[Prolog]


[88] Asien wird in gestalt einer Frauen von den Lastern angefässelt auf den Schau-Platz gestället.


Weh weh! Mir Asien / ach! weh!

Weh mir! ach wo Ich Mich vermaledeien

Wo Ich bei diser Schwermuths-See

Bei so vil Ach selbst mein bethränt Gesicht verspeien;

Wo ich Mich selbst mit höuln und Zetter-Rüffen

Durch strängen Vrtheils-Spruch verdammen kan!

So nim dis lächtsend Ach / bestürtzter Abgrund an!

Bestürtzter Abgrund! o die Glider triffen

Vol Angstschweis! ach des Achs! der lawe Brunn der dürren Adern schwällt

Den Jäscht der Purper-flut! mein Blut-schaum schreibt mein Elend in den Sand!

Entthrönte Königin! entzepterte Beherscherin der Welt!

Gestürtztes Asien! aus Ichts in Nichts und Staub verstobens Land!

Ja wol aus Jchts / als mein gekröntes Haupt

Ein Haupt so viel gekrönter Häupter war;

Als ich noch mit Sigs-Palmen war belaubt

Vnd aller Welt gesätze reichte dar;

Als noch gesänkt zu disen Füffen

Europens Haupt und Afrika mein Zepter musten küssen:[16]

Als mein Geboth wie Stahl und Glut durch-drang

Vnd Länder zwang.

Ach! aber ach! so hoch als ich beim Tugend-Gipffel

In Goldgestickten Kleidern stand /

So tief hat sich das Spil verwand

So starb mein Ruhm! so schlägt die Zeit die grünen Wipfel

Von den bejahrten Zedern ab.

Man schmükt mir ia noch wol mit diesem Purper-Rokke

Mit Inseln / Königs-Krantz und -Stab

Hals / Achseln / Hand / und Haupt; wo man mit solchem Schmukke

Mich nicht nur spötlich schminckt und äffet und geheiht.

Doch auch gesätzt / daß dis beschönungs-Kleid

Mich nicht beschimpft:

So trag ichs doch nur zu Vermummung meiner flekke /

Zur brand- und schand-mals schminkk / und meiner schalkheit Däkke /

Wiwol Ich weis / daß man die Nase rimpft

Vnd Mäuler auf Mich flennet /

Ich weis nicht wie? wol nennet.

Vmb prächtgen Schmuck der aussen gleist und schimmert

Daß der Sere von den Wipffeln seidne Wolle drüselt ab /

Daß der Tirer Schnekken-Farbe / Gangens Schaum-schwolst Perlen hab;

Der Inde Gold; des bin ich nicht bekümmert.

Wird wer den aussen-Glantz beim innern Glider-Koth besähen /

Der wird mich viel verächtlicher noch schmähen.

Mich schmertzts / und Ich beschmertz es auch mit disem bangen Säufzer-galme

Wenn Ich mich wie aus einem träum und kwalme

Auf Mich / als Ich noch in der blüthe war / besinn,

War Ich nicht Asien /die gröst und ältst und schönste meiner Schwestern?

Hat Neid und Geiffer-Sucht Mich für der Themis Richtstuhl können lästern?

Der Menschen Ahn-Herr hilt mich erblich inn'.

Hat alles All / den Ost und West / und Sud und Nord nicht schlissen

Mich selbst nicht oft mit seinem Glantz erfüllt[17]

Vnd sich selbst-ständig in mich ein verhüllt?

Luft Himmel / Erde Meer / Glut / Felder / Wälder / Klippen wissen

Mit stummer Zunge noch zu sprächen /

Das sie gesähn die Sonne stehn /

Gewölkte Feuer-Säulen gehn

Die Felsen bersten Klippen brächen /

Den Regen Brodt / die Wellen Mauern werden.

Weh! weh / mir Asien / ach weh!

Stund imand auf dem Schau-Saal diser Erden

So hoch gepflantzt zur Ehren-höh?

Mein Mund hat Kirch und Volk den Gottes-Dinst gelehrt /

Die Welt hat unsern Arm als Kronen-Herrn verehrt.

Das zwölf-bekrönte Haupt / des Halfes Alabaster

Pflügt unter Gog und Magogs Joch.

Der freie Nakken ist verkoppelt an die Laster

Für den ich kaum nur athme noch.

Der Zepter und die Hand die vor nichts Mördrisches mißhandelt

Hat Ach Mir in Metall und in Blut-dürftig Ertzt verwandelt.

Das dürre Hertze schwimt in Flamm und Glutt /

Der Glider Ketten schwirn / die stählernen gelänkk erschüttern /

Der steinern-schwere Fus trit und zerknikt durch sein erbittern /

Die treuge Zunge lekt gelifert Blut

Die welke Seuge-Brust

An die des Schöpfers Sohn der Schöpffer angehangen /

Gibt Hunger / Krig' und Pest als Egeln / Molch und Schlangen

Vergifte Lebe-Kost.

Geitz / Mord-lust / Geld-durst / Haß und was der Abgrund zeuget

Wird alls an Mir gesäuget.

Fragt Sterbliche / nach Kind- und Eiter-Mördern

Und die durch Dolch und Gifft und Strang und schwerd /

Der Freunde Rei und Brüder schaar begehrt

Ins Bein-Haus für bestimter Zeit zu fördern.

Fragt / Fürsten fraget nach / nach denen die die Klawn

Umb Lust zu herschen durch des Herschers Brust gehaun.[18]

Ach! tausend Würme wol die sich also beflekket

Hat meine Schos gehökket.

Ha Bluthund! Bluthund ha! unmenschlichs Mensch! verzweifelter Tyrann

Durch-teuffeltes Gemüth / Ertzt-Mörder Soliman!

Ertz-Mörder! Ach hab Ich

Dich Tigerthier dich Wurm mit meiner Milch gesogen

Hab Ich dich Drache Mich zu fressen aufferzogen

Dich Kinder-Mörder dich!

Was stifftestu? du Grewel dieser Zeit

Auf Ibrahims gerechten Kopff für Leid!

Blitzet ach! blitzet ach! Wolkken und machet von den umbfäßelnden Lastern mich loß!

Donner ach! Donner! zerschlag und zersplitter ides in einen zerdrümerten Klos.

Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Türkische Trauerspiele. Stuttgart 1953, S. 16-19,88-89.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Ebner-Eschenbach, Marie von

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Ein Spätgeborner / Die Freiherren von Gemperlein. Zwei Erzählungen

Die beiden »Freiherren von Gemperlein« machen reichlich komplizierte Pläne, in den Stand der Ehe zu treten und verlieben sich schließlich beide in dieselbe Frau, die zu allem Überfluss auch noch verheiratet ist. Die 1875 erschienene Künstlernovelle »Ein Spätgeborener« ist der erste Prosatext mit dem die Autorin jedenfalls eine gewisse Öffentlichkeit erreicht.

78 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon