Die vierdte Abhandlung.

[313] Der Schauplatz stellet für einen Königlichen Saal.

Scipio. Lælius. Syphax. Eine Menge Römischer Kriegs-Obersten und Soldaten.


SCIPIO.

So hat den Göttern es durch unsre Sieges-Waffen

Des Syphax Friedenbruch gefallen zu bestraffen!

Rom und die Nach-Welt wird dein danckbar Schuldner sein /

Und dich mit Siegs-Gepräng ins Capitol holn ein.

Der Himmel ist indes uns auch zu Hülffe kommen;

Wir haben Utica und Tunis eingenommen /127

Carthagens rechten Zaum / wordurch die neue Stadt

Schon halb belagert ist.128 Des Feindes Seemacht hat

Vergebens sich gewagt an unsre wenig Schiffe.

Nun aber zeig uns an / durch was für kluge Griffe

Das Reich Numidien in so sehr enger Zeit

In eure Hände fiel.

LÆLIUS.

Als deine Tapferkeit /

Durchlauchtigst-grosser Held / hatt' Asdrubaln erleget;

Und Masanissa sich nebst mir hieher beweget /

Fiel ihm's verlohrne Reich als rechtem Erben zu /129

Vom Syphax wieder ab / der gleichwol sonder Ruh[313]

In seinem Reiche sich müht' ein neu Heer zu richten /

Fast stärcker / als das sich bey Utica zu flüchten

Für dir genöthigt ward. Mit dieser neuen Macht

Wagt' er uns beyden lieh zu liefern eine Schlacht.130

Des Feindes Reuterey fiel als ein häuffig Hagel

Des Heeres Spitzen an; so: daß an einem Nagel

Flucht und Verwirrung hing. Doch dieser Sturmwind nam

Bald mit Verwundern ab / so bald das Fuß-Volck kam /

Und mit geschloßner Macht des Syphax Reuter trennte.

So eyfrig auch der Feind im ersten Ansatz brennte /

So lau ward der Bestand / so furchtsam seine Flucht.

Ja als ihr König sich131 mit höchstem Eyfer sucht:

Wie er sein flüchtig Heer in frischen Stand versetzet /

Und an der Spitze kämpft / wird ihm fein Pferd verletzet /

Daß er zu Bodem stürtzt; und er / mit was für Macht

Man ihn zu retten meint / gefangen zu mir bracht;

Der hier des Scipio siegreichen Fuß muß küssen.

Als auch die Reuterey voran mit Masanissen

Für Cyrthens Mauern kommt / ihr ihren König weist /

Und ihm mit scharffem Dreun die Pforten öfnen heißt /

Macht' er sich Augenblicks der großen Festung Meister.

SCIPIO.

Die Götter machen klar: daß eure Helden-Geister

Ihr Einfluß rege macht / ihr himmlisch Trieb bewegt;

Weil er uns spielende den Feind zu Füssen legt.

Nun eure Tugend sol verdienten Lohn empfangen I

Ja eure Bilder solln in Ertzt und Marmel prangen /

So lange Rom beströmt wird von der Tyber sein.

In was wird aber man dich / Syphax / etzen ein?

In was wird dein schlecht Ruhm und schlimm Gedächtnüs stehen?

Urtheile selbst: wie Rom mit dir itzt umbzugehen

Hat Uhrfach wider dich: Was hast du dir gedacht?

Als du durch Friedenbruch132 meineydig dich gemacht;

Als du den Bund verletzt / den du mir selbst geschworen. so

Hast du / wie vor die Treu / itzt alle Scham verlohren?

Eydtbrüchiger! meld an: Ob Rom dir Uhrfach gab:

Daß du so liederlich fielst von den Römern ab?

SYPHAX.

Großmächtger Scipio. Ich bin für mein Verbrechen[314]

Von Göttern so gestrafft: daß menschlich Urtheil-sprechen

Nicht meinem Leide kan das minste setzen bey;

Gesätzt: daß Beil und Pfal mir schon bestimmet sey;

Ich bin so tief verfalln / und bin so hoch gewesen.

Rom und Carthago hat auf einmal mich erlesen

Zum Ancker seines Heils / gebuhlt umb meine Gunst /

Mit Ehrerbittung mir der leichten Freindschaft Dunst

Wie Göttern Opferwerck begierig fürgetragen.

Der Asdrubal gestehts / und Scipio wirds sagen:

Wie beyde mich verehrt / und jeder sich bemüht

Mein Schoos-Kind sich zu sehn. Schaut itzt den Unterschied!

Für mir hat Masaniß in Hecken wohnen müssen;

Itzt schätzt er mich kaum werth den Bügel ihm zu küssen;

Und Scipio fahrt mich wie Hund und Schergen an.

Lernt: wie der Götter Blitz die Riefen stürtzen kan!

Doch Syphax hats verdient! wiewol mein thörchtes Rasen

Hat seinen letzten Sturm erst vollends ausgeblasen /

Als ich zun Waffen griff / und Rom die Spitze wieß.

Weil meine Raserey sich dar schon blicken ließ /

Als ich aus Barchens Stamm und aus Carthagens Schlangen

Mir eine Frau erkohr. Dar ward die Glutt gefangen /

Die Fackel in mein Hauß / die Pest ins Hertz gebracht /

Dardurch mein Königreich in lichten Flammen kracht /

Mein Heil sich äschert ein. Dar hab ich in mein Bette

Die Natter (ach! daß ich sie nie gesehen hette!)

Erhoben / ja auf Schoos und an die Brust gesetzt

Den Wurm / der stündlich mich auf Rom und euch verhetzt /

Medeen / die steckt an Numidiens Paläste /

Sie / sie hat wider dich / den besten meiner Gäste /

Als ein Busiris mir das Mordbeil in die Hand /

Mich in den Harnisch bracht.

SCIPIO.

Wer Nattern / Pest / und Brand

Ihm selbst in Busem setzt / und unters Dach selbst träget /

Ist nicht Bejammerns werth. Ein kluger Herrscher pfleget

Für Weibern seinen Rath und Ohr zu schlüssen ein

Wie Schlangen / die umbkreißt von dem Beschwerer sein.

SYPHAX.

Für dieser Circe kan sich kein Ulysses hütten.133[315]

SCIPIO.

So schützt ein jeder für / der Schifbruch hat gelitten.

SYPHAX.

Sie ist ein Scorpion / der stets zwar's Gift behält /

Doch in dem Winter sich todt und erfroren stellt /134

Wenn aber Sonn und Gunst ihr liebkost und sie wärmet /

Mehr als die Schlangen sticht / mehr als die Bienen schwermet /

Die durch ihr Honigseim verstellen ihren Stich.

SCIPIO.

So Bien als Scorpion hat seine Straff in sich.

SYPHAX.

Ja! jene büsset ein den Stachel; der die Stärcke /

Wenn uns ihr Stich verletzt. Allein die schlimmsten Wercke

Der Weiber geben noch ein Werckzeug ihnen ab /

Zu steigen in die Höh / und ihrer Männer Grab

Zum Grundstein ihres Glücks und neuen Heils zu machen.

Denn ob sie zwar mehr Gift beherbergen als Drachen /

Darmit sie Adler fälln / und Löwen sperrn ans Joch /

Ists hole Stachel-Röhr der Scorpionen doch

Viel sichtbarer /135 als dis / durch das ein Weib vergiftet.

Was hat mein Ehweib nicht für Arges schon gestifftet?

Sie stürtzt Numidien / steckt Kaccaben in Brand.

Doch hengt der Himmel ihr voll Geigen / und die Hand

Des Glückes steckt ihr an schon neue Hochzeit-Kertzen.

SCIPIO.

Ich glaube / Syphax schwermt von Unmuth / Angst und Schmertzen.

SYPHAX.

Hieraus schöpf ich noch Trost / mein Hertzeleid noch Lust:

Daß itzt mein gröster Feind küßt Sophonisbens Brust;

Daß diese Unholdin / die Seuch und Pest des Landes /

Fein Bett und Hauß steckt an.

SCIPIO.

Wer macht sich dieses Brandes

Theilhaftig?

SYPHAX.

Masaniß ists / den sie durch ihr Gift /

Das Basilisken-Blick' und Molchen übertrifft /

Mehr hat als mich bethört / und schneller angezündet /

Als sie ihn angeblickt.

SCIPIO.

Ihr großen Götter! findet

In dieses Helden Hertz ein solcher Wahnwitz statt?

SYPHAX.

Ja / weil er sich bereit mit ihr vermählet hat.

SCIPIO.

Ich kan der Thorheit kaum vernünftig Glauben geben.

LÆLIUS.

Es ist wahr / was er sagt! Es half kein Widerstreben /

Kein Warnen / ja kein Ernst. Er lief verzweifelt fort

Wie Hirsch' in voller Brunst. Er schäumte Zorn und Mord /

Sties Fluch und Dreuen aus / als ichs verhindern wolte.[316]

SCIPIO.

Ach! daß ich nicht von dir den Schandfleck hören solte!

Du mehr als edler Held! Wo hastu hingedacht?

Daß du ein Weib der Stadt / die sie zu Göttern macht /136

Zur Herrscherin erkiest? du Löwe der Numiden.

Was würde nicht der Wurm durch dich für Ubel schmieden?

Der Scorpionen Gift würckt / wenn der Sonne Rad

Im Löwen137 seinen Lauff / des Hund-Sterns Einfluß hat /

Zweyfache Schädligkeit.

LÆLIUS.

Gar recht! vom Hanno stammet

Sein Ehweib / den darumb Carchedan hat verdammet /138

Weil ein gezähmter Löw ihm an der Seite gieng.

Geht Sophonisbe nun leer aus? die einen Ring

Zwey Löwen leget an / zwey Könige bethöret /

Die Ammon bethet an / die Rom zeither geehret /

Die Welt in Krieg verflicht.

SYPHAX.

Sie hat den Syphax nicht

Geckirrt. Ich war behext. Ich hab ihr Augen-Licht

Andächtiger verehrt als Lybien die Sonne.139

Ihr Antlitz war mein Trost / ihr Anblick meine Wonne /

Mein Wünschen war ihr Heil / und kurtz / sie war mein Gott /

Mein Hertz ihr Heyligthumb. Itzt braucht sie meinen Spott

Zum Ruder ihres Heils / zu Flügeln ihres Glückes /

Schätzt meine Fessel nicht werth eines süssen Blickes /

Küßt meinen Feind und lacht / wenn meine Ketten schwirrn.

Dem Vogel aber weh / der sich läßt Beeren kirrn /

Die ihm ihr Liebreitz stellt! Gewiß auch Rom wird fühlen /

Daß Klipp- und Syrten find / wo Sophonisben spielen.

Seh aber ich bey ihr den Meineyd Straff ausstehn /

Wil ich vergnügt nach Rom in schweren Fesseln gehn.

HAUPTM.

Fürst Masanissa komt den Scipio zu grüßen.

SCIPIO.

Wir wünschen hoch erfreut ihn in den Arm zu schlüssen.

Daß man den Syphax bald verschaff in sein Gemach.


Masanissa. Scipio. Lælius. Eine Menge Römer. Eine Menge Masanißischer Kriegs-Obristen. Eine Menge Numidischer Gefangenen.


MASANISSA.

