An der table d'hôte

Stück in Esther

[68] Kapitel 4. Vers 3-14.


Cap. 4. v. 3. Und am dritten Tage legte sie ihre tägliche Kleider ab, und zog ihren königlichen Schmuck an,

4. Und war sehr schön, und rief Gott, den Heiland, an, der alles siehet; und nahm zwo Mägde mit sich, und lehnete sich zierlich auf die eine, die andere aber folgte ihr, und trug ihr den Schwanz am Rock.

5. Und ihr Angesicht war sehr schön, lieblich und fröhlich gestaltet; aber ihr Herz war voll Angst und Sorge.

6. Und da sie durch alle Thüren hinein kam, trat sie gegen dem Könige Artaxerxes, da er saß auf seinem königlichen Stuhl in seinen königlichen Kleidern, die von Gold und Edelsteinen waren, und war schrecklich anzusehen.

7. Da er nun die Augen aufhob, und sahe sie zorniglich an, erblaßte die Königin, und sank in eine Ohnmacht, und legte das Haupt auf die Magd.

8. Da wandelte Gott dem Könige sein Herz zur Güte, und ihm ward bange für sie, und sprang von[68] seinem Stuhl, und empfing sie mit seinen Armen, bis sie wieder zu sich kam, und sprach sie freundlich an: Was ist dir, Esther? Ich bin dein Bruder, fürchte dich nicht, du sollst nicht sterben. Denn dies Verbot betrifft alle andere, aber dich nicht.

9. Trit herzu.

10. Und er hob den goldenen Scepter auf, und legte ihn auf ihre Achseln, und küssete sie und sprach: Sage her.

11. Und sie antwortete: Da ich dich ansahe, deuchte mich, ich sähe einen Engel Gottes; darum erschrak ich vor deiner großen Majestät.

12. Denn du bist sehr schrecklich und deine Gestalt ist ganz herrlich.

13. Und als sie so redete, sank sie abermals in eine Ohnmacht, und fiel darnieder.

14. Der König aber erschrak sammt seinen Dienern und tröstete sie.


Einer wunderschönen Jüdin

Saß ich heute gegenüber,

Aus den großen braunen Augen

Klagte scheu Jerusalem.


Eingeschlagen wie zwei Nägel,

Blitzten in den kleinen Ohren

Diamanten reinsten Wassers,

Blitzten lüstern mir ins Herz.


Unausstehlich war ihr Gatte,

Grau, gelangweilt. Zähne stochernd,

Dachte an Prioritäten,

Eifersüchtig schien er auch.
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Und ich hob den vollen Römer,

Und ihn an die Lippen setzend,

Fand ich ihre braunen Augen,

Trank ihn aus auf einen Zug:


Haman, Esther, hieß der Unhold,

Der dich einst vernichten wollte,

Haman nenn' ich deinen Gatten,

Ich will Artaxerxes sein.


Haman schaukelte bei Susan

Bald an einem hohen Galgen,

Als den König Artaxerxes

Du verliebt in dich gemacht.


Dein Genosse Haman aber

Soll im Saal am Leuchter hängen,

Und in Artaxerxes Armen

Ruht die schöne Königin.

Quelle:
Detlev von Liliencron: Adjudantenritte und andere Gedichte, Leipzig 1883, S. 68-70.
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