Fünfftes Buch.

[733] Jedes empfindliches Ding in der Welt / besonders aber der Mensch / gleicht dem Magnet-Steine / welcher nach dem Unterschiede seiner Ecken seines gleichen bald an sich zeucht / bald gleichsam aus einer Eyversucht von sich stößt. Denn jener hängt das Hertze bald zur Gemeinschafft / bald zur Einsamkeit. Diese siehet er so denn an / als die erste Gefährtin der Warheit / als eine andere Wohnung der Morgenröthe /als einen[733] Friedens-Platz der Seele / und stille Freude des Gemüths / da man weder über anderer Unglücke lachet / noch über seinen Beleidigungen weinet. Da man von der Unruh der Welt nichts weiß. Da einem der Ehrgeitz den Tag nicht verkürtzet / noch der Kummer ihn verlängert. Da weder die Heucheley uns /noch unsere Unwarheit andere betreuget. Alleine dieser Zug kan in die Länge nicht tauren. Wir sind unserer selbst zeitlich überdrüßig. In einem Augenblick verwerffen wir unser Urthel / und noch geschwinder ändern wir unsern Willen. Die die Sonne überlauffende Zeit wird uns bey uns zu lange / und die uns kurtz vorher so schöne Einsamkeit machet uns ein abscheulich Gesichte. GOtt alleine findet seine Vergnügung in sich selbst / und gleichwol hat er zu derselben Erweiterung die Welt geschaffen. Wir Menschen aber sind nur Scherben von diesem grossen Leibe / und daher für uns selbst nichts vollkommenes / müssen also nicht weniger unsere Vergnügung als Ergäntzung außer uns suchen. Wir leben mehr anderen als uns; und wenn uns die zwey süssen Bänder der Liebe und Freundschafft mit andern nicht vereinbarten / würden wir für uns selbst wenig mehr als nichts seyn. Ohne unsere Liebe des andern Geschlechts würde die unfruchtbare Welt bald aufhören Welt zu seyn. Wenn man aber dem Menschen die Freundschafft nähme /würde es so viel seyn als die Welt der Sonne berauben. Denn in beyden bestehet ihr Leben / und also dörffen wir dieses fünfften Elements so nöthig als des Feuers und Wassers. Wenn die Freundschafft in der Welt alleine durchgehends unterhalten würde / wären keine Gesätze nöthig. Denn weil sie die Hertzen so vollkommen mit einander verbindet / würde niemals zwischen jemanden Zwist weniger Beleidigung seyn. Diesemnach ist sich nicht zu verwundern / daß je zärter eines Menschen Seele / je heftiger Zug der Gemein- und Freundschafft sie in sich fühle; und daß ein tugendhafft Gemüthe mit so grosser Sorgfalt sich mit seines gleichen zu vereinbaren bemühet sey. Denn zeucht doch aus einerley Erde der Weinstock den süssen / die Koloquinten den bitteren / Wolffs-Milch den giftigen / Zwiebeln den schwefelichten / die Nessel den brennenden Safft / und die Rhabarbar sauget aus unserem Leibe die Galle an sich. In einem geschüttelten Siebe sammlen sich gerne die Körner / und am Ufer des Meeres die Steine von einerley Art zusammen. Bey solcher Beschaffenheit war nicht zu wundern / daß nach dem Agrippine mit Thußnelden und dem andern Fürstlichen Frauenzimmer so verträuliche Freundschafft schon einmal angefangen hatte / sie beyderseits sich mit einander zu ersehen so grosse Begierde trugen. Denn weil ein Freund des andern bester Spiegel ist / und man sich in sich selbst nicht so als wie in dem Ebenbilde eines treuen Freundes siehet /ist die Ersehung wol unser bester Unterhalt / und die grösseste Erquickung der Freundschafft. Eines Freundes erblicktes Antlitz entzücket uns gleichsam als was göttliches. Denn ob zwar GOtt eigentlich unsere Seele zu seinem Bilde geschaffen / so hat er doch auch einen Strahl von seinem Glantze in unser Antlitz gepräget. Die Seele ist zwar durchs Geblüte in alle Glieder ausgegossen / aber nirgends sichtbarer als im Angesichte. In diesem lesen wir alle Geheimnüsse eines andern / und schöpffen daraus viel Vergnügung unsers Hertzens. Weil nun nach diesem sich Agrippina /Thußnelde / Erdmuth / Adelmunde / Ismene / Catta /Zirolane und anderes Frauen-Zimmer überaus sehnte /verfügten sich die Deutschen / der mit Agnppinen genommenen Abrede nach / so bald es das Frühlings-Wetter zuließ / nach Schwalbach zu dem Sauerbrunnen. Sie liessen ihre Ankunfft nach gemachter nöthigen Anstalt Agrippinen nach Meyntz alsbald wissen /welche sich auch wenig Tage darnach einfand. Bey ihrer Empfahung ward[734] nichts vergessen oder unterlassen / was so wol die Aufrichtigkeit ihrer gemachten Freundschafft als die Hoheit ihres Standes erforderte. Denn ob zwar den Deutschen gleichsam ein Mißtrauen gegen die herrschsichtigen Römer angebohren war / der Feldherr und Hertzog Arpus auch selbst dem Germanicus nicht allzu viel trauten / und daher auf alle seine Bewegungen ein wachsames Auge hatten /so nam sich doch dessen das Frauen-Zimmer nicht an / und Agrippine wuste durch ihre Offenhertzigkeit allen Verdacht von sich abzulehnen. Die Empfangung Agrippinens war vom Grafen von Hohensteine am Rheine Meyntz gegen über geschehen / das Frauen-Zimmer aber bewillkommte sie bey Schwalbach / von dar sie selbigen Abend auf das nahe darbey auf einem spitzigen Felsen liegende Schloß des Hohensteins begleitet / und von der Hertzogin Erdmuth ihr zur Wohnung übergeben ward. Alleine Agrippine wolte sich weder von Thußnelden / und anderm Fürstlichen Frauen-Zimmer / welches zur Ubernachtung anderthalb Meilen davon das Schloß Katzen-Ellenbogen erkieset hatte / trennen lassen / brachte es auch dahin /daß alle sich auf Hohenstein beysammen zu behelffen willigten. Sintemal die Einsamkeit das Ecbatanische Schloß und die Heßperischen Lust-Gärte in bängsamste Gefängnüsse / annehmliche Gesellschafften aber die finstersten Einöden in annehmlichste Lust-Häuser verwandelte. Daselbst brachten sie die halbe Nacht bey der Taffel und darnach mit vergnügten Gesprächen zu / gleichwol aber weckte sie früh ehe ihre Begierde einander zu umbarmen als die Sonne auf. Sie kamen also zeitlich nach Schwalbach / allwo die Sorge für die Gesundheit / mehr aber der Vorwitz eine grosse Menge Volckes versa let hatte / zwischen dessen Gedränge sie sich dem berühmten Weinbrunnen unter allerhand Urtheln und Lobsprüchen näherten. Viel der Zuschauer / welche so viel versammlete Schönheiten über einem Hauffen sahen / wurden gleichsam über ihrer Betrachtung versteinert / also /daß der Graf von Hohenstein / welcher vom Hertzog zu Bedienung Agrippinens befehlicht war / bey Wahrnehmung der begierigen Zuschauer / Schertzweise anfieng: Die Natur müste wol nothwendig eine Frau seyn / weil sie das Frauenzimmer für den Männern mit so vielen Schönheiten begabt hätte. Ein sich alldar befindender Barde fiel ihm ein / und sagte: Wolte GOtt! daß alle / die diese schöne Geschöpfe der Natur ins Gesichte bekämen / nicht das eine Auge mit Eitelkeit / das andere mit Begierde verblendeten / das Hertze aber mit Gifft ansteckten. Thußnelde nam dis an / als wenn der Barde die Schädligkeit des weiblichen Geschlechts damit anstäche / antwortete daher: Unreine Liebe kan die Güte unsers Geschlechts so wenig vergeringern; als die Speisen dadurch vergifftet werden / wenn gleich böse und ungesunde Leute davon essen. Der Barde versätzte: Es ist nichts reiner / nichts unschuldiger / nichts ehrlicher als die Liebe /so gar / daß die / welche nur wissen was Liebe sey /oder von ihr wol reden können / geliebt zu werden würdig sind. Aber diese muß dem Beyspiel der Bienen folgen / welche aus den Blumen Honig saugen sonder sie wie Spinnen zu beflecken / oder sich wie die aus Raute Gifft käuende Würmer zu beschädigen. Thußnelde begegnete ihm: Wir wissen / daß das weibliche Geschlechte so viel schädliches als die Wiesen Napell auf sich haben. Aber / wie kein Winckel des Erd-Kreisses / wo gleich die Angelsterne dem Menschen über dem Wirbel stehen / immer alles Lichtes beraubet ist; Also ist keine so böse Seele /darinnen sich nicht zuweilen ein Strahl der Tugend /wie in einem Schlacken ein Funcken guten Ertztes finde. Der Barde merckte nun allererst / daß seine Rede für eine Scheltung des Frauenzimmers und für eine Verdammung der zu selbtem tragender Liebe aufgenommen würde / daher brach er ein: Es[735] sind wenig Brunnen oder Kieselsteine / welche nicht Gold in sich haben / und kein schönes Weib / welches nicht mit dem Schatze ihrer Gaben einer reinen Seele durch ihre Beschauung und die Liebe den Weg bähne selbter zum Erkäntnüsse Gottes zu verhelffen. Aller Menschen insonderheit aber einer Frauen Antlitz wäre ein Spiegel GOttes. Denn weil das Angesichte ein Bild der Seele / diese ein Ebenbild GOttes ist / hat GOtt auch sonderlich jenem einen besonderen Strahl seiner Gottheit eingedrücket / und wie in dem einzelen Menschen als eine kleine Welt die Vielheit aller seiner Geschöpfe; also dem Antlitze den gantzen Menschen mit allen Sinnen / in die sich die Seele vertheilet / eingedrückt / also daß man dis nicht nur den kurtzen Begrief des Menschen / sondern einen Strahl von der Klarheit GOttes nennen kan / welcher ebenfals in seiner Einzelkeit die Vielheit aller Dinge beschleußt. Ja /sagte Thußnelda / aber wolte GOtt! daß alle Antlitzer die Krafft so gute Gedancken und Liebreitz zu erwecken; und alle Augen ein so unschuldiges Licht in sich hätten. Agrippine fiel seuffzende ein: Wolte vielmehr GOtt! daß GOtt in Menschen sein Ebenbild so / wie Phidias seines an den Schild der helffenbeinernen Minerva gefügt hätte / welches ohne Zerdrümmerung des gantzen Kunststückes nicht abgesondert werden könte! Der Barde antwortete Agrippinen: Allerdings hat GOtt sein Bild so unabsonderlich in Menschen gedrückt. Denn so bald er GOtt fängt an unähnlich zu werden / so bald hört er auf ein Mensch zu seyn. So ein grosses Wunder er von Anfang ist / so ein heßliches Ungeheuer wird er nach seiner Verstellung. Er ist zuerst dis auf Erden / was GOtt im Himmel / nemlich ein Herr über alles. Ihm zu Liebe hat GOtt die Erdkugel auf die Achseln des Abgrundes gegründet /umb selbte das Gewölbe des Himmels gezogen / sein blaues Dach mit Sternen besäet / die Fenster darin Sonn und Monde eröfnet / den Morgen und Abend mit Purpur / den Tag mit Golde / die Nacht mit Silber ausgezieret / und lässet durch eine annehmliche Abwechselung den gantzen Himmel an den zwey Angelsternen / wie an zwey unbeweglichen Wirbeln herumb. Ihn zu Gefallen hat er die Erde mit den Mauern der Gebürge unterschieden / mit Meer und Flüssen gewässert / mit Blumen und Kräutern gepflastert / mit unzehlbaren Thieren bevolcket / damit der Mensch als das Bild dieses allmächtigen Werkmeisters oder vielmehr als der andere GOtt / dem alle Geschöpfe dienen / für dem alle Thiere sich fürchten / dem die Natur zu Gebote stehet / in der Mitte dieses grossen Schauplatzes nur desto mehr zu beherschen habe. Wenn er aber durch Verlierung seines Verstandes / durch Mißbrauch seines Willens / nemlich durch sündliche Schwachheiten sich GOtt unähnlich macht / verwandelt er sich selbst in ein unvernünftiges Thier. Der Neid macht einen zum Hunde / die Arglist zum Fuchse / die Grausamkeit zum Löwen / die Hoffart zum Pfauen / die Geilheit zum Schweine. Agrippina fiel ein: Auf solche Art sind die Laster warhaffte Circen /welche Ulyssens Gefärthen / oder die grausamen Titanen / welche die Götter selbst in Thiere verwandeln. Auf diese Art glaube ich dem Pythagoras / daß die Seelen aus dem Menschen in Kühe / Katzen / Bäre /Vögel und Schlangen wandern. Hieraus lerne ich sein Verbot verstehẽ; daß man GOttes Bild nicht an einem Finger-Ringe tragen solle / umb solches nicht zu verunehren. Wolte nun GOtt / daß wir sein Bild nicht an uns selbst / die wir Siegel-Ringe Gottes sind / durch den Koth unserer Sinnen besudelten / oder gar vertilgeten! Der Barde fieng an: Welche schöne Merckmaale des göttlichen Ebenbilds sind solche Meinungen! Was für viel edlere Schönheiten der Seele sind unter den Schalen ihrer zierlichen Glieder beschlossen![736] der Barde kniete hiermit für Agrippinen nieder /küssete ihr die Hände / und wolte solche Liebkosung gar bis zu ihren Füssen erniedrigen. Aber Agrippine wolte solches keines weges verschmertzen / hob diesen schneeweissen Greiß selbst auf / und sagte: Solche Ehre stünde nur GOtt / nicht Menschen zu? der Barde antwortete: Muß man nicht gegen die Bilder der Fürsten so grosse Ehrerbietigkeit bezeugen als gegen sie selbst? Eine solche Seele aber ist nicht ein schlechtes Bild / sondern ein lebhafter Spiegel GOttes / welcher nicht nur seine Aehnligkeit / sondern auch sein Thun nachbildet. Wolte GOtt! daß eitel solche Spiegel Gottes sich in diesem hellen Brunnen bespiegeln solten / und dieses flüssende Glaß so wol ein Mittel sich selbst zu erkeñen als eine Artzney wider so viel Schwachheiten des Leibes wäre. Denn itzt gleich kamen sie an den so genennten Weinbrunnen /welcher nahe bey der Müntzenbach unter einem Berge auf einer lustigen Wiese mit einem rauschenden Sieden entspringet. Er war mit einem steinernen Munde zierlich eingefaßt / mit darumb gepflantzeten Weinstöcken und darunter vermischten Rosen-Sträuchen umbgeben / also daß man unter diesem lebendigen Gewölbe für der Sonnen-Hitze beschirmet war / und die gleich reiffen Rosen bysamten die Lufft mit dem süssesten Geruche ein. Dieses Brunnes Adern sind überaus starck / sein Wasser an Farbe den Berg-Cristallen / die Kälte dem Schnee / sein Geschmack säuerlichem Weine / sein Geruch dem Berg-Kampfer und Agsteine gleich. Umb den steinernen Mund waren folgende Reimen eingegraben:


Nicht rühme Weinstock dich: daß Trauben nur und Reben

Weinbrunn und Quellen sind: hier quillet milder Wein /

Kein Wein-Gebürge bringt so grossen Vorrrath ein /

Als dieser edle Brunn nur einen Tag kan geben.

Weil Berg-Saltz-Vitriol / Stahl / Schwefel-Berg-Agstein /

Alaun und ander Marck in diesem Wasser seyn /

Und ihr vermischter Geist verlängert uns das Leben.


Der Wein scheint selbst fast ihm den Vorzug zu enthengen /

Weil er sein Wasser ihm so glücklich läßt vermähln /

Ja es scheint ohne dis dem Weine was zu fehln /

Wodurch Geschmack und Heil sich ihm pflegt zu vermengen /

Sagt: ob ihr nun nicht hier dem Brunnen unrecht thut /

Wenn ihr hier Wasser sucht? denn hier quillt Wein / nicht Fluth.


Agrippine war so begierig dieses Wasser zu schmecken / daß sie ihr nicht Zeit nam diese Reimen auszulesen / sondern sie schöpffte selbst mit einem Cristallenen Geschirre Wasser heraus / und hätte es auf einmal ausgetruncken / wenn sie nicht die Schärffe und das Kriebeln in der Nase sich zu mäßigen gezwungen hätte. Daher sie anfieng: Ich sehe wol / daß dieses Quell auch darinnen dem Weine überlegen sey / wenn sich jenes nicht mehr / als die Natur das Maaß geschätzt hat / trincken / dieser hingegen sich durch Ubermaaß mißbrauchen läßt. Sie sätzte aber bald wieder an / und sagte: Ich muß gestehen / daß dieser Brunn mit gutem Rechte den Nahmen des Weinbrunnen führet; weil sein Geschmack warhaftig weinlich schmeckt / hingegen man mich versichert hat / daß die Weinbrunnen auf dem Eylande Naxos / im Aquitanischen Gallien / in Hispanien nur deßwegen so heissen / weil sich ihr Wasser mit dem Weine so annehmlich vermischen läßt / der Brunn Lyncestis aber / weil er wie der Wein den Kopf ringlicht macht. Der Barde fiel ihr bey / und sätzte zu / daß da einig Sauerbrunnen mit dem Weine Verträgligkeit hätte / wäre es gewiß dieser / welcher eben so wol als der starcke Bruñ bey Lugdun dem Weine nichts an Geschmack benehme / wenn schon das vierdte Theil dieses Wassers darein gegossen würde. Agrippine / nach dem sie mit dem sämptlichen Frauen-Zimmer das dritte mal einen guten Zug gethan hatte / sagte: dieser nicht weniger annehmliche als gesunde Bruñ giebt ein herrliches Zeugnüs und Vorbild ab / daß die Ströme der göttl. Wolthaten unerschöpflich / insonderheit aber im Wasser am allerwunderwürdigsten / und unergründlich sind. Deñ welcher Mensch weiß nur[737] alle Wunder-Brunnen zu erzehlen / weniger die wahrhaften Ursachen zu ergründen; warumb in der Landschafft Hestiäobis alle aus dem Brunnen Ceron trinckende Schafe schwartz / aus dem Brunnen Melas weiß / aus beyden bund würden? Warumb im grossen Griechenlande die Bach Crathis wie Aliacmon in Macedonien dem Viehe eben eine weisse / Sybaris und Axius eine schwartze Farbe zueigne? Warum der Fluß Erithris denen daraus trinckenden den gantzen Leib häricht /der rothe Brunn in Mohren-Land unsinnig / der Aphrodisische Fluß Pyrrha unfruchtbar mache? War umb in Böotien ein Brunn ein gut Gedächtnüß / der andere Vergeßligkeit / in Cilicien die Bach Nun Scharffsinnigkeit / in dem Eylande Cea ein Brunn Blödsinnigkeit / bey Zama in Africa ein Quell eine helle Stimme verursache? Warum in Lusitaniẽ eine auf einẽ Berge liegende See mit dem stürmenden Meere zugleich schäume und brause? Warumb ein in selbigem Lande befindlicher und nur eines Fusses tieffer Brunn Aeste und alle darein geworffene Sachen verschlinge? Warumb der Brunn Navor nicht weit vom Ursprunge des Flusses Anas ein befleischtes Glied eines Thieres in einer Stunde biß auf die Knochen verzehre? Warumb in einem andern Hispanischen Brunnen / das Wasser oben süsse / unten beissend sey? Warumb der Cicycische Brunn des Cupido die Liebe vertreibe? die Wasser in Trözene Schäden in Schenckeln / ein Brunn bey Sustis die Zähne / in Egypten unterschiedene Wasser dem Vieh Haare /Hörner und den Huf / die Wasser der Carner und Taurisker meist kröpficht / ausfallend / und der Elitorische See Eckel für dem Weine machen. Der Barde fiel ein: Dieses Sees Wasser würde sich schwerlich mit unsern Wein-Brunnen vertragen / weil beyder Würckungen einander schnurstracks zuwider sind. Dem andern aber ist ein Brunn in Deutschland gegen dem Meere gleich / von welchẽ denen trinckenden in 2. Jahren ebenfalls die Zähne ausfallen. Jedoch hat sich Deutschland mehr von einer grossen Menge heilsamer / warmen- und Sauer-Brunnen / als so schädlicher Quelle zu rühmen. Wiewohl nun freylich niemand so genau in das geheime Buch der Natur sehen / und mit seinem Verstande die Eingeweide der Erde durchkriechen kan; so muß die wenig sorgsame Unwissenheit doch nicht alle Eigenschafft einem verborgenen Einflusse zuschreiben. Wir wissen ja / daß der Bauch der Erde mit allerhand Ertzte / Steinen / Saltze / Kupferwasser / Alaun / Schwefel uñ dergleichen kräftigen Dingen angefüllt / ja in der Natur nichts geringes zu finden sey / was nicht eine Artzney-Krafft / und mit einem gewissen Gliede eine Verwandschafft oder einen Zug habe; und daß Feuer und Wasser unter der Erde mit einander in verträulichster Eintracht leben /damit jenes alles beseele und bewege / dieses alles nähre. Wie nun so viel Flüsse / welche in Ertzt-reichen Gebürgen entspringen / viel Gold-Sand mit sich führen / welche durch Saltz-Gebürge lauffen / saltzig sind / etliche das Eisen gantz mit Kupfer überziehen /also haben auch Bäder und warme Brunnen einen solchen Zusatz / welcher wie die durch Kunst aus Ertzt /Alaun / Kampfer / Schwefel / Spieß-Glas bereiteten Artzneyen in den menschlichen Leibern eine kräftige Würckung haben muß; zumal die Natur in Ausarbeitung der Dinge die rechte Meisterin / Kunst aber nur eine Handlangerin ist. Wer nu die Kräfte dieser Dinge verstehet / kan unschwer schlüssen / daß alaunichte und stählichte Wasser wegen ihrer trocknenden Zusammenziehung der Wunden / kupfrichte den Augen /salpetrichte und saltzichte wegen ihrer Reinigung /wie sonderlich der Nil den unfruchtbaren und unsinnigen / schweflichte den Gichtbrüchtigen dienen / hingegen hartzichte thöricht / kupferwäßrichte niesend /und die Wolle schwartz machen / die steinichten und kalkichten[738] das Geblüte versteinern und die Eingeweide angreiffen / Quecksilbrichte Kröpfe zeugen. Wiewohl freylich die allernachdencklichsten gestehen müssen; daß sie nicht alle Mischungen der Natur und die nähesten Ursachen derer in Wässern steckenden Eigenschaften erforschen / sondern sich allein durch die Hand der Erfahrung leiten lassen müssen. Agrippina brach ein: Von was rühret aber eigentlich in diesen Brunnen die sauere Schärffe her? Der Barde antwortete: Etliche schrieben sie dem Kupfer-Wasser /andere diesem / und dem Alaun / nicht wenige dem Kupfer / dem Eisen / dem Berg-Saltze oder Schwefel zu. Alleine ob wohl die Sauer-Brunnen von diesen allen eine gewisse Krafft bekommen / so ziehen doch die säuresten ihren Geschmack vom Kupfer-Wasser /die gelinderen vom Alaun / die wenig schärffern vom Kupfer / und endlich vom Eisen. Die nach Weine schmeckendẽ Brunnen aber rinnen aus süssen / sauern und scharffen Adern zusammen. Agrippine begegnete ihm: Ich begreiffe zwar wohl / daß das die Gebürge durchdringende Wasser sich leichte mit denen Erd-Säften und aus Feuchtigkeit zusammen geronnenen Dingen / wie Alaun / Saltz / Berg-Saltz / Kupfer-Wasser / Schwefel / Hartzt und dergleichen sind /nicht aber / wie sie sich mit dem härtesten Ertzte aller Steine vermischen könne. Wenn Gold zwantzig und mehr Jahr im Wasser läge / oder in Marmel stünde /würde selbtem nichts abgehen. Der Barde sagte: Freylich ist die Vermischung des Ertztes schwerer als der Säfte / aber doch nicht unmöglich. Denn schmecket nicht das in Bley und Zien lange stehende Wasser darnach? Greifft der Essig nicht das Kupfer scharff an? Frißt nicht die Feuchtigkeit durch den Rost gar das Eisen? Läst der im Wasser abgekühlte glühende oder gefeilte Stahl nicht viel von seiner Krafft darinnen? Zudem sind die Metallẽ in ihren Adern nicht so dichte und harte / als wie die geschmeltzten; also daß sie nicht nur ihre Eigenschaften / sondern auch gar ihren Talg den Quellen mittheilen können. Uber diß dampfet aus ihrer Mutter stets ein metallischer Geist /welcher das durchdringende Wasser anmacht und ihnen mehr Krafft einathmet / als der Metallen-Staub /welcher sie auch trüber macht / beysetzt / also daß sie viel nachdencklicher und geschwinder würcken. Diese Geister siehet man in dem sehr klaren Wasser der starcken Sauer-Brunnen bey dessen Eingiessung empor steigen / eben wie beym Weine. Und von ihnen rühret so wohl in diesem / als einem an der Eger / am Necker / und bey Antoniach entspringenden Sauer-Brunnen das gewaltsame Gethöne des Quelles her. Agrippine war mit dieser Antwort vergnügt / und sagte: Weil ich von so viel metallischẽ Brunnen in Deutschland höre / müssen die Gebürge ja voll Ertztes seyn; warumb aber wird dessen so wenig gesucht? Der Barde antwortete: Ja es sind nur allein in Deutschland 50. warme Bäder und nicht viel weniger Sauerbrunnen bekandt; und ihr Schluß kan nicht fehlen. Denn wie die Rose / die Zwiebel / der Knobloch einen ihrem Wesen gleichen Safft an sich ziehen /ohne welchen sonst Pflantzen und Gewächse gantz anderer Art / als ihr Saamen seyn würde; und dahero nichts in einem Erdreich wachsen kan / welches derogleichen Nahrung einem Saamen nicht zu geben hat; massen denn das in Libyen von sich selbst wachsende Silphium in Griechenland gar nicht zu pflantzen ist; also kan auch aus einem Ertzt mangelndem Bodeme kein Sauer-Brunn entspringen. Alleine die Deutschen haben zeithero wahrgenommen; daß das aus der Erde gegrabene Gold und Silber nur Anreitzungen zum Bösen sind / und dadurch mehr Menschen als durch Stahl und Gifft getödtet worden. Diesemnach sie denn diese Metalle klüger und sicherer unter der Erde liessen als ausgrüben / weil sie in ihrer Mutter heilsam /ausser ihren Adern so gar[739] verführisch wären. Agrippine und das andere Frauenzimmer schöpftẽ aus dieses Bardẽ Gespräch grosses Vergnügen / namen aber für dißmal von ihm / nachdem sie sich mit dem Sauerbrunnen gesättiget hattẽ / Urlaub / und verkürtztẽ den Tag einander mit allerhand Kurtzweilen. Der Graf von Hohenstein hatte weiter hinunter am Bach unter etlichen breiten Linden bey einem andern Sauer-Brunnen / welcher wenn er über Nacht in steinernen Geschirren / in denen schweflichtẽ Kellern stehet / stärcker ist / als wenn er erst aus dem Brunn geschöpfet wird / die Taffel mit einem so reichen Vorrathe an Fischen und Wildprete bereitet / daß Agrippina sich höchlich verwunderte. Die Fürstin Erdmuth aber entschuldigte den vermeynten Abgang / weil die / welche den Sauer-Brunnen zu ihrer Gesundheit trincken wolten / mässig leben müsten / und weil zwischen dem bäurischen Feld-Leben und denen wollüstigen Höfen ein Unterscheid seyn müste / zumal nicht so wohl die Köstligkeit als die Abwechselung das Saltz des Geschmackes wäre. Agrippine aber wuste den Uberfluß und die gute Anstalt nicht genung zu rühmen; vorwendende / daß die Höfligkeiten einer dienstbegierigen Freundschafft so wenig recht erkennet / als vollkommen-schöne Gesichter vom Pinsel der Mahler abgebildet werden könten. Daher hätte sie wohl Ursache auf ein Mittel vorzusinnen / daß sie der Cattischen Fürstin nicht so viel Kosten und Ungelegenheit verursachte. Alleine die Annehmligkeit dieser Gesellschafft / der Deutschen welt-bekandte Gast-Freyheit / entschuldigten immer die Unhöfligkeiten / derer sie sich selbst schuldig erkennte. Ja aller ihrer holdselige Augen redeten ihr ein: daß der Uberfluß dieses Landes / wie alles Reichthum / keinen andern Gebrauch als die Wohlthätigkeit hätte; das übrige nichts als Wahn / ja die Tugend eines edlen Gemüthes wäre; daß man wider sie sündigte / wenn man ihr nicht Gelegenheit gäbe uns zu statten zu kommen. Gegen Abend dieses und folgender Tage fuhren sie wieder auf das Schloß des Grafens von Hohenstein. So offt sie nun des Morgens wieder zum Sauer-Brunnen kamen / fand sich der alte Barde wieder ein / und unterhielt das Frauenzimmer mit Gesprächen und seiner Weltweißheit; gleich als wenn es ein Verbrechen wäre so heilsamer Brunnen zu geniessen / ohne den Bruñ alles Guten daraus erkennen zu lernen. Agrippine kam selbst auf des Barden Schluß / und fragte: Weil gleichwohl die Vermischungen der unterirrdischen Dinge so schwer zu erkennen; viel Brunnen auch so schädlich und giftig wären / schiene es nicht wenig zweifelhafft zu seyn / ob man die Sauer-Brunnen sicher trincken könte. Sintemal ja das Wasser den nüchternen Magen schwächte / das Gehirne erkältete; im angefüllten aber die Verdäuung hinderte; im Ertzte viel Gifft und fressende Schärffe steckte / ihr trocknendes Wesen gleichsam unverdäulich wäre / und die nährende Feuchtigkeit verzehrte. Uber diß wären sie so wohl als die innerste Erde dem Frost / der Hitze /Winden / Dünsten und Erdbeben unterworffen / lieffen gar offt durch Adern des Quecksilbers und Hütten-Rauchs / also daß die / welche gestern heiß und heilsam gewest / heute kalt und ungesund seyn könten. Der Barde versetzte: Dieses Wasser müste so wohl als alle andere Artzneyen vorsichtig gebraucht werden. Er wolte nicht leugnen / daß etliche Sauer-Brunnen gefährlich / und dahero keiner ohne lange Prüfung zu brauchen wäre. Zudem könten auch nicht alle / sonderlich derer edle Eingeweide anbrüchig wären / sich einiger / weniger aller Sauer-Brunnen ohne Unterscheid gebrauchen. Wäre doch ein Kraut dem einen gesund / dem andern schädlich. Die Erfahrung erhärtete / daß ihrer viel / an welchen Aertzte nur ihre Schande erheilet / durch Sauer-Brunnen sich von[740] Verstopfungen der Eingeweide / der Nieren und Krieß-Adern von Miltz-Sucht / eingewurtzelten Febern / von Gelb-Sucht und Entzündung der Leber sich glücklich befreyet hätten. Der Erfahrung als dem besten Lehrmeister / welche erhärtete / daß auch die besten Artzneyen in einem Leibe und Land-Strieche nicht wie in dem andern würckten / und dem Augenscheine wäre mehr zu glaubẽ / als mit vielen scheinbaren Gründen verfochtenen Meynungen / und wäre auch mit guten Gründen aus den Eigenschafften ihres Zusatzes zu behaupten / daß Sauer-Brunnen sicher /geschwinde / und ohne Schmertzen übrige Feuchtigkeiten austrockneten / das verstopfte eröffneten / das angefüllte ausleereten / das schwache stärckten / Fäulnüß hinderten. Dem blöden Magen könte man bey derselben frühem Gebrauche durch Stärckungen zu statten kommen. Das Ertzt hätte mehr Heilsamkeit als Gifft in sich / und würde der Staub und Saffran des Stahles / die Blumen und der Balsam des Schwefels /das Saltz und die Butter des Saturn / der Geist des Kupfer-Wassers / des Berg-Saltzes / ja gar das zugerichtete Spieß-Glas / und die aus allen andern Metallen gezogene Kräffte nützlich gebraucht. Warumb solten die / mit derer Geistern die Natur die Sauer- und warmen Brunnen so künstlich angemacht hat /ohne Krafft oder schädlich seyn? Sie truckneten aber nur übrige Feuchtigkeiten / wenn sie nicht übermässig gebraucht würden. Denn man müste aus Artzney keinen täglichen Trunck machen. Wegen dieser nöthigen Mässigung hätte die Natur zwar allen andern Sinnen zwey Werckzeuge / nemlich dem Sehen zwey Augen /dem Gehöre zwey Ohren / dem Geruch zwey Nasen-Löcher / aber dem Geschmack nur einen Mund und eine Zunge gegeben / weil so wohl Schmecken als Reden nicht ohne Sparsamkeit geschehen solte. Zu dem wäre das trockene gesünder als das flüssige. In etlichen Kranckheiten / als scharffen Febern / im Durchbruche und trockenen Naturen wären sie freylich schädlich / wie der so heilsame Theriack und der Wein den Alten / Milch den Kindern / der Essig den Weibern. Die Lufft und die Erd-Gewächse wären wie diese Wässer veränderlich / deßwegen aber wäre ihr Gebrauch nicht zu verwerffen. Das Alterthum und fast aller Völcker Ubereinstimmung redeten diesen heiligen Wassern das Wort. Die Magnesier die Lesbier /Araber und Mitileneer hätten sich dieser / insonderheit die letzten in der Wasser-Sucht nützlich gebraucht. Agrippine versetzte: Warumb er denn sie heilige Wasser nennte? Der Barde antwortete: Weil Griechen und alle Völcker den Schwefel / welcher das Oel und die Fettigkeit der Erde / der Vater alles Ertztes wäre / für heilig hielten / und ihn deswegen zum opfern brauchten / die Artzney-Wasser aber schwerlich ohne Schwefel seyn könten. Daher würde auch der schweflichte Blitz / ungeachtet er den Wein vergiftete / und viel Gutes verterbete / für heilig ausgeruffen. Am meisten aber verdienten diese Brunnen diesen Nahmen / weil sie heilsame Wunder-Geschencke des hochheiligen Gottes / und daher die Hermopylischen Bäder dem Hercules / die zu Abbula der Gesundheits-Göttin / die Avernischen dem Pluto / die Cumanische See Sibyllen / die Calderianischen Wässer der Juno / ein Brunn in Libyen dem Ammon / das Elusinische Bad dem Esculapius / in Latium der Nymphe Juturna / ein Brunn der Tloglodyten der Sonne / die Schwefel-Wasser dem Mephitio / alle Brunnen den Nymphen / das Meer dem Neptun gewiedmet worden wären. Die Deutschen aber weyheten alle Gesund-Brunnen dem Ursprunge aller Brunnen /nemlich dem einigen und unsterblichen Gotte zu. Alle fromme Seelen könten ohne einige heilige Regung sie weder beschauen noch geniessen. Denn Gott hätte allen Geschöpfen eine innerliche Neigung ihren Schöpfer zu loben eingepflantzt. Wenn die Seele[741] nun nur nicht in einer so schlimmen Herberge / als der wollüstige Leib wäre / wohnte / würde sie niemanden als diesen ersten Ursprung anbeten. Weil aber der Leib von einem so schlechten Teige gemacht wäre /besudelte sich in ihm die Seele / wie das kläreste Wasser in einem sumpfichten Bodeme / und machte ihr zu einem Abgotte / was ihr Wollust und Thorheit scheinbares für Augen stellte. Agrippine fiel ein: Dieser ist freylich das rechte Quell dieses und alles Guten. Aber / sagte sie / was ist diesem Brunnen für eine besondere Eigenschafft eingeflösset? Der Barde antwortete: Diese uhralte Reymen beschreiben uns sein Wesen deutlich genug / und man hat von geraumer Zeit diese Prüfung: daß er den Schwindel / kalten und hitzigen Flüssen des Haupts / übelem Gehöre /der hinfallenden Sucht / der Schlafsucht / Leber-Schwachheit / Wasser-Gelbe-Sucht / und Engbrüstigkeit abhelffe / der Lunge diene / den Magẽ stärcke /den Miltz befreye / die Nieren reinige. Agrippine sagte hierauf: Wenn so viel Tugendẽ in diesem Wasser vereinbaret sind / kan man diesen engen Brunn mit Wahrheit ein grosses Wunderwerk heissen. In alle Wege / versetzte der Barde. Deñ der Werth göttlicher Geschöpfe bestehet nicht in ihrer Grösse. Ein Diamant ist schätzbarer als eine grosse Klippe; ein Lydischer Prüfungs-Stein / oder nur ein Stein von einer Kröte oder Spinne hat mehr Tugend in sich / als manch gantzes Gebürge. Ja ein einiger Mensch begrieffe in sich so viel Wunder / als das grosse Geschöpfe der gantzen Welt. Nur ist es Schade / daß da er ein kurtzer Begrieff alles Wesens ist / seine Einbildung sich mit so viel Eitelkeit aufzublähen bearbeitet. Agrippine schöpfte so grosses Vergnügen aus dem Gespräche mit diesem Barden / daß sie fast ohn ihn nicht seyn konte / und wenn sie ihrer ändern Unterhaltung überdrüssig war / sie mit ihm die Zeit verkürtzte / und sich von denen Eigenschaften der andern sieben sich alldar befindlichen Brunnen unterrichten ließ. Als auch Agrippine das zwey Meilweges davon gelegene warme Bad Wißbaden / welches eines unter den drey wärmsten Deutschlandes ist / in Begleitung des sä tlichen Frauenzimmers zu besuchen schlüssig ward / muste dieser Barde stets an ihrer Seite seyn /gleich als wenn ihm von der Natur die Schlüssel zu der unterirrdischen Welt anvertraut wären / oder als wenn die Süssigkeit / welche sie aus den kurtzweiligen Spielen und anderm Zeit-Vertreibe des annehmlichen Frauenzimmers genoß / ohne den etwas herben Bey-Satz der Weltweißheit / keinen annehmlichen Geschmack hätte.

Als sie von Wißbaden zurück kommen / fanden sie bey dem Schwalbachischen Brunnen den Hertzog Jubil / Rhemetalces und Siegemund mit einer grossen Anzahl Cheruskischer und Cattischer Ritter / welche unter dem Scheine Agrippinen und das mit sich habende Römische Frauenzimmer zu bedienen auf den Rhein und die Festung Meyntz ein wachsames Auge haben solten. Beydes beobachteten diese Fürsten /indem sie öffters unter dem Scheine der Jagt sich an dem Rhein-Strome finden liessen / dem Frauenzimmer mit allerhand Ritter-Spielen die Zeit kürtzten /und so wohl Hertzog Jubil von der Fürstin Catta / als Rhemetalces von Zirolanen alle Vergnügungen einer tugendhafften Liebe genassen. Drey Tage hernach fand sich auch Ariovist der Allemanner Hertzog beym Sauer-Brunnen ein / welcher wenige Tage vorher vom Hertzoge Arpus durch den Grafen von Zollern Erlaubnüß dahin zu kommen und seiner Gesundheit zu pflegen hatte bitten lassen. Diesem hatte Hertzog Arpus in der Eil die Grafen von Solms und Isenburg biß an den Meyn entgegen geschickt / umb ihn aufs höflichste zu bewillkommen und zu bedienen. Sintemal dieses einer der mächtigsten Fürsten Deutschlandes war /Arpus aber nicht glauben konte / daß / weil in den Alemannischen Landen sich eine so grosse Menge der köstlichen Sauer-Brunnen befand / Ariovist des Schwalbachischen Brunnes[742] halber dahin kommen solte. Dieser Fürst war des mit dem Käyser Julius schlagenden Ariovistens nechster Bluts-Verwandter /nemlich seines Brudern Henrichs Enckel. Weil nun Ariovistens Tochter Vocione sich zum theil aus Verdruß / daß die Stände sie nicht einen nach ihrem Gefallen / sondern nur einen aus Ariovistens Geschlechte heyrathen lassen wolten / meist aber / weil sie mit einer beschwerlichen Kranckheit befallen ward / in ein Heiligthum eingesperrt hatte / ward dieser junge Ariovist mit Vocionens und der Stände gutem Willen ein Erbe aller zwischen dem Brigantinischen See /dem Rheine und Mäyne gelegenen Länder. Sintemal König Marbod nach erobertem Reiche der Bojen ein grosses Theil der Marckmännischen Länder Vocionen wieder abgetreten hatte. Alleine Ariovistens Länder waren auff zweyen Seiten von der Römer / auf der dritten von Marbods Macht gantz umbschrencket. Insonderheit hatte Drusus die Stadt Cisara am Lech nach überwundenen Vindelichern / Tiberius aber Bregnatz an dem See / welchen der Rhein durchfleust / und der Bürgermeister Lucius Munatius Plancus der Rauracher Haupt-Stadt am Rhein / ferner den Brisacher Berg / Drusus drey Städte der Tribozer / zwischen dem Rheine und der Breusche / wie auch der Mater-Strome Drusenheim / und an der Sorre Toberna / bey den Nemetern Käyser Julius Germersheim / Drusus die Stadt Noviomagum / bey den Vangionen Barmetomagus und Bonconia theils aufs neue gebaut /oder mit Römischen Bürgern bevolcket / mit Kriegs-Volck besetzt / etliche auch nach dem Käyser Augustus genennet. Derogestalt lagen Ariovistens Länder gleichsam an Römischen Fässeln; und auf der Morgen-Seite war der schlechte Fluß Radenitz gegen den Marbod eine schwache Gräntze. Diesemnach denn die Alemannischen Fürsten stets auf zweyen / oder wegen der an dem Mäyne angräntzten Catten und Hermundurer auf drey Achseln tragen musten. Weil aber gleichwohl so wohl der Feldherr als Hertzog Arpus mit Ariovisten als einem so vornehmen und mächtigen Fürsten gutes Verständnüß aufzurichten für nöthig hielten / ward dem Hertzog Catumer die Beobachtung des Rheines gegen die Sicambrer und der neue Festungs-Bau anvertraut. Dieser tapfere Fürst übernam diese Verrichtung mit der grösten Wachsamkeit; und damit er hieran so viel weniger verhindert würde / schickte er seine Gemahlin Adelmunde auch nach Hohenstein /umb zu bezeugen: daß die Deutschen auch dem eivrigen Anfange ihrer Liebe abzubrechen wüsten / und sie nicht / wie der grosse Antiochus in der Wanne der Wollust das gemeine Heil zu ersäuffen pflegten / welcher von der erheyratheten Tochter des Cleoptolomus nicht aus ihrem Bette und Armen zu bringen war /darüber aber schimpflich besieget ward. Der Feldherr und Arpus aber verfügten sich unter dem Scheine sich des warmen Bades zu bedienẽ / nach Wißbaden / von dar sie fast alle Stunden mit Ariovisten / welchem das Schloß Epstein eingeräumet war / sich ersehen konten. Beyde Hertzoge kamen das erste mal beym Sauerbrunnen mit Ariovisten zusammen / umb alle Schwerigkeiten / welche sich bey Empfängnüssen grosser Fürsten zu ereignen pflegen / zu verhütten. Alle Fürstliche Personen küsten einander bey der Bewillkommung auf den Mund / nicht so wohl / weil diese Grüssungs-Art unter dem diß zu thun gewohneten Käyser August aufkommen / als weil es eine alte Gewohnheit der aufrichtigen Deutschen war. Die anwesenden Ritter aber küsten ihm alle auswerts die Hand / und die Bürger breiteten ihm gar die Kleider unter /alles Volck der Catten aber war befehlicht / wo er durchzohe / eben so wohl als wie dem Feldherrn zu geschehen pflegete / die rechten Hände zum Zeichen eines ankommenden Freundes aufzuheben. Hertzog Arpus gab ihm allzeit die Ober-Stelle / also daß er mit zweyen gehende ihn allezeit in die Mitte nam / alleine aber ihm allezeit die Seite deckte.[743] Sintemal eben so wohl bey den Deutschen / als Persen und Römern die rechte für die Oberhand gehalten wird; vielleicht /weil diese die stärckste und zu allen die geschickste /ja auch andere Glieder des Menschen auf der rechten Seite mehr Wärmbde an sich ziehen. Denn ob zwar die Alemänner nach etlicher Asiatischen Völcker Gewonheit die lincke Seite für die ehrlichste hielten /weil sie nemlich an dieser den Degen tragen / auch wider aller andere Thiere Art des einigen Menschen Hertze sich gegen der lincken Seiten abwendet; So hielt doch Hertzog Arpus dafür / daß Ariovist in dem Cattischen Gebiete nach der Landes-Gewonheit verehret werden müste; damit aber diese Höfligkeit nicht zum Nachtheile des Cattischen Hauses / welches sonst keinem als dem Cheruskischen wiech / ausgedeutet werden möchte / enträumte Arpus auch allen andern deutschen Fürsten als Wirth in seinem Gebiete den Vorgang. Er stellte bald an einem bald am andern Orte Jagten / Ritterspiele und andere Kurtzweilen an /worbey Ariovist nicht weniger seine Höfligkeit als Stärcke und Geschickligkeit sehen ließ. Sein Adel bestand auch insgesamt aus jungen wol gewachsenen Leuten / gleich als wenn sie aus allen Nordländern zusammen gelesen wären. Denn keiner unter ihnen hatte andere als weißlockichte Haare. Ihr Aufzug war kostbar / und über die gemeine Art der Deutschen prächtig / daher er sich bey allen Aufzügen wol sehen ließ. Die Anwesenheit so vieler vollkommenen Fürsten /und der Ausbund des deutschen und Römischen Frauen-Zimmers / welches Agrippine mit sich gebracht hatte / munterte sein ohn dis reges Gemüthe noch mehr auf / also daß er es für einen Abbruch seiner Ehre hielt / wenn er nicht alle Tage entweder in einem Rennen / Gefechte / Tantze / oder durch ein sinnreiches Gespräche einen neuen Ruhm einerndtete / daß er ein Fürst ohne Furcht und ohne Tadel / sein Leib von so grosser Geschickligkeit als sein Geist voller Verstandes wäre. Damit er nun den letzteren sehen zu lassen desto mehr Gelegenheit hätte / ließ er sehr oft den weisen Barden / und den Dionysius Periogetes zu sich kommen / umb durch dieser weisen Leute Unterredungen die Zeit zu kürtzen. Dieser Dionysius war aus Susiana von Alexandria einer am rothen Meere zwischen dem Tiger und Euläus gelegenen Stadt bürtig / und beym Käyser August in grossem Ansehn; Maßen er auch auf sein Begehren die Morgen-Länder durchreiset und beschrieben hat. Hernach ward er ein steter Gefärthe des Germanicus / welcher bey Angürtung des Degens niemals die Weißheit von sich legte. Weil nun so wol der Barde als Ariovist den Dionysius fertig Griechisch ansprach / fragte er: ob er in Griechenland gewest wäre? der Barde antwortete lächelnde: Solte man in Deutschland nicht sowol als zu Rom Griechisch lernen können? Dionysius antwortete: Pflegen doch die Römer fast alle selbst nach Athen zu reisen umb diese gelehrte Sprache der Welt und der Griechen Weißheit zu lernen. Der Barde versätzte: wir glauben / daß der Griechen Weißheit mit vielen Aberglauben und andern Irrthümern verunreiniget /der Deutschen aber nicht weniger älter als reiner sey. Dionysius fragte: von wem die Deutschen denn ihre Weißheit bekommen hätten? der Barde antwortete: vom Uhr-Ahn-Herrn aller Deutschen dem Fürsten Tuiscon. Denn dieser war des Ascenas Sohn / welcher in Phrygien seine Ascanier beherrschte; als aber der Aßyrische König Belus in Asien mit Unterdruckung vieler andern Völcker das Aßyrische Reich stifftete und seines Sohnes Ninus Gemahlin Zoroastern der Bactrianer König / mit welchem Ascenas verträuliche Freundschafft pflegete / und von ihm seine in zwey tausend mal tausend Reimen verfaßte Wahrsagungen bekam / überwand / sätzte dieser aus Asien in Europa / und sein Sohn Tuiscon kam vollends in Deutschland / und mit ihm die Weißheit / worvon Zoroaster so berühmt war / und welche schon Belus durch sein gantzes Reich[744] in unterschiedenen Schulen lehren / solche auch in einer heiligen Bilder-Schrifft / von welchen Democritus ein gantzes Buch geschrieben / in Stein eingraben ließ / von denen man etliche noch in Deutschland zeiget. Über dis pflegten die weisen Chaldeer / eben wie wir Barden / die Geschichte tapfferer Fürsten und Helden zu singen; dieses bestand eigentlich in Erkäntnüs und in Verehrung des einigen Gottes / in der Sitten-Lehre / der Nachen- und Sternseher-Kunst; zu welchem Ende in Babylon ein in die mitlere Lufft reichender Thurn gebauet ward / daß die aufsteigenden Dünste nicht das Gesichte an steter Betrachtung des Sternenlauffes hinderten. Maßen denn daselbst schon zur Zeit des Belus der Lauff von siebenzehen hundert Jahren und also von Erschaffung der Welt her aufgezeichnet war. Hernach haben die Griechen sich zwar auch mit der Chaldeer Weißheit durch die Hand der Phönicier und Egyptier betheilet /und hat der Syrer Pherecydes ihnen zum ersten von Unsterbligkeit der Seele / von Ursachen der Finsternüsse was gesagt / Thales und Pythagoras hat sie vom Pherecydes und vom Priester Sonchedi / Plato vom Sechnuphi / Eudoxus vom Conuphi / dieser vom Hermes / oder aus seinen beschriebenen Seulen / Hermes aus den Schrifften Moses / welcher zum ersten die Bilder in eine Schrifft von deutlichen Buchstaben verwandelt; und sie die Juden und Phönicier gelehret /begriffen. Wiewol auch Pythagoras der erste gewest /welcher den Morgen- und Abend-Stern für einerley Sterne erkennet / zur Zeit des Plato am ersten zu Athen die Rechnungs- und Feldmesser-Kunst gelehret worden / Esculapius nichts mehr als Zähne auszubrechen / und den Unterleib zu reinigen gewüst / bis Hippocrates die Artzney-Kunst auf festen Fuß bracht /für dem Draco und Solon / Athen / für dem Lycurgus / Sparta nichts von Gesetzen gewüst / Thales zum ersten den Griechen den gestirnten Bär gewiesen / von den Sonn- und Mond-Finsternüssen was gesaget /wiewol sie doch in einer grossen Finsternüs der Unwissenheit blieben / also daß so wol ihre als der Römer Heere darüber erstauneten / nach derselben Begebung in drey Tagen nichts thäten / solche aber natürlichen Ursachen zuzuschreiben für ein sterbens-würdiges Laster hielten / und deßwegen Anaxagoras schwerlich vom Perycles vom Gefängnüsse und Tode errettet ward. Nichts weniger wissen die Griechẽ von der vor dem Theseus und Darius gewesenen Zeiten nichts als Träume und Gedichte zu erzählen. Hiervon sind auch des Römers Varro ersten Bücher angefüllet / allwo man langsam genung zu schreiben angefangen. Atticus hat nur von sieben hundert Jahren zurück etwas zu schreiben. Und Diodorus aus Sicilien weiter nicht als auf den Inachus zu kommen gewüst. Alleine sie haben allererst die Hefen davon bekommen / nach dem sie die Egyptier schon getrübet hatten. Und ob zwar zur Zeit des grossen Alexanders der Priester Berosus sich von Babylon nach dem Eylande Cop verfügte / und die Weißheit mit so grossem Ruhme lehrte; daß Athen sein Bild aus Ertzt mit einer güldenen Zunge aufsetzte / ob auch wol Callisthenes zu Babylon alle Schrifften der Weisen aufgesucht / und selbte mit einer Geschicht-Beschreibung von neunzehen hundert drey Jahren dem Aristoteles zugeschickt /woraus er den Safft gezogen / und unter seinem Nahmen heraus gegeben / hatte doch die Heucheley auch schon unzählich viel Menschen vergöttert / die Anbetung des Feuers eingeführt / und die Stern-Kunst in eine eitele Wahrsagung verwandelt; also daß sie mit dieser Weißheit mehr Schlackẽ als Gold bekommen /so gar / daß die Juden nach des grossen Alexanders Zeit den verfluchten / welcher seinen Sohn der Griechen Weißheit lernen ließ. Daher / als gleich Socrates / welcher für den Brunn der Weißheit in Griechen-Land gehalten ward / solche von der Vielheit[745] der Götter auslautern wolte / muste er seine Frömmigkeit wieder mit einem Glase Gifft verschlingen. Nicht besser gieng es zu Rom her / allwo Numa zwar vom Pythagoras seine Weißheit schöpfte / und durch sein Verbot zuwege brachte / daß hundert und siebenzig Jahr in Rom keines Gottes Bild gemahlet / geetzet oder gestochen ward / weil Gottes Wesen unbegreiflich ist. Alleine nunmehr hat es in dieser Stadt mehr todte Götter als lebende Menschen. Dahingegen ist vom Tuiscon an / die Weißheit bey den Deutschen /sonderlich was die Verehrung des einigen Gottes und die Sitten-Lehre betrifft / viel reiner als in ihrem Brunn nemlich in Asien verblieben. Und wir haben durch unsere Lieder das Gedächtnüs unserer wolverdienten Vorfahren besser als die Chaldeer / welche nach dem Sardanapal nicht einst den Nahmen ihrer Könige wüsten / als die Phönicier mit ihren Seulen /die Egyptier mit ihren Bilder-Thürmen / die Griechen mit ihren Schrifften; unsere Tugend reiner durch gute Sitten als die Juden / Griechen und Römer durch ihre strenge Gesätze erhalten. Dionysius kunte sich über diesem Barden nicht sattsam verwundern; und muste er bekennen / daß er von der Chaldeer Weißheit so viel als er selbst / der er ein gebohrner Chaldeer wäre / und mehr als alle Griechen wüste. Er warf ihm aber ein: Weil die Deutschen gleichwol zum Schreiben eitel Griechische Buchstaben brauchten / viel Wörter in beyden Sprachen mit einander überein kommen solten; auch er an ihm und dem deutschen Fürsten wahrnehme / daß die Griechische Sprache bey den Deutschen gemeiner und in grösserem Ansehen wäre als die Lateinische / hätte es fast das Ansehen / daß die Weltweißheit / welche in Griechenland und Italien nicht über tausend Jahr alt wäre / in dem von ihrem Ursprunge noch viel weiter entfernten Deutschlande /welches niemals keine eigene Schrifft gehabt / ohne welche doch selbte schwer zu lernen und fortzupflantzen wäre / keine so greise Einwohnerin seyn könte /sondern mit den Griechischen Buchstaben allererst dahin gewandert seyn müste. Der Barde begegnete ihm: Es hätte dieses wol einen Schein / aber es verhielte sich doch viel anders. Denn sonder Zweifel hätte die Welt / welche sechzehen hundert und fünf und funfzig Jahr für der unter dem Ogyges gestanden /nicht der Weißheit gar ermangelt; weil die Menschen der erstern Welt als in dem Frühlinge der Zeit die lebhafftesten müssen gewest seyn / von dem erstern ihnen eingegossenen Lichte das beste überkommen gehabt haben müssen / und weil GOtt dem Menschen eine so grosse Begierde die Warheit zu wissen eingepflantzt hätte / welche Wissenschafft der Seele süsseste Speise ja ihre Vollkommenheit wäre / durch welche der Mensch mit seinem Ursprunge nemlich Gott der selbstständigen Warheit sich vereinbarte. Gleichwol aber hätte man keine glaubhafte Nachricht; daß die damaligen Weisen einige Schrifft oder Buchstaben gehabt hätten. Denn das Buch Enochs / welches in Mohrenland noch zu finden seyn solte / wäre einem Gedichte gar zu ähnlich. Nach dem Ogyges auch mit seinen Söhnen und Töchtern auf dem Gebürge Ararat aus dem ersten Schiffe ausgestiegen und von der Uberschwemmung der Erde übrig blieben wären /hätte kein Mensch außer der Bilderschrifft / welche die Gestalten allerhand Thiere vorstellete / acht hundert Jahr von einigen Buchstaben nichts gewust / bis sie GOtt dem Moses / Moses den Juden / die Juden den Phöniciern mitgetheilet; gleichwol aber wäre die Weltweißheit niemals aus dem Gehirne der Menschen vertilget / sondern auch nach erfundenen Buchstaben von den Egyptiern und Seerern in einer geheimen Bilder-Schrifft sorgfältig erhalten worden. Denn ob zwar die Egyptier zu Heliopolis in Egypten / Thebe / und in dem Grabmaale des Simandes viel Bücher hatten /dorffte doch niemand als die Priester derselben Geheimnüsse[746] lesen / was aber allem Volck ihrer Wolfahrt halber zu wissen nöthig war / schrieben sie mit gemeinen Buchstaben an steinerne Seulen an / wie nun die von Juden verjagte Phönicier die Weißheit in Africa / der wegen Hungers-Noth aus Canaan in Egypten entweichende Abraham sie daselbst hin; Sesostres und Osiris aber von dar in viel Länder der Welt gebracht / daselbst in Tingitana Seulen mit gelehrten Uberschrifften aufgerichtet; und den in der Sternen-Kunst erfahrnen Atlas sehr hoch geachtet hätten; also wären vom Cadmus lange Zeit für dem Homerus aus Phönicien ihre Buchstaben in Griechenland gebracht worden / welche man noch lange Zeit hernach in des Ismenischen Apollo zu Thebe Drey-Füssen / und bey Erwehlung des Agamemnon zum Heerführer wider Troja gefunden hätte / so denen Janischen ziemlich gleich gewest wären. Aus Griechenland hätte der aus dem Peloponnesus vertriebene Evander die nach und nach verändertẽ Buchstaben in Italien gebracht / die zum Reisen geneigte Deutschen aber sie selbst aus Griechenland geholet. Welche nunmehr sich sonder Zweifel vollends in alle Ende der Welt ausbreiten würden / nach dem die Deutschen aus alter Leinwand ein so bequämes und wolfeiles Papier zum Schreiben zu machen erfunden hätten. Denn die Schrifften in Ertzt und Stein wäre zu langsam / zu kostbar und unbeweglich; die Baumrinde gar zu grob / die Blätter zu unbeständig / das Egyptische Papier zu seltzam / die Häute der Thiere zu theuer / die Bley- und Wachs-Taffeln zu ungeschickt. Wie nun aber Moses die ersten Hebreischen Buchstaben fürgeschrieben / Abraham die Syrischen und Chaldäischen / die Phönicier die Griechischen / Nicostrata die Lateinischen / Isis die Egyptischen erfunden / also würden die Deutschen auch mit der Zeit aus den Griechischen ihre eigene machen. Wenn aber auch nicht Tuiscon der Deutschen Lehrmeister wäre / würde es für den Griechen / ehe Sesostres oder Osiris Thules seyn müssen / welcher bis in Deutschland zu den Brunnen der Donau gedrungen wäre / ja gar das Eyland Thule nach seinem Nahmen genennet / und in allen Landen Seulen mit weissen Schriften hinterlassen hätte. Daß aber die Griechische Sprache und Schrifft nicht weniger in Deutschland als sonst in der Welt so gemein worden wäre / dörffte keines Wunderns; nach dem die Griechische Sprache nunmehr so vielen Völckern gemein und die Dolmetscherin aller anderen Sprachen worden wäre. Sintemals sie König Psammetichus in Egypten /Anacharsis bey den Scythen / die Maßilier in Gallien /Evander in Italien eingeführt / der Priester Jason zu Jerusalem eine Griechische Schule gestifftet / zu Tharsus in Cilicien eine bessere wäre als zu Athen und Alexandrien / die Carthaginenser / die Britannier / die Iberer / die Syrer selbte ins gemein redeten / und so wol die nackten Lehrer in Indien als die Priester in Deutschland solche für ihre heilige Sprache brauchten; ja zwischen Meßina und Italien die Fische die Griechische Sprache verstehen solten. Ungeachtet nun dieser Gemeinschafft der Sprachen / erhärtete doch die grosse Widerwärtigkeit der Deutschen Weißheit mit der Griechischen / daß jene von dieser den Ursprung keines weges habe. Sintemal die Deutschen nur einen / die Griechen unzehlbar viel Götter anbeten / diese die Götter zu bilden / für heilig; jene für Greuel / die Griechen die Welt für ewig / die Deutschen selbte kaum vier tausend Jahr alt zu seyn halten / jene viel / diese keinen Tempel bauen / vieler andern Gegensätze zu geschweigẽ. Insonderheit aber wäre die Weltweißheit selbst bey Griechen und Deutschen in einem gantz ungleichen Ansehen; denn jene hielten sie für Bley / jedermann aus dem geringsten Pöfel möchte bey ihnen lehren und lernen / und lehrten sie den geringsten Pöfel / daher auch Socrates / Euripedes / Demosthenes und andere Weisen geringer[747] Leute Kinder gewest wären / die Deutschen aber schätzten sie für Gold / und dahero würde nur der Adel und Fürsten in die Schule der Barden aufgenommen / und niemand als die Priester dörffte sich bey den Deutschen wie bey den Armeniern und Scythen unterfangen sie zu lehren. Diesemnach sie denn für dem gemeinen Volcke nach Anleitung der Natur / welche Gold und Edelgesteine in die Eingeweide der Erde /die Perlen in der Tieffe des Meeres verbirgt / ihre Lehren eben so wol unter tiefsinnige Sprüche und Rätzel / als die Egyptier unter ihre gebildeten Thiere /Pythagoras und Plato hinter ihre Zahlen versteckten /insgemein aber spotteten die Griechen / wie auch die Römer mehrmahls der Weltweisen als alberen Jäcken / die Deutschen aber verehrten sie wie die Egyptier als heilige / und bestellten durch sie wie die Persen die Herrschafft der Länder. Niemand könte in Deutschland wie bey den Seren und Priestern ein Reichs-Rath und Richter seyn / wer nicht ein Weltweiser wäre. Dionysius / Ariovist und die dazu gekommene Agrippine hörete diesem Barden mit höchster Lust zu / der erste fragte auch: weil die Barden ihre Weißheit nicht so hoch und so geheime hielten / würde ihm eine Gnade geschehen / wenn er einmal in eine solche Schule kommen könte. Der Barde antwortete: Ihre Schule könte für ihnen nicht verschlossen seyn / weil sie allen Edlen offen stünde. Und ob sie gleich dem Pöfel diese Kleinodte nicht fürwürffen; bezeichneten sie doch ihre Heiligthümer nicht wie die Egyptier ihre Tempel mit Sphynxen / weniger zwängen sie ihren Lehrlingen wie Pythagoras und Hippocrates Eyde ab ihre Lehren niemanden zu offenbahren. Agrippine fragte: Wie weit denn eine ihrer Schulen von dar entfernet wäre? Weil nun der Barde berichtete: daß eine der fürnehmsten nur eine Meile davon gelegen /machten sie den Schluß / daß sie sämptlich folgenden Morgen sich mit dem Barden dahin begeben wolten. Die Hertzogin Thußnelde / Erdmuth / Zirolane und alle andere Grossen leisteten ihnen Gesellschafft /ohne die / welche selbigen Tag mit dem Feldherrn nach Bingen / und zum Altare des Bacchus reiseten /umb daselbst alles in gute Verfassung zu stellen /weil ihnen die Römer je länger je mehr verdächtig wurden; sie auch ins geheim von vertrauter Hand aus Rom gewarniget wurden; daß Adgandester alle Kräffte ausspannete / den Käyser zu einem neuen Kriege wider die Catten und Cherusker zu verhetzen. Damit es auch den Römern an scheinbarem Vorwandte nicht mangelte / hätte Adgandester dem Tiberius allerhand Nachrichten zugestellt / was für Landschafften für Alters schon zu dem von Triern erbauten Meyntz gehöret hätten / ehe selbtes vom Käyser Julius und Drusus zur Festung gemacht worden wäre; denn diese konten unbeschwert des Friedens / die Römer als alte Zugehörungen der ihnen im Frieden-Schlusse mit allen Rechten überlassener Oerter mit gutem Rechte fordern / und auf den vermutheten Verweigerungs-Fall mit den Waffen suchen. Unterdessen führte der Barde die andere hochansehnliche Gesellschafft in das Taunische Gebürge / da sie anfangs die vom Drusus gebaute / von Deutschen aber zerstörte Festung besahen /hernach aber in einem Thale einen von den Barden wol angelegten Garten antraffen. Uber dem Eingange stand in einen Stein gegraben:


Der Mensch ist GOttes Bild. Doch ist dis Bild verstecket

Wie ein geschicktes Werck in rauhen Marmelstein.

Es schleußt so Satyren als Phronen in sich ein /

Wenn aber Phidias daran die Hände strecket /

Wird der geheime Schmuck uns allererst entdecket.

Die Diamante selbst / die nicht geschliffen seyn /

Die Kiesel ohne Stahl sind ohne Glut und Schein /

Die Bäre schier kein Thier / bis sie die Mutter lecket.


So bleibt der Mensch ein Klotz / ein unvernünfftig Thier /

Bis ihn die Weißheit schleifft / zu Gottes Bilde schnitzet /

Ja ohne sie ist nichts / das in der Welt was nützet /

Drum ziehet diesen Schatz so Gold als Perlen für.

Sie macht / daß ihr euch könt reich / schön und edel nennen /

Und durch ihr Auge muß man sich und GOtt erkennen.[748]


Alle Barden mit sampt ihren Lehrlingen / darunter unterschiedener Fürsten / vieler Ritter und Edelleute Söhne waren / empfiengen diese vornehmen Gäste mit keiner geringen Höfligkeit / als wenn sie alle an der fürnehmsten Könige Höfen wären auferzogen worden. Unter den Barden war fürnehmlich der Oberste von grossem Ansehn / ungeachtet die Zeit noch nicht seine Haare mit Schimmel bedeckt / und er also noch seine Lebhaftigkeit hatte. Er hatte wie die andern ein weiß leinenes Kleid an / welches alleine von andern damit unterschieden war / daß in dem Saume viel kleine messene Glöcklein und Schällen in Gestalt der Granat-Aepffel hiengen / welche / wenn er sich nur rührte / einen hellen Klang von sich gaben. Auf dem Haupte hatte er einen Krantz von fichtenem Laube / wie bey den Griechen dem Pan zugeeignet ward. Welches Agrippinen anfangs zwar verächtlich fürkam / weil zu Rom alle Priester Kräntze von Oel-Zweigen oder Lorber-Blättern und Hauben von Golde trugen; Nach dem aber ihr Thußnelde sagte: daß die Barden durch dis gemeine Laub so wol ihre Demuth als durch die stets grünen Blätter die Unsterbligkeit der Seele fürbildeten / zohe sie diese Kräntze denen viel kostbaren der Römer für. Dieser ertheilte nach solcher Bewillkommung alsbald denen andern Befehl: daß sie sich an ihrem Ampte nichts irren lassen solten. Denn er könte ihm unschwer einbilden / daß so grosse Lichter in der Welt sich keiner andern Ursach halber in ihre finstere Einsamkeit verfügt hätten / denn daß sie von ihnen Rechenschafft fordern wolten; ob sie auch der edlen Jugend den künfftigen Lichtern der Nachwelt /der einigen Hoffnung der Lebenden / ihrer Pflicht nach vorstünden. Hiermit nam jeder Barde etliche von den Knaben / lehrte sie die vorhandenen Kräuter und ihre Eigenschafften kennen. Ob nun zwar alle Anwesenden diesem Unterricht eine gute Weile mit Lust zuhörten / fieng doch endlich Dionysius zu dem ältesten Barden an: Ich höre hier zwar mehr Geheimnüsse der Natur ans Licht stellen / als ich mir in gantz Deutschland zu erfahren gemeint / die Lehr-Art ist auch so gut / daß ihr kein Weiser zu Athen oder Alexandria eintzigen Mangel würde ausstellen können. Nach dem aber unter den Lernenden ihrer Zweifelsfrey sehr viel sind / welche nicht Priester / weniger Aertzte / sondern Beherrscher der Länder und Staats-Diener abgeben sollen / nicht aber alles wie gut es auch ist / einem jeden zu lernen anstehet / weiß ich nicht / warumb diese letzteren in dem eigentlichen zur Artzney dienenden Erkäntnüsse der Kräuter und Gewächse unterwiesen werden. Für die zum Priester-Ampte bestimmte halt ich diese Wissenschafft ebenfals für nöthig / als welche eine Theil der Lehre von GOtt ist. Sintemahl die Natur wo nicht selbst GOtt /doch sein Spiegel ist / daraus er erkennet werden kan. Es ist kein Geschöpfe so klein / welches nicht eine Staffel abgiebt zu GOtt empor zu steigen. Daher Pythagoras die Betrachtung des grossen Eines / und Architas des Anfangs aller Anfänge für den einigen Zweck der Weltweißheit gehalten hat. Alleine denen /welche andern fürstehen sollen / scheint die Sitten-Lehre viel nützl- und nöthiger; daher auch Socrates /wie begierig er in seiner Jugend die Geheimnüsse der Natur zu ergründen / bey seinem tiefern Urtheil dieses verächtlich und sich allein an die Weißheit hielt / welche wol und glücklich zu leben lehrte / vielleicht /weil GOtt für seine Ehre und uns für nützlich gehalten / nur die Würckungen nicht die Eigenschafften seiner Geschöpfe zu entdecken / und daher unsere Pflicht wäre in der Natur nach GOttes Willen nicht nach seinen Ursachen zu fragen / oder weil / nach der Lehre des Plato / die Natur der niedrigste Werckzeug der göttlichen Versehung wäre / und in der grossen Welt nichts so edles als in der kleinen / nemlich die Vernunft und eine unsterbliche Seele steckte.[749] Der älteste Barde antwortete: Es ist sonder Zweifel kein besser Buch in der Welt / als das der Natur und es uns zur Vertheidigung genug / daß du gestehest / man könte aus selbtem GOtt erkennen. Denn wer diesen kennet / kan ihm selbst nicht unbekandt seyn. In Erkäntnüs seiner selbst aber bestehet des Menschen gantze Glückseeligkeit / und dis ist seine vollkommenste Richtschnur / daher auch die Amphictianer auf des Apollo Befehl die Worte: Kenne dich selbst / über die Pforte seines Tempels zu Delphis mit güldenen Buchstaben geschrieben. Diesemnach haben die Fürnehmsten / sonderlich die Ionischen Weltweisen / und die Essener / Pythagoras / Aristoteles und andere für das höchste Theil der Weißheit gehalten / die Natur kennen und für eine Bemühung grosser Gemüther mit seinem Verstande durch die Eingeweide der Erde in die Kreisse der Gestirne ja in die Heimligkeiten der Götter dringen / der weise König der Juden Salomo hätte mit dem der Tyrier sich in dieser Weißheit vertieffet / dadurch etliche Phönicische Städte als aufgesetzte Preisse erworben / und die Königin Makeda wäre dieser zu Liebe aus Mohrenland in Salomons Schule kommen. Wenn aber auch die Sitten-Lehre /welche doch viel jünger als die Weißheit der Natur /und in Griechenland erst vom Socrates eingeführet ist / für dieser beym Adel einen Vorzug zu haben verdiente / würden wir Barden doch durch unsere Lehr-Art solche nicht vernachläßigen. Sintemal wir dafür halten / daß eben so wol das Buch der Natur das beste sey / woraus man die Sitten-Weißheit und die Staats-Klugheit begreiffen könne. Ja ich unterstehe mich noch weiter zu gehen und zu behaupten / daß / wie in den Griechischen Schulen eine mit Staube bestreute Taffel auskommentlich war / alle Risse der Feld-Messer- und Rechen-Kunst darauf zu bilden / also dieser enge und schlechte Garten / dieser geringe Winckel Deutschlandes / oder vielmehr dieses Sand-Korn der Erde in sich soviel Dinge verwahre / welche einem die halbe Welt beherrschenden Fürsten genungsame Richtschnuren an die Hand geben können. Dionysius fieng an: Er müste gestehen / daß er von dieser Art zu lehren noch nichts in gantz Morgenland / noch auch zu Rom gehört hätte. Der Barde aber versätzte: Er wolte die Barden nicht für derselben Erfinder ausgeben / sondern vielmehr erinnern: daß Thrasybulus Milesius und nach seinem Beyspiele Tarquinius zu Rom allbereit diese Weißheit in seinem Garten gelehret /da er durch Köpffung der höchsten Mahhäupter oder Lilgen seinem Sohne die Fürnehmsten der Gabier aus dem Wege zu räumen eingerathen. Weil nun kein Gewächse wäre / welches nicht für ein Staats-Gesätze dienete / geriethe er auf die Gedancken; daß so viel kluge Fürsten nicht so wol aus bloßer Lust / als aus angemerckter Anleitung zur Herrschens-Kunst sich geraume Zeit in Gärte eingesperrt hätten. Hertzog Ariovist fiel ein: Ich muß gestehen / daß wenn ein Fürst in annehmlichen Gärten die Herrschens-Kunst lernen kan; ihre Dörner und Diesteln so denn nicht aller Rosen ermangeln können. Weil ich mich aber in dieser Kunst / welche niemals jemand ausgelernt hat /noch für einen Lehrling erkenne / möchte ich wol gerne / wie ein Fürst sich sein Lebtage zu verhalten habe / durch eine so annehmliche Lehr-Art begreiffen. Der Barde begegnete ihm mit einer besondern Anmuth / und sagte: Wenn er einer Menge so grosser Fürsten nicht beschwerlich zu fallen besorgte / wolte er durch einen schlechten Vorschmack die Warheit seiner Rede zu bescheinigen / hierdurch aber zugleich der klugen Natur und den beliebten Gärten ihr Wort zu reden sich unterstehen. Alle Anwesende versprachen ihm ein geduldiges Ohr / und ihre grosse Verbindligkeit. Sintemal derogleichen Unterricht nicht eine Milch für Kinder / sondern eine Speise für erwachsene Fürsten wäre. Diesemnach[750] denn dieser behägliche Barde alles / was im Garten war / zusammen beruffte / und sich derogestalt mit einer annehmlichen Fertigkeit heraus ließ: Der erste Purper-Keym einer Hyacinthe weiset schon die bevorstehende Geburt einer Königlichen Blume; und ein Kind in der Wiege das Merckmaal eines edlen Gemüthes; welches wie die Nessel bald mit dem ersten Ursprunge zu brennen / und mit dem nützlichen Mandel-Baume für allen andern Bäumen am geschwindesten zu blühen anfängt. Wie edel aber gleich ein Gemüthe ist / dörffe es doch einer klugen Leitung / wie der köstliche Weinstock der Unterstützung. Die wilden Stämme aber gäben uns Anleitung: daß man durch fleißige Auferziehung auch in unartige Gemüther edle Eigenschafften einpfropffen kan. Wenn man die bittern Mandel-Bäume umbhacket / und die Wurtzeln vom Schleime reinigt /oder in Stamm einen eisernen Nagel schlägt / tragen sie süsse Mandeln; und ein mit einem fichtenen Keile gespalteter Granat-Aepffel-Baum bringt / statt voriger sauern / süsse Früchte. Die aus Indien und Aßyrien an den Rhein versätzte Lilgen Narcissen / die aus Persien geholten Zitron-Bäume bescheinigen: daß die Zärtligkeit selbst endlich der Härte gewohne; und daß auch die in Seide und Purper gebohrne Kinder bey Zeite durch Arbeit und Bemühung abzuhärten rathsam ist. Die Dornen und weichen Blätter an den Rosen lehren: daß junge Fürsten nicht allein im Fechten / Reiten /Schüssen / Jagen / und in Kriegs-Künsten / sondern auch in Sprachen / im Feldmässen / in der Bau- und Rechen-Kunst / und andern Wissenschafften unterrichtet seyn müssen / welche nicht nur die Feinde zu schlagen / sondern auch ihre Unterthanen in Fried und Ruh zu erhalten haben; jedoch müssen die Leiter mit jungen Fürsten / wie die Gärtner mit Epheu umbgehen; welche diese auf ihrem eigenen Stängel sich aufzurichten unvermögende Gewächse an starcke Bäume pfropffen: daß sie durch dieser Stützung mit ihrer Umbwindung sich empor brechen / und ihnen die Müh aus der Unwissenheit empor zu klimmen ihnen nicht zu schwer gemacht werde. Maßen so gar einem Fürsten das Lesen / das Rechnen / die Bau- und Mässe-Kunst durch die darzu mit Fleiß abgetheileten Blumenstücke spielende beygebracht / und derogestalt die Gärte zu rechten Büchern der Weißheit gemacht werden können / in welchem ihm jeder Baum einen klugen Lehrmeister abgiebt; daß er sich nicht nur mit dem Seegen der Früchte Nutzen zu schaffen / sondern auch mit annehmlichen Blüten anderer Künste und Ubungen / welche in die Augen lauffen / gleichwol aber nicht zu kostbar oder gefährlich seyn müssen /beym Volcke beliebt zu machen gedencken; hingegen vermeiden soll / sich auf solche Wissenschafften zu legen / welche schläffrig / offene Zusammenkunfften verhaßt / und die Einsamkeit beliebt machen. Denn hiermit verwandelt er sich in die verschämte Pflantze /welche für einer sich nähernden Hand die Blätter zusammen zeucht / ja nicht einst der Menschen Antlitz vertragen kan. Dahingegen ein Fürst eine allen andern Gewächsen sichtbare Zeder seyn soll. Nach dem Beyspiele der Gärtner sind aus Fürstlichen Gemüthern die heftigsten Regungen zwar nicht wie das Unkraut / ehe es wurtzelt und zu Kräfften kommt / auszurotten; aber jedoch / wie das zu Bekleidung der Gärten-Gänge gepflantzte Mundholtz unter der Schere zu halten. Ja wie die Gärtner so gar die allzu starck empor schüssenden Pfropfreiser verschneiden / daß sie sich nicht überwachsen; Also müssen Fürsten dem Zorne und andern Ubereilungen / daß sie sich nicht schädlich vergehen / bey Zeite vas Wachsthum benehmen; keinmal / ehe der Zorn verraucht / einen Schluß[751] vollziehen; insonderheit das ihnen / nicht ihrer Würde angethane Unrecht lieber vergessen / als rächen. Jedoch ist die Entrüstung einem Fürsten wie der Dorn den Rosen anständig / wenn die Laster die Tugend zu Bodem drücken wollen; wie auch wenn ein Fürst den Zorn zum Rittersporne macht / und zu Ausübung tapfferer Helden-Thaten angewehrt. Eines Fürsten Aufrichtigkeit in allem Thun muß alle Schamröthe der Jugend / wie die weisse Farbe der Jaßminen ihre erste Färbung vertreiben; also daß gleichwohl noch etliche Strahlen übrig bleiben / und ein Fürst nach gäntzlicher Vertilgung dieses Tugend-Hütters nicht unverschämt wird in alle Laster zu rennen. Seine Erbarmnüs muß dem Majoran gleichen / dessen Geruch süsse / aber doch scharff ist / also daß ein Fürst durch seine Empfindligkeit nicht der Gerechtigkeit Gewalt thut /noch den Lastern Lufft machet. So wenig sich die Palmen für etwas bückten / so wenig muß er vor einigen Menschen Furcht oder Scheu haben / und sein Ansehn dardurch verstellen. Welches aber durch Freundligkeit und Demuth so wenig / als die auf der Erde kriechenden Blumen durch ihre Niedrigkeit von ihrer Güte nichts einbüßt. Eine niedrige Feilge bringt mehr Nutzen als eine ungeheuere Sonnen-Blume; und ein bescheidener Fürst erwürbet in einem engen Landstrieche mehr Ehre als ein Hochmüthiger bey seiner Herrschafft über die halbe Welt. Bey solcher Beschaffenheit hätte ein Fürst nur zu lachen / wenn er bey seinem Glücke und Wohlstande beneidet wird. Der Neid gleicht in Quellung seines Hertzens den Zwiebeln /derer Safft mit dem wachsenden Mohnden abnimmt. Hohe Gemüther aber müssen sich so wenig durch den Neid / als die Lilgen durch umb sie wachsende Diesteln aufhalten lassen / ihren geraden Hals gegen dem Himmel und zu ruhmbaren Thaten auszustrecken /sondern sich vielmehr erfreuen: daß wie das Gold und der Schnee der Lilgen von keinem Staube der Erden /also grosse Helden von keinem Unrathe der Mißgunst befleckt werden könten. Jedennoch aber / weil die Raupen auch auf Himmelhohe Bäume steigen / und die Sturmwinde an ihren geraden Wipfeln ihre Gewalt am liebsten ausüben / ist es nicht unrathsam: daß ein Fürst für seinen eyversüchtigen Nachbarn so wol seine zu wachsen anfangende Gewalt / als das Ansehen etlicher massen verkleinert / und gleichsam mit denen höchsten Blumen das Haupt gegen der Erde neigt / umb durch seine Erniedrigung sich in mehr Sicherheit zu versätzen. Wenn ein Fürst aber / wie eine Zeder / schon alle benachbarte Bäume überwachsen hätte / vergehet dem Neide ohne dis seinen Gipfel zu übersehen / das Gesichte / und die Mißgunst verwandelt sich in Furcht / von seinem Schatten untergedrückt zu werden. Keines weges aber soll ein Fürst mit jemand anderm als mit seinen ruhmbaren Vorfahren / denen er es an Tugend vorzuthun sich befleissen muß / eyvern; sondern vielmehr seiner Diener und Unterthanen tapferen Bemühungen / wie ein fruchtbarer Baum dem umb sich windendene Hopfen empor helffen. Die geringen Tannen-Bäume dämpfen alleine mit ihrem neidischen Schatten anderer Pflantzen Wachsthum; die lebhafften Eichen aber beschirmen die unter ihrem Schatten wachsenden noch mit ihren Aesten. Nichts weniger hätte ein Fürst acht zu haben: daß unter dem Adel und seinen Dienern weder Neid noch Eiversucht erwachse. Denn beydes stifftet im Reiche Zwytracht / hindert des Fürsten Dienste / und verterbt die vorsichtigsten Anstalten. Denn ob es zwar das Ansehen hätte: daß diese Eiversucht ein Wetzstein der Tugend sey / und einer dem andern zu desto rühmlichern Thaten aufmuntere; so steckt doch hierunter so[752] viel Gifft / als unter dem kühlen Schatten des Eschbaumes. Oben hätte dieser Eiver zwar wie die Epheu-Blätter eine lebhafte Grüne tapferer Entschlüssungen; unten aber die Blässe tödtender Feindschafft; welche in Rache und Schmähungen ausbrächen. Diesemnach hätte ein Fürst gar wohl zu unterscheiden /wenn er dieser scheinbaren Gemüths-Regung das Thor öffnen oder zusperren soll / nach Anleitung der dißfalls klugen Maßholder-Bäume; welche im So er keine Sonnen-Strahlen durchstechen / im Winter aber sie willig durchlassen. Die sich auch mit dem Tage aufmachenden / und mit dem Abende wieder zuschlüssenden Blumen weisen einen Fürsten an / zur Zeit kurtz und nachdrücklich zu reden / und bey Auslassung seiner Gemüthsregungen mit unzeitigen Dräu- und schädlichen Versprechungen an sich zu halten / und nicht alle Geheimnüsse an Tag zu geben. Noch weniger muß er ihm einbilden seiner Arglist durch Unwahrheit eine Farbe anzustreichen. Denn wie die unvernünftigen Thiere das blühende Gold des giftigen Napels / die einfältigen Schafe das Aegel-Kraut von heilsamer Weide auszuschlüssen wissen; also macht offt die einfältigste Redligkeit die spitzsinnigsten Betrügereyen zu Schanden. Wenn er aber sich der Reinligkeiten der Tugend befleißt / muß er sich kein unzeitiges Urthel des Pöfels / noch keine böse Nachrede der Verläumdung irre machen lassen / sondern sich an Mäyen-Blumen und Klee erinnern: daß jene die Käfer beflecken / aus diesem die Kröten Gifft saugen; ja von falschem Urthel ihm diese vorträgliche Rechnung machen: daß wie die Schäre durch Abkürtzung der zu gähe empor schüssenden Zweige /und das Messer durch Wegschneidung der Räuber nur der Pflantzen Wachsthum befördert / und insonderheit dem immer-grünenden Myrtenbaume seine vollkommene Schönheit giebt / also jenes einen Fürsten in den Gräntzen und im Aufnehmen löblichen Fürhabens erhalte. Gleichwohl aber muß ein Fürst nicht einen guten Nahmen bey der klugen / und den Nach-Ruhm bey der Nachwelt in Wind schlagen / als wormit auch die Liebe zur Tugend verraucht: sondern ihm zum Spiegel dienen lassen; daß kein Gewächse sey / welches sich nicht durch Tragung seines Saamens verewige; ja daß auch die Asche der Blumen eine Geschickligkeit behielte / durch Kunst ihr erstes Wesen fürzustellen. Fürnemlich aber hat er sich zu schämen /wenn er seinen wohl-verdienten Ahnen ungleich werden solte / sondern wahrzunehmen: daß edle Gewächse selten Miß-Geburten / hohe Cedern niemals Zwerge zeugen; und daß / wenn die scheckichten Tulipanen ihre vielfärbichte Schönheit in gemeines Roth oder gelbe verwandelen / sie als unartige vertilgt werdẽ. Wie er sich nun zwar durch tapfere Thatẽ selbst den Nachkommen zum Vorbilde macht; also muß er das Aufkommen derer / welche durch Tugend / besonders aber im Kriege durch bewehrte Tapferkeit sich aus ihrem Staube empor zu schwingen gedencken / nicht hindern / sondern / wie zwey an einander geriebene Lorber-Zweige Feuer geben / und zwey begegnende Schönheiten Liebe verursachen / also edlen Gemüthern vielmehr auf die Beine helffen. Denn die Tugend wächst offt gleichsam aus sich selbst / wie viel heilsame Kräuter ungesäet / oder ohne Pflantzung. Ja die bergichten Balsam-Stauden / die ungestalten Wein-Stöcke erhärten: daß die Tugend mit der Niedrigkeit offtmals Verwandschafft habe / und in einem geringen Kleid nicht ihren Werh verliere. Welches er so viel fleissiger beobachten wird / wenn er sich seiner eigenen Niedrigkeit erinnert und bedencket / daß alle seine Pracht nicht so wohl aus eigenem Ursprunge / als von Gott / wie der Glantz der herrlichsten Blumen nicht so wohl aus eigener Wurtzel / als aus Beseelung der Sonnen herrühre / und ohne dieser gütige Anstrahlung sich schwerlich eine Knospe[753] aufzuschüssen Vermögen habe. Ob nun zwar ein Fürst sich des irrdischen derogestalt nicht entbrechen kan / daß er seinen Fuß nicht in Schwachheiten / wie die Pflantzen ihre Wurtzeln in der Erde vertieffen müste / so hat er doch sein Hertze Gott / wie die Wegewarte ihre Blätter stets der Soñe / und durch Gottesfurcht die Würde des Priesterthums mit seinẽ Fürstenhutte zu vereinbaren. Denn diese ist die Wurtzel aller Tugenden / der Thau des Himmels / durch welche allein ein Reich befestigt und fruchtbar gemacht würde. An diese muß sich ein Fürst iederzeit beständig halten /wie ein iedes Erd-Gewächse an sein Gestirne / von dem es seinen absondern Einfluß zu genüssen hat. Denn die Staats-Klugheit beherrschet zwar die Welt /und die Natur sie / aber beyde der Gottes-Dienst. Wie sich auch keine Blume anders / als sie die Natur gebildet hat / mahlen läst; also soll sich auch ein Fürst niemals mit Larven der Tugend / weniger gar mit Lastern behelffen. Das Meer-Kraut / dessen Blume früh weiß / des Mittags roth / des Abends blau ist / bildet einen Heuchler und Wetter-Hahn / keinen Fürsten ab /dessen Tugend wie die Raute niemals ihre unverwelckliche Farbe verändern muß. Sintemal doch diese Hitze und Schnee austauert die Boßheit aber niemals beständig glücklich seyn / ja ohne Hülffe etlich angenommener Tugenden nicht einen Tag bestehen kan /wenn sie sich auch noch so schön ausputzte. Wenn sie die Klugheit nicht von der Tugend zu unterscheiden weiß / verrathen sie doch ihre bösen Früchte / wie das giftige Honig das Pontische Kraut / welches zwar Rosen trägt / aber denen Bienen nur tödtliche Nahrung zu saugen giebt. Ob nun zwar ein auf dem Grunde der Gottesfurcht und Tugend stehendes Reich sich keines Falles versehen dörffte / so haben sich doch sterbliche Fürsten mit denen tauerhaftestẽ Palmen und Eichen zu bescheiden: daß sie nicht ewig stehen könten. Diesemnach ein ieder bey Zeite vorzusinnen hat /seine gute Eigenschaften künftigen Nachfolgern / wie die Gärtner durch Einäugung jungen Stämmẽ der fruchtbaren Bäume Köstligkeiten einzuverleiben. Nichts gewissers aber muß ihm ein Fürst einbilden /als daß Kronen mit so viel Dornen als die Königin der Blumen / und die Spanischen Feigen mit Stacheln umbgeben; ja der Fürsten-Stand gleichsam wie die Kastanien-Nüsse in stechende Spitzen eingehüllet sind. Es bedarff in einem Reiche mehr Schweisses und Arbeit / als in keinem Garten / welcher ohne tägliches jäthen / abraupen / ausputzen / stützen / abschaben / und tausenderley Arbeit zeitlich verwildert. Unter diesen ist eine der fürnehmsten / durch Beysetzung gerader Stöcke und mit Wercke junge Bäume zu zwingen: daß sie nicht kru / sondern gerade wachsen. Man muß durch Verschneidung übriger Zweige oder Räuber die Stämme erhalten: daß sie durch allzu reichliche Vertheilung ihres Saftes nicht Krüpel werden / oder die Wurtzel zu sehr erschöpfen. Nichts anders hat ein Herrscher durch heilsame der Vernunfft gemässe / deutliche / und nicht übrige Gesetze / und durch sein sich denselben unterwerffendes Beyspiel von Unrecht / Lastern und Verschwendung des Vermögens / als der Lebens-Geister des gemeinen Wesens zurück und für Verterb zu erhalten. Jedoch soll ein Fürst weder alte Gesetze ohne euserste Noth abthun / noch denen erstarrten Mißbräuchen neue schreiben / welche er nicht trauet in Schwung und in Gebrauch zu bringen. Denn durch das erste giebt man gleichsam denen Unterthanen Anlaß die Gesetze mit Füssen zu treten / durchs letztere aber entsetzt sich der Fürst selbst seines Ansehens. Ob er nun zwar allen schädlichen Ansatz und offt viel anbrüchige Glieder / wie die Gärtner von den Bäumen die dürre Rinde / die unartigen Knörner / als Hindernüsse des Wachsthums und der Fruchtbarkeit abschneiden /auch mehrmals gantze Aeste absägen muß / wo anders der gantze[754] Baum nicht angesteckt oder verdorren soll; müssen doch beyde genau die Hertz-Wurtzel zu verschneiden sich hüten / sondern vielmehr die Wunden mit Baumwachse und Gelindigkeit verbinden /und iedweder ehe das Pflaster / als das Messer brauchen; ausser im Kriege / wo es sich nicht zweymal sündigen läßt / wo iemand gar den Kopf über die Gesetze empor zu tragen / oder sich gar wider die Verfassung eines Reiches / und sein Haupt aufzulehnen erkühnet. Mit einem Worte: Eines Fürsten Thun muß dem Majoran und den Myrrhen gleichen / derer Geschmack bitter / aber heilsam ist. Jedoch wird das schärffste Recht / wie die Oliven im Saltz-Wasser /seine Säure verlieren / wenn ein Fürst in wichtigen Sachen selbst den Richter-Stul betritt; und wenn heimliche Verbrechen in geheim / die aber / welche zum Aergernüsse in die Augen lauffen / offentlich bestrafft worden. Demnach aber der Hi el mit Reiff und Schnee nicht nur die Pflantzen beschirmet / und durch Winde ihre Wurtzeln befestigt; sondern auch mit sei nem süssen Thaue ihre Zeugung in der Erde zuwege bringt / und sie gleichsam säuget: also muß ein Fürst nicht nur durch Straffen der Tugend Sicherheit / sondern auch durch Belohnung Wachsthum und Unterhalt verschaffen. Die aus dem Gärten und Wäldern geholeten Lorber- und Eichen-Kräntze leiten einen Fürsten schon selbst nicht allein hierzu / sondern auch zur Klugheit an ein geringes Blat / für Gold und Edelgesteine anzuwehren. Wie aber die Rutten umb die Bürgermeister-Beile vieles Flechtens bedörffen / zur Anweisung: daß man sich in Straffen nicht übereilen soll; also muß ein Fürst auch nicht für erhaltenem Siege / und für würcklichen Verdiensten die Belohnungs-Kräntze abbrechen lassen. Denn sonst werden sie verdorren / und die für der Zeit gegebene Belohnung den Belohnten träge und hoffärtig / andere verdrüßlich und neidisch machen. Wiewohl auch weder Straffe noch Belohnung so lange zu verschieben ist: daß es nicht das Ansehen gewinnet / als wenn die Verdienste schon durch Vergessenheit / die Verbrechen aber durch die Zeit vertilgt wären. Beyde Straffe und Belohnung müssen auch gegen Schuld und Tugend wohl abgewogen seyn / und diese allezeit den Geschmack einer Gnade / wie die Nelcken den Geruch der Würtzen / nicht aber einer verbindlichen Zahlung behalten; also daß ein Diener sich iederzeit seines Fürsten Schuldner zu seyn erkennen / und ihn als eine wohlthätige Sonne anzuschauen Ursach hätte. Hingegen sind die der Sonnen mit unverwendetem Auge nachsehenden Sonnenwenden / der Fürsten Leitsterne: daß das unerschaffene Auge und Hertze der Welt / nemlich Gott / ihr einiges Augen-Ziel / die Fortpflantzung des Gottesdienstes / die eivrigste Bemühung / die Vermehrung der Ehre Gottes / der Zweck ihres Lebens / die Schätze der Heiligthümer /unversehrliche Gottes-Kasten / geistliche Stifftungen seine nutzbarste Sparsamkeit seyn soll. Deñ die Gottesfurcht gleicht denen Lorber-Zweigen / welche das Reich für Unglück / wie diese die Nester der Holtz-Tauben für Zauberey und giftigem Geschmeisse verwahrẽ. Nachdem man aber in der Welt den Gottes-Dienst zum Betruge / wie den Saffran / nebst gewissen Purpur-Blumen / zur Schmincke heßlicher Antlitze / das Scharlach-Kraut zu Anmachung geringen Weines braucht / muß er weder hierdurch sein böses Fürhaben eine falsche Farbe anstreichen / noch sich andere durch solchen Anstrich betrügen lassen. Ihm liegt wie einem Gärtner ob / aus Erinnerung des durch Frost / oder andere Zufälle empfangenen Schadens /die Gewächse für künftigem zu verwahren / nach Beschaffenheit gegenwertiger Jahres-Zeit / nichts zu verabsäumen zu säen / und nach Vorsehung künftiger Witterung und Zufälle / wider Mißwachs und Verterb kluge Anstalt zu machen. Aus der in Knospen stecken bleibenden Blüthe der geringen Schleen-Sträuche weiß ein[755] Gärtner / die noch verborgene Kälte; aus dem Gefässe der Blumen-Zwibeln künftige Dürre /aus Gerathung der Mandeln eine fette Weitzen-Erndte wahrzusagen; eben so muß ein Fürst nicht nur bey seiner Herrschafft auf Gestirne und hohe Dinge / sondern auch auf die für seinen Füssen acht haben / und daraus sein Glück und Unglück wahrnehmen. Ihrer viel scheinen kleine Moh-Körner zu seyn / aus welchen doch ungeheure Buchen und Oerlen wachsen. Die Bevolckung frembder Länder / die Vielheit der Verheyratheten / die übermässigen Gelübde / die nachlässige Wirthschafft bey gemeinen Einkünfften /die auf Zinß erborgten Gelder / die Ausführung des Geldes / die Bevortheilung in der Müntze scheinen in einem Reiche schlechte Schwachheiten zu seyn / welche wenig zu bedeuten hätten; die Erfahrung aber lehret: daß sie die Länder / wie Holtz-Würmer die grösten Kiefern / ausfrässen / und zu Bodem stürtzten. Wie auch ein Gärtner aufs genaueste die Eigenschafft des Bodens / worinnen dieses oder jenes besser wächst / auch die Eigenschafft dieses oder jenen Himmel-Strieches unterscheiden / sich aber nicht allemal auf selten sich ereignende ungemeine Fruchtbarkeit verlassen muß; also hat ein Fürst nicht gewiß auf das Beyspiel seiner Nachbarn und Vorfahren / noch auch auf die Gesetze der Staats-Klugheit / welche mehrmals im finstern tappet / auf gleichen Bodeme stulpert / und über einen Strohalm fällt / zu bauen / weniger auf einen glücklichen Streich / mehr blinde zu wagen / sondern auch bey seiner Herrschafft ihm die Rechnung zu machen: daß unter hundert tausend Weitzen-Körnern kaum eines einen Halm mit drey Eeren / und unter tausend Zwiebeln der Persischen Bünde kaum eine funfzig Blumen / und wenig Rosen-Zweige zwey Rosen auf einem Stiele trügen. Ob nun wohl der klugen Vor-Eltern Spure den Nachkommen dienliche Wegweisung ist / so muß sie doch nicht ihr Gefängnüß oder Irr-Garten seyn / aus welchem sie keinen Fuß setzen dörffen. Die Zeiten ändern die Umbstände / und die Welt werde von Zeit zu Zeit scharffsichtiger. In Gärten mühet sich nunmehr die Kunst es der Natur vorzuthun; und die meisten fruchtbaren Bäume sind vorhin wilde / oder ihre Aepfel kleiner gewest. Daher ist es einem Fürsten unverwehrt / die alten Fehler abzuthun / das Gute zu verbessern / und seine neue Erfindungen der Nach-Welt zur Nachfolge zu verlassen. Aus solcher und vieler Zufälle Anmerckung wird die Erfahrung / aus dieser aber die Klugheit erlangt. Ins gemein ist das Unglück hierinnen der nachdrücklichste Lehrmeister; und es zwar glücklicher aus frembden / aber empfindlicher aus eigenem Mißwachse vorsichtiger säen und pflantzen lernen; und so wohl eines Fürsten / als Gärtners grosse Klugheit / alle Kranck heiten seiner Bäume und Unterthanen kennen. Hierbey muß dieser verstehen: Ob eine oder andere Frucht sich besser einäugen / von dem Kerne fortpflantzen /oder auf diese oder jene Art Stämme glücklicher pfropfen liesse; ein Fürst aber sich nicht auff spitzsinnige Weißheit legen / sondern den Unterscheid der Gemüther und der Geschäfte erforschen. Denn beyde haben so unterschiedene Gestalten und Eigenschaften / als die Gewächse. Etliche Geschäffte sind wie die Hecken / anfangs von der Geschwindigkeit leicht zu bestreiten / wenn sie aber zu Kräfften kommen / fast unmöglich zu überwinden. Andere schüssen wie das Schilff mit Gewalt empor. Diesen muß man mit Geduld Zeit lassen. Denn sie brechen hernach von sich selbst ein. Etliche sind wie die Disteln / wo man sie auch angreifft / stachlicht; dörffen also Vorsicht und Hertzhaftigkeit. Andere sind wie das keine Anrührung[756] vertragende Kraut / und müssen unvermerckt untergraben werden. Unterschiedene Dinge lassen sich nur zu gewissen Zeiten angreiffen / wie die Oel- und Weiden-Blätter sich nur im längsten Tage des Jahres einmal umbwenden / zu derer Ausmachung man alles in Bereitschaft haben müste. Etliche Geschäffte werden so langsam reiff / als der doch so köstliche Wein /welcher fast die letzte Frucht im Jahre ist / haben also Fleiß und Geduld von nöthen. Andere werden / ehe man sichs versieht / wie die in einer Nacht wachsen den Piltze / zeitig / dörffen also einer sorgfältigen Aufsicht und Fertigkeit / sie nicht zu versäumen. Etliche sind zärtlicher / als die Pöonien / welche von dem geringsten Anfühlen Blätter fallen lassen / müssen also gleichsam mit Pflaumen-Streichen gewonnen werden. Andere hingegen muß man harte angreiffen /und wie den Flachs durch Zancken und Brechen gehen lassen / oder wie den Saffran mit Füssen treten. Jedoch sind wenig Dinge mit Ungestüm / mehr mit Bescheidenheit / alle mit Fleiß und Vernunfft zu handeln / insonderheit aber die gelegene Zeit / und die sich zeigende Gelegenheit aufs genaueste wahrzunehmen; und iedem Geschäffte sein anständiger Kopf zuzueignen. Denn diese sind ja so mancherley / als die Pflantzen; und einem ieden nicht alles anständig. Kein geringer Unterscheid ereignet sich unter den Gemüthern. Etliche sind großmüthig / und den Zedern gleich / welche sich mit dem hohen Gipfel der Ehre vergnügen. Andere gleichen den Zwerg-Bäumen / und ergetzen bey ihrer Niedrigkeit sich an einkommentlichen Früchten. Etlichen treibt die Hoffart die Sprossen so spitzig empor: daß / da sie der Wind nicht zerbrechen soll / sie müssen zerschnitten werden; umb sich mit mehr Kräfften der Vernunfft zu fassen / und in die Dicke zu wachsen. Andere kriechen wie Winde aus Zagheit auf dem Bodeme / biß man ihnen einen Halt verschafft / und so wohl ihr Vermögen / als die Mögligkeit der Verrichtungen zeigt. Etliche sind knechtischen Gemüths / und müssen wie die Nuß-Bäume mit Prügeln und Schärffe ausgearbeitet / andere gantz wilde / und müssen / wie die an einen wilden Feigen-Baum gebundenen Ochsen gezämet / und ihnen die Arbeit aufgehalset werden. Viel haben so viel Einbildung in sich selbst / als die eingeschlossenen Quitten Geruch; derer Eitelkeit durch Verachtung verrauchen muß. Etliche sind so geschwinde und feurig / wie die Mandel-Blüthe / welche aber nach der ersten Ubereilung / gleichsam mit einem Froste befallen und vertilget werden; und dahero anfangs des Schattens / hernach der Sonne / nemlich die Warnigung und Aufmunterung bedörffen. Andere hingegen stecken so voll Zweifels / als die Pfeffer-Stäbe voller Knoten; welche man mit dem Schaden ihrer Versäumnüß klug machen muß. Es gibt auch zum Theil so ungeschickte Stöcke / in welche sich / wie in Eichen nichts bessers pfropfen läßt. Diese muß man mit handgreifflichen Uberweisungen zu rechte bringen. Etliche versteigen sich in sich selbst / und alle ihre Anschläge sind so spitzig / als die Kastanien-Nüsse; diese muß man ihnen selbst lassen / biß sie sich ihrer Schwerigkeiten / wie die Kastanien ihrer stachlichten Nüsse erledigen. Andere verwerffen alles Einrathen / wie etliche wilde Bäume alle Verbesserung; manche haben einen herrlichen Schein / und ist doch nichts hinter ihnen /wie die Blume / welche Hispaniens Wunder genennet wird; und ausser dem Glantze ihrer Farbe weder Geruch / Geschmack / noch einigen andern Nutzen hat; hingegen scheinen einige so unansehnlich / als die reiffen Feigen / die unter ihrer Schwärtze so viel Süssigkeit verbergen. Die wenigsten aber haben die Vollkommenheit der Palmbäume / nemlich im Gesichte Ansehen / in Geberden Anmuth /[757] in Worten Wahrheit / auf der Zunge Verschwiegenheit / im Hertzen Redligkeit / welche mit Bescheidenheit reden /mit Geduld hören / mit Nachdruck widerlegen / durch die Erfahrung behaupten / mit Gründen überweisen /mit Klugheit alles überlegen / und mit Hertzhaftigkeit ausführen; iedoch bey ihrer Geschickligkeit nichts nachlässig handeln / noch andere drücken / oder die Unerfahrnen mit Fleiß anlauffen lassen. Dieses sind die Werckzeuge der gemeinen Glückseligkeit / und die Säulen / welche den Garten eines Reichs schmücken / und den Fürsten in Ansehn setzen. Dieses zu behaupten / muß er von denen immer-grünenden Cypressen / und denen die Blätter niemals verlierenden Pomerantzen-Bäumen lernen / allemal / besonders bey Unglücks-Stürmen und rauhen Winter des Krieges sein Ansehn behalten; ohne welches er von seinem eigenen Volcke so verächtlich / als ein entblätterter Baum gehalten / von den Feinden aber als ein zerbrechlicher Stock und geringes Brenn-Holtz leicht angetastet wird. Solch Ansehn befestigt auch ein Fürst durch anständige Kleidung und Aufzüge / durch prächtige Schlösser / starcke Leibwachen / am meisten aber durch Gerechtigkeit / Klugheit und gute Haushaltung; hingegen wird es verlohren / wenn ein Fürst sich mit iedermann zu gemein macht / bey Unglück / durch Kleinmuth und ängstliche Hülff-Bittungen / durch Verrathung seiner Schwachheit / und durch knechtische Laster. Gleichwohl aber muß er hierbey nach dem Vorbilde der Wein-Stöcke / welche in ihrem heßlichen Holtze den edelsten Safft der Welt zeugen / in seinem Thun mehr auf den nützlichen Kern / als auf den äuserlichen Schein sehen; und wenn sein Vorhaben nur nicht von der Tugend / von Treu und Glauben ablenckt / sich das tumme Urthel des eitelen Pöfels / welches nur nach den euserlichen Schalen urtheilt / und weder die Ursachen / noch das Absehn eines Fürsten ergründet / nicht irre machen /weniger ihm die / welchen nur die Ehre des Gehorsams zuko t / Gesetze vorschreiben lassen; welches nach einem glücklichen Ausgange sich seiner Thorheit schämet / und sich selbst aufs Maul schlägt. Wiewohl es iederzeit sicherer ist: daß ein Fürst in seinem Vorhaben des Volckes Beyfall hat / welches so denn auch bey widrigen Ausschlägen des Hofes Irrthümer entschuldigen hilfft. Wie nun die Amaranthen bey Frost / die Palm-Bäume beym Ungewitter und Son nen-Scheine einerley Gestalt behalten / ja gegen der sie drückenden Last sich noch mehr empor klimmen /das Kraut der Bären-Klau so viel mehr wächst / ie mehr es getreten wird / und das Saltz-Wasser den Palm-Bäumen zur besten Nahrung dient; also muß ein Fürst sich beym Glücke nicht überheben / beym Unglücke den Muth nicht sincken lassen / sondern wie die vom Winde bestürmte / und vom Einschneiden verwundete Myrten-Staude desto mehr Früchte seiner Großmüthigkeit zeigen; iedoch auch nicht wie das Eisen-Holtz unempfindlich seyn / sondern nach Art der fühlenden Pflantzen so wohl ihm selbst das gemeine Elend lassen zu Hertzen gehen / als dem Volcke die mit aller Zuthat abzuwenden nöthige Gefahr für Augen stellen. Von denen Dattel-Bäumen / welche die sorgfältigste Wartung brauchen / und doch erst im hundertsten Jahre Früchte tragen / muß ein Fürst lernen unermüdet arbeiten / mit Geduld hoffen; und wenn es gleich mit seinen Anschlägen nicht bald fort wil / keines weges die Hand abziehen / weniger verzweifeln. Denn die Herrschaffts-Sachen brauchen so wohl Zeit zu ihrem reiff werden / als die Mispeln. Was offt lange stecken bleibt / ersetzt hernach seinen Verzug desto reichlicher / und ko t frühzeitiger Ubereilung zuvor / wie die Maulbeer-Bäume / welche zwar langsam blühen / aber desto eher und häuffiger[758] Früchte bringen. Wenn ein Werck reiff wird / öffnet es sich von sich selbst / wie die Granat-Aepfel. Dahero muß ein Fürst nichts zur Unzeit erzwingen. Denn die Ubereilung leidet ins gemein von Zufällen / wie die allen andern zuvor kommende Blüthe der Mandel-Bäume vom Reiffe Schaden. Noch weniger muß er sich die Widerwertigkeiten lassen abschrecken; sondern sich vielmehr getrösten: daß der Reiff die zähen Kräuter mirbe / Würmer die Feigen reiff machen / der Platz-Regen die Raupen ersäufft / und die Glückseligkeit aus Ungemach / wie die Rose aus Dornen herfür blüht. Was in weichen Lilgen-Blättern alsbald verfault / bleibt viel Zeit in brennenden Nesseln gut. Wie die Kastanien-Bäume besser im Schatten / und auf Gebürgen / als an der Sonne / und in fetten Flächen stehen / die Feigen des Nachts mehr reiffen / als am Tage / also gerathen ihrer mehr bey Ungemach / als wenn sie immer auf Rosen gehen / und denen die Sonne stets schiene. Denn wie dieses holde Licht denen Nesseln allererst die Krafft zu brennen einflößt / und sie solche nicht aus der Erde / und ihrer Wurtzel bekommen / also verärgern sich die Menschen bey stetem Wohlstande / durch schädliche Wollüste und Vermessenheit. Man wil so denn allenthalben mit dem Kopfe durchdringen / da es doch eine der grösten Klugheit ist / sich lernen in die Zeit schicken / den Mantel nach dem Winde hängen / im Fall der Noth /wie die Blätter der Ulmen-Bäume / wenn die Sonne in den Krebs tritt / sich umbwenden / die Segel heftiger Gemüths-Regungen niederlassen / dem stürmenden Unglücke einen Schritt auf die Seite / nicht in Weg treten / und iedes Wetter ihm zu Nutze machen. Worinnen ihm dieselbigen Blumen zur Richtschnur dienen / welche bey rauher Lufft ihre Blätter in die Schale ihrer grünen Knospen verstecken / bey linder sie öffnen / und die Sonne sie färben lassen. Diese Veränderung aber muß ohne Kleinmuth geschehen; Sintemal diese die Furchtsamen ihrer Vernunfft beraubt / und die Gefahr vergrössert. Wer dieser Rath folgt / wird niemals aus zweyen Ubeln das geringste /sondern lieber den tödtlichen Schatten des Eiben-Baumes erwehlen / als sich die Sonne stechen lassen. Ein der Klugheit beygesetzter Gran der Verwegenheit zernichtet offt grosse Berge der Schwerigkeiten. Ob auch zwar die Gefahr zuweilen von sich selbst verraucht / wird doch selbte durch Unachtsamkeit vielmal aus einem Mah-Korne zu einem gossen Baume. Dahero muß ein Fürst selbte niemals fürchten / noch verachten / sondern vernünfftig unterscheiden. Denn die Unterscheidung ist die Zunge an der Wage der Klugheit. Dieser Barde hatte schon das Wort auf der Zunge weiter zu reden / als der Schall einer geleuteten Glocke ihn nicht allein stu machte / sondern auch alle Barden einer in der Mitte des Gartens in einẽ Steinfels befindlichẽ Höle zuzueilen nöthigte. Diese hatte einen Umschweiff inwendig von 100. Schritten; sie war über und über mit kleinen vielfärbichten Kiesel-Steinen zierlich besetzt / also daß sie allerhand Thiere / Vögel und Fische fürbildeten. Aus vier Stein-Ritzen spritzte eyß-kaltes Quell-Wasser in eine unten in den Stein-Fels gehauene / oder vom Wasser selbst ausgehölete Wanne / die Catten insgesa t folgten dem Barden zu dieser Höle / und küsten sie sä tlich nicht allein die Pfosten des Eingangs / sondern das Frauenzimmer band sein Haar auff / und wischte damit die Schwelle dieses Heiligthums ab. Hierauf wuschen alle in der ziemlich finstern Höle / ihre Scheitel / Hände / und nackten Füsse. Agrippine[759] wolte diesen folgen / aber Thußnelde zohe sie zurücke / und meldete: daß niemand / welcher nicht baarfüssig / und von Barden eingeweyhet wäre / wie kein Frembder in den Tempel der Juden / und bey den Griechen in das Heiligthum der Ceres gelassen würde. Agrippine hielt sich also an dem Eingang zurück / und fragte: Warumb denn die Barden einen so finstern Ort zu ihrem Gottes-Dienste erkieset hätten / weil / nach des Agesilaus Urthel die Finsternüß bösen / das Licht aber löblichen Verrichtungen anständig wäre. Thußnelde antwortete: Sie halten dafür / daß diese Finsternüß den vorwitzigen Augen verbiete / nach irrdischen Dingen zu schauen; und daß der / welcher für dem Antlitze Gottes stehe / und von selbtem erleuchtet werde / keines andern Lichts bedörffe. Hierüber fieng der oberste Barde an seine an den Hals gehenckte Glocke zu leuten / wie auch die kleinen an seinem Saume zu schütteln; worauf alle in der Höle sich befindenden zu Bodem fielen / und so gar ihre Antlitze auf die Erde legten. Agrippine fieng abermals an / und sagte: Sie hätte sich anfangs bald über die Glocken des Barden verwundert / nunmehr aber hätte sie so viel mehr Ursache zu fragen / was sie bedeuteten? Sie wüste zwar / daß auch bey andern Völckern im Gottes-Dienste dem Ertzte eine besondere Krafft zugeschrieben würde / daß die Priester zum opfern nicht eiserne / sondern ertztene Messer brauchten / daß Medea eine solche Sichel geführet / daß in dem Feyer der Haus-Götter / und bey den Gräbern der Verstorbenen ein altes Weib mit dem Geschwirre des Ertztes die höllischen Geister und Gespenster vertriebe / daß die Einfältigen damit dem verfinsterten Monden zu Hülffe kommen / ja Donner / Hagel und Ungewitter abwenden wolten; und daß dadurch die schwermenden Bienen vereinbart und beruhigt würden. Sie erinnerte sich auch / daß die Begräbnüsse zu Rom gewisse Glocken-Träger begleiteten / theils die Leute zum Zuschauen des Gepränges zu beruffen / theils den Priester des Jupiters für der Zunäherung zu warnigen / als welcher keine Todten-Klage hören dörffte. Alleine diese Glocken müsten sonder Zweifel ein viel ander Absehen haben. Thußnelde antwortete: Sie wüste zwar so genau nicht die Geheimnüsse des Bardischen Gottes-Dienstes; sie glaubte aber / daß wie in Feld-Lägern oder Festungen die / welche die Wachen besichtigen / Glocken trügen / umb die Schläfrigen zu ermuntern / also auch diese Glocken die Menschen zu mehrer Andacht erwecken solten. Welches sie dieser Glocken Uber-Schrifft so viel mehr beredete / als an welche folgende Reyme gegossen wären:


