Dreyundzwanzigster Brief

Sophie an Marien

[130] Ihr Brief, liebste Marie, hat mich sehr gerührt. Unzählige Thränen habe ich dabey vergossen. Aber wie lehrreich ist er nicht auch für mich! Meine Marie erträgt das schwerste Leiden mit unaussprechlicher Sanftmuth und Geduld. Ihr sanftes Herz, weit entfernt an ihrem untreuen Geliebten Rache zu nehmen, ist noch besorgt für sein Wohl. Wie beschämt mich Ihr Beyspiel, meine Freundinn! Wie brausete ich nicht bisher auf, wenn mir etwas unangenehmes begegnete! Wie ungeduldig machten mich nicht gleich kleine Leiden! Aber ich will an mir arbeiten, ich will mich bemühen, die Sanftmuth meiner Marie nachzuahmen.

Meines Geliebten schönes Herz entdeckt sich mir mit jedem Tage mehr. Gestern waren wir in einer Gesellschaft, in der sich auch Herr Fritzleben[130] befand. Sie wissen, daß dieser sonst den Anbeter von mir machte. Er konnte es nicht verschmerzen, dieses Amts durch Karlsheim so ganz entledigt zu seyn; er nahm also sein Bißchen Witz zusammen, und wagte verschiedne Ausfälle auf Karlsheim. Dieser ließ sie anfangs ganz unbemerkt hingehen. Da aber Fritzleben es zuletzt gar zu auffallend machte, schlug er ihn mit einer einzigen geistvollen Antwort nieder. Aber weit entfernt, nunmehr, da Fritzleben beschämt schwieg und die Gesellschaft dem Sieger Beyfall lächelte, eine triumphirende Miene anzunehmen, lenkte er auf eine so feine Art ein andres Gespräch ein, daß bald der ganze Vorfall vergessen wurde.

Eins nur befremdet mich an ihm. Seine Blicke scheinen zuweilen einen gewissen Kummer zu verrathen, den er zwar sorgfältig zu verbergen sucht, der aber doch oft hervorscheint. Ich werde die Ursache davon zu erforschen suchen.[131]

Leben Sie wohl, beste Freundinn. Möchte doch Beruhigung in Ihr leidendes Herz fließen, und Ihre Seele wieder so unbefangen und heiter werden, wie sie es vorher war, ehe der – (verzeihen Sie, Marie, bald hätte ich gesagt verwünschte Brief; denn so wenig ich auch Ihren Kummer vergrößern will, so kann ich Ihnen doch mein Misfallen, daß Sie ihn lasen, nicht bergen –) unglückliche Brief in Ihre Hände kam.

Sophie.

Quelle:
Margareta Sophia Liebeskind: Maria. Theil 1–2, Theil 1, Leipzig 1784, S. 130-132.
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