Beglückter Scipio / der Himmel gebe nach:

Daß er gantz Africa bald kniend für ihm sehe!

Daß sein Gelückes-Wind bald Caccaben verwehe![317]

Den schön und kostbarn Staub in Meer und Felder streu!

Was Masanissens Hand und unverrückte Treu

Hier in Numidien Ersprießliches begangen /

Ist unser Götter Werck. Der König ist gefangen /

Die Hauptstadt bethet uns als ihre Häupter an.

Hier ist die Krone selbst / die er willkührlich kan

Ins Capitol gewehrn; hier find zu Syphax Schätzen

Die Schlüssel ihm gewehrt und zu den festen Plätzen;

Der Zepter / den mein Volck mir wieder überreicht /

Als ich mein Land betrat. Weil Masanissa leicht

Sich zu bescheiden weiß: daß nebst der Götter Segen

Die Gunst des Scipio / der tapfren Römer Degen

Mir hat mein Reich erkämpft. Hier ist die Hauptfahn auch

Des Syphax / die mein Arm aus Schuld und nach Gebrauch

Ihm zu den Füssen legt. Mehr kriegt er hier gebunden

Die Häupter dieses Reichs / die wir jüngst überwunden.

Wenn dieses Scipio schätzt Zeichen meiner Pflicht /

Verlang ich keine Beut / auch keinen Siegs-Preiß nicht.

SCIPIO.

Mein Bruder / und mein Freund / dem ich mein halbes Hertze

Fürlängst schon zugetheilt / des Ruhmes lichte Kertze /

Die feine Tugend ihm in Mohrenland steckt an /

Gläntzt über Abila. Die Freundschaft aber kan

Rom nach Verdienste nicht vergelten Masanissen;

Wenn es ihm gleich aus Gold ein Riesen-Bild läßt gissen /140

Und nebst des Romulus auf Märckt und Tempel setzt.

Denn Tugend ist was mehr / als was ein Künstler etzt;

Verdient auch mehr als Ertzt und Helffenbein zum Lohne.

Wir nehmen itzt zwar an den König und die Krone

Des Reichs Numidien / auch die gefangne Schaar /

Die Fahnen und den Schatz / und was des Feindes war /

Als Banden / welche Rom zu mehrerm Danck verstricken;

Dahin wir sie noch heut ihm wolln zu Ehren schicken;

Nim Lælius alsbald der Sachen fleißig wahr.

Daß aber Masaniß uns beuth die Schlüssel dar

Zun Plätzen feines Reichs / fein Zepter leget nieder /

Ist Höfligkeit von ihm. Er nehme beydes wieder.

Rom schätzt / von Feinden sich bereichern / nur für Ruhm.[318]

Er ist sein gröster Freind / dis ist sein Eygenthumb.

Die Götter lassen ihn und seinen Stamm dar blühen!

Ja Scipio wird sich viel mehr bey Rom bemühen:

Daß Africa sein Haupt mehr Kronen tragen schau /

Auf welches Rom und Ich noch grössre Berge bau.

MASANISSA.

Die Götter wollen Rom und ihren Feld-Herrn segnen!

Auf ihrer Feinde Kopf Blitz / Hagel / Schwefel regnen!


Scipio. Masanissa.


SCIPIO.

Jedoch halt! Masaniß. Es fällt uns noch was ein:

Wo bleibet Sophonisb'? Auch diese muß noch sein

Die Beute der Stadt Rom. Er schweiget! er erblasset!

Er zittert! was für Angst / was für Erschrecknüs fasset

Dir Hertz und Antlitz an?

MASANISSA.

Ach! Scipio!

SCIPIO.

Sag an.

MASANISSA.

Ach! Sophonisbe!

SCIPIO.

Nun / was ist es?

MASANISSA.

Ach! ich kan

Nicht sprechen!

SCIPIO.

Träumet dir? ermunter Hertz und Sinnen!

MASANISSA.

Ach! Sophonisbe sol –

SCIPIO.

Was sol sie?

MASANISSA.

nicht entrinnen?

SCIPIO.

Ja recht / sie sol nach Rom noch heute sein geschickt.

MASANISSA.

So wird mein Lebens-Drat / mein Glücks-Compas verrückt.

SCIPIO.

Wie? hengt sein Geist und Glück an unser Feindin Leben?

MASANISSA.

Ja Masanissa wird mit ihr den Geist aufgeben.

SCIPIO.

Was für ein Uhrsprung ists / woraus sein Wahnwitz kwillt?

MASANISSA.

Er prüfe vor den Baum / eh er die Früchte schilt.

SCIPIO.

Hat Masanissa sich vielleicht in sie verliebet?

MASANISSA.

Ja! Sie mein Engel ists / die mir Vergnügung giebet.

SCIPIO.

Die gestern dir mehr Feind als Spinn und Natter war?

MASANISSA.

Oft kehrt ein düster Heyn sich in ein hell Altar.141

SCIPIO.

Die mit der Mutter-Milch hat Gift und Haß gesogen?

MASANISSA.

Die Drachen werden uns durch Kirrung selbst bewegen.

SCIPIO.

Durch ihr Bewogen-sein kommt Syphax umb sein Reich.

MASANISSA.

Der Rose bleibt ihr Werth / entseelt sie einen gleich.142

SCIPIO.

Ein zaubernd Weib kan auch den klügsten Kopf verstellen.

MASANISSA.

Der Liebe Zucker kan nicht Treu und Milch vergällen.

SCIPIO.

Was schleust den Helden-Geist so schlimmen Fässeln ein?

MASANISSA.

So Tugend als Gestalt / die an ihr Göttlich sein.[319]

SCIPIO.

Hat Rom und Africa nicht Sophonisbens gleichen?

MASANISSA.

Kein Stern weiß Würd und Glantz der Sonne zu erreichen.

SCIPIO.

Begierde siht Comet- oft auch für Sonnen an.

MASANISSA.

Daß Mißgunst / die nichts reucht / doch Rosen tadeln kan!

SCIPIO.

Die Schönheit ist schön Mäh / der einschläfst / nicht erkwicket.

MASANISSA.

Sie weckt die Todten auf / wenn ihr schön Auge blicket.

SCIPIO.

Er tödte mit Vernunft den Reitz der Üppigkeit.

MASANISSA.

Wenn Grund und Giebel brennt / ists nicht mehr leschens Zeit.

SCIPIO.

Ist deine Liebe denn schön bis zum Gipfel kommen?

MASANISSA.

Ja! denn ich habe mir sie schön zur Eh genommen.

SCIPIO.

Ha! ist der Aberwitz von ihm wol Glaubens-werth?

MASANISSA.

Den Göttern hats gefalln / mein Glücks-Stern hats begehrt.

SCIPIO.

Mit dem Verhängnüsse vermummt man eigne Sünden.

MASANISSA.

Des Himmels Reitzungen kan niemand überwinden.

SCIPIO.

Den reitzt die Thorheit / der ins Garn der Wollust fällt.

MASANISSA.

Der Venus Gottesdienst wird selbst hierdurch bestellt.143

SCIPIO.

Gott ist ein keuscher Geist / liebt Andacht keuscher Hertzen.

MASANISSA.

Der Keuschheit heilig Oel ernehrt des Ehstands Kertzen.

SCIPIO.

Nicht wenn ein blinder Trieb uns auf das Glatt-Eiß jagt.

MASANISSA.

Fehl-tretenden wird nicht stracks Laub und Gras versagt.

SCIPIO.

Der thut die Laster selbst / der durch die Finger siehet.

MASANISSA.

Auf was für Absehn ist sein Eyver denn bemühet?

SCIPIO.

Daß Masanissa sol zertrennen Eh und Pflicht.

MASANISSA.

Der Himmel läßts nicht zu / auch mein Gewissen nicht.

SCIPIO.

Es ist ungiltig Ding der Ehstand bey euch beyden.

MASANISSA.

Was kan für Menschen-Recht solch himmlisch Band zerschneiden?

SCIPIO.

Das Kriegs-Recht macht sie Rom zu einer dienstbarn Magd.

MASANISSA.

Sie sey es. Wird nun mir auch eine Magd versagt?

SCIPIO.

So eine; die auf Rom so eyfrig ist vergiftet.

MASANISSA.

Man mißt ihr unrecht bey / was Syphax hat gestiftet.

SCIPIO.

Du fichst für sie umbsonst. Bezwinge selber dich.

MASANISSA.

Was schöpfet Rom für Luft / wenn man Sie kränckt und Mich?

SCIPIO.

Er jammert mich / mein Freund; sein Leid geht mir zu Hertzen /

Ich hab Empfindligkeit und Theil an seinen Schmertzen /

Ich sorge für sein Heil. So schlag er dessen Rath

Doch nicht so schlecht in Wind / den die Erfahrung hat[320]

Als redlich / längst geprüft; ja der nicht seines Bluttes

Für Masanissen schont. Wofern er etwas Guttes

Mir damals zugetraut; als er kam in mein Zelt /

Als wir ein Freundschaffts-Pfand einander zugestellt /144

Von welcher Zeit er mich mit seinem Glück und Hoffen

Willkürlich lies gebahrn; wo er je's Ziel getroffen

Gesuchter Redligkeit; so bild er ihm doch ein:

Daß Scipio nicht hier erst falsch und schlimm wird sein.

Der Tugenden Magnet sol ihn gezogen haben /

So wie er rühmt / zu mir. Von allen grossen Gaben

Weiß ich mich sonsten arm / in der rühm ich mich reich:

Daß meinem Hertzen ist der Liebe Trieb zu weich /

Die Wollust ist mir Gift / und Geilheit schmeckt mir herbe.

Ja sichre dich: daß nichts so sehr als sie verterbe

Den Frühling unser Zeit. Kein giftig Mehlthau nicht /

Kein Reif ist / der so viel der zarten Blüth abbricht

Als Brand der Üppigkeit. Für den geharnschten Heeren

Darf unser Alter sich nicht wie für Wollust wehren /

Die uns ins Garn zu kirrn mit Hilfen Körnern streut /

Mit Engel-Augen winckt / und doch die Hell uns dreut.

Nun diese Tugend muß auch Masanissa lernen /

Wil er mir ehnlich sein / sein Nähme bey den Sternen

Im Sonnen-Zirckel stehn. Wer Wollust übermannt /

Thut mehr / als der den Feind an Sieges-Wagen spannt /

Ja zwey drey Syphax zwingt. Alcides hat am Riefen

Am Löw und Schlangen nicht mehr Hertz und Kraft erwiesen /

Als da beym Scheideweg er wiech der Wollust aus.

Du tritst / behertzter Held / des Syphax Reich in Graus /

Und läßt den Zärtling dich an Spinnen weben leiten

Leg auf die Wage doch die schnöden Uppigkeiten!

Ein Handvoll Ehre wigt zwölf Kisten Wollust weg.

Besudel deinen Ruhm nicht erst durch diesen Fleck.

Mein Beyspiel sey ein Liecht zur Folge Masanissen.

Hast du den Scipio ie eine Frau sehn küssen?

Hat des Allucius fast Göttlich-schöne Braut145

Mein Finger angerührt / ein geiler Blick beschaut?

Der Sophonisbe doch nicht wird den Schatten reichen.

MASANISSA.

Wer wil sich / grosser Held / dem Scipio vergleichen?[321]

SCIPIO.