Ihr Menschen / denen Gott Zung und Vernunfft gegeben /

Die er zu seinem Lob und Seiten-Spiele weyht /

Doch beym Verstande thumm / und stumm beym Reden seyd;

Denckt wie des Schöpfers Preiß die Morgen-Stern' erheben /

Wie Pflantze / Rab' und Wurm nach Gottes Ehre streben /

Wie Blitz und Wolcke lobt des Höchsten Gütigkeit /

Ja wie der stumme Fisch des Höchsten Ruhm ausschreyt /

Wie bleibt euch Menschen denn die Zung' am Gaumen kleben?


So weck' euch nun todt Ertzt / wenn euch nichts anders kan;

Denn Gott das Wort hat mich betheilt mit einer Zungen /

Durch meinen Klang wird er gepriesen und gesungen;

Ich deut' euch auch die Zeit Gott zu verehren an.

Wie könn't ihr denn seyn stumm / und so viel Stimmen hören /

Wenn Stern / Wurm / Pflantze / Fisch / Blitz / Wolck / und Ertzt Gott ehren?


Agrippine fieng hierauf an: Ich erinnere mich nun /daß in den Tempeln der Syrischen Göttin ebenfalls solche Glocken aufgehenckt sind / derer sollen auch zu dem[760] Ende nicht wenig in des Porsenna prächtigem Begräbnüs-Maale an denen die vier grossen Spitz-Seulen zusammen knüpffenden Ketten gehenckt haben / wie auch daß in des Dodoneischen Jupiters Eichwalde eine Glocke Tag und Nacht unaufhörlich geläutet worden / über dis auf einer hohen Seule ein ertzten Becken / und auf einer andern / dabey eines Knaben Bild gestanden habe / welcher bey wehendem Winde mit seiner in der Hand habenden Ruthe auf solch klingendes Becken geschlagen. Käyser August hat auch auf das Hauß des donnernden Jupiters / welcher für den Pförtner des Capitolium verehret wird /durch Anleitung eines Traumes mit Glocken versehen. Welcher Glocken Gebrauch allerdings heiliger als unser zu Rom / da sie die Verschwendung zur Erweck- und Zusammen-Ruffung der unzählbaren Hauß-Gesinder / und zur Andeutung der Bade-Zeit erfunden hat. Aber / sagt sie / pflegen denn die Barden nach Anleitung dieser Reime auch andere / als die zum Gottesdienste bestimmte Stunden mit Glocken anzudeuten? Thußnelde antwortete Ihr; In alle Wege /alle. Denn eine jede wäre einer besondern Verrichtung / und sehr wenig dem Schlaffe bestimmet. Sie hielten den Schlaff für die Wiege der Wollust / und Müßiggang für das Haupt-Küssen der Laster. Agrippina fragte ferner / in wie viel Stunden die Barden Tag und Nacht eintheilten? Thußnelde sagte: Sie stimmten mit den meisten Völckern überein / daß sie so wol dem Tage als der Nacht zwölf Stunden zum Maaße aussätzten / jedoch wolten sie weniger den Babyloniern /noch weniger den Egyptiern diese Erfindung enträumen / welche letztere sich rühmten / daß sie der Hunds-köpfichte Affe ein dem Serapis gewiedmetes Thier / welches wenn die Sonne in Wieder oder in die Wage tritt / und also des Jahres zweymal bey Gleichheit des Tages und der Nacht zwölf mal sein Wasser gelassen hätte / solche Abtheilung und die darnach gerichtete Wasser-Uhren gelehret hätte; sondern sie lehrten vielmehr / daß der erste Mensch schon solche gemacht hätte. Denn weil die Zeit die Zahl der Bewegung und also der Mäßstab menschlichen Verrichtungen wäre / hätte der erste und Zweifelsfrey klügste Mensch dieser nothwendigen Wissenschafft die Zeit zu theilen nicht unwissend seyn köñen. Jedoch hätten sie ein gantz ander Stunden-Maaß als die Römer. Deñ da diese nach der Länge des Tages / und nach der Kürtze der Nacht jenes Stunden verlängerten / dieser verkürtzten / also daß im So er zwölf lange Tages /und zwölf kurtze Nacht-Stunden wären; so machten die Barden aus Tag und Nacht zwar auch zwey mal zwölf Stunden / aber durchgehends eine so lang als die andere. Diese Abtheilung hielten sie auch für die allerälteste. Sintemal sonst keine Uhr / sonder daß sie alle Tage nach dem Auf- und Untergange der Sonne verändert würde / eintreffen könte. Agrippine fiel ein: Es ist dis freylich wol eine richtigere Abmäßung der Zeit als unsere zu Rom / allwo man anfangs nur den Tag in Morgen und Abend zu theilen gewüst / hernach dem Mittag beygesätzt; welche drey Zeiten ein Aufwärter des Bürgermeisters / nach gewissen Anmerckungen der Soñen-Strahlẽ am Rathhause / und also nur bey heiterẽ Wetter ausruffen muste / bis man im erstẽ Punischen Kriege / auf einer Seule die erste Sonn- oder Schatten-Uhr / welche Anaximenes Milesius zu Sparta erfunden haben soll / hernach Scipio Nasica die vom Etesibius zu Alexandria ausgedachte Wasser-Uhr aufgerichtet hat. Wiewol wir dessen selbst nicht allerdings gewiß sind / und einige / daß die erste Uhr ans Capitolium / andere daß es an Dianens Heiligthum angemacht / und aus Sicilien gebracht worden wäre / vermeinen. Alleine auf was für Art wissen sie / besonders bey trübem Wetter / uns des Nachts die Stunden so gar genaue zu treffen. Sintemal unsere über die Wasser-Uhren[761] gestellte Knaben so selten als die Meinungen der Weltweisen mit einander eintreffen. Thußnelde beantwortete sie: die Barden hätten zwar eben solche Wasser- und Sonnen-Uhren. Sie zeigte ihr auch nahe darbey ein Blumenstücke / da eine in der Mitte stehende Stange den Schatten auf die mit grünem Buchsbaume gesätzten zwölf Stunden-Zahlen warf. Uber dis hätten sie an statt der Wasser-Uhren Sand-Seiger / welche richtiger als jene wären. Ja sie pflegten an Bewegung der Sonnen-Wenden und anderer Gewächse / insonderheit aus dem Schatten des in dem Garten stehenden spitzigen Steinfelsens / wie die Egyptier aus der Regung der Lothosblume / aus dem Schatten des grossen Sonnen-Pfeilers bey Memphis und der Spitz-Seule zu Heliopolis so wol die Tages-Stunden / als die Jahres-Zeiten / wenn Tag und Nacht gleich / oder die Sonne zurück kehrt / abzumässen. Allein die Barden hätten etwas erfunden / welchem weder Rom / Egypten noch Babylon was gleiches zu zeigen hätte / nemlich eine von Stahl gemachte Uhr / derer Räder von wol abgetheilten Gewichten / ein die Stunden weisender Zeiger aber von den Rädern bewegt würde; daß die Barden also / wenn sie nur des Tages einmal die Gewichte aufzügen / das gantze Jahr durch zu Tag und Nachte bey jedem Wetter eine jegliche Stunde genaue wissen / und ein wachsamer Barde durch so viel Schläge an die Glocke selbte allen andeuten könte. Agrippine wunderte sich hierüber / und weil auf Thußneldens Begehren sie mit ihr zu dieser Uhr auf den über der Höle gebauten Thurm empor stieg / konte sie diese Erfindung nicht genung loben; dieses aber wuste sie noch nicht zu begreiffen / warum der Oberste Barde selbst eine Glocke am Halse trüge; da man solche doch anderwerts wilden Thieren / und denen zum Tode Verdammten anzuhencken pflegte. Diesen zwar / daß sie niemand anrührte / und sich an ihnen verunreinigten / jenen aber / daß die Raub-Thiere von den Zahmen schichtern gemacht / das Vieh insonderheit die Falcken und Habichte desto leichter wieder gefunden / ja durch den Klang der Glocken desto besser zu weiden und fetter zu werden angereitzt werden möchten. Sintemal fast alle Thiere an süssem Klange grosses Gefallen haben / und daher die Meer-Schweine denen Säiten-Spielern auf den Schiffen begierig nachfolgen / die Nachtigalln den Lautenschlägern nachschlagen; und die flüchtigen Hirsche durch die Hirten-Pfeiffen feste gemacht werden. Thußnelde versätzte: Es könte einerley Ding zu zwey widrigen End-Ursachen / oder gar bey einem zur Schande / beym andern zur Ehre gebraucht werden; Insonderheit wäre dis /wormit man die Thiere ausputzte / nicht bald eine Verstellung der Menschen. Sie hätte in etlichen der Diane gewiedmeten Heynen Hirsche mit Edelgesteinenen Ohrgehencken gesehen. Der grosse Alexander hätte nicht nur sondern schon Diomedes einem Hirsche ein köstliches Halsband mit darein gegrabener Schrifft: Diomedes Dianen / umbgemacht / welches hernach in Hals eingewachsen / vom Könige Agathocles in Sicilien aber gefunden / und in Jupiters Tempel verwahret worden. Sie hätte zu Baje gesehen /daß Antonia / wie für ihr Craßus / einer Murene Perlene Ohrgehencke angehenckt habe. Sie wüste auch /daß im Bruñen des Labrodischen Jupiters die Aale Halsbänder trügen / ja denen Ochsen hienge man ertztene Ringe an die Ohren. Dieses aber hinderte nicht / daß die Ohrgehencke ein Kennzeichen des Adels sind / ob schon die Durchbohrung der Ohren auch ein Merckmal der Knechtschafft ist / ja daß August die zerschnittene Perle Cleopatrens im Pantheon dem Bilde der Venus / Callidius silberne Ohrgehencke Minerven angehenckt. Maßen denn auch das an dem Trojanischen Vorgebürge[762] zur Verehrung aufgesätzte Bild Achillens eben so wie ein Weib an seinen durchlöcherten Ohren Edelgesteine hencken gehabt. Eben so unterschieden wäre der Gebrauch der Glocken / welche so wol an den Siegs-Wagen als an den Hälsen der Missethäter hiengen / umb die Uberwinder auch in ihrem grösten Glücke des menschlichen Elends zu erinnern. Niemanden aber käme Glocken besser zu tragen als Priestern zu. Denn solche wären ein rechtes Sinnebild ihres Amptes / weil sie der Mund Gottes / die Stimme der Warheit / ein Wecker der Andacht / ein Beyspiel der Frömmigkeit wären. Hierüber endigte sich das Gebete; da denn Ariovist so begierig war des Barden Unterweisung vollends zu vernehmen / als dieser seine Rede zu vollführen. Weil aber er ihrer Gedult halber sorgfältig war / nach dem er noch mehr als zwey Drittel fürzubringen hätte /hielt die Hertzogin Erdmuth für rathsamer vorher mit den Barden zu speisen. Der Oberste Barde nam es für eine grosse Gnade auf / wenn so hohe Fürsten mit ihrem Armuthe vorlieb nehmen / und vielmehr mit ihnen fasten als essen wolten. Alleine / weil nicht nur die Aertzte bisweilen zu fasten dem Magen für zuträglich / sondern auch der meisten Völcker Geistlichen für eine Reinigung der Seele hielten / und daher auch die Egyptier offtmals dem Osiris und der Isis /die Römer der Ceres zu Ehren fasteten / würde vielleicht der heutigen Mahlzeit Abgang ihnen so viel erträglicher seyn. Der Barde gab hierbey dem ihm gegen über stehenden nur einen Winck / umb alles zu bestellen / und ersuchte hierauf die fürnehmen Gäste sich in eine zu Ende eines langen Ganges aufgerichtete Lauber-Hütte zu verfügen / welche so künstlich geflochten war / daß sie ein zierliches Zelt fürstellte. In diesem fanden sie zwey Taffeln mit Speisen / aber auf eine gantz absondere Art bedecket. Denn die eine hatte die Hertzogin Erdmuth auf einer Seite nach Römischer Weise mit hohen Betten zum Liegen / auf der andern Seite aber mit Stülen bereiten lassen. Denn ob zwar die Römer ihre alte Gewohnheit beym Tische zu sitzen fürlängst verändert / und das Liegen erkieset hatten / auch wenn sie nicht aus dem Bade kommen /weßhalben doch anfangs nie unbequäme Art bey Tische zu liegen war eingeführt worden / so behielten doch alle ehrbare Frauen / wie auch edle Knaben die Art des Sitzens. Die andere für die Barden bestimmte Taffel aber hatte nur Bäncke von Rasen / jedoch war sie mit einem sauberen Tuche von gezogener Leinwand bedeckt / und jedem Barden auf einmahl nur eine kleine irrdene Schüssel und ein Krug mit Wasser zum trincken vorgesätzt. Diese aber waren von einer weissen Gläte übergläset / und darein blaue Landschafften und Geschichte gebildet / daß sie Agrippine für Serische Porcellanen / derer nur sechs der grosse Pompejus als eine grosse Seltzamkeit aus Morgenland nach Rom gebracht und dem Capitolinischen Jupiter eingeweiht hätte / ansahe / also sich wunderte / woher so viel kostbare Geschirre / derer etliche zu Rom umb achtzig Sestertier wären verkaufft worden / in diese Wüsteney ko en wären? Einer der Barden aber meldete ihr alsofort: daß diese Gefäße von ihnen selbst nur aus deutscher Erde gemacht / und mit einer aus Bley geschmeltzten Gläte gefertigt / auch aus ihrer undurchsichtbaren Dickligkeit von Porcellanen zu unterscheiden wären. Agrippine betrachtete sie mit grosser Vergnügung / und sagte: dieses wären sonder Zweifel die schönsten irrdenen Geschirre in der Welt; wo anders nicht auch die Porcellanen aus einem gebackenen Thone / sondern aus einer unter der Erde von der Wärmbde zusammen geschmeltzten Feuchtigkeit oder aus Steine bereitet würden. Die in Samos und zu Aretium gebrennten Schüsseln / die Bächer von Surrent / Asta und Pollentia / die Geschirre von Sagunt und Pergamus / die Coischen Gefäße /[763] welche doch zum Theil schon den Werth der Porcellanen überstiegen hätten / verdienten mit diesem gar nicht verglichen zu werden / und wären nicht nur zu des Numa / sondern auch bey jetziger Zeit würdig / daß aus ihnen Bilder der Götter gemacht würden. Nach dem Agrippine auch die Barden gantz allein speisen und ihnen nichts anders als in der ersten Schüssel ein Ey / in der andern ein wenig Bohnen / in der dritten Kräuter / in der vierdten einen Apffel aufsätzen sah /fieng sie an: wenn sie nicht die Bohnen auf ihrem Tische sähe / würde sie in Gedancken kommen; daß sie dem Pythagoras und den nackten Lehrern in Indien beypflichteten / welche wegen eingebildeter Heiligkeit außer ihres gleichen mit keinem Menschen speiseten /und das Fleisch-Essen für die gröste Sünde hielten. Der Oberste Barde aber antwortete ihr: GOtt würde sie für solchem Hochmuthe behüten / daß sie sich heiliger als andere Menschen halten solten. Diese Einbildung wäre die gröste Verkleinerung ihres Schöpfers /gegen welchem alle Menschen elende Würmer wären. Ihre Absonderung von andern Tischen rührte allein aus Demuth und diesem Absehen her; daß sie nach niedlichen Speisen nicht lüstern würden. Des Fleisches enthielten sie sich zwar meist ihr Lebtage / aber nicht darumb / daß / nach des Pythagoras und der Indianer Meinung / zwischen Menschen und Vieh eine allgemeine Verwandschafft wäre / ja der verstorbenen Seelen in dieses wanderten / also kein Thier zu seiner Wollust ohne Grausamkeit geschlachtet werden könte. Denn sie wüsten wol / daß der vernünftige Mensch ein Ebenbild Gottes / also wilde Thiere selbtem gar nicht gemäß wäre / und seine himmlische Seele keinen Habicht / keine Schlange / keinen Ochsen zur Herberge haben könte. Wir sind auch mit den Juden nicht einig / welche zwar von widerkäuenden und gespaltenen Klauen habenden Thieren das Fleisch / das Marck / Milch und Butter / aber kein Blut essen; weil in dem Blute die Seele des Viehes steckte / und ihm GOtt dis zu seiner Versöhnung vorbehalten hätte. Aus welchem Absehen vielleicht auch Jupiters Priester zu Rom kein rohes Fleisch anrühren dörfftẽ. Alleine / warumb solte dis in dem Munde den Menschen verunreinigen / damit der Priester in der Opfer-Schale das Volck reinigte? dieses aber ist außer Zweifel; daß bey anwachsender Wollust und Verschwendung das Fleisch-Essen zum grossen Schaden und Aergernüsse in Mißbrauch gerathen; indem unterschiedene Völcker dis / wofür andere ein Grauen haben / nemlich die Araber Kamele / die Phrygier weisse Holtz-Würmer mit schwartzen Köpffen / die Libyer Heuschrecken / die Africaner Heydächsen / die Scythen Pferde und Füchse / ja gar Menschen-Fleisch für ihre Leckerbißlein erkiesten. Insonderheit aber hat der ersten Welt Sparsamkeit im Fleisch-Essen / welches ohne dis allererst zur Zeit Pygmalions den Anfang genommen haben soll / sich nunmehr so vergrössert / daß es scheint / als wenn die Natur keine andere Nahrung als Thiere zeugte / und daß man ohne Blut und Zerfleischung unzählbarer Thiere keine Mahlzeit halten könte. Die Römer hätten lange Zeit des Abends nur Brod / früh aber allein gebraten Fleisch / die Parther kein ander Fleisch gessen / als was sie auf der Jagt erlegt / nun aber würde für kein Gastmahl gehalten /wenn man einem jeden Gaste nicht ein gantz gebraten Reh oder wildes Schwein / und in einer Schüssel sieben tausend Vögel / und zwey tausend Fische / von mehr als hunderterley Sorten Fische fürsätzte. Hieraus erwüchse die zu allen Lastern insonderheit zur Geilheit leitende Schwelgerey. Weil nun Priester GOtt so wol mit reinem Hertzen und Händen dienen solten; liege ihnen ob allen Zunder der Brunst / und darunter so wol das Fleisch als den Wein aus dem Wege zu räumen. Daher pflegten[764] die Römer / nach dem Beyspiele des Numa / der sich für den Opffern des Fleisches und Beyschlaffs enteuserte / in heiligen Feyertagen nur Kräuter und Gesäme / die Wahrsager Jupiters in Creta keine gekochte Speisen weniger Fleisch /die Brachmanen und Sonnen-Priester in Indien nichts als Aepfel und Reiß / die Weisen in Persien nur Mehl und Kränticht / die Mysischen nur Honig / Milch und Käse zu speisen / die Egyptischen zehn Tage für ihren Feyern sich des Weines und Fleisches zu enthalten. Und dieses Absehen / kein ander Aberglaube aber wäre es / daß die Barden sich so wol des Fleisch-Essens als starcker Geträncke enteuserten. Agrippine fragte: wie sie denn bey Kräfften blieben / oder einen so grossen Zwang / in die Länge ausstehen könten? der Barde versätzte: die Natur wäre mit wenigem vergnügt würde / vom Uberflusse geschwächt / und gewohnte Dinge machtẽ keine Beschwerligkeit. Hätten doch Diogenes und andere Weltweisen offt lange Zeit sich gar ausgehungert / die Hierophanten zu Athen sich durch gifftiges Schierling-Kraut / die Priester Cybelens durch ein Semisch Scherben gar entmannet /umb die bösen Lüste zu tödten. Wie solte denn ihnen schwer fallen bey so grossem Uberflusse der Natur den Fleisch- und Wein-Zahn auszuschlagen? Alle schöpfften über dieser Erklärung / und bey der köstlichen Tafel der Fürstin Erdmuth so wol an seltzamen Speisen als sinnreichen Unterredungen grosse Vergnügung. Ob sie nun zwar eine Stunde für der Sonnen Niedergange von dem Barden Abschied nahmen; so verließen sie doch den dritten Tag sich wieder einzufinden.

Dieses erfolgte auch auf bestimmte Zeit; und Ariovist lag fast beym ersten Eintritte in den Garten dem Barden an seinen aus Gewächsen genommenen Unterricht der Fürsten zu völligem Ende zu bringen. Der Oberste Barde war hierzu so fertig / als Ariovist und andere ihn zu hören begierig; fieng also an: die Natur hat uns nechsthin gelehrt / wie ein Fürst erzogen werden / und wie er sich ins gemein in seinem Thun verhalten solle. Heute wird sie uns hoffentlich Nachricht geben / wie er sich besonders gegen seine Unterthanen / gegen Frembde / gegen seine Diener / und sonst im Wolstande seiner Herrschafft zu verhalten habe. Die uns allhier im Gesichte stehenden Mandelbäume /welche theils bittere / theils süsse Früchte tragen /weisen einen Fürsten alsbald an / daß er gegen seine Unterthanen theils mit Schärffe / theils mit Gelindigkeit verfahren müsse. Denn etliche Menschen gleichen den Nußbäumen / welche von vielem Schlagen fruchtbarer werden; Andere dem kein Eisen vertragenden Gersten-Isop und Krausemüntze. Weil aber die Menschen ins gemein mehr zu Lastern als zu Tugenden einen Zug haben; ist die Schärffe meistentheils nöthiger als die Gelindigkeit. Diese erweckt zwar Liebe /jene aber Furcht und Liebe zugleich gegẽ dem Fürsten / so wie die Pflantze / welche man das keusche Lamm heißt / zwar der Unkeuschheit widerstehet / gleichwol aber die Frauen-Brüste mit Milch bereichert. Jedoch muß solche Furcht von knechtischen Schrecken unterschieden / und ein Fürst kein trauriger Baum seyn /der seine Blüten / nemlich die Freudigkeit seines Gemüths stets in die Finsternüs der Nacht versteckt. Es ist ja ein ansehnlicher Baum / welchen nicht das andächtige Alterthum einer gewissen Gottheit gewiedmet / ja selbten gar als etwas göttliches verehret hat. Eben so muß ein Fürst sich jederzeit mühen / auch bey Ernst und Unglück ein freundliches Gesichte und gütiges Ansehen zu zeigen / wordurch er von dem Volcke so viel mehr für eine irrdische Gottheit verehret und bey selbtem als einem stets offenen Heiligthume Zuflucht zu suchen veranlasset werde. Wenn ihm aber ja des Volckes oder der Diener Vergehung eine Empfindligkeit abnöthigt / muß er ihren Fehlern[765] ihre vorige Verdienste entgegen setzen / und also sie sich für sich selbst zu schämen zwingen. Dieser linde Verweiß hatte wie die sanfften Regen mehr Nachdruck als unmäßige Schärffe und Wolckenbrüche. Sie fruchtet so viel gutes / als wie wenn man im Frühlinge mit einem Steine die euserste Schale der Egyptischen Feigenbäume ein wenig verwundet / wormit ihr zu Artzneyen so dienliche Safft daraus rinne. Ist aber ein Fürst nicht mächtig seinen Eyver zu mäßigen / ist es rathsamer durch seine Diener zu straffen / und gleichsam wie der Eschbaum mit seinem Schatten dem giftigen Ungeziefer beschwerlich zu fallen. Außer dem ist es eine Grausamkeit / wenn ein Fürst entweder gar niemanden vor sich läßt / oder bey Verhören hinter Tapeten sich versteckt / und die ihn verehrenden entweder der Ansprache oder tröstlicher Antwort noch auch der Anschauung seines Antlitzes würdiget. Denn weil dieses die Unterthanen / wie das holde Auge der Welt die Tulipanen und andere vom Regen erzogene Blumen stärckt und erquickt; müssen beyde beym Abgange ihres kräfftigen Anblickes matt und bekümmert werden. Ein einig gutes Wort / ein freundlicher Anblick des Fürsten zeucht einen Betrübten offt aus dem Wasser der Trübsal / wie ein Sonnenblick die Seeblumen aus der Tieffe des Nilus. Am allermeisten aber verknüpfft er ihm die Gemüther durch Freygebigkeit. Diese Tugend ist vom Himmel so gesegnet / wie die Egyptischen Feigenbäume; wo man die Frucht kaum abgebrochen / stehet bald eine andere und bessere in der Stelle. Er muß aber die Verdienste der Vermögenden mit Würden und Ehren-Aemptern / der Armen mit beyfälligen Einkunfften / niemanden mit den Gütern seiner Krone beschencken / und durchaus nicht wie die Aloe-Staude sein Vermögen mehr zu geben auf einmal erschöpffen / welche auf einmal uns mit so viel hundert Blumen beschencket: daß sie hernach verdorret und verachtet steht. Dieser Verschwendung wird am besten begegnet; wenn ein freygebiger Fürst seinen Einnahmen und Ausgaben sparsame Verwalter fürsetzt / diese aber jährlich dem Fürsten seine Geschencke für Augen stellen / um ihn durch solche Ubermaaß zur Maaßhaltung anzuleiten. Jedoch muß ein Fürst sich hüten jemanden etwas schlechter dings abzuschlagen. Denn er soll / wie die Zitronbäume / allezeit Blüte und reiffe Früchte im Vorrathe haben. Weñ er nun nicht alsbald einen versorgen kan / muß er ihn zum wenigsten mit Blüten / nemlich mit guten Vertröstungen speisen; welche doch aber endlich nicht gar leer ausgehen müssen. Deñ wie die Mandelbäume insgemein mehr Mandeln als Blätter tragen /also müssen Fürsten reicher von Wercken als von Worten / und in ihren Reden denen Pfirschkenbäumen gleich kommen; derer Blätter die Gestalt der Zungen /ihre Früchte aber der Hertzen haben; nemlich Mund und Meinung soll bey ihnen mit einander überein stimmen. An den Pflantzen und Saaten / welche ein linder Thau erquickt / ein Platz-Regen zu Bodem schlägt / hat er wahrzunehmen: daß so wol in Belohnungen als Straffen allzu viel schädlich / das Mittel aber in allen Gemüths-Regungen vorträglich sey / und an den Balsam-Stauden: daß die Verwundung der Schale die Abtrieffung des Balsames / die Beleidigung des Stammes selbst aber desselbten gäntzlichen Verterb verursache. Ihrer viel werden durch allzu heftige Schärffe nur hartnäckicht / durch linde Züchtigung leicht gebessert / wie die Egyptischen Feigenbäume / welche von weniger Zerquetschung einen heilsamen Safft / wenn man sie aber allzu sehr verwundet / nichts heraus rinnen ließen. Er muß den allzu hefftigen Trieb der Furcht / des Ehrgeitzes / der Herrschens-Begierde / ja das Recht seiner unumbschrenckten Gewalt / wie die Ackers-Leute den sich überwachsenden Weitzen beschneiden; und in seinem Reiche[766] keinen Baum so hoch wachsen lassen: daß er mit seinem Schatten andere erstecke. Ja der allergröste Fürst hat bey seiner Hoheit eine Niedrigkit zu ermässen / und mit seinem gekrönten Haupte wie die Lilgen auf seinen irrdischen Fuß zu schauen und zu behertzigen: daß die Beherrscher der Welt wie die Eichen ihre Wipfel zwar gegen dem Himmel / ihre Wurtzeln aber gegen der Hölle strecken; daß ihre Hand so wol als eines Bettlers dem Aussatze unterwürffig; daß seine Würde zwar von GOtt / seine Verrichtung aber menschlich / er der Unterthanen Vater /nicht ihr Halsherr; daß er unter seinem Volcke zwar in höchstem Ansehen / nicht aber der beste und geschickste / und / wenn es aufhöret zu gehorsamen /ihres gleichen sey; ja / daß offt zwischen Herrschafft und Henckerstreichen / zwischen Königlichen Stülen und selbst eigenen Kniebeugen wenig Augenblicke den Unterscheid machen; und daß so wol in Pallästen als Gärtẽ die Käyser-Kronen in ihrer Mitte milde Thränen zeugen. Uber dieses weiset seine Hoheit einen Fürsten an: daß eine Frucht so viel süsser sey /jemehr sie von der Erde entfernet ist. Daher muß ein Fürst / der über alle andere Menschen erhaben steht /auch dem Volck beliebt seyn / und wie die Rosen mit ihrer Farbe nicht nur ergetzen / sondern auch mit ihrem Geruch das Hertz stärcken; unterschiedene Bäume nicht nur mit ihren Früchten nutzen / sondern auch mit ihrer purpernen Blüte die Augen füllen; also muß er auch durch erlaubte Schauspiele und andere Erlustigungen seine Herrschafft dem Volcke annehmlich / und den an sich selbst beschwerlichen Zwang des Gehorsams erträglich machen. Nach dem aber in der Welt viel Kranckheiten durch Gifft geheilet /durch das giftige Zieger- und Bilsen-Kraut anderes Gifft zernichtet wird / viel schädliche Anschläge nicht alsbald mit dem Schwerdte und den Klauen euserlicher Kräffte / sondern durch schlaue Begegnung zernichtet werden müssen / hat ein beleidigter oder entrüsteter Fürst eben so wol scheinbarer Gebehrdung als das giftige Napell / weñ es zu Ausziehung der Pestdrüsen nützlich gebraucht werden soll / einer Himmel-blauen Blume von nöthen seine Eigenschafft zu verbergen. Denn umb sich zu erhalten / und anderer Arglist krebsgängig zu machen stehet einem Fürsten so wol an schlau zu seyn / und sich wider den Betrug entweder mit einer Larve zweydeutiger Erklärung oder mit Verschweigung gewisser Geheimnüsse zu verwahren / als einem Gärtner den zur Artzney abtreibenden Sadelbaum zu pflantzen. Wiewol vielmal ein Fürst / wenn er die Warheit so offenhertzig heraus sagt / als ein zerborstener Granat-Apfel den geheimen Schatz seiner Kerne zeugt / die mißträuliche Boßheit am leichtesten verführet / weil sie ihr nach ihrer eigenen Beschaffenheit einbildet: daß sie was anders redeten als gedächten. Zuweilen muß auch ein für gar zu klug gehaltener Fürst sich seiner Vorsicht enteusern /wie man die Weinstöcke entblättert: daß die Rathschläge und Trauben desto besser reiffen. Sintemal jeder mit einem allzu scharfsichtigen etwas zu schlüssen Bedencken trägt; ja das Mißtrauen alle Dinge nicht nach ihrer eigenen / sondern nach ihres ihnen in die Augen fallenden Schattens zu mässen pflegt. Ob es nun zwar derogestalt rathsam ist zuweilen Einfalt und Fehler zu zeigen / so muß er doch weder hierinnen / noch sonst ihm in seinen Anschlägen in die Karte sehen lassen / sondern selbte wie die Egyptische Seeblume ihre Blätter für allen andern Sternen /außer der mit ihr vertrauten Sonne / zusammen hüllen und unter das Wasser verstecken; daß niemand seine Geheimnüsse sehen könne. Niemanden aber muß er mit den Waffen überfallen / den er nicht wegen angethanen Unrechts umb Vergnügung angesprochen /und bey derselben Verweigerung ihm den Krieg angekündigt hat. Wenn er aber eines andern heimliche Tücken ergründet / ist er nicht[767] verbunden seine Wissenschafft zu entdecken / sondern sich vielmehr heimlich wider alle böse Anschläge in gute Verfassung zu stellen. Hingegen muß er seiner Ohnmacht eine Farbe anstreichen / wie die Holtz-Aepfel-Bäume die Bitterkeit ihrer Frucht mit Purper verhüllen / und seiner Schwäche durch euserlichen Schein / wie die Spanischen Feigenbäume / welche eine kleine Frucht bringen / aber mit desto grössern Blättern prangen / ein Ansehen machen. Jedoch hat ein Fürst in allen diesen Anstellungen bescheidene Maaß zu halten. Denn Vermu ungen sind Staats-Dienern anständiger als Fürsten / und kein besser Mittel Liebe und Ansehen zu erhalten / als wie die ihre Blätter weit ausbreitenden Lilgen offenhertzig zu seyn. Gleichwol aber hat er allen frembden Glantz nicht für Gold anzunehmen /sondern aus Prüfung der Tulipanen / welche mit denen bundtesten Farben spielen / und ihrem Scheine nach fast alle Blumen wegstechen / zu lernen: daß grosses Gepränge offt keinen Geruch und Krafft habe / also die Einbildung uns offt hinters Licht führe / und die / welche mehrmals den grösten Schein der Treue und Geschickligkeit von sich geben / nicht selten die betrüglichsten sind. Ja die / denen auch gleich anfangs kein Mangel auszustellen ist / schlagen hernach aus dem Geschirre / und die Veränderung des Alters / des Glücks / die Gemüths-Regungen / der Eigen-Nutz verursachen: daß die Gemüther wie die Tulipanen ihre Gestalt verändern / und aus weiß-streiflichen endlich /wenn man sie zumal nicht zu rechter Zeit versätzt /gemeine rothe oder gelbe werden. Welche Blumen-Veränderung einem Fürsten ferner weit zur Warnigung diene: daß die Verläumbdung vielmahl die Tugend vergeringere. Welches sie so meisterlich zu spielen weiß: daß der Scharfsichtigste diese Verwandelung nicht gewahr wird. Denn der / welcher einen andern schwartz machen wil / klagt ihn durch scheinbare Entschuldigung seiner Fehler an / er lobt ihn vorher aufs mühsamste: daß seine Beschuldigung hernach desto glaubhafter werde / oder er rühmt an ihm heldtbare Dinge aus einem angeno enen Unverstande / oder durch Stachelreden; ja er müht sich ihm auch durch Beförderung zu grössern Ehren dem Fürsten von der Seite zu bringen / und hernach wie Epheu den / welchen er vorher gezieret hat / zu stürtzen. Nicht weniger müht sich der Eigennutz durch allerhand Vorschläge / wie die Herrschafft zu verbessern / die Einkunfften zu vermehren / viel Ausgaben zu ersparen wären / dem Fürsten einen blauen Dunst zu machen. Wenn alle diese Tiefsinnigkeit aber beym Lichten besehen wird / giebet es sich: daß selbte sich wol auf dem Papiere sehen aber nicht bewerckstelligen lasse; oder es gleichen diese Vorschläge dem Schatten der Fichtenbäume / welcher zwar dem Vieh zur Kühlung dient / aber keinen Baum neben sich aufko en läßt /und der gegebene Rath in einem zwar nützlich / im andern aber umb ein grosses schädlicher ist. Diesemnach muß ein Fürst so wol die Beschaffenheit der Rathgeber / als die Umbstände der Sache selbst untersuchen; also sich weder andere betriegen lassen / noch sich selbst weder durch Leichtgläubigkeit noch durch eigenes Wolmeinen verführen. Hierbey ist zwar denen Schwachen unter die Armen greiffen / denen Bedrängten hülffbar beyspringen eine ruhmbare Großmüthigkeit / ein Fürst aber muß an denen Bäumen / welche dem Epheu zur Stütze dienen / von ihm aber des Safftes beraubet werden / und ihm zu Liebe verdorren / sich spiegeln; daß er sich selbst nicht in ein frembdes Garn / wenn nicht sein grosser Nutzen oder scheinbare Gefahr in selbtes mit eingeflochten ist /entweder aus bloßem Mitleiden oder Großmüthigkeit verwickele / oder einer schon fallenden Wand die Achseln unterschiebe / weniger einem falschen Freunde den Dorn aus dem Fusse ziehe / und ihn ihm selbst ins Auge stäche; wo nicht durch unzeitigen Beystand des fallenden Untergang[768] befödere. Er hat wol zu untersuchẽ / von was für einer Art der sey / welchẽ er sich wolthätig erweist. Deñ ihrer viel haben eine so undanckbare Eigenschafft wie die Feigenbäume; jemehr man ihrer durch Begießung pflegt / jemehr verärgern sie sich; oder sie sprossen wol hernach gar gegen ihren Helffer wie der Klee gegen den ihn erfrischenden Regen die Spitzen. Noch viel weniger aber muß sich ein Fürst durch Liebkosungen einschläffen /und durch Heucheley in Trägheit / Wollüsten und Lastern stärcken lassen / sondern glauben: daß die / welche dem Fürsten alles / auch das Böse loben / denen giftigen Blumen und Fliegen-Schwä en gleich sind /welche mit ihrer hohen Farbe zum Verterb anlocken /und mit ihrem Bisam-Geruche und süssen Geschmacke tödten; oder unter ihren Purpurblättern Schlangen verhölen. Sie sind dem Schilffe am ähnlichsten / welches inwendig hol ist und keinen Kern hat / doch zu Pfeiffen dient / und einen hellen Schall macht. Diese aber sind von treuen einen Fürsten werth haltenden Dienern anders nicht zu erkeñen / als daß diese nur das Gute / jene alles loben / diese allezeit eine / jene nach Veränderung der Lufft und des Hofes vielerley Meinungen vertheidigen. Insonderheit muß sich bey ihrer Prüfung ein Fürst seiner Selbst-Liebe entschlagen / sich in Geschichtbüchern umschauen / ausgeworffene Schmähkarten lesen / und zuweilen von Frembden und Einfältigen Nachricht einziehẽ. Denn die niedrige Einfalt gleicht dem Flachse / die abgerichteten Höflinge aber der Wolle. In dieser nistet der Wurm der Heucheley gerne ein / jenen aber läßt er unberühret. Es muß ihm aber ein Fürst nicht lassen mißfallen / weniger empfinden / wenn ihm die ins gemeine bittere Warheit gesagt wird. Deñ Wermuth ist wider die Bitterkeiten der Galle / und unverfälschte Warheit wider die Schwachheiten des Gemüths die sicherste Artzney. Wiewol es der Klugheit gemäß: daß man einem Fürsten die Warheit mit Bescheidenheit beybringt / also keinen Dorn ohne Rosen überreicht /nicht aber ihn mit Stachelreden verächtlich anstreicht. Am allerfleißigsten aber hat ein Fürst seine Staatsdiener und Räthe zu untersuchen / welche ihm nicht anders als Zwiebeln Rosensträuchen an der Seiten stehen müssen. Denn wie diese machen: daß die benachbarten Rosen röther und wolrüchender wachsen / sie selbst aber nicht nur ihren Gestanck behalten / sondern ihn auch gegen jenen Blumen vergrößeren; also muß ein Diener alles gute seinem Fürsten zueignen /alles dem Volcke verhaßte und beschwerliche aber auf seinen Achseln behalten. Uber dis ist nicht rathsam /daß ein Fürst einen Diener zu groß mache / als dessen unmäßige Gewalt ihn verkleinert / wie der Monde abni t / wenn die Zwiebeln wachsen und safftiger werden. Er möge zwar ihn den nechsten an seiner Seiten seyn lassen / aber dieser muß wie die wilden Feigenbäume / welche andere schwängeren / selbst aber keine Früchte bringen / nur dem Fürsten / nicht ihm selbst nütze seyn. Ein Diener hat zu erwegen: daß er die Gnade seinem Fürsten so wenig als ein Baum die Wolthat der Sonne vergelten oder gegen andere ausgleichen köñe. Deñ jenes sind hi lische Strahlen /sein Thun aber nur ein Schatten. Jemehr er auch sich durch Ansehen dem Fürsten nähert / je näher ist er auch dem Falle / wie der Gipfel hoher Zedern dem Donner. Wie hoch er i er klettert; hat er doch eine schwache Wurtzel wie Erbs- und Hopfenstengel / und der geringste Zufall ist mächtig ihn aller seiner Macht / wie der gelindeste Wind die Anemonen ihrer Blätter zu beraubẽ. Der Fürst sey gleich gütig oder grausam /hänge ihnen doch einerley Gefahr / wie den Päonien so wol von der Sonnen-Hitze als dem Platz-Regen zu. Sich nun beym Stande und am Brete zu erhalten ist kein besser Mittel als den Feilgen nachzuarten / nemlich den süssen Geruch eines guten Nahmen zu behalten / und in ihrer Niedrigkeit der Demuth zu bleiben /nicht aber wie die Ringel-Blumen grosser Pflege- und Wartung / noch wie Epheu des Emporsteigens begierig / sondern den[769] Apfel-Bäumen gleiche zu seyn; welche auf denen zur Erde gebogenen Aesten die meisten Früchte tragen. Auch muß er in seinem Ampte nicht müde werden / noch die Hände sincken lassen / sondern nach Anweisung der Feigenbäume / welche mit denen zunehmenden Jahren immer fruchtbarer werden / seine Treue und Fleiß von Tage zu Tage vergrössern. Er wird sich auch nicht leichte vergehẽ / weñ er nur stets eingedenck lebt: daß die Gnade des Fürsten den Cypreßenbäumẽ gleichte / nach derer Abhauung ihre Wurtzel nicht wieder auswachse. Es muß aber ein Fürst wegen eines geringen Fehlers / wegen eines unvorsätzlichen Schadens / aus unzeitigem Mißtrauen einen Diener nicht alsbald verwerffen / oder gar stürtzen. Denn es beherbergen ins gemein die süssesten Aepfel Würmer / und die geschicktesten Leute gewisse Gebrechen. Ja wie die Würmer das reiffwerden des Obsts befördern / also dient zuweilen eine Vergehung zu desto eifriger Abwartung des Amptes; läufft er aber mehr als einmal an / oder ist sein Verbrechen ärgerlich / so muß er zwar empfindlich gestrafft /nicht aber bald gar vertilgt seyn. Deñ eine solche Züchtigung schlägt nicht selten so wohl an / wie die Zerkerbung der Rinde an den Tannen-Bäumen / zwischen welcher sich Würmer hecken / und den verdeckten Sta ausfrässen / hernach aber freudiger wachsen. Wenn er aber ja seinem Dienste fürzustehen unfähig ist / muß der Fürst es mit einem andern versuchen. Denn die Versetzung hat so gar die in Persien giftigen Pfirschken in andern Ländern eßbar gemacht. Wenn aber ein Diener einmal den Fürsten vorsetzlich beleidigt / und ihm an den Regiments-Stab gegrieffen hat /ist es nicht nur Unsicherheit / sondern Thorheit selbtem iemals mehr zu trauen; deñ sie sind alsdenn wie die Mispeln und die Früchte der Sper-Bäume am dienlichsten / nemlich wenn sie zu faulen anfangen. Ihr Leben bringt nur Gefahr / und die Begnädigung gebieret ins gemein Undanck. Weil die von den Nattern aufgefangene Balsamtropfen ihnen zwar wohl das Gifft / Wohlthaten aber von Rachgierigen die Galle zu benehmen nicht mächtig sind. Keines weges aber ist es rathsam: daß ein Fürst lasterhafte Leute höher befördere / oder anfangs wissentlich in Dienst nehme; wenn selbte gleich grosse Geschickligkeit an sich haben. Ist doch kein Gärtner so unvorsichtig: daß er giftiges Farren Kraut in Garten unter andere Gewächse pflantzt / ob es schon zu Augen-Salben dienlich ist; wie viel weniger muß es ein Fürst seyn. Die Boßheit hat mit dem Palmbaume keine Verwandschafft /als diese: daß sie wie eine umbgekehrte Spitz-Säule unten am dinnesten und schwächesten / oben aber am dickesten und stärcksten ist / und ein böser Mensch in hohen Würden wie der Krebs im Himmel mehr / als auf der Erde Schaden thut. Seine Geschickligkeit dient nur / wie etliche gläntzende Blumen zur Schmincke / oder wie der sonst gesunde Klee zur Nahrung der Schlangen / zu Werckzeugen der Laster; und die angebohrne oder angewöhnte Unart lasse sich schwerer als die Wicken aus dem Weitzen / und die Seide aus dem Flachse ausrotten; welche die Uberbleibungen der Tugend / wie diß zweyfache Unkraut die fruchtbaren Stengel zu Bodem reisset. Ja wie der Safft des weiblichen Farren-Krautes seine eigene Wurtzel nicht schont / sondern sie tödtet; da hingegen die unter die Erde erniedrigten Wurtzeln des Zirnen-Baumes / welche das Gifft der Basilisken übertreffen /nicht allein zu schaden nicht vermögen / sondern selbst den Schlangen widerstehen. Wenn ein Fürst aber auch schon untadelhaffte Diener bestellt / muß er selbte nicht leicht verwechseln / sondern ieden in seine rechte Stelle setzen / nach Anleitung der Gärtner / welche genau untersuchen: Ob diese oder jene Pflantze in fettem oder sandichten Erdreiche am besten wachsen. Wie die Kapern im steinichten / die See-Blumen im wäßrichten / die Palmbäume im[770] dürren Bodeme wohl fortkommen / im andern verterben /diese die Sonne / die Granat-Aepfel den Schatten lieben / ja der Flachs in leichtem Bodeme geräthet / den fetten aber ohne Nutz noch darzu aussaugt; also ist es auch mit denen wohl oder übel versetzten Gemüthern beschaffen. Kein Acker aber / wie gut er immer ist /taugt für alle Gewächse / und der geschickteste Kopf hat nicht das Vermögen allen Geschäfften alleine vorzustehen. Fürnemlich muß ein Fürst sorgen / daß er über seine Einkunften solche Diener setzt / die denen gebildeten Garten-Gefässen gleichen / welche zwar Augen auf alles genau acht zu haben / keine Hände aber das geringste abzubrechen haben. Der Schatz eines Fürsten gleicht den Lilgen / welche / wenn sie angerühret werden / viel von ihrem Geruche und Reinligkeit der Farbe einbüssen. Nichts desto weniger schont der Geitz weniger seines Fürsten / als Epheu seines ihn tragenden Baumes solchen auszusaugen. Welches etlicher massen zu verhüten ist / wenn ein Fürst die Aempter nicht verkaufft / die Diener auskommentlich besoldet / und nicht zu nothdürfftige über sein Vermögen setzt. Weil die ausgedorrten Wurtzeln doch am durstigsten sind / das Marck der Erde an sich zu ziehen. Seine eigene Fürstliche Hoheit muß er niemals ablegen / und sie keinem auch der bewehrtesten Diener anvertrauen. Denn die in mit Erde gefüllten Körben geschehende Absägung der Aeste / welche nach ihrer Einwurtzelung von dem Stamme abgeschnitten werden / thue ihm die Augen auf; daß ein Diener / welcher die Süssigkeit des Herrschens einmal gekostet hat / lieber sein eigen Herr seyn / als von einer höhern Gewalt abhängen wil /sonderlich wenn er mit dem Fürsten in Verwandschafft steht / oder einen alten Anspruch ans Reich vorschützen kan. Daher müssen sie offters / wie die Tulipanen-Zwiebeln versetzt werden / wenn sie Farbe haben sollen. Weil ein Fürst auch allezeit auf Oerter und Menschen scharffsichtig zu seyn von nöthen hat / muß er ihm Diener erkiesen / die wie der Fenchel seine Augen schärffen / nemlich mit ihren Rathschlägen seinen Entschlüssungen ein Licht aufstecken / welche denen Schlangen ihre alte Haut abziehen / nemlich die Schwachheiten ihres Fürsten verdecken; und in Brüsten viel Milch zeugen / nemlich das Reich mit Uberfluß erfüllen. Sie müssen in ihrem Hertzen die gemachten Schlüsse / als einen geheimen Schatz / wie Lilgen und Rosen in ihrer Mitte ihr Gold verwahren / welche letztern ohne diß niemals schöner sind / als wenn sie noch nicht gantz aufgeblüht / sondern die Blühten halb verschlossen stehen. In allem ihrem Vorhaben müssen sie ihr Absehen auf den Fürsten haben / und alles seiner Regung zuschreiben nach Art der Sonnenwende / welche nicht so wohl von ihrer Wurtzel / als von der Soñe beseelt zu werden scheinet / und ihr Haupt vom Morgen biß zum Abende aus hertzlicher Zuneigung ihr zuwendet / ja in der Nacht alle andere Sterne verschmäht / und mit gebogenem Halse unter der finstern Erde ihr und der Welt Auge sucht / und derogestalt zwar müde / aber nicht satt wird. Wenn sie schon das gröste Werck ausgerichtet haben / sind sie schuldig dem Volcke beyzubringen / es sey wo nicht das Werck / doch die Erfind- und Angebung der Fürsten. Denn hierdurch benehmen sie nichts ihrem Ruhme / sondern sie vergrösseren sich vielmehr / wie der Geruch des Rhodis-Holtzes /wenn ein Regen-Bogen seine Pflantze berührt. Wenn ein Fürst in Rathschlägen die unverfälschte Wahrheit beobachtet wissen wil / muß er selbten nicht beywohnen. Denn wie die Feilgen von weitem am lieblichsten rüchen / also reden Diener bey Entfernung ihres Fürsten am offenhertzigsten; verlangt er aber nichts / als ihren Beyfall / so hat er nichts anders zu thun / als anwesend seine Meynung am ersten zu sagen; und also kan er gar leicht widrige Würckungen verursachen /wie die Milch in[771] Feigen-Bäumen / welche die dinne Küh-Milch gerinnend / die geronnene flüssend macht. Ob nun wohl die Tugend / wie die so genennte Käyser-Krone unter den Blumen ihr selbsteigener Krantz ist; so muß doch ein Fürst von denen gekrönten Granat-Aepfeln ein Beyspiel nehmen: daß er grosse Verdienste niemals ohne Belohnung lassen solle. Denn die nicht in Ansehn kommende Tugend verschrumpft wie die Tulipanen im Schatten. Diese aber muß nicht so wohl an Gütern als Ehre bestehen; westwegen die Alten ihre Siegs-Kräntze von denen unfruchtbaren Lorber-Bäumen abgebrochen haben. Sintemal zwar die Ehre die Tugend / wie der Saffran das Gemüthe aufmuntert; beyder übermässiger Genüß aber würcket eine solche Ausschüttung der Freudigkeit; daß man sich darüber zu Tode lacht. Gleicher Gestalt muß die Belohnung nicht so wohl auf den Verrichter / als auf das Werck schauen / und daher nach dem Gewichte der Verdienste abgewogen / auch nicht nur der Adel /sondern auch des niedrigsten Menschen Helden-Thaten werth gehalten werden. Denn vielmal hat die Tugend so wohl aus geringem Herkommen / als die wohlrüchende Lilge aus einem stinckenden Stengel ihren Ursprung. Wie groß aber iemals die Verdienste seyn mögen / muß die Belohnung doch weder des Fürsten Vermögen / noch sein Ansehn erschöpfen /und er insonderheit niemals den Krantz seiner Hoheit auf eines andern Scheitel setzen. Worinnen so wohl die Natur treuen Dienern / als kluge Gärtner Fürsten vorsichtige Lehrmeister abgeben. Jene in den Lilgen /welche mit den Rosen niemals zugleich kommen /sondern ihren Silber-Glantz allererst / wenn jene vergangen sind / der Welt zeigen / damit sie mit ihrem Golde nicht etwan ihren Königlichen Purper beschämen. Diese pfropfen zwar von einem guten Baume auff wilde Stämme / sie nehmen aber hierzu nur kleine Schnaten / welcher Abgang seinem Stamme nicht einst angesehen wird. Ein Fürst aber muß nicht alles die Diener machen lassen / sondern sich der Herrschafft selbst anmassen / und das Reich / welches mit so viel Dornen als die Rose umbgeben ist / durch Klugheit zu erhalten bemüht seyn. Viel haben sich so wohl über desselben Erlang- und Erhaltung blutig gestochen / auch / wenn sie es nicht beym rechten Stiele gefaßt / oder die Finger mit Handschuhen wieder die Spitzen verwahret / gar aus der Hand fallen lassen. Wenn man die Nesseln furchtsam anrührt / brennen sie / nicht aber / wenn man sie hertzhaft antastet. Nicht anders ist es mit dem Volcke beschaffen / welches die Fähigkeit ihres Fürsten bald kennen lernet; nichts aber zeucht mehr Verwirrung und den Verlust des Reiches leichter nach sich / als wenn ein neuer Fürst allzu plotze und heftige Veränderungen fürni t. Diese sind empfindlich und verhaßt / wenn sie gleich dem Volcke zum besten angesehẽ sind; und er hierdurch das Reich in einen bessern Stand versetzẽ wil. Daher muß alle Verbesserung nach und nach unvermerkt geschehẽ / wie es die Gärtner mit Versetzung der Pflantzen machen / an derer Wurtzeln sie einen grossen Klumpen ihrer mütterlichen Erde lassen / und bey der Einsetzung genau in acht nehmen / daß sie mit allen Seiten gegen eben die Himmel-Strieche zu stehen kommen / wie sie zum ersten gewachsen gewest. Ja / wenn auch ein Fürst bey Antretung seiner Herrschafft alles in ärgster Zerrüttung / und eitel unnütze Diener in Aemptern antrifft / muß er nur ein Stück nach dem andern verbessern / und die untauglichen Amptleute zum Theil eine Zeitlang dulden / biß die neuen nöthig unterrichtet werden. Denn also lassen auch die Gärtner bey Pfropfung gewachsener wilden Bäume etliche wiewohl unnützliche Aeste stehen / daß sie denen auf andern Aesten gepfropften Reisern den Safft helffen zuziehen. Wenn aber diese beklieben sind / segt er jene billich vollends ab. Sintemal ein[772] Fürst nicht nur die Erhaltung / sondern auch die Verbesserung des Reiches zu seinem Augenziele haben muß. Denn so bald diß zu wachsen aufhört / ni t es ab / wie die schon gleichsam in ihrem Wachsthume veralternden Rosen. Auch dieselben Königreiche /welche tausend Jahr geblühet / und der Unvergängligkeit überlegen zu seyn geschienen / legt Gott endlich in Staub; wie die unsterblichen Amaranthen zuletzte doch verdorren. Wider diesen Verhängnüß-Schluß hilfft keine menschliche Klugheit; und es werden von diesem auch durch den Blitz die unversehrlichen Lorbern getroffen. Ausser dem wird von Fürsten auch viel versehen / wenn sie neuen Gottes-Dienst und frembde Diener einschleichen lassen / die Ehre der Unterthanen durch Laster / ihr Vermögen mit unerschwinglichen Beschwerden versehren / auf ihr Blut durch Grausamkeit wüten / denen Wollüsten / welche dem Reiche / wie die Sud-Winde den Lilgen / mehr als kein Nord viel Unglücks-Schaden thun / den Zaum lassen / geringe Verluste nicht achten / welche doch allezeit grössere nach sich ziehen / und schwer zu ersetzen sind / wie der Abfall der Blätter von Pomerantzen-Bäumen / die ein gantz Jahr wieder zu wachsen haben / und inmittelst keine Frucht ansetzen. Nichts aber kan zum Untergange beförderlicher seyn / als wenn ein Glied des Reiches mit dem andern nicht überein sti t / wenn der Adel das gemeine Volck drücket / der unbändige Pöfel denen höhern auf die Zehen tritt / der Hof dem Volcke ärgerlich / und die Obrigkeiten ihm verhaßt sind. Daher muß ein Fürst sie derogestalt wie ein Gärtner die Bäume setzen / daß eines neben dem andern wie die Myrten neben den Oel- und Granat-Aepfel-Bäumen zu stehen Luft hat /nicht aber wie der Wein-Stock und Oelbaum mit einander Feindschafft hegt. Alldieweil die herrschsüchtigen Nachbarn / welche um aus unserm Schiffbruche sich zu bereichern wachẽ / und auf nichts tieffsinniger gedencken / als die Heimligkeitẽ und Schwächẽ unsere Herrschaft auszuspüren; dient der Jasmin / welcher nur bey finsterer Nacht offen / gegen dem aufgehenden Auge der Welt allezeit verschlossen steht / und seine rothe Farbe in weiß verwandelt / einem Fürsten zum Beyspiele: daß er auch gegen denen / die sich ihm die Sonne zuzuneigen anstellen / nicht zu offenhertzig seyn / und nach Gelegenheit der Zeit und Zufälle seine Rathschläge oder vielmehr seine Irrthümer ändern müsse / welche ihnen so gemein / als den Bäumen die Räuber sind / und aus derer einem ihrer so viel / als aus einer Raupen Neste Geschmeisse zu werden pflegt. Die Natur weist ihm hierinnen selbst den Weg; welche an den Fichten die untersten Zweige verdorren läßt / damit sie so viel höher wachse. Die Verbesserungen aber der Fehler muß er nicht mercklich machen / sondern sie / wie die Gärtner ihre Schnitte mit Baum-Wachse verkleiben. Wiewohl er sich nicht iedes kleine Gefässer und iede von sich selbst hernach verschwindende Hindernüß aufhalten /weniger gar von seinem Zwecke abwendig machẽ lassẽ muß; sondern was er mit Klugheit berathen / hat er mit Fleiß abzutheilẽ / und mit Beständigkeit auszuführẽ. Denn Fleiß und Bestand wachsen auch der Unmögligkeit zu Kopfe / und haben die Krafft des wilden Feigenbaumes / welcher so gar die sein Wachsthum hindernden Marmel-Felsen mit seinen Käumen durchbohrt. Nachdem aber die menschliche Klugheit an einem unzerreißlichen Fademe des Verhängnüsses hängt / muß er keinen schlimmen Ausschlag einem klugen Rathgeber zum Fehler aufdringen / sondern nur mit den Ackersleuten geduldig leiden: daß der beste Lein auf einem wohl zugerichteten Felde doch offt sich in Toter und Winde verwandele / und aus den besten Kernen die schli sten Melonen wachsen. Vielen Mißlingungen aber wird durch Geschwindigkeit des Vollziehens vorgekommen / welche ihre Seele ist / wie die Langsamkeit[773] kluger Rathschläge. Also bringt die Aloe über ihrem Wachsen bey nahe hundert Jahr zu / wenn sie aber zum gebehren ko t /übereilt sie mit ihrer geschwinden Frucht alle frühzeitige Bäume. Wie diese aber ins gemein grosser Wartung dörffen / also muß ein Fürst auch seine Unterthanen nicht verwildern lassen. Denn ob zwar etliche Herrscher auf ihre Unwissenheit ihre grimmige Gewalt gründen / gehet doch diß nur bey wilden Völckern an / welche wie die Tannen durch Wartung nur verschlimmert werden. Sonst aber wird durch Pflegung alles / was nur eine gute Ader in sich hat / unglaublich besser; und die gröbsten Gemüther durch Auferziehung geschicket / wie die bittersten Feigs-Bohnen im Wasser süsse. Fürnemlich wächset ihnen durch Reisen / wie die Zitron-Bäume durch Pfropfung / und die Erdbeeren durch Versetzung nicht wenig Köstligkeit zu. Dahero die Jugend / welche mit der Zeit dem gemeinen Wesen fürstehen soll / bey Zeite in Herrschaffts-Künsten / wie junge Bäume abgerichtet werden solten / aus welchem Absehn vermuthlich bey den Römern ein Gebund Ruthen mit Beilen den Bürgermeistern fürgetragen ward / wormit sie sich erinnerten: daß sie nun zwar grosse Eichen / aber auch geschwancke Ruthen gewest wären / und taugliche zu ihrer Nachfolge bey Zeiten aussehen solten. Weil aber nicht aller Saamen wohl geräthet; und viel Armen zu Beschirmung eines Reichs von nöthen sind / ja die Menge der Unterthanen wie der Bäume einander Schatten geben / muß er es an Volcke / und fürnemlich am Adel volckreich zu machẽ / wie die Gärtner mit Sägung unzehlbarer Kerne von den edelsten Bäumẽ / des Saamens von den weissestẽ Tulipanẽ /mit Zersätzung der Blumen-Zwiebeln gleichsam junge Wälder zu pflantzen sich befleissigen. Also wilde Stämme im Garten / Ausländer / ausser in äuserster Noth und nur zum Acker-Bau / in ein Land zu sätzen sich hütten; sondern vielmehr unzeitige Heyrathen /übrige Keuschheits-Gelübde / häuffige Pflantz-Städte und andere Ursachen der Einsamkeiten zu hindern vorsinnen. Die Lilgen / welche aus einer Wurtzel offt funfzig Stengel treiben / und sich von ihren eigenen Thränen sämen / dienen hierinnen mit ihrer Fruchtbarkeit so wohl zu einem Spiegel beflissener Fruchtbarkeit / als sie an sich selbst mit Golde gekrönte Königs-Blumen sind. Demnach aber kein Reich und Garten ohne Unkosten erhalten werden kan / sind Fürsten berechtigt / von Unterthanen Schatzung wie von Bäumen Früchte abzunehmen; aber nichts ist auch rathsamer / als daß er sie mit ihrem guten Willen bekomme. Denn diese sind die austräglichsten / wie der Balsam und Myrrhen / welche von sich selbst aus dem Stamme tröpfen / die besten. Nachdem aber viel wie die Palmen geartet sind / denen kein Blat entfällt /sondern man muß sie gleichsam mit Gewalt abreissen / ist ein Fürst auf solchen Fall allerdings befugt /ihnen auch wohl einen Beytrag abzunöthigen. Alleine auf diesen Fall ist doch euserst zu verhüten; daß das Volck seinen Schweiß nicht zu eitelen Wollüsten /sondern zum gemeinen Besten anwenden schaue / und daß man darmit dem Adel nicht schwer falle. Denn wie die Oelbäume die Wunden vom Eisen / nicht aber die Schläge von Holtze unbeschadet vertragen / als verspritzt der Adel lieber gegen Feinden das Blut / als daß er sich mit Steuern als einer in seinen Augen knechtischen Last bebürden lasse. Er beschwere wie der Wurtzel und Hertz-Blätter sorgfältig schonende Gärtner ja nicht die zur Lebens-Nothdurfft und dem Armuth unentpehrliche / sondern nur die zur Wollust dienenden Dinge; und mit einer solchen Vorsicht: daß die Ausländer nicht leer ausgehen. Am meisten aber gewinnet ein Fürst / wenn er nach Anleitung des Bildes aller klugen Fürstẽ / nemlich der Soñe / welche aus dem Nil die köstliche Egyptische See-Blume empor zeucht / aus dem Wasser durch die Schiffarthen nach dem Beyspiel der mächtigsten Herrschafften Schätze zu sa len trachtet. Denn[774] wenn diese mangeln / gehen der Herrschafft die Spann-Adern / dem Fürsten alles Ansehen ab / welcher wie die Lilge Gold und Silber mit einander versa len / seiner Vorfahrẽ Vorrath aber nicht liederlich verschwenden / sondern von denen nur Tropfen- weise rinnenden Balsam-Bäumen die kluge Haushalterin nemlich die Sparsamkeit kennen lernen / und mit sein und seines mässigen Hofes Beispiele das Volck von Verschwendung abhalten muß. Keine grössere Schwachheit aber kan einem Reiche begegnen / als wenn selbtes unter die Erben zertheilet wird. Die vielen Aeste eines Baumes thun dem Gipfel Abbruch / daher wachsen die Cedern und andere sich nicht in Zweige ausbreitende Bäume so gerade und hoch empor / und keiner unter ihren Zweigen ist so ehrgeitzig / daß er sich dem Gipfel zu gleichen begehrt. Welche Ehrerbietung auch die Bruder dem erstgebohrnen Sohne des Königs zu erweisen schuldig / Fürsten aber aus Verdacht oder Eiversucht auf ihr Geblüte zu rasen / und dardurch ihnẽ vermeynte Sicherheit zu verschaffen nicht berechtigt seyn. Niemand wird ihnen auch dieses Vorrecht mißgönnen / wenn man sie täglich über der so wohl im Reiche als Gärten saueren Arbeit schwitzen sieht. Hingegen macht beyden der grosse Nutzen die beschwerlichste Arbeit leichte / denn wie mag einem etwas verdrüßlich seyn / wenn er siehet / wie die sandichten Wüsteneyen in fruchtbare Aecker / die stinckenden Sümpfe in wohlrüchende Wiesen / die wilden Hecken in fruchtbare Bäume / durch den alles überwindenden Fleiß verwandelt / und bey des Fürsten mühsamen Wachen das Volck gleichsam in Schlaf gewieget wird. Jedoch ist einem Fürsten so wohl eine ruhende Verblasung wie dem etlich mal gesäeten Leine das Ruhen nöthig / und eine ehrliche Ergetzung zuläßlich. Sintemal der Garten eines Reiches eben so wohl Lust- Stücke haben / und ein Fürst durch einen Stillestand seiner Unruh sich zu desto mehrer Hurtigkeit vorbereiten muß. Denn / wie die eine Zeitlang verhaltenen Spring-Brunnen zu grosser Vergnügung das Wasser hernach desto höher treiben / also kan ein ausgeruhter es auch einem müden weit zuvor thun. Aber auch seine Erquickungen müssen wie die heilsamen Blumen nicht gar ohne Nutzen: und derogestalt / nicht üppige Wollüste / verschwendende Gewinn-Spiele /Narren- und Affen-Gemeinschafft / sondern Ritter-Spiele als Auffmunterungen der Tapferkeit sein Zeit-Vertreib seyn. Und zwar diß nach Anleitung des unfruchtbaren Zirnen-Baumes / welcher nur zum Ansehn gewachsen zu seyn scheint / aber das geschickteste Holtz zu den Kriegs-Waffen abgiebt. Der Barde schöpfte hierauf Lufft umb ein wenig zu verblasen. Daher die Hertzogin Erdmuth anfieng: Es ist ohne diß schon 7. Uhr / und also die rechte Stunde zur Mittags-Mahlzeit / und wir haben nicht einst etliche Bissen Brodt / Honig oder Oliven zum Frühstücke genossen. Daher wird wohl für des guten alten Athem und unsere Magen am rathsamsten seyn uns zu einer schlechten Kost zu verfügen. Agrippine fiel ein: Ich befinde mich zwar so willig als verpflichtet den Gesetzen unser Wohlthäterin und dem Wohlgefallen der annehmlichen Versa lung in allem zu bequemen / aber die allersüsseste Speise der gestern und heute genossenen Weißheit hat mir alle leibliche Speise versaltzen / und meinem Magen auch gegen des Apicius Tisch einen Eckel verursacht. Weil nun die Alten ohne diß nur einmal zu Speisen gewohnt gewest / und daß die Speisen sich des Nachts besser als im Tage zurichten liessen / vermeynet / wüntschte ich wohl /daß wir uns zu desto besser Genüssung der köstlichen Speisen / wormit uns die Hertzogin der Catten zu überschütten pflegt / biß auf den Abend ein wenig aushungerten / und diesen nichts minder klugen als heiligen Mann ersuchten / uns mit seinen Köstligkeiten inzwischen zu sättigen. Ariovist fiel Agrippinen bey / nur besorgte er / daß der Barde durch längere Rede zu sehr abgemattet[775] werden würde. Dieser aber versetzte: Wir Barden haben heut ohne diß einen Fast-Tag / weil der Neumonde einfällt / und meine Lehre ist ohne diß meine beste Speise. Daher erwarte ich nur Befehl umb zu gehorsamen. Die Hertzogin Erdmuth fieng an: Ich bescheide mich wohl; daß unser einfältiges Deutschland nichts von künstlicher Zubereitung der Speisen verstehe / und daher meine Taffel freylich wohl den Hunger zu Würtzung der schlechten Gerichte / wie sie uns unser Armuth giebet / von nöthen habe. Agrippine versetzte: Ich gestehe es / daß zu Rom die Art zu speisen mehr Kunst und Schalen / Deutschland aber viel mehr Wesen und Kern habe. Was ihnen an Wildpret und zu Rom nie gesehenen Fischen / wormit alle Cattische Wälder und Flüsse / insonderheit der unerschöpfliche Rhein /die Fulde / die Lohn / die Neda uñ andere Bäche erfüllet sind / müssẽ Cicero / Gallus Asinius uñ andere mit der Seltzamkeit ihrer aus Mißgeburten der Nuß- und Zitronbäume Wurtzeln / geschnittener Tische /darinnen die Männer so sehr als die Weiber in Perlen verschwenderisch sind / ersetzen / gleich als wenn sich daran so wohl der Magen als die Augen sättigen könten. Das Kochen ist zu Rom eine so sinnreiche Kunst worden / daß sie die Köche ihr Lebtage nicht auslernten / und weil einer mit einer Art Speisen kaum zurechte käme / würden in eines Rathsherrn Hause ihrer gantze Herden unterhalten / darunter ihrer etliche so theuer / als ihrer viel nicht im Vermögen haben / gekaufft sind. Diese verschwendeten hiebey so viel Nägel / Muscatẽ-Blüthe und Nüsse / Ingwer /Pfeffer und Casia / daß Indien kaum so viel tragen /und das rothe Meer mit seinen Schiffen aus Taprobana zuführen konte. Die heissen Speisen müssen so wol als die Dünste warmer Bäder mit Zimmet abgekühlet seyn. Hingegen mangelt es zwar in Deutschland / und sonderlich an Fürstlichen Höfen nicht an köstlichen Würtzen / weil man aber ihr Feuer zu essen der Gesundheit für abbrüchig hält / und die natürliche Güte ihrer Speisen keinen frembden Beysatz darff / übertrifft diß / was man dieser Orten in seinẽ eigenẽ Sade / Saltze / Fettigkeit und andern Kräutern zurichtet / alle Vermischungen der Römer und Griechen / bey denen man offtmals nicht weiß / was man speiset. Diese einfältige Art ist auch der Natur gemässer und daher gesünder. Denn wie die Vielheit der Speisen die Verdäuung hindert / den Verstand verdüstert; also muß es noch viel schädlicher seyn / wenn man aus einer Schüssel zwantzigerley Thiere Fleisch /dreyerley Elementen Brutt / und noch mehr Gewächse unterschiedener Länder ißt. Zu Rom braucht man Tisch- und Handzeug aus Seide und nicht verbrennender Leinwand; alleine die Gäste müssen ihre Handtücher selbst mitbringen; aber der Deutschen leinene Geräthe / und die Höfligkeit der Wirthe / welche damit einẽ ieden versorgt / sticht jene weit weg. Zu Rom hat noch für dem Sylla die Verschwendung silberne Schüsseln hundert Pfund schwer aufgesetzt /und nun ist es dahin kommen / daß man auf einer Taffel ein paar tausend Pfund haltende Silber-Geschirre und 500. Pfund wiegende Schüsseln / welche zu arbeiten man absondere Werckstädte und Silber-Hämmer bauẽ muß / siehet / da dessen doch der Africanische Jupiter nur aus dem überwundenen Carthago 1470. Pfund nach Rom gebracht hat. Gracchus hat zwar Trinck-Geschirre / da er wegen künstlicher Arbeit 14. Pfund Silber für eines geben müssen / und Crassus noch 100. mal theurer eingeführt. Aber nun mehr ist es dahin kommen / daß das Gold hierzu zu geringe ist / ja daß weder die Corinthischen und Delischẽ noch auch die aus Helffenbeine gedreheten Gefässe / und mit Edelgesteinen versetzten Becher der Syrischen Könige / an denen das Gold doch das geringste ist / mehr taugen / sondern man aus Crystallenen und gantz schmaragdenen Geschirren trincken wil. Deutschland hingegen sihet nicht so wohl auf die Eitelkeit des Behältnüsses / als was einem darinnen fürgesetzt wird. Ihre Art aus Hörnern zu trincken ist zweifelsfrey die gemeinste und älteste. Denn die Thracier / Scythen /[776] Britannier / Macedonier hätten eben so wohl aus Ochsen- und die Colchier aus wilden Eselshörnern getruncken; daher auch Bacchus mit Hörnern gebildet würde. Die Indianer sollen aus Greiffen-Klauen trincken / welche denen Hörnern nicht ungleich sind. Nach diesem haben andere Völcker ihnen so gar aus Gold und Silber Hörner zu Trinck-Geschirren fertigen lassen / und zu Athen ist auf dem Schlosse ein silbernes nebst einem zu eben solchem Ende gemachten Hirschen an einer marmelnen Seule. Jedoch habe ich auch von Agstein und anderen Steinen von künstlich gegossenen oder ausgearbeiteten Auer-Hörnern so zierliche Geschirre gefunden / welche Rom für grosse Wunderwercke halten würde. Ja ich habe Deutschland Glück zu wünschen / daß es mit so viel ausgeetzten Schalen nicht wie Rom angefüllet ist / worauf man ins gemein nichts anders als Ehebrüche der Götter zu sehẽ hat / gleich alswenn der draus getrunckene Wein ein zu schwacher Zunder in Laster zu verleiten wäre. Ich weiß wol / daß man zu Rom eine Auster für tausend / einen Fisch für acht ja dreyßig tausend Groschen gekaufft / der doch kaum zwey Pfund gewogen / daß man einen Apfel für so schweres Gold eingetauscht habe. Allein das sind vielmehr Kennzeichen des Römischen Mangels / hingegen die Wolfeilkeit allhier entweder des deutschen Uberflusses / oder daß sie nicht wie die Römer in dem Laster der Verschwendung ersoffen sind. Massen ich denn mehr für scheltbar als ruhmwürdig halte / daß Käyser Julius einst in einem Gast-Mahle hundert und funfzig tausend Menschen über zwey und zwantzig tausend Taffeln gespeiset / und ihnen alleine sechs tausend Pfund Muränen aufgesätzt; daß Bürgermeister oder wol gar Freygelassene in einer Mahlzeit eines Jahres Einkünffte verschwendet / eines Gaucklers Sohn seine Uppigkeit in nichts als an in Eßig zerlassenen Perlen zu kühlen gewüst habe. Ich betheuere aber / daß wie ich niemals köstlicher als in Deutschland gespeiset; also mir die holdseeligen Lehren dieses weisen Mannes besser als alle Köstligkeiten und selbst Cleopatrens zerschmeltzte Perlen schmecken. Welche einmüthige Ubereinstimmung den guthertzigen Barden bewegte / daß er in seiner Rede fortfuhr: Es ist kein Reich in der Welt / wie die Bäume dieses Gartens ohne Kranckheiten. Es giebet so wol in jenem als in diesem Brand / Fäulnüs / Ameißen / Holtz-Würme und andere Geschmeisse / welche die Blätter und Blüten abfressen / den Stamm und die Wurtzeln verterben. Es mangelt weder an Dürre noch Nässe / noch an Hagel und Ungewitter / welche Herrschafften unersätzlichen Schaden thun. Der Aufruhr gleichet einem Raupen-Neste / welches / wenn selbtes nicht zeitlich zerstöret wird / nicht nur einen Baum / sondern viel Gärten zu Grunde richtet. Diesemnach muß so wol ein Fürst als ein Gärtner darauf Luchs-Augen haben. Deñ anfangs kan man Raupen und Aufruhr wol verwehren / beydes aber hernach unmöglich dämpffen /denn er gleicht denen aus einer Eichel gewachsenen Sprossen / welche man umb einen Finger winden /und mit dem Fusse vertreten / hernach aber tausend Armen sie nicht beugen können. Sie verlachen die Sturm-Winde / spotten des Blitzes / der Jahre / und der Eitelkeit. Wenn der Aufruhr nun aber schon ausgebrochen / muß man ihm keine Lufft lassen; sondern mit Geschwindigkeit zuvor kommen / denn er wüchse geschwinder als eine gebährende Aloe. Wenn er aber zu Schwunge kommen / ist der beste Rath die Aufrührer zu zertheilen. Denn eintzel Weise kan ein Kind tausend Senden zerreissen / kein Gebund aber der stärckste Riese. Wenn man Aufrührern nicht garwol überlegen ist / muß man ihnen nicht den Kopff bieten / weil ihre Verzweifelung der Tapferkeit überlegen ist. Durch Widerstand werden sie nur mehr hartnäckicht und stärcker / wie der Saffran / der vom Zertreten destomehr wächßt / und wie die Tartoffeln / denen Doñer und Platz-Regen vorträglicher als Sonnenschein sind /[777] mehr ist thulich ihnen entweder etwas /wie den knörrichten Bäumen eine Krümme zu verhengen / und daß sie sich selbst abmatten Zeit und Lufft zuzulassen; oder ihnen durch Bestraffung eines verhaßten / wiewol nicht gar zu schuldigen Dieners den Zunder wie die Gärtner durch Verschneidung einer Wurtzel denen sich überwachsenden Pflantzen den Trieb zu benehmen. Nach dem der Aufruhr gestillt /muß man mit dem thörichten Volcke doch gelinde wie mit schadhafften Bäumen verfahren / und mit dem Tarquinius nur die über andere empor ragende Mah-Häupter abhauen. Nach dem der Friede der Vernunfft und des Menschen / der Krieg aber der Wildnüs und Thiere Eigenschafft ist / hat ein Fürst diesen als den fruchtbaren Sommer seiner Herrschafft werth zu halten / und für sich dem alle Gewächse gleichsam tödtenden Winter des Krieges zu hüten. Weil die Menschen aber offt in grimmige Thiere verwildern / ja im Kriege Panther und Drachen übertreffen / muß er seine Unterthanen für Beleidigung / wie ein Gärtner seine Gewächse für Frost / Hagel / Krebs und Raupen zu beschirmen bedacht seyn / niemals aber als aus dringender Noth und hochwichtigen Ursachen und allein umb hernach einen desto sicheren Frieden zu genüssen wider einen andern und gar niemals wider zwey den Degen zücken; stets aber den Oelbaum als das rechte Krieg- und Friedens-Bild für Augen haben. Denn wie aus seinem überaus bitteren Stamme süsses Oel wächßt; also solle auch das Honig des Friedens die Frucht des gallichten Krieges seyn. Diese aber wird desto zeitlicher erlangt / und auch für die Nachkommen befestigt / wenn der abgenöthigte Krieg nicht schläffrig / sondern mit Anwendung euserster Kräfften geführt / die Waffen nicht zerbrochen / oder dem Roste geopffert / sondern die edlen Wein-Reben des Friedens umb die Lantzen geflochten werden. Dessen aber hat sich der nicht zu getrösten / der / um von anderern Unglücke Ruhe zu erndten / zwischen benachbarten Fürsten den Saamen der Zwytracht ausstreuet. Denn dieser breitet sich wie die Wurtzel der Dornhecken weit und breit aus / und kommt eben so wol als jenem die Kefer / Ameissen und Staaren zu Hauß und Hofe / der sie in seines Nachbars Garten und Weinberg bannet. Nebst diesem muß er sich auch nicht seine an der Seite oder bey andern Fürsten habende Diener leicht mit jemanden zu brechen verleiten lassen / welche entweder meynen; daß sie ihre Treue nicht besser als durch hitzige Rathschläge bewehren /wie die Palmbäume mit Saltz-Wasser am glücklichsten zur Fruchtbarkeit gebracht werden köñen / oder aus andern Regungen durch ungleiche Auslegung zwischen Königen Mißverstand erregen / weñ sie nemlich wie die Granat-Aepfel sich verändern / aus der sänfften Grüne Blut uñ Feuer herfür bringen. Ob nun wol dis Ubel verhütet werden kan / wenn Fürsten so glücklich sind / einander ihre eigentliche und gute Meinung gegenwärtig zu entdecken; so ist doch ihre Zusammenkunfft / so viel möglich / zu verhüten / als welche Dienern Anlaß zur Vergleichung ihrer Geschickligkeit / diese zur Eyversucht / und endlich zum Kriege giebt. Daher sind ihre Umbarmungen meistentheils gefährlicher als die des Epheu / und zwar so denn so viel mehr / wenn sie allzu grosse Vertrauligkeit zeigen. Dahero ist mehr einer mäßigen Bezeugung zu trauen / und gleiche Häupter müssen einander keine mehrere Verträuligkeit anmuthen / als die Palmbäume unter sich haben / welche nicht mit den Wurtzeln / sondern nur mit den eusersten Aesten sich vermählen und befruchten. Die Lilge lehrt dieses jeden Fürsten / welche mit ihrem langen Halß zwar alles ihr unterthänige Geblüme beschauet und bestrahlt / mit der Rose aber niemals Zusammenkunfften halten wil. Eben so wenig muß sich ein Fürst anderer Liebkosungen / Betheurung und scheinbaren Vorwand durch Leichtgläubigkeit verführen lassen. Daran es denen am wenigsten fehlt / die Untreu und Veränderung im Schilde führen; und den[778] Myrthenbäumen gleich ko en / die an Zierde schier alle Bäume wegstechen /mit ihren annehmlich grünen Zweigen die edelsten Früchte versprechen und doch niemahls die geringsten bringen. Kein Vorwand aber ist der Herrschsucht gemeiner als Gottesfurcht und Freyheit / da sie doch selbst keines aus beyden lieben / sondern ohne sie wie das Farren-Kraut ohne Blume und Saamen ist / also auch mit ihm nur Unfruchtbarkeit und unzeitige Geburten zeugen kan. Hingegen muß ein Fürst / wie die Pomerantzen aus ihrer Schwerde / die Melonen aus ihrem Geruche und Gewichte / aus seiner euserlichen Bezeigung die Aufrichtigkeit seines Gemüths kenntbar machen; ja / wie die Feigen inwendig süsser als euserlich ansehnlich seyn. Wenn aber ein rechtmäßiger Anschlag anfangs andern verdächtig scheinen /und auf was Arges ausgedeutet werden wil / stehet es einem Fürsten so wol frey seiner redlichen Sache einen frembden Anstriech zu geben; als der Natur Rosen zu zeugen / welche früh weiß / des Mittags roth sind. Denn saugte der Argwohn gleich was schlimmes heraus / so hat der Fürst doch so wenig Schuld daran als die Rose; wenn ihr denen Bienen so süsse Safft den Kefern zu Giffte wird. Niemals aber soll sich ein Fürst gelüsten lassen / durch einigen Vorwand oder auch aus ziemlichen Ursachen die Beschaffenheit seiner Herrschafft zu ändern und auf einen andern Fuß zu sätzen. Denn dieses dienet nur zu Beförderung seines Falles / und geht so wenig von statten / als wenn man eine Hyacinthe auf einen Narcissen-Stiel / und den Gipfel einer Ceder auf einen Lerchenbaum sätzen wolte. Hingegen stehet einem Fürsten nicht nur frey / sondern ist auch seines Amptes anderer betrügliche Anschläge durch Kundschafft auszuforschen / wie die Gärtner das Saamenwerck in Gefäßen vorher zu prüfen / auch anderer List durch sinnreiche Künste zu zernichten. Also dienen die zarten Baum-Zweige denen Papegoyen zu einem Mittel ihre Nester daran zu hängen / daß die schweren Schlangen sie nicht bekriechen können. Ubrigens sind die Maulbeer-Bäume eines Fürsten Lehrmeister / daß / wie sie ihnen zu ihrem Ausschlagen und Blühen gute Weile nehmen / unter allen Bäumen die längsamsten und wegen noch immer besorgter Kälte die vorsichtigsten sind / hernach aber in Tragung der Früchte gleichsam spornstreichs forteilen / er auch in denen Dingen / welche Zeit leiden / gleichsam nur denen im Grase kriechenden Schnecken gleiche gehen; jedoch hierbey nicht Zeit und Gelegenheit ein Ding auszumachen versäumen solle. In Sachen aber / welche einen /wie der Hagel die Gärte unversehens überfallen / muß er mit denen den zarten Gewächsen zulauffenden Gärtnern aus den Steigereiffen einen Rathschluß ma chen; und wenn etwas mit Vernunfft überlegt / denen zur Vollziehung befehlichten Dienern keine Grübelung verstatten / noch ihnen zu sehr die Hände binden / wenn ihnen ein wichtiges Werck in der Ferne / besonders aber im Kriege vertraut wird / da in einem Augenblicke die Gelegenheit verschwindet. Denn bey so gestalten Sachen muß man ihrer Gewalt nach Art der Gärtner Lufft machen / welche denen jungen Bäumen die Rinde aufkerben / daß sie desto besser in die Dicke wachsen. Seine Rathschläge aber können unmöglich wol von statten gehen / wenn er nicht die Eigenschafften derer Völcker / mit denen er gräntzet oder zu schaffen hat / so wol / als ein Gärtner die der Pflantzen verstehet. Denn iedes Volck hat seine absondere Art / wie jedes Land unterschiedene Gewächse. Die Deutschen sind gewohnt in Glück und Unglück Farbe zu halten / wie das Frauen-Haar bey dürrer Hitze zu grünen / und bey der Kälte nicht zu verwelcken. Auf ihre Treu und Glauben mag man sich sicher verlassen. Denn ihre Freundschafft gleicht den Wein-Reben / welche auch den verdorrten Ulmenbaum zu umbarmen nicht unterlassen. Die Gallier haben wie das Schilf-Rohr in der Beweg- und Nachgebung[779] ihre Stärcke / und hengen ihren Mantel nach dem Winde; jedoch bleiben sie bey ihrer Schwäche unzerbrechlich / denn sie weichen / umb nicht zerstossen zu werden. Die Britannier gleichen dem Pfeffer /welcher von der Zerquetschung mehr Kräffte bekommt. Der Hispanier Fürhaben ist wie der Eichen langsam / aber tauerhafft / also daß sie Sturm und Ungehemach mehr befestigt als erschüttert. Die Griechen gleichen den weichen Myrthen / die Asiatischen Völcker den Cypressen / beyde aber dienen mehr zur Wollust als zu was anderm / und wie dieser Wurtzeln mit dem Stamme vergehen / also können sie sich nach einem unglücklichem Streiche nicht wieder erholen. Die Römer aber sind Palm-Bäume / welche aller andern Völcker Tugenden besitzen / und die Sieges-Kräntze sind ihnen ängebohren. Sie tragen ihre Hertzen im Kopffe / die Bataver in Lenden / die Deutschen in der Brust. Jedoch schlägt zuweilen ein und ander Mensch eben so wol als die Pflantzen aus der Art ihres Geschlechts / daß sie Frembden mehr als ihren Landes-Leuten gleich sind. Daher ein Fürst nicht alles nach einer allgemeinen Richtschnur abmässen / sondern gleichsam alle Strieche der Antlitzer /wie Gärtner alle Adern und Farben der Gewächse unterscheiden; auch ein schwaches Volck nicht allezeit verächtlich haltẽ / noch für einem mächtigern sich zur Unzeit fürchtẽ / oder ihm i er mißtrauen muß. Deñ wie schwach die Steinbreche gleich ist / hat dis Kraut doch die Krafft im Wachsen die Klippen / und die Goldwurtz im menschlichen Leibe Steine zu zermalmen / hingegen ist offt eine vier grieffige Riesen- Eiche inwendig nichts als ein ausgefressenes Aaß /welches ein schwacher Wind zu Bodem wirfft. Ja etliche Reiche scheinen klein und unansehnlich zu seyn /haben aber so viel oder mehr Kräffte als die weit ausgespannten; wie in dem kleinsten Granat-Apfel gerade so viel Kerne sind / als ihrer der grösseste selbigen Baumes hat. Wenn es nun zum Kriege kommt / hat ein Fürst von denen mit zierlichen Dornen so wol prangenden als geharnschten Rosen zu lernen; daß seines Kriegs-Volcks Pracht in sie beschirmenden Waffen bestehet; daß Rosen-Kräntze und Dornen /nemlich Belohnung und Straffe die Erhalt- und Heilungs-Mittel aller Heere sind / durch das erste die Tapferkeit aufgemuntert / durch das andere der Boßheit ein Kapzaum angelegt / und wenn auch schon ein gantzes Kriegs-Heer durch übrige Nachsicht liederlich und vergewöhnt worden wäre / selbtes doch theils durch aufgesätzte Tugend-Preiße / theils durch blutige Striemen wieder zurechte gebracht werde. Welchen Nutzen empfindlicher Streiche die Römer dardurch fürbildeten / da sie durch die Feldwebel denen sich vergehenden oder ungelernigen Soldaten ins gemein mit Reben-Holtze so bittere Streiche versätzten / aus welchem doch der süsseste Safft wächßt. Das im Haupte der Rosen befindliche Gold aber ist eine Erinnerung: daß ohne Sold kein Kriegs-Knecht leben /und ohne viel Unkosten so wenig als ohne Waffen kein Krieg geführet werden könne. Gleichwol muß ein Fürst niemals das Hertz fallen lassen / wenn der Kriegs-Hagel gleich lange Zeit auf ihn loß schlägt. Denn hierdurch werden Länder / worüber nicht der gemeine Mann / sondern ein Fürst oder der Adel die Herrschafft haben / vielmehr befestigt / welches bey stetem Sonnenscheine der Ruh / welche Mißgeburten der feigen Wollüste zeuget / vielleicht zu Grunde gienge. Die vergänglichstẽ Blumen erhalten sich zwischen dem Brande der Nesseln / und die Egyptischen Feigen werden nicht reif / bis man sie vorher mit einem Eisen verwundet hat. Wenn aber ein Fürst mit seiner Macht dem Feinde nicht gewachsen ist / muß er durch verschmitzte Erfindungen seine Schwachheit unterstützen / umb die Frucht des Friedens einst einzuerndten. Also kommen in kalten Ländern die Gärtner der Natur / ja[780] ihrem Hertzen / nemlich der Sonne selbst zu Hülffe / wenn sie Gläser über die Melonen stürtzen / daß der Zurückschlag der Sonnen-Strahlen durch Vergrößerung der Hitze sie reif mache. Keines weges aber hat ein Fürst für Klugheit zu halten / daß er / wie zwar in den Richter-Stülen und in der friedlichen Beherrschung der Unterthanen gar wol gethan ist / im Kriege / wo er ihm entweder den Freund mehr zu verbinden / oder einen Feind zu versöhnen vor hat /oder / wo ihrer viel zu bestraffen sind / sich mittelmäßiger Rathschläge bediene. Denn der Freund wird es annehmen; daß er von ihm die Hand abzüge / der Feind aber es für eine Freundschafft erkennen / und also ihm wenig Danck wissen / daß er ihn nicht beleidige. Diesemnach ist viel rathsamer / besonders in denen keinen Verzug leidenden Begäbnüssen einem die Hand / dem andern die Spitze bieten / und mit der Lilge die Bienen an sich zu locken / die Schlangen zu verjagen. Im Garten eines Reichs sind Unterthanen Gewächse / der Fürst die Sonne. Keines aber muß er so verächtlich halten / das er nicht mit seinen Strahlen erfreue / sondern / daß kein Theil des Gartens unbeschienen bleibe / wie das grosse Welt-Licht nicht auf einer Stelle bleiben. Gleichwol aber ist nicht rathsam / wegen kleiner Gefährligkeiten / oder auch bey grossen / daran aber das Heyl des Reichs nicht hänget /außer seinem ordentlichem Lauffe schreiten / und den gantzen Leib mit dem Haupte in Gefahr der Verfinsterung stürtzen. Wie vorsichtig aber ein Fürst gleich seinem Reiche vorstehet / muß er ihm doch nicht träumen lassen / daß die Klugheit eine unausreißliche Wurtzel der Glückseeligkeit sey. Vom göttlichen Verhängnüsse rühre her; daß das nur an der Erde klebende Kraut des Frauen-Haares und des Majorans fast ohne alle Wurtzel so schön grünet / und viel schwache Reiche bey einfältiger Anstalt tauern. Daher auch die Gärtner / welche keine Pflantze ohne Berathung /ob es ein gutes Zeichen sey / einsätzen / mehrmals von denen übertroffen und verlacht werden / welche sich weder umb die Gestirne noch das Gewitter bekümmern. Nicht anders gelinget es mehrmals denen Fürsten am allerbesten; die besonders in verzweifelten und unaufschüblichen Fällen nicht alles auf die Wage legen / sondern auf gutes Glück etwas wagen / und offt dem allerklügsten durch Vermässenheit einen unversehenen Streich versätzen. Wenn aber alle Fädeme der Klugheit und Tugend zerreissen / und ein Fürst alles gethan hat / was er gesolt und gekönnet / gleichwol aber alles mißlingt / oder den Krebsgang geht /muß er sich nur mit Gedult und Hoffnung gürten / und seinen Willen nach Leitung der Sonnenwende in die Schickungen des Verhängnüsses geben / welche sich niemals von der Sonne abwendet / wenn gleich die von ihr empor gezogene und in Zorn-Wolcken verwandelten Dünste der Erden mit Hagel und Blitz auf sie stürmen. Jedoch muß er hierbey nicht die Hand gar abziehen. Denn sein Glücke vom Zufalle erwarten ist eine albere Trägheit / die Einbildung aber / es sey umb einen schon gethan / Verzweifelung. Wie viel Sturmwinde gehen ohne sonderbahren Schaden überhin / welche alle Bäume mit ihren Wurtzeln auszureissen gedräuet haben? Solche Ungewitter zu überstehen kan ein Fürst nichts heilsamers thun / als wenn er durch Erhaltung einerley Gottesdienstes / wolfeiler Lebens-Mittel / der Gerechtigkeit / guter Künste /Gleichheit des Vermögens und anderer Dinge unter den Unterthanen die Eintracht befestigt; damit einer nicht dem andern / wie der Lorberbaum den Reben /der Nußbaum denen Morellen die Sonne benähme /und sie mit schädlichem Schatten unterdrücke / oder mit zu geitzigen Wurtzeln ihnen den Safft entziehe. Westwegen er / wie kluge Gärtner / einem jeden seinen rechten Stand zugeben / den Herrschsüchtigen die Flügel / den Geitzigen die Adern[781] zu verschneiden; den unverträglichen Kohl- und Lorber-Baum vom Weinstocke / die feindliche Eiche vom Oelbaume / die Feigsbohnen von Feigenbäumen zu entfernen hat. Hingegen muß er die durch Vermengung ihrer Wurtzel und Schattens einander fruchtbar machende Myrthen-Oel- und Granat-Aepfel-Bäume neben einander sätzen. Denn die besten Dinge / wenn sie zusammen zwistig sind / beschädigen einander / hingegen macht die Eintracht schädliche Sachen nütze. Also thut der fruchtbare Maulbeer-Baum und die gesunde Raute dem Granat-Aepfel-Baume Abbruch / die giftige Wolffs-Milch aber macht ihn fruchtbar. Aufrührer muß er mit ihres gleichen / wie Unkraut mit Unkraut /Schlangen mit dem giftigen Schatten des Eschbaumes / und Schilff mit Farren-Kraute vertilgen / welches /wenn ein schilffichter Acker mit einer Pflugschar umbgerissen wird / daran Farren-Kraut hängt / jenes besser als Eisen und Feuer ausrottet: Auf gleiche Weise ist rathsam und zuläßlich seinen Feinden /nicht aber Nachbarn aus blosser Mißgunst ihres Wolstandes / einen andern Feind auf den Hals zu hetzen /und also seine Kräffte zu zertheilen. Denn hiermit verlieren sie / wie der Eibenbaum / wenn man einen Nagel darein schlägt / das Vermögen Schaden zu thun. Auf die Freundschafft seiner Nachbarn / ja auch seiner Bluts-Verwandten hat ein Fürst nicht grosse Thürme zu bauen. Denn ein schlechter Wind bricht diesem Baume leicht einen Ast ab. Weil aber der Fürsten Verträuligkeit auf eitel Nutzen zielt / läßt sie sich wie ein noch am Stamme ein wenig hängender Ast leicht wieder verbinden und ergäntzen. Seinen Freunden und Bunds-Genossen aber muß er auch ohne Absehen einigen Vortheils treulich beystehen / denn uneigennützige Freundschafft ist die edelste / wie ungewässerte Salate die süsseste. Fürnemlich hat man ihnen Hülffe zu leisten Ursache / wenn man dardurch den Krieg ferne von seinen Gräntzen halten kan / der uns sonst zu Hauß und Hofe käme. Es wäre aber nachdrücklicher und destwegen rathsamer ihnen mit Volcke als Gelde zu helffen. Denn Fürsten können leichter Waffen / wie die Rosen ihre Dornen / als das Gold entrathen / welches so wol dieser Blume als eines Reiches Hertzblatt ist. Jedoch muß er durch seine Unterstützung die gantze Last nicht derogestalt ihm aufhalsen / daß ein ander den Kopf aus der Schlinge zeucht. In Wäldern siehet man vielfallende Bäume blühen / die sie stützenden aber verdorren; und die Undanckbarkeit hat mehr Beystände im Stiche- und fallen lassen / als die dem Epheu zur Stütze dienende Bäume verdorret sind. Wenn ein Fürst aber selbst Hülffe von nöthen hat / muß er selbte von dem / welcher ihm wegen spaltigen Gottesdienstes / oder seines auf sein Reich habenden Auges oder Anspruchs verdächtig seyn kan / nicht leicht suchen /weniger angebotene / oder solche / welche ihm selbst zu Kopffe wachsen könten / annehmen. Denn / wenn man im Fallen ist oder den Schwindel kriegt /umbarmt man mit seinem Schaden so bald eine stachlichte Dornhecke als einen Ulmenbaum / und die Klugheit lehnt sich selbst offt auf einen zerbrechlichen Rohrstab / der sie in die Hand schifert. Am allermeisten aber muß er / außerhalb des Gewerbes / mit denen Bündnüsse zu machen sich hüten / welche Feinde mit GOtt sind. Die Seeblumen und Jasminen können nicht neben einander wachsen / derer jene die Sonne / dieser die Nacht mit Aufschlüßung seiner Blätter verehrt. Wie ansehnlich gleich sonst ein solcher Bundsgenosse ist / würde er doch ohne den Einfluß der Gottesfurcht einem Reiche so viel als der Schatten eines Lorberbaums denen Weingärten Schaden zuziehen. Am wenigsten aber muß er sich wider GOtt und das Licht des Gottesdienstes selbst auflehnen / sondern vielmehr nach dem Beyspiele der in dem Phrath wachsenden Wasser- und derselben Blume /[782] welche die Indianer das Auge der Sonne heissen / diesen Spiegel der Gottheit bückende verehren; und von dem Gottesdienste glauben; daß er die Krone eines Reichs sey / und dem Gipfel der Tannen gleiche / mit dessen Abhauung der gantze Baum zernichtet wird und verdorret. Bey welcher Beschaffenheit er zugleich die Priester zu beleidigen sich wol fürzusehen hat. Denn diese sind die vom Blitz unversehrlichen Lorberbäume / welche die Häupter der Fürsten selbst für vielen Donnerkeilen behüten und krönen; aber auch ihre Antastung / wie das im Feuer am allermeisten knackende Lorber-Holtz / am empfindlichsten und unverträglichsten aufnehmen; und in einem Reiche / wie zwey an einander geriebene Lorber-Zweige /unschwer ein grosses Feuer anzünden können. Von den Palmbäumen bekommen die Sieger ihre Kräntze /aber auch ihre Lehren. Diese tragen erst im hundersten Jahre / also muß ein Fürst den Sieg nicht mit Ubereilung und vielem Blute der Bürger erzwingen /sondern die Gelegenheit darzu mit Vernunfft erwarten. Der Palmbaum hat einen Stamm gleichsam mit einer Leiter umb die Hinaufsteigung zu erleichtern. Der Sieg ist vorsichtiger Tugend / auch so schwer nicht; wenn man sich darinnen nicht übereilt / die darzu führenden Wege nicht verachtet / und umb die Ehre allein davon zu tragen / nicht mit Ausschlagung der Gehülffen / den Sieg aus Ehrsucht / oder auch /wenn man ihn schon in Händen hat / aus Geitz und Begierde der Beute liederlich verspielt. Des Palmbaums Süßigkeit wächßt auf seinem gekröneten Gipfel und des Sieges an seinem völligen Ende / daher muß dieser bis aufs euserste verfolgt / und nur nicht tapfer erworben / sondern klüglich zu nütze gemacht /jedoch die mit süssen Früchten bereicherten Sieges-Palmen denen Uberwundenen durch Grausamkeit nicht zu Schleen und Wermuth gemacht werden. Wie aber die Palmbäume weder Blätter noch Datteln abfallen lassen / sondern sie in fester Verwahrung halten; also muß ein Uberwinder nicht stets und ohne seine Versicherung die eroberten Festungen / umb gleichsam Frieden ihm zu kauffen / aus den Händen fahren lassen / noch sich seiner Waffen und Besatzungen entblößen. Und wie die Palme der Last nicht weicht / sondern so gar durch ihre Krümm- und Erhebung derselben entgegen kommt; also ist es eine schädliche Sanfftmuth im Kriege sich und seine Gräntzen nur vertheidigen / nicht aber den Feind durch Einbruch in sein Land zu sehr erherben wollen; wie endlich auch der Palmbaum so wol seinen eigenen Gipfel / als auch mit seinen abgerissenen Zweigen ihre Sieger krönt / also muß ein Fürst die Helden-Thaten derer / die durch ihre Tapfferkeit Werckzeuge seines Sieges gewest sind / mit Belohnung und Ehren-Kräntzen; ja die fürs Vaterland erbliechen / durch Siegsmaale mit der Krone unsterblichen Nachruhms verehren / und wie die Lilge ihre güldene Krone für dem Himmel gegen der Erden / also ein Fürst alle seine Palmen- und Sieges-Kräntze für GOtt als dem obristen Siegs-Herrn demüthig neigen. Wie über dis der Palmbaum mit einer harten Rinde gleichsam gewaffnet ist; also muß ein Fürst auch nach dem Siege den Harnisch nicht wegwerffen. Ja selbst die Rose des güldenen Friedens wächst nirgends sicherer als unter dem Schilde vieler auch nach dem Abfalle der Blumen stehen bleibender Dornen / welche sonst Vorwitz und Haß / noch ehe sie aufblühen kan / in den Knospen abzubrechen begierig ist. Ein Fürst muß sich auch im Lauffe seiner Siege nicht unter dem Scheine des Friedens irre machen / noch für die Friedens-Rose ihm eine schläfrige Mohblume eines betrüglichen Stillestandes aufbinden lassen. Er aber muß andern den Frieden erträglich machen; denn welcher den Feind allzu sehr drückt / kan nicht tauerhafft seyn; sondern veraltert in der Wiege wie die Rosen. Wie die Aertzte auch aus denen alle[783] andere Blumen an Schönheit und Geruch übertreffenden Rosen viel heilsame Artzneyen und Erquickungen bereiten; so muß ein Fürst den erlangten Frieden zum Labsal des Volcks /und zur gemeinen Wolfahrt anwehren. Denn dieser ist ja das recht nährende Oel der Länder / wie der Krieg das sie einäschernde Feuer. Mit jenem blühet der Ackerbau / die Gärtnerey / die Handlung und alle Künste; dieser aber macht nichts als Wildnüs und Wüsteneyen. Jener ist der Vater des Reichthums und des Lebens; daher die Egyptier sein Bild mit Lorbern und Rosen bekräntzten; dieser ein Stiffter der Armuths- und Werckmeister des Hungers / der Pest und des Todes. Westwegen ein Fürst diesen heiligen Schatz mit beyden Händen halten / und unter keinem Vorwand selbten von dem giftigen Wurme des Kriegs abfressen lassen muß. Also solte der Lauf eines Fürsten seyn / und da sonst ins gemein Herrscher je länger je boßhaffter werden / insonderheit Hartnäckigkeit /Hoffart / Geitz und Grausamkeit bey ihnen unaufhörlich wachsen / muß er mit seinem wachsenden Alter und Schwachheit sich denen von Zeit zu Zeit immer ihren guten Geruch vergrössernden Lilgen / oder denen reiffen Granat-Aepfeln gleichen / welche zwar so denn von Zerberstung löchricht / aber auch durch die hervorblickenden Purper-Kerne so viel schöner werden. Nach dem aber keine Pflantze so kräfftig ist /daß sie nicht mit dem Alter abni t / muß er auch nur bey Zeite seine Schwachheiten fühlen / also sich kluger und bewehrter Räthe Leitung anvertrauẽ / nicht aber durch eigene ungeschickte Anstalten denen / die ihn gleichsam anbeten solten / zum Gelächter machen. Wie nun der Granat-Apfel in sich seinen Saamen /und die Wurtzel seiner vollkommenen Nachkommen besitzt; also liegt einem verlebtem Fürsten ob / dem Reiche aus neidischer Ehrsucht keinen schlimmern Nachfolger aufzudringen; sondern umb noch einen bessern durch fleißige Ausarbeit- und kluge Umbschrenckung seines Erbfolgers / zuweilen auch mit Ausschlüßung seines ungerathenen oder untüchtigen Blutes bekümmert / auch wormit nach seinem Tode das Reich zu keinem Zanck-Apfel werde / noch bey seinem Leben umb seine Befestigung bemüht zu seyn. Endlich hat er von der Rose und Granat-Aepffeln zu lernen: daß der Purper weder das Leben verlängere / noch die Unsterbligkeit zum Gefärthen habe / und daher sich zu einem behertzten Abtritte aus dem Schau-Platze der Welt fertig zu machen; jedoch sich zu trösten / daß auch die abgefallenen Rosenblätter und tugendhaffte Todten einen guten Geruch und die Liebe der überlebenden behalten. Diesemnach denn auch ein also lebendig und sterbender Fürst vergewissert seyn kan / daß er / wenn gleich der Kern seines himmlischen Geistes sich der Schale des sterblichen Leibes entschütten wird / dennoch wie ein von seinen Kernen ausgeleerter Granat-Apfel mit einer herrlichen Krone / nemlich eines unsterblichen Nachruhms /welches der letzte Geist des menschlichen Thuns ist /prangen; und also in der Grufft seine Vollkommenheit erreichen werde. Sintemal / wenn diese nicht mit Ehren blühet / die Wiege sich keiner Purper-Rosen zu rühmen hat. Mit einem gekröneten Ende aber verwandeln sich alle Dornen der im Leben begangenen Fehler in wolrüchende Blumen / und sein Reich in den allervollkommensten Garten. Also schloß dieser Barde zu unsäglicher Vergnügung aller Zuhörer. Ariovist aber ward hierüber gleichsam verzücket / daß er den Barden umbarmte / und anfieng: O der unschätzbaren Weißheit! Es ist doch sicher in der Welt kein grösser Wunderwerck / als der Mensch / und im Menschen nichts wunderwürdigers als der Verstand! Wolte GOtt! ich und alle Fürsten der Welt solten diesen Weisen zu unserm Lehrmeister und geheimsten Rathe haben. Ist es möglich / daß in dieser Einsamkeit ein unbegreiflicher Verstand[784] die gantze Welt zu beherrschen versperret sey? Warumb lassen die Catten diesen grossen Cyneas in einem leinenen Kittel allhier verschimmeln / welcher mit Goldstücke belegt / und im geheimen Rathe zu Mattium oder gar zu Rom die Hand zu führen verdienet? dem Barden fielen etliche Thränen aus den Augen / und er antwortete: Eines Freundes Auge ist durchdringender als die Sonne. Es reget das Hertze / und erkieset den Kern eines Dinges unter seinen Schalen. Es ni t wahr / daß der ansehnliche und von schlechter Ankunfft herrührende Musch und Zibeth der beste Geruch in der Welt sey. Alleine ich bescheide mich meiner Unvollko enheit / weil auf Erden keine Vollko enheit anzutreffen. Weißheit ist ja wol der sicherste Leitstern eines Fürsten / aber die Geschäffte sind wie gewisse Gläser / welche so vielerley Farben zeigen / so offt man selbte gegen dem Lichte umbwendet. Daher kan Phorcino besser vom Kriege reden / als der erfahrne Hannibal solchen führen. Ja wenn gleich Witz und Erfahrung überein stimmen / schlägt doch das göttliche Verhängnüs die Hand darein / und man siehet im Herrschen offt so wol Thoren als Boßhaffte den Zweck erreichen / als Kluge und Fromme dessen fehlen. Ariovist fiel ein: Es ist nicht ohne / daß kluge Schiffer zuweilen scheutern / aber nur an blinden Klippen und bey schrecklichem Ungewitter; Unerfahrne gehen hingegen auch bey Sonnenscheine zu Grunde. Daher benimmet ein und ander Zufall nichts der Güte und dem Nutzen der Weißheit. Sie ist das Steuer-Ruder / ohne welches ein Reichs-Schiff ein Spiel und Raub der Wellen / und ein unfehlbares Opfer des Untergangs ist. Mehrmals erkieset man auch aus Irrthum an statt der eingebildeten Weißheit ihren Schimmer oder Schatten / ja zuweilen gar ihre Feindin die Boßheit. Diese / wenn ein Aristippus unter dem Scheine des höchsten Gutes die heßlichste Wollust einflößt. Dieser Weisen Lehren gleichen den Büchsen / welche Uberschrifften heilsamer Artzneyen / inwendig aber nichts als Gifft haben. Mit dem Schatten armet man sich / wenn die Mißgunst selbte mit Fleiß hinter Bilder / Rätzel und Zahlen verstecket / und wie der seine gelehrteste Schule verschlüßende Aristoteles beschuldigt wird / nach der Art desselben Meerfisches / welcher umb nicht gefangen zu werden das Wasser mit einer von sich gelassenen Farbe schwärtzet / seine Lehren mit Fleiß verdunckelt / daß sie niemand verstehe. Welche Weißheit dem Pech-Feuer gleiche kommt / welches mehr Rauch als Licht hat / und mehr schwärtzet als erleuchtet. Den Schimmer der Warheit lassen sich die bländen /welche die Hülsen für den Kern erkiesen. Aber die allhier gelehrte Weißheit hat nicht weniger Grund als Licht. Sie versteiget sich nicht in unfruchtbaren Nachgrübelungen / sondern sie beschäfftigt sich alleine mit Dingen / die man täglich zu sein und des Volckes Nutzen angewehren kan. Sie ist so tiefsinnig und doch so verständlich / und / wie ich mir einbilde / nicht weniger wolthätig. Keine grössere Wolthat aber köntest du mir / holdreicher Vater / leisten / als wenn du diesen edlen Knaben / welchen ich als meinen Augapffel und vielleicht lieber als meine künfftige Söhne habe /zu einem Zuhörer deiner Weißheiten aufzunehmen würdigen woltest. Dieser Knabe war ungefehr zwölff oder dreyzehn Jahr alt / ungeachtet man ihn seiner Länge halber für etliche Jahr älter geschätzt hätte. Sein Antlitz war für sein Geschlechte bey nahe zu schön / und eine genungsame Ursache das Frauenzimmer darüber eyversüchtig zu machen. Seine Haut war von solcher Zärte und Reinligkeit / daß zu zweifeln; Ob der seiner Klugheit halber für allẽ Menschen gepriesene Salomon ihn wie die von der Mohren-Königin[785] Nicanna verkleideten Knaben unter den Mägdgen aus dem Waschẽ der Hände und Trübung des Handwassers würde erkennt habẽ. Seine schneeweisse Lockẽ spielten ihm umb den Hals / daß sie keines Mahlers Pinsel zierlicher hätte bildẽ köñen. Sie hatten einen herrlichen Glantz / daß sie weder mit gemahlnẽ Golde bestreut / noch mit Gold-Drate durchflochten werden dorfften. Das Haupt war gantz rund. Dieses aber soll ein Zeichen eines grossen Geistes und Verstandes / wie spitzige Häupter Merckmaale der Narren seyn. Alle Glieder hatten mit einander eine wohl-abgetheilte Gleichheit / und nicht weniger eine erbare als geschickte Bewegung. Aus seiner Freundligkeit blickte etwas heldenmüthiges / wie aus vollkommenen spielenden Diamanten eine durchdringende Schwärtze. Mit einem Worte: Er schien ein rechtes Meister-Stücke der Natur zu seyn / und diese Helden-Mutter hatte ihm einen nachdrücklichen Zug aller Augen und Gemüther an sich zu locken eingepflantzt. Der Barde sahe diesen auf Ariovistens Befehl für ihm auf den Knien liegenden Knaben lange Zeit an. So sehr nun die Augen auf ihm erstarreten / so sehr wallete des Alten Hertze / und hemmete ihm gleichsam die Zunge. Endlich zwang er doch diese Worte heraus: Unsere Schule stehet allen Edlen offen / diesem Knaben aber hat die Natur das Zeugnüß seines edlen Ursprungs an die Stirne gepreget. Unsere Weißheit hat nichts verdächtiges oder ärgerliches. Daher haben wir nicht von nöthen von iemanden den Eyd der Verschwiegenheit abzuheischen. Ich sehe ihn für einen Deutschen an / aber die Barden verschmähen keinen Ausländer / weil die Sitten Eigenschafften der Gemüther / nicht der Länder / die Weißheit an kein Volck gebunden / und aus Morgenland in die kalte Mitternacht gereiset ist. Diesemnach nehme ich diesen Knaben (wormit er ihn zugleich mit beyden Armen umbfaßte) mit Freuden und diesem Wunsche an: daß ich nur ein so guter Werckzeug ihn auszuarbeiten seyn möge / als er als der Zeug gut zu seyn scheinet. Ariovist bedanckte sich für seine Willfährigkeit aufs verbindlichste / und versätzte: Jedes Holtz ist zwar nicht geschickt zu zauberischen Hermes-Säulen / aber aus allem Marmel kan man Bilder der Liebe und des Todes / Helenen und Affen machen. Es liegt nur an der Kunst und Willen des Werckmeisters / ob er diß oder jenes daraus machen wil. Weil hier aber der Lehrer so gütig als weise ist; hoffe ich aus seinen Händen einen kurtzen Begrieff der Vollkommenheit zu erlangen.

Hiermit namen sie für dißmal zwar wieder Abschied; aber wenig Tage hernach begab sich Ariovist abermals in diß Behältnüß der Barden / umb seinen Knaben / welcher den Nahmen Ehrenfried führte /ihnen auf sieben Jahr völlig zu übergeben. Thußnelde / Agrippine / Zirolane / Jubil / Rhemetalces / Siegismund und alle andere anwesende Fürsten meynten / es dörffte für eine Verletzung ihrer gemachten Verträuligkeit ausgelegt werden / wenn sie dißmal sich seiner Gesellschafft entschlügen. Da zumal dieser edle Knabe fast alle ihm wohl zu wollen bezauberte / und die Annehmung der Jugend bey den Barden / wie /wenn sich iemand in einem Heiligthume einweyhen ließ / nicht ohne besonderes Feyer zu geschehen pflegte. Sintemal die Barden eben so wohl als die alten Chaldeer / Egyptier und Griechen die Weißheit für heilig / ihre fürnehmste Lehren auch für Offenbarungen Gottes hielten / und daher selbte im Tempel oder an Felsen geweyhter Hölen einschrieben. Sie kamen bald nach der Sonnen Aufgang an besti ten Ort; da die Barden den Ehrenfried bald an der Pforte empfiengen / ihm Kräntze von vielen wohlrüchenden Blumen nicht nur auff das Haupt setzten / sondern auch den Leib und alle Glieder damit umbwunden. Also führeten sie ihn zu einem Spiegel-hellen Brunnen / darinnen sich alle neue Lehrlinge für ihrer Einweyhung baden musten / gleich als wenn sie daselbst allen Unflat der Unwissenheit abzuschweiffen[786] hätten. Welches bey den Barden nichts neues / weil derogleichen Abwaschungen fast bey aller Völcker Weyhungen bräuchlich / und so wohl zu Rom als zu Athen so gar in Bädern die Jugend unterrichtet / dabey gebadet und eingesalbet ward. Der beym Brunnen stehende oberste Barde fragte den Knaben: Ob er auf sieben Jahr Gehöre / Stillschweigen und Gehorsam zu versprechen getraute? Denn das erste würde ihn weise /das andere vorsichtig / das dritte demüthig machen. Ehrenfried antwortete mit einer grossen Freudigkeit: Weil er hörte / daß wer nicht weise wäre / sich keinen wahrhaften Menschen nennen könte / wünschte er ehe zu sterben / als ein Mittel-Ding zwischen Menschen und Vieh zu seyn. Nach dieser Erklärung befahl er dem Knaben sich nackt auszuziehen / und in dem Brunnen zu waschen. Die darbey stehende Agrippine wolte sich entfernen / als sie den Knaben von Barden entkleiden sahe. Thußnelde lächelte / und fragte: Warumb sie dieser Einweyhung nicht zuschauen wolte? Agrippine antwortete: Weil die Blösse in ihren Augen ein sehr heßliches Ding wäre. Und wunderte sie sich /daß die Barden / von denen sie doch sonst so viel Weißheit gehört hätte / sich derselben nicht schämeten; zumal ihrem Bedüncken nach sich in Schulen nichts weniger schickte / als nackt seyn. Der ihr gegenüber stehende Barde hielt ihre Sitten zu vertheidigen der Nothwendigkeit / und fiel ihr ein: Wir leben in dem unschuldigen Deutschlande / wo die meisten Einwohner nackt gehen / und dennoch keuscher / als die bekleideten sind. In Indien gehen die Weltweisen selbst bloß / und in der Welt die meisten Leute nackt /besonders unter den hitzigen Land-Striechen. Gleichwohl weiß man von allem diesen nicht so viel Uppigkeiten zu erzehlen / als von denen wollüstigen Persen und Griechen / bey denen nicht die Schamhaftigkeit /sondern Hochmuth und Eitelkeit die Kleider erfunden zu haben scheinet. Denn wie nichts mehr als die Blösse den Menschen seines Armuths und Elends überzeuget; also ist der mühsame Aufputz des Frauenzimmers in gesponnenes Gold / künstlich gewebte Seide und Wolle / in die Krausung der Haarlocken / die Beblümung des Antlitzes nur eine ausgedachte Entzündung der Begierden; und scheinet / daß daselbst die Frauen ihre Brüste nur verdecken umb selbte mit mehrer Regung zu weisen / und die Männer durch ihre gezwungene Mißgunst mehr aufzubringen. Es ist damit beschaffen / wie mit den Sonnen-Strahlen. Die auf die Seite schüssenden verursachen viel grössere Hitze als die gerade untergehenden. Also entzündet ein wenig von einer nackten Brust oder von einem entblösten Fusse lüsterne Gemüther viel kräfftiger /als was uns gantz bloß für Augen liegt. Für dem letztern hingegen eckelt selbst die Wollust / als wie dem Munde für allzu sehr gezuckerten Speisen. Die Begierde gleichet dem Winde. Denn beyde stürmen am meisten / wo sie gehemmet werden / und legen sich bald in vollkommener Freyheit. Diesemnach man in Deutschland die Blösse für das beste Genesungs-Mittel wider die Geilheit hält / und besorget; daß nachdem unser Adel von den Nachbarn das Gespinste der Würmer zu Kleidern erborget / mit selbtem auch die Würmer der Wollust eingeschleppt werden dörfften. Rhemetalces pflichtete dem Barden bey / und sagte: Seine Thracier wären eben der Meynung als die Deutschen / und ihn wunderte / daß Agrippine als eine Römerin für nackten Knaben eine solche Abscheu trüge /und mit Livien gantz nicht übereinsti te / welche /als er zu Rom gewest / und der mit ihr fahrende Käyser die auf der Strasse in einem Feyer nackt herumb lauffenden Knaben wegjagen lassen wolte / ihm eingefallen wäre: Ein nackter Mann wäre in den Augen einer ehrlichen Frauen ein todtes Bild. Agrippine ward hierüber beschämt / daß sie den Kleidern das Wort zu[787] reden mehr nicht getraute / sondern vielmehr die Barden / welche kein Blat für den Mund zu nehmen gewohnt sind / zu einer gerechten Durchhechelung der Römischen Kleider Uppigkeiten zu veranlassen befürchtete. Hiermit war sie gleichsam gezwungen bey dieser Einweyhung festen Fuß zu setzen / und weil sie selbst mit einer Hand in den Brunn fühlte /das Wasser aber kälter als den Schnee befand / und gewahr ward / daß die Barden den Finger-nackten Ehrenfried / nachdem sie ihn vorher mit Eichel-Oel übergossen und mit Saltze bestreuet hatten / gleich darein eintauchten / konte sie sich nicht enthalten überlaut zu ruffen: Ob sie diesen zarten Knaben in dem Quell der lasterhaften Kälte / durch welches der schwartze Nord seinen Frost ausstiesse / tödten wolten? Sie aber lachten darzu / und einer antwortete: Könten die neugebohrnen Kinder solche bey den Deutschen gewohnten Bäder ausstehen / würde es diesem erwachsenen und Zweifels-frey in kaltem Wasser abgehärteten Knaben nichts schaden. Er aber selbst lachte ebenfalls darzu /und verbieß darbey alle Empfindligkeit. So bald er nun wieder aus dem Wasser gezogen ward / muste er für dem obersten Barden nieder knien / welcher eine Schale voll aus Blumen gedrückten wohlrüchenden Oeles in der Hand hatte / und zu Stärckung des Gehirnes ihm den Wirbel und die Schläfe einsalbete. Als er nun eben diß auf der Brust verrichten wolte / ließ er die Schale aus der Hand fallen / ergrieff mit beyden Armen den Ehrenfried; sagte mit holer Stimme: Ach! mein Sohn! fiel aber überrücke zu Bodem / und ich hielt den Knaben so feste / daß er mit ihm über einen Hauffen fiel. Jedermann erschrack über diesem plötzlichen Zufalle; und war bemühet mit Kühl- und Stärckungen dem guten Alten beyzuspringen. Ein Barde raffte sich auch mit dem Ehrenfried / solchen aus des ohnmächtigen Armen zu reissen. Zirolane / welche so wohl als das andere Frauenzimmer mit ihrẽ bey der Hand habenden Balsam hierbey beschäfftigt war /kriegte den Knaben hierüber vorwerts recht ins Gesichte; worauff sie des Barden vergaß / den nackten Knaben umbarmte / selbten mit einer ungemeinen Entzückung unaufhörlich sonderlich auf die Brust küssete. Dieser Knabe stand hierüber erstarret; Thußnelde / Agrippine und andere wusten nicht was sie destwegen dencken solten / Rhemetalces aber / als er Zirolanen in einer so heftigen Brunst gegen diesen Knaben entzündet / und des Umbarmens und Küssens kein Ende machen sah / entröthete sich anfangs / hernach erblaßte und zitterte er / endlich rieß er sich mit den Worten: O verda te Untreu der Weiber! wie ein Blitz davon. Niemand als Hertzog Siegesmund / weil aller Augen theils auf den sterbenden Barden / theils auf die entzückte Zirolane gleichsam angepecht waren / nam Rhemetalcens Verstell- und Entfernung so eigentlich wahr / daher er ihm auf dem Fusse folgte / er konte aber weil Liebe und Zorn die geschwindesten Flügel haben / selbten kaum ausserhalb des Gartens /wo alle Pferde verwahret waren / ereilen / als er sich schon mit seinen Reisigen und Schildträger zu Pferde gesetzt hatte. Hertzog Siegesmund fragte: Wer die Ursache seines so plötzlichen Eivers und heimlichen Abschiedes wäre? Rhemetalces antwortete: Ist dieses wohl Fragens werth? Aller anwesenden Augen werden Zungen der Untreu wider die mich aufs ärgste beschimpfende Zirolane seyn? Soll ich dennoch zu meinen Beleidigungen mich unempfindlich / und zu ihren Vergehungen blind anstellen? Hertzog Siegesmund versetzte: Die Fürstin Zirolane hätte zeither ein so vollkommenes Muster der Tugenden fürgebildet; daß ohne Unrecht sich nichts böses von ihr argwohnen liesse. Das unschuldigste Vorhaben hätte zuweiln einen Schein des Argen / wie das ärgste[788] Laster die Gestalt des Guten. Man müste also einer Sache auswarten /und mehr auf die Wurtzel als Blätter acht geben. Rhemetalces brach ein: Man mache mich nur nicht mit sehenden Augen blind / und verrede nur in solchen Schwachheiten kein Weib. Sie gleichen in allem dem Meere / welches bey stillem Wetter die Annehmligkeit selbst / wenn es aber vom Sturme / und Weiber von Begierden beunruhigt werden / sind sie schädlicher und abscheulicher als die Hölle. Sie gleichen dem Brunne des Ammons / welcher des Tages eyßkalt /des Nachts siedend heiß ist. Diesemnach mir denn Zirolanens Tugend wider meine eigene Augen eine viel zu ohnmächtige Vertheidigerin ihrer Untreu ist. Die Sitten ietziger Welt sind so beschaffen; daß niemand /welcher ein Weib verdächtig hält / für zu leichtgläubig gescholten werden kan. Hertzog Siegesmund begegnete ihm: Ich kan mich nicht genungsam wundern; wie ein so tapferer Fürst sich eine so niedrige Schwachheit / als die Eiver-Sucht ist / bemeistern lassen könne. Ich erstaune / daß Rhemetalces die Tugend / welcher er sein eigenes Hertze aufgeopfert hat /durch eine so seltsame Einbildung zum Laster / sich aber zum Leibeigenen so unzeitiger Regungen machen mag. Weiß er nicht / daß dieser Eigenschafft und steter Vorsatz ist / sich an Tugend zu rächen / weil sie von ihr so sehr im Zaume und unter der Rute gehalten wird? Die Ströme wenden ihre euserste Kräfften an die sie hemmenden Tämme zu durchbohren; Neid /Argwohn und Verläumdung aber räthet der Unschuld am meisten Dampf anzuthun. Ist es aber wohl der Vernunfft gemäß / daß / wenn Zirolane ihrer Ankunfft und ihrer Ehre zu vergessen und die ihr angebohrne Scham-Röthe auszuziehen fähig wäre / sie in den Augen Rhemetalcens und der gantzen Welt / in dem Gesichte so vieler / welche den Lastern Spinnen-feind sind / ihre Untreue ausüben / und an einem Kinde ihre rasende Brunst ausüben solte? Warlich / die Laster scheuen das Tage-Licht / wie die Eulen / ja die / welche gleich keinen Funcken Keuschheit mehr im Hertzen haben / sondern ihre Ehre feil bieten / sind so unverschämt nicht / daß sie ihrem Laster iedermann lassen zusehen. Fürnemlich aber ist die Schamhaftigkeit dem deutschen Frauenzimmer angebohren; diese aber ist der Bodem der Erbarkeit / wie die Morgen-Röthe der Sonne. So tolle Begierden sind in diesem Lande gantz unbekannte Wahre / und daher muß die heftige Regung Zirolanens gar was besonders seyn. Er erwarte diesemnach die Auslegung ihrer Entzückung / ehe er sie verwirfft / und verdamme seine Zirolane nicht ehe / als sie sich verantworten kan; wo er nicht selbst seine Liebe der Falschheit / sein Gemüthe des Unbestandes halber verdächtig machen wil. Das euserliche Ansehn eines Dinges ist ins gemein betrüglich / und unser Verstand so schwach / daß man von anderer Thun niemals ohne sich selbst mißzutrauen urtheilen soll. Der ist noch etlicher massen Entschuldigungs-werth / der durch Verläumdung eines Nebenbuhlers seine Liebe in Galle verwandelt; wer aber sich durch eigenen Argwohn verführet / kan sich keiner aufrichtigen Liebe rühmen / welche den Glauben zum Grunde hat / daß seine Liebste keiner Untreue fähig sey. Alle widrige Zeugen / ja die Augen sollen ihr verdächtig /und sie allemal Meisterin über die Eiversucht seyn. Wäre Zirolane gegen diesen Knaben mit unziemlicher Brunst entzündet / glaubet er / daß sie so unvorsichtig sie gegen ihn ausschütten würde? Meynet er / sie sey so einfältig und verstünde nicht / daß ein Weib / welches einem andern die Liebe einflössen wolte / die ihrige nicht gantz zeigen müste? Denn derer Seelen gleich wie Schwefel und Hartzt lodern / müssen doch einen Schatten der Kaltsinnigkeit behalten / wenn sie sich nicht wollen verhaßt machen / an statt / daß sie einen andern verliebt zu machen gedencken.[789]

Allein ist denn Zirolanens Eigenschafft Rhemetalcen so unbekant? Uberschwemmete sie ihn mit so viel Küssen / als diesen Knaben / da sie Rhemetalcen zu lieben anfieng / oder am heftigsten liebte? Oder war ihre Liebe nicht vielmehr eine Flamme ohne Rauch /und eine Gemüths-Regung ohne Ungestüm? Hat er iemals den wenigsten Schatten solcher Leichtsinnigkeit an ihr wahrgenommen / durch welche sie sich der Welt als eine anrichtige zur Schmach und zum Aergernüsse vorstellen solte? Rhemetalces brach ein: Hätte Zirolane mich so inbrünstig geliebet und gehalset / so würde ich mit diesem Knaben weniger Ursache zu eivern haben. So aber leschet ihre Lauligkeit gegen mir allen Zunder meiner Liebe aus / und ihre Brunst gegen einem andern entzündet in mir die Eiversucht / welche die Beständigkeit selbst wie der Schwefel den Stahl zerschmeltzet. Hingegen müste dieser Jüngling kälter als Eyß und unempfindlicher als Eisen seyn / wenn er von Zirolanens Fla en nicht Feuer fienge. Denn Küsse haben nicht nur die nachdrücklichste Macht einen zu entzünden / sondern eine verborgene Eigenschafft zu bezaubern. Sie gleichen an der Anfälligkeit dem Schaume eines tollẽ und beissendẽ Hundes / welcher aus einem Zahne sein Gifft allen Adern einsäuget. Ja wie die Augẽ der Basilisken diß / was sie anstrahlen / vergiften / also werden die dem Küssen zuschauende Augen von selbtem angesteckt. Siegesmund ward hierüber ungeduldig / sprang auf sein Pferd / und fieng an: Fürwahr / Rhemetalces /die Ehre der unscheltbaren Zirolane zwinget mich für sie nachdrücklich zu reden. Seine allzu scharffsichtige Augen verrathen eine grosse Blindheit seines Verstandes / und seine Abtrünnigkeit einen Vorwand seines leichtsinnigen Gemüthes oder seiner Falschheit; welche Zirolanen geheuchelt / sie aber niemals hertzlich geliebt hat. Sintemal Liebe wohl eine Schwachheit / niemals aber eine solche Niedrigkeit werden kan. So lange ich nun meine Augen im Kopfe haben werde / wil ich nicht aufhören / die tugendhafte Zirolane zu bereden / daß sie aufhören solte ihn zu lieben / um keinem undanckbaren die Ehre eines Obsiegs über ein so edles Hertze zu enträumen / welcher verdiente in Verwirrung und ihrem Hasse zu sterben. Ich kan diese Beschuldigung Zirolanens nicht für einen Fehler der Liebe / sondern muß sie für eine Boßheit sie zu beschimpfen annehmen. Sie würde Schiffbruch an ihrer Ehre / ich aber an meinem guten Nahmen leiden / wenn ich darüber unempfindlich wäre; daß Rhemetalces die unschuldige Zirolane verschmähet / welcher den so aufrichtig liebenden Siegesmund bey ihr verdrungen hat. Meine Liebe hätte wohl Ursache sich über dieser Entziehung Rhemetalcens zu freuen / aber meine und ihre Ehre befiehlet mir ihn so lange allhier anzuhalten / biß er sich erkläre Zirolanen entweder ohne Argwohn zu lieben / oder zu gestehen; daß sein Verdacht nicht weniger ohne Vernunfft als sein Hertze ohne aufrichtige Liebe sey. Mit diesen Worten zohe Siegesmund von Leder / Rhemetalces aber hatte als ein Ausländer Bedencken sich mit einem deutschen Fürsten zu schlagen / fieng also an: Ich weiß nicht was ich fürnehmen soll / den Fürsten Siegesmund mir vom Leibe zu halten. Vorhin bin ich mit ihm zerfallen / weil ich Zirolanen und sie mich geliebet / nunmehr werde ich angefochten / da sie mir Ursache giebt sie nicht zu lieben. Thue ich Zirolanen durch meine Eiversucht Unrecht / so hat sie zum wenigsten mehr / als ich Schuld daran. Meynet Fürst Siegesmund aber ihre Unschuld mit dem Degen zu behaupten / so stehet niemanden weniger als mir an sie durch meine Waffen schuldig zu machen. Es verbeut mir solches auch das in Deutschland lange Zeit genossene Gast-Recht / und es ist[790] wohl eine seltzame Art auf eine solche Weise die Unschuld erhärten / wo der stärckste der gerechteste ist; wo man / umb nicht getödtet zu werden / zu tödten gezwungen wird / wo der Ausschlag von einem gewandten oder gestrauchelten Pferde / von einer festen oder springenden Klinge herrühret / und das Recht gezwungen wird auf des glücklichen Seite zu treten. Hertzog Siegesmund brach ein: Die Waffen hätten in Deutschland schon das Ansehn erlangt; daß ihr Sieg bey keiner ungerechten Sache stehen könte. Diesemnach wäre der unvermeidlichen Nothwendigkeit / daß Rhemetalces entweder sein Zirolanen angefügtes Unrecht gestünde und verbesserte / oder daß er sein vermeyntes Recht gegen ihn mit dem Degen behauptete; welcher ihre Ehre zu vertheidigen auf sich genommen / weil er durch seine Liebe sie beleidigt hätte. Er solte sich daher nur kurtz erklären / denn es wäre ohne Noth viel Worte zu machen / wo man mit der Faust was auszuführen hätte. Siegesmund drang hiermit Rhemetalcen so nahe auf den Hals / daß er seinen Degen zur Gegenwehre auszuziehen und ihm zu sagen genöthigt ward: Die Ehre in einem Feinde wäre eben diß / was der Stahl in einem Degen. Beyde müsten springen / wenn man diesen zu sehr beugte / und jenem es zu nahe brächte. Weil diese Fürsten nun mit einander tapfer anbunden / hatten die Barden / oder vielmehr das Frauenzimmer den obersten Barden mit ihren Stärckungen ein wenig wieder zurechte gebracht; daß er Athem schöpfte /und die Augen öffnete. Diese aber versetzten ihn in eine neue Erstaunung / als er die Fürstin Zirolane mit Ehrenfrieden fast unzertrennlich verwickelt sahe. Die Liebe lösete auch endlich diesem von Verwirrung des Gemüthes / wie bey der über dem Haupt des Crösus schwebenden Gefahr seinem von Natur stummen Sohne die Zunge / daß er anfieng: Wil mir denn diese Fürstin das Vorrecht meinen gefundenen Sohn zu küssen wegnehmen? Wie schwach er nun gleich war /erhob er sich doch / und umbarmte den Knaben Ehrenfried mit der empfindlichsten Weichmüthigkeit. Zirolane ward hierüber gleichsam eiversüchtig und sagte: Ich glaube / daß niemand als ich zu ihm besseres Recht habe. Welch Recht / fiel der Barde ein /gehet der Gewalt eines Vaters für? Der Zeither gleichsam ein Gauckel-Spiel abgebende Ehrenfried that nunmehr auch seinen Mund auf / und fragte: Wil mich der Himmel heut so glücklich machen / daß sich ausser meines Fürstens iemand meiner als eines Sohnes annehmen wil? Der alte versetzte: Er machet mich und dich heute viel glücklicher / als du meynst. Denn er schencket mir meinen wahrhaften Sohn / und dir deinen rechten Vater. Hiermit rieß er sein leinenes Kleid auf / zeigte ihm auf seiner nackten Brust eine kleine schwartze Bären-Tatze / und sagte wider ihn: Sihest du nun / liebster Sohn / das Merckmal / welches die Natur dir und mir auf die Brust gedrückt /und das Glücke darmit unwidersprechlich erhärtet hat: daß du mein ungezweifelter Sohn / ich aber dein wahrer Vater sey. Ehrenfried erstarrete zwar hierüber ein wenig / bald aber fiel er dem Barden umb seine Knie /und klebte daran wie eine Klette / iedoch war er nicht mächtig ein Wort aufzubringen / sondern seine Thränen musten Vorredner seiner kindlichen Liebe seyn. Der Barde aber schüttete umb seinen aufgefundenen Sohn so viel mehr zu vergnügen alle Geheimnüsse seines Hertzens aus / und sagte: Lasse dichs nicht gereuen / daß du deinen Vater in dieser unschuldigen Einsamkeit / in dieser heiligen Einfalt gefunden hast. Die Gestirne werden aus Thälern eigentlicher gesehen / als von Bergen / und in solcher[791] Niedrigkeit des Lebens kommet man Gotte am nechsten / welche doch edler Ankunfft den geringsten Abbruch thut. Dieses auf deiner und meiner Brust stehendes Siegel ist dir ietzt eine genungsame Versicherung / daß wir so wenig aus Knechten entsprossen / als Perlen und Purpur-Schnecken in gemeinen Muscheln wachsen. Die Zeichnungen der Natur sind unfehlbare Anweisungen inwendiger Kräffte. Das wider die Schlangen-Stiche dienende Schlangen-Kraut hat die Gestalt der Schlangen / das Leber-Kraut die Farbe der Leber / die dem Krebse widerstehenden Erd-Beeren das Feuer des Krebses an sich. Die Früchte der den Stein zermalmenden Steinbreche gleichen den Nieren-Steinen. Lerne diesemnach aus meiner Bären-Tatze deinen Vater / daß er kein furchtsames Thier gewesen / und die auf deiner Brust erinnere dich / daß darinnen nur wie in dem ebenfalls mit einem Löwen von der Natur bezeichneten Pyrrhus ein unerschrockenes Löwen- Hertze wohnen solle. Zirolane war über dem auf des Barden Brust erblickten Merckmale schier zum Stein worden / gleichwohl aber faßte sie seine Rede mit genauester Aufmerckung; iedoch konte sie sich länger nicht enthalten / daß sie mit einem Arme dem Barden / mit dem andern dem Ehrenfried aufs neue umb den Hals fiel / und Wechsels-weise bald einem / bald dem andern die geistigsten Küsse als anklebende Siegel ihrer Liebe aufdrückte. Der Barde wuste sich hierein nicht zu finden; fragte also / was denn sie für Lust aus Störung ihrer Ergötzligkeit schöpfte / oder was sie für Recht hätte / sich mit ihrer Freude und Verwandschafft zu betheilen? Zirolane eröffnete an statt verlangter Antwort ihren mit den schönsten Brüsten der Welt angefülleten Busem / und zeigete zwischen ihren zweyen schnee-weissen Paradiß-Aepfeln eine so eigentlich gebildete Bären-Klaue / als immer die des Barden und Ehrenfrieds war. Dieses Merckmal / sagte sie / wird meinen Anspruch an beyde hoffentlich zur Gnüge rechtfertigen; und wo mir mein Hertze ein falscher Wahrsager ist / mich heute zu eines Tochter / zu des andern Schwester machen. Der Barde fiel Zirolanen nunmehr so begierig umb den Hals / als vorher dem Knaben / er erstarrete aber und erkaltete an ihr wie Eiß / also / daß sie dieses zum ersten wahrnehmende / zu ruffen anfieng: Hilff Himmel! hast du /holdseliger Vater / zu dem Ende hier deine Tochter gefunden / daß dir deine Tochter zur Baare werden muß? Ehrenfried / welcher den Barden umbarmte /und Zirolanen küßte / erstarrte bey Wahrnehmung /daß der Barde als ein Todter verblaßte / wie ein Scheit erstarrete. Die umbstehenden kamen ihr zwar aufs neue mit Reiben und Kühlen zu Hülffe / aber umbsonst. Denn der Barde war eyßkalt und steintodt. Zirolane und Ehrenfried warffen sich auf seine niedergesänckte Leiche / bethränten und küßten sie unaufhörlich / gleich als wenn die Thränen die versiegene Feuchtigkeit des Lebens einem Todten einflössen / die Küsse aber die verlassene Wärmbde des Geblütes wieder anzünden könte. Hierzu kam ein ander eyßgrauer Barde / welcher als er den obersten Barden auf der Erden todt liegen sahe / sich durch Haar ausrauffen und andere den Bardẽ sonst ungewohnte Ungeberden nicht wenig verstellte / und zu ruffen anfieng: O grausames Verhängnüs! Warum lässest du den Wütterich Marbod leben / und warumb muß der tapfere Hertzog Gottwald für ihm seinen Geist aufgeben? Wo bleiben die glaubhafften Wahrsagungen / daß dieser weise Fürst der Gothanen für seinem Tode noch aufs höchste[792] solte erfreuet werden. Thußnelde fragte alsofort: Ob denn dieser todte Barde der berühmte Hertzog Gottwald des Bojischen Königes Sicannir Eydam wäre / welcher durch Ehrgeitz seiner Schwester Marmeline und die Gewalt ihres Ehmanns Marbod seiner väterlichen Herrschafft wäre beraubet worden? Freylich ist er es / antwortete der Barde; Aber ach! der betrüglichen Wahrsagungen / wo leider! ist die Freude / mit welcher Hoffnung und Schatten wir uns manchmal frühzeitig gekitzelt haben! Wir Alberen wollen weise seyn / und lassen uns durch vermeinte Vorsehung künftiger Dinge wie durch Träume betrügen / welchen man aus thörichter Einfalt wie den Calender-Schreibern glaubet / ungeachtet sie unter hunderten kaum einmahl eintreffen. Thußnelde begegnete diesem Barden: Wenn die angezogenen Wahrsagungen nichts anders als von dieses Todten Freude gemeldet; haben sie mehr denn allzu sehr eingetroffen; sintemal er wie die zwey Mütter zu Rom / welche ihre für erschlagen gehaltene Söhne unverhofft ins Gesichte bekamen / für Freuden gestorben ist. Der Barde fragte: Ist denn aber der Brunn seiner Freude mit seinem Leben versiegen? Und was für eine wichtige Ursache ist es denn gewest; daß diesen großmüthigen Fürsten die Freude erstecket / welchen kein trauriger Unglücks-Strick aus seinen Angeln zu sätzen weniger zu erwürgen vermocht hat. Thußnelde antwortete: Wie es leichter ist beym Unglücke als Glücke Farbe zu halten / also werden die Menschen ehe durch die von übermäßiger Freude sich ausbreitenden Lebens-Geister entseelet / als das Hertze durch das von Schrecken oder Furcht zusammen lauffende Geblüte ersäuffet. Seine Freude aber ist billich grösser als der zwey Römischen Mütter gewest; weil jede derer nur einen Sohn / Hertzog Gottwald aber zugleich Sohn und Tochter wieder gefunden. Hilf Himmel! rief der Barde / hat Gottwald seine Kinder wieder gefunden? welche sind es denn? Hiermit sahe er Zirolanen / bald den Ehrenfried / welche noch immer auf Gottwaldes Leiche lagen / starck an / und endlich sagte er: Es ist wahr / ich finde alle Striche der Aehnligkeit mit Gottwalden in dieses Knabens / und der Mutter Hedwig in dieser Fürstin Gesichte. Aber ich wil die Warheit bald aus einem gewissern Kennzeichen erfahren. Hierauf rieß er dem Ehrenfried sein Kleid auf / und als er auf seiner Brust die Bären-Tatze erblickte / umbarmte er ihn mit nicht weniger Empfindligkeit als vorhin sein Vater / nennete ihn seinen Sohn / seinen Enckel / den Stab seines Alters / seine Hertzens-Lust / welche nunmehr auch das bitterste in der Welt / nemlich den Tod ihm versüssen würde. Also gebahrte er auch wechselsweise mit der Fürstin Zirolane. Alle Anwesenden konten sich hierüber dieser seltzamen Verwickelung der Freude und des Leides nicht genungsam verwundern / ja ihre Gemüther nahmen bald der Wehklagenden Schmertz / bald der einander küssenden Ergötzligkeit / wie der Cameleon die Farbe dessen / worauf er lieget / an. Sie vergnügten sich über Zirolanens / Ehrenfrieds und dieses steinalten Barden verwechselten Umbarmungen; wurden aber bald durch diese unvermuthete Trauer-Post bestürtzet / daß Fürst Siegesmund vom Rhemetalces bis auf den Tod verwundet worden wäre / und nicht ferne vom Garten läge. Am meisten aber erschrack seine Schwester die Hertzogin Thußnelde / welche auch unveränderten Fusses aus dem Garten ihm zueilte / die meisten Anwesenden auch ihr folgten. Sie fanden ihn in einem verzweifelten Zustande auf der Erde liegend / denn sein gantzer Leib war gleichsam voller Blut-Quellen / sein Antlitz dem Schnee ähnlich / seine Glieder eyskalt / und er rechelte nur noch ein wenig. Thußnelde wehklagte über den Unfall dieses in ihren Augen[793] schon todten Bruders aufs beweglichste / betauerte und machte sich selbst Gewissen / daß / da sie doch zwischen ihm und Rhemetalcen die Eyversucht wegen Zirolanens gewüst / sie ihre natürliche Liebe von der Höfligkeit hätte überwiegẽ lassen / und nicht auf Mittel gesonnen sie zwey von einander zu entfernen. Sie schalt ihren Unverstand / welcher nicht nachgedacht / daß Neid und Eyversucht dem Staube zerstossener Diamanten gleichete / welcher zwar langsam / aber endlich doch tödtete; und daß Rhemetalcen die genossenen Wolthaten an solchen Thätligkeiten nicht hindern würden / weil doch niemand wäre / der seine Vergnügung nicht seiner Verbindligkeit vorzüge. Unter ihren Wehklagen waren zwey Barden umb den Fürsten Siegesmund sehr beschäfftigt / stillten ihm auch mit einem Steine und gewissen Kräutern eben so geschwinde / als der Wurtzelmann zu Meyntz dem Flavius das Blut / und weil nach etlichen Stärckungen sich der Puls wiederfand / trösteten sie / daß an seinem Leben noch nicht gäntzlich zu zweifeln wäre. Dahero deñ auf aller Gutachten Siegesmund in Garten zu tragen / und den flüchtigen Rhemetalces zu verfolgen beschlossen ward. Thußnelde / ungeachtet sie diese Beleidigung am nechsten angieng / war gleichwol aus Erinnerung voriger Händel für Rhemetalcens Unschuld bekümmert / ließ also Siegesmunds Waffenträger vor sich kommen / und befahl ihnen: Sie solten ohne Heucheley gegen ihrem Herrn den warhafften Verlauff erzehlen. Wie aber jedweder Sinn seine besondere Sprache hat / und bisweilen einer /der die wenigsten Werckzeuge zu reden hat / die besten Redner in der Beredsamkeit übertrifft / also gaben ihre Gebehrden ehe zu verstehen: daß Siegesmund sich an Rhemetalcen gerieben hätte / ehe sie noch dis / was für ihrem Gefechte vorgegangen war /erzählten. Dieses hätte Rhemetalces zu seiner bloßen Nothwehre eingegangen wäre dem Fürsten Siegesmund sich alleine vertheidigende ein ziemlich Stück gewiechen / und hätten endlich sie beyde aus Müdigkeit gegen einander verblasen. Zwischen dieser Zeit wären etliche Alemännische Ritter dazu kommen /welchen zwölf beladene Maulesel gefolget; die ersten vier wären mit schwartzen Sammeten Decken / darauf das Cheruskische Pferd von Golde gestückt gewest /die andern mit blau Sammeten Decken und dem darauf von Silber gestückten Cattischen Löwen / die letztern vier mit roth Sammeten Decken und dem darauf von Golde gestückten Adler der Marsinger beleget gewesen. Die ersten wären / der Führer Ansage nach /Thußnelden / die andern der Hertzogin Erdmuth / die letzten Zirolanen vom Fürsten Ariovist zugeschickt worden; welche auch noch außerhalb des Gartens dieser Gelegenheit erwarteten / solche denen drey Fürstinnen zu überliefern. Diese Nachricht wäre gleichsam ein Lermenhorn gewest; daß Siegesmund und Rhemetalces einander aufs neue viel grimmiger als vor angefallen / Rhemetalces auch nicht mehr sich nur beschirmet / sondern auch nach ausgestossenen Worten: Ich wil heute mich an der untreuen Zirolane und an ihren zweyen Liebhabern rächen / den Fürsten Siegesmund zu fällen sich eyvrigst bemühet hätte. Gleichwol aber wäre Siegesmund so glücklich gewest ihn am ersten in die Achsel zu verwunden. Aber Rhemetalces wäre bey Erblickung seines Blutes nur eyfriger und behertzter worden. Uber dis hätte ihn die Güte seines schnellen und gewandten Pferdes für dem Fürsten Siegesmund einen mercklichen Vortheil gegeben / Siegesmunden einen Hieb in den rechten Arm /und / weil durch desselben Schwächung er keine rechte Gegenwehr mehr thun können / folgends einen ins Haupt und in die Seite zu versätzen / worvon er auch auf dem Pferde gesuncken / und von ihnen vollends herab genommen worden[794] wäre. Rhemetalces hätte hierauf dem Pferde die Sporne gegeben / und wäre mit seinem Reysigen davon geritten. Thußnelde hörte dis mit nicht wenigem Unwillen / sagte aber: Sie müste Rhemetalcen abermals recht geben / und wäre ihr leid / daß er durch seine Flucht gegen den Deutschen ein so grosses Mißtrauen / gegen Zirolanen aber eine so unbegründete Eyversucht geschöpfft / ihm also einen so unschätzbaren Verlust zugezogen hätte. Hertzog Jubil / welcher mit Rhemetalcen jederzeit in grosser Verträuligkeit gelebet hatte / schlug ihr daher für /ihm den Ritter Limpurg nachzuschicken; Welches sie und alle andere beliebten / Limpurg auch willigst übernam. Hierauf kehrten sie alle wieder in Garten /fanden aber daselbst die / welche sie in Umbarmung Ehrenfrieds und des alten Barden verlassen hatten / in einer gantz anderen Verstellung. Deñ nachdem Zirolane vernommen / daß Rhemetalces den Fürsten Siegesmund so gefährlich verwundet hätte / verwandelte sich ihre mit Leid vermischte Vergnügung in ein heftiges Schrecken; seine verlautende Flucht verwirrte ihren Verstand / die Nachricht aber / daß Rhemetalces ihr Untreue beygemäßen und sich an ihr zu rächen gedräut hätte / überschwemmete ihr Hertz auf einmahl mit so viel Liebe / Wehmuth / Rachgier und Ungedult / daß selbtes ärger als ein von Blitz und Wellen bestürmtes Schiff beängstiget / und sie ihr selbst nicht mehr ähnlich war. Nach vielem Seufzen fiel sie ihr selbst in die Haare / zerkratzte ihre Wangen / schlug ihre Brüste / gleich als weñ sie durchs lezte alle Gemüths-Regungen daraus verjagen / mit dem andern ihren Spiegel der Schönheit umb nicht mehr geliebt zu werden / verterben / mit dem ersten das zwischen ihr und Rhemetalcen verknüpffte Band zerreissen wolte. Endlich kam ihr / niemand wuste woher / ein Messer in die Hand / mit welchem sie ihr besorglich ein Leid angethan hätte; wenn nicht der alte Barde ihr in die Armen gefallen wäre / und solches ihr mit Gewalt ausgerissen / und ihr eingeredet hätte: Ob sie nunmehr alle Vernunfft und Großmüthigkeit ausziehen wolte / nachdem sie erfahren: daß sie des unerschrockenen Hertzog Gottwalds / und der tugendhafften Fürstin Hedwig Tochter wäre? Ob ihr unbekandt wäre / daß Leuten von so hoher Ankunfft nichts unanständiger wäre / als eine so grosse Gemüths-Schwachheit. Sintemahl sie sich denen Begierden unterwürffen / welche so kühn wären / daß sie sich nicht scheueten GOtt zu widerstreben. Ob sie nicht wüste / daß die Angst ein niederfallender Blasebalg wäre / welcher uns das Licht des Lebens ausbließe; Hoffnung aber einer / der aufgezogen würde / wordurch bedrängte Seelen Lufft schöpfften? Ob sie so neu in der Liebe wäre; daß sie nicht wüste; die Bekümmernüs wäre in ihr / was das Saltz in Speisen und die Schärffe in der Süßigkeit? Rhemetalcens Zorn würde eine Verneuerung seiner heftigen Liebe seyn; welche eben so wol als das Meer zuweilen eines Sturmes vonnöthen hätte / wenn sie nicht veraltern / wie dieses vom Stillstehen faulen solte. Diesem nach verdiente der Schmertz in der Liebe eben so wol als die bittere Aloe in vergüldeten Pillen ihrer heilsamen Würckungen halber mit besserem Rechte den Nahmen des Goldes / als das sie bedeckende Gold selbst. Seine Ungedult / welche ohne dis das rechte Kennzeichen einer heftigen Liebe wäre / rührte aus einem bloßen Irrthume her; welcher durch vernommene Warheit / weßwegen der Ritter Limpurg ihm den Traum recht auszulegen schon abgeschickt wäre / wie ein Nebel von der Sonne würde zu Bodem gedrucket werden. Wahre Liebe vertrüge tausend Fehler; daher machte sie die ihrige verdächtig / daß sie an Rhemetalcen nicht einen vertragen wolte. Denn eines jeden Thun wäre ein Pinsel seines Gemüthes. Also gereichete ihre Ungebehrdung nicht nur zu ihrem Verterb / sondern auch zu ihrer Verkleinerung. Daher müste siegedultig leiden / und mit Hertzhafftigkeit hoffen. Sintemahl Mißtrauen ein Gifft der Liebe / Schmertz des Lebens / Gedult und Hoffnung aber ihr Bezoar wäre. Zirolane gab eine gute Weile nichts anders zur Antwort als Seuffzer / hernach übermeisterte der Zorn abermals ihre Wehmuth / gleich als wenn alle Gemüths-Regungen ihr Hertze zu ihrem Kampf-Platze erkieset hätten. Aus ihren Augen sprüeten Funcken der Rache / und ihr Mund konte nichts anders / als / O untreuer und undanckbarer Rhemetalces! herfür bringen. Aber weder Mund noch Augen konten verstellen / daß aus jenem nur die Süßigkeit /aus diesem nur der Zunder der Liebe entspringen könte. Sie runtzelte zwar die Stirne / und wolte mit Senckung der Augenbraunen die Anmuth ihrer Augen verdüstern; weil aber die Liebe schon ihre Meisterin worden war / und die Aug-Aepffel als ihre Gestirne besessen hatte / ließ sie doch ihre Holdseeligkeit daraus nicht vertilgen. Diesem nach denn ihre Wehmuth bald wider ihre Entrüstung ablösete / und nach dem sie ihre Wangen aufs neue mit einer Bach voll Thränen bewässert hatte / fieng sie mit einer grossen Schwermüthigkeit an: Liebe und Schmertz hätten für allen andern Gemüths-Regungen eine besondere Freyheit / daß an ihnen so wenig als am beweglichem Schilffe die Schwachheit scheltbar wäre. Sie hätte Rhemetalcen unzählbare und unfehlbare Merckmaale ihrer hertzlichen Liebe gezeiget / sie hätte sich eifrig bemühet ihm sein Begehren an den Augen anzusehen / nun aber entbräche er sich ihrer als einer Untreuẽ. Sie hätte ihm fast mehr Versicherungen ihrer Aufrichtigkeit gethan / als die Eigenschafft / welche sonsten nie ohne Wehen gebohren würde / und die Gesätze ihres Geschlechtes zuließen / welches seine Liebhaber durch Härtigkeit wie das Gold durchs Feuer prüfete. Rhemetalces hätte unter tausenden alleine das Glücke gehabt an ihr Rosen ohne Dornen zu finden. Aber ins gemein lieffe das Wasser / welches zur Glückseeligkeit führte / ins Meer der Vergessenheit. Rhemetalces müste nichts mehr von Zirolanens Treuhertzigkeit wissen / da doch sonst selten der Liebe und dem Hasse das Gedächtnüs entfiele. Wolte GOtt aber / die Vergessenheit wäre sein gröster Undanck; und er schwärtzete nur nicht seine Wolthäterin mit übeler Nachrede! Alleine diese wäre ins gemein das Messer /damit der Undanck seine Verbindligkeiten zerschnitte. Denn diese wären Geburts-Schmertzen derer / welche wegen genossener Wolthatẽ sich Schuldner zu seyn wüsten. Die Einbildung wäre zwar fähig in ihrer Schoos tausend Ungeheuer zu empfangen; gleichwol aber dis nicht / was von aller glaubwürdigen Mögligkeit entfernet wäre / wie dis / daß sie einen so vollkommenen Fürsten aus ihrem Hertzen bannen und sich mit einem unmannbaren Kinde so schändlich vergehen solte. Aber vielleicht brütete Rhemetalcens Hertze die Eyer der Untreu aus / die er ihrem unterlegen wolte. Ein Verliebter schriebe aufs Papier der Gelegenheit sein Verlangen; und eignete der das Laster gebrochener Treue zu / mit welcher er zu brechen Lust hätte. Aber wie möchte sie den einen Verliebten nennen / welcher mit der Farbe der Liebe nur seine Wollust überfirnst hätte / welche niemals nichts suchte / als was sie nicht besäße. Thußnelde fiel Zirolanen ein: Es gäbe in der Menschen Hertzen und im Verstande so viel Klippen und Sandbäncke / als im Meere. Die menschlichen Regungen wären so wilde als die Sturmwinde / welche die Klügsten nicht zu bändigen wüsten / ja es erfoderte eine zweyfache Klugheit klug zu seyn / wenn die Begierden zu Pferde säßen; daher solte sie von Rhemetalcen nichts übermenschliches fordern / und seinen aus allzu grosser Liebe herrührenden Fehltritt nicht als eine unvergebliche Beleidigung aufnehmen. Wahre Liebe hätte die Eigenschafft köstlichen Balsams / welcher Fäule und Leichen vom Gestanck und[798] Verwesung bewahrte. Sie wendete alles zum besten / entschuldigte und verhüllte die Gebrechen der Geliebten. Die / welche alle ihre Schwachheiten zu verstellen wüsten / wären so wenig die redlichsten als die kläresten Wasser die gesündesten. Die Natur hätte ihr zwar eine Beeren-Tatze auf die Brust gepreget / aber diese müste keine Erinnerung zur Grausamkeit weniger ein Anlaß ihren Liebsten zu zerfleischen / welche ihren Voreltern ein Merckmaal der Tapferkeit / und ein Sporn zur Tugend gewest wäre. GOtt hätte sie heute mit einem Vater und Bruder beschencket / und sie wolte ihren Liebsten verstossen? Wie es offt heilsam wäre den Ursprung eines Zufalls nicht wissen / also gereichten offt / besonders in Lieben / Unfälle zu desto grösserer Vergnügung. Ein trächtiger Elefant müste zwölf Jahre tragen / die Dattelbäume blüheten erst im hundersten Jahre / also müsten auch die edlen Früchte der Liebe Zeit zu ihrer Reifwerdung haben. Agrippina redete ihr Wort auch hierzu / und sagte: Vielleicht wäre Rhemetalcens Entfernung auch nur eine kluge Erfindung Zirolanens Liebe zu prüfen / oder sie noch mehr anzuzünden. Denn Liebhaber gleichten wie in vielen / also auch hierinnen den Jägern / welche nach gestellten Netzen davon giengen / umb durch ihre Flucht das einfältige Wild in die Schlingen zu locken. Zirolane ward hierüber mehr schamroth als getröstet / daher muste sie nur ihre Seufzer in ihrem Hertzen / aber mit so viel mehr Pein verstecken / und die Thränen zwangen sie / daß sie in ihren Augen gefrieren musten. Gleichwol aber stieß ihre Ungedult noch diese Worte heraus: Gehe immer hin / grausamer Rhemetalces / zu deinen rauhen Thraciern / derer Weiber von Raserey und Zerfleischung des liebwehrten Orpheus berühmt sind; derer Grausamkeit abzumahlen du deine Zunge selbst für einen unvermögenden Pinsel gehalten hast. Gehe hin / und suche deine Ergetzligkeit an einer an dern / weil meine keusche Liebe dir vielleicht zu kaltsinnig gewest; damit eine heissere dein Vergnügen einäschere / und statt meiner unschuldigen Bitterkeit dich mit ihrer Süßigkeit vergiffte! Gehe hin! und weil du dich für einer Fürstin entsätzest / welche auf der Brust mit einer Bärentatze bezeichnet ist; so erkiese dir eine / welche Greiffen-Klauen oder Schlangen im Hertzen hat! der alte Barde fiel Zirolanen ein / und sagte: Sie möchte doch ihrer hohen Ankunfft durch solch Wehklagen kein so grosses Unrecht thun; gleich als weñ sie außer diesem frembden Fürsten keine vergnügende Liebe und keine anständige Heyrath zu hoffen hätte. Das von der Natur auf ihre Brust gedruckte Ehrenmaal diente ihr zu einem unfehlbaren Zeugnüsse / daß sie aus dem uralten Hause der Gothonischen Fürsten entsprossen wäre / derer Herrschafft sich bis über die Nord-Spitze und unter den Nordlichen Angelstern erstrecket hätte; derer Brust sie gleichsam rechtfertigte / daß der Himmel dis / was unter denen zwey gestirnten Bären gelegen wäre / ihrer Bothmäßigkeit unterworffen hätte. Käyser August hätte zwar die Merckmaale des gestirnten Bäres oder Drachens an seinem Leibe gehabt; aber der Gothonischen Fürsten gantzes Geschlechte hätte dieses herrliche Vorrecht von Natur / daß selbtem kein falsches Reiß eingepfropfft werden könte. Diesemnach möchten alle Fürsten für ein grosses Glück schätzen / welche mit einem Zweige von diesem hochansehnlichen Stammbaume ihr Hauß ansehnlich machen könten. Ariovist fragte: Ob denn die Gothonischen Fürsten alle und jederzeit mit solchen Bärentatzen wären bezeichnet gewest? Denn ob er zwar davon mehrmahls gehöret /hätte er es doch neben die Erzehlung gerechnet; daß alle Nachkommen des Pelops eine helffenbeinerne Schulter / wie sie ihm Ceres angemacht / und alle des aus den gesäeten Drachen-Zähnen des Cadmus entsprossenen Geschlechtes einen Drachen am Leibe haben solten;[799] der alte Barde betheuerte: daß dis Kennzeichen von undencklichen Jahren her bey diesem Hause gewest wäre / und er selbst solches an etlichen alten Gothonischen Fürsten angemercket hätte. Dionysius Perigetes / welcher Agrippinen begleitete /sagte: Es wäre an derogleichen angebohrnen Maalen nicht zu zweifeln; sintemal auch gantze Völcker ihre unveränderliche Kennzeichen hätten / der Mohren Kinder blieben lange schwartz in Nord / und die Deutschen weiß in Süd-Ländern. Diese alle hätten gelbe Haare / wie die Cimbern weisse; und alle Veneder Himmel-blaue / die Albaner graue Augen. Zu Rom hätten alle Damitier rothe Bärte: aus der Cincinnater Geschlechte krause Haarlocken; alle Crassen wären dicke / und alle Plancken breitfüßigt. Der Barde fiel ein: dieses wäre etwas gar gemeines / und rührte aus der allgemeinen Aehnligkeit zwischen Eltern und Kindern her / welche sich so gar auf die Gemüther erstreckte / also daß zu Rom alle Appier für grausam / alle Asinier für wilde / alle Brutier für beständig / alle Caßier für ernsthaft; alle Claudier für hoffärtig / alle Ledier für frölich; alle Manlier für hartnäckicht / alle Valerier für gütig / alle Scipianer für kriegrisch / alle Fabier für Liebhaber des Vaterlandes / und in Deutschland alle Cattische Fürsten für hertzhafft / alle Sicambrische für verwegen / alle Alemannische für klug / alle Cheruskische für gütig; und wegen gewisser Eigenschafften in diesem oder jenem Landesstrieche alle von Athen / Sparta und Rom für ehrsüchtig; alle aus Asien für wollüstig / alle Campanier für hoffärtig / alle Gallier für leichtsinnig / alle Griechen tiefsinnig / alle Hispanier für ruhmräthig /die Italiener für rachgierig / alle Sicilier für böse / die Syrer für geitzig / die Mauritanier für betrüglich / die Deutschen für friedliebend / und doch für behertzt gehalten würden. Alleine diese Sitten änderten sich doch mit dem Orte und der Zeit / wie die Farbe der weissen und schwartzen Völcker. Denn der in Africa wohnenden Deutschen Kinder würden in dem andern Gliede doch gelbe; im dritten braun / in dem vierdten schwartz / die Africaner hingegen auf gleiche Art weiß. Diese Eigenschafft der Gothonischen Fürsten aber wäre unaustilglich und was gar besonders. Thußnelde fügte bey: und alle Cheruskische Hertzoge hätten aufgeworffene Lippen / lange Kine und auf dem Rücken gelbe über zwerch gewachsene Haare /welche gleichsam ein gülden Kreutz fürbildeten. Dionysius versätzte: Ich solte auf die seltzamern Maale gantzer Völcker noch kommen und erzehlen: daß aller Dacier im vierdten Gliede mit ihrer Voreltern Flecken auf dem Arme / wie die Lepiden zu Rom in eben dem Gliede mit einer Haut über dem Auge gebohren würden / daß alle Spartaner am Leibe das Zeichen eines Spießes hätten / und daß alle Marsen und Psyllen mit der Krafft begabt wären Gifft auszusaugen. Der Barde antwortete: dieses ist freylich was sonderliches / und dem letzten kommet bey / daß gewisse Fürsten in Gallien eben so / als wie der siebende Sohn einer keine Tochter darzwischen gebährenden Mutter kropfichte / in Britannien aussätzige / die Cheruskischen Hertzoge stammelnde / die Flamier zu Rom blinde Leute durch bloßes Anrühren sollen heilen können. Agrippine brach ein: Sie könte nichts weniger versichern: daß Agrippa mit des Augustus Ringe viel Kranckheiten vertrieben hätte. Dionysius fügte bey: daß auch Pyrrhus mit der Krafft denen Miltzbeschwerenden / durch Aufdrückung seines rechten Fusses / dessen grosse Zehe hernach weder verfaulen noch verbrennet werden können / abzuhelffen begabt / und mit denen zweyen Griechischen Worten: Löwe und König von der Natur bezeichnet gewest wäre. Jedoch wäre seinem Bedüncken nach niemand mit seinen Geburts-Zeichen denen Gothonischen Fürsten näher kommen / als des Antiochus und Leudicens Sohn Selevcus / dessen[800] Mutter träumete /sie würde vom Apollo geschwängert / und er gäbe ihr seinen Ring mit einem Ancker? Sintemal Selevcus und alle seine Nachkommen hernach im dicken Beine das Zeichen eines Anckers mit aus Mutter-Leibe gebracht hätten; denn Theseus hätte zwar auch ein Geburtsmaal gehabt / und Tiberius könte bey der Nacht / wenn er erwachte / eine Weile alles sehen; aber dieses wären keine Eigenschafften gantzer Geschlechter. Hertzog Jubil berichtete hierbey / daß in Scythien auch ein Königlich Geschlechte mit einem schwartzen Adler bezeichnet wäre. Ariovist fragte hierauf den Dionysius: woher denn diese Geburtsmaale ihren Ursprung eigentlich nehmen? dieser antwortete: der Sternseher Meinung nach mahlten die drey Irrsterne Saturn / Mars und der Mohnde / wenn sie bey der Geburt in denen himmlischen Zeichen des Wieders und der Wage zusammen kämen / die Leiber auf so seltzame Weise. Der Barde lachte hierzu / und sagte: Wie kömmt es denn / daß diese Sterne denen Gebohrnen nicht vielmehr ihre eigene / als anderer mit ihnen keine Gemeinschafft habender Dinge Aehnligkeit eindrücken? Viel glaublicher aber halte ich /daß ins gemein solches von heftiger Einbildung der empfangenden oder schwangeren Mütter herrühre. Denn die Frucht ist anfangs weicher als zerlassenes Wachs / dahero sich nicht zu verwundern / daß die Gedancken der Mutter sich durch das Röhr der Geister derselben einpregen. Welches die Geburt des verstorbenen Hertzog Gottwaldes bestätigt / dessen Mutter Hedwig sich an Mohren versehen; und ihn also schwartz gebohren hätte. Desthalben würden bey den Sarmatern und Britanniern; welche ihre nackte Leiber zu mahlen pflegten / so viel Kinder mit solchen Flecken; die Kinder der nach Kohlen lüsternen Mütter mit schwartzen Sprenckeln / nach Kirschen und Bären mit solchen Maalen gebohren. Die gantzen Geschlechter aber anklebende Maale rührten insonderheit bey derselben anderer Fortpflantzung weder von dem Gestirne / welches bey so vielen Geburten nicht einerley Stand haben könte / noch von starcker Einbildung /welche unmöglich allemal gleich einzutreffen vermag / sondern theils von einer schon dem Saamen eingepflantzten Eigenschafft / oder von einer absonderen denen gemeinen Wegen der Natur nicht stets nachgehenden Schickung Gottes her; worüber die albern Menschen sich demüthigst zu verwundern / nicht vorwitzig zu grübeln haben. Westwegen die Mutter des Selevcus Zweifelsfrey durch Vorgeben: Apollo hätte beym Beyschlaffe ihren Leib mit einem Ancker besiegelt / nur diese übernatürliche Ursache der göttlichen Versehung ausdrücken wollen.

Ehrenfried hatte seine Ohren bey dieser Erzehlung /seine Augen aber unverwendet auf den alten Barden. So bald nun dieser seine Rede geschlossen / redete er ihn an: Sage mir / Vater / wenn wir des Hertzog Gottwaldes Kinder sind / wie denn meine Schwester Zirolane eine Marsingische Fürstin / ich aber ein Schooskind des Alemannischen Hertzogs worden sey? und ob du wahrhafftig Hertzog Gottwalds Vater und unser Groß-Vater bist? der Barde antwortete: Zu dem letztern ist mein Geblüte zu wenig / aber meine Treue rechtfertiget diesen angemaaßten Titel. Denn ich bin Dehnhof / welcher der Auferziehung halber dieses leider allzu frühzeitig erblichenen Hertzogs Vater / in vielen Gefährligkeiten sein Gefärthe / in seiner gottseeligen Einsamkeit sein Diener zu seyn sich beflissen hat / und wolte GOtt! ich hätte können auch sein Vertreter im Tode werden. Ich habe mir des ersten halben zwar nicht zuzumässen / daß meine Pflegung ihn zu einem so grossen Fürsten gemacht habe. Sintemal so edle Gemüther ihre selbst eigene Meister sind / und wie die Künstler mehr aus anderern Irrthümern / als niedrige aus ihren Meisterstücken /[801] oder wie die Seefahrer aus den Stücken zerschmetterter Schiffe schädliche Klippen und eigene Vorsicht lernen. Alleine mein unabsätzlicher Gehorsam wird wenigstens ein Vorsprecher meiner Warheit / und dieses klugen Fürsten nie veränderte Gnade ein Zeugnüs meiner Treue seyn. Nachdem der Bojen König Critasir vom Könige Marbod die grosse Niederlage erlitten / und weder seine Klugheit noch Hertzog Gottwalds Tapferkeit dem Strome seines Glückes zu widerstehen Kräffte hatte / sondern die Hauptstadt Boviasmum und das gantze Reich übergieng / Critasir auch mit seinen Bojen den Marckmännern das Land räumete; war doch Hertzog Gottwald durch keine Vertröstungen Critasirs / durch keine Bitt-Thränen seiner Gemahlin /und Schwehers Mutter zu gewinnen; daß er mit denen entwaffneten Bojen sich über die Donau verfügt hätte. Denn er hielt solche Demüthigung für eine grosse Keinmuth / und sagte: das Glücke hätte zwar in der Veränderung und in der Herrschafft über den Leib so viel Gewalt als die Sternen; beyde aber über die Gemüther keine Bothmäßigkeit. Weil nun Gottwald seine Gemahlin / und ich wie die Bojen unser Gefangenschafft erlassen wurden / berieth er sich mit mir /wo wir unsere Deichsel zuwenden solten; weil nun sein Vater der Gothonen Hertzog alt war / wuste ich nichts bessers zu rathen / als in mein an der Warte unter denen Sidinen liegendes Eigenthum uns zu verfügen / umb auf den Todesfall des Arnoldes bey Zeite an der Hand zu seyn. Wir stahlen uns gleichsam den Bojen ab; verkleideten uns in Marsinger / und reiseten den Abend für der Bojen Aufbruche auf Boviasmum /ließen uns auch noch über die Elbe sätzen. Sintemal uns zwey vom Ritter Bercka mitgegebene Marckmännische Edelleute allenthalben die Pässe öffneten. Dieser Ritter hatte den Hertzog Gottwald zweymahl gefangen bekommen / aber dieses Fürsten Tugenden verwandelten seine Bestrickung in ein festes Band verträulicher Freundschafft; also daß Bercka die Sicherheit unserer Reise unsern Begleitern als ihr eigenes Heil anbefahl. Diese brachten uns in vier Tagen /weil Hertzog Gottwalds hochschwangere Gemahlin nicht stärckere Reisen vertrug / auf das Sudetische Gebürge / allwo sie zwischen denen evlf Brunnen /woraus die Elbe entspringet / und wo das Marsingische Gebürge sich anfängt / von uns Abschied nahmen / wir aber waren gezwungen bey dem einen Brunnen in des Marsingischen Fürsten Jägerhause zu übernachten / weil die hochschwangere Hertzogin Hedwig vielleicht ihres Bekümmernüsses und beschwerlichen Reise halber mit allerhand weiblichen Schwachheiten überfallen ward / und diese Fürstin Zirolane / welcher Gottwald aber damahls den Nahmen Tuiscena gab / noch selbige Nacht zur Welt gebahr. Dieser Zustand nöthigte uns mit Erlaubnüs des Jägermeisters zu entschlüssen / eine Zeitlang daselbst zu verbleiben. Den dritten Tag aber kam Bolko / der Marsinger Hertzog / mit seiner Gemahlin Mechtildis des Sarmatischen Königs Jagello Schwester / und unterschiedenen Fürsten der Marsinger und Burier dahin; zwar unter dem Scheine einer grossen Hirsch-Jagt daselbst abzuwarten / warhafftig aber die Zugänge über das Sudetische Gebürge gegen die Bojischen Gräntzen wider die Marckmänner zu bewahren. Ob nun wol dieses Jägerhauß eine allzu enge Behaltnüs des Marsingischen Hofes war / wolte doch die Hertzogin Mechtildis nicht verstatten / daß Hertzog Gottwalds Gemahlin / ungeachtet er / und ich / uns nur für Sidinische Edelleute ausgaben / das eingenommene Zimmer räumete / sondern es wurden zu Bewirthung so vieler Gäste Lauber-Hütten aufgeschlagen. Hertzog Bolcke ließ uns selbst für sich kommen / und weil wir dem Könige Critasir im Kriege gedient zu haben entdeckten; musten wir ihm alle Umbstände der[802] Schlachten und aller Zufälle erzehlen /welches Hertzog Gottwald mit einer so guten Art und mit einem so vernünfftigen Urtheil verrichtete / daß er alsbald von ihm was besonders zu halten anfieng /sonderlich da er entdeckte / wie wir für Schande gehalten hätten / mit den überwundenen Bojen über die Donau einen neuen Sitz zu suchen / und für unsere Sicherheit uns unterweges für Marsinger auszugeben /als welche mit den Marckmännern in Friede lebten. Er lobte unsere Großmüthigkeit / und gefiel ihm wol /daß wir uns als Marsinger ausgekleidet hätten; fragte auch nicht wenig von Marbods Bezeugungen gegen die überwundenen Bojen. Gottwald rühmte diesen König überaus / und sagte / daß ihm nichts als die Mässigung seiner Herrschsucht abgienge / und er wie Pisistratus und Cäsar alle Geschickligkeiten hätte /außer nicht andern Bürgern oder Fürsten gleich zu seyn. Daher er / wenn er ein Fürst wäre / wol sein Freund aber nicht sein Nachbar zu seyn wünschte. Bolcko seuffzete hierüber / und fieng an: das menschliche Hertz ist ein so klein Stücke Fleisch / daß es nicht einen Habicht sättiget / gleichwol aber ist die gantze Welt nicht groß genung seinen Begierden den Rachen zu füllen. Auf den Morgen musten wir mit auf die Jagt / in welcher Gottwald bey Fällung etlicher Hirsche seine Geschickligkeit / und bey Erlegung eines überaus grossen Bäres seinen Helden-Muth genungsam bewehrte / und darmit aller Anwesenden Gemüther bemeisterte; und zuwege brachte: daß kein Fürst nicht war / welcher nicht ihn stets umb sich zu haben verlangte. Weil auch Vorwitz die gemeinste Schwachheit des Frauen-Zimmers ist / suchten etliche edle Frauen / welche Mechtilden bedienten / Gottwaldes Gemahlin / Hedwig heim / welche umb ihren Stand zu verhölen / sich mit ihnen / als ihres gleichen / gemein machte / und sich aller Pracht enteuserte. Aber ihre Höfligkeit gewaan nicht nur ihre Gemüther / sondern ihre Gestalt bezauberte zugleich ihre Augen. Denn Unachtsamkeit des Aufputzes erhöhet die Schönheit; wie der Schmeltz das Gold. Weil diese Frauen nun von ihr nicht genung gutes zu erzehlen wusten / wolte sie Mechtildis selbst sehen. Weil Fürsten nur einander am besten kennen / fand Mechtildis an Hedwigen gantz was anders / als sie ihr eingebildet hatte. Denn ob diese zwar / welcher so wol die Beredsamkeit als Schönheit angebohren war / alle Kunststücke einer demüthigen Ehrerbietung gegen der Marsingischen Fürstin hervor suchte / und sich nicht genung beschämt zu zeigen anstellte / daß eine so grosse Fürstin durch ihre Besuchung sich so tief erniedrigte; so ließen sich doch die Merckmaale ihres hohen Standes so wenig als das Tage-Licht von schwartzen Wolcken so gar verdüstern / daß nicht ein Schimmer übrig blieben wäre. Die aus der Höhe gestürtzten Seulen / und tugendhaffte Fürsten kriegen in ihrer Erniedrigung nur mehr Ansehen / sonderlich in so scharfsichtigen Augen als Mechtildis hatte / welche ihres hohen Verstandes halber für ein Wunder ihres Geschlechtes gehalten ward. Daher das Ansehen und alle Gebehrden der Fürstin Hedwig ihr stumme Verräther abgaben / daß sie was mehr als adeliches an sich hätte. Uberdis erweckte Mechtilden nicht wenig einen Argwohn das umb sich habende kostbare Geräthe / und fürnemlich zwey grosse wie Zwiebeln gebildete Perlen / welche in einem Flusse des Bojischen Gebietes / aber sehr selten gefunden / und bey Le bens-Straffe alleine dem Könige geliefert werden müssen. Nichts desto weniger verbarg Mechtildis ihre Muthmaßung oder vielmehr ihr Urthel / gleichwol aber brauchte sie sich gegen Hedwigen einer grösseren Höfligkeit / als sonst ihr Stand gegen Leute von ihrer Beschaffenheit / worfür sie sich ausgab / erforderte.[803] Hedwig suchte solche Ubermaaße aufs möglichste abzulehnen / umb sich desto weniger zu verrathen. Denn sie war ebenfals so unachtsam nicht /daß ihr nicht Mechtildens Bezeugung einiges Nachdencken machte / wiewol ihre selbst eigene Leutseeligkeit solches einer angebohrnen Güte Mechtildens zuschrieb / welche zu ihrer steten Richtschnur die Sternen hatte; unter denen die höchsten und grösten unvergleichlich kleiner als der kleineste Mohnde zu seyn schienen. Nach derer Beyspiele sie denn selbst für die ansehnlichste Tugenden fürnehmster Leute hielt / wenn sie sich am kleinesten machten. Mechtildis unterließ auch ihrem Gemahl ihre Gedancken von Hedwigen zu entdecken; welcher gleicher Gestalt wahrgeno en hatte; daß der ältere Ritter dem jüngern mehr Ehrerbietigkeit bezeugte als einem Vater / worfür er sich ausgab / anstünde. Daher beyde so viel begieriger waren sie zu erkennen / und destwegen ihnen so viel mehr gutes zu thun. Folgenden Tag kam zum Hertzoge der Burier ein von dem in seinem Schutz lebenden Fürsten der zwischen der Warte und Netze wohnenden Burgundier geschickter Edelmann / mit der Nachricht; daß der Gothonen Hertzog Arnold gestorben wäre. Ich ward durch diese unvermuthete Zeitung so sehr verstellt; daß mir jedermann / fürnemlich aber Hertzog Bolcko / welcher auf mich und Gottwalden ein genaues Auge hatte / meine Gemüths-Aenderung allzu sehr wahrnam. Hertzog Bolcko ward hierdurch so vielmehr lüstern / untere Geheimnüsse zu wissen; Zumal er und Mechtildis schon halb beredet waren; daß Gottwald dem Königlichen Bojischen Hause nahe verwand seyn müsten. Er ließ mich hierauf erfordern / führte mich an einer auf selbigem Gebürge entspringenden und hernach über hohe Felsen abstürtzenden Bach gantz alleine mit sich / und sagte mir: Ich möchte ihm aufrichtig die Ursache meiner über Hertzog Arnoldes verno enen Tode empfundenen Bestürtzung / und weil er uns für was grösseres /als wir fürgaben / hielte; wer Gottwald und seine Frau eigentlich wären / entdecken. Er versicherte mich bey seinem Fürstlichem Worte / daß / wenn wir auch seinen Feinden zugethan wären / uns kein Haar gekrümmet werden solte. Ich ward über dieser unvermutheten Anfertigung noch mehr verändert; und weil Bolcko dem Hertzoge der Burier wider die Gothonen mehrmahls Hülffe geleistet / auch durch seine Waffen die Burgundier aus dem Schirmrechte der Gothonen gerissen hatte / nicht wenig zweifelhafft / ob ich diesem Fürsten / ungeachtet er so viel Redligkeit als Leitseeligkeit von sich spüren ließ / das Geheimnüß vom Hetzoge Gottwald entdecken solte. Die bisherigen Zwistigkeiten widerriethen es mir auf bloße Worte zu trauen / welche meisten theils Blätter und zwar unnützer als dürre wären. Zumal da in Deutschland sich nunmehr auch die Sitten mercklich zu verändern anfiengen / und man nicht mehr den / welcher ein anders redete / ein anders im Schilde führete / für einen Betrüger / sondern / welcher dis nicht könte / für einen Narren hielte. Ich wuste daher nichts zu antworten /und muste eine ziemliche Weile schweigen; also daß mich auch Bolko fragte: Warumb ich ihme nicht antwortete? Ich versätzte: Seine ungemeine Gnade befähle mir / meine Antwort vorher zu überlegen / seine Hoheit aber gar zu schweigen. Denn aus Ehrerbietigkeit zu schweigen wäre eine tiefere Verehrung / hätte auch mehr Verdienst als Beredsamkeit. Ich dachte der Sachen inzwischẽ weiter nach / weil mir nun des Hertzog Bolko Stirne viel zu ehrlich / sein Hertze viel zu großmüthig fürkam / die Marsinger auch unter allen Deutschen für die offenhertzigsten gehalten werden / und meinem Bedüncken nach Hertzog Gottwald bey dem Falle seines Vaters wol seiner benachbarten Fürsten Freundschafft von nöthen haben würde /[804] beredete mich mein Vertrauen durch eine großmüthige Offenhertzigkeit / welche wohl ehe Tod-Feinde besänftiget / sein Gemüthe zu gewinnen. Diesemnach antwortete ich ihm nach einem kurtzen Nachdencken freymüthig: Wie sich ehrliche Leute niemals eines vortheilhaften und verbothenen Gewehres gebrauchten; also die Unschuld und Redligkeit keines Pantzers und keiner Larve. Daher würde er entweder durch Mißtrauen eines so tapferen Fürsten Ruhme Abbruch thun / oder sie sich selbst ohne Ursache verdächtig machen; wenn er von ihrem Zustande das wenigste verhölete. Sein Gefärthe wäre der berühmte Gottwald / der durch seine Helden Thaten ein Hector der Bojen genennet /und mit König Critasirs Tochter vermählt zu werden verdient hätte. Sie wäre eben die Fürstin Hedwig Gottwalds Gemahlin / welche in dem Gebiete des Marsingischen Hertzogs / welcher als ein Beschirmer der Nothleidenden Unschuld berühmt wäre / ihr erstes Kind zu gebähren das Glück gehabt hätte / umb unter seinen Schutz-Flügeln solches für den Klauen des räuberischen Marbods mit sich zu verwahren. Wie Gottwald sich nicht hätte überwinden können / denen Gesätzen / welche Marbod denen auswandernden Bojen fürgeschrieben / zu unterwerffen / also hätte diese Fürstin sich aller Wehmuth über Entfernung ihrer Eltern entäusert / umb so viel mehr ihre Treue gegen ihrem unglückseligen und doch unverzagten Gemahl zu erhärten; welcher doch / nach Einbüssung dessen / was ihm die Tugend und der Degen zugeworffen hätte / in ihren Augen der ärmste Edelmann hätte scheinen können / weil er selbst nicht wüste /wer er wäre. Wormit aber Hertzog Bolko die Grösse meines zu ihm habenden Vertrauens ermässen könte; wolte ich ihm ein Geheimnüß entdecken / welches in und mit meinem Hertzen verfaulen würde / wenn nicht Gottwalds Wohlstand solches einem so großmüthigen Fürsten zu entdecken riethen / denn dieser Gottwald wäre Hertzog Arnolds wahrhafter Sohn /dessen Tod er für weniger Zeit nicht ohne heftige Gemüths- Verwirrung vernommen hätte. Ich erzehlte hierauf umbständlich / was seine Mutter genöthigt hätte seine Geburt zu verschweigen / und ihn durch mich auferziehen zu lassen. Nicht nur seine bey den Bojen bewehrte Tapferkeit / sondern ein unfehlbares Geburts-Maal der Gothonischen Fürsten wäre ein unwiderleglicher Beweiß seiner hohen Ankunfft; weil aber dieses denen Gothonen frembde Zeitungen seyn würden / und ihm die gefährlichen Absehen etlicher Grossen im Lande bekant wären / besorgte ich für diesen rechtmässigen Reichs-Erben keine schlechte Steine des Anstossens; welche ihm niemand besser /als der großmüthige Hertzog Gottwald aus dem Wege räumen helffen könte. Das zwar in der Mitte der Brust liegende Hertze fühlte man doch auf der lincken Seiten am stärcksten schlagen; und die Kräfften der Freundschafft und Tapferkeit würden in Noth und Unglücke am besten geprüfet. Hertzog Bolko hörte mir mit einem verwundernden Stillschweigen zu / bey meinem Schlusse aber fragte er mich: Ob er auf diesen seltzamen Bericht als auf eine unverfälschte Wahrheit trauen dörffte? Ich versetzte ihme; daß Lügen bey den Sidinern ein Laster der Sclaven wäre /und der nicht ein Edelmann zu seyn verdiente / wer sich damit besudelte. Zudem hätte ich keinen gemeinen Mann aus dem Pöfel / welchem die Unwahrheit wie die Finsternüß blöden Augen am annehmlichsten wäre / sondern einen grossen Fürsten für mir / welcher sich so wenig betrügen / als die Sonne verhüllen liesse. Daß Gottwald der berühmte Bojische Feldhauptmann / Hedwig König Critasirs Tochter wäre /würden Zweifels-frey einige Marsinger zeugen können / welche iemals am Bojischen Hofe sich aufgehalten hätten. Daß Gottwald aber Hertzog Arnolds Sohn wäre / bescheinigte ich ihm alsobald durch unterschiedene[805] Schreiben der Gothonischen Hertzogin / und beziehe mich auf sein allen Gothonischen Fürsten von der Natur eingepregtes Merckmal der Bären-Tatze. Meine Liebe zum Gottwald drückte diß mit einem solchen Nachdrucke aus / daß niemand leichte solches für was ertichtetes hätte annehmen können. Uber diß begrieff Hertzog Bolcko alles was ihm vorkam / und keine Schwerigkeit hatte solche Tieffen / dariñen sein Urtheil nicht den rechtẽ Grund fand. Er wuste alle Verwickelungen zu zerlegen / alle Leute auszunehmẽ / und iede Geheimnüsse zu entzieffern / daher er auch mit sich selbst nicht lange zu berathen hatte; ob er meiner Erzehlung Glauben beymässen solte. Er drückte mich hierauf bey der Hand / und sagte: Er schätzte es ihm für ein grosses Glücke / daß er den weltberühmten Helden Gottwald zu bewirthen die Ehre hätte; denn wenn dieser auch sein Feind wäre /würde er ihn hoch schätzen. Sintemal es solcher Helden fast so wenig in der Welt / als Fenixe gäbe / und alle fünf hundert Jahr würde kaum ein Alexander oder Cäsar gebohren. Uber seines Nachbars des Königs Critasirs und seiner Tochter Unfalle hätte er seiner Pflicht nach nicht geringe Bekümmernüß / denn die Sorge eines Fürsten umb der Nachbaren Zustand dienete zur gemeinen Wohlfart / wie die uns umbgebende gute Lufft zur Gesundheit des Leibes. Solche Bekümmernüß aber verstünde schon / daß der Wind keinen grossen Baum umbwürffe / welcher nicht die Benachbarten entweder mit zerschmetterte oder ihre Wurtzeln beschädigte. Zumal es schiene; daß wie aller herrschsüchtigen Fürsten / also auch Marbods Handwerck in Raubung frembder Länder / als einer nur edlen Gemüthern anstehenden Kunst bestünden; und bey grossem Glücke Gewalt das beste Recht / mit dem seinen sich vergnügen gemeiner Leute / umb frembdes Gut kämpfen der Könige Ruhm wäre. Gottwald und seine Gemahlin verdiente diesemnach nicht nur hertzliches Mitleiden / sondern weil sie auch unter der Presse so vielen Unglücks nichts verkleinerliches entschlüssen wolten / aller tapferen Leute Beystand. Wie schmertzlich nun zwar dem Fürsten Gottwald und seiner Gemahlin der Verlust so vieler Sieges-Kräntze und der Bojischen Herrschafft fallen müste; so hielte er doch den Gewinn / daß Fürst Gottwald des Gothonischen Hertzogs Arnold Sohn würde / für viel grösser. Denn ob die Tugend zwar an sich selbst der Ursprung und das wahre Wesen des Adels wäre; so gäbe doch eine hohe Ankunft selbter etwas mehr /als was ein zierlicher Fuß einem schönen Bilde und eine geschickte Folge einem Edelgesteine / ab. Nichts desto weniger würden ihre grosse Besitzer gegen niedrigen geschätzet / wie grosse Diamante gegen kleine: denn ob sie beyde gleich einer Güte wären /hätten sie doch ein gantz ungleiches Gewichte. Ja die Fürsten-Würde und die Herrschafft wären ihrer Beschwerligkeit ungeachtet ein unschätzbares Gut in der Welt. Sintemal die Göttliche Versehung doch über sie so viel mehr Gutes ausschüttete / als die Natur über Ausarbeitung der Augen / als anderer Glieder / und die Sonne über Auskochung des Weines als der Schleen mehr beschäfftiget; ja Fürsten denen Ringen /welche der Magnet unmittelbar bestriechen / ihnen also einen kräfftigen Zug / als welche allererst wieder von ihnen bestriechen würden / zugeeignet hätte / zu vergleichen wären. Uberdiß wäre ihm und gantz Deutschlande daran daß die Gothonen nicht unter einer ohnmächtigen Weibes-Herrschafft verfielen /sondern der streitbare Arnold einen hertzhaften Nachfolger am Gottwald bekäme / mehr gelegen / als es vielleicht übersichtigen zu seyn schiene / oder die Staats-Klugheit sonst urtheilte / welche aus ungeschickter Fürstẽ Nachbarschafft nicht weniger Vortheil als Handelsleute aus einfältiger Kinder Kauffmannschafft Nutzen zu ziehen wußte. Daher gäbe er mir sein Fürstliches Wort / daß[806] er in seinen Ländern Gottwalds und seiner Gemahlin Beschirmer / und in Betretung seiner väterlichen Herrschafft sein treuer Gehülffe seyn wolte. Ich möchte ihm aber doch die Ehre und Ergetzligkeit gönnen / daß er Gottwalden seinen Stand eröffnen dürffte. Ich konte nichts weniger thun / als dem Hertzoge für solche Gnade gegen mich / und für ein so großmüthiges Fürhaben demüthigsten Danck zu erstatten / welche wir alle so viel höher zu schätzen hätten / ie weniger ich mich erinnern konte: daß das Marsingische Haus dem Gothonischen oder Bojischen zu einer so grossen Freundschafft verbunden wäre. Hertzog Bolcko antwortete lächelnde: Wer nach Verbindligkeit einem dienete /der thäte selbtem nichts gutes / sondern er zahlete nur seine Schuld. Wer aber mit seiner Wohlthat andern zuvor käme / dringte sich edlen Gemüthern durch einen unvermerckten Grieff zum Gläubiger auf. Zu dem hätten alle Fürsten meistentheils eine allgemeine Verwandschafft mit einander. Verknüpfte selbte gleich nicht das Geblüte / wie doch zwischen den Gothonen und Marsingern dieses Band nicht ermangelte; so machte sie doch ihre Hoheit und Würde zu Brüdern / und die Staats-Klugheit erforderte; daß man kein hohes Haus solte lassen zu Grunde gehen. Hertzog Bolcko suchte noch selbigen Abend Gelegenheit dem Fürsten Gottwald in einem Gepüsche zu begegnen / und redete ihn daselbst an: Was er in einer beschwerlichen Einsamkeit für Vergnügung suchte? Gottwald antwortete ihm: Die Einsamkeit hätte zwar so wenig Ansehen / als geschrumpene Weinbeeren /nichts desto weniger hätten beyde die meiste Süssigkeit. In Gemeinschafft müste man sich bemühen andere / in Einsamkeit sich selbst zu vergnügen / und hielte er es für eine Eigenschafft der Weisen mit sich selbst zu reden wissen. Denn mit andern könte ieder aus dem Pöfel sich besprechen. Hertzog Bolcko versetzte: Niedergeschlagene Gemüther könten sich zwar an Traurigkeit laben / wie die Wachteln an Nieselwurtze / die Staare am Zieger-Kraute mästen. Alleine grosse Gemüther müsten keine Zufälle ihnen die Freudigkeit ihres Geistes noch angenehme Gemeinschafft versaltzen lassen. Gottwald begegnete ihm: Kein Unglücke würde iemals mächtig seyn die Ruhe seines Gemüthes zu verstören / weder ihn in eine verdrüßliche Einsamkeit einzusperren. Dieses thäten nur die /welche ihren Feind zwischen ihren eigenen Rippen beherbergten; und nicht wüßten; daß das Glücke nach Eigenschafft geiler Weiber den Wechsel liebte / ihm aber würde keine traurige Begäbnüß viel graue Haare machen. Denn wie kein Meer so bitter oder gesaltzen wäre / darinnen man nicht süsse Adern und Quelle findete / also wäre ihm noch kein Ubel zugestossen /das nicht einige Ergetzligkeit ihm geschafft hätte. Es stünde in eines ieden Gewalt sich glück- oder unglücklich zu machen. Denn wie in der Welt daraus keine Verwirrung erwüchse / es sey gleich / daß die Sonne umb die ruhende Erd-Kugel / oder diese in sich selbst gegen der in der Mitten stillstehenden Sonne sich herumb weltzte; also wäre es einerley Wohlstand: Ob dem Menschen alles begegnete / was er wünschte; oder ob er sein Verlangen nach dem Maasse dessen /was er haben könte / einschrenckte. Diesemnach wären alle Vernünftige / weil sie nichts unmöglich wünschten / glück-alle unersättlichen aber unglücklich. Hertzog Bolcko fiel ein: Es wäre nicht ohne daß ein gesetztes Gemüthe sich nicht leicht einen Anstoß aus dem Angeln heben liesse; aber auch die weisesten wären Menschen / und die unempfindlichsten hätten ihre Fühle. Keine Bekümmernüß liesse sich ohne Schmertz im Gemüthe / wie kein Eisen ohne Drücken im Magen verdäuen; hingegen wäre keine heilsamere Erleichterung des Kummers / als wenn man selbten in eine andere Schoß ausschüttete. Dieses würde er auch empfinden / wenn er dem / welchem[807] er sich und seine Gemahlin kein Bedencken zu vertrauen gehabt hätte /auch daß / welchem er nicht hold seyn könte / nemlich sein Unglück vertrauete. Es wäre ein Wahrzeichen aufrichtiger Freundschafft einem andern sein Anliegen ansehen; und ein halber Nothzwang / daß ein ander uns helffen müste / welchen man zu seinem Schirm erwehlete? Gottwald konte den Zweck dieser Ansprache nicht wohl ergründen; warff also ein: Er wüßte wohl von keinem sonderbaren Anliegen / indem zwar die Bojen / welchen er als ein Kriegs-Mann gedienet /vom Glücke mit den Füssen wären getreten worden; er aber dabey weder Ehre noch sonst viel verlohren hätte. Denn dem Verhängnüsse widerstehen / wäre etwas übermenschliches. Denn hätte das Glücke gleich den Bojẽ; so hätte er doch niemals dem Feinde den Rückẽ gekehrt. Sonst aber wäre seine Niedrigkeit keines hohẽ Falls fähig gewest; ausser daß seine Hoffnung in etwas Schiffbruch gelitten / welcher Verlust der gemeinste und daher auch der unempfindlichste wäre. Aber ausser dem schätzte er es für eine reichliche Ausgleichung des Glückes / daß ein so grosser Fürst ihm nicht nur den Schatten seiner Beschirmung verstattete / sondern auch die Aeste seiner Hülffe auszubieten die Gnade anthäte; welche er ihm auf allen Nothfall feyerlich vorbehalten haben wolte. Hertzog Bolcko brach ein: Er wüste wohl / daß nur niedrige Gemüther nach Art der Blase-Bälge / vom Winde des Glückes sich aufbliessen / und wieder nieder; grosse aber wie die obersten Sternẽ an sich selbst fühltẽ keine Verminderung; und daß derselbten Reichthum keinẽ Schiffbruche unterworffen wäre; es müste aber ihnen doch schmertzhaft fallen / wenn sie eben so wohl als die Sonne in anderer Augen Verfinsterung lidten. Was könte aber den tapferen Gottwald für eine grössere Finsternüß befallen; als daß er seinem Schwäher die erbliche Krone der Bojen aus den Händen gewunden / seine Helden-Thaten aber so fruchtloß angewehret sehen muste. Er solte sich aber trösten / daß wie seine Tugend kein Beyspiel unter den Bojen zur Nachfolge hinter sich gehabt / er doch auch seinen Feinden ein Vorbild der Tapferkeit zu werden verdienet hätte. Gottwald ward nicht wenig verstellet / als er sich mit seinem Nahmen / und noch mehr / als er sich König Critasirs Eydam nennen hörte. Er erholete sich aber bald / und weil er die entdeckte Wahrheit zu umbstehen so wohl für vergebens / als ihm für unanständig / gegen diesen Fürsten aber ein Mißtrauen blicken zu lassen für seine selbsteigene Verdächtigung hielt / fieng an: Er könte nicht leugnen / daß er Gottwald / und seine Gemahlin des unglücklichen Critasirs Tochter wäre. Ein so kluger Fürst aber würde ihm nicht übel auslegen / daß er bey einer so grossen Verstellung sich nicht hätte zu erkennen gegeben. Verhüllete doch die Sonne bey ihrem Niedergang mit Gewölcke ihr Antlitz / das veralternde Frauenzimmer zerbräche seine eigene Spiegel / weil es seine eigene Heßligkeit zu sehen Abscheu trüge / und unglücklicher Fürsten Gegenwart wäre andern / wo nicht gefährlich / doch eine Uberlast. Hertzog Bolcko umbarmte Gottwalden / nennte ihn seinen Bruder und angenehmsten Gast; mit Bitte: Er möchte ihm die Kleinmüthigkeit nicht zutrauen / daß er nach dem ärgerlichen Beyspiele eines benachbarten Fürsten nicht aus Furcht / sondern aus Absehen eines Vortheils einem grausamen Wütteriche durch ein Bündnüß angelobt hätte: Seine nechsten von jenem verjagte Bluts-Freunde aus seinem Reiche zu verbannen. Marbods Macht / welchen vielleicht nach Eigenschafft der Schwantz-Sterne seine eigene Flamme bald einäschern würde / wäre ihm so wenig schrecklich / als er Recht hätte für eine Verletzung des Friedens und der Nachbarschafft anzuziehen / wenn er einen vertriebenen Fürsten aufnähme / da er ja selbst das gantze Volck der Bojen ihr Vaterland mit dem Rücken[808] anzusehen gezwungen hätte. Sintemal das Völcker-Recht / welches doch einem Theile des Volckes Hauffenweise auszuwandern verwehrte / einzele Bürger /über welche alle Bothmässigkeit mit ihrer Abgliederung von einem Reiche ausleschte; vielmehr also niemanden unterwürffige Fürsten aufzunehmen iedermann Recht und Gewalt enträumte. Der Marsingischen Fürsten Hof wäre iederzeit eine Zuflucht bedrängter Leute gewest; und dieses Recht würde er / so lange er lebte / mit seinem Degen verfechten. Diesenmach möchte Fürst Gottwald nur alles Mißtrauen und allen Kummer auf die Seite setzen / und gläuben / daß er in den Armen eines Feindes wäre / welcher mit dem Glücke nicht die Farbe zu verändern pflegte. Wormit ihm auch Hertzog Bolcko seine Wohlthat nicht eintröpfelte / sondern ihn mit derselbten vollem Strome überschwemmete / fuhr er fort: Er möchte sich keinen Verlust bey den Bojen allzu tieff zu Hertzen gehen lassen / sondern für ein Zeichen künftigen guten Vernehmens mit den Marsingern aufnehmen / daß er bey ihm einen überaus grossen Schatz / nemlich die Wissenschafft seiner Ankunfft zu finden hätte. Er solte sich nicht gereuen lassen / daß er nicht mehr ein angenommener Fürst unter den Bojen wäre / nachdem er ein gebohrner Hertzog der Gothonen / und des verstorbenen Arnolds Erbe worden wäre. Bolcko umbhalsete ihn aufs neue vertraulich / wünschte nicht nur zu seiner Herrschafft ihm tausendfaches Glücke / sondern erboth sich auch zu derselben Behauptung kräfftig ihm an der Hand zu stehen. Hertzog Gottwald ließ hierüber und hernach das geringste Merckmal eines verwirrten oder freudigen Gemüthes blicken; weniger war in seinem Antlitze was hochmüthiges / noch in seinen Geberden was neues. Gleich als wenn er nichts mehrers hätte werden können / denn er vorhin gewest / und der nur zum Herrschen würdig wäre / der die Herrschafft verschmähen könte / oder ob er leichter herrschen könte / als er es verlangte. Gleichwohl aber gab er seiner Geberdung und Antwort eine solche Anmuth / daß er gegen den Hertzog Bolcko seine Verbindligkeit nicht verdrückte / oder er solche Würde für verächtlich zu halten / oder auch daran zu zweifeln schiene. Diesemnach Hertzog Bolcko geglaubet haben würde; daß Gottwalden sein Ursprung nicht unbekant gewesen wäre / wenn er nicht nach einer höflichen Dancksagung gefragt hätte: Aus was vor Grunde sein Gothonisches Erb-Recht zu behaupten wäre? Hertzog Bolcko legte Gottwalden die vom Dehnhof empfangene Uhrkunden seiner Mutter für /und sagte ihm: Er trüge den Beweiß dieser seiner hohen Geburt / nemlich eine Bären-Klau auf seiner Brust. Gottwald antwortete: Er könte diesen angebohrnen Fleck nicht leugnen / wie befrembdet ihm vorkäme / woher Hertzog Bolcko so wohl von seines Leibes / als des Gothonischen Fürsten-Hauses Geheimnüsse Wissenschafft habe. Nachdem aber Fürsten / wie Bolcko / in der Welt Götter wären / also auch Wahrsagungen redeten / müste er solchem Berichte Glauben beymässen. Bolcko versetzte: Der Himmel hätte ihm zur Vergnügung und dem Fürsten Gottwald zum besten solches eröffnet. Hiermit gab er dem hinter einem Hügel sich verbergenden Dehnhof einen Winck; welcher sich gleichsam ungefehr ihnen näherte; für Gottwalden auff das eine Knie niederfiel /ihn für seinen und der Gothonen Fürsten verehrte /und zu seinem durch Hertzog Arnolds Tod erledigten Erbe Glück wünschte. Denn er zwar zeither durch sein eigen Beyspiel bewehrt hätte / daß das Gemüthe /nicht das Reich einen Fürsten machte / so[809] hätten doch auch die kräfftigsten Sterne einen geraumen Kreiß zu Einflüssung ihrer Würckungen von nöthen / und Alexander würde bey ermangelnder Herrschafft nicht den Nahmen des grossen erworben haben. Zu dem wäre in der Welt zu Abwischung des im Kriege und andern Beschwerligkeiten durch Sorgen und Müh verursachten Schweisses kein weicheres Tuch zu finden / als der Königliche Purpur. Nach unterschiedenen Freundschaffts-Versicherungen nahm Bolcko von ihnen Abschied / mit allgemeinem Belieben: daß dieses Geheimnüß noch zwischen ihnẽ verschwiegen bleibẽ solte. Ich aber erzehlte Gottwalden umbständlich /wie es mit seiner Geburt und Erziehung hergegangen wäre; und entschuldigte; daß ich für Hertzog Arnolds Tode Bedencken gehabt hätte / diese Heimligkeit zu entdecken. Denn umb sicher zu leben und Unheil abzuwenden müste man zuweilen stu und taub seyn. Hertzog Bolcko befahl noch selbigen Abend zum Aufbruche vom Gebürge Anstalt zu machen / weil er nach zweyen Tagen von dem Hertzoge der Gothonen heimgesucht werden würde. Alle anwesende Fürsten wußten nicht / was sie hiervon urtheilen solten / weil alle glaubten: daß Hertzog Arnold nur eine Tochter verlassen / und der Gothonische Sta mehr keinen männlichen Erben hätte. Auf den Morgen geschahe gleichwohl der Auffbruch nach einem am Queisse gelegenen Schlosse; darinnen die fürnehmsten Zimmer für die neuen Gäste bereitet / und sonst allerhand Anstalten zu ihrer herrlichen Bewillkommung gemacht wurden. Ihnen ward auch unter dem Ritter Warnsdorff und Zettritz eine ziemliche Anzahl des Marsingischen Adels entgegen geschickt; bey derer Ankunfft denn alle gewahr wurden / daß solche der auf dem Gebürge verlassene Ritter und seine Gemahlin war. Weil aber Hertzog Bolko entdeckte: Es wäre der berühmte Gottwald Hertzog Arnolds Sohn / sie König Critasirs Tochter / wurden sie von allen Fürsten ehrerbietig empfangen / und vom Adel aufs beste bedienet. Ihre höfliche Bezeugungen verwandelten sich nach kurtzer Zeit in grosse Verträuligkeit; und insonderheit lebten Hedwig und Mechtildis nicht anders als zwey Schwestern / Bolcko und Gottwald als zwey Brüder zusammen. Als nun Bolcko nach andern Ergetzungen seinen Gästen durch eine Forellen-Fischerey eine Lust machte; wurden von den Fischern viel Muscheln mit heraus gezogen. Wie nun derer eine Hedwig aus blossem Vorwitze öffnete / fand sie darinnen eine Perle einer ziemlichen Bohne gleich. Worüber sie sich als was seltzames verwunderte; und sagte: Sie hätte gemeynt /daß allein die Iser in Deutschland die Ehre hätte Perlen zu zeugen; so aber schiene es der Queiß ihr zuvor zu thun. Mechtildis aber berichtete sie nicht allein: daß sie in grosser Menge daselbst gefangen würden /sondern versicherte sie auch / daß die drey Schnuren umb ihren Hals / welche iedermann für Morgenländische angesehen hätte / kein ander Vaterland als den Queiß zu nennen wüßten. Hedwig und Gottwald wurden hierüber so begierig / daß sie selbst am Ufer / wie Scipio und Lälius / Muscheln zusammen lasen / und in den meisten Perlen fanden. Bey dieser Beschäfftigung fand Mechtildis einen Agat-Stein / auf welchem in einem richtigen Stande die Sterne des grossen Beeres gebildet waren. Niemand war / der nicht diese Aehnligkeit mit grosser Verwunderung erkennte / und Henrich der Burier Hertzog berichtete / daß bey den Lygiern / wo die in die Weichsel laufende Bach Brendnitz entstünde / kleine mit Sternẽ bezeichnete Steinlein in grosser Menge gefunden würden; aber diß wäre etwas gar sonderlich / und wenn der[810] auf der Brust eben so bezeichnete Käyser August diesẽ Stein besäße / würde er ihn nicht mit dẽ des Pyrrhus vertauschen / darauf Apollo mit den neun Musen gebildet war. Hertzog Bolko fiel ein; dieser Stein solte der Fürstin Hedwig / welchen der Himmel ihr ohne dis nicht aus einem blinden Zufalle in die Hand gespielet hätte / viel lieber als dem August seyn; weil ihr Gemahl auf seiner Brust das Zeichen des irrdischen wie dieser Stein des himmlischen Bäres führte. Es ist wahr / sagte Gottwald / und weil alle hi lische Geschöpffe einen Zug zu seines gleichen auf die Erde haben / saget mir dieser gefundene Stein wahr; daß Hedwigens zu mir getragene Liebe aus einer Würckung des Gestirnes hergerührt habe. Mechtildis fragte: Was deñ Hertzog Gottwald für ein Zeichen des Bäres auf der Brust führte? Gottwald entblöste an statt der Antwort selbte / da denn alle Anwesende sich nicht genung über die so eigentlich gebildete Beerenklau als ein künstliches Mahlwerck der Natur / welcher die Weisen ihrer verborgenen Würckungen halber nicht unbillich den Zunahmen Elevsis geben /nicht sattsam verwundern / Mechtildis aber sich nicht enthalten selbte zu betasten / ja sich darein zu beißen kaum enteusern konte. Sie unterredeten sich hierauf von vielen andern wie Schnecken und Schlangen-Zungen gebildeten Steinen / welche nicht nur auf dem Eylande Melita / sondern auch bey denen Marsingern und Hermunduren gefunden würden. Hertzog Bloko saan hierauf alle Tage einen neuen Zeit-Vertreib aus /welche Lust aber dem Fürsten Gottwald durch eine dem Burier Hertzoge zukommende Zeitung / daß seine Schwester Marmeline zur einigen Erbin und Hertzogin der Gothonen von den Ständen erklärt wäre / etwas versaltzen ward. Daher er denn von Stund an alles zu seiner Reise fertig machte; und ob wol der Marsinger und Burier Hertzog Hülffe zu Behauptung seines Erbes anbothen / hielt ich doch für rathsamer unbekandter Weise nach Godonium zu ziehen / und mit seiner noch lebenden ihn auch hertzlich liebenden Mutter einen Weg auszusinnen / wie er ohne Waffen seine Herrschafft überkommen könte. Ich wil mit Erzehlung der Welt-bekandten Geschichte / wie Gottwald durch kluge Anstalt seiner Frau Mutter / der herrschsüchtigen Marmeline / das Hefft aus den Händen gewunden und ihm zugeschantzt / der Marmelinen heyrathende Marbod aber die Gothoner / Sidiner und andere benachbarte Völcker überwältiget haben /nicht beschwerlich seyn; sondern es dienet hieher nur: daß die Hertzogin Mechtildis dem Fürsten Gottwald beweglich anlag seine Gemahlin Hedwig so lange am Marsingischen Hofe / und zu ihrer Gefärthin zu lassen / bis er bey den Gothonen seine Herrschafft zu Stande gebracht hätte / und sie also ihrer Hoheit gemäß und ohne Gefahr zu Godonium einziehen könte. Gottwald willigte in diese Bitte so viel leichter / weil er ohne dis Vorhabens war sie im Sidinischen Gebiete zurücke zu lassen. Die Verwirrung am Gothonischen Hofe währete so lange / daß die Fürsten Hedwig zu Brigitz einer an der Oder gelegenen lustigen Stadt der Marsingen darnieder kam / und eine Tochter gebahr / welcher sie den Nahmen Klotildis zueignete. Hertzog Bolko und seine Gemahlin wurden über so glücklicher Genesung dieser holdseeligen Fürstin so sehr /als wenn solche ihnen selbst gebohren wäre / erfreuet. Sie beschenckten dis Kind und die Kindbetterin auch Fürstlich / sonderlich mit dem Reichthume ihres Landes / nemlich auserlesenen Queis-Perlen und Geschmeide von Golde / welches aus dem Sande des Bobers und der Katzbach gewaschen wird. Sie ließen allenthalben über dieser Geburt Freuden-Feuer anzünden; hielten destwegen ein kostbares Gastmahl und Freuden-Täntze. Des Fürstlichen Schlosses Pforten wurden mit Laubwerck bekräntzt / die Bödeme mit Blumen bestreuet / die Zimmer mit[811] Leichtern behangen / welche mehr als ihre brennende Lichter Glantz von sich gaben; sintemal alle über und über mit Diamanten besetzt waren / welche drey Meilweges von Brigitz in grosser Menge und Grösse aus der Erde gegraben werden. Zwey Tage darnach brachte die Hertzogin Mechtildis auch eine junge Tochter zur Welt; welche Bolko Zirolane hieß. Zu aller Verwunderung und Mechtildens nicht weniger Verwirrung hatte diese auf der Brust eine so vollkommene Bärenklau als Gottwalds Kind. Sintemahl ihr die vom Hertzoge Arnold erzehlte Eyversucht / und das dem jungen Fürsten Gottwald zugewachsene Ungemach ins Gedächtnüs fiel. Als Hertzog Bolcko von dieser Bekümmernüs Nachricht erhielt / kam er den siebenden Tag / denn für so viel Tagen dorfften die Deutschen wie die Römer nicht der Kindbetterinnen Zi er beschreiten / wo sie nicht für unrein gehalten werden wolten / zu seiner Gemahlin / ließ seine nackte Tochter neben Hertzog Gottwalds legen / und nach dem beyde gantz gleiche gezeichnet befunden wurden /sagte er zu ihr lachende: Sie solte sich / wenn sie am Kreisse mehr Perlen und Steine lesen würde / über Betrachtung der Bildungen so sehr nicht vertieffen /sonst würden unvernünfftige Leute von ihr urtheilen /daß sie ihren Gemahl aus dem Zeichen der Zwillinge in Steinbock versätzte. Mechtildis röthete sich hierüber / er aber küssete sie / und sagte: Es hätte die Natur diese zwey Kinder durch eine besondere Aehnligkeit für Geschwister erkläret / also wären sie verbunden nicht nur eines sondern beyde als die ihrigen zu lieben. Ich würde auch ein absonderes Beyspiel ungemeiner Kinder-Liebe an diesen Fürsten fürzustellẽ haben / weñ ich nicht nur die Hauptstücke meiner habenden Erzehlung oben hin berühren müste. Alleine wie das göttliche Geschencke dieser beyden Kinder das Maas aller Freuden überstieg / und die Sorgfalt künfftiger Erziehung erleichterte; also ward durch einen Unglücks-Fall auch ihre Freude so viel mehr verbittert. Denn wie die Spartaner ihre neugebohrne Kinder mit Weine / die Griechen mit Thaue / die Cimbern mit Schnee abwaschen / also war es bey den Marsingen eben so wol als bey denen am Rhein wohnenden Deutschen bräuchlich / die neugebohrnen Söhne den achten / die Töchter den zehnden Tag in der Oder zu baden / und ihrer ehrlichen Ankunfft halber durchs Schwien / wie die Psyllen ihre unter den Schlangen / die Mohren unter den Vögeln zu prüfen /und demnach wurdẽ auch diese zwey in so viel stählernen Schilden an den hierzu bestimmten heiligen Ort gebracht. Hertzog Bolko und die Fürnehmsten des Hofes verfügten sich auch zu dieser Prüf- und Einweihung. Es war alles glücklich vollbracht / beyde Kinder auch schon mit Oele eingesalbt / mit Saltze besprengt / und der oberste Priester legte sie in die von einem andern gehaltene zwey Schilde. Wie dieser nun beyde ans Ufer tragen wolte / daß sie daselbst durch Steuerung auf die Erde gleichsam ihre Mutter zum ersten grüsseten / trat er mit einem Fusse auf den in diesem Strome gemeinen Trübsand / worüber er zu Grunde / beyde Kinder auch mit sampt den Schilden in Strom fielen. Hertzog Bolko sprang augenblicks in Fluß und erwischte das eine Kind; das andere aber war ungeachtet vieler ins Wasser schwimmender Leute Fleisses nicht zu findẽ / sondern ward zu aller euserster Bestürtzung vom Strome weggerissen. Weil nun beyde Kinder einander gantz ähnlich / und nur anfangs durch die Windeln und Schilde zu Vermeidung der Verwechselung unterschieden waren / gerieth Hertzog Bolko / ob er sein oder Gottwalds Kind zu retten das Glücke gehabt hätte / selbst in solchen Zweifel / daß er nicht wuste: Ob er sich mehr über dem Verlohrnen betrüben / oder über dem Erretteten erfreuen solte / daher er denn mit dem traurigsten Stillschweigen zurück kehrete. Zu Brignitz aber[812] gieng der Kummer erst an / welcher Mutter sie das übrig gebliebene Kind geben oder entziehen solten. Wie ungewiß nun Bolko / und kein Mensch verhanden war /der ein den Stich haltendes Kennzeichen hätte andeuten können / so gab doch Eigen-Liebe und die Einbildung / daß das Verhängnüs ihm ehe sein eigenes als ein frembdes Kind zugeworffen haben würde / in des Hertzog Bolcko Hertzẽ den Ausschlag / daß er das Kind als das seinige Mechtildẽ einzuliefern befahl. Der Hertzogin Hedwig wuste aber niemand keinen Vorwand zu erdencken / wo ihr Kind blieben wäre /und niemand wolte ihr doch eine so herbe Zeitung beybringen. Nach verflossener Zeit zur bestimmter Wiederkunfft fragte sie eyvrig nach ihrem Kinde / und als sie die sie bedienenden bestürtzt und verstummen sahe / warff sie sich gantz verzweiffelt aus dem Bette; und befahl mit vielen Dräuungen ihr die Ursache seines Aussenbleibens anzusagen / sie wolte auch gar des Zimmers sich entbrechen / da doch die Frauen bey den Marsingen wie bey den Mohren und Juden nach der Geburt eines Knaben nicht für dem viertzigsten /eines Mägdleins nicht für dem achtzigsten Tage die Thüre überschreiten dörffen. Weil Bolcko nun von dieser zarten Mutter die heftigste Gemüths-Kränckung besorgte / ward ein Priester befehlicht / ob er zwar durch Heimsuchung einer Kindbetterin eben so wol als durch Anrührung einer Leiche unrein ward /ihr den Trauer-Fall aufs beste als er könte / und wider Verzweifelung allen ersinnlichen Trost beyzu bringen. Wiewol dieser nun mit dem Absterben des Kindes heraus muste / so hielt er doch mit der eigentlichen Art des Unfalles hinter dem Berge / aber der einige Nahme des Todes verrückte ihre Vernunfft / daß sie nicht wuste / was sie that / er hemmete ihre Zunge /daß sie mit keinem Worte ihren Schmertz aussprechen konte / damit alle andere Glieder Redner ihres Schmertzens würden / er versteinerte ihre Augen / daß kein Tropffen heraus floß. Aber ihr todtes Antlitz drückte mit lebendigern Farben ihren Schmertz aus /als einiger Schatten der Sprache gekont hätte. Das Hertze schlug ihr mit solcher Heftigkeit / als wenn es sich der Ersteckung des ihm zuschüßenden Geblütes zu befreyen sich durch die Brust arbeiten wolte / die Hände stritten in Zerfleischung der Wangen uñ Ausreissung der Haare mit einander. Mit einem Worte: Diese sonst so freudige Fürstin ward ein lebendiges Bild der erbärmlichsten Traurigkeit. Nach einer langen Raserey fiel sie in stete Ohnmachten; daraus sie das Gedächtnüs ihres Verlustes mit öffterem Zucken und schnellem Auffahren unzähliche mahl erweckte. Also brachte sie einen Tag und die gantze Nacht zu /also daß ihr weder Stärckungen des Leibes noch des Gemüthes beyzubringen waren. Den andern Tag quälte sich ihre rächelnde Seele mit holen Seufzern / und endlich fiengen die Augen an wie ein lange verstopffter Spring-Brunn häuffige Bäche der Thränen auszuschütten. Bey dieser Veränderung meinte es jedermann hohe Zeit zu seyn Trost zuzusprechen; welcher aber lange Zeit von ihr mit tauben / wie die Beschwerung von Schlangen mit verstopfften Ohren angenommen ward. Ihre erstern Worte waren: Lasset mich sterben; und die andere Antwort: Wil denn auch der Tod durch Ablegung seiner Grausamkeit mich ausädern! Wil er sich mir nicht nähern / weil er mich schon für eine Leiche / oder meines Elends halber für ein ihm unwürdiges Opffer ansiehet! Der sie wieder besuchende Priester redete ihr ein: daß weder ihr Stand noch ihre Tugend eine solche Kleinmuth vertrüge. Ob sie nicht wüste / daß eine beständige Hertzhaftigkeit nicht eine Tugend der Weltweisen / sondern der Fürsten wäre? Sie antwortete ihm: Er wüste nicht / weil er kein Weib weniger eine Mutter wäre / was Mütter in ihrem Hertzen für besondere Regungen / in ihren Adern für Geblüte hätten.[813] Der Priester fiel ein: Ihm wäre die Heftigkeit der mütterlichen Liebe nicht unbekandt / und wäre seine Meinung nicht alle Betrübnüs über dessen Verluste / was sie neun Monat unter dem Hertzen getragen / augenblicks aus dem Gemüthe zu jagen; oder den Schmertz über dem zu verdammen / was sie mit so grossen Schmertzen zur Welt gebracht. Aber dieses hieße die Natur beleidigen / dem Verhängnüsse widerstreben / wenn eine durch unsinniges Leid wider sich selbst solche Grausamkeit ausübte: daß sie nicht wieder Mutter werden könte. Daher müste das Betrübnüs die Vernunfft zum Zaume / das Maas zur Richtschnur haben. Die Fürstin versätzte: Sollen denn vernünfftige Menschen weniger Fühle als wilde Thiere haben? die ungeheuren Wallfische nehmen nicht nur / wenn sie von einem andern Raubfische verfolgt werden / ihre Jungen / wie die Schlangen ihren Brut in den Mund umb sie der Gefahr zu entreissen / sondern dieses gefräßige Thier /welches wie andere Fische seine Kinder zu tausenden zehlet / betrauret auch eines jeden Verlust mit dreytägigem Hungerleiden. Und ich solte mir wegen meines einigen und viel edlern Kindes nicht weh thun? Männer hätten härtere Hertzen; möchten also der Todten indenck leben; aber Weibern stünde auch bey den Deutschen das Trauren wol an. Der Priester begegnete ihr: Kein Thier verscharrete sich mit seinen Jungen /aber wol die Fürstin. Denn ein mit solcher Traurigkeit beladener Leib wäre ein Grab der Seele. Diese machten nach den Sitten gantz Deutschlandes dem Wehklagen und den Thränen bald ein Ende / daß ihr Betrübnüs desto länger tauerte. Denn unmäßiger Schmertz müste bald verrauchen. Die Fürstin brach ein: die ihre Kinder nach den gemeinen Gesätzen der Natur verlierenden Mütter könten sich vielleicht noch zu frieden geben; aber gewaltsame Todes-Arten machten viel tieffere Hertzens-Wunden. Der Priester antwortete: Auch diese wären Schickungen des Verhängnüsses / und offt es leichter gewaltsam zu sterben / als auf der Folterbanck des Siechbettes viel Zeit gepeinigt werden. Warumb verhölet man mir denn /sagte Hedwig / wie mein Kind erbliechen sey? Warumb gönnet man mir nicht seine Leiche mit meinen Thränen einzubalsamen? hierüber ward sie wieder ohnmächtig / und als sie sie wieder durch Kühlung zu sich selbst brachten / that sie doch so ungeberdig / als jemals vorhin / und sagte dem Priester: Sie wolte ihn mehr nicht hören / weniger solte er ihm einbilden / ihr einigen Trost fruchtbarlich beyzubringen / wenn er ihr nicht aufrichtig ihres Kindes Tod entdeckte / und ihr seine Leiche einlieferte. Hierdurch ward er gezwungen die wahre Begäbnüs zu entdecken / daß ihr Kind ertruncken wäre. Ob nun zwar dieser Tod so viel Thränen verdiente / als die Oder Tropffen in sich hätte; so solte sie doch glauben / daß weil dieser Zufall sich über der Einsegnung begeben hätte / solches für eine GOtt gefällige Opfferung anzunehmen / von ihr also von rechtswegen kein Auge naß zu machen / sondern von denen hertzhafften Müttern ein Beyspiel der Befriedigung zu nehmen wäre / welche ihre Kinder mit trockenen Augen und freudigem Hertzen auf glüende Röste gelegt hätten. Aber die Hertzogin Hedwig ward hierüber gleichsam wahnsinnig / und ruffte: Schaffet mir die Leiche meines ersäufften Kindes / daß sein Geist nicht hundert Jahr als ein Gespenste umb die Gräber schwermen müsse. Schaffet mir seine irrdische Uberbleibung / daß ihr Fleisch nicht in Magen der Fische / sondern ihre Asche wieder in ihren Ursprung /nemlich in meinen Leib vergraben werde. Mit solchen Heftigkeiten mattete sie sich den Tag ab / daß sie des Nachts in einen tieffen Schlaf fiel. Auf den Morgen war die Fürstin nicht nur ruhig / sondern auch ohne alles Betrübnüs. Jedermann war darüber verwundert /so daß niemand die Ursache begreiffen[814] konte / und die sie bedienenden einander fragten; Ob jemand der Für stin im Weine Hirschzunge oder das Kraut Nepenthes / wormit Helena ihr die Traurigkeit vertrieben / beybracht / oder einen Schmaragd in Mund gesteckt hätte. Endlich fragte sie die Rosenbergin eine ihres Frauenzimmers; wordurch sie ihr Gemüthe beruhiget hätte? die Fürstin antwortete: weil sie ihr verlohrnes Kind wieder gefunden hätte. Jene erschrack / und bildete ihr ein: die Hertzogin wäre wahnwitzig / fragte aber: wo sie es denn hätte? die Fürstin antwortete: Es wäre in Mechtildens Zimmer und Armen wol versorget; sie bejammerte aber / daß diesen Tag diese Fürstin die Leiche ihres lieben Kindes nach Hause bekommen würde. Die Rosenbergin fragte: woher sie denn dis erfahren? Ob die alte Wahrsagerin Lamia des Neptun Tochter oder eine von Delos zurück geschickte Priesterin ihr solches kund gethan hätte? die Fürstin antwortete: GOtt hat mir im Traume dis so deutlich gezeigt / daß ich die unverständigste wäre /wenn ich daran zweifelte / und die undanckbarste /wenn ich für ein so groß Geschencke GOtt nicht mein Hertze selbst aufopfferte. Denn Mechtildis und ich fuhren mit dem Hertzoge Bolcko auf der Oder; aus welcher eine Wasser-Göttin empor kam / und so wol ihr als mir in einer Muschel eine wunderschöne Perle verehrte. Beyden aber fielen sie ins Wasser / von welchen Bolcko zwar eine erwischte / und sie seiner Gemahlin zustellte. Den vierdten Tag aber kam diese Wasser-Göttin / brachte Mechtilden die verlohrne leere Muschel ohne Perle / und befahl mir die vom Bolcko aufgefangene als mein Eigenthum zuzustellen. Die Rosenbergin konte sich über diesem nachdenklichen Traume nicht genungsam verwundern / und weil sie diesen für keine gantze Eitelkeit hielt / ließ sie die Fürstin bey ihren Gedancken / und erzählte solches dem andern Frauenzimmer. Selbigen Abend brachten die Fischer das ertrunckene Kind nach Hofe / welches zwey Meilweges am Strome hinab gefunden worden /und / ungeachtet es drey Tage im Wasser gelegen /wenig verstellet war. Diesemnach es denn Hertzog Bolcko in weisse Seide kleiden / mit Blumen kräntzen und bestreuen / in einen küpffernen Sarg / welcher oben mit einer Berg Cristallenen Taffel zugemacht war / legen / also der Gothonischen Hertzogin mit beweglicher Ausdrückung seines Mitleidens zu bringen / und daß er dieses Kind in die Grufft seiner Vor-Eltern beysätzen wolte / sich anerbieten ließ. Sintemal die Marsinger eben so wol als die Römer Kinder /welche noch keine Zähne hatten / nicht zu verbrennen pflegten. Alleine die Fürstin Hedwig bestreute dieses Kindes Leiche mit Rosen / schickte es dem Fürsten Bolcko wieder zu / mit dem Beysatze: dieses hätte er zu beweinen und zu betrauren / ihr aber ihr noch lebendes Kind nicht vorzuhalten. Bolcko ward hierüber nicht wenig bestürtzt / sonderlich / da er von anfangs bald mit sich selbst angestanden / ob er sein oder Gottwalds Kind gerettet hätte. Mechtilden wolte er mit diesem Anspruche auf das lebende Kind nicht erschrecken / forschte aber bey der Heb-Amme und denen Wärterinnen genaue nach: Ob Mechtildens Kind kein besonderes Merckmaal außer der Beerenklau gehabt hätte? Ob diese nun zwar ihn / daß es ihr Kind unfehlbar wäre / versicherten; wusten sie doch ihre Meinung durch kein Zeichen / welches nicht auch dem andern Kinde gleiche war / zu behaupten. Weil nun beydes das lebende und todte Kind offters gegen einander gehalten ward / muthmaaßte Mechtildis /daß umbs lebende sich ein Streit ereignen müste /fragte daher nachdrücklich hiernach / erfuhr also ihre Muthmaaßung wahr zu seyn. Worauf sie erbärmlich zu wehklagen anfieng: Ob man sie zur Mutter des todten Kindes machen und damit selbst tödten wolte? Sie kennete ihr Kind allzu eigentlich; und ihr Hertze /ihre heftige[815] Liebe sagte es ihr: daß es keines andern Menschen seyn könte. Ihr Gemüthe nun zu beruhigen muste man der Gothonischen Hertzogin Anspruch kleinerer und die Sache weniger zweifelhafft machen /als sie an sich selbst war. Jedoch war Mechtildis des Kindes halber so eyversüchtig / daß sie es nicht mehr aus ihren Armen / weniger aus ihrem Bette geben wolte. So bald aber die Fürstin Hedwig nach denen Sitten der deutschen Kindbetterin aus ihrem Zimmer gehen konte / kam sie unvermerckt in Mechtildens /und nam das Kind daraus. Diese aber ward dessen augenblicks gewahr / verfolgte sie auf dem Fusse / und sagte: Ist dis nicht eine Verletzung des Gastrechtes und der Freundschafft; daß sie mir mein Kind / welches ich mit meinen Brüsten gesäuget habe / gewaltsam wegnehmen wil? Hedwig ließ sich daran nichts irren / sondern antwortete: Ein Kind bis in zehnden Monat mit dem aus den Milch-Adern ko enden Saffte durch die Nabelschnure speisen / und selbtes gebähren / ist mehr als säugen / und das Recht der Mutter gehet dem der Ammen für. Daher würde ich unbarmhertziger als die unmenschlichen Mütter seyn /welche zu Athen auf dem Platze Cynosarges / zu Rom auf dem Kohl-Marckte bey der Milch Seule ihre Kinder weglegen / wenn ich nach dem meinigen nicht fragen solte. Mechtildis versätzte: Es hat nicht weniger aus meinem Geblüte den Ursprung / als von meiner Milch den Unterhalt. Hedwig fiel ein: die Natur hat es gezeichnet; daß es eine Gothonische Fräulein und meine Tochter sey. Mechtildis begegnete ihr: Meine hefftige Einbildung hat ihm durch einen Beystand der Natur dis eingepreget; was dem Gothonischen Stamme gemein ist; und daher kan die Beerenklau wol ein Merckmaal unser Freundschafft / nicht aber ein Zeugnüs wider meine wahrhaffte Geburt abgeben. Hedwig brach ein: Für ihre Geburt und daß dis so bezeichnete Kind aus dem Gothonischen Stamme sey / werden alle Mitternächtige Völcker urtheilen. Keines weges /sagte Mechtildis / wenn man ihnen die Gleichheit unser Kinder und die Ertrinckung des Marsingischẽ sagen wird. Mechtildis versätzte: das letzte ließe sich nicht sagen / weil die Rechte den Untergang des schwächsten / also des jüngsten vermutheten. Und der Hi el würde ja nicht so grausam seyn / daß er dem behertzten Bolcko in dem Strome ein frembdes Kind für sein eigenes zu retten geschickt haben solte. Hedwig antwortete: der Hi el hätte ihr schon selbst offenbaret: daß er ihr Kind erhalten / Mechtildens ertrincken lassen. Durch was fragte Mechtildis? Welcher Hedwig ihren Traum erzählete / und sich auf ihres Frauenzimmers Wissenschafft von der Vorhersagung der wieder gefundenen Leiche beruffte. Mechtildis versätzte: Träume sind Schatten unser süssen Einbildungen / und ein Nachschall unsers sehnlichen Verlangens. Für mein Mutter-Recht aber giebet das Kind selbst Zeugnüs / indem es aus meinen Brüsten die schon in Mutter-Leibe angewohnte Nahrung so begierig schöpffet; welches sonst bey gesogenen andern Brüsten für meinen einen Eckel gehabt haben würde. Hedwig fieng hierauf an: Ich nehme diesen Weg der Prüfung an / und bin versichert / daß wie mir meine Brüste nicht wie den Thieren ihre Eyter unter dem Bauch / sondern für meinen Mund und Augen /daß ich mein saugendes Kind anschauen und küssen könne / gewachsen sind / also dis meiner mütterlichen Liebe und ihrem Oele / nemlich meiner Milch-Zunge und Lippen nicht entziehen werde. Hiermit entblöste sie ihre Brüste / an welchen dis Kind so begierig zu trincken anfieng / als wenn es etliche Tage Durst gelitten hätte. Mechtildis ward hierüber so eyversüchtig / daß ihr die Thränen aus den Augen fielen / und sie Hand anlegte das Kind der Fürstin Hedwig aus den Armen zu reissen. Diese hingegen mühete sich von allen Kräfften dessen Besitzthum zu behaupten / und zwischen[816] beyder Frauenzimmer entspaan sich ein Zwyspalt / also hierüber ein kleiner Auflauff bey Hofe entstand. Hertzog Bolcko vernam solchen alsbald /und seine Augen zeigten ihm zugleich dessen Ursache. Ob er nun zwar mit einer wenig lauern Schwachheit der Liebe als Mechtildis befallen war / wolte er doch die übele Nachrede nicht haben / daß in seinem Hofe der Gothonischen Hertzogin einiges Unrecht oder Gewalt wäre angefügt worden. Daher fieng er zu beyden an: Sie möchten doch ihre Kinder-Liebe nicht zum Werckzeuge des Hasses und zu Zerspaltung ihrer Freundschafft mißbrauchen. Auch im guten wäre die Ubermaaße böse / und wie die Soñe denen unter dem heissen Mittel-Striche des Erdkreisses wohnenden Völckern / wenn sie über ihrem Würbel stünde /ihnen nicht den So er / sondern / weil ihre allzu hefftige Strahlen die Dünste allzu gewaltig empor ziehen /einen regenhafften Winter verursachten; also gebühre auch das übermäßige Feuer die Liebe vielerley Ungewitter / und eine Erkältung der Gemüther. Mechtildis antwortete ihm: Soll ich mich denn meines einigen Kindes entsätzen / und darmit alle Liebe in meinem mütterlichen Hertzen gefrieren lassen? Würde meine Seele nach diesem Verluste nicht aller Ruh / mein guter Nahme nicht alles Nachruhms verlustig werdẽ. Alles Ertzt wird durch Kälte kleiner / und einer Mutter kan nichts verkleinerliches nachgesagt werden /denn daß sie ihre Kinder nicht genung liebe. Hedwig versätzte: Kan eine / die ihr nur einbildet Mutter zu seyn / so sehr lieben; wie viel hertzlicher muß bey der solche Flamme seyn / die / wie ich / wahrhafftig die Mutter ist; welcher der Himmel selbst diese verlohrne Perle wieder schencket; welcher der redliche Hertzog Bolcko selbst zum besten gestehen muß; daß er nicht wisse: Ob er sein oder mein Kind dem Rachen des Wassers entrissen habe. Der Hertzog brachte es nach einem langen Wort-Streite und vergebenen Vorschlägen / entweder die Wahrsager zu Rathe zu ziehen /oder den Zwist durchs Loos zu erörtern / gleichwol dahin: daß beyde Hertzoginnen sich dem Urthel der Priester zu unterwerffen / und inzwischen das strittige Kind einen Tag umb den andern zu besitzen willigten. Das Gerichte ward auf einen gewissen Tag in dem Fürstlichen Saale besätzt; darinnen über dem Richter-Stule Cambyses gemahlet war / wie er das seinen durch Geld bestochenen Richter Sisamnes abgezogene Fell über den Richter-Stul ziehen / und seinen Sohn Otanes solchen besitzen läßt. Gegen über stand Darius / wie er einen nicht bessern Richter in Eolis Sandoces destwegen zu kreutzigen befiehlt. Umb den Saal waren unterschiedene Gemählde merckwürdiger Urthel aufgestürtzt. Zu erst stand das Gerichte des Jüdischen Königs Salomon / da er durch Befehl ein streitiges Kind mitten entzwey zu hauen die wahre Mutter für der / welche ihres im Schlaffe erdrückt hatte / unterscheidete. Das andere Gerichte war des Paris / wie er die drey zwistigen Göttinnen durch den güldenen Apfel entscheidet / das dritte und vierdte /wie die Areopagiten den Mars wegen des erschlagenen Hallirrothius und Orestes wegen ermordeter Mutter loßgesprochen ward. Das fünffte Gerichte stellte Phrynen für dem Richter-Stule für / wie sie / nach dem sie ihr Beystand Hyperides durch seine Beredsamkeit nicht erweichen konte / ihre Brüste entblöste / und durch derselben Schönheit die Areopagiten gegen sie barmhertzig zu werden zwang / aber dardurch ein Gesätze zuwege brachte / daß hernach die Richter keinen Beklagten ansehen / weniger sich seiner erbarmen dorfften. Das sechste Gemählde stellte den Thracischen König Ariopharnas für / welcher von dreyen sich für des Cimmerischen Königes Söhne Ausgebenden zum Schiedes-Richter erkieset ward /und sie sämptlich nach[817] des aufgehenckten Königs Leiche zu schüssen befehlichte / mit der Erklärung; daß der / welcher das Hertz treffen würde / Erbe und König seyn solte. Er erklärte aber den darfür / welcher mit Fleiß der Leiche fehlte / und den Pfeil in die Erde schoß. Das siebende Gerichte war eines Scythischẽ Königes / welcher einem Gläubiger / von dem er umb ein Urthel angeflehet ward / daß er seinem Schuldner wegen nicht inne gehaltener Zahlung Krafft habender Verschreibung ein Pfund Fleisches aus dem Leibe schneiden möchte / ein Messer mit dem Ausspruche reichte: Er möchte schneiden / aber was der Gläubiger mehr oder weniger schneiden würde / solte hernach der Schuldner ihm ausschneiden. Die Stüle des Richtplatzes besassen die zwölf fürnehmsten Priester / des Obersten Stul aber war so gesäzt / daß die Soñe ihm gleich ins Antlitz scheinen konte / nicht zwar daß sie sie / wie die Bithynier die Soñe für den Schutzherrn /sondern für ein Sinnebild der Gerechtigkeit hielten /welche alle Finsternüß der Unwissenheit vertreiben müste. Die Fürstin Hedwig und Mechtildis traten selbst für / und jede meinte das auf den Richter-Tisch gelegte Kind durch ihre nichts minder tiefsinnige als nachdrückliche Rede für das ihrige zubehaupten. Diese sonst weisen Leute wurden aber hierdurch zweifelhaffter / wem das Kind zugehörte / als sie waren / da noch kein Vortrag geschehen war. Ob sie nun zwar gerne diese Streitigkeit vermittelt hätten; weil ihrem Erachten nach durch keine menschliche Vernunfft zu ergründen wäre / wessen Kind Bolcko aus dem Wasser errettet hätte / so war doch beyder Fürstinnen Liebe so groß / daß sie so viel derselben zu entziehen vermeinten / als eine der andern darauf Recht enträumte; daher denn auch jede auf das Urthel drang: denn sie waren beyde aufs kräfftigste überredet / daß sie die rechte Mutter wäre / und die Marsingischen Priester hatten bey jedermann den Glauben: daß die in den Himmel geflogene Gerechtigkeit ihnen die Wage zu Uberlegung der Rechts-Sachen / und das Schwerdt zu Abschneidung der Streitigkeiten anvertraut hätte. Alleine weil die Sache den Priestern ein unauflößlicher Knoten war / gebrauchten sie sich eben des Kunst-Stückes der Areopagiten / welche /als der Land-Vogt in Asien Publius Dolabella ein Weib von Smyrna / das ihren Mann und Stieff-Sohn wegen ihres vorher getödteten Sohnes hinrichtete /ihrem Urthel unterwarf / sie weder als eine von Blut besudelte loßsprechen / noch als eine Rächerin ihres Sohnes sie verdammen wolten / sondern ihr über hundert Jahr einen andern Rechts-Tag ansätzten. Denn die Marsingischen Priester erkenneten: daß diese Sache so lange / bis die Natur entweder durch die Aehnligkeit / oder durch die eigene Neigung dem Kinde / wer seine eigentliche Eltern wären / entdecken würde. Wie nun die untadelhaffte Verwaltung der Gerechtigkeit eben so bitter ist / als wenn ein Artzt mit Brand und Messer von Grund aus alte Schäden heilet / und noch so wenig gerechter Richter Verfahren beliebt worden / als Krancke nach des Esculapius Salben und Pflastern die Finger geleckt haben; also gieng es auch allhier der Gothonischen und Marsingischen Fürstin. Eine war so unvergnügt / daß sie nicht gewonnen als die andere / daß ihr Gegentheil nicht verspielt hatte. Mechtildis fragte gleichwol die Priester; welche denn mitler Zeit das Recht haben solte das Kind zu erziehen? und kriegte zur Antwort; die / welche es am meisten liebte. Hedwig erkundigte sich hierauf: Wer denn über die Grösse ihrer Liebe Richter seyn solte? und ward beschieden: Ihre eigene Wolthaten / welche jede dem Kinde leisten würde. Mechtildis ward hierüber verdrüßlich und zugleich wehmüthig /fiel der Fürstin Hedwig umb den Hals / und fieng an: Warumb haben wir uns gerechtere Richter aufzufinden eingebildet / als unsere eigene Liebe? Warumb wollen[818] wir nicht lieber mit Wercken als Worten streiten / wer dieses Kindes Mutter sey; welcher Ampt in der Wohlthätigkeit nicht im Nahmen bestehet! leidet es die Natur nicht: daß ein Kind wie Bacchus aus zwey Leibern gebohren werde; so ist doch derselben nichts gemässer / als daß ihrer zwey durch Wohlthun an ihm die Pflicht der Mütter verrichten. Sie hat destwegen den Müttern zwey Brüste wachsen lassen / daß sie den Kindern durch mehr als ein Quell Milch und Liebe einflössen. Lasse es unser beyder Pflegung genüssen / und noch ferner / wie es zeither geschehen /an unser beyder Brüsten saugen. Hat eine unter uns nicht ihr Blut zu seiner Empfängnüß beygetragen; so ersetze selbige diesen Mangel durch den nährenden Schaum / oder vielmehr das aus den Röhren der Brüste rinnende Oel des Geblütes / welches in diesen zwey Lebens-Brunnen von der Natur so weiß geleutert wird / daß die Kinder nicht mit ihrem ersten Trancke die Blut-Begierde in sich saugen. Wil sie / liebste Schwester / mich nicht würdigen / daß ich dieses Kindes Mutter sey / so laß sie ohne Eiversucht mich die Stelle einer Amme vertreten. Der Fürstin Hedwig ward durch diese Worte das Hertz derogestalt gerühret: daß sie Mechtilden mit nicht lauerer Gemüths-Regung in ihre Armen drückte und antwortete: Es ist wahr / hertzliebste Schwester / daß wir unserer Mutter-Liebe einen grossen Schandfleck anhencken würden / wenn wir selbte mit giftiger Eiver-Sucht vergälleten. Lasse uns versuchen / ob unsere Liebe so glücklich zwey Mütter eines Kindes abgeben / als die Natur in einer Mutter Zwillinge zeugen könne. Können unfruchtbare Männer durch ihre Wahl frembden /welche sie für ihre Kinder annehmen / die Kindschafft so kräfftig eindrücken / daß die Gesetze jenen die väterliche Gewalt / diesen das Recht zu erben zueignen; warumb solte nicht eine fruchtbare Mutter eines von ihr nicht gebohrnen Kindes Mutter zu werden fähig seyn. Hat eine unter uns diß Kind nicht aus ihrem Leibe gebohren / so gebähre sie es täglich in ihrem Hertzen durch Liebe und Wohlthätigkeit. Sollen doch Groß-Mütter / weil die sonst die Eigenschafft des Feuers habende Liebe wie Bley ihren Zug abwerts hat / ihre Enckel mehr / als ihre Kinder lieben. Warumb nicht auch wir dieses / welches iede glaubt ein Theil ihrer Eingeweide gewesen zu seyn. Diesemnach wollen wir es einen Tag umb den andern säugen / aber es keinen Augenblick aus unsern Gedancken und Gewogenheit lassen. Wir wollen mit einander selbtem wohlzuthun nicht abwechseln / sondern es einander vorzuthun beemsigt seyn; und durch das Beyspiel unser unveränderlichen Liebe das Verhängnüß bezaubern / daß es das Glücks-Rad diesem unserm Schoß-Kinde niemals verrücken könne. Hiermit namen beyde das Kind von dem Richter-Tische / überschütteten es mit einer unzählbaren Menge hertzlicher Küsse; vergnügten also diese zwey mit einander rechtende Mütter ihre Richter durch so wundersame Eintracht mehr / als die Richter sie durch ihren Ausspruch / derer keiner noch beyde Theile vollkö lich vergnügt / sondern ieder stets ein Mißtrauen gegen sich behalten hat; also daß Alcibiades zu sagen pflegte: Er traute seiner eigenen Mutter nicht / wenn sie seine Richterin seyn solte. Jedermann fürnehmlich aber Hertzog Bolcko ward über einem so glücklichen Ausschlage dieses Gerichtes zum höchsten erfreuet /die Verträuligkeit zwischen der Fürstin Mechtildis und Hedwig wuchs mit der Liebe gegen diß Kind /welches / weil sie es beyde für das ihrige hielten /zwischen ihnen gleichsam eine neue Ehstands-Art und Zusammenknipfung ihrer Gemüther verursachte. Unterdessen hatte Herzog Gottwald durch seine Tapferkeit und seiner Frau Mutter Klugheit alles in gewünschten Stand versetzt / indem alles Volck ihn für den rechtmässigen Hertzog der Gothonen erkennte /ausser seine Schwester Marmeline / welche von dem unheilbarẽ Ubel der Herrsch-Sucht so eingenommen war / daß sie diß / was[819] alle andere Menschen der Welt billigten / nicht für Recht halten konte / und daher von dem Apfel der Herrschafft lieber nichts als die Schalen genüssen wolte. Hertzog Gottwald hörte den Unfall des ertrunckenen Kindes höchst mitleidentlich / seine Gemahlin wußte ihn aber so beweglich zu bereden / daß er daran / ob das lebende seine wäre / zu zweifeln für eine Undanckbarkeit gegen das Verhängnüß hielt. Hierzu diente nicht wenig / daß in seinem Gebiete auf dem Eylande Glessavia / welches nicht in einem langen Land-Striche durch die vom Rheine hieher gezogenen Estier bewohnet wird / aus dem Erd-Boden ein etliche Pfund schweres Stücke Agstein gegraben worden war / welches gantz eigentlich vorbildete / wie die Wellen des Meeres ein auf einer Muschel liegendes Kind ans Ufer antrieben. Hertzog Gottwald reisete hierauf mit seiner Gemahlin in sein Land / wurden aber von Mechtilden mit vielen Thränen beweget / daß sie ihre Tochter noch unter ihrer Pflegung liessen. Hedwig ward von Gothonen /Estiern und Lemoriern aufs prächtigste empfangen /und Hertzog Gottwald machte daselbst allerhand heilsame Anstalten zu einer glücklichen Herrschafft. Ehe sichs aber iemand versah / brach Marbod mit einer grossen Heeres-Krafft gegen die Semnoner und Longobarden auf / brachte selbte auch ehe unter seine Gewalt / ehe die Benachbarten von dem gegen sie angehobenen Kriege Nachricht erlangten / oder ein Mensch von so streitbaren Völckern ihm immermehr eingebildet hatte. Hingegen verfielen die Burier mit den abtrünnigen Burgundiern / und die Marsinger mit den Lygiern in einen schweren Krieg / dahero denn beyden Fürsten die Unterwerffung der streitbaren Semnoner ein heftiger Donner-Schlag ins Hertze war. Wie aber Fürsten nichts mehr als Furcht und Argwohn zu verbergen haben; also ward Hertzog Bolcko und Reinhard der Burier Hertzog genöthigt den Ritter Hohberg und Haugwitz zum Könige Marbod nach Budorgis / allwo er alle Semnoner zu Ablegung der Huldigung versa let hatte / abzuschicken / und ihm zu den Siegen / welche allem Ansehn nach die Fall-Stricke ihrer eigenen Freyheit waren / Glück zu wünschen. Denn ob zwar der / welcher auf solche Weise einem Pflaumen streicht / sich der Heucheley theilhafft macht; so ist doch der / welcher in solchen Fällen sich in die Zeit und Leute nicht zu schicken weiß /für einen Thoren / am wenigsten für einen klugen Fürsten zu halten. Marbod nam diese Ehre sehr wohl auff / und ob zwar diese Fürsten den König wissen liessen / daß sie gegen die Burgundier bereit einen ansehnlichen Sieg gewonnen hätten / also sie ihren Feinden selbst genungsam gewachsen wärẽ / schickte er doch den Vannius zum Hertzog Bolcko und Reinhard /both seine gantze Krieges-Macht ihnen nicht allein zu Hülffe an; sondern ließ auch sechzig tausend Marckmänner biß an den Queiß und die Spreu / unter dem Vorwand selbige gegen die Lygier zu führen / anrücken. Weil nun Hertzog Bolcko seine meiste Macht gegen den Lygiern stehen hatte / also er einem so unversehnen und mächtigen Feinde nicht gewachsen war / und ihm leichte die Rechnung machen konte; daß wenn er des Königs Marbods Hülffe gar ausschlüge /würde dieser es für eine Verschmähung und Mißtrauen annehmen / und daraus einen scheinbaren Vor wand zum Kriege wider ihn beko en; muste er /nebst dem Fürsten der Burier / ungeachtet beyde allzu wohl verstunden / daß kein Falcke einen Adler zu Hülffe ruffen solte / nicht allein willigen zehn tausend Marckmänner zu Hülfs-Völckern in ihr Land anzunehmen / sondern auch auf des Vannius Betheuerung: daß König Marbod viel zu großmüthig wäre von seinen Freunden und Bundsgenossen einiges Schutz-Geld zu suchen / oder sonst ihnen beschwerlich zu seyn / ihn für ihren Schutzherrn zu erklären. Ungeachtet nun Bolcko und Reinhard[820] ihren Feinden genungsam für Augen stellten / wie gefährlich beyden wäre /daß sie einem dritten zum besten / welcher bereit mit seiner geharnschten Hand in ihren Krieg grieffe / ihre Kräfften gegen einander aufrieben; so rennten doch die Lygier und Burgundier durch ihre Hartnäckigkeit spornstreichs in ihr Unglück / indem sie ihrer alten Freunde wohlgemeynte Warnigung für Würckung ihrer Kleinmuth annahmen; weil entweder die Rache sie verbländet / oder das sie zu stürtzen vorhabende Verhängnüß sie guten Rath anzunehmen unfähig gemacht hatte. König Marbod führte seine übrige funfzig tausend Kriegsleute durch einen nicht kleinen Umbweg / damit er den Marsingern mit einem Durchzuge so vielen Volckes die neue Freundschafft nicht beschwerlich oder verdächtig machte / an der Neisse und Spreu hinauf über das Hercinische Gebürge in der Bojen Land / und durch selbtes längst der Elbe hinauf / also daß er durch der Oser Gebiete den Lygiern in die Seite fiel. Ob nun wohl diese Völcker mehr als menschliche Gegenwehr thaten / und noch niemand den Marckmännern so viel zu schaffen gemacht hatte / als die Arier / Helveconer / Manymer /Elysier und Naharvaler; so wurden sie doch endlich durch die Macht so vieler Feinde untergedrückt / und Marbod hielt zu Carrodun ein Siegs-Gepränge über alle zwischen der Warte und Weichsel gelegene Völcker. Gleichwohl aber ließ er daselbst auf zweyerley Art spüren; daß die Herrschsucht nicht alle andere Gemüths-Regungen ersteckt hätte. Denn er gab dem Vannius fast die Helffte seiner gantzẽ Kriegsmacht /daß er damit sein väterlich Reich der Quaden eroberte / dem Marsinger und Burier Hertzoge aber räumte er ein groß Stücke von der Lygier Landen als eine Siegs-Beute ein. Zu eben selbiger Zeit fand sich die Gothonische Fürstin Marmeline mit dem verrätherischen Leuterthal zu Carrodun ein; weil ihr so wohl die Peucinischen als Wendischen Sarmaten / welche doch die Gothonen und Estier von der Ost-See vertrieben hatten / wider ihren Bruder Beystand zu leisten verweigerten. Marmeline erschien für dem Könige ohne den geringsten Aufputz / entweder weil sie ihn durch so schlechten Aufzug so viel leichter zum Mitleiden zu bewegen getraute / oder weil sie ihre vollkommene Schönheit durch Beysatz zu verstellen besorgte. Ihre Worte hatten so viel Schein der Wahrheit / als ihr Mund Holdseligkeit / und was dieser nicht erbärmlich genung aussprechen konte / wiewohl ihre heuchlerische Zunge alle ihre Worte vergiftete / und seine Ohren bezauberte / drückte sie mit desto grösserm Nachdrucke durch die in anderer Seelen rinnende Buchstaben der Thränen aus. Denn diese haben die Eigenschafft des Meer-Wassers / welches in der See als seinem Ursprunge bitter ist / wenn es sich aber durch die Adern der Berge in die Brunnen durchdringt / vollkommen süsse wird. Denn die in den Augen saltzichten Tropfen der Weinenden werden das süsseste Geträncke unserer Seele in unsern Hertzen / welches uns gleichsam truncken macht / daß wir unsers eigenen Willens nicht mehr mächtig sind. Oder es sind die Thränen vielmehr dem Geiste gleich / welcher durch Feuer und Kunst aus vielen Kräutern Tropfen-weise gezogen wird. Denn so viel diese für andern Artzneyen würckẽ / so viel haben auch die Thränẽ mehr Krafft andere zu bewegen als Worte / und in ihrem Wasser die entfernten Hertzen wie das Babylonische Ertzt anzuzünden. Jedoch war Marmeline nicht nur ihres aus den Augen flüssenden Wassers halber den Bildern der Wasser-Künste zu vergleichen; weil aus ihrem Munde / ihren Brüsten / allen ihren andern Gliedern gleichsam eitel Balsam der Anmuth spritzte. Ja sie war in des Königes Augen ein Sabeischer Wald / welcher nichts als Ergetzligkeit[821] von sich hauchte; und daher blieb er auch mit seinen Augen und Hertzen eher an ihr / als eine Fliege an dem Netze der Spinnenweben hencken. Seine Seele erklärete ihr Antlitz für ihren Abgott / als sich Marmeline des Königs Magd nennte / und seine Begierden steckten sie ihr zueiner unausleschlichen Fackel an. Er stieg selbst zu ihr von seinem Stule herab / hob sie von der Erden auf / und gab ihr nicht längsamer seine Liebe als sein Mitleiden zu verstehen. Sie hatte den König ihre Sonne genennet / weil er alleine durch die Strahlen seiner Hülffe sie todte wieder lebendig machen könte; er aber erklärte sie für seinen ersten Bewegungs-Kreiß / für die Richtschnur seiner Lebens-Tage / für seinen Angel-Stern / nach welchem sich sein Wille genauer als die Magnet-Nadel gegen dem gestirnten Beere wenden würde. Er eignete Marmelinen zu / daß sie durch ihre Holdseligkeit die Liebe selbst entwaffnet hätte; weil diese so lange Zeit sein Hertze durch nichts anders als ihre Augen zu verwunden wäre mächtig gewest. Ja alle seine Worte waren übersteigend; weil seine heftige Liebe nichts mittelmässiges ausrauchen konte / oder / weil er Marmelinens Gegen-Liebe zu verschertzen besorgte / wenn ihr seine Zuneigung zu lau oder zu kaltsinnig fürkäme. Die schlaue Marmeline hingegen mühte sich auf alle Weise kaltsinnig zu sein / da ihr doch alles in der Welt umb die Herrschafft feil / und destwegen alle Adern in ihr voller Schwefel waren. Denn sie verstand allzu wohl / daß man nur so lange einem nichts abschlüge / weil man selbst umb etwas anzuhalten hätte / und daß kein Fisch mehr an die Angel anbiesse /worvon er schon den angehenckten Wurm zu seiner Speise weg bekommen hätte. Diesemnach redete sie den König an: Er möchte durch seine Zuneigung sich nicht zu seiner Verkleinerung so tieff erniedrigen /und sie zu ihrer Verwirrung so sehr beschämen. Denn da die Persischen und Indianischen Könige iedes Wasser zu trincken ihnen für verkleinerlich hielten /wie viel würde ein so grosser Herrscher / als Marbod wäre / sich verstellen / wenn es etwas niedrigers als eine Fürstin liebte. Sie aber schätzte sich so lange für keine / als sie ihre zugefallene Fürstenthümer nicht in Besitz hätte. Sintemal Fürsten ohne Land nur ein Schatten derselben und Bilder ohne Leben wären. Am allermeisten aber gienge ihr durchs Hertze / daß ein Irr-Licht / welches Zweifels-frey aus den niedrigsten Sümpfen seinen Ursprung hätte / sie als das einige Licht des Gothonischen Stammes verdüstern / und eines schlechten Sidinischen Edelmanns oder vielleicht noch eines geringern Menschen Sohn die rechtmässige Erbin verdringen solte. Würde sie aber sich in den Stand versetzt sehen / da sich des Königes Gewogenheit an ihr nicht wie die Spiegel von unreiner Weiber Augen beflecken könte; würde so wohl ihre Freude als Pflicht seyn / das innerste ihrer Liebe gegen ihn als den Alexander ihrer Zeit auszuschütten. Keine seichte Bezeugung wäre weder seiner Würde noch Liebe anständig. Denn nach der Eigenschafft der in Ammonischen Brunn gesteckten Fackeln / leschte die brennende Liebe / wo Gegen-Liebe nur auf den Lippen schwimme / aus; wo sie aber im Hertzen brennte / zündete sich auch die fast erloschene an. Diesen Vortrag bekräftigte sie abermals mit frischen Thränen / und gab darmit / weil die Tropfen auf ihren Wangẽ gleichsam den Thau auf den Morgen-Rosen abbildete / ihrer Schönheit einen mercklichen Beysatz. Marboden waren alle Worte Marmelinens eine Beschwerung / ihre wäßrichte Augen sahe er wie ein Finsternüß 2. von ihm angebeteter Sonnen an / und bildete ihm ein: daß durch ihr ausgeweintes[822] Saltz /alle Zierden ihres Antlitzes würden zerbeitzt oder weggeschwe t werden / wenn er nicht mit dem linden Schweiß-Tuche des Purpers Marmelinen die Thränen abtrocknete. Daher erklärte er sich seinen Degen nicht einzustecken / biß er sie zu Godonium auf ihren väterlichen Stul erhoben haben würde / wenn sie nach überwundenen Feinden sich ihn zu lieben und zu ehligen überwindẽ könte. Marmeline fiel für dem Könige abermals nieder / umbarmte seine Knie / neñte ihn ihren und der Gothonen Schutzgott / einen Vater der Waysen / und den einigen Beschirmer der Gerechtigkeit auf der Welt; Marbod aber ließ Marmelinen das eine Schloß über der Weichsel einräumen / sie königlich unterhalten / und trug noch selbigẽ Tag im Kriegsrath für / wie die verjagte Marmeline aufs leichteste wieder in ihre Herrschafft einzusetzen wäre. Unter allen geheimen Räthen war nicht einer / welcher nicht diese Einsetzung / da Marmelinens eigene Mutter den Fürsten Gottwald für ihren Sohn / alle Land-Stände für ihr Haupt erkennet hätten / für bedencklich / und wegen vortheilhafter Gelegenheit der Gothonischen Länder / wegen selbiger Völcker Streitbarkeit für sehr schwer hielten / also mehr zu einer gütlichen Vermittelung als zun Waffen riethen. Die Kriegsobersten / welche doch entweder umb nicht für zaghaft angesehen zu werden / oder / weil sie besorgen / ihr Ansehn möchte bey der Ruh verschwinden / selten zum Friede rathen / sti ten meistentheils denen andern Räthen bey; sonderlich redete der unverzagte Vannius / welcher bey Berathschlagung über seines Fürsten Glücke doch auf seines mit ein Auge hatte / und besorgte / daß der Gothonische Krieg dem Quadischen einen Stoß geben würde / nicht weniger klug als eivrig: Die Gerechtigkeit wäre die Sonne eines Reiches / der Anfang und Grund-Stein aller Herrschaften / die Seele und der Ancker der Staats-Klugheit; welcher Fürsten zu Göttern machte / und daher auch ihre Kriege / welche sonst viehische Rasereyen wären /rechtfertigen müste. Denn ob zwar das Recht der Waffen nicht allezeit aus dem Ausschlage eines Krieges zu urtheilen wäre / müste doch ein Fürst auf seinen guten Nahmen und Nachruhm / daß er nicht ein Rauber der Welt / eine Peitsche Göttlicher Rache heisse / sein Absehn haben / und niemals vergessen: daß einem Fürsten auch in euserster Noth Unrecht nicht anständig / ja diß ins gemein das Fall-Bret vorigen Glückes / und der gebähnte Weg zum Untergange sey. Für beleidigte Bunds-Genossen wäre man zwar verbunden den Degen zu zücken / wenn nur einiger Schein und Hoffnung eines guten Ausschlages verhanden wäre; aber Marmeline und ihre Eltern hätten mit dem Könige Marbod niemals im Bindnüsse gestanden / noch auch sie die Natur durchs Geblüte mit einander verbunden. Zu dem wäre man auch dem /welchem uns entweder die Natur oder unser Wille verknipft hätte / nur in gerechter Sache Hülffe zu leisten schuldig / welche hier überaus zweifelhafft wäre /weil Marmeline Volck und Mutter zum Gegentheil hätte. Der König hätte bereit mit den Gothinen angebunden / wider die Quaden den Krieg feste gesetzt; und nun wolte er auch mit den streitbaren Gothonen /Lemoviern und Estiern anbinden / an welche weder die von Marmelinen angeflehten Peuciner noch die Wenden zu reiben sich getraut hätten / da doch diese die Rache und Begierde im Hertzen hätten ihr so reiches und fruchtbares Land wieder zu erobern. Alle kluge Fürsten aber und insonderheit die Römer hätten sich für zweyen Kriegen als für höchstgefährlichem Vorhaben / auch bey sich zeigendem Vortheil äuserst gehütet. Denn viel Zwerge machten auch einem Riesen zu schaffen /[823] und wenn der gröste Fluß zertheilt würde / könte man dadurch waten. Marbod hätte zwar die Semnoner durch seine Geschwindigkeit ihm unterworffen; aber selbte nur wie den Wolff beym Ohre. Denn kein Fürst müste ihm einbilden / daß bezwungene Völcker ihm ohne heimliche Gramschafft gehorsamten. Und allen benachbarten Völckern wäre Marbods anwachsende Macht schon ein Dorn in Augen /welche bey einem unglücklichen Streiche zu seinem Untergange in ein Horn blasen dörfften. Daher nöthigte ihn sein Gewissen / und seine Treue dem Könige zu rathen / er möchte zwischen beyden zwistigen Geschwistern einen Mittler abgeben / oder / wenn er ja die Gothonen bekriegen wolte / mit denen Gothinen und Quaden Friede halten. Mit diesem letzten redete Vannius dem Könige in seine Ehre / weil er ihm schon dreissig tausend Mann zu der Quaden Uberwältigung versprochen hatte / mit dem ersten unwissentlich ins Hertze / weil Marbod seine gegen Marmelinen angesponnene Liebe in höchster geheim hielt; auch niemand muthmaßte / daß einer / der täglich unter den Waffen sich mit Staube verstellte / in seinem Schweisse badete / so zarte lieben könte. Weil nun Fürsten diß / was ihr Hertz rührt / so empfindlich ist / als was ihrer Ehre und Ansehn nahe ko t / war Marbod drüber so verwirrt / daß er sich nicht leicht ausgeflochten hätte / wenn nicht Alarich ein vom Leuterthal bestochener Krieges-Rath sich bey vermerckter Zuneigung des Königs mit einer ziemlichen Frechheit / ihm im Rathe den Ruhm eines Unerschrockenen /beym Könige eines treuen Dieners / durch folgenden Gegen-Satz zu machen sich erkühnet hätte: Gottwalds Vorwand des Gothonischen Hertzogs Sohn zu seyn wäre so unglaublich / als es weltkündig wäre; daß kein Mohr / wenn er hundert Jahr gebleicht würde /weiß werdẽ könte. Arnold hätte sein Lebtage einen Sohn zu haben nichts erfahren / also wäre höchst verdächtig / daß man selbten einem Todten / und unwissenden Volcke aufdringen wolte. Daß er Gertrudens Sohn wäre / könte wohl seyn / weil sie so sehr wider ihre Tochter auf seiner Seiten stünde / aber zu Hertzog Arnolds würde er sich nimmermehr rechtfertigen können. Was hätten aber benachbarte Fürsten mehr zu anthen / oder zu verhindern / als daß nicht Eyer der Wiedehopfen Adlern zum Ausbrüten untergelegt /oder Leute vom Schlamme des Pöfels Ländern für ihre Fürsten eingeschoben würden. Dieser Betrug hätte in der Welt gleichsam nunmehr Bürgerrecht gewonnen / und die Künste würden so zart eingefädemet; daß die scharffsichtigsten sich nicht aus so scheinbaren Irrthümern auszuflechten wüßten. Sintemal noch kein grosser Alexander / kein tapferer Ariarathes gestorben wäre / daß sich nicht ein böser Mensch oder Gespenste für seinen Geist oder Erben angegeben hätte. Daher gehörte es zu der Wohlfarth Deutschlandes / und zur Ehre des Königes Marbod /daß er durch sein Urthel ausspräche / wer der rechtmässige Herrscher über die Gothonen und Estier wäre. Hätte er am Hertzoge Arnold keinen Bluts-Freund oder Bund-Genossen gehabt / so wäre Marmeline doch ein Mensch / Menschen aber wären einander zur Hülffe geschaffen / sonderlich wären Fürsten deßhalben Gottes Stadthalter auf Erden; zu denen bedrängte / wie das Wild in die Hölen / Knechte zu Altären ihre Zuflucht nähmen. Wer nun diese für Unrecht nicht beschützte / handelte nicht besser / als der Bund-Genossen / Eltern und das Vaterland verliesse; hingegen wäre die Beschirmung der Schwachen eine zweyfache Tapferkeit / und eine Ubermasse der Gerechtigkeit. An so heilsamem[824] Wercke müste er sich aber die für ihm furchtsamẽ Peuciner und die von Estiern verjagte Wenden nicht irre machen lassen. Sintemal diese Völcker in dem Antlitze des mächtigen Königs Marbod so wenig als andere Sternen im Angesichte der Sonne sich sehen lassen / aber / wenn Marbod sich gegen selbte Feind erklärte / ihre Waffen gerne beytragen wolten. Also hätte der mit gemeinen Fürsten nicht vergleichbare König Marbod so wenig Ursache sich zu bedencken / ob er an zweyen Orthen Krieg führen solte; als die Sonne; ob sie beyde Seiten der Erd-Kugel zu erwärmen mächtig wäre. Er wüste wohl / daß furchtsame den Ruhm ins gemein erlangten / daß sie vorsichtige Rathschläge gäben; es mangelte ihnen auch nicht an Verstande und Erfahrung; aber sie hätten ins gemein schärffere Augen als ein gutes Hertze. Ihre Weißheit endigte sich in sich selbst / ihre Gewalt am guten Willen / und die Frucht alles ihres Nachdenckens wären unfruchtbare Gedancken. Alle Entschlüssungen hätten ihren Ursprung aus dem irrdischen Theile des Menschen / und ihre Seele keinen edlern Zug als eines Kauffmanns nach Eigen-Nutz / welcher bey ihnen Ehre und Vernunfft überstiege. Wiewohl diese nun / daß sie es übel meynten /nicht beschuldigt werden könten; so bliebe doch gewiß / daß durch Zagheit mehr als Untreu / und von einer schlafenden Schildwache mehr als von einem Kundschaffer geschadet würde. Dieses hätte der König in gegenwärtigem Falle wahrzunehmen / und die niemanden zweymal das Antlitz zuwendende Gelegenheit nicht zu vernachlässigen; da ihm die Schlüssel zur Ost-See entgegen getragen / und mit der Erndte des Agsteins die Schätze der Mitternacht von sich selbst in die Hände gespielet würden. Niemand könte sich einen grossen Herrscher rühmen / der nicht Meister zur See wäre; und welch Reich nicht den güldenen Wieder / nemlich Kauffmannschafft besässe /wäre nicht für reich zu achten. Vannius sahe es zwar dem Könige Marbod an Augen an / daß Alarichs Zunge nach seinem Hertzen redete; gleichwohl aber hielt er es seinem erworbenen Ruhme unverträglich zu seyn / daß er dazu stille schweigen solte. Diesemnach versetzte er mit entrüstetẽ Geberdẽ und feurigẽ Augen: Es wäre wol wahr / daß kühne Rathschläge wie das Unkraut offt eine schönere Farbe hätten / aber die für Furcht geschmähte Vorsichtigkeit diente zu mehr Ruhe und Sicherheit. Jene hätte nach Art wilder Thiere mehr Muth / diese mehr Vernunft / stünde also dem Menschen besser an; sintemal man offt die Heftigkeit der Regungen nach Gelegenheit der Zeit und Veränderung der Umbstände beugen / ja offt mitten in dem hitzigsten Lauffe einer Verrichtung die Deichsel wenden müste. Dahingegen jene lieber den Kopf zerschellten / als selben bückten; an statt die Mauren des Feindes heimlich zu untergraben / lieber die höchsten Thürme übersteigen / bey neuen Zufällen keinen neuen Rath fassen / sondern wider die Unmögligkeit selbst mit dem Kopfe durchdringen wolten / gleich als wenn das Verhängnüs Zeit / Menschen und Geschäffte unter ihre Füsse geworffen hätte. Keine Furcht hätte sein Lebtage ihr eines Haares breit Raum in seinem Hertzen gemacht; aber seine Treue erforderte es: daß er mehr zu des Königes Besten redete / als sich mit verwegenen Rathschlägen sehen liesse. Seine Dienste möchten gegen die reden / welche mehr mit der Zunge / als dem Degen auszurichten getrauten. Marbod brach ein / und wolte weder den Vannius /dem er so hoch verbunden war / für den Kopf stossen / noch auf den Alarich / weil er sein[825] Wort redete / mit dem Vannius zerfallen lassen; sagte also: Beyder Rath wäre wohl gemeynet / und mit wichtigen Gründen unterstützt; aber dem Vannius wären gewisse Geheimnüsse verborgen / welche ietzt noch nicht zu sagen wären / wenn sie aber würden an Tag kommen /würde auch er gestehen: daß Marbod Ursache habe den Krieg wider die Gothonen anzufangen / Vannius aber den wider die Quaden nicht zu unterlassen. Also ward wider des gantzen Kriegs-Raths Meynung der Krieg beschlossen / dahero keiner war / der nicht über Marbods berührtem Geheimnüsse seine besondere Gedancken hatte; Vannius sonderlich / dem er noch nie ein Geheimnüß verschwiegen hatte. Alarich alleine hatte durch den Leuterthal etwas von Marbods Liebe erschnoben / und sich gegen dem Vannius /welchen er auf Marbods Befehl zu versöhnen getrachtet / diese Worte schüssen lassen: Wenn Vannius so viel als er gewüst hätte / würde er im Rathe wie Alarich geredet haben. Dieses erfuhr Marbod / und ward hierüber derogestalt entrüstet / daß er ihn für sich fordern / ihm die Zunge lähmen ließ / daß er gar nicht mehr reden konte / und ihm sagte: Wer nicht schweigen könte / wäre nicht würdig eine Zunge zu haben. Also ist es gefährlicher eines Fürsten Heimligkeit wissen / als ihn ihm sehr verbunden haben. Sintemal Fürsten zuweilen gezwungen werden / die aus dem Wege zu räumen / welche gleich nichts verrathen haben / aber nur was geheimes entdecken können. Daher des Königs Lysimachus Schoß-Kind ihm sehr klug zur Gnade ausbat / er möchte ihm doch keine Heimligkeit vertrauen. Inzwischen hatte Gottwald die Anwesenheit Marmelinens zu Carrodun erfahren / und den Ritter Gabelentz an Marbod abgeschickt ihren betrüglichen Anschlägen zu begegnen; er ward aber mit der Verhör so lange aufgezogen / biß der Krieg wider Gottwalden erkläret ward; und man ihm nicht nur sagte: daß sein Anbringen zu spat käme / und der König sein Lebtage keinen Schluß widerruffen hätte /sondern ihm auch andeutete / daß er in dreyen Tagen sich aus Carrodun begeben solte. Des Hertzogs Bolcko und Reinhards Gesandten thaten zwar ihr euserstes für den Gottwald dieses Ungewitter abzuwenden /konten aber zu Vermeidung des Krieges nichts anders erhalten / als daß Gottwald selbst nach Carrodun kommen / Marmelinens Klage beantworten / und sich Marbods Urtheil unterwerffen solte. Gottwald / als er diß vernahm / sagte: Er wolte lieber Land und Leben verlieren / ehe er sich dem Gothonischen Hause zu Spotte Marbods Urthel unterwerffen wolte / wenn er auch schon bey ihm Gerechtigkeit zu finden trauen könte. Beyde Theile rüsteten sich hiermit eivrig zum Kriege. Marbod gab dem Vannius nur funfzehn tausend von seinem Kriegsheere; noch so viel aber muste er aus der Bojen Lande an sich ziehen. An der Gräntze der Burier und Marsinger ließ er zehn tausend Marckmänner / welche / wenn sich am Rücken iemand rühren wolte / auf alle ein wachsames Auge zu haben unter dem Grafen Erpach befehlicht waren. Hingegen laß er aus den Lygiern / Ariern / Naharvalen sechs tausend Kriegs- und meist Edelleute aus /welche er unter die Marckmänner untersteckte. Ehe er nun fortrückte / sendete er den Ritter Würben an der Peuciner / den Ritter Dietrichstein an der Veneder oder Wenden König mit kostbaren Geschencken / und der Versicherung: daß sein der verjagten Fürstin Marmeline zu Eroberung ihres väterlichen Erbes abgetretenes Kriegs-Volck für ihn keinen Fuß breit Erde einnehmen / denen Nachbarn in seinem Zuge kein Huhn versehren / und schlechterdings alles von[826] Marmelinens Befehle hängen solte. Marmeline ließ auf Marbods Anstifften auch den Wenden versprechen / daß /wenn sie ihr kräfftig beystehen wolten / sie ihnen alles / was auf der rechten Seite des Flusses Alla-Täge /von der Estier Gebiete abtreten wolle. Marbod sätzte hiermit funfzehn tausend Fuß-Knechte auf Schiffe und Flößen / und ließ sie die Weichsel hinunter schwimmen / verbot auch bey Lebens-Straffe / daß weil dieser Fluß die Gräntze mit den Sarmaten hielt / kein Mensch auf der rechten Seiten anlenden / weniger einen Fuß auf die Erde setzen solte. Er aber schickte Marmelinen mit fünf tausend Reitern unter dem Asciburgischen Gebürge gerade der Weichsel zu / wo der die Estier und Wenden unterscheidende Bugstrom in die Weichsel fällt. Er aber folgte mit zwey tausend Reitern und zehn tausend Fuß-Knechten nach; und befahl seinem Stadthalter bey den Semnonern / daß er zehn tausend Marckmänner und Semnoner zusammen ziehen / und an der Warte gegen die Gothonen bis auf ferneren Befehl stehen lassen solte. Wie nun Marbods Völcker an die bestimmten Orte ankamen / ließ er alles vom Wasser aussteigen / stellte sein gantzes Krieges-Heer zwischen der Weichsel und dem Bug in Schlacht-Ordnung / und nach dem die Fürstin Marmeline auf Amazonisch und Königlich ausgerüstet / und mit hundert eben so ausgeputzten Marckmännischen Jungfrauen erschien / erklärte der König Marbod sie anfangs mündlich für das Haupt dieses gantzen Krieges-Heeres; alle Obersten musten ihr Treue und Gehorsam angeloben / hernach ließ er es durch viel Herolden mit Trompeten-Schall allenthalben ankündigen und ausblasen; und Marmeline kündigte durch einen Herold den Gothonen und Estiern als ihren meineydigen Unterthanen / da sie in drey Tagen nach dessen Wissenschafft nicht mit Niederlegung der Waffen sich für ihr demüthigten / den Krieg an. Denn den Fürsten Gottwald wolte sie als einen Verfälscher und Betrüger nicht einmahl eines Herolds würdigen. Dieser / weil er nicht wuste / wo Marbod einbrechen würde / hatte die mit ihm verbundenen Sidiner und Cariner zu Besätzung der Warte bestellet / und unter dem Bug eine Schiffbrücke über die Weichsel geschlagen; damit er sich / wohin ihn die Noth erforderte / wenden könte. Nichts weniger hatte er allenthalben die Wälder verhauen / umb allen Einbruch ins Land zu verhüten oder schwer zu machen. Marbod sätzte unter dem Grafen von Witgenstein ein Theil seines Heeres über die Weichsel und den Bug / und er selbst stellte sich /als wenn er zwischen der Weichsel und dem Viper-Flusse durchdringen wolte; sein Absehen aber war den Feind von der Schiffbrücke wegzulocken / und sich nach und nach des Flusses Meister zu machen. Aber Gottwald war ihm zu klug; und ob wol der König durch die verhauenen Wälder mit Gewalt / jedoch ziemlichem Verluste bey den Gothonen / Witgenstein durch Anzündung des Waldes bey den Estiern einbrach / ließ sich doch Gottwald aus seinem Vortheil nicht locken / sondern gieng auf beyden Seiten der Weichsel dem Marbod an der Seite nach; und mühete sich ihm am Rücken die Lebens-Mittel abzuschneiden; befahl auch / daß in den Gegenden / wo der Feind sich näherte / alles / insonderheit das Getreyde / welches bey den Estiern und Gothonen häuffiger als sonst in Deutschland wächset / verbrennet ward. Ob nun zwar dem Marbod hierdurch sein Absehen gantz und gar verrückt / und er stutzig ward: Ob er tieffer ins Land gehen solte / zumal da Gottwald so meisterlich als jemals Fabius zu verhüten wuste / daß er mit seinem Feinde nicht schlagen dorffte / ihm aber gleichwol stets auf dem Halse war / und ihn was wichtiges vorzunehmen hinderte. Nachdem aber in Kriegen einiger Schade dem Pöfel weher thut / als ihn der daraus erwachsende gemeine Nutz[827] vergnüget /wusten die / welche es ins geheim mit Marmelinen hielten / dem murrenden Volcke durch eine künstliche Arglist die Fehler des Krieges vorzumahlen / und zwar euserlich ihren beyden Feldhauptleuten Poppo von Orselen und Kinproden Mängel auszustellen /daß sie den anziehenden Feind in ihrem Lande erwartet hätten / nicht ihm selbst in seinem eigenen zuvor kommen wären / ja ihn in dem Eingeweide des Reiches nach Belieben rasen ließen / sonder daß sie das Hertz hätten ihm mit dem zum Schlagen behertzten Kriegs-Heere die Stirne zu bieten. Durch solche furchtsame Langsamkeit würden die Tapffersten zaghafft gemacht. Sintemal die Furcht mehr daraus entspringe / daß man ihm selbst zu wenig als dem Feinde zu viel zutraute. Wer im Kriege das seine nur beschirmte / dem Feinde nicht selbst in seinem Lande auf den Hals gienge / gestünde selbst seine Schwachheit / und gäbe ihm halb verlohren. Die Gothonen und Estier hätten noch niemals umb was eigenes / sondern stets umb frembdes Gut Krieg geführt; nun aber liessen sie durch Brand und Mord das ihrige ohne eine Hand zu rühren verterben. Marmeline alleine schiene die Tapferkeit ihrer Vor-Eltern behalten / und von Männern solche auf ihr Geschlechte versätzt zu haben / welche unter der Schwerde der Waffen nicht müde würde / sondern täglich an der Spitze ihres Heeres sich sehen ließe / und gerne mit ihrem Feinde schlüge / wenn sie nur einen könte zu Gesichte bekommen. Hierdurch machte sie sich der verlangten Herrschafft würdig; wenn sie gleich sonst kein Recht darzu hätte. Hierdurch aber tasteten sie nicht nur unvermerckt den Fürsten Gottwald selbst an; Sintemal Diener auf solche Art nicht sündigen können; daß nicht entweder der Fürst Schuld des Unverstandes oder der Unachtsamkeit dabey habe; sondern sie reitzten auch das Völck zum Abfalle. Massen denn in weniger Zeit der schlaue Leuterthal durch seinen Anhang über drey tausend Gothonen und Estier auf Marmelinens Seite lockte; welche dem Marbod von aller Verfassung des Landes Kundschafft brachten. Hingegen weil das Geschrey im Kriege offt mehr als viel tausend geharnschte Leute thun / ließen Marmeline und Marbod ihre Siege und erlangten Vortheil allenthalben zehnmal grösser machen als sie an sich selbst waren /brachten auch darmit bey den Wenden zuwege / daß sie nicht allein die Schwerdter der Scyren / welche dem Hertzoge Gottwald zu Hülffe zu ziehen schon fertig gestanden / in der Scheide behielten / sondern sie fielen auch mit 12000. Reitern den Estiern ein /und sätztẽ durch ihre Grausamkeit alles in Flucht und Schrecken. Dieses nöthigte den Fürsten Gottwald seine Rathschläge zu ändern; ließ also nur drey tausend Estier in einem vortheilhafftigen Orte gegen den Grafen von Witgenstein stehen; alles übrige Volck zohe er des Nachts in möglichster Stille über die Weichsel an sich / und machte Anstalt folgende Nacht bey aufgehendem Monden den König Marbod mit allen Kräfften anzugreiffen. Alleine dieser Anschlag ward durch Wernern einen im Kriegs-Rathe sitzenden Obersten / welcher mit dem Leuterthal heimliches Verständnüs hatte / zeitlich verrathen / daher Marbod / welcher etliche Tage vorher das gröste Theil seiner Reiterey mit einem Ausschusse des besten Fuß-Volckes gegen die Carnier und Sidiner geschickt hatte /umb selbte von der Warte abzuziehen / daß die Semnoner desto leichter über den Fluß kommen könten; hierüber nicht wenig verwirret ward. Deñ ob er zwar sein Läger an einem vortheilhafftigen Orte hatte / oder auch selbtes fortrücken konte / traute er doch dem streitbaren Gottwald mit seiner verminderten Macht nicht gewachsen zu seyn / und durch das letztere Mittel wolte er keinen Schein der Flucht von sich geben. Diesemnach er denn sein Volck augenblicks zurück beruffen / alles auch bereiten ließ die Gothonen tapfer und vortheilhafftig zu[828] empfangen. Gleichwol aber schrieb er durch Leuterthalen an den Verräther / und versprach selbtem goldene Berge / da er durch ein Mittel Gottwalds Vorschlag nur auf ein paar Tage hinterziehen könte. Werner saan der Sache nach / und weil die Boßheit ins gemein tiefsinnig ist / machte er sich an Monheimen den fürnehmsten Priester der Estier im Lager / und gab selbtem mit vielen Thränen des Hertzogs Anschlag zu vernehmen / welcher der Gothonen Untergang Zweifelsfrey befördern würde / weil er gleich den ein und zwantzigsten Heumonats-Tag träffe / welchen die Gothen und Cimbern jederzeit für einen der unglückseeligsten gehalten hätten. Hingegen / wenn er nur zwey Tage verschoben bliebe / fiele der glückseelige und ihrem Siege so viel heller leuchtende Monde ein. Alle verständige Kriegs-Häupter wären destwegen nicht weniger furchtsam als bekümmert; jedoch traute sich keiner es dem Fürsten zu sagen /weniger den Anschlag zu widerrathen. Der Priester /welcher selbst auf die Wahl der Tage viel hielt / nam Werners Thränen für unfehlbare Zeichen seiner Treue an / und vertröstete ihn hierwider Rath zu schaffen. Denn dieser nam alsbald darauf ein Absehen / daß die Estier / so offt sie zu Feld zohen / oder eine Schlacht lieferten / einem Priester eines wilden Schweines Bild / fürtragen ließen. Dieses war aus Agstein so groß als ein ziemlicher Kirbs und an der Estier Ufer aus dem Meere gefischet worden / daher es die Estier nicht nur für ein Geschencke Gottes / sondern wie die Römer den aus Phrygien gebrachten Stein für ein Schutz-Bild ihres Reiches und für das Wahrzeichen ihres Gottesdienstes hielten. Diesemnach die Nachbarn glauben /daß sie durch diesen Schweins-Kopff entweder die Mutter der Götter / wie die Egyptier durch den Hunds-Kopff den Anubis abbilden. Andere sind beredet / daß sie unter diesem Bilde den Kriegs-Gott /welchen durch ein wild Schwein der Adon tödten lassen / verehren; weil in der ersten Welt die Menschen nicht selbst / sondern durch wilde Thiere / und sonderlich wilde Schweine / welche wie die Elefanten von der Natur mit vorragenden Zähnen ausgerüstet sind / und sie es offt mit Löwen und Tiegern annehmen / mit einander Krieg geführt haben. Dahero auch Helden ihre Helme mit ihren Zähnen ausrüsteten / und sie wie Tydeus in ihre Schilde mahlen ließen / viel bildeten ihnen ein / sie dienten unter dieser Gestalt dem Hercules / weil er das Erymantische wilde Schwein gefangen / und auf seinen Achseln lebendig nach Athen gebracht hat. Nicht wenig hielten dieses Agsteinene Schwein für ein Bild der Sonne / weil der Agstein aus den Thränen der Sonnen Töchter sollen entsprossen / die wilden Schweins-Zähne aber / wenn sie sie wetzen / so feurig seyn sollen / daß die daran gehaltene Haare davon sich versängen / und zusammen lauffen. Ins gemein aber hält man es für ein Bild des Monden / welcher auf Erden den Nahmen Dianens und das Ampt einer Jägerin hat. Alle Estier aber sind beredet: daß sie es für ein mächtiges Schutz-Bild wider die Feinde fürtragen ließen / destwegẽ beruffte Hertzog Gottwald auch die Priester zu dieser Verrichtung. Unter diesen gab Monheim dem Fürsten zu verstehen: daß sie diesen Tag das göttliche Bild nicht von der Stelle rücken dörfften. Warumb? fragte Gottwald; welchem Monheim antwortete: weil es einer der unglücklichsten Tage im Jahre wäre. Gottwald gab ein Lachen darein / und sagte: Es wäre entweder eine grosse Einfalt / oder ein nicht kleiner Aberglaube Glück und Unglück an gewisse Tage binden. Die Tugend wäre Meister der Zeit und Mutter unsers Glückes. Der Priester versätzte: Ob er in der Welt der einige wäre / welcher dem Glücke keinen Tisch sätzte /und ihm darauf keinen Weyrauch anzündete? Gottwald begegnete ihm: die Unwissenheit der Dinge und ihrer Ursachen[829] hätte den Nahmen des Glückes eingeführt / und die Thoren hätten es ihnen gar zum Gotte gemacht. Der Priester fiel ein: das Glücke wäre zwar kein Gott / aber wie die Natur die allgemeine / also jenes die besondere Ordnung Gottes. Die Natur hätte ihre gewisse und beständige Richtschnur / daher könten ihre Würckungen von Weisen; des Glückes Schickungen aber / welche niemals auf geraden Wege fortrücken / von niemanden vorgesehen / sondern nur aus dem Schatten der Erfahrung gemuthmaßet werden. Weil aber hieran so viel gelegen wäre / würde man kein so unachtsames Volck zu nennen wissen / welches nicht zu Unterscheidung der glück- und unglücklichen Tage ihre Begäbnüsse genau angemerckt hätte. Die Egyptier hätten in jedem Monate zwey Tage / und sonderlich die / an welchen Typhon gebohren und Osiris zerfleischet worden / die Juden nur den siebenden Heu- und den achten Herbst-Monats-Tag / die Römer den andern / sechsten und vierzehenden Tag eines jeden Monats / das Feyer der verstorbenen Geister / insonderheit den Tag / da des erschlagenen Remus Geist versöhnet wird / und an welchem Romulus verschwunden / wie auch da Hannibal die Römer bey Canna geschlagen; die Chalcedonier den ein und zwantzigsten Tag jeden Monats / weil an diesem des Darius Land-Vogt ihre Söhne ausgeschnitten und in Persien geschickt / die Persen zwey Tage / da sie von Griechen bey Platea und Mycale / vom grossen Alexander beym Fluße Granicus geschlagen worden; die Griechen den fünf und zwantzigsten Heu-Monats-Tag / und das Feyer des Adon / die Carthaginenser den ein und zwantzigsten Tag ihres Monats Metagitinon als schwartz gezeichnet / an welchem sie zu heyrathen oder den Feind anzugreiffen für höchstschädlich hielten. Nichts weniger hätten die Gallier / Cimbern und Gothen drey und dreißig Tage des Jahres / als an welchen alles krebsgängig würde oder übel ausschlüge /angemerckt. Hingegen hättẽ die Syracusaner auf den vier uñ zwantzigsten Mey / an dem sie die Athenienser aufs Haupt erlegt / die Sicilier auf den siegreichẽ Geburts-Tag ihres Timoleon / Käyser Julius auf seinen eigenen / Xerxes auf den / an welchem er König worden / die Parther auf ihren ersten Freyheits-Tag /da Arsaces den Selevcus überwunden / Cyrus auf den / an welchem er die Scythen und Sacken geschlagen /die Athenienser auf den vierdten Tag des der Sonne gewiedmeten Monats / da sie bey Leuctra und Gerest so glücklich gefochten / und auf den / da sie den Artabazes / und die Persen aus Griechenland gejagt / so grosse Thürme gebauet / gleich als wenn das Verhängnüß sich an selbte durch einen unzerreißlichen Glücks-Fadem verknüpfft hätte. Hertzog Gottwald begegnete ihm: Ein und ander auf einerley Zeit ungefehr eintreffender Zufall hätte diesen Irrthum gebohren / und die Arglist Verzagten oder Hertzhafften ihre Furcht oder Hertzhafftigkeit zu benehmen sie auf die Beine bracht. Daher niemand kluges wider die Vernunfft sich daran nicht binden / die Zeit versäumen und die Gelegenheit aus den Händen gehen lassen solte. Der Priester fiel ein: die Erfahrung / daß einerley Tag allemal glück- oder unglücklich gewest wäre /wäre unlaugbar / und daher könte dis / was tausend mal geschehen / für nichts zufälliges gehalten werden. Die Zeit und das Rad des Glückes hätte vermuthlich eben so wol ihren gewissen Lauff als die Gestirne; nur daß die Menschen noch nicht so eigentlich jenes als dieser Geheimnüsse ergründet hätten. Wie lange wäre es / da man eben so wenig die Sonn- und Monden-Finsternüsse als jetzt den Ausschlag der Kriege vorher zu sehẽ gewüst hätte: Alleine / wie man schon aus den Gestirnen und gewissen Zeiten viel Zufälle muthmaßen könte / also würde vielleicht Nachdencken und Erfahrung hierinnen der Welt mehr Licht aufstecken; Gottwald[830] sätzte ihm entgegen: Wann die widrigen Beyspiele / da einerley Tage Glück und Unglücke ausgebrütet hätten / gegen die mit einander übereintreffenden gezählet werden solten / dieser nicht einer gegen jener hundert kommen; diesemnach hätten kluge und tapffere Leute zwar die Witterung dieser oder jener Jahres-Zeit nach ihren gewöhnlichen Eigenschafften / wie die Ackers-Leute heimliche Tage zur Einerndtung / und die Schiffer die Sommers-Zeit zur Absegelung zu gebrauchen gewüst; außer dem aber die Wahl der Tage als eine schädliche Eitelkeit glücklich verlachet. Also hätte Käyser Julius zur Zeit / da ihm jedermann den Schiffbruch wahrsagte / sein Volck glücklich in Africa übergesätzt; Lucullus an dem Tage / da vorhin die Römer von Cimbern eine schändliche Niederlage gelitten / den Tigranes und die Armenier aufs Haupt geschlagen; Crassus wäre an dem glücklichen Siegs-Tage des Ventidius von eben den Parthen schimpflich in die Flucht gebracht / Pompejus an dem Tage / da er die See-Räuber und Mithridaten überwunden / in Egypten ermordet worden. An des Romulus Geburts- und Sterbe-Tage wäre eine Sonnen-Finsternüs gewest. Plato und Attalus wären an ihrem Geburts-Tage gestorben. Odion hätte bey einem Monden-Finsternüsse / Pelopiclas den Alexander Phereus / und Alexander den Darius überwunden; und alle diese hätten die Wahrsagungen des Unglücks verlachet. Und wie könte es im Kriege anders seyn; als daß des einen Unstern des andern Glücksstern seyn würde / das eines Verlust den andern mit Sieg und Beute bereicherte? hingegen wäre es mehr denn allzu gewiß; daß die Zeit so geschwinde als die Sonne fortlieffe / aber niemals wie diese wieder käme; daher müste ein Kriegsmann so wol als ein Weiser keinen Augenblick versäumen; denn an so wenigem hienge offt so wol jenem der Sieg / als diesem die Ewigkeit. Dessen allen ungeachtet / blieben die Priester / entweder weil sie selbst allzu sehr beredet waren / daß das Glück und Unglück den Hang von der Zeit / nicht von eigenem Witz und Geschickligkeit den Hang hätte /oder weil sie für nicht irrende gehalten werden wolten / auf ihrer Meinung / berufften sich auf die unstreitige Gewißheit / daß bey Aufgehung gewisser Sterne Ungewitter entstünden / und auf die unwiderlegliche Erfahrung der Schiffleute; daß es am sechsten / zwölfften / funffzehenden / siebzehn neunzehend- und zwantzigsten Tage des Hornungs / am fünfften / sechsten / zwölfft- und zwantzigsten April / am ersten /siebenden / vierzehnden / siebzehn / neunzehn- und fünf und zwantzigsten Mertz jedesmahls gefährlich schiffen wäre. Die widrigen Beyspiele benähmen ihrer wahrhafften Meinung nichts. Denn weil jeder Mensch und jedes Volck einen ihm vom Verhängnüsse zugeeigneten Schutz-Geist / die Gestirne auch nach dem Unterschiede der Oerter widrige Würckungen / ja die Oerter selbst ihre gewisse Glück- und Unglückseeligkeit an sich kleben hätten; wäre kein Wunder / daß der / welcher für einem Jahre an diesem Tage gesiegt hätte / heute an einem andern Orte und gegen einen andern / dessen Glücks-Tag es vielleicht träffe / verspielte. Das Geburts- und Sterbe-Licht könten gar wol einen Tag treffen / weil dieses einen Menschen glücklicher als jenes machte. Sie begehrten zwar ihrem Fürsten in seiner Herrschafft und Krieges-Anstalt nicht einzugreiffen / weniger Mängel auszustellen; aber ihnen wäre unverantwortlich ihr göttliches Bild an einem mit Kohlen gezeichneten Tage dem Heere fürzutragen / und dessen Ansehen gleichsam muthwillig in die Schantze zu sätzen. Also hätten die klugen Athenienser an dem Plynterischen Feyer das Bild der Götter Ceres nicht sehen lassen / sondern mit allem Fleisse versteckt / und mit ihrem heiligen Geräthe verwickelt. Hertzog Gottwald fiel ein: die glücklichen Römer aber hielten den Tag / da[831] sie den Kriegs-Gott in seinem Tempel durch Bewegung ihrer Amylien erweckten / für unglücklich / so daß sie an selbigem nicht reiseten / nicht heyratheten / keine Bündnüsse schlossen. Monheim fiel dem Hertzoge Gottwald zu Fusse / und bat ihn: er möchte doch der Priester heilsamen Rathe / welche umb nichts anders als des Volckes Heil und des Fürsten Ehre bekümmert wären / statt geben. Es wäre eine der grösten Klugheiten seine Meinung nach Beschaffenheit der Dinge ändern / nicht aber durch blinde Hartnäckigkeit sich selbst zum Märterer seiner Meinung machen / und lieber mit Schaden einen angefangenen Irrweg verfolgen / als unvorsichtig was angefangen zu haben beschuldigt seyn wollen. Und wenn er nicht dieses Tages Unglück besorgte / doch seine Tapfferkeit desto heilsamer auszuüben nur zwey Tage / da mit dem Vollmonde sein Glück sich vergrößerte / verschieben. Sie zweiffelten an seiner Klugheit und Tapfferkeit nicht /aber hätten doch die streitbarsten unter den Griechen nemlich die Spartaner von ihrem Lycurgus ein Gesätze gehabt und als heilig beobachtet: daß sie für dem Vollmonden ihr Heer nicht ausgeführet hätten. Wenn aber frembde Beyspiele ihm nicht anstünden / möchte er alleine behertzigen: daß des mächtigen Königes Ariovist vom Käyser Julius erlittene Niederlage aus nichts anderm herrührte; denn daß er für dem Neumonden wider seiner Priester Warnigung dem Feinde die verlangte Schlacht geliefert hätte. Ob nun zwar Hertzog Gottwald wol besorgte / daß die Gelegenheit seines Anschlages ihm aus den Händen gehen / oder dieser gar verrathen werden würde; so muste er doch besorgen / daß / wenn kein Priester seiner Völcker Gewohnheit nach das Kriegs-Volck zur Tapferkeit anreitzte / noch das so grossen Glauben habende Bild vortrüge / solchen zugleich Muth und Hertz entfallen /also der geringste Zufall das gantze Spiel verterben würde / und daher mit dem höchsten Unwillen seinen Anschlag zurück sätzen. Inzwischen hatte Marbod das Glücke nicht allein sein gegen der Warte geschicktes Kriegs-Volck zurück zu bekommen / sondern auch die Semnoner / welche bey den zertheilten Carinern durchgebrochen waren / an sich zu ziehen /ohne daß Gottwald hiervon einigen Wind / Marbod aber vom Werner Nachricht kriegte; daß er auf den Vollmonden vom Gottwald überfallen werden würde. Diesemnach er auf bestimmte Zeit alle seine Kriegs-Künste nicht allem zu einer vortheilhaften Gegenwehr / sondern auch seinen Feind mit seinem eigenen Fallbrete zu stürtzen hervorsuchte. Er zohe alle euserste Wachen umb sein Läger ein / und die letzte befehlichte er beym ersten Angrieffe zu fliehen; hingegen versteckte er auf beyden Seiten zehn tausend Marckmänner und Semnoner mit der weissen Reiterey unter dem Ritter Zierotin und Dietrichstein in die Wälder / und sechs tausend andere ließ er unter dem Ritter Hoditz und Weltz durch einen Umbweg sich dem Gothonischen Läger nähern. Er und Marmeline sparten sich mit der übrigen Macht das Hauptwerck auszuführen. Gottwald hatte zu seinem Vorhaben alle kluge Anstalt gemacht / und Feuchtwangen führte mit sechs tausend Gothonen den Vortrab / Hertzog Gottwald folgte mit zehn tausend Gothonen und Estiern /und Radzivil war mit vier tausenden zum Hinterhalte bestellt. Der Vortrab rückte ohne einige Hindernüs bis ans Läger unverhindert fort / also daß Hertzog Gottwald / welchem Marbods Wachsamkeit bekand war / alsbald eine Kriegs-List besorgte / als er die vorhin verhauenen Wege offen und unbewacht fand. Westwegen er augenblicks dem Feuchtwangen einen Stillestand gebieten ließ; welcher gleich auf die letzte Wache für dem Läger traf und selbte ohne Müh über Hals und Kopff zurücke trieb. Im Lager rührte sich noch kein Mensch / weniger wehrete jemand / daß die Gothonen mit bey sich habenden[832] Reisig-Gebünden den Graben füllten / und die Zug-Brücke abließen. Ja der erste Lermen im Lager entstand allererst / als mit einem kleinen Sturmbocke das Thor aufzusprengen angefangen ward. Feuchtwangen kriegte vom Gottwald gleich den Befehl sich nicht zu übereilen / als das Thor aufsprang; daher er dem Hertzoge zu entbieten ließ / das Lager wäre schon gewonnen / also könte er ohne ärgste Schande sich aus einem Sieger zu keinem Flüchtlinge machen. Inzwischen hatte Hertzog Gottwald noch mehr Ursachen seines Argwohns ausgespürt / daher noch ein Befehl auf dem Fusse folgte /Feuchtwangen solte sich unverrückten Fusses zurück ziehen. Aber diesem verstopffte die Ehrsucht seine Ohren / gleich als wenn ihn seines Fürsten Befehl nicht angienge. Er antwortete daher: Es stünde nun wol das Lager in seiner Gewalt / aber nicht sein hitziges Volck zurücke zu ziehen / welches vom Verhängnüsse durch Verwölckung des Monden gleichsam mit den Händen zu Uberwindung des Feindes geleitet würde. Ihm stimmten auch die meisten des Adels bey / entweder weil jedermann im Fechten lieber kühn als bedachtsam gescholten seyn wil / oder weil aller hohen Häupter Irrthum mit Ansehen und einem Befehle ihm beyzupflichten gewaffnet ist; also auch unvernünfftige Würde allezeit ihre Nachtreter behält. Mit dieser Einbildung drang er unbedachtsam zur Pforte und über den Wall in das gantz finstere Läger; in welchem er aber auf einmal etliche hundert Kienfeuer anzünden sahe / welche ihm die Augen öffneten / daß der Feind für ihm in voller Schlacht-Ordnung stand / und ihn mit Pfeilen und Wurff-Spießen gleichsam überschneyete. Feuchtwangen verlohr mit überkommenem Gesichte das Hertze / daher er sich gerne gewendet hätte / aber die Enge des Ortes / weil auf der einen Seite ein Sumpff / auf der andern alles verhauen war / und der aus zweyen Pforten ausfallende und ihm auf den Hals gehende Feind nöthigte ihn Stand zu halten. Wie nun die gröste Furcht eine Hebamme der Tapferkeit ist / also muste Feuchtwangen /der ohne dis den Hals mit seinem Ungehorsame verwürckt hatte / aus der Noth eine Tugend machen /und sich auf dreyen Orten zur Gegenwehre stellen /wiewol er sich im Gedränge kaum rühren konte / die Marckmänner aber alles zu ihrem Vorthel hatten. Hertzog Gottwald schäumte zwar für Zorne über seines Feld-Obersten tollkühnen Blindheit / gleichwol aber konte er übers Hertze nicht bringen / noch traute er es ohne Verlust alles vorhin erworbenen Ruhmes seinen umbzüngelten Vordrab im Stiche zu lassen /sondern suchte durch ein Gepüsche weil hinter dem Vortrabe die versteckten Marckmänner noch die Brücken theils abwarffen / theils anzündeten / seinem Volcke Lufft zu machen. Er hatte sich aber mit grosser Müh kaum durchgearbeitet / als der sich aus dem Gewölcke hervor machende Monde ihm das Marckmännische Haupt-Fahn mit dem rothen Löwen / der Gothonen rothen Adler aber zum andern Kriegs-Zeichen / hiermit auch alsbald den König Marbod und Marmeline mit dem Kerne ihres Volckes ihm die Heer-Spitzen zeigen sahe. Hertzog Gottwald ward über diesem Anblicke so sehr erfreuet / gleich als ihm der Himmel darmit schon die Siegs-Palmen zureichte. Jedoch fiengen in seinem Hertzen Ehre und Rache den ersten Streit an; indem diese ihm seine Schwester /jene dem großmächtigen Marbod anzugreiffen riethen. Diese behielt gleichwol in seinem / wie in allen edlen Gemüthern die Oberhand / also daß er sich mit dem lincken Flügel an Marbod machte / mich aber befehlichte an Marmelinen und dem rechten Flügel sein Unrecht zu rächen; weil sein Geblüte gegen sie zu weich / oder seine Rachgier gegen sie zu strenge seyn[833] dörffte. Sintemahl es so schwer wäre nach rechtem Maaße zu lieben und zu hassen / als zu verwunden. Marbods und Marmelinens Seelen loderten hingegen theils von Liebe / theils von Ehrsucht / welche beyde die schärfsten Wetzsteine der Waffen sind. Die Marckmäñer und Gothoner schärften ihre Schwerdter auch an keinem geringern Stahle. Denn jene fochten umb die uns so sehr kitzelnde Herrschafft / diese umb die mehr als güldene Freyheit. Also geriethen beyde Heere mit höchster Verbitterung an einander / weil jedes glaubte / daß es an Hertzhafftigkeit dem andern überlegen wäre / und der nunmehr helleuchtende Monde eines jeden Helden-Thaten ein Licht anzündete. Beyde Kriegs-Häupter waren an ihren güldenen Waffen / und Marbod mit seinen über dem Helme stehenden und vergüldeten Püffel-Hörnern / Gottwald aber mit einem vergüldeten Elends-Geweyhe / welches gemeinen Thieres Hörner die Estier fast alle im Kriege zu führen pflegen / genungsam kenntlich. Ob sich nun zwar sonst kleine Fürsten so ungerne Grössern / als Häringe den Wallfischen nähern; verhält sichs doch im Kriege viel anders als im Gepränge /und Gottwald kam für Begierde mit dem Marbod selbst anzubinden fast außer sich. Weil nun dieser an jenen nicht weniger Lust hatte / und die zu ihrer Leibwache bestellten Grafen beyden durch das Gedränge Raum machten / kamen sie zeitlich an einander. Sintemahl bey den Deutschen die Kriegs-Häupter nicht wie die der Binen sich in die sichere Mitte ihres Heeres einsperren / sondern an die Spitze stellen / und der /welcher nicht mit dem Haupte seines Feindes gefochten / seinem Ampte keine Ausrichtung gethan hat. Beyde wiesen durch die Geschickligkeit ihres Kampffes / daß dis ihr lange getriebenes Handwerck wäre /und durch dessen Heftigkeit / daß mehr als Löwen-Hertzen in ihren Brüsten steckten. Lantzen und Wurf-Spieße waren ohne eines oder des andern Beschädigung verbraucht / also grieffen beyde zu ihren Schwerdtern; und wie verbittert sie gleich gegen einander waren / indem Marbod für Marmelinen und ihren herrlichen Brautschatz / Gottwald aber für seine Hertzogthümer als die eigentliche Braut eines Fürsten fochte; so vergieng sich doch keiner durch einige Ubereilung / also daß ihr Streit auch in einem Schauplatze einen Lust-Kampff hätte abgeben können / wie es hier zu einem Beyspiele anderer Kriegs-Leute sonderlich aber der umb sie her sich mit einander schlagenden Ritter diente. Ob nun zwar / als es in die Länge wehrete / der jüngere Gottwald an Geschwindigkeit dem Könige Marbod es vorzuthun schien / so fochte dieser doch mit einer solchen Behutsamkeit /daß es schien / er wüste alle künfftige Streiche des Gottwalds vorher / und sie hätten es mit einander abgeredet / wie sie einander angreiffen und begegnen wolten. Bey dieser Vorsicht aber nam keiner wahr /daß sich unzählbare Schlangen theils umb ihrer Pferde Beine schlingeten / theils auf der Erde wider ihre angewohnte Eintracht wider einander stritten / bis ihre Pferde durch ungewöhnliches Schäumen ihnen solches anzumercken Anlaß gaben. Gottwald / welchem die Menge der Schlangen in selbiger sümpfichten Gegend nicht unbekand war / ließ sich dis nichts irren /und da dis ja was bedeuten solte / legte er es wie Lucius Sylla / als er bey Nila wider die Samniter kriegte / für ein Zeichen des Sieges aus. Marbod hingegen /welcher sich erinnerte / daß der Schlangen Erscheinung dem Croesus / dem Cajus Hostilius Mancienus im Numantischen / dem Cajus Gracchus in Laconien /und dem Titus Gracchus zu Rom den Untergang gedräut hatten / ward hierüber so erschreckt / daß er seine Schantze versahe / und vom Gottwald in die rechte Achsel heftig verwundet ward; und weil er dardurch den Arm[834] zu brauchen unfähig ward / hätte ihm Gottwald das Licht auszuleschen das Glücke gehabt /wenn nicht der Ritter Schlawata darzwischen gesprengt / und durch seine Gegenwehr den König auf die Seite zu bringen Gelegenheit gemacht hätte; welcher nunmehr allererst dem Ritter Zierotin und Dietrichstein Befehl zubringen ließ / daß sie mit ihren versteckten Völckern die Gothonen am Rücken angreiffen solten. Inzwischen hatte der Ritter Schlieben das Glücke gehabt Marmelinen aus dem Sattel zu heben /und ich den ihr zur Seite verordneten Grafen von Meranien gefährlich zu verwunden / also daß er sich muste aus dem Treffen führen lassen / und bey nicht weniger Bestürtzung der Marckmäñer und Verlust der einen feindlichen Haupt-Fahne uns ein Blick des Sieges anlachte. Alleine die bey uns an zwey neuen Seiten einbrechenden Marckmänner und Semnoner machten uns anfangs an dem guten Anfange die für uns stehende Feinde in Unordnung zu bringen irre; hernach wendete sich das Blat gar / weil die Gothonen und Estier von Feinden nicht nur mehr als zwey oder dreyfach übermannet waren / sondern sie fürnemlich von Gegenwart der gleichsam aus den Wolcken gefallener Semnoner / und daß die Reiterey auf langen Spießen angezündete Pechpfannen führte / worvon der uns widrige Wind Gestanck und Rauch in die Augen führte / in einen sehr harten Stand versätzt wurden. Nichts desto weniger verlohr Gottwald nichts von seiner Klugheit weniger von seinem Muthe; sondern er theilte sein Volck vor und rückwerts in eine zweyfache Schlacht-Ordnung; also daß der selbst vor und hinterwerts uns andringende Feind den Gothonen und Estiern zu weichen verbot. Es ward mehr als menschlich / ja grimmiger als von wilden Thieren / ich wil von höllischen Geistern nicht sagen / gegen einander gewütet. Der sterbenden Feinde Mord-Geschrey war der andern Freuden-Gethöne; die Lebenden bildeten ihnen ein auf Leichen fester zu stehen als auf der bloßen Erde; und der fühlte keine Bitterkeit des Todes /der mit seinen Armen den Feind mit zu Bodem rieß. Gottwald war bald hinten bald vorwerts / und wo die gröste Noth uns anstieß / der erste. Seine von feindlichem Blute bespritzte Waffen hatten ihre erste Farbe /und er selbst drey Pferde unter dem Leibe verlohren /seine Degen wurden stumpff / daß er sie mit der Feinde verlohrnen Schwerdtern verwechseln muste. Gleichwol aber er weder müde noch kleinmüthig /weil sein Gemüthe keiner Furcht / wie das Oel keines Untersinckens fähig war. Sein Kriegs-Volck war dem Haupte nicht ungleich / und kein Edelmann thät in dieser grimmigen Schlacht seinen Fürsten einen Spott an / sondern alle wolten mit ihm sterben; weil mit ihm zu siegen wenig Hoffnung mehr dar war; sonderlich /als man gegen der Weichsel ein grosses Feuer aufgehen sah / und der geschwinde Ruff die Gothonen vergewisserte: daß Bercka mit sechs tausend auf Gothonisch gekleideten Marckmännern sich des Lagers und der Schiffbrücke bemeistert hätte. Vieler Tapfferkeit verwandelte sich nun in Verzweiffelung / wie der bisher helle Himmel in eine wölckichte Finsternüs / also daß Feind und Freund nicht mehr aus ihren Kriegszeichen / sondern nur aus dem Unterscheide des Wortes zu erkennen waren / auch wenn einer es nicht bald von sich gab / offtmals selbter von seines Freundes eigener Spitze fiel. Gottwald und seine Ritterschafft übte gleichwol unzählbare Wunderwercke der Tapferkeit aus / welche ich zwar nach Verdienst nicht rühmen kan / aber doch so wenig von ihrer Würde verlieren / als die verborgenen Edelgesteine in den uneröfneten Adern der Erde / die ungefischten Perlen im Bodeme des Meeres / und die unsichtbaren Sternen der Milchstrasse.[835] Wie kein Unglück ohne Gefärthen ko t / also verlautete nun auch / daß Feuchtwangen mit seinem Vortrabe zwar die Scharte ihrer Ubereilung mit mehr als menschlicher Gegenwehre auszuwetzen bemüht gewest / aber biß auf den letzten Mann in die Pfanne gehackt worden wäre. Dahero die Kriegs-Obersten und sonderlich ich dem bißher unbeweglichen Gottwald einredeten: Es wären nun nicht mehr umb die Ehre des Sieges / sondern umb das Heil der Fürsten / und umb Rettung seiner im brennenden Lager gelassenen Gemahlin zu thun; daher müste man sich / weil sich schon am Morgen der Tag etwas zeigte / der noch währenden Finsternüß durchzubrechen bedienen. Dieses letztere drang ihm endlich zu Hertzen / weil die Liebe doch König über alle Könige ist; daß er etlichen seiner Kriegs-Obersten die oberste Befehlhabung überließ / er aber mit seiner Leibwache anfangs mit Gewalt sich gegẽ dem Läger durchzuschlagen mühte / als aber diß unmöglich schien / und der Tag ihm auf den Hals kam / durch Gebrauch des feindlichen Wortes mit ungefehr hundert Rittern glücklich durchkam / aber weil für Hitze kein Mensch im brennenden Läger bleiben / weniger durch die lodernden Thore eindringen konte / ward er gantz verzweifelt / weil er seine Gemahlin darinnen den grausamen Tod Semelens erlitten zu haben besorgte. Er erblickte aber in einem etwas entfernten Gepüsche eine ziemliche Menge brennender Kühn-Fackeln / und in seinem Hertzen fühlte er einen gewaltigen Zug sich daselbst hinzuwenden. Er setzte daher mit seinem Gefolge Spornstreichs dahin / und vernahm bey seiner Näherung ein nicht kleiner Wehklagen von denen mit Gewalt auf Pferden gesetzten Frauen / als ein Schwirren der Waffen. Seine Ankunft zeigte ihm Augenblicks / daß es Gothonisches Frauenzimmer war /welche theils der Feind / theils der Brand aus dem Lager und dem Weltz in die Hände gejagt hatte. Gleichwohl aber mühete sich der Ritter Dohna und Schlieben / welche noch etwan fünf hundert Estier aus der Besatzung des durch Krieges-List eroberten Lägers zusammen gerafft hatte / ja das Frauenzimmer selbst mit ergrieffenen Waffen sich zu retten. Hertzog Gottwald ward hierdurch aufs eivrigste entzündet /daher er auch als ein Blitz die Feinde anfiel / und nicht ruhen konte / biß er nach Zerstreuung etlicher Hauffen seine Gemahlin an einem Baume angelehnet /und sich gegen zwey Marckmänner mit einer aufgelesenen Lantze beschützend antraff. Alleine Gottwalds Anblick und Schwerdt-Streich waren eines / damit er beyder Feinde Leben seiner rachgierigen Liebe aufopferte. Der Ritter Weltz und die / welche sich mit der gefährlichen Waare des Frauenzimmers betastet hatten / musten meist mit ihrer Beute das Leben lassen /und die übrigen die Flucht zu dem das Lager besetzt haltenden Hoditz nehmen. Hertzog Gottwald ward hierüber so sehr erfreuet / als wenn er mit der Schlacht nichts verlohren hätte. Und weil er vernahm / daß Radzivil mit seinem Hinterhalte dem Zierotin und Dietrichstein in die Eisen gegangen wäre / befahl er dem Ritter Truchses Arfberg / und Kniprode seine Gemahlin und das andere Frauenzimmer an dem nechsten besten Orte über die Weichsel und nach Godanium zu bringen. Er aber gieng mit den Seinigen den Fußstapfen Radzivils nach / welcher mit dem Grafen von Heldrungen / den Rittern Passenheim /Osternau / Schwenden / Erlichshausen und andern durch ihren unversehenen Einbruch und Tapferkeit die Semnoner zerstreuet / und denen noch übrigen Gothonen und Estiern ein Loch sich durchzuschlagen und sich mit ihm zu vereinbaren eröffnet hatte. Ich bekam hierüber so viel Wunden / daß ich mich mit Noth auf dem Pferde halten konte; als wir aber schon uns halb genesen schätzten / indem wir in dem gewonnenen Walde durch Umbhauung[836] der Bäume des Feindes Verfolgung hemmeten / kam uns ein neuer Feindes Schwarm / welcher Feuchtwangens Meister worden war / auff den Hals / also daß vom gantzen Heere kein Gebeine davon kommen wäre / wenn nicht Hertzog Gottwald uns gleichsam vom Himmel zu- und den Feinden auf den Hals gefallen wäre / dessen einige Gegenwart den Feinden schrecklicher als tausend andere waren. Wie glücklich er nun zwar allhier zu seyn schien / war es doch nicht Zeit mit denen gewaltsamen Wellen sich lange zu schlagen / oder mit eiteler Einbildung der Ehre zu überlasten / sondern nur nach Art der scheiternden Schiffer sein Leben zu retten. Daher befahl Gottwald dem Verhängnüsse zu weichẽ / und die Tugend besserm Glücke vorzubehalten; kamen also mehr nicht als drey tausend Gothoner und Estier über den nechsten in die Weichsel flüssenden Strom davon / biß zu welchem uns der Feind verfolgte; und ehe wir über die Weichsel setzten / fanden sich der Flüchtigen noch biß neun hundert zu uns. Alles andere Volck war erschlagen oder gefangen /alles Kriegs-Geräthe verlohren oder verbrennet / alle Kriegs-Fahnen biß auf die Haupt-Fahne der Estier /und das agsteinene Schwein / wormit Marmeline schon alles für gewonnen hielt / ward eingebüsset; ja wenn nicht die wenigen Estier / welche sich aus dem gewonnenen Lager flüchteten / unsere Schiff-Brücke hinter sich angezündet hätten / wäre es dem Marbod schlechte Kunst gewest / dem Hertzoge Gottwald den Weg vollends zu verbeugen / und die aus dem Schiffbruche entkommene Uberbleibung vollends zu ersäuffen. Gleichwohl hatten die Marckmänner keine Seide gesponnen / sondern Marbod selbst gestand zehn tausend Todte / und fast keinen Unverwundeten zu haben. Nichts desto weniger stellte er nach völlig erhaltenem Siege sein gantzes Heer in Schlachtordnung / die Gefangenen gegen über / rühmte die in der Mitte gegen ihm zu Pferde haltende Marmeline für eine der grösten Heldinnen in der Welt / welcher er grossentheils den so herrlichen Sieg zu dancken hätte. Er nennte sie die Semiramis der Nord-Welt / eine andere Penthasilea; erklärte sie für die Herrscherin der Gothonen und Estier / welche Länder ihr alleine durchs Recht des Geblütes und der Waffen zustünden. Und endlich für seine Gemahlin und Königin der Marckmänner. Worüber das gantze Heer mit einem dreyfachen Feld-Geschrey seine Freude / und mit Senckung der Waffen gegen Marmelinen seinen Glück-Wunsch und Ehrerbietung zu verstehen gab. Marbod vergaß hierbey nicht sich der im Kriege so nöthigen Geschwindigkeit und des alles vergrössernden Geschreyes zu bedienen / schickte also denen an der Lygischen und Marsingischen Gräntze hinterlassenen zehn tausend Marckmännern Befehl / daß sie am Oder-Strome herunter und denen Sidinern und Carinen auf den Hals gehen solten. Sintemal er wohl wußte / daß ein solch Sieg nicht nur eines andern Werckzeug / sondern auch der festeste Ancker des Gehorsams wäre /und weder die Lygier einen so mächtigen Uberwinder Aufstand zu machen / noch die Marsinger und Burier sich zu rühren das Hertz haben würden. Er selbst schlug allein an dem See / woraus der mit der Warte sich hernach vereinbarende Niperstrom entspringet /ein festes Läger / uñ besetzte es mit denen / welche wegen harter Verwundung nicht im Felde Dienste leisten konten / beschloß darein auch alle Gefangene /welche sich weigerten Marmelinen als ihrer einigen Gebieterin Treue und Gehorsam zu schweren. Seine übrige Macht aber setzte er theils auf seine eigene von Carrodun auf der Weichsel herunter gebrachte theils im Gothonischen Läger eroberte Schiffe / umb das Haupt beyder Länder nemlich Godanium im ersten Schrecken / und ehe Gottwald zur Gegenwehr Anstalt machen möchte / zu überrumpeln / als mit welchem alles diß was von selbtem hängt / für gewonnen geachtet wird.[837] Leuterthal / welcher durch entdeckte Heyrath des Königs Marbod mit Marmelinen seines Sohnes Hoffnung zu Wasser werden / seine Ehrsucht aber in Rauch verschwinden sah; kochte in seinem Hertzen gegen den König Marbod und Marmelinen zweymal so viel Gifft und Galle / als Mund und Augen vorhin Gewogenheit ausgelassen hattẽ. Denn er hatte noch nicht dran gedacht / daß Betrug gewisser eine Fall- als Glücksbrücke wäre. Und der Rauch der Hoffart wohl aufwerts stiege / aber im steigen verschwindete und zu nichts würde. Weil nun Leuterthal von denen ihm zugethanen Gothonen und Estiern meiste Reiterey unter sich hatte / welche auf der Seite den schiffenden Marbod begleitete / fehlte es ihm nicht an Gelegenheit die Gemüther von Marbod abwendig zu machen /welcher unter dem Scheine Marmelinẽ einzusetzen denen streitbarẽ Gothonen und Estiern das Joch der Dienstbarkeit an Hals zu werffẽ trachtete / welcher sich itzt zwar als Marmelinens Bräutigam anstellte /nach völligem Siege aber ihr ärgster Feind und Verfolger seyn würde. Bey so gestalten Sachen wäre es rathsamer einem einheimischen Edelmann / wie Gottwald wäre / als den Räuber der Welt Marbod zum Wütterich zu haben. Auf solche Art stolpern die Boßhaften über die Stroh-Halmen frembder Fehler wie die ohnmächtigsten Würmer / welche ihren Leib kaum fortschleppen / sprengen aber über die Pflöcke eigener Laster / wie die Gemsen über die Felsen. Nichts desto weniger aber fand Leuterthal entweder weil seine Beredsamkeit und der Schein guter Meynung so viel würckte / oder weil der Marckmänner Glücke sie schon gar zu hochmüthig / und denen Gothonen unerträglich gemacht hatte / so viel Glauben: daß zwey tausend auf Marmelinens Seite zeither gestandene Gothonen und Estier in einer Nacht den Marbod verliessen / und zum Hertzog Gottwald übergiengen / welcher wo die Weichsel sich in zwey Armen theilet /und dem Ostlichen den Nahmen Nagot zueignet / mit seinem übergebliebenen und etwas verstärcktem Volcke sich verschantzte. Leuterthal aber ward mit so gnädigen Augen nicht bewillko t / als seine Gefärthen / und als er ihm eingebildet hatte. Sintemal Hertzog Gottwald besser wußte / daß er Marmelinens Verführer und der Uhrheber alles Unheiles wäre / als Leuterthal daran gedachte / daß die Verrätherey sich durch Verrätherey so wenig rein wasche / als Kohlen einen Mohren weiß mache; sondern daß auch der /welchem die Verrätherey nutzet / dem Verräther Spinnenfeind seyn müste. Die / derer Gemüther von Rache aufwalleten / schalten ihn ins Antlitz einen Ertzt-Verräther / stifteten auch die Priester an dem Gottwald zu rathen: Er solte einen se bösen Menschen / welcher nicht nur zweyzüngicht wäre / sondern die Gothonische Herrschafft so schädlich zerspalten hätte / von zweyen gegen einander gebeugten und wieder loßschnellenden Bäumen zerreissen / oder zum wenigsten nach Deutschlands Gewohnheit am Ufer der Weichsel / umb Marmelinen ein annehmliches Schauspiel vorzustellen / an einen Baum aufhencken lassen. Ihr Anherr Brennus hätte bey Belägerung Ephesus einer gemeinen Dirne / welche umb etliche güldene Geschmeide ihm ihren Leib und die Stadt feil geboten /geschmoltzen Gold in Hals giessen lassen. Was für Pein und Tod würde nun für den genung seyn / den man zu einer Seule des Landes erhoben / er aber sich zum Verräther des Vaterlandes gemacht hätte? Was wäre für Gutes dem zuzutrauen / der aus Ehrsucht zweymal umbgesattelt hätte / und seinem Fürsten meineydig worden wäre! Seine Kriegs-Obersten hingegen riethen ihm Gnade zu bezeugen: Bey euserster Noth müste man zun grösten Lastern ein Auge zudrücken / und dem gemeinen Wesen zum besten Verräther belohnen; nicht so wol ihrenthalben / daß sie es werth wären / als daß man künftig solcher Leute mehr bedörffte. Wer würde von Marmelinen[838] mehr übergehen / wenn sie Leuterthalen so übel ankommen sähen? wenn ihre Reue wie Verrätherey solte gestrafft werden; zu welcher sich niemand aus tugendhafter Regung / sondern nur aus Rache und Eigennutz gebrauchen liesse. Die Priester hätten wohl recht / und sie würden nichts gelinders rathen / wenn sie in einem ruhigen Stande / und zu einer Zeit lebten / da die Laster nicht schon überhand genommen hätten. Der Priester Ampt wäre es freylich die Menschen im Guten vollkommen zu machen / und da müste die Vernunfft schlechterdings unterkriechen. Aber in Rathstuben liesse sie sich so nicht gefangen nehmen; wo man Völcker glücklich machen / und eine wackelnde Herrschafft befestigen solte. Alles nach der Wage der Gerechtigkeit abmässen hätte sich nur im güldenen Altar der ersten Welt thun lassen / und würde vielleicht in der andern Welt thunlich seyn /weñ die Seelen ihrer Leiber würden entlastet / die Regungen vor ihren Schwachheiten gesaubert seyn. Nun aber wäre die Tugend selbst unvollkommen / die Natur hätte ihre Kräfften / die Welt ihre Unschuld verlohren; daher müste man sich in die verärgerte Zeit schicken / und mit den Menschen / wie Aertzte mit Krancken umbgehen / welche einen gantz verterbten Leib unangerührt liessen / damit sie den Tod selbst mehr beförderten / ihre Artzneyen verächten / und sich selbst andern zum Gelächter machten. Denn es rührten so wohl im Leibe eines Staats / als in Siech-Häusern gewisse Seuchen vom Verhängnüsse her / welche sich nicht heilen / nur aber meiden liessen. Die Priester aber verharreten auf ihrer Meynung / und wendeten ein: Sie verstünden wohl / daß wenn die Verrätherey noch nicht ausgebrochen wäre / ein Fürst sich anstellte / als wenn er davon nichts wüste / ja gar mit dem Käyser Julius der die ihm widrigẽ Briefe ins Feuer würffe / umb der zu straffen gefährlichen grossen Verbrechen nicht einst zu erfahren; welche beflissene Unwissenheit die alleredelste Verzeihung wäre. Wenn auch gleich ein Aufstand schon ausgebrochen / die Uhrheber aber dem gantzen Volcke bekant wären; müste man die Niedrigen straffen / den grossen aber es eine Zeitlang nachsehen / biß man sie ohne Gefahr straffen könte. Alleine wo die Verrätherey ein Land mit voller Flamme schon angezündet hätte / wo die gantze Welt auf den Uhrheber mit Fingern wiese; müste man / ungeachtet seines Anhangs und hervorblickender Gefahr / hertzhaftig mit der Schärffe des Rechtes gegen ihn verfahren. Denn die Verräther zügen bey erster Gelegenheit ihr ausgespeytes Gifft wieder an sich / wie die Schlangen / wenn sie nach dessen Benehmung nur wieder die Erde erreichen. So offene Laster übersehen verriethe eines Fürsten Furcht / machte die Boßheit verwegener / und lockte andere zu schädlicher Nachfolge an. Denn eines Fürsten Ansehn gleichte den Flüssen / wenn man in ihnen den Grund sähe / watete iedermann durch. Die andern Räthe aber sätzten entgegen: Diß alles liesse sich sicher thun / wenn ein Verbrecher in des Fürsten Hände verfiele / nicht selbst eigenbeweglich sich aus Reue zu seinen Füssen legte / und etliche tausend Abtrüñige zum Gehorsam brächte. Diß Vertrauen gielte so viel als ein freyes Geleite / welches zu versehrẽ so verkleinernd als gefährlich wäre. Hertzog Gottwald war seiner Entschlüssung halber mit ihm selbst überaus zwistig / damit er nun durch einen Mittel-Weg beyden genung thäte / ließ er Leuterthalen nach der Gothonen Gesetzen aufhencken; seinem Sohne Garrest aber schenckte er alle väterliche Güter / und versprach ihn in alle Würden seines Vaters zu versetzen. Garrest fühlte den Strick mehr in seinem Hertzen / als sein Vater im Halse; und weil er keiner verliehenen Würde so viel Kräfften zueignete / daß sie die vons Vaters so schmählichen Hinrichtung auf den Sohn fallende Schande tilgen könte / verbarg er den unausleschlichen Zunder der Rache mit grosser Vorsicht im Hertzen;[839] und die mit dem Leuterthal angekommenen Gothonen und Estier hielten alle gegen sie bezeugte Gewogenheit ihres Fürsten mehr für eine listige Aufschübung ihrer Straffe / als für eine Verzeihung voriger Beleidigung. Hertzog Gottwald lag zwischen dem zertheilten Strome so wohl der Zufuhr als Festigkeit halber in einem mercklichen Vortheil / und hatte nicht nur die unbeströmte Seite mit tieffen Graben und hohen Schantzen / sondern auch den Strom mit eingeworffenen Eichbäumen versehen / daß kein Schiff ohne euserste Gefahr vorbey gehen konte; alleine / weil der Graf von Witgenstein nicht über vier tausend Mann für sich / und viel Estier selbst zu Wegweisern hatte; fiel es ihm nicht schwer mit Zertheilung seines Heeres sich durch das mit Wäldern und Seen angefüllte Land durchzuarbeiten; gestalt er denn an eben selbigem Tage beym Drauser-See sein Lager aufschlug / als Marbod eine Meile oberhalb der sich zertheilenden Weichsel sein Heer zertheilte / und auf ieder Seite des Flusses mit der Helffte den Fürsten Gottwald vorbey gieng. Dieser sahe wol / daß Marbods / welcher über den Nogat-Strom eine Brücke zu schlagen anfieng / Anschlag war ihn von Godanium abzuschneiden / woraus er Zeitung bekam / daß seine Gemahlin Hedwig ihm einen wohlgestalten Sohn /welcher hier unter dem falschen Nahmen Ehrenfried zu sehen ist / indem er den väterlichen Nahmen Gottwald bekam / gebohren hätte. Dieser neue Schatz /und weil er mit Godanium alles auf einmal zu verlieren besorgte / bewegte ihn diesen Platz unter den tapferen Rittern Zupea und Oppalin mit zwey tausend Estiern besetzt zu lassen / sich aber mit der völligen Macht an die unterste Zwiesel der Weichsel zu setzen / wovon der rechte Arm nach dem frischen Haff / der lincke nach Godanium zufleußt / und sich daselbst ins Ost- oder Godanische Meer ausschüttet. Dieses ware nicht allein glücklich bewerckstelligt / sondern als gleich Marbod das verlassene Lager der Gothonen /weil es ihn hinderte seine nöthigen Schiffe die Weichsel herunter zu bringen / dreymal heftig stürmte /ward er doch durch die Tapferkeit des Zupea und Oppalin mit grossem Verlust abgeschlagen. Garrest /darmit er seinen bösen Vorsatz auch so viel mehr verbürge / that dem Grafen von Witgenstein / welcher nun auch über die Nogat gesetzt hatte / einen glücklichen Einfall. Aber Marbod ließ sich diese widrige Fälle an dem Haupt-Wesen nicht irre machen / weniger entfiel er ihm selbst / wie die meisten Menschen /wenn sie Unglück haben / meist zu thun pflegen /sondern / weil er wußte / daß nach Eigenschafft der Schafe auch die Unglücke dahin Hauffen-weise folgten / wohin eines den Anfang machte / und also selten ein Ubel ohne Nachtrab wäre / ward er so viel wachsamer und begieriger in Godanium seinen Feind mit Strumpf und Stiel / wie der Adler im Neste mit seinen Jungen zu vertilgen; zumal da die Sidiner und Carmer / theils durch Schrecken für den Marckmännischen Waffen / theils durch den zwischen diese Bunds-Genossen gestreuten Saamen der Zwitracht / da er einen mit Geschencken gewan / den andern durch eingeflößten Verdacht vom andern abspenstig machte / mit dem Marbod einen Frieden nach dem Beyspiele der Marsinger und Burier einzugehen / und mit dem Gottwald die gemeine Freyheit zu verlassen / verleitet / die Gothonen und Estier aber nicht wenig kleinmüthig gemacht wurden. Also gereichtẽ diesem tapferẽ Fürsten seine Bundsgenossen / derer keiner iemals seinen Vortheil durch das gemeine Beste überwiegen lassen /mehr zum Schaden als Frommen / und Marbod erlangte den Ruhm / daß er / wie alle Weisen ihm seine Feinde nützer machen könte / als viel Fürsten ihre Freunde; ja daß er alle gegen ihm gezückte Messer beym Hefte ergreiffen / und sie seinem Gegener ohne Verletzung auszuwinden wüßte. Bey diesem erlangten Vortheile und da die Wenden am Pregel alles mit Schwerdt und Feuer verheereten / ließ der König Marbod alle[840] seine Heere geraden Weges auf Godanium andringen. Der Graf von Witgenstein sätzte über den ins frische Haff sich ausgießenden rechten Arm der Weichsel / Marbod selbst gieng zwischen der Weichsel und Nogat gerade gegen der Zwiesel des Weichsel-Stromes zu / unter dem Scheine den Hertzog Gottwald mit seinem Volcke darinnen zu belägern; aber dieser war allzu scharfsichtig / daß er seines Feindes Absehen auf Godanium solte übersehen haben. Daher vertraute er selbigen Platz seinen tapfersten Kriegs-Obersten dem Ritter von Galen / von Plettenberg /Vittinghofen und Burg; er selbst aber gieng mit dem Kerne seines Volckes nach Godanium. Dieses ist der berühmteste Ort an der Ost-See / weil von etlichen hundert Jahren nicht nur die Svionen / Friesen und Britannier / sondern auch die Carthaginenser mit ihren Schiffen in dem Munde der Weichsel eingesegelt / und in dieser daran liegenden Handels-Stadt sich mit dem hier die Niederlage habenden Agsteine beladen / hiergegen Deutschland und Sarmatien hierdurch mit ihren Kaufmannschafften versorget haben. Ungeachtet nun bey beyden Völckern keine sonderbare Festungen zu finden / sondern wie bey den Spartanern die Brüste des Adels ihre Mauern waren / so hatte doch die Ankunfft so vieler Ausländer denen Gothonischen Hertzogen Anlaß gegeben der sie durchs Meer und etliche Ströme befestigenden Natur durch Erbauung einer starcken Mauer zu helffen. Weil nun Marbod mit keinen Schiffen gefaßt / Godanium mit überflüßigen Lebens-Mitteln und von einer auserlesenen Besatzung versorgt war / wünschte Gottwald nichts mehr / als daß Marbod ihm daran den Kopff zerstossen möchte. Alleine Marbod / welcher entweder das Glücke nicht weniger für seine Dienst-Magd als für die Schiedes-Richterin der Kriege und für die Gebieterin über alle böse und gute Anschläge hielt /oder sich auf seine in Godanium habende Verständnüsse verließ / machte ihm alle Schwerigkeiten leichte / und ließ sich die Bedenckẽ seiner Kriegs-Obersten gar nichts irre machen; sondern sagte dem Grafen von Witgenstein / der ihm das er dem Glücke nicht allzu viel trauen solte / erinnerte: Er hätte so viel vom Glücke schon gutes genossen / daß es / wenn er ihm etwas mißtraute / keine gemeine Undanckbarkeit wäre. Man müste nicht allezeit sich an die Schnure binden / sondern / umb glückseelig zu seyn / verwegen werden / und dem Glücke / das uns so viel gegeben hätte / wieder eine danckbare Vergeltung abstatten. Denn wo dis und die Flüsse einmal ihren Hang hin hätten / da giengen sie lange Zeit hin / sonder Zweifel durch geschwinden Absatz den Danck für vorige Wolthaten nicht zu verlieren. Godanium hätte freylich den Ruff einer starcken Festung / und Gottwald eines unvergleichlichen Kriegsmannes. Aber es wäre nichts neues / daß die Einbildung sich übereilte /und die Sachen grösser machte als sie an sich selbst wären / wie die Sonne den Schatten grösser machte als die Leiber. Man stellte ihm offt nicht nur für Augen / was einem entgegen wäre / sondern auch was seyn könte. Die Bilder wären in der Ferne immer vollkommener als in der Nähe / und die / welche wie für Wunder angesehen / schienen wie wir Menschen zu seyn / wenn man mit ihnen umgienge. Daher müste sich niemahls unsere Einbildung / weniger das uns zuerst ins Auge fallende Ansehen unsers Hertzens bemeistern. Auf diesen Ancker und die Tapferkeit seines durch so viel Kriege abgehärteten Kriegs-Volckes gründeten auch endlich Marbods Kriegs-Obersten ihre Hoffnung / welche aus der Erfahrung gelernt hatten: daß in grossem Glücke mehr durch Rath und Verwegenheit als durch Hände und Waffen ausgerichtet würde. Gleichwohl kriegte Marbods Glücke anfangs einen gewaltigen Stoß; sintemal ihn theils die Gelegenheit[841] des Ortes / theils der Mangel des Schiffzeuges / theils Gottwalds öfftere Ausfälle mercklich an seiner vorhabenden Belägerung hinderten. Hierbey legte Garrest etliche mal so grosse Ehre ein / indem er das Lager des Grafen von Witgenstein nicht allein aufschlug / alle zusammen gebrachte Pramen / und die darauf gebaute Schiffbrücke anzündete / sondern auch den Witgenstein selbst in Godanium gefangen brachte. Mit dieser Verrichtung gewaan Garrest derogestalt Gottwalds Hertze / daß er ihm das eine Thor der Stadt zu verwahren anvertraute / sonder sich zu erinnern /daß derer wider ihre Fürsten aufgestandener Leute Kindern eben solche Lust eingebohren wäre / daß sie sich im Geschlechte des Brutus und Caßius auch in etlichen hundert Jahren nicht verzehret hätte. Wenig Tage darnach ertheilte ihm Gottwald selbst Befehl /daß weil Marbod der Stadt an zweyen Orten ziemlich nahe kam / und sich in den Graben einzuschneiden anfieng / er des Nachts auf der einen / Radzivil an der andern Seiten ausfallen / der Ritter Eichstädt und Querfurth aber an zweyen andern Orten Lermen machen solte. Garrest zohe nunmehr gegen die / mit welchen er am vertrautesten war / seine Larve vom Antlitze / stellte selbten so wol des Hertzogs Gottwald gegen seinen Vater verübte Grausamkeit / als des ihn drückenden Verhängnüsses gegen Marmelinen und den mächtigsten Marbod hervor blickende Neigung für Augen / laaß ihnen von beyden ungemeine Verheissungen für / da sie Marmelinens Rechte und dem Willen des Glückes weichen würden. Denn er wuste wol / daß / wenn man einen zu seinem Willen bringen wolte / man das Wasser zugleich auf die Mühle seines Nutzens wenden müste. Hiermit und durch den Vorschmack seiner Geschencke war es ihm leichte die zu gewinnen / welche ohne dis ihrem Fürsten nicht so wol hold / als denen Gothonischen Heerführern aufsätzig / und bey verwirrter Herrschafft selbst herrschsüchtig worden waren. Die Ausfälle waren / Gottwalds Anstalt nach / mit grosser Behutsamkeit fürgenommen; aber weil wegen Garrestes Verrätherey dis Geheimnüs dem Könige Marbod ein offener Brief und ein vorgesehener Streich war / hatte er darwider die klügste Versehung gethan. Gegen Querfurts und Eichstädts vorgehenden Lermen ließ er ein so grosses Geschrey und Geräusche machen / als wenn er daselbst hin alle seine Kräfften züge. Für dem Radzivil aber gab alles nach schlechter Gegenwehre die Flucht /also daß dieser in des Grafen von Erpach Lager drang / daselbst allen Sturmzeug zernichtete / die ausfallenden Kriegs-Leute sich mit dem besten Kriegs-Geräthe beladeten / ja Radzivil den Hertzog wissen ließ; daß /weil der Feind in höchster Verwirrung wäre / er mit einem wenigen Nachdrucke des gantzen Marckmännischen Lagers auf der Ost-Seite der Weichsel Meister zu werden getraute. Unterdessen solte Garrest auf der West-Seite Marbods eigenes Lager angreiffen / aber die mit ihm in angeno ener Stille ausfallenden Estier befanden sich ehe rings herumb mit mehr als zehn tausend sich zusammen ziehenden Gothonen umbgeben / als sie an Feind zu kommen gedacht hatten. Garrest steckte hier seinen Degen ein / und sagte zu seinen Estiern: hier wäre keines Fechtens von nöthen; denn sie wären alldar mitten unter ihren aufrichtigsten Freunden; und für ihnen stünde selbst der unüberwindliche Marbod / welcher alle nach Würden und Verdiensten belohnen würde / welche ihre Waffen wider den blutdürstigen Wütterich Gottwald wenden / und Marmelinen auf ihren väterlichen Stul setzen würden. Denen / welche von diesem Betruge nichts wusten / band die Neuigkeit und vielen die für ihnen stehende grosse Macht die Hände. Die Mit-Verräther aber rufften:[842] Gottwald vergehe / Marmeline lebe! Die Ritter Ulsen / drey Läuen / Lütge und etliche andere grieffen zwar zu ihren Waffen / und ermahnten die ihrigen sich in die Stadt durchzuschlagen / aber die meisten wurden von ihren nechsten Gefärthen durchstochen. Ehe nun die / welche gleich noch Treue im Hertzen hatten / sich zu entschlüssen wusten / was sie unter ihren verrätherischen Häuptern zu thun hätten / vermischten sich die auf Art der Estier gerüstete Marckmäñer unter sie; daß sie sich selbst schwerlich unterscheiden konten / und nach dem sie einen blinden Lermen erregt hatten / wendete sich Garrest mit seinen Mitverräthern und der gantzen Marckmännischen Macht gegen das Thor seines Ausfalls / und stellte sich an / als wenn er von dem stärckeren Feinde zurück getrieben würde. Der zu desselben Bewachung gelassene Kriegs-Oberste hatte eben an der Verrätherey Theil / und also drangen die Marckmänner durch das offene Thor gleichsam unverhindert in Godanium. Hertzog Gottwald ward dieses Schelmstücks nicht ehe gewahr / als wol zwey tausend Marckmänner schon in der Stadt und auf den Mauern waren. Der Ritter von Baysen / Zehma / Mortangen / Konnepart / Wolckau und Schmolangen waren die ersten / welche mit ihrem Gefolge die eindringenden Marckmänner aufhielten / und durch ihre ruhmwürdigste Gegenwehr wie Tämme diese feindliche Wasser-Fluth aufhielten. Gottwald folgte selbst mit den Rittern Ostrowitz / Kostka / Dschalin / Ballenheim / Liebenstein / Sensenheim / Borischau und fünfhundert Gothonen; wordurch den / weil die Marckmänner mit aller Gewalt in die Stadt drangen / und der Fallenden Stellen ersätzten / die Gothonen aber für Heerd / Altar und ihren Fürsten in seiner Gegenwart fochten / durch mehr als menschliche Raserey ein grausames Blut-Bad erreget ward. Die euserste Noth schärffte aller Tapferkeit / fürnemlich des Hertzogs /welcher für die Seele seines Lebens nichts als die Ehre hielt / und hier / wie die ausleschenden Lichter /mit einem Glantze sterben oder siegen und erhärten wolte; daß nicht das Reich / sondern das Gemüthe einen grossen Fürsten mache. Fürnemlich gerieth er gantz außer sich; als er nach angezündeten vielen Pech-Pfannen Garresten auf einem fürtreflichen Pferde und mit den Waffen erblickte / die er ihm noch selbigen Tag geschenckt hatte. Daher drang er wie ein Blitz durch Feind und Freund durch / bis er an Garrest kam / welcher diese Nacht solche Thaten ausübte / welche der gantzẽ Welt Anschauung verdient hätten / wenn sie nicht wider seinen Fürsten und Vaterland wären gethan worden. Aber so bald ihm Hertzog Gottwald auf den Hals kam / entfiel ihm zugleich Hand und Hertze; entweder weil nicht nur die Fürsten / sondern so gar ihr Schatten etwas an sich hat / welches einen jeden zur Ehrerbietigkeit zwinget / und ihren Feinden ein Schrecken einjagt / daß sie / wie der den Marius zu tödten abgeschickte Gallier das Mordeisen wegwerffen müssen; oder auch / weil das böse Gewissen nichts weniger eine Mutter der Zagheit / als eine Henckerin bewuster Boßheit ist. Daher war er viel zu feige und ungeschickt / daß er hätte verhindern sollen / wormit ihm nicht Gottwald seine Lantze mitten durchs Hertze gerennt hätte. Sein Fall war allen andern Verräthern eine Erinnerung: daß böse Thaten einen kläglichen Ausgang nähmen / und der Blitz göttlicher Rache die Verräther mitten unter den Lorber-Zweigen der Sieger nicht fehlete. Bey so gestalten Sachen würde Gottwald den ziemlich verwirrten Feind / auf welchen man zumal aus einem Thurme und etlichen dem Thore nahen Häusern viel Steine /Flugfeuer und andere schädliche Dinge ausschüttete /zurück getrieben haben; wenn nicht die wie Gothonen verkleidete Marckmänner mit so grosser Macht und Arglist auf das Thor / woraus Radzivil ausgefallen war / gedrungen /[843] und nach Erlegung der Ritter Lubheim / Felde / Maul / Legendorff / Silßlau und anderer sich des Thores bemächtiget / die Semnoner aber den Radzivil / dessen Hertzhaftigkeit und Eyver ihn zu weit in die Fallstricke der Feinde verleitet hatten /gänzlich abgeschnitten hättẽ. Ich kam zwar nebst den Rittern Pfeilsdorff / Schelen / Krixen / Rußkau /Schönfeld / Alden / Nogat / Rakusch / Schillingsdorff / Eichholtz / Flessenstein uñ andern mit dem letzten Hinterhalte diesem verlohrnen Orte zu Hülffe / und sagte: daß Gottwald auf der andern Seite den verworrenen Feind mit Gewalt durchs Thor zurücke triebe. Also siegte unsers Hertzogs Glücke zugleich uns zum besten; daher würde ja unsere Treue denen / welche schon anderwerts flüchtig wären / gewachsen seyn. Aber die uns wol zehnfach überlegene Macht der Feinde legte bey Zeite die Tapfersten zu Bodem; zwang uns zu weichen / und ob wol endlich Hertzog Gottwald selbst dahin kam / um an dem gefährlichsten Orte sein euserstes vollends zu wagen / weil Fürsten allezeit / besonders im Kriege was sonderlichs thun müssen / damit sie die Gemüther ihrer Unterthanen gewinnen oder ermunteren; so war doch hingegen der Eyver zu siegen bey den Marckmännern so groß /daß sie lieber in Godanium ihre Grabstädte haben /als einen Fuß darinnen zurücke sätzen wolten / wo König Marbod ihnen geschworen hatte so wie Hercules auf Gades das Ziel seiner Siege zu stecken. Wie nun Gottwald den Ausbund seines Adels fallen sah /er selbst schon etliche Wunden bekommen hatte / und erfuhr / daß von Feinden auch das dritte Thor aufgesprengt wäre; näherte er sich mir und sagte mir in ein Ohr: Unsere Hertzhaftigkeit ist zu schwach wider das uns drückende Verhängnüs. Wie müssen ihm weichen / wo es uns nicht zermalmen soll. Rette meinen Sohn mit meiner Gemahlin zu Wasser auf das Eyland Glessaria. Ich wil / so lange GOtt und meine Kräfften es zulassen / hier noch mein euserstes thun. Ja / sagte ich ihm / aber der Hertzog verspäte sich auch nicht länger / als es seine Ehre und Wolfahrt haben wollen. Ich zohe mich unvermerckt ab / weil aber an dem West-Thore selbst mit voller Macht durchgedrungen / und der Estier Kriegs-Volck in Flucht gebracht war / hatte ich Noth bis an den Hafen mich durchzudrängen / auf dessen Thurme die Hertzogin Hedwig mit ihrem zarten Sohne den Ausschlag des Krieges mit so viel Hertzens-Stichen erwartete / so vielmal ihre Ohren mit dem Geschwirre der Waffen oder dem Mord-Geschrey der Sterbenden geschlagen wurden. Die Fürstin wolte anfangs meinem habenden Befehle nicht Gehöre geben / sondern mit ihrem Gottwalde lieber vereinbart sterben als abgesondert leben. Allein ich erweichte ihr Hertze und brach ihre tugendhaffte Hartnäckigkeit mit Zeigung ihres Kindes / welches sie der blutdürstigen Marmeline Rachgier selbst gleichsam mit Fleiß aufzuopffern schiene / wenn sie dem Verhängnüsse / welches der ihm nachgebenden wie der Blitz niedriger und weicher Dinge schonte / die Stirne bieten wolte. Gottwald selbst würde zu rechter Zeit seinen Vortheil sich zu retten schon ersehen. Keine todte Hunde könten mehr beissen / aber entfliehende wol wieder kämpffen und siegen. Dahero wäre Ubermanneten / am meisten aber dem schwächern Geschlechte / die Flucht so wenig eine Schande als einem Verzagten / der aus Verzweifelung überwindet / der Sieg eine Ehre. Also brachte ich mit Noth die bestürtzte Fürstin / welche mit ihren Thränen gleichsam die Ost-See zu vergrössern suchte / mit ihrem kaum sieben Wochen alten Kinde zu Schiffe. Wiewol sie nicht ehe die Ancker heben lassen wolte / bis sie alles in Godanium von wütenden Feinden angefüllet sahe / und derer etliche schon die Schiffe zu plündern anfiengen. Wir fuhren also mit höchster Bestürtzung aus dem Munde der Weichsel aufs hohe Meer / wie aus dem Sitze der Vergnügung[844] ins Verderben. Weil nun kurtz darauf in der Stadt ein groß Feuer aufgieng / lag mir die Hertzogin an die Segel einzuziehen / und weil bey unser Abfahrt alle frembde Schiffe sich zu gleichmäßiger Flucht fertig machten / noch aus der Stadt und sonderlich vom Hertzoge Gottwald was gewisses zu erfahren / oder vielmehr dessen vertröstete Nachkunfft zu erwarten; als an welchem der Fürstin Hertze und gantze Vergnügung hieng. Ob uns nun zwar viel Schiffe folgten / wolten oder wusten uns doch wenige einige andere Nachricht zu geben; denn /daß Marbod der gantzen Stadt Meister / und mit Raub und Mord alles erfüllet / das Feuer aber / weil Marbod sein Volck selbst mit blanckem Schwerdte zum Leschen antriebe / vermuthlich von denen in einen Winckel der Stadt zusammen getriebenen Gothonen angesteckt wäre / welche / unerachtet der angebotenen Gnade / sich lieber mit ihrem Vaterlande begraben als der Marckmäñer Knechte wissen woltẽ. Weil auch die übrigen Schiffe schon zugleich mit in vollem Brande stündẽ / würde allem Ansehen nach von so tapferen Helden kein Gebeine davon kommen; weil ein nicht weniger von verzweifelter Gegenwehr verbitterter als vom Siege aufgeblasener Feind eben so wenig in seiner Gewalt hätte seinen blutdürstigen Zorn / als ein von einer gehen Höhe rennender seinen Lauff zu hemmen wüste / und Marbod bey den Naharvalen nicht ehe in der Menschen Eingeweide zu wüten aufgehöret hätte / bis niemand / den er hätte tödten können /mehr verhanden gewest wäre: Keine Zunge ist fähig der Hertzogin Hedwig hierüber erwachsendes Leidwesen zu beschreiben / wiewol selbter Zunge dazu ein unvermögendes Werckzeug war. Nach vielem Hertzklopffen und stummen Seufzern vergieng sie ihren zwey mitgenommenen Edel-Frauen durch stete Ohnmachten unter den Händen; bis ihr die Verzweiffelung ihre vorhin durch Schmertz gelähmte Zunge lösete /und sie / weil ich mit vollem Segel nach Glessaria zulief / und ihrem unsinnigen Befehl wieder nach Godanium zu schiffen nicht gehorsamen wolte / sich ins Meer zu stürtzen bemühte. Nach Mittage änderte sich der gute Wind / und verschlug uns durch einen ziemlichen Sturm auf die Nord-Seite / daß wir allererst den vierdten Tag bey besserem Winde den Glessarischen Hafen erreichten / wo das frische Wasser sein süsses Wasser durch einen engen Mund in die Ost See ausschüttet. Die den Hafen bewahrende Festung war aber schon mit Marckmännern umgeben / welche selbte im Nahmen Marmelinens / weil Hertzog Gottwald ohne dis todt wäre / mit grossen Bedräuungen aufforderten. Ob nun zwar die Ritter Donaulsen und von der Schewe solches nur für eine schlaue Erfindung annahmen; so spielten sich doch selbige Nacht noch zwey Estische Edelleute hinein / welche umbständlich erzählten; daß Godanium durch Brand über die Helffte ein Scheuter-Hauffen / die Weichsel und der Rhodan aber von vielem Blute blutroth geflossen wäre / weil nicht funfzig Gothonen und Estier sich gefangen geben wollen / sondern alle bis auf den letzten Bluts-Tropffen gefochten / und von ihrem Feinde lieber Grausamkeit als Leben und Gnade hätten annehmen wollen. Nach dem die Marckmänner nun vom Ermorden mehr müde als satt worden / hätte Marbod den Fürsten Gottwald unter den Todten sorgfältig suchen / seine gefundene Leiche auch / ungeachtet Marmeline solche ins Meer zu werffen verlangt / aufs prächtigste verbrennen / und seine Asche in einem Agsteinenen Kruge in das Begräbnüs der Gothonischen Hertzoge beysätzen / und alle edle Todten / über welche Marmeline mit ihrem Siegs-Wagen in Godanium einzufahren verlangte / verbrennen / die gemeinen beerdigen lassen. Uber dis hätte Marbod zwey Sarmater in Stücken zu hauen befohlen / weil sie den unvergleichlichen Helden Radzivil am[845] Ufer der Weichsel / durch welche er nach Ausübung unzählbarer Helden-Thaten mit seinem Pferde geschwommen war / mit Rudern erschlagen und beraubet hatten. Ja er verordnete / daß seiner Löwen-mäßigen Tapferkeit zu Ehren ihm am Strande ein steinern Gedächtnüs-Maal aufgerichtet werden solte. Die verbitterte Marmeline hätte zwar hierüber einiges Unvergnügen mercken lassen / Marbod aber ihr eingehalten: daß der Krieg so wol als der Friede sein Recht hätte / und man nicht weniger gerecht als hertzhafft müste kämpffen lernen / und man dem Kriege kein edler Ende als durch Verzeihung ma chen könte / und wenn nach dem Kriege niemand mehr über Elend klagte / sondern die Erbarmung auch dem Neide das Maul stopffte. Hingegen besudelte die Grausamkeit nicht nur den Sieg / sondern auch eine gerechte Sache / und die Schuldigen kriegen für sich ein Ansehen der Unschuld. Nichts aber wäre ungnständigers als auf Todte wüten / welche nichts fühlten / aber doch die Lebenden zu Mitleiden und Rache bewegten. Gleichwol aber hätte Marmeline nach der Hertzogin und ihrem Sohne sorgfältig forschen lassen / und wäre die gemeine Rede gegangen /daß sie auf einem Cimbrischen Schiffe nach Wineta abgesegelt wären. Ob nun gleich Marbod bey Eroberung dieser Stadt einen so blutigen Sieg befochten hätte / daß der Feind selbst gestünde / es wäre kein edles Geschlechte unter den Marckmännern / welches nicht einen Anverwandten zu betrauren hätte / ja ob gleich die überbliebenen so abgemattet gewest wären / daß sie für Wunden oder Ermüdung kaum den Kopff auf den Schultern hätten tragen können; so hätte doch Marbod noch selbigen Tages sein Volck in vier Theile abgesondert / eines alleine zum Gepränge seines und Marmelinens Beylagers / welches in dreyen Tagen königlich solte vollzogen werden / in Godanium behalten. Die andern drey aber zu Eroberung der am Rücken gelassenen zweyer Festungen an der sich theilenden Weichsel / und dieses Hafens abgeschickt /und das hierüber sich beklagende Kriegs-Volck beschieden hätte: Im Kriege richtete man mit Geschwindigkeit mehr aus als mit Tugend. Alexander hätte mit einer Hand voll Volck durch jene sich in geschwinder Zeit Meister der Welt gemacht / als ein ander sie vielleicht nicht durchreiset wäre / indem man ihn ehe gesehen als von ihm gehöret / und er wie der Blitz ehe zermalmet als gedoñert / also daß man offt grosse Städte vergraben zu seyn vernommen / ehe man von ihrer Belagerung gewüst. Die Marckmänner wären unter den Waffen gebohren / mit Staub und Schweisse ernähret / an Hertzhafftigkeit unzerbrechlich / in Arbeit unermüdlich / an Ruhmsucht unersättlich. Also müsten sie nun nicht stehen / da sie schon völlig überwunden / und an ihrer Siegs-Fahne nur noch etliche Kleinigkeiten auszumachen hätten; und da ihre Geschwindigkeit nicht nur die Helffte der Zeit / sondern auch der Bemühungen ersparen würde. Diese Zuredung und die Austheilung reicher Beuten hätte dem Kriegs-Volcke viel besser als Oel und warme Bäder ihre Müdigkeit ausgezogen; und sie wären so hurtig /als weñ sie nie gefochten / aufgebrochen / Marbod aber hätte dem wider die Quaden nicht weniger siegenden Vannius / den Römern nach Carnuntum und Meyntz / dem Käyser nach Rom / und allen deutschen Fürsten Marmelinens völligen Sieg über die aufrührischen Gothonen und Estier durch flüchtige Reiter zu wissen gemacht / seine wiewol schon vorhin ruchbare Heyrath aber noch verschwiegen; damit der erste Ruff nicht alsbald die Ehre seiner hülffbaren Waffen durch Eigennutz verkleinerte. Es ist unschwer zu ermässen /was diese Zeitung denen in der Festung / welche nirgendsher einige Hülffe zu hoffen hatten / für Verwirrung verursacht habe / und was sie unser Hertzogin für ein Donnerschlag gewesen seyn müste. Denn weil sie[846] aussteigen / und an diesem vortheilhafften Orte die zerstreuten Völcker zusammen ziehen wolte / ward ich genöthigt ihr die trockene Wahrheit zu entdecken /welche ohne diß ihr unmöglich lange verschwiegen bleiben konte. Die Herzogin flochte nach dem ersten Sturme ihrer Ungeduld ihre Haarlocken auff / und verschwur sich selbte nicht ehe auffzubinden / biß sie ihres Gemahls Tod gerochen hätte. Daher sie wider meine Meinung durch so traurige Zeitung auszusteigen mehr gereitzt als abgeschreckt ward / sonderlich da der Ritter Ulsen selbst auffs Schiff kam / und sich mit grosser Betheuerung vermaß / daß die Sonne niemahls ihn die Einäscherung der ihm anvertrauten Festung würde überleben sehen. Sintemahl der Untergang des verbrennenden Vaterlandes iedem tapffern Gemüthe einen Holtzstoß für seine Leiche abgeben müste. Noch selbigen Tag kamen fünff hundert Estier aus dem Gleßarischen Eylande in die Festung / daher Ulsen bewegliche Ansuchung that / die Fürstin möchte den jungen Gottwald darein bringen / so würde der Estier Tapfferkeit mehr als um die Helffte wachsen /und sie denen Marckmännern wie die Macedonier in Gegenwart ihres in der Wiege liegenden Königes den Illyriern mit Verwunderung obsiegen. Alle meine widrige Erinnerungen waren nicht mächtig zu verhindern / daß die Hertzogin mit ihrem Kinde nicht in die Festung sich verfügte / und noch darzu die Haupt-Fahne der Gothonen und Estier auff dem Walle aussteckte. Der Ruff des sich alldar befindlichen Gothonischen Erben verursachte / daß Marbod alle Macht hieher zu rücken befahl / und er folgte den Tag nach seinem Beylager selbst. Dessen ungeachtet / wuchs denen Belägerten so vielmehr das Hertze; welche ohne eine Schiffs-Flotte diesen Platz zu belägern für die gröste Thorheit Marbods / und selbten zu gewinnen für unmöglich hielten; besonders da die Schiffe der Hirren /Fennen / Svionen und Cimbern täglich aus- und einfuhren / alle Nothdurfft dahin brachten und über dem angefangenen zu Godanium gegen den König Marbod schon eyversüchtig worden. Noch vielmehr aber ward Marbod verlachet / daß er grosse Eichen- und Tännene Kasten zusammen schroten / solche ins Meer säncken / und mit grossen Steinen füllen ließ / in Meinung damit den Hafen zu stopffen. Sintemahl / was er in acht Tagen gebauet hatte / in einer Nacht die wilde Ost-See über einen Hauffen warff. Gleichwol ließ sich König Marbod an diesem Vorhaben nichts hindern /gleich als wenn sein Gelücke nicht weniger dem Meere als so viel Völckern ein Gebieß anzulegen /und ihn über den Xerxes und Alexander zu erheben fähig wäre. Massen denn ihm auch die See mehr als keinem unter beyden gehorsam zu seyn / ja für ihn Wind und Wellen in Krieg zu ziehen schienen. Sintemahl ein fünff Tage hinter einander mit grossem Sturme wehender Nord-West nicht alleine den Hafen fast gantz versändete / sondern auch ein grosses Stücke am Walle abspülete. Die Belägerten erschracken bey aufhörendem Sturme über diesen schädlichen Sandbäncken in dem Meere / welches niemals Epp und Flutt hat / nicht wenig. Einige kamen in den Aberglauben / daß er ihm den Wind wie sein Glücke zaubern könte; andere urtheilten / daß sie nicht so wol mit dem Marbod als mit dem Verhängnüße / welches durch ihn als seinen Werckzeug mit einem unauffhaltbaren Strome die Herrschafften der Welt über einen Hauffen werffen / und wie Ertzt in andere Gestalten gissen wolte. Bey welchem unversehnen Begebnüße /welches auch den Helden das Hertz nimmt / waren nicht wenig / welche anfiengen: Es wäre Unsinnigkeit / nicht Tugend / mit dem Verhängnüsse ringen / und keine Schande sich dem unterwerffen / welchen das Glücke über alle erhoben wissen wolle. Marbod aber / welcher nicht nur der sich ereignenden Gelegenheit zu gebrauchen wuste / sondern selbter wie die Raub-Fische[847] mit auffgesperrten Rachen vorwartete und wegelagerte / hatte bey noch nicht gantz gelegtem Ungewitter schon seine gantze Kriegs-Macht in die Waffen gestellt / und so lange der Sturm gewehret / grosse Kasten fertigen / Steine zu führen / leichte Wurffbrücken zusammen klammern / und alles zum Sturm und Stopffung des Hafens in Bereitschafft halten / ja nebst seinem arbeitenden Heere zehntausend Estische Bauern auff dem Eylande Gleßaria und eine Meile gegen Godanium / aus dem frischen Haff in das Ost-Meer zwey breite Graben machen lassen / wormit diß die zehn in sich verschlingende Flüsse sonder Beschädigung seines vorhabenden See-Tammes durch diese zwey neue Münde ausspeyen könte. So bald nun die Sandbäncke bläckten / ließ er die Bauleute seinen Meer-Tamm auffs neue mit grosser Gewalt anfangen /er aber führte durch die Pfützen das Kriegs-Volck selbst gegen der von Wellen beschädigten Festung zum Sturme an. Weil er selbst mit einer Springstange voran gieng / offt biß an Gürtel watete / und / wo die Brücken und Sturm-Leutern zu legen wären / anwieß /war niemand / der nicht mit Begierde folgte / oder vielmehr für Schande hielt / dem denen gemeinen Knechten es zuvorthuenden Könige folgen / und nicht für ihm sich der Gefahr entgegen stellen. Der Ritter Dona und Ulsen sprachen zwar allen zweiffelnden so wol mit Worten als seinem ihrem Beyspiele ein Hertze zu; und der Adel wartete des Feindes ohne Schrecken; der gemeine Mann aber erstaunete so wohl über der Menge und Verwegenheit der anlauffenden Feinde / als über dem gantz neuen Anblicke des von ihnen gewichenen Meeres / zumahl da der Wind nun schnurstracks umschlug / und weil er von Sud-Ost bließ / fast alles Wasser von der Festung abtrieb. Gleich als wenn dem Marbod die Ost-See / wie dem Moses das rothe / und Alexandern das Pamphylische Meer aus dem Wege weichen müste. Die wachsame Fürstin Hedwig aber hatte von ihrer ersten Ankunfft ihr Leid durch Kriegs-Sorgen vertrieben; ja die Rache fast alle Eigenschafften ihres Geschlechtes und ihrer Sanfftmuth verändert / und sie mit ihren Weibes-Kleidern auch alle weibliche Furcht von sich geworffen. Sie gieng stets gerüstet / ermahnte die verzagten /lobte die hertzhafften / begabte die thätigen / stärckte die willigen / besuchte des Nachts selbst die Wachen /und stellte sich anders nicht an / als wenn sie viel Jahre das Haupt eines Kriegs-Heeres gewest wäre. Nach dem sie nun bey diesem Sturme die Noth recht ankommen sahe; verfügte sie sich mit mir an den gefährlichsten Ort / nemlich / wo der Wall abgespület /und Marbod die gröste Macht anführte: Lasset uns /sagte sie / hier als Ehrliche stehen; und dem in den Pfützen abgematteten Feinde unverzagt die Stirne bieten. Lasset euch diese Menge der Feinde nicht schrecken / welche ins gemein eine Mutter der Fahrläßigkeit / und der Verwirrung ist. Sie hindert im Gedränge mehr / als sie fördert / und unsere Pfeile und Streiche können desto weniger fehlen. In der Schlacht bey Philippis wäre die Ubermaaße des Volckes der gröste Verderb des so grossen Pompejus / wie die unmäßige Kriegesrüstung vorher des Antiochus Niederlage gewest. Nichts / was mit seiner Grösse ihm selbst / wie des Antonius Schiffe bey Aotium überlegen wäre /stünde wohl / am wenigsten aber ein Kriegs-Heer. Was das Mittelmaaß überstiege / wäre ihm selbst überlästig. Hingegen hätten die Griechen mit einer Hand voll Volck das gantze vom Xerxes in Griechenland geschleppte Asien / Lucatius Catulus mit seinen Nachen das auff ungeheuern See-Städten schwimmende Carthago erlegt; und Alexander mit einem bereglichen Heere die unzählbaren Morgenländer überwunden. Wir haben nicht nur / wenn wir Männer sind /eben diese Hoffnung / und über den Feind zwey Vortheil / nemlich des Ortes / und daß wir nicht weichen können.[848] Wir fechten auff festem Fusse / unsere Feinde aber köñen sich kaum aus dem Schlamme heraus weltzen / und nicht die Helffte ihre verderbte Waffen gebrauchen. Glaubet mir auch / daß wenn wir wenige Stunden ihre erste Hitze werden ausgestanden haben /die Marckmänner mehr mit dem Wasser als mit uns werden zu kämpffen bekommen. Denn das Meer ist so ungewohnt Marbods Rügel und Schleussen / als Xerxens Ketten und Ruthen zu vertragen. Marbod selbst trauet seiner Macht nicht zu / unser Meister zu werden / denn zu was Ende liesse er bey habender Hoffnung ihm selbst zu Schaden an Vertämmung des Hafens arbeiten! Ist es aber des Himmels unwandelbahrer Schluß übermannet zu werden / so lasset uns doch der Schande entgehen / daß wir einige Wunden am Rücken bekommen. Die in Godanium ausgeübte Raserey / da alles männliche über die Klinge springen müssen / was länger als der Unholdin Marmeline Degen war / dienet euch schon zur Lehre / daß ihr hier siegen / oder hernach sterben müßt. Wenn man nun fallen muß / trete man der Gefahr lieber entgegen / als daß wir für ihr weichen und die Augen zumachen. Lasset euch nicht wie thummes Vieh abschlachten; sondern dencket / daß ungerochen sterben auch den Hasen verächtlich / fürs Vaterland und seinen Fürsten das Blut vergiessen ein gemeiner und würdiger Tod der Helden sey. Mit diesem will ich heute der Estier Freyheit besiegeln. Folget diesem nach meinem Beyspiele / und lasset euch zu ewiger Schande nicht nachsagen: daß ihr an dem Tage / da ich ein Mann zu werden angefangen / ihr es zu seyn aufgehört hättet. Hedwig redete diß mit einem so feurigen Geiste / daß auch die kaltsinnigsten dardurch rege wurden / und die kleinmüthigsten die Furcht des Todes aus dem Hertzen verbannten. Ehe die Marckmänner nun sich aus dem Schlamme arbeiteten / wurden sie aus der Festung mit einem steten Platzregen von Steinen und Pfeilen überschüttet / und blieben derer so viel / daß ihre Leichen an unterschiedenen Orten den Gebrauch der Wurffbrücken ersparten. Als aber die Sturmleitern angeworffen / die beym verfallenen Walle in Eil eingegrabenen Säulen und Sturm-Pfäle theils untergraben / theils angezündet wurden / und es zum nahen Handgemenge kam / sahe man hunderterley Sterbens-Arten. Bald brachen die Leitern / und mit ihnen die darauff kletternden die Hälse entzwey. Diesen wurden die Hirnschalen von Schleudern / jenen die Armen von Steinen zerschmettert. Anderer Brust durchbohrten die Brüste / andern schmiedten die Schwerdter ein Glied ab. Viel verwickelten sich in brennendes Pech /und Schwefel / welches die Belägerten theils ausgossen / theils in angezündeten Fässern unter ihre Feinde von oben herab weltzten. Nicht wenigen zerqvetschten die Fall-Gatter und Balcken ihre Leiber / also / daß sich hier ein rechter Schauplatz des menschlichen Elendes und Rasens zeigete. Einem stand der Blutschaum des Todes / dem andern ein Jäscht von Galle und Rache auff dem Munde. Dieser fallende / welcher seine Hand verlohren / erwischte seinen Feind mit den Zähnen / jener biß sie für Grimm zusammen / und wen man mit den Waffen nicht erreichte / den wolte man mit den Augen tödten; so daß mancher sich / wenn es in seiner Gewalt gestanden / gerne in einen Basilisken verwandelt hätte. Des einen Mord-Geschrey war des andern Freude /und es war nichts so erbärmliches / worüber nicht iemand lachte; gleich als wenn hier die Erde es der Hölle an Pein und Wütten vorzuthun bemüht wäre /denn der wilden Thiere Zerfleischungen waren gegen diese Raserey Kurtzweil und Kinderspiel; drey Stunden währte diese grausame Blutstürtzung / ehe ein oder ander Theil die geringste Hoffnung des Sieges ihm zu machen hatte. Auf beyden Seiten waren viel /und zwar die[849] edelsten gefallen; aber ihre Lücken wurden sonder der einige Noth der Ermahnung augenblicks ersetzet / und mit solcher Verzweiffelung ie länger ie mehr gefochten / gleich als wenn ihnen die Austilgung des menschlichen Geschlechtes von der Natur geboten / und die Liebe des Todes an statt des Lebens eingebohren wäre. Um diese Zeit wendete sich der Wind / und fing das Wasser zu grosser Freude der Belägerten zu wachsen; welche denn auch aus dem innersten Hafen etliche mit Schwefel / Hartzt / Pech /Hanff gefüllte Nachen auff die Werckleute des Marbods ausfahren liessen / und all ihr Gemächte anzündeten. Die im Wasser schon über die Knie und theils biß über den Gurth watenden Marckmänner und Semnoner begunten schon zu wancken / und wären abgewichen / wenn nicht der für Koth und Blute kaum kenntbare Marbod dem Grafen von Witgenstein ein Zeichen auf der festen Land-Seite die Festung gleicher Gestalt zu stürmen gegeben / und nach dem Beyspiele des wider die Phalisker streitenden Similius Priscus den Hauptleuten / daß sie den ersten weichenden durchstechen solten / und dem Ritter Saltza befohlen hätte / das Haupt-Fahn auf den Wall zu werffen. Hiermit stunden die Marckmänner nicht nur zwischen Feind und Flut als Mauern / sondern die Anwachsung des Wassers und die Furcht der Schande zwang sie zu einem neuen und mehr als männlichem Angrieffe /also / daß weder Glut / Schneide und Spitzen sie hemmeten / sondern sie / wenn kein ander Weg war / wie die schäumenden Wald-Schweine in die Eisen rennten / biß sie ungeachtet eusserster Gegenwehre der Estier / welche ihre viel kleinere Macht nun halb gegen den Witgenstein theilen musten / nach dem die daselbst ritterlich kämpffende Dona / Hohenbach / Dumpeshagen / und Rautenberg todt blieben / ein Stücke des Walles eroberten. Zu einer wichtigen Nachricht: daß wie ihrer mehr aus Furcht der Straffe als aus Liebe der Tugend nicht sündigten / also die Furcht der Schande vielmehr Kräfften habe als die Vegierde der Ehren. Welche letztere nur edle / jene auch unedle Gemüthe ermuntert. Weil nun den Fürsten selbst oder die Haupt-Fahne im Stiche lassen einerley Schande bey den Deutschen ist / welche nimmermehr biß ins Grab durch keine Helden-That ausgewischt werden kan / ist nicht zu verwundern: daß die Marckmänner die auffs höchste gespañte Seite ihrer Tapfferkeit noch höher ausdehnten / und lieber das Leben als ihre Ehre mit der Fahne verlieren wolten. Sintemahl auch Servius Tullius den Sabinern / Furius Agrippa den Herniken / Emilius Capitolinus den Phaliskern durch eben diß Mittel des dem Feinde zugeworffenen Fahnes die zweiffelhafften Schlachten abgewanen. Der Ritter Ulsen meinte dieser eussersten Noth zwar durch ein eusserstes Mittel zu rathen / in dem er funffzig Beeren auf die Marckmänner loß ließ / damit an dieser unmenschlichen Wütten die wilden Thiere ebenfalls ihr Theil haben / und nicht auf einmal von Menschen an Grausamkeit überwunden werden möchten. Diese Beeren fielen die stürmenden anfangs grausam an / und weil sie keine Stiche von Spissen und Degen achteten / ihrer nicht wenig zerfleischten / und allen kein schlechtes Schrecken einjagten. Alleine der schlaue Marbod / welcher wohl wuste / daß die Estier und Hirren eben so wohl mit Beeren / als die Molossen uñ Fennen mit Hunden Krieg zu führen pflegten / hatte diesen schon vor gesehen / und etliche Drommeln mit Pferde-Häuten überziehen lassen. So bald nun Marbod diese schlagen ließ / vergassen die Beeren wegen der für Pferden habender Abscheu ihrer Lust zu kriegen / und wären lieber im Gedränge für Furcht gerne in Bocks-Hörner gekrochen / als daß sie einigem sie durchstossenden Marckmanne sich wiedersetzt hätten. Nach derogestalt gedemüthigten Beeren drangen sie desto verbitterter auf[850] die Estier loß. Weil diese nun kaum einen Mañ zehn Feinden und zwar nunmehr auf gleichem Boden entgegen setzen konten / und der tapffere Ulsen mit Ercken / Frymersen / Osthofen / Dumpeshagen und andern Rittern erschlagen / die übrigen zum weichen gebracht wurden /kam die Fürstin Hedwig / ungeachtet ich sie / sich /und ihr Kind / durch die Flucht zu retten fußfällig anflehete / mit dem letzten Hinterhalte dahin / das eusserste vollends zu wagen. Sie verrichtete daselbst das Ampt eines Kriegs-Hauptmanns so klug und männlich / daß keiner der Feinde sie für eine Frau gehalten hätte. Sie durchstach auch mit eigener Hand einen Marckmännischen Hauptmann / welcher dem fallenden Gattersleuen die Fahne der Estier aus der Hand riß / und nicht besser machte sie es einem andern / der an des Ulsen Stelle tretenden Ritter Tierburg erlegte. Diese Tapfferkeit aber verursachte / daß aller Feinde Augen und der kühnesten Schwerdter auff sie gerichtet wurden; und ob zwar Hirtzberg / Grünbach / Reichemberg / Baldersheim und Schippen nur auff Beschirmung ihres Leibes acht hatten; woran sie doch endlich / weil zumahl auch Witgenstein den Wall eroberte / von der Menge der Marckmänner / als wie mit einem Bienen-Schwarme umgeben / und nachdem fast alle um sie gefallen / vom Ritter Reuß durch die Gurgel gestochen / daß sie todt zur Erden fiel. Mit dieser Heldin entfiel denen noch fechtenden Estiern das Hertze / und ihre Tapfferkeit verwandelte sich in ein jämmerliches Mordgeschrey. Der Ritter Seine und Sangerhausen stachen ihnen selbst aus Verzweifelung / daß sie ihrer Herzogin Tod überlebet hätten / die Degen in die Brust / so daß Marbod hieraus was ungemeines vermuthende / herzu drang / und als ihm ein Estier sagte: daß Gottwalds Gemahlin Hedwig todt für seinen Füssen läge / sich darüber aufs höchste entsätzte / sie aufheben / der Waffen entblößen / und ob sie schon todt erforschen / auch weil alles nur auf der Flucht / und niemand mehr zu fechten gesinnet war /alles fernere Morden verbieten ließ. Ich / als ich Hedwigen fallen / und die Unmögligkeit dem Feinde länger zu widerstehen sah / eilte mit dem Ritter von Tieffen dem jungen Gottwald zu / und brachten selbten durch Hülffe etlicher Fischer auf einem Nachen in ein mit Schilff umbwachsenes Gesümpffe / biß wir bey folgender Nacht sicherer über den Strom fahren konten / welcher die Festung und das Eyland Glessaria von einander scheidet. Daselbst stiegen wir aus /giengen zu Lande zwey Meilweges / und versteckten uns an dem Agstein-Ufer in eine Höle der daselbst liegenden Berge / darinnen wir alle Augenblicke nach einem frembden Schiffe säuffzeten / weil wir an diesem volckreichen Strande nicht lange sicher seyn /noch auch das Kind / ungeachtet wir eine Adeliche Frau zur Amme mich genommen hatten / in dieser Wildnüß unter der Erde tauern konte. Allein unsere Hoffnung liedt bald Schiffbruch / weil ein hefftiger Sturm sich erregte / und die Wellen biß an Eingang unser Höle spielten / von welchen zum theil diese ausgeschweifft zu seyn schienen. Bey dieser Beschaffenheit musten wir auf ein ander Mittel unser Sicherheit gedencken; da sich denn der Ritter Tieffen erbot /Kundschafft einzuholen / und für uns Bauer-Kleider und Lebens-Mittel einzukauffen. Dieser war kaum fort / als ich an dem Eingange der Höle stehende / den Wind ein Rede- und Ruderloses Schiff gegen dem Ufer antreiben / und auf einer nahen Sand-Banck stranden sahe. Die Schiffbruch-Leidenden suchten allerhand Wege sich zu retten / etliche kamen auf den Nachen / andere erwischten ein stücke Brett oder Mast / einige suchten vollends durch Schwimmen sich zu retten. Unter diesen letzten war einer / welcher sich durch die rasenden Wellen mit seinen Armen ziemlich biß ans Ufer gearbeitet hatte / zuletzt aber war er so abgemattet; daß er ihm[851] selbst nicht mehr helffen /sondern nur die Flutt mit ihm ihr Spiel treiben lassen muste. Mich regte / ich weiß nicht / was für ein Erbarmnüß / oder für ein heimlicher Zug / daß ich meines jungen Fürsten vergaß / und unbedachtsam in die See sprang / diesem Nothleidenden zu helffen. Der Himmel segnete meine Verwegenheit / indem die Flutt mir diesen Nothleidenden gleichsam selbst in die Hände spielete / und ich ihn vollends sonder grosse Müh ans Ufer in unsere Höle brachte. Er war von Sand und Schlamme aber so verstellet / und er hatte so viel See-Wasser in sich getruncken / daß er weder kenntlich / noch zu reden mächtig war. Dahero ich ihn denn meinen Waffenträger absaubern / bey einem kleinem Feuer abtrocknen / und nach dem Vermögen unserer Dürfftigkeit seiner pflegen ließ. Der zurück kommende Ritter brachte zwar die verlangten Kleider und Lebens-Mittel / aber auch diese schlechte Zeitung mit / daß an diesem sonst volckreichen Ufer sich aus Furcht der Marckmänner / welche bereits hauffenweise auf diß Eyland übergesätzt hätten / alles verlauffen hätte. Wir verkleideten uns daher alsobald / in Meinung / uns folgenden Morgen weiter ins Land zu begeben. Wiewol er nun nicht billigte / daß ich einen frembden Menschen in unser geheimes Behältnüß gebracht hätte / trieb ihn doch / als er ausgeschlaffen hatte / gegen Tage der Vorwitz / daß er den Schlaffenden mit einer Kühn-Fackel genau betrachtete. Hilf Himmel! fieng er augenblicks an zu ruffen / hat das Meer den zu unser Freude hier wieder ans Licht gebracht / welcher in Godanium vom Tode verschlungen worden! denn hier finde ich unsern Fürsten Gottwald. Träumet dir? sagte ich / oder was hast du für Lust mich in meinem Kummer noch zu äffen? der Ritter von Tieffen aber betheuerte noch vielmehr / mit grossem Frolocken: Es wäre Hertzog Gottwald / so daß ich mich nicht nur ihm zu nähern veranlaßt / sondern auch der Schlaffende erweckt / und bey Vernehmung seines Nahmens sich aufzurichten verursacht ward. Mein erster Anblick gab ihn mir numehr deutlich zu erkennen / daher ich mich nicht enthalten konte / ihm mit thränenden Augen umb den Hals zu fallen. Gottwald aber kennte einen unter uns so wenig / als er wuste / wo er sich befindete / und wo er in diese Höle kommen wäre. Bin ich / fieng er an / in dem Behaltnüsse der Verstorbenen? Seyd ihr meine gute Geister? Ich antwortete ihm: Wir sind deine getreue Diener /du unser liebwerthester Fürst. Gottwald versätzte: Legen denn die sterbenden Fürsten mit ihrem Purpur nicht auch ihre Würde ab? Hebet der Tod nicht allen Unterschied des Standes auf? Oder herrschen Fürsten auch im andern Leben / wie in der Welt? Ich fiel ihm ein: der Tod würde niemahls mächtig werden ihre zu ihm tragende Liebe auszuleschen / weniger die Zeit /so lange sie lebten. Gottwald fragte: wo sie denn lebten? und warum sie in einer so engen Finsternüß / von anderer Verstorbenen Geistern abgesondert / und aus was für einem Verbündnüsse sie drey nur mit einander vereinbart wären? Wir möchten sich doch ihm zu erkennen / und die Ursache so vieler Thränen-Vergießung zu verstehen geben? Ich sahe wol / daß Gottwald sich vor todt hielt / und daher konte ich mich nicht enthalten / ihm zu sagen: Unserer keiner wäre noch gestorben / sondern ich sein treuer Döhnhoff /und mein Gefährte der Ritter von Tieffen; also wir zwey eine schlechte Uberbleibung seiner getreuen Unterthanen / welche der Himmel nur zu dem Ende erhalten hätte / daß sie ihn nach Strandung des Schiffes aus dem Abgrunde des Meeres erretteten. Gottwald fieng sich nun an seiner Schiffahrt zu erinnern / und uns beyde lange Zeit starr anzusehen / biß ihm zuletzt viel Thränen aus den Augen schossen / und er anfangs mich / hernach meinen Gefärthen / mit vielen Küssen umarmte / und fragte: Was für ein Unglück uns denn in Bauern verwandelt[852] hätte? Ein solches / antwortete ich / als wir in der nechsten Festung erlitten / wäre wol fähig einen zum Steine zu machen; da nemlich der letzte Kern seiner getreuen Estier / und sein liebstes Kleinod in der Welt vom rasenden Marbod auf der Fleisch-Banck seiner wüttenden Herschsucht abgeschlachtet worden. Jedoch scheinet solch Unglück dazu gut gewesen zu seyn / daß wir hier den sonst ertrunckenen Fürsten Gottwald aus dem Wasser erretteten. Gottwald seuffzete und fieng an: Ich weiß nicht / ob ich euch für diesen Liebes-Dienst dancken / oder ihn unter die Wolthaten / welche wir hassen / rechnen soll. Sintemahl das Verhängnüß mich gleichsam zu einem Ziele seiner Grausamkeit ausgesehen / oder mich zu einem Ebenbilde eines Unglückseeligen auszuarbeiten erlesen hat. Ich bin den wilden Wellen darum nur entkommen / daß ich denen viel wildern Menschen in ihre Klauen fallen / und zu meiner Hertzens-Kränckung nur alle Stunden neuen Jammer hören solle. Wolte GOtt / ich wäre in diesem Meere /oder in diesem edlen Ufer begraben / so hätte ich die Trauer-Post von meinen getreuen Estiern / meiner Gemahlin / und Kinde nicht hören dörffen; nach welchen ich zu leben / weder Lust noch Ursache habe. Lasset mich also noch sterben / ehe ihm Marbod und Marmeline noch aus meinem Tode eine Kurtzweil macht. Es ist ja besser / einmal einen Tod leiden / als im ängstigen Leben alle Arten des Todes fürchten. Hiermit erhob sich Gottwald im Augenblicke aus der Höle /und sprang ins Meer. Ich / und der Ritter von Tieffen folgten demselben auf dem Fusse ins Wasser / und wie sehr er sich wehrte / brachten wir ihn wieder heraus. Wir waren aber noch im Meere / als wir das Ufer von einer unzählbaren Menge Menschen bedeckt sahen / welche unserm Menschen-fischen zuschauten /und uns beym Aussteigen umbringten. Ihr Aufzug wieß / daß es alles Marckmänner wären / und als ich nur aufsahe / fiel mir König Marbod und Marmeline ins Gesichte / das Schrecken aber in alle Glieder / daß mir Arm und Beine davon zitterten. Dieses würde mich / und die bekandte Gestalt / den Fürsten Gottwald verrathen haben / wenn nicht dieser entkleidet /und vom Schlamme sehr verstellt gewest wäre / ich aber Frost geklagt hätte. Marbod selbst rechtfertigte uns / wer dieser ins Meer springende Mensch / und wir wären? Ich antwortete: Wir wären Agstein-Fischer / dieser aber ein wahnsinniger / welcher / weil sein Vater den vorigen Abend ertruncken / in solche Verzweiffelung gerathen wäre. Marbod fragte weiter: wo denn alle Leute aus denen leeren Häusern hinkommen wären? Ich antwortete: Sie wären alle aus Furcht für dem Marckmännischen Kriegs-Volcke entlauffen /und auch wir würden nicht blieben seyn / wenn wir diesen uns verwandten Menschen hätten fortbringen können / und uns nicht unser Armuth sicher gemacht hätte. Marbod lächelte und fieng an: Weil Armuth einen so freudigen Gefärthen hat / sind die Geten nicht zu verdencken / daß sie es unter die Gemächligkeiten des Lebens zählen / und die Verachtung aller Reichthümer alleine fürs rechte Reichthum halten. Warumb aber sind wir denn so unersättlich / wenn die Grösse unsers Besitzthums nur unsere Sorgen und Furcht vergrössert? Marmeline fiel ein: Armuth lässet sich leichter loben / als ertragen / und wenn Armuth eine Glückseeligkeit ist / kan es der Reiche alle Tage erlangen / schwerlich aber der Arme / wo das Reichthum dafür zu halten. Sie wolte lieber todt als arm seyn / weil Armuth die Menschen lächerlich / Reichthum aber geschickt / freudig / und ansehnlich machte / ja dieses allein wolthätig seyn könte. Unter diesem Gespräche schlepten wir den Fürsten Gottwald in die Höle / ich aber kehrte gleich um damit niemand uns darein zu folgen Anlaß haben möchte; und fiel Marmelinen einfältig ein: Ich könte nicht glauben /[853] daß Reichthum besser / als Armuth wäre; weil die / welche was gehabt / die Müh haben müssen / zu entlauffen / er aber das Glücke zu bleiben. Daher hätte er die Reichen / diese ihn aber auszulachen niemals Ursache gehabt. Denn weil die Noth einen zu arbeiten nöthigte / ja die Papegoyen solte reden lehren / müste sie auch die Menschen geschickter machen. Wie er denn sein Fischer-Handwerck besser gekönt hätte / als die / welche mit dem Agsteine gewuchert. Daß aber auch Arme wolthätig seyn könten / hätten sie an Errettung dieses blödsinnigen Menschen gesehen / welchem zu Liebe sich schwerlich ein reicher in die Tieffe des Meeres gewagt haben würde. Wiewol / ungeachtet sie sich noch so sehr in acht nehmen / daß Reichthum eben so viel Menschen / als die Fettigkeit dem Mast-Viehe eine Ursache des Todes abgäbe. Daß das Reichthum aber vielmehr lächerlich wäre / hätte ich an diesem Ufer tausendmahl verspühret / und die am Rande noch liegenden Stücke des scheiternden Schiffes wären seine Zeugen; daß Leute aus Africa und Indien / wo Gold und Edelgesteine ihr Vaterland hätten / an diese Kiste nach Agstein kämen / und darüber nicht nur Kälte und Ungewitter ausstünden / ja das Leben einbißten. Daß keine edle Frau zu Rom sich glücklich schätzte / wenn sie nicht Arm- und Hals-Bänder von Agstein zu tragen hätte / wormit sich hier alle Grase-Mägde behiengen / und darein sich Spinnen / Bienen / Ameißen / und zuweilen Frösche begrüben. Ja daß grosse Käyser und Könige der Welt diß / was in der Erde und im Meere am tiefsten läge /nemlich / Gold / Perlen und Agstein / sich nicht schämten für das höchste in ihren Augen / und im Hertzen für ihren Schatz zu halten / also den Indianischen Ameißen ähnlicher / als den Menschen wären /von denen ihm die Schiffer erzählt hätten / daß sie daselbst das Gold / wie hier die Hamster das Getreyde /in ihre Löcher zusammen trügen. Dem Könige Marbod gefiel es überaus wol / daß ich in meiner Einfalt Marmelinen so trocken die Warheit sagte. Daher fieng er an: Sonder allen Zweiffel ist Armuth nicht nur eine Schwester guter Gemüther / sondern auch ein Wetzstein des Verstandes / guter Künste / ja eine Aushelfferin der Reichen. Sintemal die Vermögende bey ihrem gewohnten Müßiggange Noth leiden würden /weñ die Dürfftigen nicht arbeiteten. Westwegen die Einwohner der Stadt Gadare dem Armuth als einer Kunsterfinderin gar sinnreich ein Altar gebauet hätten. Es wäre auch außer Zweifel / daß einem vergnügten Gemüthe viel wöller bey seinem müßigen Armuthe / als Geitzigen bey ihrem traurigen und mühsamen Vermögen wäre / ja insgemein ein Tagelöhner auf einer härenen Kutze / oder auf einem Strohsacke sanffte schlieffe / wenn ein grosser König sich auf Sammet und Seide unruhig herum weltzte. Daher glaubte er selbst festiglich: daß ein mäßiges Vermögen und Glücke / welches dem Besitzer weder zur Schande / noch andern zur Uberlast diente / das gröste; und Reichthum in Händen übel aufgehoben wäre /aus denen es ohne Schwerigkeit nicht wieder gebracht würde. Hierauf fragt er mich: welcher gestalt der Agstein bekommen würde? Ich / weil ich voriger Zeit hierumb ebenfals bekümmert gewest war / antwortete: daß für gar alten Zeiten niemand dessen geachtet /weniger selbigen gesucht / sondern nur / wenn an dieser Seite der West- an der andern dieses Eylandes der Nord-Wind selbten mit den Wellen auf den Sand ausgespület hätte / wäre er von Kindern / wie anderwerts Kieselsteine und Muscheln zum Spielen; hernach aber / als dessen guter Geruch durch ungefährliches reiben und am Feuer verspüret worden / zum Rauchern aufgelesen worden. Zu diesem Ende hätten ihn auch der benachbarten Völcker Schiffe / welche in diesem fruchtbaren Lande Getreyde geholet / mitgenommen. Sein ander Gebrauch wäre gewest / daß die Estier /und folgends andere Völcker ihn statt[854] Myrrhen und Aloe auf die Todten-Holtzstösse gestreuet / und in den Leichen-Krügen mit ihrer Asche vermischt hätten. Wie denn insonderheit die Carthaginenser Asdrubals /und anderer Edlen Todten-Beine damit verehret hätten. Nach kurtzer Zeit hätten die Africaner / Egyptier /Griechen und andere Völcker embsig nach diesem Agsteine gefraget / und selbten gegen ihre Früchte /und Handwercks-Gemächte eingetauschet / welches die Estier veranlasset / den Auswurff des Meeres /und das trockene Schilf fleißiger zu durchsuchen. Weil die Ausländer aber selbtes von Jahr zu Jahre theuerer gemacht / und die Einwohner zu dessen Aufsuchung / wiewol sie dessen Gebrauch durchaus nicht entdecken wollen / mit grossem Versprechen ermahnet hätten / die Fischer auch zuweilen mit den Fischen ein und ander stücke in Netzen heraus gebracht / hätten sie anfangs ihn mit langen Zangen im Wasser gesucht / und heraus gehäckelt / hernach aber auf den Wind acht gegeben / und zur Fischung des Agsteins gewisse Netze bereitet. Maßen sie denn nach und nach klüger worden / und für die beste Fischzeit erkennet / daß die starcken Sturm / durch Antreibung des hertzblättrichten Meer-Schilffes eine kleine /durch das krause und kleinere eine was bessere /durch das den Rebenblättern ähnliche Gewächse aber den allerreichsten Agstein fang / da in drey oder vier Stunden offt dreißig Tonnen herausgebracht würden /bezeichneten / da denn / wo diese Blätter schwimmen / alsbald gefischet / und mit dem untersten Reiffen der Netze strenge an dem Bodem hingefahren werden müste / damit der von den Wellen aus dem Grunde gebohrte Agstein sich nicht wieder versändete / und man mit dem Netze nicht überhin züge. Es wäre aber der Estier Hertzog einmahl an diß Ufer kommen / und keinen Agstein mehr an frembde zu vertauschen verboten / biß sie dessen Gebrauch entdeckt hätten. Hierauf hätten diese Ringe / Müntzen / Geschmeide / Gefäße / Bilder / und dergleichen aus Agstein durch Drechsler und Bildhauer gemachte Sachen vorgewiesen / welche Gold und Edelgesteine beschämt / und also auch dem Estischen Frauenzimmer damit zu prangen / den Männern aber solchen gleichfals zu drechseln / und glatt zu machen / Anlaß / diesem Auswürflinge des Meers aber allererst einen Nahmen gegeben. Als nun überdiß von Rom absonderliche Gesandschafften an der Estier Fürsten wegen freyen Agstein-Handels ankommen / wäre dessen Preiß nicht allein gestiegen / indem man zu Rom ein Agsteinen Bild eines Fingers lang theuerer / als einen lebenden Menschen verkaufft hätte; sondern die sorgfältige Verschwendung hätte auch den Agstein nach seinen Farben in weisse / in Wolcken-farb- und blaulichte /in Pfirschkenblüt-farbichte / in Wasser-klare / durchsichtige / geflammte / tunckel- und licht-gelbe / grünlichte / rothe / braune / und schwartze unterscheiden lernen / und gewiesen: daß die Kunst-Hand der Natur nicht weniger in Agsteine / als im Agat spielte / und dadurch den Künstlern zu Einlegung gantzer Bilder gnugsame Arten darreichte; wiewol zum Frauen-Schmucke die weißmilchernen / grünlichten / hochgelben / und wasserstriemichten den höchsten Werth erlangt hätten. Nach der Zeit wäre entweder die menschliche Begierde so sorgfältig worden / oder ein unserm Vorwitz heuchelnder Zufall hätte Anlaß gegeben / den Agstein auch außer des Ufers / in denen Glessarischen Sand-Bergen / wiewol mit höchster Lebens-Gefahr zu suchen / und mit selbtem diese Nachricht zu finden / daß er wie Ertzt seine Adern in der Erde habe. Dem Könige Marbod gefiel meine Erzehlung nicht alleine wol / sondern beglaubte ihn / auch so vielmehr / daß wir Agstein-Fischer wären / daher er denn ferner fragte: Ob denn der Agstein in seinen Berg- und Meer-Adern anfangs weich und gleichsam flüßend wäre / hernach aber allererst vom Saltz-Wasser oder der Lufft gehärtet würde? Ich[855] verneinte aber beydes mit gutem Grunde / und berichtete / daß gar selten etwas / welches noch in seiner Unvollko enheit wäre / zwar nicht flüße / aber weichem Wachse gleichte / und vielleicht von der Sonne schmeltzte /aus den Bergen gegraben würde / welch gegrabenes denn auch ins gemein klärer als das gefischte wäre. Wiewol auch bißweilen Agstein / an welchem Muscheln / Pech und Schiff-Holtz angebacken wäre / gefischet würde. Diesemnach wäre der Agstein / darinnen kleine Thiere lägen / so seltzam / und weil er keines weges / wie etliche tichteten / durch Feuer und Oel nach Eigenschafft des Ertztes geschmoltzen werden könte / hätten frembde Künstler nach der Zeit ausgesonnen / in die von Natur unterschiedene / von ihnen aber fast unsichtbar zusammen gefügten Stücke Agstein / Laub-Frösche / Heydächsen / Heringe / und andere kleine Thiere zu vergraben. Wordurch denn die einfältigen Ausländer nicht allein in ihrer Einbildung / sondern auch um ihr Geld offt mercklich betrogen würden. Biß hieher kunte ich dem Könige Marbod genugsamen Bescheid geben / als er aber von mir bey wehendem Westwinde einen Zug zu thun verlangte / ward ich nicht wenig bekümmert / durch unsere Unwissenheit verrathen zu werden. Alleine die Noth lehrete uns aus derselben eine Tugend zu machen /und nach dem ich von Marbod um eine Wache des blödsinnigen Menschen halber / für unsere Höle zu stellen / erlangt hatte / suchten ich / und der Ritter von Tieffen aus denen andern Hölen ein Netze herfür /und versuchten mit Hülffe etlicher uns auf die Nachen gegebener Marckmänner unser Heil / hatten auch mehr aus Güte des Himmels / als unser Geschickligkeit das Gelücke / im andern Zuge ein siebenzehn Pfund wiegendes Stücke des edelsten Agsteines heraus zu ziehen. Wordurch Marbod mehr vergnügt ward / als die Fischer des Eylandes Chio / da sie den güldenen Dreyfuß fiengen. Diesem nach ließ er von Stund an einen Künstler aus Godanium beruffen / und befahl ihm aus diesem seltzamen Stücke des Kaysers Augustus Bild zu fertigen / welches hernach auch durch den Ritter Wolckenstein nach Rom geschickt / und daselbst als etwas unschätzbares geachtet / vom Kayser aber unter dem Nahmen Jupiters ins Pantheon auff einen güldenen Fuß gesetzt ward. Uns gab Marbod zweyhundert güldene Müntzen / und ließ allenthalben ausblasen: daß die Agstein-Fischer nicht nur völlige Sicherheit wider alle Gewalt / sondern auch jährlich einen ergebigen Sold von ihm genossen / hingegen aller Agstein / da ein Stücke über drey Pfund wiege /ihm als Könige der Estier geliefert werden solte. Hierbey aber kränckte und erschreckte mich auffs eusserste die angebotene Gnade Marbods / daß ich mit ihm nach Godanium zurück ziehen solte; weil ich nicht so sehr fürchtete / erkandt zu werden / als mir durchs Hertze ging / daß ich den Fürsten Gottwald und sein Kind verlassen solte / welcher inzwischen durch Unterricht der Amme solches hatte kennen lernen / und bey dessen tausendfacher Küssung den Gebrauch seiner verstörten Vernunfft wieder bekommen / und die Helffte seines Hertzeleides gestillet hatte. Weil mir Marbods Auffbruch nicht viel Zeit zur Unterredung verlaubte / verliessen wir alleine mit einander / daß wir in der Stadt Wineta / oder wenn Marbod ja ihr Meister werden solte / in der See-Stadt Treva am Flusse Chalusus uns wieder vereinbaren wolten. Nach deme mir Marbod nun ein besser Kleid und ein Pferd geben lassen / muste ich stets hinter ihm reiten / und ihm vom Agsteine / darein er sich gantz verliebt / und einen Tempel an diß Ufer zu bauen gelobt hatte /mehr / als ich selbst wuste / zu erzählen genöthiget ward. Insonderheit wolte er dessen eigentlichen Ursprung / und ob selbter vom Harne der Luchse / oder dem Saamen der Wallfische herkäme / oder ob er ein Schaum / ein fetter Schweiß / oder ein geliefferter Auswurff deß sich reinigenden[856] Meeres wäre / welcher wie Froschlach auff dem Meere schwimme / und wie das Hartzt im todten Meere gezeugt würde / wissen. Als ich aber nur darzu lachte / und berichtete / daß um das gantze Estische Ufer kein Luchs zu sehen wäre / und der Agstein aus Bergen / dahin weder das Meer-Wasser / noch einiger Fisch kommen könte /gegraben würde / fieng er an: Er hielte diß selbst für Getichte / aber ihm schiene aus dem Geruche / der Farbe / und der Fähigkeit zu brennen / am glaublichsten zu seyn: daß das von Kiefern / Zedern / oder Fichten trieffende Hartzt durch das Saltz-Wasser ausgeleutert / und durch die Krafft der Sonne zu Agsteine bereitet würde. Als ich ihm nun einwarff: daß an dem Ufer keine solche Bäume / welche sich mit dem Meer-Wasser auch nicht vertrügen / zu finden wären; fiel er ein: Aber vielleicht finden sich derselben an denen gegen über liegenden Ufern der Svionen und Fennen /und wird der bey dem West- und Nord-Winde angetriebene Agstein durch die See herüber geführt? Ich antwortete: bey diesen Völckern wüsten sie nichts vom Agsteine. Marbod aber versätzte: dem Berichte nach / hinderten ihre hohen Ufer dessen Ausspülung; und gäbe seiner Meinung einen ziemlichen Schein /daß bißweilen Tannen-Knospen in oder an dem Agsteine klebend gefunden werden / auch dieser zuweilen die Gestalt der Tannzappen für bilden solte. Uber diß hätten ihm etliche Scythen glaubwürdig erzehlet /daß weil in Indien der Agstein höher als Gold geschätzt würde / die Seren aus Tannen- und Zeder-Hartzte solchen künstlich nachzumachen wüsten. Gestalt denn auch diß von denen Ameisen in ihren Hauffen so zubereitet würde / daß es den Geruch der Myrrhen bekäme / und vom Weyrauche kaum zu unterscheiden wäre. Ich hielt ihm aber entgegen / daß dem Agsteine eben so offt Eisen / Ertzt / Kupffer-Wasser /Steine / und Meer-Schilff / aus welchem es gleichsam gewachsen zu seyn schiene / als etwas tännenes anhienge / ja ins gemein der gegrabene in eine höltzerne Schaale als in seine Mutter eingehüllet wäre; Deßwegen aber wäre der Agstein so wenig ein Baumgewächse / als eine Art des Ertztes / von welchem er darinnen / daß er sich nicht schmeltzen liesse / hauptsächlich entfernet wäre. König Marbod hörte mir ie länger ie begieriger zu; sagte daher / weil meine Gründe ihn seines Irrthums genugsam überführten /solte ich ihm doch meine Meinung / die ich für recht hielte / nicht verschweigen. Ich entschuldigte meine Einfalt / welche dieses grosse Geheimniß der Natur nicht zu ergründen wüste / so viel aber hätte mir wohl der Augenschein gewiesen / daß es wie Schwefel /Ertzt / Berghartzt / Saltz / Steine / ein Erd-Gewächse wäre / welches seiner unerweichbaren Härte halber aus dem truckenen Rauche fetter Erde zusammen wachsen / doch seiner Fettigkeit halber / und weil man es zuweilen noch weich findet / und dessen Staub leicht Feuer fängt / anfangs etwas von wäßrichten Dünsten an sich ziehen müste / welche aber hernach bey seiner Vollkommenheit gäntzlich austrockneten. Marbod fiel ein: So bliebe der Agstein gleichwol ein Erd-Hartzt? Ich verneinte es aber und sagte / daß er zwar mit Hartzte und Schwefel etlicher massen eine Verwandtnüß hätte / aber doch von beyden / so wol als von Saltz und Ertzte unterschieden wäre / und daher weder vom Feuer wie Wachs und Ertzt / noch wie Schwefel und Hartzt vom Oele zerlassen werden könte / sondern an Härte und Dichtigkeit beyde weit überträffe. Sein eigentliches Wesen aber brächte sein gemeiner Nahme mit / nemilch / daß der Agstein ein Stein / aber nicht unter Marmel / Alabaster / und Porphier / sondern unter die edelsten der Welt zu rechnen sey; dahero auch die sparsame Natur den Agstein so wenig / als andere Edelgesteine zu Klippen / und Bergen auswachsen liesse / diese künstliche Mahlerin auch den gelben dem Hyacinthe / den weissen den Perlen / den feurigen dem Chrysolith / den blauen[857] dem Saphier / andern dem Topaß / gleich gemacht /und daher in die Arten des Agsteines alle Farben gleichsam eingetheilet / wie in die Opalen vereinbaret hätte / so daß aus Agsteine die schwärtzeste Tinte /der schönste Glantz-Firns gemacht / und damit die Zobel gefärbet würden. Marbod fieng hierauff an: Es wäre unlaugbar / daß der Agstein an Schönheit und Härte wenigen Edelgesteinen was nachgäbe; diß aber schiene ihm doch bedencklich zu seyn / daß die vom Agstein abgedrechselten Späne so leicht als Weyrauch auff glüenden Kohlen schmeltzte und Feuer fienge. Als ich ihm aber einhielt / daß der im Flusse Ganges und in Britannien gefundene schwartze Stein /so gar vom Wasser nur vom Oel / unausleschliches Feuer fienge; daß auch gewisse Ertzt-Steine / und die Steinkohlen brennten / ward er gäntzlich meiner Meinung / rühmte auch / daß er durch eine Magnetische Krafft viel kräfftiger als Schwefel / Mastix / und Siegelwachs / Spreue / Gesäme / Ertzt-Grieß / und alle andere kleine / besonders dichte und nicht nasse Sachen / bey trockenem und wäßrichtem Wetter an sich züge / daß sein Würtz-Geruch an Annehmligkeit dem Kampffer / an Stärcke den Myrrhen überlegen wäre /und dem Mastix am gleichsten käme. Daß ie mehr er rüche / ie schärffer er auch schmeckte / und bey seinem Saltze doch eine stumpffe Süßigkeit behielte. Ich bestätigte diß / und setzte bey: daß der edle Agstein fürnehmlich seiner heilsamen Artzney-Krafft halber /allen Edelgesteinen den Preiß abrennte / als welcher die Geburt / Monats-Blume beförderte / Gifft und Pest widerstünde / den Stein zermalmete / die Augen und den Magen stärckte / die Flüsse zertriebe / die Rose heilte / der Fäulnüß widerstünde / und daher ein allgemeines Genesungs-Mittel / und sein Oel Europens Balsam genennet zu werden / verdiente. Marbod fragte ferner: Ob denn das Land der Estier alleine das glückselige Vaterland des Agsteines wäre? welchem ich zur Nachricht beybrachte / daß zwar in Deutschland hin und wieder dessen gegraben / und sonderlich an der Heruler und Lemovier Gestade angespület /endlich in Morgenländern eine gewisse Art gefunden würde / welcher an Farbe und Geruch dem Estischen am nechsten käme; Aber des ersten wäre wenig / der letztere aber wäre weder so wolrüchend noch so harte / sondern zerflüsse vom Feuer / liesse sich nicht drechseln / wäre also mehr ein Hartzt / als ein Stein. Der König schöpffte hieraus ie länger ie mehr Vergnügung; weil er alleine Herr und Besitzer des Agsteins war / und die gantze Welt ihn von ihm nunmehr betteln muste. Unterweges ward seine Freude zweyfach vergrössert durch die Nachricht: daß beyde Gothanische Läger an den beyden Zwiseln der Weichseln nach vernommenem Tode Hertzog Gottwalds sich er geben hätten. Daher er denn / weil noch nicht alles zu seinem und Marmelinens Beylager in Godanium fertig war / die Gefangenen selbst in Pflicht zu nehmen /und diese zwey vortheilhaffte Pässe zu versichern /dahin reisete. Unterdessen sparte Marmeline um so wol Marbods Hoheit nach Würden zu verehren / als ihre Ehrsucht zu vergnügen / weder Fleiß noch Kosten / und machte Anstalt zu Wasser den Einzug in Godanium zu halten. Hierzu ließ sie in den Hafen alle frembde und einheimische Schiffe versamlen / die Masten mit Blumen bekräntzen / mit köstlichen Tapezereyen behängen; für den König aber / welcher zwey Meilweges vom Munde der Weichsel ins Meer mit Marmelinen zu Schiffe gieng / eines über und über vergolden / und an dessen Spiegel Europen mahlen /wie sie von dem beblümten Ochsen durch das schäumende Meer entführet ward. Der Steurmann bildete den Nereus für / und die Schiff-Leute waren alle wie Meer-Götter ausgeputzt. Als er ein wenig auf die Höhe kam / begegnete ihm Marmeline in Gestalt der Venus / auf einem nach Art einer Perlen-Muschel bereiteten[858] Schiffe / um welche die drey Holdinnen und zwey Liebes-Götter eitel seidene Rosen streueten /und andere Liebeskosungen erwiesen; und sie folgends dem Marbod in sein Schiff liefferten. Auf denen unzählbaren Nachen schwärmten die edelsten Jungfrauen der Gothonen und Estier wie Wasser-Nymphen mit den annehmlichsten Seiten-Spielen herum / also /daß diese Schiffarth der / welche Cleopatra auf dem Flusse Cydnus zum Anthon that / nichts nachgab. Kurtz darauf ließ sich auf seinem von zwey Wasser-Pferden gezogenen Wagen Neptun mit dem ihn anblasenden Triton / und um ihn schwimmenden Nereiden sehen; welcher den auf dem Vordertheile seines güldenen Schiffes stehenden Marbod den Dreyzancks-Stab zureichte. Beym Einflusse der Weichsel stand auf ieder Seite eine sehr hohe Säule; und auf der Ostlichen das Bild König Marbods in Gestalt des mit der Keule und Löwen-Haut ausgerüsteten Hercules; Welchem die zur rechten Seite auf einem Segel-fertigen Schiffe stehende Ehre mit ausgestrecktem Arme die Ost-See zeigte / zur lincken aber die Liebe in Arm fiel / und den Hercules zurücke hielt.

