmung und Beifall vorzugsweise zu gewinnen, oder was es sonst gewesen sein mag; aber durch die lange Reihe von Jahren, in welchen ich ihn kannte, habe ich auf diese Weise immer einen weit freieren Eindruck von seiner Person und von seinem Verkehr gehabt, wenn ich seinem Gespräche mit Andern zuhören konnte, als wenn ich selber mit ihm sprach. Und er sprach unvergleichlich schön!

Man kann nicht sagen, er sprach wie er schrieb; denn er sprach weit hinreißender als er schrieb. Er war im Sprechen energisch, bestimmt, und wenn er sich der[285] Personen, zu denen er redete, versichert hielt, fast rücksichtslos in der Kraft seines mündlichen Ausdrucks. Er umschrieb, er verhüllte dann Nichts, er nannte die Dinge bei ihrem Namen. Ich habe oftmals, wenn ich in spätern Jahren ihn als Begleiterin meines Mannes besuchte, mit dem er durch ein langjähriges Vertrauen verbunden war, bei ihren lebhaften Gesprächen ihm mit wahrer Bewunderung zugehört, und mir dabei gedacht, wie belebend Varnhagen's Vortrag für ein Auditorium und welch ein Lehrer und Redner er auf dem Katheder gewesen sein würde.

Einsichtsvolle historische Auseinandersetzungen, geschichtliche und literarische Anekdoten und Charakteristiken, Urtheile über Lebende und Verstorbene, kritische Zergliederungen neuer Werke, und flüchtige, oft satirische Wiederholungen eben vernommener interessanter Tagesereignisse, wußte er in solchem Gespräche auf das Geschickteste in einander zu verweben, so daß man sich bei ihm stets auf das Unvergleichlichste unterhalten, und in den meisten Fällen wesentlich belehrt und angeregt fand, ohne wie bei Herrn von Humboldt die Empfindung zu haben, daß er geflissentlich unterhalte, und ohne sich dafür zu besonderm Dank verpflichtet zu fühlen. Das klingt vielleicht sonderbar; aber es ist das nichts Unehrerbietiges, sondern nur etwas menschlich Berechtigtes. Wie aufrichtig man nämlich auch zum Verehrer des Großen und Erhabenen geneigt sein mag, so hat man es doch nöthig, sich mit Demjenigen, mit dem man in der Unterhaltung verkehren soll, annähernd auf gleichem Boden zu befinden, oder ihn mindestens nicht durch die allgemeine Verehrung[286] so hoch über die ganze Menschheit hinaus erhoben zu sehen, daß eine andere Annäherung, als die des bewundernd staunen den Emporschauens, unmöglich wird. Man kann vor einem Kolosse, der auf hochragendem Piedestale sich über unsere Häupter weithin sichtbar erhebt, nicht dieselbe Empfindung haben, welche uns neben einer menschlich schönen Statue in umfriedetem Raume erfüllt. Und grade das Leichtzugängliche, das anscheinend Absichtslose und doch stets Bewußte und Formvolle in Herrn von Varnhagen's Unterhaltung, machte diese in so hohem Grade erfreulich.

Ich habe mir, eifrig zuhörend, oftmals die kleine Stube betrachtet, während er sprach. Ein schlichtes Bett, zwei altmodische, vielgebrauchte Schreibtische dicht aneinander gerückt, das kleine Sopha, ein paar bücherbedeckte Tische und Stühle, das war Alles. Aber die Wände hingen voll Portraits; hier mahnte eine Statuette, dort ein Relief an die bedeutenden Menschen, welche als Gäste und Freunde in diesem unscheinbaren Raume geweilt hatten, und auch hier ist es sehr zu beklagen, daß man nicht, wie bei Alexander von Humboldt, daran gedacht hat, ein Bild dieses Zimmers und seines Bewohners den zahlreichen Freunden desselben aufzubewahren, als man Varnhagen aus demselben zu seiner letzten Behausung trug.

Varnhagen hatte ein Alter von dreiundsiebenzig Jahren erreicht, als ihn ein plötzlicher, schmerzloser Tod unerwartet der Welt und seinen Freunden entriß. Obschon fortwährend kränkelnd, befand er sich doch bis zur letzten Stunde seines Lebens in fast ungeschwächtem Besitze seiner körperlichen und geistigen Kräfte. Ja, man konnte sagen, daß in seiner schriftstellerischen Production sich Ausdruck[287] und Darstellung fortwährend gesteigert hatten. Nur ein mehr und mehr sich geltend machender Zug und Hang zum Anekdotischen in der Unterhaltung, konnte in den letzten Zeiten als Zeichen des Greisenalters dienen. Sein Antheil aber, den er eben sowohl an den Begegnissen seiner Freunde und Bekannten, wie an den Zeitereignissen und an den Schicksalen seines Vaterlandes und seiner Nation nahm, bezeugte die volle Jugend seines Geistes und seines Herzens. Er war muthiger und hoffnungsvoller als viele der Jüngsten, und radikaler in seinen Ansichten als die Meisten; aber sein Radikalismus war mehr ein theoretischer. Praktisch wurde derselbe durch das innerste Wesen seiner Natur gelähmt. Varnhagen war eine so durchaus aufnehmende und weiche Natur, daß alle Personen mit denen, und alle Epochen, in denen er gelebt, Spuren ihrer sie kennzeichnenden Eigenschaften in ihm zurückgelassen hatten. Das machte ihn vielseitig, verständnißvoll und duldsam. Die Duldsamkeit ist aber ebensowohl eine Tugend als eine Schwäche je nach der Kraft des Charakters, in dem sie sich kund giebt. Sie kann den Menschen befähigen über den Parteien zu stehen, aber sie macht unfähig ein eigentlicher Parteimann zu werden, denn sie schreckt vor der Härte der rücksichtslosen Consequenz zurück; und es war sicherlich die Erkenntniß seiner eigenen Natur, welche Varnhagen abhielt, sich in spätern Jahren an dem öffentlichen Leben praktisch zu betheiligen, obschon er bis an sein Lebensende die treuste und wärmste Theilnahme für die freie Entwicklung Deutschlands bewahrte, der er von Jugend auf gedient hatte.[288]

3

Es ist dies leider, trotz unserer Anmahnung nicht geschehen, als Fräulein Solmar, die zur Freude ihrer Freunde noch unter uns lebt, zu Ende der sechziger Jahre die Wohnung wechseln mußte.

Quelle:
Fanny Lewald: Gesammelte Werke. Band 3, Berlin 1871, S. 275-289.
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