Ich bin ein Mensch wie du / doch der Begierden Herr.

MASANISSA.

Du bist der Götter Blutt / und stammst vom Jupiter /

Dein Thun weists. Man hat ihn / (von dem als einer Schlangen

Auch Alexandern146 hat Olympias empfangen /)

Wo deine Mutter schlief / oft so gestellt verspürt.

SCIPIO.

Der ist der Götter Kind recht / den die Tugend ziert.

MASANISSA.

Ich bin aus Libyen. In unsern Städten blühet

Nichts / was nicht feurig ist. Die Sonn und Liebe glühet

Bey uns zur Winters-Zeit mit mehrer Krafft und Macht /

Als / wenn der Hunds-Stern brennt in eurer Mitter-Nacht.

SCIPIO.

Es dien ihm Hannibal zum Beyspiel147 und zum Spiegel!

Bey dem die Keuschheit ist der Liebe strenger Zügel.

Er bleibt beym Weine kalt / und bey der Schönheit Eiß.

MASANISSA.

Ist er aus Africa / und nicht im Lieben heiß?

SCIPIO.

Doch klug. Drumb lasse dich den Feind nicht schamroth machen.

Ja Caccabe wird sich verstocken / dich verlachen /

Die Raths-Herrn fordern heim / die mit bestürtzter Hand148

Die Oel-Zweig' uns verehrn / und für ihr Vaterland

Die Erde bethen an / und unsre Füsse küssen /

Ja schon mit Thränen uns umb Friede bitten müssen.

Dein zehnder Feldzug gibt dir auch den zehnden Ring /149

Und du verspielest sie als ein verächtlich Ding /

Weil du aus Ohnmacht dich nicht selber kanst bezwingen.

Zu dem stehts nicht bey mir / weil Rom in allen Dingen /

Die unser Schwerdt erwirbt / für Helffern hat die Wahl /

Dir noch was zuzutheiln. Der Syphax / sein Gemahl /

Sein Reich / sein Volck / sein Gutt ist ja der Römer Beute.

Kurtz: Sophonisbe muß nach Rom zihn / und zwar heute.

Dis ist mein endlich Schluß. Entschleuß dich: ob der Dunst /

Der Kitzel lieber dir sey / als der Römer Gunst.

MASANISSA.

Ach! Scipio / ja ja! ich habe mich vergangen!

Ich fühle mein Gesicht schamröthend Blutt umbfangen;

Die Wehmuths-Thräne bricht aus Aug und Hertzen für!

Ich unterwerffe mich / Großmächtger Feldt-Herr / dir.

Gebahre / wie du wilst / mit deinem Masanissen.

Wer aber wird in dem mir noch zu rathen wissen?

Was meine Seele kwält und die Gewissens-Ruh:[322]

Daß ich mit Hand und Mund ihr eydlich sagte zu:

Sie solte nimmermehr in frembde Hände kommen.

SCIPIO.

Was Masanissens Brunst wahnwitzig fürgenommen /

Dem weiß schon sein Verstand / der größre Feinde schlug /

Zu helffen weißlich ab. Du bist dir selber klug.


Masanissa.


MASANISSA.

Ach! so sol Sophonisb' in Römschen Fesseln lächsen?

Steckt dieser bittre Kern in güldenen Gewächsen;

Die eure falsche Gunst / ihr schlimmen Römer ihr /

Sätzt unsrer Hofnung auf / tragt unsrer Einfalt für!

Ich scheue mich fast auch / wie den Saturn / zu nennen.150

Ihr sucht Numidien von Zeutis nur zu trennen /

Daß unsre Zweytracht euch auf-opffer Gold und Blutt.151

Zu was ist unser Eh Zergliederung euch gutt?

Traut ihr den Augen-Dorn Carthago nicht zu dämpften?

Traut ihr die Herrschafft euch der Welt nicht zu erkämpffen /152

Umb die Rom Gall und Gift auf alle Völcker schäumt /

Wenn Sophonisbe nicht wird aus der Welt geräumt?

Nein! Hannibal steht euch / nicht Sophonisb' im Lichte.

Das Glücke kehret euch mit ihr sein Angesichte.

Sie reißt nebst mir ihm aus die Flügel /153 hemmt sein Rad /

Daß es von Rom zu flihn mehr keine Federn hat.

Wie hoch ist Rom geklimmt / feit ich auf feiner Seiten!

Carchedons Juno kan nicht mehr auf Löwen reiten /154

Ihr Zepter und ihr Blitz fällt ihr aus beyder Hand.

Carthago wird fürs Kind Alcidens nicht erkannt /155

Und doch sol Masaniß itzt Zwang und Undanck leiden.

Sol Sophonisbe fort? sol Sophonisbe scheiden?

Wird unserm Auge nicht mit ihr entgehn das Licht?

Des Adlers wird ja blind / schärft es die Sonne nicht.

Steinharter Scipio! den ein Hircanisch Tyger /

Ein Arimaspisch Wolf / ein Basilißk am Niger

Mit Gift und Blutt gesäugt! der Zembl- und Caspisch Eiß

Im kalten Hertzen nehrt / weil er / wie siedend heiß

Gleich meine Bitte war / wie viel verliebte Flammen

Gleich schlugen über ihn aus meiner Brust zusammen /[323]

Mitleidende nicht schmeltzt. Hat Treu und Tugend nicht

Was mehr als dis verdient? Mein Augen-Trost / mein Licht /

Mein Abgott / Sophonisb'! Ach! ich sol dich verlieren?

Was sol ich für Gewinn für den Verluft verspüren?

Man sagt mir güldne Berg und schwere Zepter zu.