Unter der Ehre war zu lesen:


Die Tugend hat kein Ziel. Drum immer weiter fort.


Unter der Liebe aber:


Hier heißt die Liebe stehn. Sie ist der Arbeit Port.


Auf der Westlichen Säule stand ein mit Agstein überlegtes Bild / welches auf einer Seite die Semiramis /welcher Haare auf der rechten Hand aufgeflochten /auf der lincken zerstreuet hiengen / fürbildete. Ihr Aufzug war männlich und kriegrisch / auf ihrem Spiesse saß eine wilde Taube / ihr Schild aber lag zu ihren Füssen / damit sie den Ninus umarmen konte. Darunter war zu lesen:


An mir ist alles Mann / nur nicht Schoos / Brust und Leib;

Doch werd ich weibischer durch Lieben / als ein Weib.


Auf der andern Seite stellte eben diß Bild die den König Marbod umarmende Marmeline / in Gestalt einer Amazone / und darunter diese Worte für:


Entmann't die Lieb' in Sud gleich Helden / ist in Norden

Die Liebe doch durch mich zum Mann' und Helden worden.


Um die erste Säule des Hercules waren folgende Reymen desto besser bey angehender Finsternüß zu lesen / weil alle Buchstaben durch die hole Säule geschnitten / inwendig aber brennende Fackeln angezündet waren / diese Schrifft zu erleuchten:


Laßt wo das enge Meer bey Gadir einen Zaun

Mohr und Iberern macht / Alciden Seulen stecken /

Dort lässet Hanno sich nicht Wind und Wellen schrecken /

Der anfängt / wo sich hin nicht Hercules wil traun /

Und Länder sucht / wo wir die Sonn' ertrincken schaun;

Hier läßt sich mit mehr Ruhm des Marbods Lauff umpflöcken /

Nicht weil wo Eiß und Nacht den Welt-Kreiß uns verdecken /

Weil für den Bären scheint der Sonne selbst zu graun.


Weils Meeres Nabel ist in unser Nachbarschafft.

Des Himmels Angelstern / der Wirbel der Gestirne /

Das Ende der Natur / weil Hertze / weil Gehirne

Kein Schiff hat weiter fort zu dringen Muth und Krafft.

Weils Eiß hemmt Fisch und Fluth / hier Tag und Stern verschwindet /

Nein! weil ihn Marmelin' und ihre Liebe bindet.


An der Semiramis Säule aber stand auf gleichmäßige Art folgende feurige Schrifft:


Man schreib in Adler Holtz / in Ertzt / und in Porphier /

Wo in dem heissen Sud die schwartzen Mohren braten

Und wo der Araber hegt Myrrh- und Weyrauch-Saaten

Wo Aloe sich zeugt / und Balsam rinnt herfür.

Wo's Erdreich Zimmet trägt / und Bezoar ein Thier /

Wo Diamant / Rubin und Perlen wol gerathen.

Semiramcus Gelůck und ihre Helden-Thoten

Sie mach' aus Gold ihr Bild und setze Säulen ihr:


Weil Marmelinens Geist Semiramen nicht weichet /

So hat auch jener Bild hier einen Stand erreichet /

Dem keiner ist in Sud und Osten vorzuziehn.

Denn Nordens rothes Meer / der Belt hat und gebiehret

Mit Agstein alles diß was Ind und Ganges führet /

Gold / Myrrhen / Aloe / Perl / Amber und Rubin.


Nach dem Marbod und Marmeline unter grossem Frolocken des die Ufer füllenden Volckes durch diese zwey Säulen gefahren waren /[859] schwamm der Geist des Weichsel-Stromes auf einem versilberten Schiffe entgegen. Zwischen jedem Arme und den Beinen hatte er einen Wasser-Krug / weil dieser Fluß mit dreyen Ausgüssen ins Meer fällt. Auf der rechten Seite stand Sarmatien / auf der linken Deutschland / und lehnte sich jede mit einem Arme auf die Achseln dieses ihres Gräntzmannes. Um sein Schiff schwamm eine unsägliche Menge abgerichteter Schwanen / ein mit Najaden angefüllter Nachen / welche dem folgende Reime singenden Weichsel-Geiste mit allerhand Säiten-Spielen einstimmten:


Großmåcht'ger Held / und Schutz-Herr meiner Brunnen /

Und meines Vaters Carpathus /

Ans dessen Fels- und Adern kommt geronnen

Mein fruchtbar und Schiffreicher Fluß /

Vergnüge dich an meiner Flutt /

Weil sie in mir / was in den Thieren ist das Blut.


Ist dieser Zinß denn gleich ein schlecht Geschencke /

Dem Iser / Katzbach / und der Kweiß /

Der Riesenberg / Sudetens reich Gesäncke /

So Perl als Gold zu zinsen weiß.

Dem Agstein auswirfft Nordens Meer /

So rührt mein Opffer doch von treuen Hertzen her.


Mein süßer Strom tränckt deiner Ost-See Fische /

Und ihre Wunder nicht allein /

Er trägt der Nord- und Westen-Welt zu Tische /

Die sonst offt hungrig würde seyn.

Denn Isis hat um meinen Strand /

Wie um den Nil / gemacht den Ackerbau bekand.


Kein Fluß / als ich / und mein Gemahl der Pregel /

Hat so viel Vorrath bey der Hand /

Mein Weitz- und Korn belastet tausend Segel /

Das stets nach Westen wird gesand.

Daß man den Marbod dem Osir

Und Marmelinen muß der Isis ziehen für.


Der Himmel hat nicht auszusinnen wissen

Ein glücklicher Vermählungs-Band /

Denn Marbod herrscht / wo ich fang' an zu flüßen /

Und Sie / wo sich verliehrt mein Strand /

Damit mein Haupt und Silber-Fluß

Nur denen / die ein Hertz / nicht zweyen dienen muß.


Es hüpfft und springt des Carpathus Gefielde /

Und unser' Ost-See sammlet ein /

Den schönen Agstein euch zu einem Bilde

Der wegsticht jeden Edelstein!

Ach k \nte doch sich meine Flutt /

Zu Diensten euch verkehrn in Perl und Schnecken- Blut.


Was aber kan euch unser Armuth geben /

Ihr reichen Götter dieser Welt?

Der Himmel geb euch Sieg / Vergnügung / Leben /

So lang es selber euch gefällt.

Und euer Stamm vergehe nicht /

Biß daß der Ost-See Saltz / und Wasser mir gebricht.


Unter dieser Begleitung lendeten Marbod / und Marmeline zu Godanium an / allwo der Gothanische und Estische Adel auf einer der Marckmänner / und Hermundurer Kriegs-Heer auf der andern Seite in Bereitschafft stand. So bald sie ans Ufer traten / wiese man sie unter dem Gethöne der Kriegs-Waffen und Krummhörner / wie auch des zuruffenden Volckes einen künstlich gedrechselten und mit Agstein überlegten Sieges-Wagen zu besteigen. Auf diesem fuhren beyde zwischen fünfhundert Blumen ausstreuenden Jungfrauen / einer wol hundert Ellenbogen hohen Ehren-Pforte zu / welche auf jeder Seite sechs Absätze hatte / und darauf die zwölf berühmtesten Helden-Thaten des Hercules / aber statt dessen allenthalben den Marbod fürstellten. Auf dem ersten Absatze zerrieß er die zwey von der Juno wider den Hercules geschickte Schlangen; darunter stand: Julia und die Wollust. Auf der andern erwürgte er den dreyköpfichten Cacus; darunter war zu lesen: Britton / welcher dreyer grosser Völcker Fürst gewest / und vom Marbod untergedrückt war. Auf dem dritten verjagte er den Stymphalus / und seine gefräßigen Vögel; darunter stand: Jubil. Auf dem vierdten tödtete er den funfzig-köpfichten Lerneischen Drachen; die Unterschrifft hieß: die Hermundurer. Auf dem fünfften brach Hercules dem in einen Ochsen verwandelten Achelous das Horn ab / welches dieser mit Amaltheens fruchtreichem Horne auslösete; darunter stand: Critasir. Auf dem sechsten fegte[860] er des Augia Stall aus; darunter war zu lesen: die Bojen. Auf dem siebenden entsätzt er Diomeden seiner Pferde; darunter war geschrieben: die Semnoner. Auf dem achten erschlug er den Albion und Bargion; diese waren bezeichnet: Häupter der Lygier. Auf dem neundten tödtete er den Busir und zerstörte seine von Menschen Blute trieffenden Altäre; darunter laß man: die Naharvaler. Auf dem zehnden erschlug er das wilde Schwein des Erymanthischen Gebürges / worunter zu lesen war: Carrodun / weil Marbod derer daselbst dreyhundert erlegt hatte. Auf dem eylfften Absatze brachte er den Sohn der Erde und Riesen Anteus umb; darunter stand der Nahme: Gottwald; weil man ihm vielleicht nicht den Gothonischen Hertzog Arnold zugestehen wolte. Auf dem zwölfften eroberte er nach erlegtem Drachen in Hesperischen Gärten die güldenen Aepffel. Hierunter war geschrieben: Agstein. Auf der obern mitlern Spitze ward Hercules von der Sonne mit einem Trinck-Geschirre in Gestalt eines Schiffes beschenckt / als auf welchem er durchs Meer gefahren seyn soll; darunter stand: die Ost-See. In der Mitte dieser Ehren-Pforte aber stand Marbod in Gestalt des Hercules / und lösete der wie eine Amazone ausgeputzten Marmeline den Gürtel auf; darunter war zu lesen: Verträuliche Kriege. In dieser Ehren-Pforte waren allerhand Trompeten und Krumhörner versteckt / welche sich tapffer hören ließen. Als auch Marbod durchfuhr / bückte sich der mitlere Hercules herab /reichte dem Könige seine Oelbäumene Keule / und legte ihm die Löwen-Haut über die Schultern. Hierauf kamen sie auf den grösten Platz der Stadt Godanium /und fanden daselbst eine eben so hohe Ehren-Pforte. Auf derselben höchster Spitze stand Marmeline in Gestalt Hesionens / welche Hercules aus dem Rachen eines Wallfisches errettete. Auf der rechten Seite stand Marmeline wie Andromeda an einen Steinfelß angebunden / wie sie vom Perseus aus den Klauen des sie zu fressen eilenden Meer-Wunders erlöset / und mit selbtem vermählet ward. Auf der lincken Seite stellte Marmeline die von ihrem Bruder Ptolomeus verfolgte / vom Julius Cäsar aber in ihr Reich eingesätzte Cleopatra für. Weiter herunter stand auf der rechten Seite Marmeline in Gestalt der Scythischen Königin Thalestris / wie selbte den grossen Alexander umarmte / und gegen über in Gestalt der Pontischen Königin Hypsicratea mit abgeschornen Haaren / wie sie zum flüchtigen Mithridates auf sein Pferd saß. Zu unterste war auf einer Seite die Vermählung Hebens /welche aus der Trinck-Schale / darinnen sie den Göttern das Nectar zureichte / selbtes ins Meer goß / welches sich in eitel Agstein verwandelte. Auf der andern Seite stand ein loderndes Altar der Liebe / worbey Marmeline ihr Hertze / Berenice aber ihre abgeschnittene und auf den Fall glücklicher Zurückkunfft des Ptolomeus Evergetes aus Asien verlobte Haare verbrennte. Alle diese Bilder / sagte Döhnhoff / hatten ihre besondere Uberschrifften; mir ist aber nur noch die zum letztern im Gedächt nüsse blieben:


So viel ein lebend Hertz geht todten Haaren für /

So viel gebührt auch Preiß für Berenicen mir.

Hat nun ihr Haar als Stern' im Himmel Platz gewonnen

Muß Marmelinens Hertz sich gar verkehrn in Sonnen.


In der Mitte aber saßen Marmeline und Marbod /wie Omphale und Hercules spinnende neben einander. Jene aber spaan eitel güldene Fädeme / dieser eisernen Drat. Hierunter waren folgende Reimen mit feurigen Buchstaben zu lesen:


Was Hercules für Ruhm durch tausend Müh gewaan /

Verspielt bey Omphalen er durch verzärtelt Küssen;

Wenn der / der's grosse Meer mit Bergen kan verschlüssen /[861]

Der's Himmels Bogen stützt / in Abgrund weiß die Bahn /

Den Hund dem Pluto raubt / der Geister schrecken kan

Durch den Löw / Drache / Ries und Schwein den Geist einbissen /

Ja der schon als ein Kind zwey Schlangen hat zerrissen

Als Magd am Rocken leckt' / als Weib am Rade spaan.


Alleine Marbod dreht allhier mit Marmelinen

Viel herrlicher Gespinst'. Ihr Flachs ist güldner Drat /

Den Tugend und Gelück ihr angeleget hat /

Stein Stahl-Garn aber kan zu Tartsch und Pantzern dienen;

Was nun Alciden schimpfft / verewiget sie zwey /

So wisst nun / daß er Mars / sie aber Clotho sey.


In dieser Ehren-Pforte waren die allerlieblichsten Seitenspiele versteckt. Als nun Marbod und Marmeline für die Pforte kamen / nam Berenice ihren von schimmernden Rubinen und Diamanten leuchtenden Sternen-Krantz vom Haupte / und sätzte solchen Marmelinen auf. Das gröste Theil der Nacht / und der folgende Tag / an welchem die Vermählung mit grossem Gepränge nach der Gothonen und Estier Art durch Einsegnung der Barden geschah / ward mit köstlichen Gastereyen vollbracht / worbey das Meer / die Flüsse / die Wildnüsse / und die Lufft gleichsam mit einander stritten / wer die niedlichsten Speisen herzugeben im Vermögen habe. Sintemal gegen das Reichthum dieser Länder / so wol an seltzamen Meer-Flüß- und Gebirge-Fischen / als seltzamen Wilpret / die übrige Welt gleichsam für arm zu halten ist; Also daß weder Colchis / noch Chio / sich ihnen vergleichen darf. Folgende acht Tage wurden theils mit Fischereyen im Meere / in der Weichsel / und andern Strömen / theils mit Jagten zugebracht / in welchen dreyhundert Bären / tausend Hirsche / so viel wilde Schweine / fünfhundert Elends-Thiere / so viel Püffel-Ochsen / dreyhundert Luchse / ohne unzählbare Füchse / Wölffe / Rehe / Hasen / Reiger / geschlagen und gebeitzt wurden /also die Römer mit den Jagten ihrer grossen Schauspiele hier nur würden ausgelacht worden seyn. Diese und andere Belustigungen wurden endlich mit einem von den Barden erfundenen Schauspiele beschlossen. Der Schau-Platz stellte ein überaus lustiges mit Bergen umkräntztes / mit Flüssen durchwässertes Land /und darunter einstürmendes Meer für / in dessen Ferne sich die Augen / der Einbildung nach / auf etliche Meilen vertiefften. Aus denen sich öffnenden Wolcken that sich das geflügelte Geschrey herfür /und sang folgenden Reimen:


Kein grösser Glück ist Deutschland nicht erschienen

Seit Alemann vergrössert ward /

Als daß der Schluß des Himmels Marmelinen

Dem grossen Marbod zugepart.

Denn Ehr und Tugend wird vermählet durch sie zwey

Und Deutschland Braut / weil sich ihm legt das Glücke bey.


Hierauf ließ sich auf einer blauen und geflügelten Kugel das Verhängnüß zwischen Donner und Blitz aus dem mit denen Nordlichen Gestirnen besämten Himmel herab. Diß war mit einem blauen Rocke voller Sternen bekleidet / auf dem Haupte hatte es zu seiner Krone einen Krantz von sieben sich stets bewegenden Sternen / in der rechten Hand einen stählernen Königs-Stab / in der lincken einen güldenen Rincken. Aus der berstenden Erde sprangen zwischen Feuer und Flammen Brontes Steropes und Pyragmon herfür / welche ein eisernes Altar zusammen schmiedeten. Auf der rechten Seite kam ein von vier Perlen-farbenen Pferden gezogener Sieges-Wagen / und führte die auf einem Palm-Baume sitzende / mit einem Oel-Krantze gekrönte und mit einem gestickten Rock gekleidete Tugend auf den Schau-Platz. In der rechten Hand hatte sie einen Palmzweig / in der lincken eine stachlichte Kastanien-Nuß. Gegen über erschien auf einem von sechs kohlschwartzen Pferden gezogenen Sieges-Wagen das wie eine Königin in Purper und Gold gekleidete / oben aber geharnschte Deutschland. Auf seinem güldenen Helme streckte sich ein zweyköpfichter Adler herfür. Die rechte Hand hielt einen gläntzenden Spieß / die lincke ein Grabescheid. Beyde bückten sich gegen dem[862] Verhängnüsse / stiegen beym Altare vom Wagen / zündeten daselbst ein Feuer von Agstein an / und sangen kniende zusammen:


Verhängnüß grosse Gottheit aller Götter /

Beherrscherin des Himmels und der Welt.

Wend' einmal ab von uns die Unglücks-Wetter /

Weil dir doch Krieg und Laster nicht gefällt.

Die uns nun hundert Jahr geädert haben aus /

Schlag diese Natterzucht der Höllen-Brutt in graus.


Ist gleich dein Schluß in Diamant geetzet /

Kan Jupiter selbst nicht verkehrn dein Looß /

Ist die Natur dir untern Fuß gesetzet /

So bist du doch nichts minder gut als groß.

Unschuld und Demuth wird ja deinen Zorn entfernen /

Ob ein weiß Lamm gleich nicht entkräfftet deine Sternen.


Die Tugend ist der Kern ja alles guten /

Warum ist ihr denn Erd und Himmel feind?

Warum muß Deutschland immer leid- und bluten /

Da es kein Volck so gut und redlich meint?

So laß uns Göttin doch nicht stets elende seyn /

Nach Schnee folgt ja Geblüm' / auf Regen Sonnenschein.


Bey dem letzten Reime senckte das Verhängnüß seinen Stab / und fieng an zu singen:


Wie recht thut ihr / und glaubt daß meine Schlüsse

Nicht unrecht / blind / ich unerbittlich sey.

Wißt aber / daß offt Saltz und Welle müsse

Euch und Korall was gutes legen bey.

Was in den Rosen fault / bleibt in den Nesseln gut /

Die Ruh macht Sicherheit / und Wollust Ubermuth.


Jedoch gehn euch aus Nordens Finsternüssen

Nun zwey Gelücks- und Eintrachts-Sternen auf /

Wenn zwey so grosse Häupter Ehen schlüssen /

Verändert selbst der Himmel seinen Lauf.

Komm / Ehre komm / und nimm die Tugend dir zur Braut /

Komm / Glücke / denn durch sie wird Deutschland dir vertraut.


Bey diesen letzten Worten hob das Verhängnüß nicht so geschwinde den Stab empor / als die mit Adlers Flügeln versehene Ehre / auf der einen: das mit Pfauen-Federn geflügelte Glücke aber aus der andern Ecke des Himmels geflogen kam. Die Ehre hatte einen gantz güldenen Rock an / auf dem Haupte einen fast unsichtbaren Krantz von zwey kleinen Oel-Zweigen / vielleicht weil die herrlichste Ehre in Gedancken der Menschen besteht / in der rechten Hand einen Lorber-Zweig / in der lincken einen güldenen Apffel. Das Glücke war über den gantzen Leib mit Edelgesteinen und Perlen behängt / auf dem Haupte hatte es einen Krantz von flüchtigen Tulipanen / in der Hand ein Ruder / unter dem lincken Arme ein Horn des Uberflusses. Das Verhängnüß wiederholte singende die zwey Reime:


Komm Ehre / komm und nimm die Tugend dir zur Braut /

Komm Glücke / denn durch sie wird Deutschland dir vertraut.


Zwischen diesem singen nahm es allen vieren die Hände / verknüpffte die Tugend und Ehre / Deutschland und das Glücke mit einander. Deutschland und die Tugend warffen hierauf etliche handvoll Weyrauch und Agstein ins Feuer / und sangen:


Der gantze Nord / Meer / Himmel / Erde / springen /

Daß Marbod Marmelinen ist vermählt;

Weil sie der Welt hierdurch zu wege bringen /

Daß Ehre und Gelück uns hat zur Braut erwehlt.

Drum blüh ihr Ruhm und Hauß / biß daß dem Himmel Licht /

Dem Erden-Kreiße Frucht / dem Meere Saltz gebricht.


Inzwischen fanden sich auf den Schau-Platz zur Bedienung der Tugend ihre Gefärthen Eintracht /Klugheit / Heil; zur Bedienung der Ehre Ruhm /Liebe / Ergetzligkeit; zur Bedienung Deutschlandes Tapfferkeit / Redligkeit / und Beständigkeit; und des Glückes Freundschafft / Freude / Fruchtbarkeit. Nach geendigtem Gesange wurden die Ohren aller Zuschauer mit dem Schalle der lieblichsten Säitenspiele erfüllet; nach welchem die Tugend / Ehre / Deutschland /und das Glücke auf der Erde; Neptun und Thetis / Nereus und Amphitrite mit zwölff Nereiden auf dem Meere / sechzehn Nordliche Himmels-Zeichen / nemlich der kleine und grosse Bär / mit ihrem Bären-Hüter Arcas / der die güldenen Aepffel bewachende Drache / der grausame Mobren-König Cepheus mit Caßiopen und der gekrönten Ariadne / nebst[863] ihrem Erlöser Perseus und seinem geflügelten Pferde Pegasus / Hercules mit der umgekehrten Keule / der in Schwan verwandelte Jupiter mit seinem Schencken Ganymedes / Esculapius in Gestalt einer Schlange /der Wagen-Erfinder Erichton / Prometheus mit dem an ihm nagenden Adler einen sehr künstlichen Tantz hegten. Orpheus und der schlangichte Phorbas spielten auf ihren gestirnten Leyern / damit jener alle Thiere zu sich gelockt / dieser die Schlangen bezaubert hatte / wie auch der auf dem gestirnten Meer-Schweine sitzende Arion auf seiner Laute / und ein Egyptier auf dem gestirnten Drey-Ecke. Wie nun die zwar auf der Erde / und im Meere tantzenden durch ihre zierliche Abwechselungen die Hefftigkeit ihrer Liebe und Freude neben ihren Eigenschafften wol auszudrücken wusten / also überstieg alle Kunst und Geschickligkeit der Himmels-Zeichen Gebehrdung. Denn der stets in der Mitte der Reyens sich befindende kleine Bär wuste so artlich anzudeuten / wie er Jupitern auf Creta gesäuget / und deßwegen den ersten Stand unter den Gestirnen verdient hätte. Der grosse Bär stellte Jupiters Buhlschafft mit der Callisto / ihre Beschämung im Bade Dianens / der eyversichtigen und sie in einen Bär verwandelnden Juno Grimm / und der Callisto Versetzung in Himmel / nicht ungeschickter für. Ihr Sohn Arcas gab sein Schrecken / daß er seine Mutter bey einem Haar erschossen hätte / eben so wohl zu verstehen / als er bey seiner Wache kein Auge von ihr abwendete / gleich als die Weiber auch im Himmel nicht ohne Wächter keusch bleiben könten. Mit diesem strit der Drache in Wachsamkeit gleichsam um die Wette / und hatte er sonderlich auf den Hercules stets ein Auge / aber auch für ihm so viel Furcht im Hertzen / sonderlich weil dieser alle seine Kämpffe / und endlich auch die von dem blutigen Hembde des Nessus ihm verursachte Raserey fürstellte. Cephus aber wieß seine Eyversucht wider Cassiopen / seine Grausamkeit wider seine weisse Tochter Andromeda; jene ihr Hertzeleid / diese ihre Furcht / für dem sie zu fressen eilenden Meer-Wunder / Pegasus sein Schäumen / Perseus seine Begierde sie zu retten / und alle ihre Freude über dem erlegten Ungeheuer. Der Schwan wuste sich so erschreckt zu stellen / als wenn der ihn verfolgende Adler selbten schon in Klauen hätte / und sich zu schmiegen / als wenn er in Ledens Schoos verborgen läge / welche er hernach mit seiner arglistigen Geilheit berückte / und aus einem weissen Schwane sich in was ärgers / als einen schwartzen Raben verwandelte. Die Schlange wand sich und zitterte / als wenn in ihr Esculapius noch einmal vom Donner erschlagen werden solte. Prometheus drückte mit Gebehrden nicht weniger seine Schmertzen wegen des an ihm nagenden Adlers / als seine Freude aus: daß Hercules ihn mit einem Pfeil erlegte. Ganymedes aber wieß sich überaus geschäfftig und freudig / als wenn er Jupitern bediente / oder von ihm geliebkoset würde. Nach geendigtem Tantze verschwand in einem Augenblicke alles auf dem Schau-Platze / außer der Ehre und Deutschlande. Jene schwebte in der Lufft / und fieng an zu singen:


Ihr Schwestern der Natur / durch derer Pinsel-Feder

Verewigt wird die Sterbligkeit /

Die ihr die Zeiten hemmt / und der Gestirne Räder /

Auch abhelfft der Vergessenheit /

Vergesset ihr / was Marmeline

Und Marbod für ein Maal verdiene?


Bey wehrendem Singen fanden sich die Mahlerey /die Bildhauer- und Tichter-Kunst auf den Schau-Platz. Die Mahlerey hatte einen bundten Rock / einen Krantz von Lorbern auf / in der Hand ein Gebund Pinsel. Die Bildhauer-Kunst einen weissen Rock /einen Krantz von eisernen Zancken / in der Hand einen Meissel und Zirkel. Die Tichter-Kunst einen blauen Rock / einen Krantz von Epheu / und unter dem Arme eine Leyer. Alle drey[864] bezeugten sich rüstig der Ehre zu gehorsamen / und sahen sich allenthalben begierig nach dienlichem Zeuge um / und fiengen / so bald die Ehre schwieg / singende an:


Ist Deutschland so sehr arm uns Werckzeug vorzustrecken?

Wächst kein Lasur und Helffenbein?

Man weiß daß Gold in Berg' und Perl'n in Flüssen stecken /

Ja ihm gebricht kein Edelstein.

Laßt uns in Mahlwerck / Säul- und Schrifften

Nun ihnen ein Gedächtnüß stifften.


Deutschland lächelte / wendete sich gegen den sich in Gebürge vertieffenden Schau-Platz / und sang:


Ihr Geister die ihr wohnt in Bergen und in Flüssen /

Und ihr Geäder schwanger macht /

Müßt nunmehr rede seyn / und eure Schätz' aufschlüssen /

Auf eure Schutzherrn seyn bedacht.

Den Vorrath bringen her / denn euer Reichthum kan

Nicht besser / als für sie / gewehret werden an.


Alsobald sahe man aus den Gebürgen sich vier Waldmänner herfür thun / welche bey ihrer Näherung so vielgrosse Riesen vorstellten. Ihre Kleider waren aus eitel Fichten-Laube zusammen geflochten / auf dem Haupte hatten sie auch solche Kräntze / welche aber von Diamanten / Granaten und andern Edelgesteinen reichlich prangten. Jeder trug auf der Achsel eine ungeheure und noch rohe Seule von Marmel. Die eine war roth und weiß / und stand darauf: Aus dem Carpathus; die andere war schwartz / und daran zu lesen: Aus dem Hercynischen Gebürge; die dritte war schneeweiß / und stand darauf aus dem Sudetischen; die vierdte war blau-ascherfarbicht mit der Beyschrifft: Aus dem Zopten-Berge. Ihnen folgte eine ziemliche Anzahl kleiner Berg Geister. Nach ihnen stiegen aus den fernen Flüssen nicht viel kleinere Wasser-Geister. Der gröste bildete eine Frau ab / welche auf dem Haupte sechs Hörner / vielleicht wegen so vieler Ausflüsse ins Meer / um dieselben einen Krantz von Rohr und Edelgesteinen / unter dem Arme einen grossen Wasserkrug hatte / daran stand: die Donau. Der andere Geist war nicht viel kleiner / und eben so gebildet / nur daß er auf dem Haupte nur ein Horn / und an seinem Wasser-Kruge den Nahmen: Elbe führte. Der dritte grosse Geist hatte drey Hörner / und auf seinem Wasser-Kruge stand: die Weichsel. Der vierdte Geist war diesem an Hörnern / und anderem Aufzuge so gleich / als wenn sie Geschwister wären; sein Krug aber führte den Nahmen den Oder. Nach diesem kam eine grosse Menge kleiner mit Schilff gekrönten Wasser-Geister / darunter die Iser und der Kweiß mit perlernen Hals-Armbändern und Ohrgehencken / der Bober und die Katzbach mit vielem Golde / und eine kleine in die Ohlau fallende Bach der Marsinger mit unzählichen Diamanten behengt waren. Nach diesen Wasser-Geistern fanden sich auch gewisse Feld-Geister / welche nicht nur um das Haupt Binden von schneeweisser Leinwand / derogleichen auch die Könige tragen / sondern auch Ballen Leinwand unter den Armen trugen / weil durch Flachs und Leinwand die Erde fürgebildet wird. Diese letztere spannten nicht so geschwinde ihre Leinwand auf eine Räme auf / als etliche kleine Berg-Geister /Zinober / Lasur-Stein / Berggelbe / und andere Farbe / der Oder-Geist auch sein berühmtes Röthe-Kraut zu der Mahlerey Füssen legte / diese aber mit einer zauberischen Geschwindigkeit des grossen Alexanders /und Roxanens Hochzeit / die Gesichter aber nach dem Könige Marbod und Marmelinen mahlte / und nach dem Beyspiele des Mahlers Aetion / welcher eben diß Gemählde auf die Olympischen Spiele brachte / solche dem Urthel der Zuschauer fürhielt / und / ob es im Tempel der Ehre und des Gedächtnüsses aufzuheben wäre / fragte. Die Bildhauer-Kunst aber machte sich über die von den Riesen abgeladene vier stücke Marmel / aus dem schwartzen und ascherfarbichten bereitete[865] sie zwey Fuß-Gestüle / aus dem rothen Marbods /aus dem weissen Marmelinens Bilder / und zwar mit einer so vollkommenen Aehnligkeit / als unglaublicher Geschwindigkeit. Die Tichter-Kunst sahe diesem allem zu / und sang nach ihrer Harffe / und der Bildhauerin gantz ordentlichen Ha erschlägen folgende Reimen:


Ihr holden Schwestern thut / was euer Pflicht geziemet /

Wenn ihr den Preiß der Tugend zahlt /

Protogenes hat recht / wenn seine Faust sich rühmet /

Daß sie der Ewigkeit nur mahlt.

Minerve selbst wil sein vom Phidias geetzt /

Weil beyder Kunst den Tod selbst seiner Macht entsetzt.


Die Welt und Nachwelt ehrt in eurem Bild und Schatten

Der Helden-Thaten und Verdienst /

Ja euer Pinsel kommt Vergötterten zu statten /

Und Tugend hat von euch Gewienst.

Es reißt nicht Zeit und Neid die Sonnen-Pfeiler ein /

Die nur den Wůrdigen von euch gesetzet seyn.


Des grossen Marbods Bild der edlen Marmeline /

Wird länger als Lysippens stehn /

Weil niemand leugnen kan / daß er und sie verdiene /

Sie biß zur Sonne zu erhöhn.

Macht Alexanders Bild Apellen so bekand

Wird dieser Fürsten Ruhm auch Adeln eure Hand.


Der Himmel / welcher selbst in Bilder pflegt zu fassen /

Was er der Ewigkeit wil weihn /

Hat bey dem Hercules destwegen Platz gelassen /

Daß beyde dar versternt solln seyn.

Denn Marbod wird so denn den Adler fesseln an /

Und Marmeline seyn Astreen zugethan.


Inzwischen werd ich hier für sie die Leyer růhren /

Um zu verewigen sie zwey.

Denn Orpheus kan hiermit aus Tod und Hölle führen

Ich vom Vergessen machen frey.

Ja Schwan und Leyer / die nechst dem Alcides stehn /

Sind schon bedacht ihr Lob wie seines zu erhöhn.


Inzwischen wurden diese zwey Ehren-Bilder von denen Geistern aufgerichtet / hernach hegten alle Berg-Wasser- und Feld-Geister um sie zierliche Täntze. Die Ehre gab aber nach etlichen Abwechselungen ihnen ein Zeichen zu ruhen / und fieng an gegen sie auf nachfolgende Weise zu singen:


Vergesset ihr allhier die Bilder zu bekräntzen?

Sind Kräntze nicht der Ehren höchster Preiß?

Es ist nichts würdiges in dieses Welt-Baus Gräntzen /

Was die Natur nicht auszukrönen weiß.

Der Himmel ist zugleich ein Kreiß und Krantz der Welt /

Der aber in sich selbst noch sieben Zirkel hält.


Die Milch-Straß und der Kreiß / wodurch die Sonne rennet /

Ists Himmels und kohlschwartzer Nächte Krantz /

Wird auch die Sonne nicht des Tages Krantz genennet

Die Finsternüß bekräntzt des Monden Glantz.

Ja Sonn' und Mohnde hüllt in Hof und Kreiß sich ein /

Wenn sie am schönsten wolln im Stern-Gewölbe seyn.


Des Mohnden zweyfach Horn / der Sonne Regen-Bogen /

Sind Kronen der zwey Augen dieser Welt.

Auch wird der Erde Dunst durch sie empor gezogen /

Zu kräntzen der gewölckten Lüffte Feld.

Die Morgenröthe kräntzt mit Rosen ihr Gesicht /

Und der Cometen Haar ist ein sie kräntzend Licht.


Der Himmel prangt in Nord mit Ariadnens Krantze /

Und setzt ihn auf der Berenizen Haar /

Auch prangt ein Sternen-Krantz beym Scorpionen- Schwantze /

Und überstrahlt des Himmels Stern-Altar.

Ja um den Erden-Ball gehts ungeheure Meer /

Als wie ein weisser Krantz um seine Flutten her.


Wie soll die Erde nun nicht auch mit Kräntzen pralen /

Die man mit Fug der Krantze Mutter nennt /

Sie pflantzt ein einen Krantz Berillen und Opalen /

In Schwefel / Saltz / wird offt ein Krantz erkennt /

Jedwede Rose / Lilg' und Nelcke zeiget an /

Wie herrlich die Natur die Blumen kräntzen kan.


Auf den Granaten ist kein Apffel ungekrönet /

Kein Baum / kein Stengel unbekränzt /

Nichts / was der Ehre Hand zu Kräntzungen entlehnet

Ist / das nicht selbst mit einem Krantze gläntzt.

Der Palmen Blüth und Frucht / des Weinstocks Trauben sind

Die Kräntze / die den Herbst um ihre Schläffe wind't.


Die Hörner auf den Gems- auf Hirschen / Ochsen / Rehen /

Sind ihrer Häupter Kräntzelwerck und Zier /

Man sieht auf Papegoy und Pfauen Kronen stehen /

Die Schnecke reckt so Krantz als Horn herfür.

Der Phönix bild ihm nichts mit seinen Kräntzen ein /

Weil Schlangen / Muschel / Fisch / auch theils gekrönet seyn.


Eh als der Mensch die Milch der Mutter noch kan saugen /

Umkräntzt ihn schon in Mutterleib ein Hut /

Die Augenbranen sind ein Krantz der Helden Augen /

Die Brüste sind gekrönt von Wartz' und Glut /

Der Nabel krönt den Bauch / ja was bekräntzt nicht steht /

Hat zur Vollkommenheit die Natur nicht erhöht.[866]


Wie mögt ihr Geister denn / die ihr hieher erschienen /

Zwey hochgekrönte Häupter zu verehrn /

Die Bilder ihres Ruhms mit Kräntzen nicht bedienen?

Durch Trägheit kan man Fürsten leicht versehrn;

Eröffnet euren Schatz / tragt allen Reichthum bey /

Daß ein anståndig Krantz fůr sie bey Handen sey.


Weil die Ehre noch sang / schütteten die Gebürge /Wasser- und Erd-Geister etliche Berge von Edelgesteinen / Perlen und Gold zusammen / und als die Ehre beschloß / sangen sie mit grosser Ehrerbietigkeit folgendes nach:


Wahr ists: nichts in der Welt ist würdiger zu krönen /

Als die der Reiche Häupter seyn /

Es scheint uns die Natur nur Perl und Gold zu lehnen /

Um selbte Königen zu weihn;

Gemeines Blumwerck dient fůr and'rer Leute Ruhm;

Nur edle Steine sind der Fůrsten Eigenthum.


Weil nun ihr Schatten auch ist an das Licht zu heben

So muß man krönen beyder Bild /

Wenn aber wir gleich mehr hierzu an Golde geben

Als Ptolomeens Krone hielt /

Wenn wir Simandens Kreiß gleich setzten auf ihr Bild /

So wäre doch von uns nicht unsre Pflicht erfüllt.


Jedoch was die Natur für Marck und Kern der Dinge

Hat unsern Adern eingesämt /

Das tragen wir hierbey. Ist diß auch zu geringe /

Und wird ihr Ruhm dadurch beschämt.

So wird der Himmel uns was bessers flössen ein /

Das für sie zwey zur Noth ein tüchtig Krantz kan seyn.


Unter währendem Singen rafften sich die Feld-Geister mit Perlen und Edelgesteinen um solche zwischen ihre zusammen gebogenen Lorber- und Myrten-Zweige zu Bekräntzung der aufgerichteten Bilder einzuflechten. Es that sich aber aus dem brausenden Meere ein alle andere an Grösse übertreffender Geist herfür /welcher wie Neptun mit einem Dreyzancks-Stabe gerüstet war / und auf einer grossen von Wasser-Pferden gezogenen Perlen-Muschel eine schwartze in eitel Edelgesteine gleichsam eingewickelte Königin führte. Diese hatte einen mit Diamanten umflochtenen Krantz aus Narden-Blättern / welche von köstlichem Balsame troffen. Auf ieder Seite lag ein ungeheurer Elephanten Zahn. Auf ihrem Schilde war von Rubinen der Nahmen Indien zusammen gesetzt. An denen Chrystallenen Zancken deß Wasser-Geistes war eingeetzt: Das grosse Welt-Meer. Beyde stiegen aus / und bückten sich für denen zwey Bildern. Der Geist des Meeres schwenckte seinen Dreyzancks-Stab / zerstreute damit die von Flüssen zusammen geschüttete Perlen / und schüttete derer unter folgendem Singen in nicht weniger Menge aber in viel grösser Vollkommenheit aus:


Wer untersteht sich mir mit Perlen fürzuzücken /

Der ich der Perlen Vater bin?

Geht Flüsse / die ihr wolt hier die zwey Bilder schmücken /

Mit euren Wasser-Perlen hin.

Die Sonne zeuget nur das Licht / die Perlen ich /

Warum erkieset man zum kr \nen denn nicht mich?


Wie wenn der Tag anbricht / der Sternen Heer verschwindet /

So werden solche Perlen bleich /

Für denen / welche man in Persens Busem findet /

Und um Taprobanens sein Reich.

Da nun kein falscher Schmuck von reinem Hertzen rührt /

So schimpfft man beyder Bild / wenn mans so spöttisch ziehrt.


Eben so machte es Indien mit denen versamleten Edelgesteinen / überstreute hingegen den Schauplatz mit so schönen / daß er mit eitel Feuerflammen gepflastert zu seyn schien / und sang dazu:


Wer will mir greiffen für? bin ich nicht der Rubine /

Der Diamante Vaterland?

Gib Marbod doch nicht zu / verwehr' es Marmeline /

Daß man dir lieffert schlechten Sand /

Und Affter-Edelstein hängt euren Bildern an /

Da euch mein reicher Arm viel edler putzen kan.


Die Ehre und alle Geister wurden über diesem Reichthume gleichsam entzückt / aber es stieg ein ander Geist aus dem nähern Meere herfür. Er führte eine Gabel von zwey Zancken aus Agsteine / darauf der Nahme des Ost-Meers geetzt war / ihn begleiteten zwölf andere Meer-Götter / welche alle grosse Stücke Agstein von zwantzig und mehr Pfunden nachtrugen. Dieser sang folgendes:[867]


Wahr ist es: Indien gebiert die schönsten Steine /

Die klärsten Perlen zeugt das Meer.

Die Sterne werden selbst entzückt von ihrem Scheine /

Und sehnen sich zu blicken her.

Allein in meiner Schooß wird ein solch Schatz gezeugt

Der Diamant / Rubin und Perlen übersteigt.


Ein Schatz / mit welchem selbst die Sonne scheint zu pralen /

Und der verliebte Venus-Stern /

Wenn er und sie sich kräntzt mit ihren güldnen Strahlen /

Der Perl- und Edelsteine Kern /

In dem des Himmels Gold / der Wässer Silber brennt /

Für dem das Aug' erstarrt / und den man Agstein nennt.


Der Diamanten Blitz / das Feuer der Rubinen /

Der Perlen Wasser und ihr Schnee /

Bleibt allzeit einerley; dem Agstein aber dienen /

Die Farben all auf Erd' und See.

Der rothe gleicht Rubin / der blaue dem Saphier /

Der gelbe gehet Gold' / und Hyacinthen für.


Wenn Perl und Diamant allein das Auge füllen /

Geneust es gar kein ander Sinn /

Der Agstein aber weiß auch den Geruch zu stillen /

Ja sticht so Myrrh / als Kampffer hin /

Daß iederman ihm muß den grossen Ruhm verleihn /

Er sey so kräfft'ge Würtz' als ein schön Edelstein.


Es mag Gagat die Spreu / Magnet das Eisen ziehen /

Der Agstein hat nicht mindre Krafft /

Für keinem Steine sieht man so viel Seuchen fliehen /

Als diesem / dessen Eigenschafft

Ist Hauptweh / Rose / Gifft / Stein / Fäul' und Pest zu heiln /

Die schwere Noth zu stilln / und Flüsse zu zertheiln.


So daß die Aertzt ihn recht den Lebens-Balsam nennen /

Und die im Himmel sind bekand /

Aus seinen Würckungen gewisser Zeit erkennen /

Daß er dem Mohnde sey verwand.

Wiewohl das Alter ihn wie Perlen nicht entfärbt /

Er keine Speisen auch wie Diamant verterbt.


Zu dem stellt die Natur in Perl' und Edelsteinen

Sich nur als eine Zwergin dar /

Mit Agstein aber spielt sie nicht so sehr in kleinen

Daß man darmit nur kräntzt sein Haar.

Sie hat besonders den für beyder Bild erkiest /

Weil Marmel viel zu schlecht für solche Fürsten ist.


Unter währendem Singen thät sich noch eine mit einer Agsteinenen Krone gezierte / und über den gantzen Leib mit Agsteine behangene Fürstin mit zwölff ihr fast ähnlichen Dirnen herfür. Sie hatte in der Hand eine Agsteinene Gabel / unter dem Arme einen solchen Krug / und um die Stirne war in Agstein eingegraben: Glassaria. Sie sahe sich allenthalben wilde um / insonderheit die Ost-See scheel an / und sang mit ziemlicher Entrüstung folgende Reyme:


Für solche Häupter sind ja freylich zu geringe /

Zu Bildern / Ertzt und Marmelstein /

Was euch das Welt-Meer zeigt / und Indien für Dinge /

Die sind zwar k \stlich / doch zu klein /

Der Agstein ist nur werth nach seiner Größ und Pracht

Daß Phidias aus ihm Gedächtnüß-Säulen macht.


Allein / ich fasse nicht / mit was für Fug sich mische

Die Ost-See frembden Gütern ein /

Ich g \nn' ihr gern ihr Saltz / Cristall / und ihre Fische /

Der Agstein aber ist mein Stein.

Er ist kein Schaum der Flutt / nicht Nordens güldnes Eiß /

Kein Saamen grosser Fisch' / auch nicht des Meeres Schweiß.


Nicht wilder Luchse Harn / kein Brutt von Elephanten /

Von Meleagers Vögeln nicht;

Nicht der Heliaden / die voller Liebe brannten /

Ihr Thränen-Saltz und wäßricht Licht.

Er ist der Erde Kind / er wächst in meiner Schoß /

Die Flutt macht ihn allein von seinen Adern loß.


Weg also Alabast / Ertzt / Marmel / und Rubine /

Und äschert beyde Bilder ein /

Wo Marbod nach Verdienst mit seiner Marmeline

Soll von der Kunst gebildet seyn.

Durch Agstein wird ihr Bild viel edler ausgedrückt /

Nichts ist / was sich hierzu für Helden besser schickt.


Der Fürsten Adel hat den Ursprung aus der Sonnen /

Und Agstein schreibt sich auch daher.

Er und die Perlen sind vom Himmel hergeronnen /

Was rühmt sich seiner denn das Meer.

Ich habe's Mutter-Recht. Kein Theil der Welt als ich

Kan für das Vaterland des Agsteins rühmen sich.


Bey dem vierdten Satze zerschmetterte sie auch so wol Marbods als Marmelinens Bild / wieß hingegen der Bildhauer Kunst auf die abgelegten Stücke Agstein an; welche mit ihren Handlangern augenblicks darüber embsig zu arbeiten anfing. Die Ost-See hingegen grieff mit seinen Meer-Geistern zun Waffen /und ihr fielen die Flüsse mit ihren Wasser-Nymphen /hingegen der sich zur Gegenwehre rüstenden[868] Glassaria die Berg-Geister zu; Welche alle mit einer wunderwürdigen Ordnung und Geschickligkeit in einem kriegrischen Tantze einander bald mit ihren Gabeln und andern Waffen antasteten / bald mit einander rungen / bald diese / bald jene verfolgten / und verfolgt wurden. Die Flüsse fiengen an zu schäumen / das Meer mit toben Wellen zu rasen / als wenn jene alle Ufer zerreissen / dieses alle Länder ersäuffen wolte. Das trübe Gewölcke stürmete / und die Klippen der Gebürge rieben sich an einander / gleich als wenn Erde und Wasser einander den Untergang geschworen hätten. Als dieser Kampff aber am hefftigsten / und alles unter einander vermischt war / klärte sich in einem Augenblicke der Himmel aus / alle Wolcken verschwunden / die Wasser flossen wie geronnene Chrystallen / und alle Streitenden verwandelten sich gleichsam in unbewegliche Marmel-Bilder / weil auf einem Regenbogen sich die Iris mit einer Krone von Agstein / und ihrem Rosenen Munde sehen ließ / und mit einer himmlischen Süßigkeit folgender Weise sang:


Welch Wahn verleitet euch zu so unnützem Kampffe /

Meints Meer / daß Agstein Thränen sind?

Die Erde: daß er komm aus Hartzt und Schwefel- Dampffe /

Der Agstein ist des Himmels Kind.

Der Vater ist die Sonn / ihr Saame schwängert euch

Wie's Mohnden Horn mit Perln macht Meer und Muscheln reich.


Die Sonnen-Töchter sind die Gold-gestammten Strahlen /

Der Agstein ist der Thränen Thau /

Kein Erd-Safft könte sonst ihn zeugen / und so mahlen

Sein Sternen-Gold / sein Himmel-Blau.

Ja selbst die Sonne wird ihr Zeugnůß fůgen bey /

Daß Agstein etwas mehr als irrdisch Wesen sey.


Mein Deutschland ist allein gewürdigt auf der Erde /

Daß seine Schooß den Saamen fängt /

Und daß fůr Indien sein Ruhm gesetzet werde /

Des edlen Agsteins Brutt empfängt.

Kan nun ein edler Talg fůr deutsche Fürsten seyn /

Als Agstein / daß man gräbt ihr Ebenbild darein?


Bey währendem Singen ward der Himmel über und über mit Rosen beschüttet; hierauf erschien die ihren Eyß-grauen Tithonus umarmende Morgenröthe auf einem von zwey weißgeflügelten Pferden gezogenen Wagen von Golde. Ihre Finger und ihre Watigen waren gleichsam aus frischen Rosen gebildet; auf dem Haupte hatte sie eine Krone von Agstein. Dieser folgte die Sonne auf einem Agsteinenen Wagen / welchen vier Rosen-farbichte Pferde zogen. Ihr Haupt hatte gleichfalls einen geflammten Krantz von Agstein auf /und der helle Himmel fing an über den gantzen Schau-Platz Agstein zu regnen. Inzwischen als die Bildhauer-Kunst unten das Bild des Königs Marbod und Marmelinens fertigte / die Dirnen der Glassaria aber solche auf die Marmelnen Pfeiler erhoben /umkreißten sie langsam den Himmel / die Sonne spielte auf einer Leyer / die Morgenröthe auf einer Harffe / und beyde sangen darzu mit einer bezaubernden Süßigkeit:


Den Agstein mahlt mein Mund / die Sonne giebt ihm's Wesen /

Das Erdreich nur den Auffenthalt /

Und unsre Hand schenckt ihn darum nur auszulesen /

Daß grosser Könige Gestalt

Darein gebildet sey. So thut nun eure Pflicht /

Wer Fürsten nicht verehrt / dient auch den Göttern nicht.


Die Häupter die die Kunst in schönsten Agstein setzet

Sind unser Schatten euer Heil.

Wenn Ehr und Deutschland nun ihm ihre Kräntz auffsetzet;

So hat daran der Himmel Theil /

Und Deutschland schwingt sich auf / biß / wo die Sonne fährt /

Kein ander Perlen-Krantz ist sie zu krönen werth.


Hierdurch ward Deutschland und die Ehre aufgemuntert / daß jene des König Marbods / diese Marmelinens Bilde den von ihrem Haupte genommenen Krantz auffsätzten / und darzu sungen:


Olympens Jupitern / aus Gold und Helffenbeint /

Und der Schmaragdenen Osir /

Praxitelens Cythee' aus Alabaster Steine

Gehn diese beyde Bilder für.

Pompejens Perlen-Bild / das Asien ihm macht /

Ist gegen diese zwey nichts als geschickte Pracht.[869]


Es sey des Haminons Horn ein Heiligthum der Mohren /

Der Sirier der Adads-Stein.

Für beyde Häupter ist was edles außerkohren /

Weil sie gantz was besonders seyn.

Wie mag man unsern Krantz nun besser bringen an /

Als wenn man ihn gewehrn auf beyder Häupter kan.


Nach diesem Gesange ward alles auf dem Schau-Platze / und im Himmel rege. Alles was sich nur rühren konte / hegte einen Tantz um die gekrönten Bilder. Die Morgenröthe und die Sonne aber hielten am Himmel zusammen ein Wette-Rennen. Nach desselben Vollendung aber / fiengen sie auffs neue an zu singen:


O mehr als güldne Zeit / wo selbst Natur und Sterne

Verdienste sich zu kräntzen mühn /

Wo man die Tugend macht zur Ehre / Grund / und Kerne /

Und Kronen voller Lorbern blühn.

Doch weil Gedächtnüß-Mal als irrdisch Ding vergehn /

Ist Tugend und Verdienst in Himmel zu erhöhn.


Beym letzten Reyme fuhren sie als ein Blitz herab /und nahm die Sonne des Marbods / die Morgenröthe Marmelinens Bild auf ihren Wagen / fuhren darmit empor / und stellten jenes auf die rechte / diß auf die lincke Seite des gestirnten Hercules. Hiermit verschwand alles / ja der Schauplatz selbst / für der Zuschauer Augen / welche nicht zu sagen wusten / ob sie wahrhafftig was gesehen / oder es ihnen nur geträumet hätte.

Döhnhoff muste hierüber Athem schöpffen / iedoch hätte er / ungeachtet seiner Müdigkeit / seine Erzehlung vollends ausgemacht; wenn nicht ein ander Barde ihm durch ein Zeichen zu schweigen geboten /und die gantze Versamlung zur Abend-Mahlzeit eingeladen hätte. Thußnelde fieng hierüber an: Es ist in alle Wege Zeit diesem holdreichen Weisen Lufft zu gönnen / welcher sich unser Augen und Ohren dergestalt bemeistert / daß unsere Begierde ihn zu hören weder seine Müdigkeit / noch die ins Mittel getretene Finsternüß wahrgenommen haben. Döhnhoff aber entschuldigte vielmehr daß die gegen den Fürsten Gottwald und seine Kinder eingepflantzte Liebe ihn verleitet hätte / durch seine Weitläufftigkeit so vielen zarten Ohren überlästig zu fallen. In keinerley Weise antwortete Agrippine. Für unser Geschlechte will ich Bürge seyn. Denn das Frauenzimmer liebt zwar die Verschwiegenheit der Geheimnüsse / aber sie reden gleichwol gerne / und sind begierig was annehmliches zu hören. Ja / sagte Döhnhoff / aber Worte ohne Nachdruck sind Spreu ohne Körner / und also besorge ich / so würdige Ohren mit nichts als Hülsen gefüllet zu haben. Uber diß habe ich noch diesen Kummer; daß auf eine ungesaltzene Rede eine so kalte Mahlzeit folgen werde. Ariovist fiel ihm ein / und sagte / es wäre keine süssere und auskommentlichere Speise als die Weißheit / bey welcher man so wol als bey Freunden mit Saltz und Brodt könte vor lieb nehmen. Agrippine fieng an: Es ist wahr / daß das Hertze der Brunn der Wolthätigkeit / Mund und Hand aber die Werckzeuge der Seelen sind / durch welche die menschliche Liebe rinnet. Alleine / jener ist meines Erachtens dieser / wie freygebig sie gleich ist / weit fürzuziehen / weil durch ihn die Seele / durch diese nur der Leib Nahrung bekommen kan. Unter diesen und andern annehmlichen Wortwechselungen / kamen sie zu einem von lauter Stauden zusammen geflochtenen und rings umher von weissen Buchen überschatteten Lust-Hause. Die Taffel war wie dieses rund / der Trachten drey / und iede bestund von nicht mehr als sieben Speisen. Die von Thußnelden herbey geschafften Speisen einfältig / und ohne viel / offt mehr Eckel als Anmuth verursachende Künste / und Vermischungen der Köche / aber sauber zugerichtet. Die aus weissem Thone gebrannten Schüsseln waren ins gesamt mit Blumwerck überflochten / daran eine iede Speise ihre besondere Uberschrifft hatte.[870]


Bey den Forellen stand:

1. Der Himmel prange nicht mit den gestirnten Fischen /

Hier stehn gefischte Stern' auf armer Leute Tischen.


Uber denen Gründeln:

2. Durch Klippen und durch Glut vollziehn wir unsern Lauf /

Die Kälte nehret uns / die Hitze reibt uns auf.


Uber eine Schüssel voll Eschen:

3. Kein Fisch hat diß / was wir in Flüssen / Meer und See

Wir essen meistens Gold / und rüchen wie der Klee.


Uber Murenen:

4. Die Frauen buhlen uns / man hängt uns Perlen an /

Ob unsre Geilheit gleich nicht Nattern lassen kan.


Uber einen Aal:

5. Ich bin die Helena der Fische. Beyder Glücke

Ist eines. Denn ich sterb an Angeln / sie am Stricke.


Uber eine Barbe:

6. Je älter als ich werd' / ie besser soll ich seyn /

Doch legt den besten Ruhm mein Mund wie Frauen ein.


Uber roth gesottene Krebse:

7. Der Tod zeucht Sterbenden den Purper aus / uns an /

Ob er alleine gleich nicht wie ein Krebs gehn kan.


Uber einen grossen Braten von einem

Auer-Ochsen:

1. Kein Thier nutzt mehr als ich; Im Leben schaff ich Brodt /

Und wenn man Fleisch verlangt / so schläget man mich todt.


Uber einer Hirsch-Keule stand:

2. Die Schlangen nehren mich / ich habe mich an Eise /

Doch giebt mein Hora Artzney / mein Fleisch gesunde Speiste.


Uber ein Reh:

3. Man schärfft auff meinen Tod und Unschuld Pfeil und Fleiß /

Weil ohne Leichen nicht der Mensch zu leben weiß.


Uber einer Gemse:

4. Ich machte doch umsonst durch Wurtzeln feste mich /

Denn keine Festigkeit hält wider'n Tod den Stich.


Uber einen wilden Schweins-Kopff:

5. Wie grausam ist die Lieb' / in dem für den Adon

Viel tausend solche Köpff ihr sind geopffert schon.


Uber einen Bieber-Schwantz:

6. Zu stilln die Jäger biß ich mir die Geilen ab /

Allein mein Balg und Schwantz verdiente noch das Grab.


Uber den Hasen:

7. Ich bin das fruchtbarste der Thiere mit vier Füssen /

Daß man nur meiner Kost vergnüglich kan genüssen.


Uber Rebhüner.

1. Dem fehlet der Geschmack / wer unser nicht begehrt /

Weil eines Aristipp hält funffzig Stůber werth.


Uber Haselhüner:

5. Für uns kan kein Apitz nichts niedlichers gewehren /

Uns solte sonst kein Mensch als Könige verzehren.


Uber einen wilden Auer-Hahn:

3. Kein köstlich Flügelwerck kommt mir an Grösse gleich

Und gleichwohl ist mein Fleisch so wohl geschmack und weich.


Uber eine Schüssel voll Lerchen:

4. Von andern Vogeln wird das beste nur geklaubt /

Da uns mit Fleisch und Bein ist zu verzehrn erlaubt.


Uber Brach-Vögel:

5. Rühmt Vögel / welche nichts als Traub und Feigen fressen /

Wer süssen Speck verlangt / kriegt ihn an uns zu essen.


Uber Phasan:

6. Mich schätzet Ptolome sehr köstlich / doch so schön /

Daß er sich mich nicht will zu schlachten unterstehn.


Uber Schnöpffen:

7. Nichts heget Berg und Wald was so sehr niedlich schmeckt /

Weil man die Finger gar nach meinem Miste leckt.


Nach Aufhebung dieser Speisen wurden sieben grosse Schalen mit Garten-Obst aufgesetzt. Die Aepffel und Birnen waren von vielerley Arten / und hatten über dem einhüllenden Laube diese Beyschrifft:


Wir sind ein Bild der Welt / die offt mit Würmern speißt /

Wenn sie reucht noch so wohl / uns Gold und Purper weißt.


Uber denen Pfirschken stand:

Ist unsre Frucht ein Hertz / das Laub der Zungen Bild /

So lernet: daß der Mund nichts ohne's Hertze gilt.


Uber denen Mandeln war zu lesen:

Wir sind der Nüsse Kern / wir geben Oel und Mehl /

Wenn wir gerathen wohl / schlägt nie die Erndte fehl.


Uber die Weintrauben:

Gold ist der Erde Marck / der Rebensafft ihr Blut /

Der Wein des Alters Milch / des Lebens höchstes Gut.


Uber die Nüsse.

Es steckt ein süsser Kern in unsern bittern Schalen /

So muß der Ehre Lohn der Arbeit Säure zahlen.


Uber die Mispeln.

Wir Mispeln werden reiff in Spreu / und mit der Zeit /

Die Güter bringet ein der Früchte Langsamkeit.


Uber der Schale voll Pomerantzen und Zitrotronen /welche alle in diesem Garten der Barden

gewachsen waren:

Hier dieser Aepffel Gold bewehret Deutschlands Segen

Und lehrt daß Pflegung sey dem Wetter überlegen.


Uber diese Taffel sätzten sich allein die Fürstlichen Personen / welche die Barden bedienten / ihr Armuth entschuldigten / und so wohl der Hertzogin Erdmuth als Thußneldens Freygebigkeit[871] den meisten Vorrath zuschrieben / und von ihnen rühmten / daß sie von Barden / wie die Götter von Menschen ihre eigene Gaben wieder zurücke mit Danck annähmen. Niemand war / der nicht eben so begierig / mit Auslegung der Uberschrifften das Gemüthe / als mit den Speisen den Leib vergnügte; und durch andere anmuthige Gespräche denen Traurigen das Andencken der widrigen Zufälle aus dem Sinne zu bringen sich bemühete. Also / daß solcher Tag des Memnons Seule recht entgegen zu setzen war. Denn wie diese früh lachte / des Abends weinte; also wurden unterschiedene diesen Abend zum Lachen veranlaßt / derer Augen früh voller Wasser gestanden. Nur Zirolane und Ehrenfrid vermochten theils Leides / theils Ehrenthalber niemandens Gesichte zu vertragen / sondern hatten sich in ihre Einsamkeit verborgen. Hierüber gieng ihnen mehr als die halbe Nacht unvermerckt unter den Händen weg / daß sie kaum drey oder vier Stunden zum Schlaffe übrig behielten. Denn weil die Barden folgenden Morgen den verstorbenen Hertzog Gottwald zu begraben gesinnet waren / wolte niemand von eines so grossen Fürsten letzter Verehrung abwesend seyn. Zirolane / welcher ihr Hertze hätte in Stücken springen mögen / weil es zugleich ihres Vaters Tod /und ihres Liebsten Flucht auffs grimmigste aufschwellte / hatte gleichwohl nicht ihre Sorge für ihres liebsten Vaters Leiche vergessen / und so viel es die Zeit / und der Barden Gewohnheiten verstatten / darzu Anstalt gemacht. Alleine weil diese alle Pracht im Leben / und noch mehr der Leichen verdammen / und Hertzog Gottwald sich diesem Heiligthume gewidmet hatte / konte er nicht anders / als ein ander Barde begraben werden. Seine Leiche ward von dreyen Barden aus einem Brunnen gewaschen / mit einem weiß leinenen Kittel angethan / um das Haupt ein Krantz von Roßmarin geflochten / und einem in einen Felß gehauenen Grabe / welches die tausend Thränen vergissende Zirolane und Ehrenfried mit allen Arten der im Garten befindlicher Blumen erfüllet hatten /eingesäncket. Auf den das Grab deckenden Stein gruben die Barden folgende Reymen ein:


Der Bojen Säul und Schild / der Stab des Critasir /

Den Deutschland nicht begrieff / hat Raum in einem Steine /

Sein Leben ist nicht werth / daß man es viel beweine /

Denn sein Gemüthe gieng dem Glücke zehnfach für.

Und der niemahls geruht / ruht in dem Grab' allhier /

Der Himmel hat den Geist / die Grufft nur sein Gebeine /

Sein Ruhm wird taurend seyn mit der Gestirne Scheine /

Die Seel' hat einen Sitz erkiest beyn Sternen ihr.


So balsamt ihn nur nicht mit kostbarn Thränen ein /

Laßt seine Tugend euch ein ewig Vorbild seyn /

Und wůntschet / daß auch ihr / so euren Geist aufgebet /

Denn wer will nicht den Tod ihm halten für Gewien /

Wenn uns der Todt verehrt / was Glück und Zeit entziehn

Wenn man für Freuden stirbt / mit Wehmuth aber lebet?


Wiewol nun dieser im Leben unglückliche Fürst dieses ungemeine Todes-Glücke hatte / daß er für Freuden gestorben war / so war doch nicht leicht ein Grab mit mehren und köstlichern Thränen benetzet worden. Uber seinem Tode hat sich gewiß niemand als Marbod und Marmeline zu erfreuen gehabt; welche seines Lebens halber noch immer in höchsten Sorgen standen / weil niemand zu sagen wuste / wo dieser sich in die Einsamkeit dieses Heiligthums versteckende Fürst hinkommen war / hingegen unterschiedene Wahrsager dem Marbod verkündiget hatten / daß er von einem /dessen Nahme sich von einem G. anfienge / seines Reiches würde entsetzet werden.

Die unterschiedenen Gemüths-Regungen dieser hohen Versamlung hemmeten übrigens ihre Begierde nicht / vom Barden Döhnhoff vollends zu vernehmen / wie Hertzog Gottwald und er in diß Heiligthum / Zirolane an den Cheruskischen und Ehrenfried an Alemannischen Hoff kommen wären. Thußnelde / Erdmuth / Ismene / Ariovist / und alle andere Fürsten verfügten sich daher folgenden Morgen zu[872] einem Steinfelsen / aus welchem drey Qvelle sprungen / und nach dem sie sich daselbst niedergelassen / verfolgte Döhnhoff seine Reise folgender massen: Als ich zu Godanium unter der Fülle des gemeinen Volckes aus dem Schau-Platze gieng / kam ein Edelmann zu mir /zohe mich auf die Seite / und sagte: Mein Freund entferne dich von hier / und bilde dir nur ein: daß wie alle nicht einen einzelnen Menschen / also einer nicht alle betrügen könne. Du bist der Ritter Döhnhoff; welchem Marbod gram zu seyn / und Marmeline biß auf den Tod zu hassen Ursache hat. Weistu aber nicht / daß der blosse Unwille der Fürsten ein rechter Löwen-Kreil sey? Fürchte dich nicht von mir verrathen zu werden / denn ich bin hierzu viel zu edel /und ich habe es denen / welche für dich diß / was du bist / angesehen / mit Noth ausgeredet. Sein Gesichte kam mir mit seiner Rede so aufrichtig für / daß ich ihm gerade zusagte / ich wäre Döhnhoff. Ich fürchtete aber nicht / daß meine dem Fürsten Gottwald geleisteten treuen Dienste den König nach eroberter Herrschafft gegen einen Diener zu absonderer Rache verleiten solten; da zumahl ein seinen Unterthanen verfolgender Fürst jenen nur vergrösserte / sein eigen Ansehen aber verminderte. Dieser Edelmann antwortete mir: Du irrest in deiner eingebildeten Sicherheit sehr. Ist doch der Fürsten Gnade vielmahl ein Schatten des Todes; und du bildest dir ein: daß ein Beleidigter bey Ausübung der Rache so viel Licht als Feuer in Augen habe / oder der Grimm wie gewisse Winde über niedrige Sträuche überhin streiche. Folge mir aber / wo du dich ausser Gefahr wissen wilst. Ich trennte mich also so wenig von ihm / als der Schatten vom Lichte / kam also in ein nahe dem Strome gelegenes Hauß / da er mich selbige Nacht wol unterhielt / iedoch / wer er wäre / nichts mercken / sondern mir des Morgens eines von seinen eigenen Kleidern reichen / und auf ein Cimbrisches Kauffmanns-Schiff bringen ließ / welches gleich die Ancker lichtete / die Segel ausspannte / und sich Meer und Winde vertraute. Auf dem Schiffe ward ich von den Cimbern sehr wohl gehalten / insonderheit erwieß mir ein Cimbrischer Ritter Ahlefeld alle Gewogenheit und Wohlthaten / von diesem erfuhr ich auch / daß der mich aufdingende Edelmann ein Heruler gewest wäre / welcher sich bey dem Ritter Ranzau / des Cimbrischen Königs Frotho Gesandten aufhielte / durch welchen er den Marbod gewarniget hätte / sich der Krieges-Schiffe auf dem Balthischen Meere zu enthalten / als über welches die Herrschafft alleine den Cimbern zustünde. Weil dieser Ahlefeld ein Mann von so grosser Leitseeligkeit war / hatte ich kein Bedencken ihm zu sagen: Ich besorgte / daß der nunmehr so mächtige Marbod / welcher von der Donau biß ans Ost-Meer herrschte / und den Römern selbst ein Schrecken wäre / ihm die Hände nicht würde binden lassen. Ahlefeld antwortete: Sein König Frotho wäre sonder Zweiffel noch viel mächtiger / als welcher hundert und siebenzig Nordische Könige zu Lehns-Leuten / und ihrer allezeit dreißig zu seiner Bedienung um sich / auch stets über dreytausend Kriegs-Schiffe im Vorrath hätte /solche Meeres-Herrschafft zu behaupten / welche die Britannier / Gallier / Hibernier / die Ruthenen / Finnen / und andere benachbarte Völcker auch theils durch Ablegung eines Schiff-Zolles in der Codononischen Meer-Enge / theils durch Reichung einer jährlichen Schatzung erkennten. Er erzählete mir hierauf /wie Frotho durch seine Heerführer den Svionischen Fürsten Roller den König Arthorius erlegt / die Länder Summorien und Normorien durch Olimarn Hestien / Olandien und Curetien nebst vielen Eylanden /durch den Ritter Onev und Glomer aber die Orcadischen Inseln ihm unterwürffig und zinßbar gemacht hätte. Wegen Verstossung seiner Gemahlin Hannuda wäre er mit dem Hunnen-Könige[873] Hun in einen grausamen Krieg verfallen / und mit Hülffe des Sveon- und Gothischen Königs Erich denen Ripheischen Völckern bis in die innersten Eingeweyde gedrungen /nach dem sie sieben Tage nach einander Schlachten geliefert hätten. In dem ersten Tage wären so viel Hunnen todt geschlagen worden / daß man über die zu einer Brücke dienenden Leichen die drey grösten Ströme Rußiens gleiche gehen und reiten können. Folgende Tage wären der Hunnen so viel geblieben /daß das Land / wie weit man in dreyen Tagen reiten könte / über und über mit Erschlagenen bedeckt gewest. Am siebenden Tage hätte Erich der Svionen König / welcher vorher des Frotho Tochter die streitbare Gunwara durch besondere List zur Gemahlin bekommen / den König Hun mit eigener Hand erlegt /worauf denn des letzten Hunnischen Heeres Schlacht-Ordnung abermahls getrennet worden wäre / und sich mit des Königes Bruder noch hundert und siebentzig Hunnische oder den Hunnen beystehende Könige ergeben hätten. Frotho und Erich hätten denen Hunnen und Ruthenen Gesätze fürgeschrieben / welcher letztere gleichfals ein Herr von tiefsinnigem Verstande /unglaublicher Beredsamkeit / und wunderwürdigen Tapfferkeit. Dieser hätte mit seinem Bruder Roller unglaubliche Thaten gethan / in dem Kriege wider den Norwegischen König Gestublind den sich zum Könige der Svionen aufgeworffenen Alarich im Zwey-Kampffe erleget / hierdurch sein Reich / und von dem sterbenden Könige Gestillus das Gothische überkommen. Des zauberischen Königs Oddo in Norwegen /welcher ohne Schiff das Meer durchwandern / durch bloße Gesänge Stürme erregen / und die feindlichen Schiffe wie Nectabis stürtzen konte / gantze Schiffs-Flotte durchbohrt / seinem Bruder Roller des Frotho erste Gemahlin Hannuda des Königes Hun Tochter vermählet / und ihn zum Könige in Norwegen eingesätzt. Die Slawischen See-Räuber mit Strumpff und Stiel ausgerottet / und mit dem Frotho eine unauflößliche Freundschafft gestifftet / also daß die gantze Nord-Welt für diesen zwey Häuptern zitterte. Mit diesen und andern Erzählungen brachten wir bey gutem Winde zwey Tage vergnügt zu / den dritten aber erhob sich ein grausamer Sturm aus Sudwesten / welcher fünff Tage tauerte / und uns alle Augenblicke in den Rachen der unersättlichen See zu stürtzen dräuete. Endlich ward unser ohne diß leckes Schiff an das Ufer in der Gegend / wo der Fluß Meler sich ins Meer schüttet / getrieben und zerstossen. Die meisten im Schiffe aber hatten das Glücke / weil es Tag war /durch schwimmen auf eine aus dem Wasser hervor ragende Stein-Klippe dem Tode zu entkommen / von dar uns die am Ufer wohnenden Svioner bey sich etwas legenden Winde auf ihren Fischer-Nachen in Hoffnung grosser Beute ans feste Land abholeten. Sintemahl dieser Orten eben so wol / als bey den Siciliern und denen Armorichern die böse Gewohnheit eingerissen ist / daß man einem Schiffbruch-Leiden den diß / was ihm das wilde Meer übrig gelassen / zu rauben / für ein Recht des Strandes hält; Gleich als wenn der Himmel und die Wellen nur den vernünfftigen Raub-Vögeln zu gefallen nicht grimmiger gewest wären. Weil aber alle Cimbern waren / welchen das geringste Leid zu thun / ein halßbrüchiges Laster war / genoß ich unter ihrem Schirme nicht nur der Freygebigkeit / sondern auch von denen ohne diß gastfreyen Svionen / welche sich unter einander zanckten / wer uns beherbergen solte / vielerley Wolthaten. Maßen denn diese Völcker eine Gesetze haben / daß dessen Hauß verbrennet werden solte / wer einem Frembden die Herberge versagte. Der Hauptmann auf dem nahe darbey liegenden Schlosse kam selbst den Ritter Ahlefeld dahin abzuholen / und versprach uns zu unser Reise ein Schiff und alle Nothdurfft. Weil uns aber dieser berichtete / daß[874] nach dreyen Tagen in der Haupt-Stadt Upsal das Neunjährige grosse Opffer gehalten werden solte / welches diß Jahr so viel prächtiger seyn würde / weil es das erste des König Erichs wäre / und dieser darauf dem Könige Frotho und Roller in Norwegen zu Gefallen einen grossen Zug wider die Norweger oder Sitonen thun solte / war ich vom Ahlefeld / als sonder dessen Vorschub ich ohne diß nicht zu reisen wuste / leicht zu bereden / daß ich mit ihm nach Upsal zu reisete. Der Hauptmann verschaffte uns noch selbigen Tag ein Schiff mit erfahrnen Schiff-Leuten / welche uns theils zu Lande / theils zu Wasser über viel Seen und Flüsse durch unzählbare Steinfelsen den fünfften Tag glücklich nach Upsal brachte / welche Stadt mit unzählbaren Menschen angefüllet war / also daß ich mir keine Hoffnung hätte machen dörffen / in Tempel zu kommen / wenn nicht der König für den Ahlefeld / dieser aber für mich absondere Vorsorge getragen hätte. Auf den zum Opffer bestimmten Tag begab sich der König mit seiner gantzen Hofstadt sehr früh zu dem Weltberühmten Tempel / welcher auf einem Hügel an einem lustigen Orte gelegen / und mit einem Krantze der Berge umgeben ist. Die Einwohner geben zwar für / daß er nur vierhundert Jahr nach allgemeiner Ersäuffung der Welt gebaut wäre / es ist aber nicht glaublich / weil jedermann weiß / daß die so alten Völcker weder Bilder der Götter gemacht / noch auch sie hernach zwischen Gemäuer eingeschlossen / sondern selbte in Heynen verehret / ja nach Erfindung der Bilder / selbte doch nur unter Schopffen in freye Lufft gestellet haben. Dahero glaublicher / daß diesen Tempel König Frejus gebauet habe / wiewol er auch schon einmahl vom Gri er alles Goldes beraubet worden. Allhier legte der König seinen von übergoldeten Kupffer gemachten Harnisch ab / welche Art der Waffen nicht nur hier / sondern auch zu Rom / und sonst in der Welt älter gewest ist / als die von Stahl und Eisen. Nach dem er sich in dem am Tempel hinlauffenden Flusse gebadet / gieng er hernach baarfüßig in einem weiß leinenen Gewand / jedoch weil niemand ungewaffnet in diesem Tempel erscheinen dorffte / mit Helme /Schild / Spieß / und Schwerdte gerüstet / ins Heiligthum. Für dessen Eingange ihn alle Priester mit grosser Ehrerbietung bewillkommten / sich und ihren Gottesdienst seinem Schirme unterwurffen / und auf solchen fall ihn Göttlichen Schutzes und unzählbarer Siege versicherten. Denn die Gottesfurcht gäbe beydes Hertz und Waffen. Andere Mittel wären irrdisch /und dienten zwar zum Gebrauch / nicht aber zum Vertrauen / also daß man Tapfferkeit und Gewalt wol anwenden / sich aber darauf nicht verlassen müste. GOtt hätte ihn nicht an diesem Ende der Welt zum Könige erwählt / weil er seiner Tugenden halber so geschickt wäre / sondern weil Gottes Beruff einem jeden die vollkommenste Fähigkeit eindrückte / wäre er als sein auserwählter Werckzeug so geschickt. So heilsam nun ein frommer Fürst wäre / so vielmehr und grössern Schaden thäte ein Lasterhaffter im Reiche /als ein gifftiger Baum ist einem Garten / dessen Schatten auch die edelsten Pflantzen ersteckte. König Erich fiel auf seine Knie / legte sein Haupt auf die Schwelle des Tempels / schwur bey dem Nahmen des ersten Königes Swenno / wie die Cimbern bey dem Könige Dan / die Nord-Männer beym Niordur: daß er den alten Gottesdienst beschützen / die Ehre und Wolfahrt seines Volckes biß auf den Tod vertheidigen wolte. Nach diesem Beyspiele des Königs ergriffen alle ihn begleitenden Reichs-Räthe und Heerführer einen grossen ertztenen und vom geschlachteten Opffer-Viehe befleckten Rincken an einem nahe darbey stehendem Altare / schwuren eben diß / und noch darzu: daß sie alle Augenblicke für ihren König eben so wol wie die Opffer-Thiere ihr Blut zu verspritzen begierig wären. Der in[875] den Tempel wollende Adel muste auf dem Rücken eines der Freja zu schlachten bestimmten Ebers zwischen die Borsten ihre rechte Hand legen / und ihren Göttern Andacht / ihrem Könige Treue / ihrem Vaterlande Liebe schweren / welcher Eber auch als was gar heiliges für den König gebracht ward. Nicht ferne von diesem Altare stand ein breit-ästiger Baum / dessen Schafft schwerlich von sechs Männern umbgriffen werden konte / welcher Sommer und Winter grün blieb / und ob wol in Nord-Ländern die Bäume viel grösser / als anderwerts wachsen / alle die / welche ich mein Lebtage daselbst gesehen / an Größe übertraf. Also daß die berühmten Zypressen zu Patra in Achaien / welche achtzehn Schuch in die rundte wachsen / ihm nicht zu vergleichen sind. Westhalben er auch / wie nicht weniger darum / daß kein ander Baum seines Geschlechtes irgendswo zu finden war / für ein grosses Heiligthum gehalten ward. Denn ob sie zwar köstliche Bilder ihrer Götter hatten / gestanden sie doch: daß Wälder die heiligsten Tempel der Götter / auch die von Gold und Helffenbeine gemachten Seulen keine so herrliche Bilder / als lebende Bäume wären. Sie hatten auch keinen Baum / der nicht einem ihrer Götter / wie die Eiche Jupitern / der Oel-Baum Minerven / der Myrten-Baum der Venus / der Weinstock dem Bacchus /die Fichte Cybelen gewiedmet war. Nach diesem gantz absondern und unkentbaren Baume / welcher weder Oel- noch Palm- noch Myrten-Bäumen was nachgab / ward insonderheit die Fichte für so heilig geschätzt / als die Celten und gewisse Catten den Eich-Baum für Jupiters Behältnüß / und die Tribozen ihre drey Buchen für Säulen ihrer Andacht und Wolfarth halten. In welchem Absehen die Rhodier sonder Zweiffel ihrem Jupiter / die Beotier ihrem Bacchus den Nahmen des Gebäumten zugeeignet haben. Wie denn auch so wol bey diesen Nord-Völckern / als bey denen Indianern halßbrüchig ist / einen solchen geweiheten Baum zu beschädigen. Gleichwol ward niemand in solchen Tempel eingelassen / der nicht ein Blat darvon fürzuzeigen hatte / wiewol alle diese Blätter von sich selbst abgefallen seyn musten / weil diese Völcker eben so wol als die Phönicier die blosse Anrührung gewisser Bäume für das ärgste Laster hielten / und / daß einer von denen solche bewohnenden Gottheiten alsbald getödtet würde / gläuben / ungeachtet sie darunter ihre Gefangenen zu schlachten kein Bedencken haben / gleich als wenn nach dem Befehle des die Thebaner ausrottenden grossen Alexanders verantwortlicher wäre / auf Menschen als Bäume zu wütten. Uberdiß ward ein jeder Eingelassener von den Priestern gebunden / um dardurch anzudeuten: daß alle Sclaven und Knechte dieser Götter zu seyn sich erkenneten / daher auch kein Fallender darinnen aufstehen / sondern sich zu tode treten lassen muste /gleich als wenn selbter von einem Schlage der Götter gerühret und zu sterben verdammt worden wäre. Dieser Tempel war aus eitel schneeweissen und Spiegel-glatten Marmel in die rundte gebaut / und wo die Felder nicht mit Goldbleche bedeckt waren / stellte der durch unvergleichliche Bildhauer-Kunst ausgeätzte Marmel in erhobener Arbeit die Thaten der alten Helden für. Die Absätze / die vier Thore / und die rings herum um den Fluß des Tempels gehenden fünf Staffeln aber / und die auf Corinthische Art selbten umgebenden hundert Säulen / welche das Gesimße des Daches unterstützten / waren aus rothem Marmel. Sein Umkreiß hatte siebenhundert Schritte / und so lang war auch die eines starcken Armes dicke Kette / aus dichtem Golde / welche über jedem Thore nebst einem grossen güldenen Schlosse vom Dache herab hieng / und unter dem Gesimße den gantzen Tempel umbschloß. Ich fragte den / welcher Ahlefelden und mich anzuweisen bestellt war / um die Auslegung /kriegte aber[876] nichts mehres zur Antwort / als: ob ich nicht wüste / daß die Mohren ihre Ubelthäter güldener Ketten würdigten. Daß auch andere Völcker ihren Opffer-Tischen gleichsam güldene Halsbänder umhiengen? daß des Janus Tempel zu Rom jährlich mit einem von Blumen und Blättern gemachten Krantze umflochten würde. Daß GOtt alles in dem grossen Tempel der Welt mit einer festen Kette zusammen gebunden hätte? solten sie nun ihr Heiligthum nicht eines solchen Ertztes und eines so festen Bandes zu ihrer Erinnerung werth achten: daß alle die / welche in diesem Tempel zusammen kämen / mit unzertrennlicher Liebe einander vereinbart seyn solten. Das Dach war von dichtem Goldbleche / in dessen Mitte eine rundte Oeffnung zwantzig Schuch breit den sonst kein Fenster habenden Tempel lichte / und zugleich dem Rauche von dem Opffer-Feuer zur Ausfahrt Raum machte. Für jedem Thore des Tempels war ein viereckichtes Vorgemach / oder vielmehr ein herrlicher Saal; in welchem außer der glatten Marmel-Säulen alles / ja so gar auch das Pflaster mit güldenen Platten belegt war. Inwendig war der Tempel über und über mit Golde bezogen / dessen ich so viel in allen Nordischen Ländern und Gebürgen zu seyn kaum geglaubt hätte. In dem Mittel dieses Heiligthums saß allein an einem erhobenen Orte auf einem güldenen / und mit zwölff Sternen umgebenen Stule oder vielmehr einem den gestirnten Bär abbildenden Wagen der höchste Gott aller Nord-Länder Thor / in Gestalt eines nackten Knabens / welcher wie Jupiter /in der Lufft / Donner / Hagel / Winde und Wolcken beherrschen / der gütigen und schädlichen Gestirne Einflüsse austheilen / Pest und Unfruchtbarkeit abwenden soll. Daher ihm auch der erste Monat des Jahres / und ihr erster Tag der Woche / nemlich der Donnerstag gewiedmet ist. Ob nun zwar in diesem güldenen Tempel des höchsten Gottes Bild nur aus Holtze war / weil die Nord-Völcker eben so wol als Griechen und Römer den schlechtesten und übel ausgearbeiteten Zeug seines Alterthums halber / dem köstlichsten Ertzte weit fürzohen / so war doch an seinem Bilde nichts höltzernes zu sehen / weil er über und über voller Edelgesteine; sein Haupt mit einer güldenen Krone / und darauf zwölff Sternen gläntzten. In der rechten eisernen Hand führte er einen Königs-Stab / und darauf das ewige Feuer / in der lincken nebst sieben Sternen einen grossen ertztenen Hammer oder vielmehr eine Streit-Kolbe / mit welcher er alle Harnische soll zermalmet haben. Auf seiner rechten Hand aber viel niedriger stand das Bild des geharnschten und mit güldenen Waffen ausgerüsteten Othin / oder Wodans / welcher ein Gott des Krieges seyn / und den Sieg verleihen / auch sich in Schlachten offtmahls in Gestalt eines einäugichten Alten zu Pferde mit einem weissen Schilde sehen lassen soll. Ihm ist der letzte Tag in der Woche gewiedmet / und soll ein Cimbrischer Fürst sein güldenes Bild nach Byzantz geschickt / ein anderes aber gefertiget haben / welches vom Anrühren eines Menschen / wie die Egyptische Memnons-Säule von Bescheinung der Sonne geredet /vielleicht zum Andencken: daß dieser Othin dem Scythen Mimer sein Auge für einen Trunck Wasser / dadurch er aber die höchste Weißheit eingesogen / gegeben / nach Mimers Tode aber seinen eingebalsamten und ihm überschickten Kopff durch Zauberey zugerichtet haben soll: daß es ihm alles kunfftige Ding wahrgesagt hätte. Uberdiß erzehlen die Nord-Länder von diesem Othin / daß er ein mit viel ertztenen Füssen versehenes Pferd / welches er Schleipner genennet / durch die Welt mit unglaublicher Geschwindigkeit geritten / auch endlich auf selbtem auf der Land-Strasse der Götter nemlich einem Regenbogen sich in Himmel begeben hätte. Wie sie denn mit dem Bilde dieses Pferdes als einem grossen Heiligthume ihre wertheste Sachen bezeichnen. Dieser Othin[877] soll bey den Scythen oberster Priester und in solchem Ansehn gewesen seyn / daß ihm ein jeder Scythe jährlich von seinem Kopffe einen Groschen bezahlen müssen / und nach seinem Tode haben sie ihn gar göttlich verehrt /König Freyer aber sein Bild zum ersten in Tempel gesätzt. Auf der andern Seite stand die gantz nackte Frigga oder Freja / welche aber wie ein Zweydorn mit beyderley Geschlechts-Gliedern / in der rechten Hand mit einem Degen / in der lincken mit einem Bogen gebildet war. Sie wird für Othins Gemahlin / für die mitternächtige Venus / und eine Vorsteherin der Liebe gehalten / daher ihr auch der Freytag gewiedmet ist. So bald König Erich für diesen dreyen Bildern den Sitz genommen hatte / brachten die Priester einen grossen ertztenen Kessel / hoben selbten gegen dem Gotte Thor in die Höhe; der oberste Priester aber /welcher im Reiche keine geringere Gewalt als der König selbst hatte / hob des Thors lincken Arm dreymahl empor / und ließ selbten auf den davon schwirrenden Kessel fallen; worauf die Opffer-Knechte mit ihren Hämmern auf derogleichen Glocken schlugen /und ein lautes Gethöne damit erweckten. Dieser Priester war ein Knabe allem Ansehen nach nicht über zehn Jahr alt. Sintemahl allhier der oberste Priester /wie bey Elatea in Griechen-Land der Craneischen Minerven Priester / nicht unter sieben und nicht über vierzehn Jahr alt seyn / auch für diesem Alter sich seines Priesterthums entäusern muß / vielleicht weil es von allen wollüstigen Reitzungen befreyet seyn soll. Sein Antlitz war wie Milch und Rosen / sein Haupt mit schneeweissen Haarlocken umfangen / und sein gantzer Leib so wol gebildet / daß ich mein Lebtage einen schönern Knaben gesehen zu haben mich nicht erinnere / welches mich aber nicht wunderte / weil in diesen Nord-Ländern die weissesten Leute der Welt wohnen / und wie bey den Agiensern des Jupiters /also allhier das hohe Priesterthum dem schönsten Knaben / der im Reiche zu finden ist / aufgetragen wird. Hierauf brachte man neun hundert und neuntzig Gefangene in Tempel / welche rings umb die Götter gestellet wurden. Der oberste Priester nam neun geschälete Rutten / und eine ungeschälete / schnitte daraus so viel viereckichte Stücke als Gefangene waren; steckte solche in einen ledernen Beutel / rührte sie durch einander / zohe eines nach dem andern heraus /und gab jedem Gefangenen unbesehens eines in die Hand. Wie diese nun ihr empfangenes Loos vorweiseten / wurden die neun und neuntzig / welche ungeschälete bekommen hatten / von den andern abgesondert / und zum Opffer verdammet. Alles Volck bückte sich für diesen / und jedermann priese sie für die glückseeligsten Menschen / welche durch ihre Opfferung unmittelbar sich der Unsterbligkeit vereinbarten. Die Priester sätzten ihnen Kräntze von allerhand Blumen auf / wuschen sie aus einem hinter dem Bilde des Gottes Thor befindlichen- wol hundert Klafftern tief in Stein-Felsen gebrochenen und mit dem besten Wasser erfüllten Brunnen. Unterdessen wurden außer halb des Tempels neun und neuntzig Pferde / so viel Ochsen / und in gleicher Anzahl Wieder / Renn-Thiere / Wölffe / Hunde / Habichte geopffert. Denn ob zwar die Lappen der Sonne nur eitel Thiere weiblichen Geschlechtes schlachten / so taug doch hier nichts / was nicht männlich ist. Am angenehmsten aber sollen diesen Göttern die häußlichen Thiere seyn / so daß auch die zum Opffer bestimmten Habichte oder Falcken vor gekirret / oder statt ihrer Haußhahne geopffert werden müssen. Jedoch gehen diesen allen noch die Pferde für / welchen man die Köpffe abschneidet / und sie theils mit bürckenem Holtze verbrennet; Die geschlachteten Hunde aber gar in den neben dem Tempel gelegenen Heyne zu den geopfferten Menschen aufhencket. Denn diesen grausamen Gottesdienst hat der König Fro / oder der Zauberer Mithotys / wie Otin der Thiere[878] Blutstürtzung in diesen Ländern als einen heiligen Gottesdienst eingeführet. Gleich als wenn GOtt nicht anders als durch grausam seyn zur Barmhertzigkeit bewegt werden könte. Ich sahe dieser Zerfleischung mit Zittern und Hertzklopffen zu. Denn denen durchs Loos abzuthun Verdammten wurden anfangs die Köpffe an den Pfeilern des Tempels zerschmettert / hernach schleppte man sie auf die Erde zu einem Ertztenen Kessel /schnitt ihnen die Gurgel ab / und ließ ihr Blut darein. Nach dem nun diß geschwinde oder langsam heraus lieff / frolockten oder wehklagten die Priester darüber / weil jenes was gutes / dieses was böses bedeuten soll. Von diesem Blute ward das erste in das ewige Feuer gespritzet / welches auf einem für dem Gotte Thor stehenden und mit dickem Eisen belegten Altare mit grosser Sorgfalt unterhalten ward. Sintemahl durch den Thor eben so wohl / als bey den Aßyriern durch den Bel nach des Ninus Stifftung das Feuer verehret wird. Hernach bestrich man mit diesem Menschen-Blute die Bilder der drey Götter und den Stuhl des Thor / wie auch die Wände des Tempels; ja alle Anwesende wurden entweder mit darein getauchten Schwämmen gewaschen / oder durch einen Sprengwedel besprützet. Das übrige Blut ward theils zu Bestreichung der Segel zu glücklichen Schiffarthen aufgehoben / theils an die im heiligen Heynestehende Bäume ausgegossen / an welche die geopfferten Menschen / nach dem sie die Priester vorher in dem geweihten Brunnen fleißig abgewaschen hatten / aufgehenckt wurden. Nach welcher Begiessung alle Bäume als Ebenbilder der sie bewohnenden Götter / ja alle ihre Zweige für unversehrlich gehalten und angebetet wurden. Ich ward aber gleichsam vom Blitze gerührt /als ich den / welcher nun gleich nahe neben mir zerschmettert werden solte / für den Hertzog Gottwald erkennte. Das Schrecken und die Verbitterung beraubte mich wo nicht aller Sinnen / doch des Nachdenckens / was mir aus Störung dieses Opffers für Unheil zuwachsen könte. Ich sprang daher gleichsam wahnsinnig hinzu / fiel denen den Fürsten Gottwald zu beleidigen vorhabenden Priestern in die Armen / und fieng über laut an zu ruffen: Grausamste Un-Menschen! scheuet ihr euch nicht euren Göttern einen so grossen Fürsten abzuschlachten? Fürchtet ihr euch nicht eure Hände mit so edlem Blute zu besudeln /welches so wohl als euer Erich vom Gethar den Ursprung hat? Unsinniger! antwortete mir einer dieser blutigen Priester / was für Verzweiffelung reitzet dich unser heiligstes Opffer zu entweihen! Weistu nicht /daß es so schwer sey hier ein Opffer zu erledigen / als der Sonne gebieten stille zu stehen! Meinestu / daß das Looß ungefähr auf die Menschen gefallen! dieses ist nicht unsere Wahl / sondern die selbst eigene der weisesten Götter / welche am besten wissen / wer ihnen zum Opffer anständig sey. Wir können auf Erden nichts wollen / was nicht zuvor im Himmel uns unwissende beschlossen ist. Es ist bey Unterthanen halßbrüchig / wenn sie Fürstliche Befehle in der Wagschale seiner Vernunfft prüfen wollen. Ein ieder muß ihm wichtige Ursachen solcher Schlüsse einbilden / die ihm gleich nicht beyfallen oder gesagt werden. Und du elender Frembdling bist so vermässen die Göttliche Versehung zu meistern / welche immer verborgen / niemahls ungerecht ist! Vollbringet diesem nach unser Opffer / und straffet diesen Ubelthäter / wo er nicht als ein Wahnsinniger Mitleidens werth ist. Ja ja / versetzte ich / übet nur an mir / nicht an diesem unschuldigen Fürsten eure Grausamkeit aus. Ich / nicht er / ist vom Himmel zu eurem Opffer versehen. Ich will ihm / und euch zu Liebe / für ihn willig sterben / um euch von einem so ärgerlichen Fürsten-Morde zu befreyen. Denn dieser ist der unvergleichliche Hertzog der Gothonen und Estier / welche Völcker ihr für eure Brüder haltet. Wisset ihr nun aber nicht / daß Fürsten[879] selbst irrdische Götter / und unversehrliche Bilder derer im Himmel sind! der Priester brach mir ein: Meinestu / thörichter / daß die Hefen des Pöfels unsern Göttern gut genung / Fürsten aber zu Opffern zu edel sind! der grosse König Haqvin hat / um den Sieg zu erhalten / zwey; und König Aune um sein Leben zu verlängern neun Söhne / ja die Sviones zuweilen ihre eigene Herrscher dem GOtt Othin geopffert. Meinestu nun / daß dieser angegebene Gottwald besser / als diese sey; welchen GOtt nur darum das Eisen der Marckmänner nicht aufreiben lassen / daß er hier heiliger sterben könne! Ich fiel ihm in die Rede: Sollen eure Götter gerecht seyn / so macht sie nicht zu was grausamern / als der Wütterich Marbod ist. Hütet euch den zu tödten / den das Verhängnüß zur Ausübung seiner Rache wider den Marbod aufgehoben hat. Glaubet nur gewiß / daß diß eine mehr als höllische Boßheit sey / welche mit Gottesfurcht überkleidet ist. Andere Völcker und eure Nachbarn die Cimbern opffern aus hundert Gefangenen nur einen / und zwar nur in dem Falle / wenn Othin sich nicht durch Blut des Viehes versöhnen läst; ihr aber wollet / da ihr doch in keiner Noth oder Gefahr gesteckt / aus hunderten nicht einen beym Leben lassen. Glaubet nur gewiß / daß eurem Othin ein gemästeter Ochse einen süssern Geruch / als ein mager Mensch abgäbe. Meinet ihr aber / daß das Looß eine versicherte Nachfolge des Göttlichen Willens sey / so ist mein Wille für den Gottwald zu sterben vielmehr ein vom Verhängnüße herrührende Regung. Verschmehet mich nicht als einen vom Pöfel. Denn dieser Fürst und der Ritter Ahlefeld werden mir zeugen: daß ich so edel / als vielleicht einer unter diesen zum Opffer besti ten Frembdlingen sey. Man hat mir gesagt / daß in Mangel gefangener Feinde hier offt Knechte geopffert werden / und daß die Erstlinge der Gefangenen euren Göttern am angenehmsten seyn sollen. Ich aber bin ja besser als etliche Knechte / hingegen ist Gottwald nie euer Feind gewest / also nicht euer rechtmäßiger / weniger euer erster Gefangener. Der Priester aber begegnete mir: Meinest du / daß die Götter so veränderlich als wir Menschen sind / und daß sie ihnen diß / was das unbetrügliche Loos ihnen als ihr liebstes Wahlstücke schon zugeeignet hat /austauschen lassen? Ich antwortete: Eine solche Auswechselung kan GOtt nicht mißfallen; wo einer aus heisser Andacht und Liebe sich selbst GOtt zum Opffer bestimmet. GOtt ist diß am gefälligsten / was ihm aus freyem Willen gewiedmet wird. Meinest du aber nicht / daß ein so blutiges Loos ins gemein auf Unwillige falle? Hast du niemahls gehöret: was des Dodonischen Jupiters Tauben denen fragenden Calydoniern gerathen: durch was für ein Mittel sie der Raserey loß werden könten / welche ihnen der erzürnte Bacchus wegen seines von Callirhöen verschmäheten Priesters Coresus zugeschickt hatte? dieses nemlich /daß ihm die unerbittliche Callirhöe oder jemand / der für sie willig stürbe / geopffert werden solte. Hast du nicht vernommen; wie bald der Calydonier Plage aufgehöret / als der verliebte Priester Coresus sich statt der auf dem Altare liegenden Callirhöe abgeschlachtet. Sind nun erzürnte Götter mit einem ausgewechselten Opffer zu frieden; wie mögen es eure gütige verschmähen! Lasset mich also für Gottwalden sterben /der ich ihn mehr als Coresus seine halsstarrige Callirhöe zu lieben Ursache habe. Der Priester brach mir ein: Ist denn aber Callirhoe der Abschlachtung entronnen? nein / sagte ich / die durch den Tod bewehrte Liebe des Coresus entzündete ihr kaltes Hertze derogestalt: daß sie ihr selbst sein blutiges Messer in die Brust stach / und nunmehro sich selbst zum Opffer und Priester des todten Coresus machte / da sie sich vorher des lebenden Liebhaberin zu seyn zu gut dünckte. Hertzog Gottwald hatte biß hieher als eine steinerne Säule gantz unbeweglich gestanden / und[880] mit allem Volcke unserm Streite zugehört / nunmehr aber fieng er an: Liebster Döhnhoff / hat dich mein guter oder böser Geist hieher geführet! Ich erkenne zwar deine ungemeine Liebe / da du mein Leben durch Verlust des deinen erhalten wilst; Aber / weil du alle meine Zufälle weist / kanst du wol selbst glauben / daß mir mein Leben mehr eine Uberlast als eine Ergötzligkeit sey! der Himmel wil vielleicht hier mit mir meine Unglücks-Sternen in diesem Brunne ersäuffen. Lebe diesemnach zu meinem Andencken / und lasse mich sterben zu meiner Erleichterung. Gegen diß / was von Menschen herrührt / gilt unsere Vorsicht; wider das aber / was das Verhängnüs schickt /hat man keinen andern Schild / als die Gedult. In keinerley Weise / antwortete ich / du solst / um des Verhängnüsses Schluß durch eigene Rache noch auszuüben / leben. Mich aber hat Meer und Sturm mit Gewalt hieher getrieben für dich zu sterben; daß ich meine Treue durch mein Blut / meinen Tod aber mit was ruhmwürdigem besiegele. Ich ward durch einen besondern Trieb gereget / daß ich mit aller Gewalt dem Brunnen zueilte / und mich mit höchster Vergnügung darein gestürtzt hätte; wenn nicht die darbey stehenden Priester mir in Weg getreten wären; der oberste Priester aber gerussen hätte: haltet ihn / weder einer noch der ander kan geopffert werden. Allerweisestes Verhängnüs! Dein Licht ist eine Eröffnung unser blinden Augen / und die seltzamsten Zufälle müssen uns zu Verbesserung unser Irrthümer dienen. Zählet die / welche geopffert worden und noch zu opfern sind. Als dieses geschahe / ereignete sich / daß schon siebentzig abgeschlachtet / und mit dem Fürsten Gottwald ihrer noch dreißig übrig waren. Diese Zehlung geschahe dreymahl / und zwar so wol der ungeschäleten Höltzer / als der durchs Loos getroffenen Menschen-Opffer / es kam aber jedes mahl diese Zahl und also diß / daß einer übrig wäre / heraus. Sintemahl ihrer nicht mehr als neun und neuntzig geopffert werden dorfften. Der oberste Priester fieng hierauf an: Ich habe in Zerkerbung der Rutten geirret; aber auch die Irrenden fehlen nicht / wenn das Verhängnüs ihnen zum Irrthume die Hand führt. Ich nam dieses Bekäntnüs alsbald zu meinem Vortheil an / und sagte: Wenn wir aus Schickung des Himmels irren / ist es besser / als wenn wir aus eigener Klugheit was treffen. Jene Fehler dienen andern / wie frembde Wunden denen Wund-Aertzten zu Ehren / und dieser Irrthum erhärtet euren Opffern zum besten; daß die Götter ohne einigen Abgang an Abschlachtung dieses Fürsten kein Gefallen / sondern selbten zu ihrem wichtigen Werckzeuge bestimmet haben. Die anwesenden Priester und der mir vor widrige schienen nunmehr stillschweigende meine Seite zu halten / und Gottwalden zu erlassen; unter denen aber / welche geopffert werden solten / that sich ein Widersprecher herfür /welcher behaupten wolte: daß dieser Irrthum nicht dem einzelen Gottwald / sondern ihnen allen zu statten kommen / und wer von ihnen frey seyn solte / aufs neue geloost werden müste. Kein Stand / kein Geblüte hätte in Sachen des Gottesdienstes einen Vorzug. Hätten die Götter ihn für uns zum Leben versehen / so könte ihm das Loos nicht mißlingen / und er es ohne uns unrecht zu thun nicht ausschlagen. Ich erkennte diesen nunmehr für Hothebroten einen Gothonischen Edelmann / welchem Gottwald eines Verbrechens halber das abgesprochene Leben geschenckt hatte / und hielt ihm nicht ohne hefftige Gemüths-Bewegung ein: Boßhaffter / hast du so geschwinde deiner Treue und dieses Fürsten Wolthat vergessen! Weist du nicht /daß ein Unterthan keinen Bluts-Tropffen in Adern zu haben würdig ist / den er nicht für sein Haupt willig verspritzen wil! du aber bist so unverschämt ihm sein Leben anzusprechen / der dir dein verlohrnes aus Gnaden geschenckt hat! Ich wundere mich / daß dich dieser heilige Ort[881] in sich hauset; weil die Erde kein boßhaffter Thier beherbergt / als einen undanckbaren Menschen. Hertzog Gottwald aber fiel mir in die Rede / und sagte: Lasse diesen Undanckbaren nicht unsere sondern der ihm verächtlichen Götter Rache empfinden. Eigene Wolthaten soll man bald verschimmeln / über frembde Beleidigungen aber Graß wachsen lassen. Ich wil den Namen nicht haben / daß mir zu Gefallen jemand wider Willen sterben müste. GOtt und sein Loos mag unser Richter seyn. Jedermann und am meisten die Priester wunderten sich über dieses Fürsten hertzhafftem Vertrauen / und weil ich nicht erlangen konte / statt seiner mich dem Loos zu unterwerffen / behielt ich mir doch zuvor auf allen Fall statt seiner mich aufzuopffern. Der oberste Priester hüllete darmit 29. ungeschälte Looshöltzer mit einem weissen in Wolle / und nach dem er selbte in einem von ölbäumenen Holtze gemachten Kästlein durch einander gerühret / theilte er sie mit verbundenen Augen aus. Es ereignete sich aber zu aller Zuschauer Erstaunung / daß alle weiß geschälte / der einige Hothebrodt aber ein ungeschältes Loos-Holtz vorzuzeigen hatten. Ich / als ich den Fürsten Gottwalden das seinige vorzeigen sah / ward für Freuden außer mir selbst entzückt; weil ich glaubte / daß an seinem Leben und Glücke niemand mehr als ich Theil hätte. Aber ein gantz Eys-grauer Priester / welcher sich Diceneus nennte / und bey den Geten oberster Priester der Göttin Disa / wegen Verfolgung des Königes Byrebistas aber durch Scythien hieher kommen war / hatte für mir so viel Kräfften als Jahre seine Freude hierüber auszulassen. Sein vorhin blasses Antlitz kriegte eine lebendige Farbe / alle seine Glieder wurden gleichsam verjüngt / seine Gebehrden zeugten mehr Vergnügung als die alle / welche dieses Wunder-Loos vom Tode errettet hatte; und er fieng mit heller Stimme überlaut an zu ruffen: diß ist der Tag /welcher alle Finsternüsse der traurigen Mitternacht erhellet. O glücklicher / O erwünschter Tag! Ihr Betrübten / lasset alle trübe Wolcken euer Schwermuths aus euren Hertzen verrauchen. Aber von der Ursache unser grossen Freude / unsers allgemeinen Heiles /muß der nichts mit schmecken / den das Verhängnüs zu seinem letzten Blut-Opffer auserwehlt hat. Mit diesen Worten gab er denen dazu bestellten Priestern einen Winck / welche denn den Hothebrodt alsofort in den Brunn stürtzten. Hierauf fieng der alte Priester wieder an: Traget nun / ihr Priester / die Bilder euerer Götter zu dem nechsten Strome / und waschet von selbten das sie mehr besudelnde als versöhnende Menschen-Blut ab. Die Priester stutzten darüber / er aber fuhr gleichsam in einer Entzückung und heiligem Eyver fort: Lasset euch nicht befrembden / daß diese heilige Bilder gewaschen werden sollen / habet ihr nie gehöret / daß fünfzehn Römer alle Jahr das Bild der Cybele im Flusse Almon / die Argivischen Weiber die Bilder der Pallas und Diomedens in dem Flusse Jeachus / die Latier das Bild der Aricinischen Diana in dem bey selbigem Heiligthume gelegenen See / die Frauen zu Athen / in dem Plynterischen Feyer / das Geschmeide der vergötterten Agraulos / des Cecrops Tochter / waschen müssen! denn wie heilig gleich was ist / kan es doch durch Mißbrauch / wie die helle Sonne von Dünsten beflecket werden. Er redete diß mit einem solchen Nachdrucke / daß kein Priester mehr das Hertze hatte die Abwaschung ihrer Götter aufzuschüben. Nach dessen Vollziehung fieng Diceneus abermals an: Vernehmet nun ihr glückseeligen Nord-Länder; daß ich euch keinen blauen Dunst einer eitelen Freude für die Augen mache. Ich wil nicht meine Zunge / sondern todte Steine diese Warheit aussprechen lassen. Hierauf ließ er das Bild des Othin mit seinem Fusse von dem Pflaster fortrücken / da man denn auf einem viereckichten[882] Marmel-Steine diese mit Runischen Buchstaben eingegrabene Wahrsagung fand:


Wenn für den Fürsten wůnscht ein treuer Knecht zu sterben /

Ein Ungetreuer fällt / der ihn sucht zu verterben /

Und sich das schwartze Looß in eitel weisse kehrt /

Darff mehr kein Menschen-Blut den Göttern seyn gewehrt.


Weil nun niemand im Tempel war / der nicht diese alte Weissagung durch vorgegangene Begäbnüß erfüllet zu seyn glaubte / erhob sich ein allgemeines Frolocken. Der König selbst mühte sich auf alle Weise seine Vergnügung über Aufhebung dieser grausamen Menschen-Opffer an Tag zu geben. Der alte Priester aber gab ihnen ein Zeichen zum Stillschweigen / und hierauf zu verstehen / daß er noch mehrere Glückseligkeit ihnen anzukündigen hätte. Die Begierde solches zu vernehmen hemmete allen ihre Zungen / öffnete aber ihnen Augen und Ohren gegen dem Unterrichte dieses annehmlichen Götter-Botens / welcher /nach hinweggerücktem Bilde des Gottes Thor / auf einem andern Marmelsteine folgende Reime zeigte:


Wenn GOtt hier wird befehln / nicht Menschen mehr zu tödten /

Und noch ein Streich geschicht / der Erd und Meer wird rothen /

Wird viertzig Jahr diß Reich voll Fried' und Glücke seyn /

Der König erndten Ruhm / das Volck viel Segen ein.


Ob nun zwar die Nordländer streitbarer / wie die Sudländer tieffsinniger als andere Völcker sind; so konten doch die hertzhafften Svionen und Gothen ihre Freude über vertröstetem Frieden nicht in ihren Hertzen ersticken lassen; sondern sie jauchzeten über dieser gewünschten Zeitung als über Ankündigung einer güldenen Zeit; verfielen damit in Lobsprüche des güldenen Friedens / daß selbter eine Erhohlung abgematteter Völcker / der Könige Schatz-Kammer und Spaar- Büchse / ein Balsam der Königreiche / ein Paradieß der Herrscher / und ein Himmel-Brodt der Erde wäre. Aber der alte Priester war begierig dem andächtigen Volcke noch die dritte Freude zu machen / ließ also auch der Freja Bild etliche Schritte weit fortrücken /und wiese selbtem auf einem andern Marmelsteine folgende Weissagung:


Wenn Dam und Schwenno wird zusammen sich vermähln /

Und beyde Schwerdt und Schild in Eeg und Pflug- Schaarn kehren /

Wird GOtt ein Fürsten-Hauß der Mitternacht gewehren /

Dem es an Zweigen nicht kan tausend Jahre fehln.


Volck und König schütteten hierüber alle Uberbleibung ihrer im Hertzen noch übrigen Freuden aus; preiseten diesen Tag für den glückseligsten in der Welt / als in welchem das Unglücke ihnen mehr einigen Schaden zu thun entkräfftet würde. Der König verfügte sich hierauf zu dem Bilde des Gottes Thor /und opfferte in seine auf der Schooß habende weite Schale einen güldenen Teller / auf welchem sein Bild gepregt war / die Königin / ausser welcher kein Weib zu opffern oder nur in Tempel zu kommen befugt ist /einen nicht viel kleinern mit ihrem Bilde. Alles Volck / das im Tempel war / muste etwas Gold einlegen. Die verhandenen Lappen aber / bey welchen zwar Perlen in Flüssen / wie auch Silber / Kupffer und Eisen in Gebürgen gefunden werden / legten statt dieses Ertztes eine gelbe steinerne Müntze ein / dergleichen bey ihnen am Ufer eines Flusses gelesen werden. Der oberste Priester sprach hierauf alle zum Opffer bestimmte ihrer Wiedenung / König Erich sie der Gefangenschafft loß; den Hertzog Gottwald verehrte er als seinen Bruder / mir liebkosete er als einem Werckzeuge allgemeiner Wohlfarth / nach dero Gestalt vollendetem Gottesdienste wurden in allen vier Vorsäulen des Tempels köstliche Mahlzeiten bereitet / und darzu gewisse Stücke von denen Opffer-Thieren / besonders aber das für das herrlichste Gerichte geachtete Pferde-Fleisch genommen. Der König zohe Hertzog Gottwalden[883] und mich zu seiner und der Reichs-Räthe Taffel /er tranck aber nicht ehe als biß der oberste Priester kam / und aus dreyen güldenen Hörnern / darauf allerhand Sinnen-Bilder ausgeetzt waren / dem Könige den ersten Tranck in Weine / zu Ehren des segnenden Thor / den andern des die Feinde stürtzenden Othin /den dritten der fruchtbaren Freja zutranck. Denn dieses waren / wie bey den Griechen und Römern / der Becher des Hercules / und Bacchus / die nothwendigen Heil-Trincke. Der König nahm sie mit grosser Ehrerbietigkeit an / und nach dem er sie mit einem Creutze / welches den Hammer des Thor bedeuten soll / bezeichnet hatte / tranck er selbte; die Reichs-Räthe aber grosse Püffel-Hörner auf glücklichen Sieg des Königes / auf Ausbreitung des Reiches / und auf reichen Zuwachs der Erd-Gewächse herum. Hernach war niemand / der nicht zum Gedächtnüsse abgelebter Helden / und auf Gesundheit guter Freunde etliche Trinckgeschirre ausleerte. Endlich kamen gar in Gold eingefaste Hirnschädel ihrer erschlagenen Feinde herfür / daraus sie zu Ehren des Gottes Othin bey singung gewisser Gedichte sich zu trincken nicht scheueten. Nach vollbrachter Mahlzeit wurden auch / wie in Griechenland von Ringern und Fechtern / welche in diesen Nordländern in so hohem Ansehen sind / als ihre Riesen-Grösse sich erstrecket / allerhand Spiele gehalten / über welche der oberste Priester gleichfalls zum Aufseher bestellt war. Ich kan ihre künstliche Wendungen / Streiche und Versetzungen so wenig als ihre Kräfften beschreiben; aber wohl versichern / daß der Nord die rechte hohe Schule der Ringer und Fechter sey / zu letzt warffen sie mit abgefleischten und knötichten Ochsen- und Pferde-Knochen auf einander so gerade / als wenn sie Pfeile von Bogen abschüssen. Zu letzt wurden vom obersten Priester / gleich als wenn Spiele und Abgötterey allezeit unzertreñliche Schwestern seyn müsten / denen / welche sich wol gehalten Kräntze von Oelzweigen mit Gold umwunden /vom Könige aber Streitkolben und Schwerdter ausgetheilet / derer iedem er einen besondern Nahmen zueignete. Wie denn kein Held in Norden ist / dessen Degen und Pferd nicht einen eigenen Nahmen so wohl als des grossen Alexanders Bucephalus führet. Wer nun einmahl hier den Preiß erwarb / ward so hoch /als die in Olympischen Spielen siebenmahl siegende Griechen geschätzt / reisete in die benachbarten Länder der Cimbern / Fennen und Scythen herum / und mit allen berühmten Ringern / Fechtern / wie auch Sängern der alten Helden-Thaten / welche sie tieffsinnig zu singen sich von Kind auf befleissen / und einige wegen nachdencklicher Grabeschrifften Kron und Zepter erworben haben sollen / sein Heil zu versuchen / und die Kräfften zu eichten. Wo sie auch in der Frembde einen Sieg erhalten / wird ihnen das Recht der Eingebohrnen / wie in Griechenland denen in Singen / in Lust-Spielen und andern obsiegenden das Bürger-Recht / und die Raths-Würde vieler Städte /zugeeignet. Bey ihrer Wiederkunfft werden sie / wie zu Rom auch geschiehet / von Königen zu Auffsehern ihrer Väder / vielleicht weil sie zu Abwaschung des Staubes und Schweißes derselben am meisten bedörffen / wie auch ihrer Rüst-Ka ern mit reichlichem Unterhalte bestellet; und sie müssen die jungen Fürsten am Hoffe in ihren Künsten unterrichten. Sie werden auch alle in die küpffernen Zeit-Register der Svionen mit allem Fleiß aufgeschrieben / welche nicht nur wie zu Ephesus ihrem Archon / zu Sparta denen Ephoren /zu Argos den Priestern der Juno / zu Smyrna ihren Kräntze-tragenden Rathsherren / sondern dem Könige selbst zugeschrieben wurden; Welcher alleine darüber / wie der Kayser über das Hauß der Musen zu Alexandria einen Priester zu setzen Macht hat. Dahero / ob zwar die Fecht-Kunst / wegen ihrer zum Kriege dienenden Geschickligkeit bey den Griechen allen[884] andern Ubungen des Leibes vorgezogen / mit dem Nahmen der Tugend beehret / ja der Fechter Cleomedes von Aßypala und ein ander von Thasus vergöttert / und dem Apollo der Zunahme eines Fechters zugeeignet ward / wie nicht weniger zu Rom Raths-Herren / Bürgermeister / und die sich Nachkommen des Eneas rühmen / sich Fechter abzugeben nicht schämen / doch die Fechter in Norden noch in viel grössern Ehren gehalten werden / und eben so wohl als zu Rom von allen Zöllen / Steuern und bürgerlichen Verwaltungen frey sind. Nach der Zeit machte König Erich mit den Fürsten Gottwald verträuliche Freundschafft und ihm zu Liebe erzeigte er auch mir alle Gnade / ja er zohe uns beyde in seinen Kriegs-Rath / wieß und entdeckte uns alle seine Anstalten und Zurüstungen; und weil Hertzog Gottwald ohne diß mit seinem kleinen in Upsal habenden Sohne nirgends hin wuste / waren wir so viel leichter zu bereden / daß wir dem Könige versprechen gegen die wider den König Frotho und seinen Bruder Roller aufrührische Norweger und Sitonen mit in Krieg zu ziehen / nach dem Gottwald zu mahl feste beredet war / daß das Ungewitter ihn auf seinem Schiffe nicht ohne sonderbahres Verhängnüß an die Svionische Küste verschlagen / dieses aber ihn durch ein grosses Wunderwerck von der Aufopfferung erlöset hätte. Weil nun König Erich von seinem Bruder Roller neue Posten bekam / welche seinen Nothstand / und daß die Norweger mit denen an sich gehänckten Lappen und denen an der eussersten Nord-Spitze wohnenden Strick-Finnen und Biarmiern ihn auffs gefährlichste bedrängten / sich auch Nidrosiens bemächtigt hätten / berichteten / der Schweonen Sud-Völcker schon für einem Monat aufgebrochen / die Fennen aber über den Botnischen See-Busem übergesetzt hatten / brach der König mit seinem in Upland gesamleten Heere und uns gleichfalls auf. Nach dem auch der Cimbern König Frotho den König Erich vergewissern ließ / daß er aus seinen Hafen schon mit drey tausend Schiffen ausgelauffen wäre / bediente er sich vieler von seinen getreuen Lappen ihm zugebrachter Renn-Thiere / mit denen man zur Noth in vier und zwantzig Stunden hundert Meilweges fortkommen kan. Unser Zug gieng durch diese gleichsam andere Welt des grossen Scandinaviens / welches falsch für ein Eyland gehalten wird /nach Nord-West / und kam der König mit uns wohl vierzehn Tage für seinem hinter sich gelassenen Heere an der zu Musterung seiner Krieges-Heere bestimmten Norwegischen Gräntze an / wiewohl er daselbst schon funffzig tausend Gothen und so viel Lappen in Bereitschafft / und seinen Bruder in Bewahrung des Passes über das Norwegische Gebürge Sevo fand. Dieses ist wohl dreyhundert Meilen lang / und an Höhe giebt es weder den Alpen noch dem Rypheischen Gefilde nach. Nach weniger Tage-Rastung ließ Erich sein verhandenes Heer über das beschneyte und wegen steter Winde und Schnees gantz kahle / also aller Bäume mangelnde Gebürge fortrücken / welches seinem Volck so viel sauerer ankam / weil die ersten sich durch eitel Schnee und Eiß durchgraben / die folgenden aber auf einen Monat Lebens-Mittel nebst ihren schweren Waffen tragen musten. Die Lufft aber vielmahl mit so dickem Nebel verdüstert war / daß man weder den Weg erkiesen / noch weiter sehen als greiffen konte. Inzwischen folgten Erichs andere Heere / und ob uns schon das Wetter ziemlich fugte /brachten wir doch mit Ubersteigung des Gebürges drey Wochen zu / ehe das Heer in das Sitonische Gebiete übergesetzt werden konte. Wir konten uns hierüber der veränderten Gegend nicht genungsam verwundern. Denn da wir den Tag vorher auf dem Gebürge nichts als grausame Kälte empfunden / ja die schnellesten Flüsse und tieffsten Seen durch drey Ellen dickes Eiß gehemmt gesehen hatten / fanden wir die Thäler voll Graßes / welches den[885] Pferden nicht nur biß an die Bäuche gieng / sondern auf ihre hefftige Abmattung sehr gedeilich war. Denn ie weiter man gegen Mitternacht ko t / ie weniger findet man Frühling- und Herbst-Wetter / sondern es scheiden sich in wenig Tagen Winter und Sommer / eusserste Kälte und mächtige Hitze; Sintemahl in der Nord-Spitze zwar drey Monat eine einige Nacht sind / welche aber von dem hohen Mohnden und dem vielen Schnee ziemlich erleuchtet werden; so haben sie doch auch im Sommer so viel Monate steten Tag; noch länger empfindet man statt der Nacht nur einige Demmerung /also / daß die ihnen so lange scheinende Sonne nicht nur grosse Hitze / sondern auch zeitliche Reiffung der Erd-Gewächse verursacht. König Erich fand zu seiner grossen Verwunderung nirgends keinen Widerstand /da doch Harald ein Norwegischer Fürst den König Roller nach erobertem Nidrosien in dem Gebürge mit einer grossen Macht besetzt gehalten hatte / und man aus Lapland gewisse Nachricht bekam / das Egther der Biarnier / Tengill der Finnmärcker König / mit einem unzählbaren Heere / aus der eussersten Mitternacht / die Eißländer aus Thule und denen Oriadischen Eylanden aber denen Nordmännern mit mehr als tausend Schiffen waren zu Hülffe kommen. König Erich und Roller richteten mit möglichster Vorsicht /nirgends überfallen zu werden / ihren Zug gerade gegen Nidrosien zu / als in welcher Gegend auch König Frotho mit seinen Cimbern zu landen bestimmt hatte; weil zumahl alle Gefangenen einmüthig berichteten / daß Torismund / welchen die Nordmänner für ihren König an statt des seiner Strengigkeit halber verstossenen Rollers dem Harald Befehl zugeschickt hätte mit seiner gantzen Macht zu ihm zu stossen /das sie für Erichs Ankunfft den Frotho mit seinen Cimbern erdrücken möchten. Nach etlichen Tagereisen kamen wir an einen Berg / allwo auf einen kleinen Hügel eine lange Stange oben mit einer höltzernen Taube steckte. An den nahe darbey abgeschliffenen Steinfelß waren zwey einander sich umarmende Löwen / und darüber zwey Creutze / mit diesen Reymen gantz frisch eingegraben:


Für Freunde sterben ist der Freundschafft höchste Pflicht /

Das aber reicht ans Thun des hier verscharrten nicht /

Der mit dem Todten sich lebendig ließ begraben /

Als könt' er in der Welt mehr kein Vergnügen haben.