Einfältger! Reichthum ist ein Zirckel ohne Ruh /

Ein Sclavenhaus der Seel / Abgötterey der Thummen /

Die güldne Larv / in die sich Sorg und Geitz vermummen /

Das Arme ärmer macht / und Hungrige nicht satt /

Das man mit Schweiße sucht / mit Furcht und Schrecken hat /

Mit Hertzens-Ach verliert. Nein! Landens Diamanten

Sticht Sophonisbe weg. Das Bein von Elefanten

Ist schwartz bey ihrer Haut. Den Mund-Rubinen sind

Nicht Taprobanens gleich. Und was im Tagus rinnt /

Bezahlet nicht ein Haar von Sophonisbens Haupte.

Was ist auch Kron und Reich? Ach! daß die Welt es glaubte:

Daß jede Kron ein Joch / ihr Gold so schwer als Bley /

Jedweder Diamant ein spitzig Pfriemer sey /

Die Perlen Thränen-Saltz; die schütternden Rubine

Geronnen Fürsten-Blutt; der weiche Purper diene

Der Boßheit: daß sie macht der Heuchler Schwarm ein Nest /

Der den gekrönten Knecht einst von der Schippe blaßt.

Nein! Sophonisbe / nein! Reich / Zepter / Purper / Kronen

Sind gegen deinem Werth Schaum / Blasen / Schalen / Bohnen;

Nimm / unersättlichs Rom / Numidien dir hin / v

Wenn ich Besitzthumbs-Herr nur Sophonisbens bin!

Halt inne! Masaniß. Auf was für Syrt- und Scyllen

Rennt dein verzweifelnd Schiff? Läst du den blinden Willen /

Und die verkappte Brunft dir einen Leit-Stern sein?

Nein! räume Stab und Heft nicht den Begierden ein.

Numidien ist dir von Uhrsprung angeträuet.

Das Reich ist dein Gemahl. Wer diesem sich verfreyet /

Kan sonder Ehbruch es nicht sencken in Gefahr.

Die Herrschafft ist dein Gott / die Klugheit dein Altar.

Das Auge der Vernunfft wirst du dir selbst ausstechen /

Und ärger dich am Glück als Hannibal verbrechen /

Da er zu Croton schimpfft der Juno gülden Bild.156[324]

Behertzig: ob ein Weib mehr als dein Wolstand gilt.

Im Uhrwerck unsers Thuns muß die Vernunfft's Gewichte /

Das Auge Weiser sein. Denn wer dem Irrwisch-Lichte

Der scheinbarn Wollust folgt / versincket in Morast.

Die Lieb ist thörcht / die nur im Auge Zunder faßt.

Die Schönheit ein Betrug / ein Geyer zarter Hertzen /

Ein Raubfisch unsers Heils. Auf! lasse dir die Kertzen

Der nichternen Vernunft / die Scipio steckt auf /

Dir weisen Fahrt und Port! wo zielt dein blinder Lauf

Mit Sophonisben hin? Auf dreyer Nächte Lüfte /

Auf oft-geküste Lipp / und vor befühlte Brüste;

Auf ein von Scham entfernt und Treue-leeres Weib;

Auf eine Helena / die einen Schwanen-Leib /

Ein Raben-Hertze hat. Ist die werth lieb zu haben /

Die / den sie heut umbarmt / wünscht morgen zu begraben?

Die Masanissen küßt / weil noch ihr Syphax lebt?

Ja selbst ihm Fallen stellt / und falsche Netze webt?

Nein! Masanissa nein! halt die Begierd im Zaume!

Sie ist ein giftig Zweig von Barchens Eyben-Baume /

Der die / die unter ihr wolln schöpfen Schlaf und Ruh /

Beschattende bringt umb; die Untergang bringt zu

Und Gift zur Mitgift hat / ist unwerth reiner Liebe.

Die Art des Crocodils ist: daß er sich betrübe /

Wenn er den Menschen frißt; sie macht kein Auge naß /

Ob's Unglücks Crocodil gleich ihren Syphax fraß.

Wie aber? ist von ihr nicht Besserung zu hoffen?

Den oft des Unglücks Fuß / der Straffe Keil getroffen /

Lernt endlich weise sein. Nein! alte Laster find

Nicht wol zu rotten aus. Luft / Wasser / Zeit und Wind

Vertreibt nicht den Geruch aus stinckenden Gefässen.

Fort / Sophonisbe / fort! dein Sarch ist abgemässen /

Dein Untergang bestimmt. Ach! aber / ach! wie schwer

Kommt uns dis Urthel an! mein Hertze schwimmt im Meer!

Ich wat' in Sand und Angst! Ists nicht zu hinterzihen?

Umbsonst! wer Lorbern / Glück / und Ruhm ihm wil sehn blühen /

Den Nahmen beym Gestirn in Ehren-Tempeln stehn /

Muß aus der Irrebahn verwehnter Sinnen gehn.


[325] Masanissa. Disalces.


MASANISSA.

Du komst mir eben recht / Disalces.

DISALCES.

Was befehlen

Mir ihre Majestät?

MASANISSA.

Mein heutiges Vermählen

Reißt Himmel / und Vernunft und Zufall morsch entzwey.

Schaff Augenblicks ein Glaß / und Wein / und Gift herbey.

DISALCES.

Hilf Himmel! worzu Gift?

MASANISSA.

Vollstrecke was wir sagen.

Ach! wie fühl ich in mir mein schnelles Hertze schlagen!

Begierden und Vernunft bekämpfen mein Gemütt /

In dem bald dis / bald das / aufs ändern Scheitel tritt.

Jedoch der Zweifels-Knot ist aufgelöst und offen.

Das Lieben hat gefehlt; Vernunft den Zweck getroffen.

DISALCES.

Hier hat der König dis / wie viel er hat verlangt.

MASANISSA.

Wir Aermsten! daß man noch mit Gift und Tode prangt!

Uns zu erwürgen Strick' aus Seid und Purper windet.157

Thuts nicht so weh / wenn man mit Adler-Holtze zündet

Die Scheuter-Hauffen an? und mit Schmaragd versätzt

Die Dolche / welche man auf unsre Gurgel wetzt?

Bringstu mirs Gifft darumb in Jaspis und Chrystallen?

In diesem ja gar recht; weil wir wie Glaß zerfallen.

Wie aber; bring ich selbst Ihr dis Geschencke zu?

Warumb nicht? kan sie schmehn / was ich gezwungen thu?

Kan jemand besser ihr als ich den Traum auslegen?

Nein! Jupiter läßt sich nicht sehn beyn Donnerschlägen.

Disalces / trag dis Gift stracks Sophonisben hin;

Vermeld ihr: daß ich noch ihr Freund / ihr Eh-Mann bin /

Daß mir noch unentfalln mein doppeltes Versprechen.

Weil aber Mächtige das Eh-Verlöbnüs brechen /

Und mich der Himmel nicht läßt ihren Eh-Schatz sein /

Sol doch mein ander Wortt im Wercke treffen ein:

Daß sie nicht lebend wird falln in der Römer Hände;

Worfür ich ihr dis Glaß zur sichern Artzney sende.

DISALCES.

Ach! wie wird Sophonisb' empfinden diesen Schlag!

MASANISSA.

Wenn sie behertzt ihn fühlt / so ists ihr Ehrentag.

DISALCES.

Der in die Gruft sie schleußt?

MASANISSA.

Doch aus den Fesseln reisset.

DISALCES.

Ach! möcht ich sein verschont mit dem / was er mich heisset![326]

Mich schauert selbst die Haut. Macht doch ihr Vaterland

Der Anverwandten Todt durch Bothen nur bekand /158

Die in dem Kercker schon zum Tode find verdammet.

MASANISSA.

Wenn sie behertziget; daß sie vom Belus stammet /

Daß sie sey Asdrubals des grossen Suffes159 Kind /

Elissens Enckelin / die Luft in Flammen findt /

Daß sie zur Mutter-stadt Chaedreanech160 habe;

Daß kein Gewürme lebt in der Phœnizer Grabe;161

Daß man Amilcars Haupt / und die ihm kommen bey

Durch Tugend / bethet an.162 Wenn sie erwegt; sie sey

Vorhin vermählt gewest mit zwey gekrönten Köpffen /

Wird sie aus dem Geschenck ihr Trost und Lehre schöpffen.

DISALCES.

Wo bleibet Treu und Eh und ihr geschworner Eyd?

MASANISSA.

Wo es umb Zepter geht / da sind sie Eitelkeit.

DISALCES.

Kan er ihr Schatz nicht sein / so sey er nicht ihr Mörder.

MASANISSA.

Ja! weil ich doch ihr Heil durch Gift und Mord beförder.

DISALCES.

Ein Römer kan dis Werck mit mehrerm Ruhm vollzihn.

MASANISSA.

Der wird sich ihren Tod mehr zu verhindern mühn.

DISALCES.

Was wil der Fürst denn selbst so scharf auf sie gebahren?

MASANISSA.

Daß sie in Rom nicht darf zum Siegsgepränge fahren.

DISALCES.

Sol Fürsten noch der Tod Genad und Vortheil sein?

MASANISSA.

Disalces / geh und wirf mir mehr kein Wort nicht ein.

Jedoch / halt! Ich vergeh / ich zitter / ich erstarre!

Geh immer! es ist nicht mehr Zeit zu zweifeln. Harre!

Verzieh! Ach! schaue / wie mir Aug und Hertze bricht!

Fort! immer fort! der Schluß ist mehr zu ändern nicht.


Reyen


Des Hercules. Der Wollust und Tugend. Keyser Leopolds Geist.


HERCULES.

Wo wird / nach so viel Müh und Streit /163

Nach überwundnen Schlang- und Riesen /

Durch der erzürnten Juno Neid

Erst Hercules noch hingewiesen?[327]

Ihr Götter / die ihr bey mir steht /

Helft: daß mein Fuß nicht irre geht!

DIE WOLLUST.

Einfältiger! darfs eines Zweifels noch?

Sihstu hier nicht den Garten? dort die Hecken?

Hier trägt man Sammt / dort schleppt man Bley und Joch.

Dort muß man Gall / hier kan man Zucker schmecken.

DIE TUGEND.

Laß dich den Wurm / Alcides / nicht verführn.

Der Tugend Kern beschämt der Wollust Schalen.

Die Lielgen / die der Wollust Abgrund ziern /

Sind Disteln / die mit falschem Silber pralen.

DIE WOLLUST.

Setz einen Fuß nur auf den weichen Pfad /

Den dir die Hand mit Nelcken gantz verneuet.

DIE TUGEND.

Halt! schaue vor: was es für Wespen hat

In ihrer Schoos / aus der sie Blumen streuet.

DIE WOLLUST.

Dis / was du siehst in meinem Blumwerck spieln /

Sind Stachel-leer und Honig-reiche Bienen.

DIE TUGEND.

Du wirst den Stich eh als ihr Zucker fühln;

Ja siehe: Nattern nisten unter ihnen.

DIE WOLLUST.

Doch ohne Gift. Sie saugen reinen Saft

Aus diesen Rosen / die nie find erblichen.[328]

DIE TUGEND.

Es ist kaum Mah; Einschläffen ihre Kraft.

Nur Tulpen / die nichts / oder heßlich richen.

DIE WOLLUST.

Sie tragen Frücht und Aepfel dicht aus Gold.

DIE TUGEND.

Wol! laßt uns sie hier auf die Wage legen!

DIE WOLLUST.

Dis wird erwerben Mir Alcidens Hold.

DIE TUGEND.

Die Haselnuß wird ihrer drey abwegen.

DIE WOLLUST.

Was leicht ist / gleicht den Sternen und klimmt hin.

DIE TUGEND.

Schaust dus: dis Gold hat in sich nichts als Aschen.

DIE WOLLUST.

Der Mensch wird Vieh auch durch die Zauberin.

Wol! diesen Schimpf sol mir ihr Blutt abwaschen.

DIE TUGEND.

Wil auch dis Thier mit güldnen Pfeilen praln?

Schaut: Sie find nur aus Wachs und Bley bereitet.

DIE WOLLUST.

So sol der Spiß dir deinen Hochmuth zahln!

DIE TUGEND.

So siget / wer mit gläsern Lantzen streitet![329]

DIE WOLLUST.

Ich wil dich fälln auch ohne Pfeil und Spieß.

DIE TUGEND.

Durch ein schön Lied bezaubernde Sirene?

DIE WOLLUST.

Ja / Orpheus zwingt hierdurch die Finsternüs.

DIE TUGEND.

Hört! wie verstimmt mein Griffel ihr Gethöne.

DIE WOLLUST.

Nicht lasse dich durch diesen Bländungs-Dunst

Von meiner Feder-weichen Bahn ableiten.

Mein Bett ist Seid / und durch der Seren Kunst

Laß ich Damast den Meinen so bereiten.

DIE TUGEND.

Schaut den Betrug! in dieser Seide sind

Stroh / Nesselkraut / Dorn / Disteln / Stein verstecket.

DIE WOLLUST.

Ja! weil mein Arm hieraus auch Seide spinnt;

Aus Gall und Gift Zibeth und Zucker bäcket.

DIE TUGEND.

Was sich der Wurm / der Molch / die Schlange rühmt!

DIE WOLLUST.

Die Gold bekrönt / und Wurmgespinste kleidet?

DIE TUGEND.

Die Aeßer sind mit Veilgen oft beblümt.[330]

DIE WOLLUST.

Die Mißgunst schmeht auch Engel / die sie neidet.

DIE TUGEND.

Wol! wir wolln bald des Engels Schönheit sehn!

Ich muß ihr den geborgten Rock ausziehen.

Kan sich ein Bettler in was ärgers nehn?

Wer wolte nicht für dieser Sclavin flihen?

Wirf aber auch den Bettler-Mantel weg.

Schaut: ist ein Schwein besudelter zu schauen?

Dis ist ein Krebs- und dis ein Aussatz-Fleck.

Muß dir nicht selbst für Schwer- und Eyter grauen?

Der Wollust Kopf ist Schwan / der Leib ein Schwein.

Laßt uns die Schminck im Antlitz auch vertilgen.

Hier fault das Fleisch / dort frist die Lauß sich ein /

So wandeln sich in Koth der Wollust Lilgen.

Noch nicht genung! zeuch auch die Lumpen aus /

Was zeigt sich nun? Ein Aaß / ein todt Gerippe.

Besih itzt auch der Wollust innres Hauß:

Daß man sie in die Schindergrube schippe!

HERCULES.

Gesicht erschrecklicher Gestalt!

Sey Wollust tausendmal verfluchet!

Mein Hertze schlägt / der Leib wird kalt!

Weh dem / der diesen Irrweg suchet!

Wol dem! der mit mir treten kan

Hier auf der Tugend Distel-Bahn.

DIE TUGEND.

Mein Distelweg hat in sich Ros' und Klee /

Die finstre Kluft das Paradis / den Himmel.

Mein Sonnenschein vertilget Eiß und Schnee /

Mein Lorberzweig verleschet Schweiß und Schimmel.

Hier steht der Thron der Ehren aufgebaut.

Hier hänget die verwelckens-freye Krone.[331]

Weg / Hercules / mit deiner Löwen-Haut!

Empfang den Zepter / füge dich zum Throne.

Ich werffe selbst mein hären Kleid von mir;

Weil Perl und Gold die Tugend kleiden müssen.

Besteig den Thron. Dort folgt noch einer Dir.

Numidien bekrönet Masanissen.

HERCULES.

So hoch sitzt der / der Löwen zwingt /

Der Riesen dämpft / die Helle stürmet;

Der mit der Wollust siegbar ringt /

Der's Vaterland und Tugend schirmet.

Die Sternen werden seine Kron /

Die Welt sein Reich / der Ruhm sein Thron.


Doch was umbstrahlt mich für ein Glantz?

Die Tugend winckt mir abzutreten.

Betritt den Stuhl / empfing den Krantz.

Ich bin bereit dich anzubethen!

Nim mich in deinen Schutz und Hold /

Durchlauchtigst-grosser Leopold.


Mein Löw und Drach / und der Busir

Sind schwächer als Stamboldens Drachen.

Die aber bücken lieh für dir /

Und müssen schimpflich Friede machen.

Ja Leopold wird noch ihr Reich

Carthagens Asche machen gleich.


Der güldnen Aepfel Kostbarkeit

Aus der Hesperiden Gepüschen /

Den mir er war mein Drachen-Streit /

Ist als zu schlecht nicht zu vermischen

In dein erstritten Friedens-Gold /

Durchlauchtigst-grosser Leopold.[332]

Das güldne Flüß / wo Phasis rinnt /

Nach dem ich als Gefehrte reise /

Weicht dem / das Leopold gewinnt /

Wie hoch gleich jenes Jason preise.

Madrit und seiner Perle Zier

Geht Colchos ja und Golde für.

Quelle:
Daniel Casper von Lohenstein: Afrikanische Trauerspiele. Stuttgart 1957, S. 313-333.
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