Hertzog Gottwald und ich war bekümmert über der Bedeutung; da uns denn ein Norwegischer Priester diese Auslegung machte: Die Taube wäre ein Merckmahl eines an solchem Orte liegenden liebwerthen Freundes; die Löwen tapfferer Helden / die Creutze der Unsterbligkeit / welche nirgends fester als von Nordmännern geglaubt würde / daher wäre bey ihnen niemand so undanckbar / der nicht einem verstorbenen Helden oder sonst ums gemeine Wesen wolverdienten Manne an einen Steinfelß sein Gedächtnüß einhauen liesse. Ich fragte den Priester um die Ursache der durch ein Creutz bezeichneter Unsterbligkeit /welcher mir antwortete / ob ich nicht wüste: daß das Creutz fast bey allen Völckern ein grosses Geheimnüß wäre! Die Araber drückten darmit die vier Elemente / und den Einfluß der Sternen / die Egyptier die Ewigkeit aus / nennten es ein unaussprechliches Zeichen / und schrieben es in die Hände ihres Gottes Serapis; die Svioner bildeten damit den Hammer des Gottes Thor / und die Nordmänner den sich in alle vier Theile der Welt ausbreitenden Ruhm der Tugend ab. Dieses Grabmahl aber wäre für weniger Zeit zweyen unvergleichlichen Freunden aufgerichtet worden. Nehmlich dem Aswit des Fürsten Biorno in Wick / und Asmunden des Fürsten Alff in Hetmarck Sohne. Diese zwey wären nichts minder zusammen ein Hertz als Gefärthen der Jagt und vieler Heldenthaten gewest. Nach dem nun der erste gestorben / hätte sich Asmund lebendig mit einem guten Vorrathe[886] von Lebens-Mittel in diese dem Aswit zum Grabe erkiesete Höle versperren lassen. Denen Svionen machte diese verdächtige Erzehlung Argwohn / daß die Nordmänner daselbst einige Schätze vergraben hätten; welcher sich so vielmehr vergrösserte / als sie nach hin weg geschorrener Erde und aufgehobenen breiten Steine eine überaus grosse Höle fanden. Ein junger Svionischer Edelmann Tott bot sich alsbald an / daß er sich an einem Seile in einem Korbe hinab lassen /und die Geheimnüße erkundigen wolte. Kurtz hierauf hörte man in der Höle ein Geschrey / und empfand am Seile ein Zeichen / welches zu Heraufziehung des Korbes abgeredet war. Mit diesem aber erschien ein verschimmelter / im Gesichte zerfleischter / und sonst allenthalben scheußlicher Mensch; welcher als ein vermeintes Gespenste aus Einbildung / daß der Todte lebendig worden wäre / alle Anwesende verjagte / und ob dieser zwar winckte und ruffte / sie hätten sich für ihm als einem lebendigen Menschen nichts zu befürchten / so war doch ausser uns beyden niemand ständig zu machen / biß endlich König Erich selbst hierzu kam / welchem er erzehlte: daß er der für einem Monat lebendig begrabene Asmund wäre. Erich fragte / wer ihn denn in dieser Einsamkeit der Todten so grausam verstellet hätte? Asmund antwortete: der mich im Leben mehr als sich selbst liebende Aswit hat sich in diesem Grabe / nach dem er das Pferd und den Hund / welche man hier zu Lande mit den Helden zu begraben pflegt / aufgefressen / als meinen verbittersten Todfeind erwiesen / mich meinem Bedüncken nach alle Mitternacht ich weiß nicht ob aus Hunger / oder weil den Todten die Gemeinschafft der Lebenden wie das Licht den Nacht-Eulen unerträglich ist / wie ein rasender Bär überfallen / mit seinen Nägeln und Zähnen zerfleischet / und gar das lincke Ohr abgerissen. Nach dem ich ihm aber den Kopff zerspalten / den Leib mit seinem eigenen Dolche durchstochen / habe ich zwar Ruhe vor ihm / aber keine von der bängsamen Einigkeit und verzweiffelnden Gedancken gehabt / daher ich die für meine Götter und Erlöser lebenslang verehren wil / welche diese meine Hölle eröffnet / und mich an statt dessen / der aus eben so grosser Thorheit als ich sich mehr Vergnügung bey den Todten als Lebenden eingebildet und hinunter gelassen / an das erfreuliche Tagelicht empor gezogen / und mich gleichsam von den Todten auferweckt. Jedermann fieng hierüber an zu lachen /der König aber befahl den Tott wieder empor zu ziehen / und sagte: Ich weiß nicht / welcher unter euch beyden für den grösten Thoren zu halten sey. Denn es ist ja so grosse Narrheit in der stinckenden Todten Gräbern Schätze / als aus muthwilliger Verschleuderung seines Lebens Ehre suchen. Wie es weibisch ist /wenn es die Noth erfordert / nicht sterben wollen /also ist es mehr als viehisch ihm ohne Noth und Nutzen das Leben nehmen / wenn man es dem gemeinen Wesen zum besten erhalten kan / ja ein Wahnwitz solches einem verstorbenen Freunde aufopffern / der es weder erfähret / noch dardurch wieder lebendig wird. Beyde erkeñten ihre Irrthümer / und ob wol Asmund noch so übel zugerichtet war / entschloß er sich doch nach Verbindung seiner Wunden dem Könige zu folgen und im Kriege zu dienen. Bey Verfolgung unser Reise fanden wir in dem fast alles Mannes-Volckes entblösten Lande gar keinen Widerstand / ja Nidrosien selbst war ohne Besatzung / also / daß König Roller mit seinem Vorzuge sich ohne Schwerdtschlag desselben Meister machte. Weil wir aber daselbst vernahmen / daß Torißmund unterhalb des Nidrosischen Sees in Halogien alle Kräfften zur See und zu Lande zusammen gezogen hatten; auch für selbigem Ufer die Cimbrische Seeflotte kreutzte / eilte König Erich dahin / in Meinung zwischen selbigen Seebusemen den Krieg und dessen Ausschlag in die Enge zu spannen. Wir erreichten[887] nach einer überaus beschwerlichen Reise zwar unsern Zweck / nemlich das felsichte Gestade des tiefsten Welt-Meeres / alleine der Nord-Männer Landes-Macht hatte sich zwischen denen Armen der Seebusame so vortheilhafftig gesätzt / daß wir bey Mangel der Schiffe von ihnen nur ausgelacht wurden. König Frotho schwermte mit seinen dreytausend Schiffen zwar um das Ufer / aber wegen Höhe desselbten und Mangel eines Hafens / konte er / wo wir standen / weder aussätzen / noch denen zwischen denen Felsen steckenden Schiffen der Feinde beykommen. Von dieser Schiffs-Flotte kan ich mit Warheit sagen / daß selbter gleichsam das Meer schien zu enge zu seyn / und als wenn alle Schiffs-Baumeister der Welt an selbter gearbeitet hätten. Denn hier waren zu sehen Eriotetens erfundene Schiffe mit zwey / Amimoelens mit drey / der Athenienser mit vier / Nesictons mit fünff / des Zenazoras mit sechs / Mnesigethons mit acht / und zehn / des grossen Alexanders mit vierzehn / des Ptolomeus Soters mit funfzehn / des Demetrius mit dreißig / des Philadelphus mit viertzig / des Philopators mit funfzig Ruderbäncken. Aber die meisten Schiffe waren ohne Ruder mit drey grossen Masten / oder vielmehr schwimmende Berge und Eylande / und zum theil mit langen eisernen Spitzen am Vördertheile / welche schnäbelchte Schiffe Gryphon der Scythe in dem Nord-Meere erfunden. Sintemahl die Schiffe mit Rudern denen ungeheuren Wellen dieser Meere zu schwach sind. Außer diesen Kriegs-Schiffen sahe man auch eine ziemliche Anzahl der vom Hippius Tyrius erdachten Laft- und der Salamienier Pferde Schiffe für die Reiterey. Jedes hatte auf dem Vördertheile des Schiffes ein gewisses Thier / zu seinem besonderen Zeichen; das Königliche Schiff /wie das des die Andromeda raubenden Perseus einen Wallfisch. Uber diß waren nicht nur alle Schiffe mit Wachse / Pech oder Hartzt überzogen / daß sie weder Fäule / Saltz noch Sonne so leicht beschädigen konte / sondern sie waren auch noch zierlich gemahlet. Folgenden Morgen sahen wir von unsern Felsen aus denen Norwegischen Klüfften eine unzählbare Menge Norwegischen Schiffe herfür kriechen / welche mit der am Lande gestandenen Macht wol zweyfach besätzt waren. So bald Torismund seine Schiffs-Flotte gestellet hatte / schlachtete er dem König Frotho gegen über drey gefangene edle Cimbern / dem Odin /wie Themistocles in der See-Schlacht mit den Persen des Sandauces drey gefangene Söhne / dem gütigen Thor aber / wie Mithridates für seinem Kriege wider die Römer ein weisses Pferd / stürtzte auch einen geweiheten Wagen mit vier weissen Pferden ins Meer. Ob nun wol die Nordmänner den Wind zum Vortheil hatten / wolte es ihm doch König Frotho nicht zur Schande thun mit so einer grossen Krieges-Macht zu weichen / stellte also selbte wider Wind / Wellen und Feinde in Schlacht-Ordnung. Wie es nun anfangs das schönste Schau-Spiel der Welt war zu sehen / welcher gestalt das grosse Meer mit unzählbaren Segeln sich regte / und gleichsam lebendig ward; Schiffe zusammen geflochten und mit Leder überzohen / oder wie die Böotischen von ausgehölten Bäumen gemacht waren; so eine grausame Gestalt bekam es hernach /da die Schiffe einander mit flügenden Feuern anzündeten / und auf einmahl Feuer / Wasser und Schwerdt einem jeden dreyerley Tode für Augen stellten; oder da die Schiffe sich an einander mit Hacken feste machten / und auf dem Meere ein so scharffes Gefechte als auf festem Lande anfiengen. Den halben Tag währte diese See-Schlacht / ohne daß man urtheilen konte / welchem Theile die Tugend oder das Glücke den Sieg zuwerffen würden. Denn auf der Nord-Männer Seite stand der Wind / auf der Cimbern die Tapfferkeit. Daher auch die Nord-Männer ihrem Glücke nicht trauen wolten / sondern den[888] See-Streit abbrachen / und sich auf eine starcke Meilweges weit zurück auf das hohe Meer legten. König Frotho aber /weil er wider den Wind nicht segeln konte / schickte etliche seiner künstlichen Wasser-Treter aus / welche unter dem Meere so weit schwamen / und mit einem besondern Feuer etliche der grösten Schiffe in Brand steckten / und um die andern Norwegischen anzuzünden unter Wasser die Ancker-Thauen abhieben. Dahero ich nicht weiß / ob diese Cimbern nicht so wol zu Lethra in dem Heiligthume der Hertha / als der Sciowische Scyllis und seine Tochter Cyana in dem Delphischen Tempel Ehren-Säulen verdient haben / welche letztern zwar der Sciowische Scyllis mit seiner Tochter Cyana wol achtzig Stadien weit / aber in keinem so tieffen und grausamen Meere unter Wasser schwamen / und bey stürmendem Wetter durch Zerhauung der Seile und Steuer-Ruder die Persische Flotte zernichteten. Gegen den Mittag aber sahe man aus Norden etliche hundert Biarmische und Orcadische Schiffe / welche aber klein / und auf Britannische Art meist von Schilffe mit vollem Winde gelauffen kommen; nach derer Ankunfft die wegen des Brandes sich zerstreuenden Schiffe der Nordmänner wieder zusammen zohen / und bey so vortheilhafftem Winde einen neuen Angrief thäten. Hingegen wurden die Segel der Cimbrischen Schiffe wie bey der grösten Windstille schlaff / also daß sie sich weder regen noch wenden konten / da doch die Norwegischen /Thulischen und Orcadischen Winde volle Segel behielten. Dieses erregte unter denen von ferne zuschauenden Svionen ein grosses Schrecken / welche uns versicherten / daß diese Nord-Völcker durch Zauberey gewisse Schiffe unbeweglich machen könten; worwider nichts als das monatliche Geblüte von Jungfrauen / wenn darmit Maste und Segel bestriechen würden /hülffe. Hingegen wüsten sie durch Auflösung dreyer Knoten so grausame Stürme zu erregen / daß alle Schiffe sich umkehren und zu Grunde gehen müsten. Die Cimbern thaten zwar eine geraume Zeit ihr euserstes / ihrer viel umarmten auch die Mast-Bäume /wendeten sich behende gegen das Hintertheil der Schiffe / darauf das Bild ihres Gottes Odin / wie bey andern Völckern der Isis / Minervens / Cybelens / des Apollo / Neptuns / des Castors / Pollux und anderer vermeinten Schutz-Götter aufgethürmet stand / aber endlich war doch die Zauberey ihrer vermeinten An dacht und Tapfferkeit überlegen / und muste der für Zorne schäumende König Frotho aus der Noth eine Tugend machen / und sich noch des nahen Ufers zu seinem Hafen / seiner flachen Schiffe aber zu einer Brücke ans Land zu setzen bedienen / seine Schiffe also dem Feinde und Feuer zur Beute überlassen. Bey welchem Unglücke denn noch diß das gröste Glücke war / daß König Frotho ein etwas flaches und zum Aussteigen geschicktes Ufer am Rücken und die Tieffe des Meeres zum Vortheil hatte. Denn ausser diesem wäre schwerlich ein Bein von seiner mächtigen Schiffs-Flotte entronnen; und der Nord-Welt wie denen Egyptiern / als ihr König Nectanebus durch Umdrehung gewisser Wachs-Bilder in einem mit Wasser gefüllten Becken so viel im Meere erscheinender Schiffe zu Grunde richtete / grosses Nachdencken im Kopffe geblieben: Ob das Verhängnüs sich auch zaubrischer Mittel zu Ausübung seiner Schlüsse bediene / oder ob selbtes mit der Tugend zu schwach sey einem boßhafften Hexen-Meister zu begegnen. Bey dieser Aussätzung aber stieß dem Könige Frotho die gröste Gefahr zu. Denn weil er mit seinem grossen und fürtreflich-ausgerüsteten Schiffe die andern beschirmte / und die Ehre der letzte unter den Fliehenden zu seyn behaupten wolte / ward er durch ein mit Schwefel und Pech gefülltes aber mit einer Königlichen Haupt-Fahne ausgeputztes und vergüldetes Schiff angezündet; also / daß er / welcher vorher mit so viel tausend Masten dem Meere[889] beschwer- und schrecklich war / sich eben so wie der flüchtige Xerxes mit Kummer und Noth auf einem Fischer-Kahne konte ans Land sätzen lassen. Ob nun zwar Frotho derogestalt sich und sein Kriegs-Volck mit wenigem Verluste rettete / so blieben doch seine dreytausend Schiffe / außer hundert und siebentzigen / welche sich zwischen etliche in die See vorgehende Felsen versteckten / mit einem unglaublichen Vorrathe im Stiche / daß also dieser Verlust weit über des Xerxes /welcher nur dreyzehn hundert Schiffe gegen dreyhundert und achtzig der Griechen einbißte / zu schätzen war. Nichts desto weniger meinten die Cimbern sehr viel aus diesem Schiffbruche gebracht zu haben / weil sie ein in Gestalt eines Drachen gebildetes Schiff /welches doch seines Alterthums halber nichts nütze /aber weil die Cimbern damit die gantze Erdkugel umsegelt haben solten / für ein grosses Wunder und Heiligthum gehalten ward / davon gebracht hatten. Bey welcher Bewandnüs ich mich nach der Zeit nicht wunderte / daß die Egyptier ihr aus Bintzen oder Senden und Dörnern geflochtenes Schiff / darauf sie alle Frühlinge mit einer lichten Kertze / einem Ey und Schwefel die Isis versöhneten / wie auch das absondere Sonnen-Schiff / in dessen Hinter- und Vördertheile Osiris auf einem Krokodile riett / Athen das alte Schiff des Theseus / welches sie alle Jahr nach Delos /um solch Eyland zu reinigen / absegeln liessen; wie auch das Salaminische / darauf alle Beklagte zum Gerichte fuhren; die Lemnier ihres / auf welchem wegen der Weiber wider ihre Männer verübten Grausamkeit das von Delos geholete Feuer neun Tage ausgelescht ward; die Römer das Schiff / worauf Saturnus in Italien / und das Bild der Götter-Mutter von Peßinnut /des Esculapius aus Epirus nach Rom kommen war /Antigonus das dem Apollo gewiedmete Schiff / darauf er die Ptolomeer bey Laucolla überwunden / und Sesostris sein aus Zeder-Holtz zweyhundert und achtzig Ellen lang gebautes / inwendig versilbert / auswendig vergoldetes und dem Thebanischen Gotte gewiedmetes Schiff für so grosse Heiligthümer aufhoben. Hingegen steckten die Nord-Männer auf allen Klippen Freuden-Feuer an / und feyerten nicht ebenfalls all ihr Kriegs-Volck ans Land zu sätzen. Der Cimbern Unglück aber war / daß ein langer Meer-Arm uns von ihnen und den Nord-Männern scheidete / und zum Ubersätzen weder Fahrzeug noch ander Mittel verhanden war. König Erich und Roller ließen daher ihre Kriegs-Hauffen über Hals über Kopff umb diesen See-Arm forteilen / um sich mit dem Frotho zu vereinbaren / dessen Kräfften augenscheinlich denen vom erstern Siege hochmüthig und daher tapfferern Nord-Männern / Finn-Marcken / Biarmiern und Orcadern unmöglich gewachsen seyn konten. Unter König Erichs Heere war ein Svionischer Riese Argrim / welcher niemahls im Fechten und Ringen verspielt / und deßwegen des Unüberwindlichen Nahmen erworben hatte. Dieser hatte bey Nachte denen Norwegern etliche Fischer-Kahne abgezwungen; bot sich also beym Könige Erich aus / mit hundert auserlesenen Fechtern über den See-Arm zu fahren / und dem Könige Frotho von ankommender Hülffe Nachricht zu bringen. Diese zohen Norwegische Kleider an / und weil bey Aussätzung der Feinde es ziemlich verworren hergieng /kamen sie durch das Lager der Biarmier glücklich durch / biß sie zuletzt von der Nord-Männer Vorwache erkennt und aufgehalten wurden. Aber diese hundert Svioner / derer Riesenstärcke sich durch stete Ubung mit Geschickligkeit vermählt hatte / schlugen sich durch zweytausend Nordmänner so männ- und glücklich durch / daß ihrer nicht mehr als zwey im Stiche blieben / und wenige verwundet wurden /dahingegen zweyhundert Feinde ins Graß bießen und ihrer noch mehr fast tödtlich verwundet wurden. Denn Argrims und seiner Gefärthen Streiche[890] durchdrangen alle Pantzer / zerspalteten alle Schilde / und zermalmeten alle Waffen. König Frotho war über dieser wenigen Ankunfft so sehr erfreuet / als wenn ihm König Erich ein gantzes Heer zu Hülffe geschickt hätte. Denn die Nord-Männer waren so sehr bestürtzt / als beschämt / daß eine solche hand-voll Volckes durch ihr Heer gedrungen war; die von dem unglücklichen See-Treffen erschrockenen Cimbern kriegten wieder ein Hertze / und wegen vertrösteter Ankunfft der Svioner grosse Hoffnung. Aber nachdem selbigen Tag und gantze Nacht Torismund alle seine und der Hülffs-Völcker Macht aus den Schiffen gebracht / und mit Haralds und Hilderichs zwey Heeren vereinbart hatte / rückte er ohne einige Lufft-schöpffung mit anbrechendem Tage gegen die Cimbern an / in Hoffnung eher dieser Meister zu werden / ehe die Svionen zu den Cimbern stossen könten. Frotho hätte zwar gerne die Schlacht vermieden / aber er konte auf einer Seite wegen eines steilen Gebürges / auf der andern wegen des Meeres nicht weichen / wenn er aber die dritte offene erkiesete / konte er mit leichter Müh und geringer Macht von denen erwarteten Svionen gar abgeschnitten werden. Diesem nach muste er / ob der Feind schon noch mehr als zweymahl so starck war / entschlüssen zu schlagen. Er ließ daher seine Feld-Obersten sein Heer eilends in Schlacht-Ordnung stellen; wieß selbtem am Rücken Meer und Klippen / und also bey abgeschnittener Flucht die Nothwendigkeit ritterlich zu fechten / oder zu sterben. Insonderheit hielt er ihnen ein: daß die Zauberey auf dem festen Erdbodeme keine Winde knipffen / und der / welcher sich mit so schwartzen Künsten behülffe / kein Hertze haben könte. Weil er sich aber gleichwohl so vielfältig übermannet sahe / stellte er seine Schlacht-Ordnung in einen zwischen den Klippen und dem Meere gelegenen Winckel / damit der Feind ihn nur an der Stirne antasten / und mit seinen ausgebreiteten Flügeln nicht umgeben konte. Dieser Vortheil war das einige Mittel zur Verhindernüß / daß nicht das gantze Cimbrische Heer in die Pfanne gehackt ward. Denn nach dem Torismund durch die Finnmarcken /Biarmier / Orcader und Thuler / welche Nord-Völcker kein Saltz essen / und deßwegen an Geschwindigkeit ihres gleichen nicht haben / die Cimbern neun Stunden lang abgemattet hatte / daß das dritte Theil entweder wegen empfangener Wunden oder Müdigkeit nicht mehr die Waffen halten konte / führte er / und Harald allererst die frischen Nordmänner an / welche so wohl ihrer angebohrnen Tapfferkeit halber / als weil ihr Siegs-Preiß die Freyheit / ihr Verlust die Dienstbarkeit nach sich zoh / alle eusserste Helden-Thaten ausübten. König Frotho hingegen behertzigte /daß es um sein Heer / sein Leben / seine und der Cimbern Ehre / ja wohl gar um ihr Reich zu thun wäre /und daher versprach er alle gemeine sich tapffer haltende Knechte zu Edelleuten / alle Edle zu Rittern zu machen / die Ritter mit Lehnen und Ehren-Aemptern zu versorgen / einem ieden fürs Vaterland sterbenden aber ein steinern Grabmahl mit einer ihn verewigen den Lobschrifft aufzurichten. Er selbst war auch mehr mit seinem Beyspiele als mit Worten ein Anführer der Seinigen / von denen dieselben sich für die schönsten hielten / welche für Staub und Blute unkenntlich waren. Er führte / nach der Cimbern Art / auf seinem Helme einen Löwen mit aufgesperrten Rachen / aber er war es selbst mehr im Gemüthe und an Thaten. Nach dreyen Stunden brach endlich Thorismund wie ein starcker Eber / dessen Bild seinen Helm krönte /durch die Netze durch / und brachte der Cimbern lincken Flügel in Verwirrung / nach dem dessen Häupter / Ranzau / Ahlefeld / Seestädt und Göldenstern gefallen waren / und er / welcher diesen Tag sich zum Nordischen Zepter würdig machen muste / wie ein Blitz alles / was ihm in Weg kam / zermalmete.[891] Dieses verursachte kein geringes Schrecken / weil bey den Cimbern nicht wie bey den Römern und Egyptiern der rechte / sondern der lincke Flügel eben so wohl als bey den Thebanern den Vorzug hatte / nach dem sie bey Leuctra die Spartaner mit dem lincken Flügel zu erste getrennt hatten. Daher auch die von Athen in ihrem mit den Lacädemoniern aufgerichtetem Bündnüße ihnen die Ehre vorbehielten allezeit den lincken Flügel zu führen. Frotho / welcher im Hertzen des Heeres alles ordnete / ließ den rechten Flügel unter der Auffsicht Uhlefelds / Hoegs / Munck und Rosen-Krantzes / und eilete mit hundert zu seiner Leib- Wache erwehlten Cimbrischen Rittern denen Nothleidenden zu. Des Königs Gegenwart gab nicht nur denen noch kämpffenden / sondern auch denen verzagten ein neu Hertze / wie die Sonne der etliche Monat verfinsterten Nord-Welt ein neues Leben. Die vorhin weichenden / welche die Ritter Split / Goze /Dure / Hube / Schawgard / Baggen / Rosengard / Totten / Rannow / Krimpen / Must / Griß / Normann /Brune / Laxmann / Duram / Falcken / Matre / und andere Hauptleute / kamen nun wieder zu Stande / sonderlich als sich Frotho selbst an Thorismund rieb. Jener hatte mit sich selbst schon einen Bund gemacht / auch mit seinem Tode zu bekräfftigen / daß niemand würdiger wäre / als er die streitbare Mitternacht zu beherrschen; und Thorismund hatte ein Gelübde gethan diesen Tag seinem Leben ein Ende / oder seiner Herrschafft einen ruhmwürdigen Anfang zu machen. Beyde verdienten die gantze Welt zu Zuschauern ihrer Tugend und Geschickligkeit zu haben / und ihre um sich habende Ritter fochten gegen einander so verbittert / als wenn sie alle Nordländer Volck loß zu machen sich verschworen / oder der Himmel sie als Werckzeuge zu Ausrottung des menschlichen Geschlechtes erkieset hätte. Eine Stunde und länger tauerte diese Hitze / als Ulpho mit dreyhundert aus den Nordmännischen Riesen außerlesenen Fechtern dazu kam / und des Frotho Leib-Wache grösten Theils fürnehmlich die Ritter Bodde / Poldessen / Reuter /Schwabe / Sandbarch / Gram / Lutke / Ugrup / Spegel / Bammelberg und Rosenspart aufrieb / dem Thorismund auch einen Vortheil machte / des Königs Frotho drittem Pferde an beyden Hinterschenckeln die Spann-Adern zu zerhauen / daß es mit ihm Knall und Fall zu Bodem stürtzte. Dieses verursachte bey den Cimbern ein jämmerliches Mord-Geschrey / aber statt des Schreckens einen verbitterten Vorsatz nun nicht mehr ihren König zu überleben / sondern nach ausgeübter Rache ihm ihr Blut zu opffern. Es war erbärmlich die Raserey und Zerfleischung um den gefallenen Frotho anzuschauen / indem die Nordmänner ihn zu fangen /die Cimbern besonders Gruppe / Duram / Walckendorff / Schramm / Paßberg / Below / Hardenberg und Ulstand ihn oder wenigstens seine Leiche zu retten fast übermenschliche Arbeit thäten. Diese grieffen und lieffen gleichsam blind in die schärffsten Schwerdter / in die spitzigsten Spiesse / um nur ihre Leichen zum Schilde ihres Königs an zu gewehren /und alle kriegten eine zweyfache Seele / als der verwundete Frotho unter dem Pferde und den Leichẽ wieder herfür und auf die Füsse kam. Alleine Frotho gerieth bald wieder ins Gedränge der Riesen / und wäre weder von ihm noch seiner Leib-Wache ein Gebeine davon kommen / wenn nicht zu rechter Zeit der Riese Argrim mit seinen Gefärthen Ofren / Podebußen /Uren / Blick / Galle / Faßi / Daac / Ruten / Wolde /Spar / Falster / Worm / und Bockhold darzu kommen wäre / und weil er mit seiner Streitkolbe alles zerschmetterte / die Norwegischen Riesen auch gegen ihm ohnmächtige Leute waren / den Einbruch des Feindes verhindert / und dem Könige Frotho wieder auf ein neues Pferd geholffen hätte. Weßwegen auch der König den streitbaren Argrim versicherte; daß er sich auf drey[892] ihm beliebige Ansuchungen keiner abschläglichen Antwort versehen solte. Unterdessen aber trennte Harald / nach dem Jensen / Banner /Luck / Krusen / Kwitrow / Standbeck und andere tapffere Hauptleute gefallen waren / auch den rechten Flügel / und ward das Cimbrische Heer einem allenthalben baufälligen Hause gleich / welches wegen verfaulter Schwellen und Säulen mehr keine Stütze leidet. König Frotho und Argrim eilten mit den Rittern Beck / Kragge / Achsel / Negel / Wittfeld / und Appelgard diesem Einbruche zu Hülffe / hiermit gerieth der lincke Flügel wieder in Unordnung. Mit einem Worte / alles schien nun über einen Hauffen zu gehen / Tugend und Tapfferkeit unfruchtbare Wehen zu seyn / als der Hi el / welcher ins gemein am sichtbarsten zu helffen pflegt / wenn man an allen andern Mitteln verzweiffelt / wieder aller Menschen Hoffnung sich der Cimbrischen Tugend erbarmte. Denn die aus der See sich empor-ziehenden Wolcken machten die Lufft kohlschwartz / den übrigen Tag zu Nachte / daß man gleichsam blind / ohne wenn es blitzte / einander ins Gesichte grieff / und niemand seinen Feind vom Freunde erkennen konte. Bald darauf fielen Schlossen zweymahl so groß als Tauben-Eyer / welche denen Nordmännern gerade ins Gesichte schlugen / gleich als wenn das Verhängnüß sich nunmehr selbst auf die Cimbrische Seite geschlagen hätte / und sich an den Nordmännern die vorher gegangene Zauberey abzustraffen ausgerüstet hätte. Thorismund und Harald hielten zwar diesem Ungewitter eine ziemliche weile aus / um nicht das Ansehen und die Schande der Flucht auf sich zu laden / sondern vielmehr durch ungemeine Wercke der Nordmänner Reue vorzukommen / daß sie zu ihren Häuptern wären erwehlet worden. Aber es ist mehr eine thörichte Verstockung / als Großmüthigkeit / dem Hagel die Stirne bieten / mit dem Xerxes das Meer peitschen / die Wellen fässeln /mit den Scythen dem Nord-Winde Krieg ankündigen /mit den Riesen den Himmel stürmen wollen. Denn das Ungewitter wuchs mit den Schlossen / und die Nordmänner hatten so wohl Noth als die Cimbern Zeit / sich statt feindlicher Pfeile und Schwerdter mit ihren Schilden für dem Geschooße der Wolcken zu decken. So bald dieser Sturm überhin war / ließ König Frotho ins geheim durch seine Obersten und Hauptleute den Abgang seines Volckes erkundigen /welcher sich auf dreyßig tausend belieff / und er selbst besuchte die Verwundeten / und machte Anstalt zu ihrer Verbindung / wiewohl im gantzen Heere nicht hundert Kriegs-Leute unverwundet waren / welche auch deßwegen / gleich als es ihnen eine grosse Schande wäre ohne dergleichen Ehren-Maal zu seyn /nicht wenig beschämt waren. Auf der andern Seite waren ihrer nicht weniger blieben / aber meist nur von denen in Anfange der Schlacht angefühbten Hülffs-Völckern. Diesem nach Thorismund mit anbrechendem Tage seine Biarmier / Finnmärcker und Orcader schon wieder in Schlacht-Ordnung stellte. Dieses jagte denen Cimbern ein so grosses Schrecken ein /daß König Frotho und Argrim weder mit bitten /dreuen / noch beschweren ihre vorhabende Flucht zu hindern vermocht hätte / wenn nicht Frotho durch einen falschen Boten den Cimbern weiß gemacht hätte / daß in ein oder zwey Stunden König Erich und Roller mit ihrer gantzen Reuterey auf dem Kampff-Platze stehen wolte. Hiermit liessen sie sich bereden zu stehen / und eine neue Schlacht-Ordnung zu machen. Torismund schickte hierauf einen Herold an Frotho / und ließ ihm und allen Cimbern das Leben anbieten / da sie alle sich gefangen / und Frotho für ieden Köpf ein Pfund Silber / für sich aber tausend Pfund Goldes gebẽ wolte. Alle Cimbrische Kriegs-Obersten knirschten zwar über diesem schimpflichen Vortrage mit den Zähnen / aber die gemeinen Knechte wiesen ihnen ihre verstümpelte Glieder / ihre aufgähnende[893] Wunden / und das augenscheinliche Unvermögen /dem sie so vielfach übermannenden Feinde zu begegnen. Diesem fiel endlich Rugo / ein Hauptmann bey /welcher sagte: Es liesse sich wohl prächtig hören /und wäre auch an sich selbst was grosses / fürs Vaterland sterben / aber nur so denn Lobens werth / wenn dem Vaterlande durch unsern Tod geholffen würde; Ohne dieses Absehen wäre es mehr eine tumme Raserey / hingegen rühmlicher mit denen zwischen den Caudinischen Berg-Engen eingeschlossenen Römern und dem Bürgermeister Lentulus halb nackt unter der Samniter Joch gehen / und sich vom Feinde verspotten lassen / wenn des Vaterlandes Heil nicht ehrlicher erhalten werden könte. In diesem hier eingesperrten und auf der Schwelle des Untergangs stehendem Heere aber bestünden die Kräfften / und die Wolfahrt des Cimbrischen Reiches. Daher müste man dieses mit jenem aus dem Schiffbruche retten / es geschehe gleich mit Ehre oder Schande. Bey dieser gefährlichen Verwirrung / da es weder einem noch dem andern abzulegen thulich / auch mehr auf kluges Thun als tiefsinnige Uberredung zu dencken war / machte der nicht weniger schlaue als hertzhaffte Frotho durch Ergreiffung eines rothen Schildes / welcher bey diesen Völckern ein Zeichen des Friedens ist / dem Herolde Hoffnung den Vergleich einzugehen / da Torismund die unerschwingliche Größe des Löse-Geldes mässigen / und sich mit der Helffte vergnügen wolte. Sintemahl die Würffel des Glückes noch auf dem Teppichte lägen / und Gott ins gemein die sich überhebenden Sieger zu stürtzen Lust hätte. Denn ob er zwar ehe sich würde in tausend Stücke haben zerhacken lassen / als sich durch so schändliche Kleinmuth verstellen /so hielt er es doch für einen Streich der Klugheit / und daß es der Tugend so wenig abbrüchig wäre / seine Tapfferkeit mit einer Larve der Zagheit verhüllen / als der Natur unanständig / wenn sie die reinesten Diamanten mit rauhen Schalen umgäbe. Diese im Kriege zuläßliche List / wenn man nur nicht wider gegebene Treu und Glauben handelt / gieng ihm auch durch Uberschickung dreyhundert Pfund Goldes so glücklich an / daß er darmit zwey Stunden Zeit gewaan. Denn / ob zwar ein hochmüthiger Feind sich durch Demuth nicht besänfften / noch durch Gaben sättigen läßt / sondern je mehr man ihm weicht / und nachgiebt / je mehr er uns auf die Zähen tritt / und darzu bey den Nachbarn als ein ohnmächtiger oder furchtsamer Freundschafft und Ansehen verlieret / und daher ein kluger Fürst nichts sorgsamer als seine Schwäche durch hertzhaffte Anstalten zu verdecken hat / so verstand Frotho doch gar wol / daß ihm / seinen Feind eine Zeitlang vom Leibe zu halten / offt ein unschätzbarer Gewien / und eine Stunde um tausend Pfund Goldes erkauffen / mehrmahls nicht zu theuer sey. Denn mitler Zeit ward dis / was Frotho getichtet hatte / wahr / indem sich auf dem nechsten Hügel Svionische Reiter sehen liessen / und die Ritter Brahe und Oxenstirn mit zwey tausend Pferden zu den Cimbern stiessen. Wiewol nun diese wegen Müdigkeit zum Fechten wenig geschickt waren / und die Cimbern / welche ohne diß an Reiterey den grösten Mangel liedten / ihnen mit so wenigem Volcke schlecht geholffen zu seyn / noch auch / daß die übrige Reiterey mit dem gantzen Fuß-Volcke / welches Wechsels-weise mit den Reitern die Pferde gebraucht hätte /bald dar seyn würde / glaubten; so brach doch König Frotho nunmehr seine schimpfliche Handlung glatt ab / und ließ dem Torismund bedeuten: daß er ohne verlaubten frey- und sicheren Abzug ihm für verlangtes Gold und Silber seine Heer-Spitzen zeigen wolte; hingegen beredete er seine Cimbern / daß Torismund zwar die Helffte des anfangs geforderten Löse-Geldes annehmen / aber jeder Cimber wider die Nord-Männer sein Lebtage einen Degen zu zücken schweren /der ihm nicht unterthänig bleiben wolte / ein Ohr[894] müste abschneiden lassen / um auf widrigen Fall die Meineydigen zu erkennen. Wie nun den Tag vorher sie die Einsperrung des Meeres und der Klippen zu so verzweiffelter Gegenwehr gezwungen hatte; so sehr und noch mehr verbitterte sie diesen Tag die zugemuthete Schande. Denn diese zwey Dinge sind die schärffsten Waffen / und die eussersten Wetzsteine der Tapfferkeit; welche zwey hefftigste Versuchungen des Leibes und der Seele König Frotho ihm nunmehr gewaltig nütze zu machen wuste; denn er feuerte ihre Regung durch seine Beredsamkeit zur rechten Zeit an und erzehlte; daß Claudius Pontius auf die Noth wider die unversöhnlichen Römer zu fechten nur nicht eine eitele Hoffnung des Sieges / sondern die würckliche Besiegung eines viel mächtigern Feindes gegründet / daß die eingesperrten Vejenter aus mangelnder Gelegenheit zu fliehen / den Cajus Manlius mit seinem Römischen Heere erschlagen hätten. Aller Krieg aber würde durch die Noth gerechtfertigt / und diß wären gesegnete Leute / welche nur auff heilige Waffen nicht der Feinde Gnade zu bauen hätten. Alleine die Furcht gienge nur niedrige Gemüther an / welchen von der Noth die Waffen abgenöthigt / von der Schande aber nur eine Röthe abgejagt würde. Hingegen wäre die Ehre nach ihrer Geburts-Art der Cimbern Augapffel / welchen anzurühren / weniger durch Schande versehren zu lassen / sie gantz unleidlich wären. Nunmehr aber wäre es nicht um einzeler Cimbern / sondern um des gantzen Volckes Unehre zu thun / mit welcher der hochmüthige Torismund auf einen Tag sie bebrandmahlen wolte. Alle / welche nun nicht sich des Cimbrischen Nahmens und ihrer Ahnen durch tausend Siege in die Welt ausgebreiteten Ruhmes unwürdig machen wolten / solten nun selbst urtheilen: Ob es rathsamer sey in Schande und Dienstbarkeit leben / als mit Ehren sterben? Weil alle Weisen zumahl wol verstünden; daß die unsterblichen Götter den Tod über die Menschen nicht als eine Straffe / sondern als eine Nothwendigkeit der Natur /als eine Ruh von Arbeit und Elend verhangen hätte; und ihrer viel darnach vergebens seuffzeten / was sich ihnen mit Gewalt und zu grossem Ruhme einnöthigte. Diese Rede tilgete in den Cimbern alle Empfindligkeit ihrer Wunden / verjagte aus ihren Hertzen alle Furcht / und zündete in ihnen eine solche Begierde zum Kampffe an / daß sie / welche vorher die kleinmüthigsten gewest waren / das Zeichen den Feind selbst anzugreiffen verlangten. Frotho riet selbst durch alle Hauffen seines Kriegs-Volckes / stärckte selbtes in seinem tapfferen Vorsatze / und befahl: daß / wenn er rothe Röcke auf Lantzen würde empor stecken lassen / solten sie Fuß für Fuß gegen den Feind rücken / und nur das erste Glied seine Pfeile und Geschooß abdrücken / die andern aber / biß der Feind sich verschossen hätte / zurück halten / und so denn ihr bestes thun. Wormit aber Torismund noch einige Zeit verspielen / und des Königs Frotho Absehn so viel weniger ergründen möchte; schickte ihm dieser selbst einen Herold / nebst dreyen Rittern Biorn /Strenge und Rastorp um zu vernehmen: Ob er den Cimbern einen freyen Abzug ohne Lösegeld willigen wolte. Torismund / welcher Nachricht erlangt hatte /daß König Erich durch Bestechung einiger Nordmänner einen kürtzern Weg gefunden / auch durch täg- und nächtliche Forteilung sich ihnen bereit sehr genähert hätte / ergrieff die vortheilhaffte Gelegenheit mit beyden Händen sich eines Feindes zu entbürden / um dem andern desto besser gewachsen zu seyn / weil ihn zumahl des vorigen Tages Schlacht gelehrt hatte: daß es rathsamer wäre einem behertzten Feinde zum Entkommen eine güldene Brücke zu bauen / als selbten durch derselben Abbrech- und Abschneidung der Flucht zur Verzweiffelung zu bringen. König Frotho /welcher inzwischen noch vier tausend Finnische[895] und Gothische Reiter in Rücken bekommen hatte / ließ in seinem Heere drey rothe Röcke und zugleich drey gläntzende Schilde auf Lantzen fürtragen / und rückte mit niedergeschlagenen Waffen Fuß für Fuß gegen die Nord-männer / wormit man in Nord wie bey den Indianern mit entgegen getragenen Bechern / und der auf dem Sonnen-Altare angezündeter Fackeln / bey den Griechen mit Verhüllung ihrer Häupter / oder Oelzweigen / bey den Römern mit Versteckung der Häupter unter ihre Schilde / bey den Galliern und Hispaniern mit Ausbreitung der Armen / bey den Persen mit Vortragung Brodt und Wassers / bey den Spartanern mit Niederlegung der Schilde / und Darreichung grünen Grases / oder Kräuter seine Ergebung anzudeuten pflegte. Torismund nahm diß / seiner Landes-Art nach / für ein Zeichen des Friedens und der Demütigung an; aber Frotho verstand diß nach der Auslegung anderer Völcker. Sintemahl so wohl bey den Römern / bey den Carthaginensern und Illyriern ein rother Rock / als bey den Lysandern ein aufgesteckter Schild / bey den Persern aber das in einen Chrystall verschlossene Bild der Sonne über dem Zelte des Königes das Zeichen der Schlacht war. Torismund ward über diß noch dardurch hinters Licht geführt / daß im gantzen Cimbrischen Heere Frotho weder Paucken schlagen / noch einiges Horn blasen / viel weniger nicht den Ertztenen Ochsen empor tragen ließ / welcher bey den Cimbern / wie bey den Römern anfangs ein Gebund Heu / hernach ein güldener / und unter dem Marius ein silberner Adler / bey den Persen ebenfalls ein Adler von Golde oder das ewige Feuer /bey den Atheniensern die Nacht-Eule / bey den Thebanern ein Sphynx / bey den Einwohnern des Egeischen Eylands eine Meertaube / dem Eumenes der Ceres und Alexanders Bild / dem Craterus und Neoptolemus Minerva / dem Cyrus ein güldener Hahn /dem Osiris ein Hund / dem Porus das Bild des Hercules / den Indianern Paucken und Glöcklein / den Egyptiern und Deutschen allerhand Thiere / die Kriegs-Fahnen waren. So hatten sich auch die Cimbern nicht so ausgeputzt / und gekämmet / wie sie sonst bey vorhabender Schlacht eben so wohl als die Spartaner zu thun gewohnt waren. So bald nun die Cimbern denen Nordmännern das blaue in Augen sehen konten / ergrieffen die fördersten Glieder ihre Bogen und Wurff-Spisse / und weil ieder seinen Mann wohl gefaßt hatte / fehleten wenig Schüsse. Die darüber verbitterten Nordmänner grieffen hierauff alsofort zu ihrem Geschoos / aber weil selbte mehr ihr Zorn als Vorsicht in grosser Unordnung abdrückte /hingegen die Cimbern mit ihren theils aus Baum-Rinde / theils aus Bretern wäßrichter Bäume / theils aus Wieten geflochtenen und mit Leder überzogenen Schilden sich gleich als mit einem Gewölbe überdeckten / that der ungestüme Hagel ihrer Pfeile den Cimbern wenig Schaden. Als sie sich nun verschossen hatten / überschneieten die hinteren Glieder der Cimbern sie eine gute Stunde mit ihrem Geschooß unaufhörlich / weil ein Glied das ander immer fort ablösete; so daß die Nordmänner weder die andern Waffen brauchen / noch die Kriegs-Befehlhaber ihre Untergebenen zum Gehorsam und Gefechte bringen konten. Als nun die Cimbern mit unsäglichem Schaden ihrer Feinde die Köcher geleeret hatten / grieffen sie zu den Schwerdtern und Streit-Kolben / so daß gegen dieser Zerfleischung das erste Gefechte nur ein Kinderspiel gewesen zu seyn schien. Torismund und Harald schäumten für Gri e / verfluchten nicht weniger ihre Einfalt / als die Arglist der Cimbern / dräuten den Furchtsamen / tödteten selbst etliche Flüchtigen / ermahnten die Tapfferen / und musten um die weichenden Biarmier und Finn-Märcker nur wieder in Stand zu bringen den Kern seiner Nord-Männer für sie an die Spitze stellen / da sie doch sonst[896] eben so wol als die Römer ihre ältesten Kriegs-Leute in die letzten /die Neukömmlinge aber in die ersten Glieder zu stellen pflegten. Weil aber diese feindliche Macht wol dreymal so starck als die Cimbern waren / kam es in weniger Zeit nach Verrauchung des ersten Schreckens zu einem gleichen Gefechte: Gleichwol aber ward Torismund selbst nicht wenig bestürtzt / daß sein Pferd auf gleicher Erde strauchelte / weil es sein Volck für ein böses Zeichen annam. Daher er sich gegen der Sonne wendete / und / um alles Unheil abzuwenden /sie anbetete. Wie er nun durch diesen Aberglauben alles widrige abgelehnt / ja gleichsam einen erleuchteten Verstand überkommen zu haben vermeinte / also ertheilte er seinem Heere Befehl / sich um die aus ihrer vortheilhafften Enge des vorigen Tages herfür gerückten Cimbern an beyden Flügeln auszubreiten /daß er sie mit seiner Schlacht-Ordnung wie eine Sichel umgab / und nach einer Stunde derogestalt ins Gedrange brachte / daß sie sonder Zweiffel in offene Flucht gediegen wären / wenn die vorwärts und auf beyden Seiten angegriffenen / und derogestalt einander den Rücken wendenden Cimbern / zum Fliehen Platz gehabt / oder die bey dem Kriegs-Geräthe gelassenen mit zerstreuten Haaren nicht ihnen in Rücken gekommenen Weiber sie mit jämmerlichem Geheule und empfindlichen Schandflecken zum Fechten angefrischt hätten. Sintemahl die Cimbern eben so wol als für Zeiten Bacchus / die Triballer und Persen ihre Weiber als die wehrtesten Pfänder ihrer Tapfferkeit mit sich ins Feld zu führen / und sie zu denen Kriegs-Zeichen zu stellen pflegten. Ja Frotho hatte auch der besorgten Flucht noch durch ein ander Mittel vorgebeugt / indem immer tausend und tausend mit eisernen Ketten umschlossen waren / und also keiner aus seinem Kreisse weichen konte. Alleine hierdurch ward gleichwol die Cimbrische Reiterey / welche sich nicht eines wenden konte / unbrauchbar gemacht / und weil ohne diß die keckesten und fürnemlich Bing / Wepfert / Schelen / Holcke und Friesen das Leben / die Hertzhafftigsten die Hoffnung eingebißt hatten / gieng bey nahe alle gute Anstalt verlohren / und ein und ander Theil der Schlacht-Ordnung übern hauffen / ja Frotho selbst / welcher alle Lücken mit seiner Gegenwart ergäntzen wolte / wäre durch Haralds Reiterey von seinem Heere abgeschnitten worden / wenn nicht der Riese Argrim / welcher vom Könige diesen Tag nach des Ritter Trolles Tode zum Hauptmann seiner Leibwache gemacht war / durch die brausenden Pferde und ergrimmten Feinde seinem Fürsten zu jedermanns Erstaunung einen Weg gebähnet / und zugleich die vom Könige Erich voran geschickten / und noch zur Zeit zum eusersten Stichblatte gehaltenen sechs tausend Reiter denen Nord-Männern mit grausamem Geschrey in die Seite gefallen wären / welches das Gethöne beyder streitenden Heere überschallete / und grösser war / als man von zehnmahl so viel Menschen hätte muthmaßen können / zumahl sie zugleich ihre Schilde an einander wetzten / und nicht wie die Römer aus einem gleichstimmigen; sondern wie die Deutschẽ /Gallier und Mohren aus dem allerversti testen und ungeheuersten Geschrey ihnen ein glückliches Ende der Schlacht einbildeten / und destwegen ins gemein auch der Weiber Geheule untermischten. Torismund ward durch diesen Anfall wenig bekümmert / weil die Cimbern schon derogestalt umzüngelt waren / daß ohne diß die Reiterey sie vollends zu bestreiten nicht Platz hatte / und es mit ihnen grösten theils gethan /hingegen es ihm unmöglich zu seyn schien / daß das gantze Svionische Heer und sonderlich das Fuß-Volck diesen Tag schon vorhanden seyn könte. Er sätzte daher dem Brahe und Steinbock zwölff tausend Reiter entgegen / und ließ sein halbes ohne diß zum Fechten nicht nöthiges Fuß-Volck gegen selbige Seite eine neue Schlacht-Ordnung / welche nun mit der erstern gegen die Cimbern ein Dreyeck machte /[897] stellen. Welche sich wie ein halber Mohnde krümmete / und diese hand-voll Volckes eben so wol als die Cimbern umarmet hätte / wenn nicht König Roller mit zwölfftausend Pferden / jedes mit zwey Männern besätzt ankommen wäre. Denn weil die Deutschen und andere Nordländischen Reiter allezeit ein oder zwey Bey-Pferde zu führen pflegten / daß sie bey des einen Ermüdung abwechseln konten; kam dieses zu schleuniger Beförderung des Fuß-Volckes auch hier dem Könige Roller und Erich mercklich zu statten. Dem Torismund schoß hierüber zwar das Blatt / als er nunmehr zwölfftausend neue Reiter / und eben so viel abgesprungene Fuß-Knechte gegen ihm eine neue Schlacht-Ordnung machen sahe. Aber / er verstellte diß aufs möglichste / redete seinem Volcke ein Hertze dadurch ein: daß sie zwar die von Müdigkeit schon entkräffteten Svionen zu erschlagen wenig Mühe /aber doch wegen Menge der überwundenen Feinde desto grössere Ehre erwerben würdẽ. Wiewol nun freylich diese Völcker / welche in dritten Tag weder Schlaff noch Ruhe genossen hatten / nicht wenig abgemattet waren / so munterte sie doch die Noth zu fechten / das Beyspiel ihres Königs und die Begierde zu siegen so auf; daß auch die wachsamsten Völcker die denen Deutschen und Nord-Einwohnern wegen ihrer langen Nächte beygemäßene Schlaffsucht schwerlich geglaubt hätten. Denn sie hielten auf dieser Seite die Schlacht in gleicher Wage / ungeachtet bey den Cimbern noch alles in schlechtem Zustande /König Frotho und Argrim harte verwundet / und mit dem meisten Cimbrischen Adel mehr als die Helffte des Heeres erleget war. Alleine die Ankunfft König Erichs mit dem gantzen Svion- und Gothonischen Heere versätzte augenblicks alles in einen bessern Zustand. Denn er schickte dem Könige Frotho alsbald unsern Fürsten Gottwald mit zehntausend Gothen und viertausend Finnen zu / welcher selbtem andeuten ließ: er möchte tausend oder mehr Schritte weichen /um seinen frischen Völckern Raum zum Treffen zu machen. Aber Frotho war so hertzhafft oder verzweiffelt / daß er dem Hertzoge Gottwald zu entbot: Er wolte ehe mit seinen Cimbern biß auf den letzten Mann / daß von seiner Niederlage niemand die Zeitung nach Hause bringen könte / auf der Wallstadt todt bleiben / als ihm bey ankommender Hülffe zu Schande thun / daß er einen Fußbreit dem Feinde weichen solte. Gleichwol aber suchte Gottwald durch einen Umweg ihme Gelegenheit an die die Cimbern umringende Nord-Männer zu kommen / wordurch denn jene / welche kaum mehr athemen / weniger fechten konten / alsbald Lufft schöpfften. Und war sicher diese Hülffe des Königs Frotho Errettung /welcher ihm mehr zutraute / als die Mögligkeit ihm enträumte. Sintemahl er kurtz nach seiner vermässenen Antwort vom Pferde gerennet / umringt / und schon in der Feinde Händen war / Argrim aber sonder Athem und Geist / auf der Erde mehr todt als lebendig unter den Leichen lag. Das hierüber erwachsende Jammer-Geschrey der Cimbern gab dem Hertzoge Gottwald und mir so viel mehr Sporne daselbst hin /wo der zugleich herunter gerissene küpfferne Ochse die gröste Noth andeutete / zu dringen. Da ich denn sonder Heucheley unserm Gottwald mit Wahrheit nachrühmen kan / daß die sieghafften Nord-Männer für seinen Helden-Thaten erstauneten / und der wüttende Harald durch ihn alleine gezwungen ward den gefangenen König der Cimbern fahren zu lassen um sein eigenes Leben zu beschirmen. Inzwischen rückte König Erich noch weiter als Roller fort / daß er den Nord-Männern gleichsam in Rücken kam. Daher muste Torismund dem die Cimbern drückenden Harald Befehl ertheilen zu weichen / und die Helffte seines rechten Flügels gegen die Svionen zu schicken /daß sie nicht umringt würden / und sie ihre drey Schlacht-Ordnungen an einander hencken konten. Dieses geschahe gleich[898] als die Sonne im Mittel des Himmels stand / aber es schien nun allererst der Anfang der grausamsten Schlacht / und der Himmel nur destwegen so schön zu seyn / weil es auf der Erde so heßlich hergieng / wormit die Natur nicht auf einmahl eine so greuliche Gestalt bekäme. König Erich unterließ nichts / was eines klugen und tapfferen Heerführers Ampt war / Egther der Biarmier und Tegill der Finnmärcker König machten ihm mit ihrer besondern Art Fechten zwar viel zu schaffen / indem diesen Völckern es an Kunst die Pfeile abzuschüssen kein anders zuvor thut. Und ob ihre zwar aus Mangel des Eisens nur mit Beine gespitzt / auch sehr lang und breit sind / so fahren sie doch durch die Schilde / wenn sie nicht auserlesen gut sind. Uberdiß hatten sie im Gefechte nicht festen Fuß / sondern wenn sie ihre Pfeilen oder Wurffspiße angewehret / wenden sie sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit / und / wenn sie sich aufs neue gerüstet / fallen sie den Feind wie ein Blitz wieder an. Ja sie wissen auch so gut als die flüchtigen Parthen mit ihren Pfeilen und Wurff-Spißen ihre Verfolger zu treffen. König Erich machte daher aus seiner Reiterey einen Ausschuß von denen / die am leichtesten und besten beritten waren / welche nur darauf wartete / biß sie sich wendeten / und so denn ihnen in Eisen lagen. Inzwischen gewaan er mit dem Fuß-Volcke und der schweren Reiterey allemahl ein stücke Feld; wordurch die Nordmännische Schlacht-Ordnung gantz verrückt und gekrümmet ward; ja sie wären nach einem stündlichẽ Gefechte gar in die Flucht gerathen / wenn nicht Botwild der Orcader Heerführer auf einer / und Roderich Torismunds Bruder auf der andern Seite mit zehntausend frischen Völckern sie entsätzt / und Torismund durch ein ausgesprengtes Geschrey / daß König Frotho gefangen / und ihr küpfferner Ochse erobert wäre / seinen Hülffs-Völckern neuen Muth gemacht hätte. Denn es ist unglaublich /was in einer hitzigen Schlacht eine falsche Zeitung oder andere Neuigkeit für Nachdruck und Würckung habe. Der schon in einem Flügel zertrennte Quintius erhielt durch einen ertichteten Sieg des andern Hornes nicht allein die weichenden Römern im Stande / sondern auch den völligen Sieg wider die Volsker / und mit denen für Kriegs-Leute ausgerüsteten und hinter einem Berge hervor kommenden Stall-Buben brachte Cajus Sulpitius die Gallier in die Flucht. Aber König Erichs Klugheit zernichtete bald diese Arglist / wie der König in Indien der Semiramis falsche Elefanten /derer ausgestopffte Bilder sie mit darunter verborgenen Camelen aufführte. Denn er ließ alsbald durch alle Hauffen sein Volck des widrigen versichern und warnigen: daß man im Kriege nichts dem Feinde /sondern nur seinen Häuptern glauben müste / und daß es schon ein Bekäntnüs der Schwachheit wäre / wenn man sich mit Träumen speisete / und mit Getichten behülffe. Weil nun König Erich mit der Orcadern und Eißländern im rechten / Hertzog Gottwald mit dem wilden Harald im lincken Flügel verwickelt war /sätzten in der Mitte König Roller und Torismund / als um derer Herrschafft und Krone es fürnemlich zu thun war / einander so hefftig zu / daß es schiene / es stritten nicht Menschen / sondern zwey Heere Bären mit einander. Nach dem nun ihr Kriegs-Volck etliche Stunden einander grausam zur Ader gelassen hatte /drang Torismund mit seiner aus hundert Fechtern und Riesen bestehenden Leibwache gegen Rollers blaue Haupt-Fahne / welche die Reiterey / wie die Rosen-farbene das Fuß-Volck leitete / mit allen Kräfften zu /nicht so wol sich derselben zu bemeistern / als daselbst seinen Todfeind König Rollern zu finden. So bald er auch seiner ansichtig ward / rief er ihm zu: was versteckst du dich Roller? weist du nicht / daß das Hauptwerck mich und dich angehet? meinest du /daß so viel tapffere Leute um sich unsertwegen zu erwürgen gebohren seyn? hast du die Ehrsucht über die[899] streitbaren Nord-Männer Menschen zu herrschen /must du deinen Degen nicht so feste stecken haben. Stecket aber dir angebohrne Furcht im Hertzen; warum hast du nicht für der Schlacht von einem Löwen oder Bären das Hertz gessen / oder sein Blut getruncken / um nicht so weibisch zu seyn? oder hat dich eine Zauberin eingeschläfft / so wil ich dir mit meiner Klinge die Schlaffsucht aus den Augen streichen. Halt also nur Stand / denn wenn du schon des Odin und Hadingus über das Meer lauffendes / des Bellerophon / des Marmaridius und Arnuphis durch die Lufft fliegendes Pferd / Circens und Medeens Drachen-Wagen / und des Exagonus Artzney / daß die Schlangen dich nicht stechen könten / hättest / wenn du schon von deiner Amme durch Seegen für alle Verwundung wie Hagward / oder durch Gemsen-Wurtzel wie Melappus feste gemacht / oder nur wie der von Göttern selbst gehärtete Sigtrug mit güldenen Waffen zu erlegen wärest / sollst du doch meinen Klauen nicht entrinnen. Denn glaube nur / daß meine eiserne Streit-Kolbe mehr Gewichte als des Gramus hat / ungeachtet in selbte kein Gold gegossen ist / noch eine güldene Kugel daran hängt. Der hitzige Roller dorffte keiner so schimpflichen Ausforderung / sondern war selbst begierig mit Torismunden anzubinden. Daher er denn seinem Volcke selbst befahl seinem Feinde Raum zu machen. Hierauf fielen diese zwey Könige einander so grimmig an / daß man daraus schlüssen konte: es mache nichts in der Welt keine grössere Verbitterung / als wenn man um Kron und Zepter ficht. Kein weisser Nordischer Bär / kein gelber Libyscher Löwe / kein fleckichtes Panterthier / ja keine vergiffte Schlange kan mehr Gifft und Galle auslassen / als diese zwey wüttende Kämpffer ausschüttetẽ /kein Stahl der Schilde und Harnische war ihren Schwerdtern zu harte / und kein versprietztes Blut der einander beygebrachten Wunden kühlete des andern Rache / oder hemmete ihr Gefechte. Denn sie hatten die Fühle mit dem Menschen ausgezogen. Das Kriegs-Volck vergaß / um aus Begierde den Ausschlag zu sehen / sein eigen Gefechte / und verwandelte gleichsam bey einem beliebten Stillstande von ihnen kein Auge / weniger unterstand sich jemand etwas darbey zu thun / weil die Nord-Völcker ein uraltes Gesätze haben: daß in einen Zweykampff sich niemand mischen / noch wider den Hercules selbst ihrer zwey fechten sollen. Endlich stürtzte Rollers Pferd; welches Unglück ihm Torismund durch einen geschwinden Streich / wormit er Rollern den Kopff zerspaltete / meisterlich zu nütze machte. Torismund fieng hierauf an zu schreyen oder vielmehr zu brüllen: Sieg / Sieg / Sieg. Ergebet euch / leget eure Waffen nieder / denn keinem Ungewaffneten soll kein Haar gekrimmet werden. Aber die auf Rollers Seite stehenden Norweger und Gothen wurden durch ihres Königes Fall mehr ergrimmet / als kleinmüthig / daher sie durch ein ungeheures Geschrey einander zur Rache aufmunterten / und sich als träge Zuschauer ihres ermordeten Königs verurtheilten / daß sie sonst in ihren Häusern wie die Füchse in ihren Löchern verbrennet zu werden verdienten / welches in Mitternacht für die gröste Schande gehalten wird. Diesemnach begonte allhier das Gefechte viel grimmiger als zuvor / und muste der Ritter Goldenstirna Rollers Stelle vertreten / dessen Leiche auf einen erhobenen Stuhl gesätzt ward / um das Kriegs-Volck durch diß erbärmliche Schauspiel so viel rachgieriger zu machen. König Erich hatte inzwischen die Biarmier / Finn-Märcker /Orcader und die Eißländer aus Thule / welche alle mit weissen Bären-Häuten bedeckt waren / biß an den Seebusem getrieben / als er von seines Bruders Tode die betrübte Zeitung bekam; daher ließ er den Oxenstirn und Bannier hier das Spiel ausmachen / weil zumahl die Feinde sich schon auf ihre Schiffe zu flüchten anfiengen.[900] Er aber eilte mit fünfhundert Edelleuten dem mitleren Leibe ihres Heeres zu / und ließ ihm noch dreytausend auserlesene Svioner folgen. Wie er es nun daselbst in besserem Zustande fand / als er besorgt hatte / trachtete er nur sich an Torismund zu reiben / welcher auch leicht zu erkiesen war / weil er wegen seiner Größe und hohen Pferdes mit seinem Kopffe über alle Nordländer vorragte / und daher diesem falschen Könige kein geringer Ansehn machte /als der falsche Philipp unter den Macedoniern hatte. Sintemal die euserliche Gestalt ein grosses Gewichte der Hoheit des Gebitters beylegt / und daher nicht ohne Ursache in Mohrenland der gröste / und zu Meroe der schönste zum Könige erhoben wird. Wie nun den König Erich die Rachgier an Torismund zu kommen reitzte / westwegen er auch um desto gewisser erkennt zu werden sein vom Helme entblöstes Haupt zeigte / also verleitete diesen der Hochmuth /so bald er die Svionische Haupt-Fahne mit drey Kronen als ein Zeichen des anwesenden Königs flügen sahe / auf Erichen mit gröster Ungestüme loßzugehen. Aber Torismund hatte mit ihm kaum angebunden / als er erfuhr: daß nicht Riesen-Stärcke sondern geschickte Tapfferkeit den Meister spielte / und in einer Mutter Schoos zweyerley Kinder empfangen werden könten. Denn ob zwar König Roller ein nicht gemeiner Fürst / auch mehr durch den Fehler des Pferdes als den eigenen geblieben war / so war doch zwischen ihm und dem Könige Erich ein so grosser Unterscheid als zwischen einem rechten und einem Stein-Adler. Hierzu kam / daß Torismund schon von Rollern hefftig verwundet war / und mit seiner Verblutung viel Lebens-Geister verlohren hatte / daher ihn mehr seine aus dem Glücke erwachsende Vermässenheit als die Vernunfft in andern Zweykampff verleitete / darinnen er durch seinen Sieg / wie jener durch einen Zufall umkam. Denn König Erich sätzte dem sich wie eine Schlange windenden Torismund auf allen Seiten wie ein geschwinder Falcke zu / und hieb ihm nach weniger Gefechte durch einen so glück- als künstlichen Streich seinen Kopff von den Achseln; entband ihn also seines hochmüthigẽ Gelübdes / daß er seine geröthete Haare und Bart ihm nicht ehe als nach Erlegung Rollers / Erichs und des Frotho abnehmen lassen wolte. Mit Torismunds Kopffe entfiel den Nordmännern zugleich das Hertze / welche / für wen sie mehr fechten solten / mit einander nicht eines waren. So ein grosser Unterscheid ist es / wenn ein rechtmässiger König / oder ein Rädelsführer der Aufrührer fällt. Denn dort ist der Erbe allezeit gewiß / hier aber wird die Herrschafft zu einem Zanck-Apffel / und die ihres Hauptes entblöste Glieder verfallen in Furcht und Zittern. König Erich ließ alsbald zu desto grösserm Schrecken der Feinde Torismunds Kopff auf eine lange Stange spissen / für welchem sie nunmehr als einem Scheusal flohen / den sie kurtz vorher als ihren Abgott in Himmel gehoben / und ihm mehr edles Blut als einem ihrer Götter geopffert hatten. Eben dieses Unglücke betraff kurtz darauf den ungeheuren Harald / welchem / weil er in der Herrschafft Torismunds Gefärthe seyn solte / durchs Verhängnüß auch einerley Todt bestimmt war. Denn Hertzog Gottwald gerieth mit diesem Riesen gleicher Gestalt in Zweykampff / welcher mit seiner Stärcke allen in der Welt überlegen zu seyn glaubte / auch mit seinem stählernen Wurffspisse / welchen er mit denen ihm an Arm gebundenen Riemen allezeit zurück ziehen konte / in dieser Schlacht über funffzig Cimbern und Gothen getödtet hatte. Dieses mördliche Gewehre aber ward endlich der Werckzeug seines eigenen Todes. Denn als er solches sehr tieff in den stählernen Schild des Hertzog Gottwalds geworffen hatte / daß er es nicht wieder heraus ziehen konte / eilte dieser wie ein Blitz auf ihn zu / und versätzte ihm mit seinem Schwerdte zwischen den Helm und den Pantzer einen so tieffen Streich in Hals / daß[901] Kopff und Leib nur mit weniger Haut an einander hencken blieben. Die Gothen schnitten den Kopff bald vollends ab / und steckten ihn auf einen nicht kürtzern Spiß. Hiermit giengen alle Glieder der Feinde vollends über einen Hauffen / und war gleichsam mit einer Hand alles gethan / so daß es fast keines Fechtens mehr bedorffte. Die noch übrigen Kriegshäupter mühten sich zwar sie dort und dar wieder zu ergäntzen / und ihnen einzuhalten / daß er die gröste Thorheit wäre in der Flucht sein Heil zu suchen / in welcher weniger entkämen /als fechtende blieben / weil aber allen die Hoffnung zu siegen / den meisten der Muth entfallen war / war alle Anstalt vergebens. Etliche Hauffen warffen auf der Stelle das Gewehre weg / und baten mit gewundenen Händen um Genade. Ob auch wohl das Fliehen bey den Nordmännern halßbrüchiger als beyn Römern war / hielten es doch die meisten mehr für kein Laster / und außer wenig Hauptleuten und Geschlechtern /welche dem Torismund oder Harald mit Blutfreundschafft zugethan waren / wolte niemand diese Schande durch einen ehrlichen Tod verhüten / ungeachtet sie wegen des sie umgebenden Meeres nirgends hin zu fliehen wusten. Denn die Furcht ist allemahl unbedachtsam / wie die Hertzhafftigkeit vorsichtig. Durch die Flucht derer / welche der Gefahr am nechsten waren / wurden auch die angesteckt und mit fortgerissen / welche gleich noch im Hinterhalte zur Hülffe bestellt und fertig waren. Alleine das Schrecken / welches der Flucht Ursache war / war auch derselben Hindernüß / weil ein ieder der erste seyn wolte / und also sich einer in andern verwickelte. Hingegen verfolgte König Erich und Hertzog Gottwald die Feinde klüger / als begierig / liessen also nichts feindliches hinter sich oder auf der Seite / sondern die sich ergebenden ließen sie entwaffnet in Verwahrung nehmen; Denn sie wusten wohl / daß das Meer ihrer Flucht schon selbst einen Riegel fürschieben würde. Endlich geriethen die flüchtigen Nordmänner denen Biarmiern / Finnmärckern und Orcadern / welche sich zu denen Schiffen drängten / selbst in die Haare / welches das eusserste Unglück dieser Bundgenossen / und die schönste Lust der Svioner / Gothen und Cimbern war. Diese letzten aber hätten bey nahe das Spiel verderbt. Denn weil sie dieser Sieg so viel Schweiß und Blut gekostet hatte / schenckten sie keinem sich Ergebenden das Leben / und waren ihre abgemattete und verwundete Glieder zum verfolgen und tödten unermüdlich; da doch die von vielen Bissen abgeschliffenen Zähne der Schlangen zu letzte nicht mehr schaden können. Es war nicht genung: daß sie aus ihren Leichen Brücken über die Graben machten / sondern sie änderten auch nunmehr ihre Losung / und brauchten dazu die Worte: Kein Gebeine soll von Nordmännern davon kommen. Weil nun die wenigen Schiffe von Biarmiern und Finnmärckern angefüllt waren / und beyde Könige damit über den Seebusem setzten / die Nordmänner also im Meere ersauffen oder von Cimbrischen Waffen sterben solten / ruffte Torismunds Bruder: Wenn wir ja sterben müssen / solasset uns nicht wie das tu e Vieh ungerochen abschlachten. Hiermit warff er einem Cimbrischen Hauptmanne einen Spiß durch die Brust. Allen Nordmännern war diß ein Zeichen wieder zu den Waffen zu greiffen /welches sie denn auch mit einer solchen Raserey thaten / daß die / welche vorher ihre Waffen weggeworffen hatten / ihren Feind wie Hunde mit den Zähnen antasteten / und mit den Fingern die Augen ausgruben. Wie nun nichts grimmiger ist / als eine Rache /welche bald ausleschen soll / also ist nichts gefährlicher / als die antasten / welche sterben müssen / und gleichsam schon mit dem Tode ringen / oder keine Pforte zum entrinnen offen finden. Denn die Cimbern geriethen hierüber in die Flucht / und die flüchtigen Nordländer wurden ihre Verfolger. König Erich aber kam[902] mit seiner Reuterey ihnen bald zu Hülffe / verwieß denen Cimbrischen Hauptleuten ihren zweyfachen Fehler / daß sie nemlich ihre gute Sache mit Grausamkeit verderbt / und durch hartneckichte Verfolgung eines verzweiffelten Feindes den eroberten Sieg in Gefahr gesätzt hätten. Themistocles hätte nach gehaltener grossen See-Schlacht den flüchtigen Xerxes selbst gewarnigt / daß die Griechen seine bey Abydes über den Hellespont geschlagene Schiff-Brücke zerdrümmern / also ihm die Rückkehrung abschneiden wolten / damit seine Verzweifelung nicht die noch viel stärckern Persen zur Gegenwehr und der Griechen Sieg zu verterben anreitzen möchte. Und sie wolten den sich demüthigenden Feind zur Wiedersetzung zwingen! denen Nordmännern aber versprach er das Leben / da sie alsbald die Waffen niederlegten /und Torismunds Bruder als ein Haupt der Aufwiegler heraus gäben. Sein Wort / und ihr Thun war eines /aber Roderich fiel selbst in sein Schwerdt / benahm also den Siegern die Lust an seiner Straffe oder Verzeihung. Der Sieg beschloß sich mit dem Tage / welcher wegen so unzählbarer Todes-Verstellungen mehr den Nahmen einer Nacht verdiente. Hingegen gieng noch etlichen zwantzig tausend Gefangenen mit anbrechender Finsternüs durch König Erichs Begnadigung das Lebens-Licht auf / und statt der etliche Stunden für Abend Wasser-ziehenden Sonne / damit sie vielleicht mehr als hundert tausend Tode beweinen könte / gieng der Mohnde nun wie reines Silber auf. Alle drey Heere übernachteten auf der Wallstadt / und machten sich mit denen im Nordmännischen Lager und etlichen Schiffen gefundenen Lebens-Mitteln lustig. König Erich / und Gottwald suchten den verwundeten und vom verblutten ziemlich matten König Frotho unter einem schlechten Zelte heim / welcher neben dem übel beschädigten Argrim zwar den Verlust seines Heeres / von dem nicht das drittel übrig war / beklagte / aber sich doch mit dem blutigen Siege / welcher dem Sieger für den Besiegten sich wie die Mauß aus dem Peche arbeitenden wenigen Vortheil oder Ursache zur Freude gab / vergnügen / und beyde für so treue Hülffe dancken muste. Auf den Morgen schleppte das Kriegs-Volck die Leiche der Feinde zusammen / und bauten daraus um ihren Sieg zu vergrössern hohe Berge; ihre meiste Todten aber hatten sie des Nachts in aller Stille begraben. König Erich aber ließ gegen Abende auch diese ins gesamt ausser denen dreyen zu Trinck-Geschirren vorbehaltenen Köpffen des Torismund / Haralds und Roderichs beerdigen /weil diese Völcker eine Abscheu haben Leichen den Raub-Vögeln zur Speise zu lassen. Denen vornehmsten Cimbern / Svionen und Gothen aber richtete er steinerne Begräbnüßmaale / und seinem Bruder Roller eines von hundert steinernen Säulen und vielen Lobschrifften auf. Ob nun zwar dieser Sieg so groß war / daß die Nordmänner selbst gestunden / es wäre das fünffte Theil der streitbaren Mannschafft aus ihrem gantzen Volcke erlegt oder gefangen worden /so hatten doch auch die Uberwinder / sonderlich aber die Cimbern darbey nicht Seide gesponnen. Gleichwohl lieff die Zeitung hiervon nicht so geschwinde durch Norwegen / als sich alles zu König Erichs und Frotho Füssen demüthigte / welche dieses Reich mit einander gleichsam brüderlich theilten / von welchem das Nordliche Theil dem Svionischen / das Sudliche dem Cimbrischen Reiche zufiel. Argrim forderte nunmehr vom Könige Frotho / dem er zweymahl das Leben erhalten hatte / sein Versprechen / und zwar seine Tochter Osura; welcher sie ihm auch iedoch mit dem Gedinge versprach / da er das erlittene Unrecht vorher an den entflohenen Königen der Biarmier und Finnmärcker gerochen haben würde. Argrim übernahm dieses Bedinge / und weil mit Norwegen alle Schiffe / ausser die / mit welchen sich die über[903] den Seebusem entkommenen Orcader und Eißländer geflüchtet / in der Sieger Hände kamen / gaben ihm beyde Könige dreyßig tausend Kriegs-Leute / davon er das Fuß-Volck zu Schiffe sätzte / mit der Reuterey aber zu Lande durch Hologien und das Trondanische Gebiete in die Finnmarck / Strick-Finnland und Biarmien einfiel. Weil nun Hertzog Gottwald vom Könige Erich und Frotho seiner grossen Heldenthaten halber überaus hoch geschätzt und gewisser Hülffe wider den König Marbod und Marmelinen vertröstet ward /und er daher mit dem Könige Erich wieder nach Upsal reisete / der Hülffe daselbst zu erwarten; trieb mich der Vorwitz mit dem Argrim die eussersten Nordländer zu besehen / und mit ihm alldar mein Heil zu versuchen. Aber weder Argrims noch meine Verrichtungen dienen zum Lebens-Lauffe des Fürsten Gottwald. Dieses allein habe ich mit wenigen Worten zu melden / daß ob wir zwar unsere Waffen biß an das eusserste Nordhaupt / wo der Angelstern drey und siebenzig Staffeln über der Erden Fläche stehet / und zum weissen Meere an Scythien geführet / ich weder einige mit Vögeln streitende Zwerge / noch Cyclopen und Menschen mit Hunds-Köpffen / wie ins gemein getichtet wird / sondern Leute durchgehends dreyer Ellen hoch / mit was grossen Häuptern / breiten Stirnen / blauen Augen / kurtzen Nasen / langen Kinnen /dinnen Bärten / und etwas gebückt gehende / iedoch geschickt und geschwinde / die Weiber auch weiß und roth / schön / geschlanck / und sehr fruchtbar angetroffen. Sie sind wolthätig / gastfrey / hassen den Ehebruch als das gröste Laster / aber darbey argwöhnisch / aberglaubisch / und Zauberer. Sie beten die Sonne an / und den Gott Thor / dem sie Renn-Thiere schlachten / mit derer Blute und Unschlitt sie sein mit zwölff Edelgesteinen gekröntes Bild einschmieren /die Hörner und Gebeine ihm zu Ehren aufrichten und darum rothe Fädeme mit Zien oder Silber winden. Ihr gemeinstes Handwerck ist die Jagt und das Fischen /ohne welches sie erhungern müsten. Gleichwol aber sätzen sie ausser der eussersten Noth keinen Fuß über ihre Gräntzen / geben also ein kräfftiges Zeugnüs für die Gewalt der Vaterlands-Liebe ab / welche so wenig in diesen Eißländern erfrieret / als bey den Schwartzen zerschmeltzet. Die schnellen Füsse der Renn-Thiere / die geschwinden Flügel der Eiß-Vögel sind ihnen vergebene Mittel sich dieser kalten und finstern Welt zu enteussern; und das Geflügel / welches gleich auf eine zeitlang sich entfernet / vergißt oder verlernet doch nicht auf die ungeheuersten Klippen in sein mütterliches Nest wieder zu kehren. Ungeachtet nun diese Völcker furchtsam sind / und die Kälte alle Hertzhafftigkeit mit den Geistern in ihnen erstecket / so machten sie doch dem Argrim in ihrem Schnee- und steinichten Lande / da sie alle Schliche wusten / und sich bald in ihre Berghölen versteckten / bald aus selbten uns unversehns überfielen / mehr zu schaffen / als er ihm hatte träumen lassen. Denn wir wurden von ihnen zweymahl geschlagen. Also machet der öfftere Gebrauch der Waffen auch die ungeschickten fertig / und die Liebe der Freyheit die Verzagten hertzhafft. Nach dem aber auf König Erichs Befehl die ihm unterthänigen Lappen auch in Biarmien einfielen / und sich unsere Feinde theilen musten / erlitten sie vom Argrim /welcher den König Egther im Zweykampffe erlegte /eine solche Niederlage / daß sie sich nicht erholen konten / sondern sich nur der Gnade des Uberwinders unterwerffen / und ieder Einwohner ein Fell von einem wilden Thiere zur jährlichen Schatzung abzuliefern angeloben muste. Wir brachten damit gleichwohl anderthalb Jahr zu / und weil mir Hertzog Gottwald zu wissen machte / daß er nach verlohrner Hoffnung einiger Hülffe mit seinem Sohne sich nach Lethra an den Cimbrischen Hoff / welch prächtiges Schloß König Rolro gebaut / verfüget hätte / segelte ich[904] mit dem tapffern Argrim geraden Weges nach dem grossen Cimbrischen Eylande Seeland zu; Bey welchem sich das grosse Welt-Meer durch eine tieffe Enge in die Baltische See ausgeust. Unterweges besahen wir von ferne / wiewohl mit Furcht und Zittern /den an der Norwegischen Küste gelegenen Meelstrom; oder vielmehr den grausamen und grösten Strudel in der Welt / welcher um einen hohen Felsen dreyzehn Meilweges im Umkreiße einen Wirbel macht / die grösten Schiffe und Wallfische sechs Stunden lang verschlinget / die sechs folgenden aber alles wieder ausspeyet. Von diesem berichten die Einwohner der dabey liegenden Eylande / daß das grosse Meer durch unterirrdische Gänge mit dem Botnischen Seebusem vereinbart wäre / welcher zu der Zeit / als jener einschlünge / ausgüsse / hingegen einschlünge /wenn jener ausgüsse. Wir kamen nach Wunsch zu Lethra an / und König Frotho vermählte mit grossem Gepränge und Frolocken seine Tochter Osura dem sieghafften Argrim. Hertzog Gottwald ward an diesem Hofe nicht weniger als am Svionischen mit vielen Hülffs-Vertröstungen gespeiset / aber er befand endlich / daß eben so wol seine als andere dem gemeinen Wesen erwiesene Wolthaten zwar Häuser mit prächtigen Stirnen wären / aber viel Winckel und Eitelkeiten in sich hätten. Denn der kalte Brand des schändlichen Eigennutzes hatte in diesen frostigen Ländern eben so wol als in wärmern die Gemüther der Fürsten eingenommen / daß alles Andencken gröster Verdienste darinnen erkaltete. So wohl Frotho als Erich thaten lieber vielen Leuten wohl / nach ihrer Einbildung / als einem nach seinen Verdiensten; vielleicht / weil sie im ersten ihre Macht bezeugten / im andern ihre Schuldigkeit bekennten. Wiewohl hieran nicht so wohl die zwey Könige selbst als ihre Staats-Diener Schuld zu haben schienen. Sintemahl das meist allen Fürsten gemeine Elend auch allhier Bürger-Recht gewonnen hatte / daß ihre Gemüther sich nicht über das Hefft ihrer Diener erstreckte / sondern sie denen / welchen sie mit Ehren zu gebieten hatten / zu gehorsamen für keine Schande achteten. Die Svionischen Räthe erweckten dem Könige Erich allerhand Mißtrauen gegen dem Frotho. Um welche kleine Insel die Cimbern und Svionen mehrmahls / wie die von Athen und Megara um Salamine biß aufs erste Verderben gestritten hatten. Sie nennten es also eine Grausamkeit /wenn ein Fürst ihm sein eigenes Fett ausschnitte einen andern damit zu mästen / als wenn dieser nach Gottland strebete. Und diesen verhetzten die Seinigen zu einem Kriege wider die Orcader / Eißländer und Hibernier als Gehülffen der aufrührischen Nordmänner an. Sintemahl man ehe seine eigene als frembde Beleidigungen rächen müste. Uberdiß befiel um selbige Zeit die gantze Welt eine allgemeine Begierde des Friedens / wie das Meer eine Windstille / daß es schien / als wenn allen Fürsten ihre Degen in den Scheiden angefroren wären / oder wenn das güttige Verhängnüs selbst allen Völckern einen Stillstand der Waffen geboten hätte; zumahl da bey dieser allgemeinen Ruh der Welt die Sternseher alleine in Ergründung der Ursache im Himmel unruhig waren / aber keinen so kräfftigen Einfluß des Gestirnes finden konten / sondern ihre Unwissenheit / und eine übernatürliche Ursache zugestehen musten. Mit einem Wort: man gab dem so hochverdienten Hertzoge Gottwald gute Worte ohne einige Würckligkeit / damit sich alleine Kinder und Thoren abspeisen lassen / daher ihn endlich die Ungedult überlief / so daß er mir befahl das erste nach der Trave oder Elbe gehende Schiff für uns zu bedingen. Denn er war viel zu großmüthig /daß er um diß / was er vielfach verdient hatte / betteln solte; sagte auch mehrmahls: daß ein Weiser und Hertzhaffter keines andern bedörffte. Ja ich kan ihm mit Wahrheit nachrühmen:[905] daß seine Tugend recht der Sonne und den höchsten Sternen gleichte / welche zwischen denen Gewölcken viel grösser / als bey gantz heuterem Himmel erscheinen. Hertzog Ariovist / welcher in einem nicht ferne von dem Garten gelegenen Lust-Walde zwischen dreyen rauschenden Qvellen eine köstliche Mahlzeit hatte bereiten lassen /fiel Döhnhofen ein / und sagte: Ich höre wol / wir werden mit unserm Hertzoge Gottwald noch eine ziemliche Reise zu thun haben / welche wir heute schwerlich vollenden können. Daher wird wol nöthig seyn sie bis Morgen zu verschüben / und biß wir vorher so viel Beschwerligkeiten dieses mehren Glückswürdigen Fürstens mit einer wenigen Erfrischung werden versüsset haben. Die Fürstin Zirolane und ihr Bruder wolten sich von der Gesellschafft ausschlüssen / aber Ariovist beklagte sich / daß ihr Abgang ein grosser Abbruch aller Vergnügung / die Einsamkeit aber mehr eine Vergrösserung als Artzney ihres Leides seyn würde / wormit den Lebenden nur geschadet / den Todten nichts geholffen würde. Westwegen die behertzten Deutschen auch am weiblichen Geschlechte die Beklagung der Todten geunbilliget hätten. Einem Manne diente zu Vertreibung seiner Traurigkeit nichts besser / als der Krieg / einem Frauenzimmer die Gesellschafft. Thußnelde und Agrippine lagen auch selbst Zirolanen beweglich an / daß sie sich nicht ihrer Gemeinschafft entschlagen / noch dem Kummer so viel enthängen solte. Worbey derselbe Griechische Weltweise / welchen Ariovist bey sich unterhielt / versicherte / daß Zirolane am bestimmten Orte ein heilsames Mittel für ihre zwar unscheltbare aber auch unfruchtbare Bekümmernüs finden würde. Ob nun wol Zirolane vorschützte: daß ihr als einer Deutschen zwar Thränen und Wehklagen zeitlich abzulegen angebohren wäre / würde sie doch mit ihrem traurigen Antlitze und wehmüthigen Sti e ihnen alle Lust verterben; so ließen sie doch nicht ab / biß Zirolane Gesellschafft zu leisten willigte / und Ehrenfried muste ohne diß Ariovisten gehorsamen. Sie fuhren also zusammen dahin. Bey dem Eingange des Waldes begegnete ihnen der Waldgott Pan und seine Satyren mit grosser Ehrerbietung / begleiteten sie auch mit ihren siebenröhrichten Pfeiffen / Böcken und Hümmelchen biß an das von Laub und Blumen bereitete Zelt. Unterwegens fragte Thußnelde; warum man dieses Gethöne denen Waldgöttern zueignete? Agrippine meldete: Ihrem Bedüncken nach geschehe es darum /weil nicht nur bey den Griechen Pan für den Erfinder der ersten Pfeiffen und der vom Mercur gebrauchten Leyer / Apollo als ein Hirte des Admetus für den Fürsten der Säitenspiele; sondern auch Terambus für den Urheber der Hirten-Lieder gehalten würde. Bey dem Zelte / welches in zwölff runde Zimmer abgetheilet war / und in der Mitte einen grossen Speise-Saal hatte / begegnete ihnen Apollo mit den neun Musen / welche in alle Arten der Säitenspiele vielerley Lob-Lieder des anwesenden Frauenzimmers / fürnemlich aber Zirolanens sangen / worzu die auf beyden Seiten rauschenden Bäche und die gleichsam eyversüchtigen Vögel mit voller Kehle einspieleten. Die Satyren bereiteten die Taffel / und versorgten selbte mit den seltzamsten Speisen / damit sich nicht nur Deutschland /sondern auch frembde Länder sehen lassen. Mit einem Worte / es mangelte hier nichts / was eine so vornehme Gesellschafft von einem so grossen Fürsten /als Ariovist war / auch in seinem Hofflager hätte verlangen können. Weil aber Zirolane stets in einem traurig blieb / vergaß Ariovist keine Erfindungen ihren Geist zu ermuntern. Daher auch Thußnelde den Griechschen Weisen seiner Versicherung erinnerte /daß er durch das versprochene Mittel nunmehr Zirolanens Schwermuth abhelffen solte. Dieser war hierauf emsig beschäfftigt / durch annehmlichste Abwechselung des Singens und der Säitenspiele / Zirolanen[906] aufzuwecken / welche aber beständig ihre traurige Gebehrdung behielt; also daß er endlich sich heraus ließ / ihm wäre noch nie kein Mensch von solcher Unempfindligkeit für Augen kommen. Sintemahl Singen und Säitenspiele sonst eine so grosse Krafft nicht nur über den Leib und die Seele des Menschen / sondern auch über Thiere und Pflantzen / ja so gar über unbeseelte Steine / und Orpheus durch seine Leyer Tyger und Löwen gezähmet / Amphion die Fische bezaubert /und an den Thebanischen Mauern die Steine rege gemacht haben solte. Wenn aber auch diß gleich in einem verblümten Verstande zu verstehen wäre /könte doch nicht geleugnet werden / daß Clinias durch die Leyer seinen Zorn / Achilles seinen Unwillen / Pythagoras durch die Laute / alle hefftige Gemüths-Regungen gestillet / ja dieser durch die Flöte einen entrüsteten Jüngling von Anzündung eines Hauses / Empedocles mit der Cyther einen andern vom Mordt / Asclepiades und der desthalben auf des wahrsagenden Apollo Befehl aus Lesbos nach Sparta geholete Terpander / den Pöfel vom Aufstande abgehalten / hingegen Timotheus Alexandern mit seiner Pfeiffe zum Grimm / die Spartaner ihre Bürger wider die Feinde angefrischt hätten. Daher denn fast niemand zweiffelte / daß durch eine so süsse Regung der Hochmuth gedämpft / die Grausamkeit gemiltert / die Schlaffsucht aufgeweckt / die Wachsamkeit beruhigt /die Geilheit gestillet / dem Hasse gesteuert / und insonderheit die Traurigkeit aus dem menschlichen Hertzen verjaget würde. Zirolane aber begegnete ihm: Sie wäre zu wenig von andern Würckungen zu urtheilen; bey ihr aber hätte diese Lust eine Eigenschafft des Erdsafftes. Denn wie dieser in den Wurtzeln der Pflantzen ihre Farben und Eigenschafften annähme /also hätten Säitenspiele in ihrem Gemüthe allezeit die Art / daß sie ihre Freude und ihr Trauren nur häufften. Sie bildete ihr auch nicht ein / daß sie die einige wäre / bey welcher diese Ergötzligkeit eine so widrige Würckung hätte. Denn sonst würden so viel Völcker sie nicht zu ihren Begräbnüssen brauchen. Der Grieche fiel ein: weil Singen und Säitenspiele eine Gewalt über alle Gemüths-Regungen hätten / wäre unläugbar / daß sie auch die Frölichen betrübt und die Traurigen trauriger machen könten. Sie heuchelte so wol unser Wehmuth / als sie unser Freudigkeit liebkosete; sie richtete sich nicht weniger nach den Krancken als Gesunden / um sich durch ihre Süßigkeit zum Meister aller Gemüther zu machen. Alleine es wäre damit beschaffen / wie mit Gewächsen / an denen ein Theil der Frucht reinigte / das andere stopffte / an einem der Safft gifftig / der Kern heilsam wäre. Nicht anders leitete ein trauriges Lied zur Traurigkeit / ein freudiges zur Freude an. Die Erfahrung wäre hierinnen selbst Vorredner; und wer wolte daran zweiffeln / da Säitenspiele über den Leib eine so sichtbare Gewalt hätten /indem dadurch vom Arion und Terpander die Jonier und Lesbier von der hinfallenden Sucht / vom Ismenias die Beotier am Hufweh / vom Theophrastus die Schlangenbisse / vom Asclepiades die Unsinnigkeit und Taubheit / vom Ulysses die Blutstürtzung der Wunden / vom Thales die Pest / von andern andere Kranckheiten geheilet worden wären. Und es wäre unläugbar / daß die von Tarantulen verletzte Menschen durch nichts als Säitenspiele geheilet werden könten. Welches so viel weniger zu verwundern / weil die Kranckheit nichts anders als eine Verstimmung des menschlichen Leibes wäre. Einer der ältesten Barden nam sich Zirolanens an und versätzte: die durch Pfeiffen und Säitenspiele geheileten Schwachheiten müsten meines Erachtens entweder sehr schwach / oder die Einbildung der Geheileten dabey sehr starck gewesen seyn. Denn ob ich zwar weder ein Spartaner noch Egyptier / welche diese Kunst als unnütze und schädlich verwerffen / sondern ein[907] Barde / also ein /Liebhaber des Singens / der Säitenspiele / und ihrer Seele nemlich sinnreicher Getichte bin / wir auch mit unsern Liedern Betrübte zu trösten / und insonderheit Furchtsame aufzumuntern pflegen / kan ich doch nicht ergründen / wie selbte denen leiblichen Gebrechen abzuhelffen / und durch was für ein Röhr sie krancken Gliedern die Gesundheit einzuflössen / mächtig seyn können. Der Grieche antwortete ihm: durch das Gehöre dringet die annehmliche Stimme / welche in Ohren mehr Nachdruck / als die Schönheit in Augen hat /und der liebliche Schall nicht nur in den Leib / sondern in das innerste der Seele. Die unvernünfftigen Thiere werden dadurch gereget / daß der Ochse beym Gesange seines Treibers geduldiger zeucht / die Maul-Esel nach dem Schalle ihrer angehenckten Glocken besser fortgehen / und die Kamele bey einem annehmlichen Liede keines Spornes bedörffen. Dahero nichts unglaublichs ist / daß die deren Säitenspielen so holden Meerschweine Arions Harffe so gehorsam gewest. Der Barde begegnete ihm: Er wolte nicht widersprechen / daß die Thiere keine Fühle bey den Säitenspielen haben solten / wiewol die Stimme des Stellers und Jägers meist ihr Todten-Brett wäre / und die Schlangen so wol durch das Lied des Zauberers zerrissen / als die klügsten Leute wie der hundert-äugichte Argus derogestalt eingeschläfft würden. Aber darum kan ich sie für keinen Artzt gelten lassen. Sintemahl das Gesichte / der Geruch / der Geschmack und das Fühlen nur dem Leibe dienete / der einige Sinn des Gehöres aber unser Seele und Sitten bestimmt und vorenthalten wäre. Der Grieche brach ein: die Schwachheiten des Gemüthes wären unheilbarer /als die des Leibes. In jenen aber hätten Säitenspiele eine so grosse Krafft / daß die sich des singenden Arcadiens entbrechenden Cynethenser in kurtzer Zeit die wildesten und lasterhafftesten Leute in Griechenland worden wären. Westwegen alle Weltweise nicht allein grosse Liebhaber derselben gewest / Socrates auf Befehl der Götter / gleich als wenn diese Kunst und die Weißheit Geschwister wären / sich solcher beflissen /und auf dem Gastmahle des Xenophon gesungen /sondern auch Plato in seinen Gesätzen befohlen hätte / in Liedern nichts zu ändern / als mit welchen Sitten und Gesätze auch nothwendig verändert werden müsten. Aus welchem Absehn auch sonder Zweiffel wider die / welche die Würde der Singe-Kunst verletzten / eine Straffe ausgesätzt / und zu Sparta Timotheus verwiesen worden wäre / weil er seiner Harffe noch eine Säite beygesätzt / und die männliche Art zu weich und weibisch gemacht hätte. Nicht weniger hätten Hercules / Achilles / Epaminondas und andere fürtrefliche Helden sich des Singens und der Säitenspiele beflissen; und weil Themistocles auf einem Mahle nicht auf der Leyer spielen wollen / hätte er den Schandfleck eines ungelehrten davon getragen. Welches sonder Zweiffel daher rührte / daß der gestirnte Himmel so wol / als unsere eigene Seele / nichts anders / als eine süsse Zusammenstimmung wäre / oder daß sie wenigstens dadurch im Stande erhalten würde. Der Barde lächelte hierüber und fieng an: Ich wil dieser edlen und uralten Kunst nichts von ihrem Lobe entziehen / bin auch gar einer andern Meynung als jener Schytische König / welcher lieber sein Pferdt wiegern / als die künstlichsten Seitenspiele hörte; aber des Pythagoras Traume / daß er die sieben Irr- und die andern Sterne wie Sirenen zusammen stimmen gehört hätte / kan ich mich eben so wenig bereden lassen / als daß des Orpheus und des Terpanders sieben-seitichte Leyer nach dem Schalle und Stande der sieben Irrsterne solte gesti t worden seyn; daß Saturn den Dorischen / Jupiter den Phrygischen Klang haben / der scharffe mit dem Sommer / der harte mit dem Winter / der niedrigste mit der Erde / der folgende mit dem Wasser / der hohe mit der Lufft / der höchste mit[908] dem Feuer überein stimmen solle. Denn Pythagoras müste zu seinem leisen Gehöre eben solche Hülffs-Mittel / wie man an den Fern-Gläsern zum Gesichte braucht / gehabt haben / da man auf die vermeinte Zusammenstimmung der Gestirne einiges Absehen setzen solte; oder alle andere Menschen müsten wie die bey dem Nil-Fall wohnenden betäubt seyn /weil sie von diesem eingebildeten Schalle der Sterne nichts höreten. Der Grieche brach abermahls ein: Es wäre in der Welt nichts seltzames / daß ein Auge weiter sähe / als das andere. Ein Mahler treffe offt viel Kunst in dem blossen Schatten eines Bildes an / welchen wir kaum überhin anzuschauen würdigten. Die /welche die Wunderwercke der Natur nur nicht überhin ansähen / würden die Ubereinsti ung des Himmels und der menschlichen Seele leicht begreiffen. Mit dem Mohnden käme ihre wachsende / mit dem Mercur ihre nachdenckende Krafft / mit der Venus ihre Begierde /mit der Sonne ihre Lebhafftigkeit / mit dem Mars ihr Trieb / mit Jupitern ihre angebohrne Regung / mit dem Saturn die Fähigkeit etwas anzunehmen / und endlich der Wille mit der ersten Bewegungs-Krafft überein. Nicht weniger hätten der Seele eusserliche Sinnen mit der Erde / ihre Einbildung mit dem Wasser / ihre Bewegung mit dem Feuer / die Vernunfft mit der Lufft / und der Verstand mit dem Gestirne eine Verwandtschafft. Der Barde mäßigte sich und sagte: Es würde den Schein gewinnen / als wenn er ein Feind der Eintracht und der zusammen stimmenden Seitenspiele wäre / wenn er das minste noch der aufgeworffenen Meinung entgegẽ sätzte. Die in seinen Ohren klingenden hätten auch bey ihm derogleichen Nachdruck / daß er ihrer durchdringenden Krafft nicht ablegen könte. Auch könte er für sich leicht nachgeben / daß die Verträgligkeit der natürlichen Dinge mit einander für eine Zusammenstimmung / und die Welt für eine allgemeine Harffe gehalten würde. Am allermeisten aber wünschte er / daß gantz Deutschland eine zusammenstimmende Leyer abgäbe / so würden alle eusserlichen Feinde selbtem kein Haar zu krimmen mächtig seyn. Zirolane behielt mitler Zeit einerley Gestalt / gleich als wenn sie weder singen noch Seitenspiele hörete / und ob wol Ariovist alle nur ersiñliche Mittel sie freudiger zumachen herfür suchte /behielt sie doch ihre Unempfindligkeit / iedoch in einer so leitseligen Art / daß sie mit ihrer Traurigkeit niemanden beschwerlich war. Auf den spaten Abend kehrten sie wieder bey einer unzählbaren Menge weisser Wind-Lichter in den Bardischen Garten / umb vom Döhnhoff den Verfolg seiner Erzehlung vollends zu vernehmen; weil zumahl Thußnelda und das andere Frauenzimmer wieder in den Sauer-Brunn Verlangen trug; Agrippina aber sich an der Mosel einfinden solte. Auf den frühen Morgen fand die gantze Gesellschafft sich im Garten bey der denselben wässernden Bach ein; welcher Döhnhoff folgenden Vortrag that. Hertzog Gottwald segelte mit seinem fünffjährigen Sohne / seiner Hoffmeisterin und mir aus Seeland mit gutem Winde der Stadt Treva glücklich zu / stiegen daselbst aus / und weil er sonst nirgends keine Zuflucht wuste / entschloß sich Hertzog Gottwald sich zu seinem Schwäher dem Könige der Bojen Critasir zu verfügen / von welchem uns die Variner versicherten / daß er seine Herrschafft zwischen der Römer und Marckmänner Gebiete mit ziemlichen Vortheil befestiget hätte. Wir schlugen uns von Treva aus gerade gegen der Elbe zu / und kamen durch das Cheruskische und Hermundurische Gebiete glücklich in den Wald Gambreta. In diesem überfiel uns die Nacht /und wir verirrten uns darinnen / daß wir weder hinter noch vor uns kommen konten / und unsere Knechte ein Feuer machen musten. Worauf sich zwey Jäger zu uns fanden / und uns in ein nicht ferne davon gelegenes Jäger-Hauß einladeten.[909] Diese aber führten uns die gantze Nacht durch / über Berg und Thal / durch dickes Gehöltze / wo kein Fußpfad einiges Menschen zu spüren war. Gegen Morgen erreichten wir daß verlangte Jäger-Hauß / darinnen wir freundlich bewillkommt / und besser / als wir uns in einer solchen Wildnüs hätten einbilden können / bewirthet worden. Als wir uns aber zur Ruhe begaben / wurden uns bey währendem Schlaffe unsere Waffen und Gottwalds fünffjähriger Sohn entfrembdet. Wie wir nach der Erwachung darnach fragten / wurden wir in ein Zimmer geführet / und uns etliche zwantzig der schönsten jungen Knaben gezeuget / darunter sich Gottwalds Sohn zugleich befand / für uns aber die Thüre mit Gewalt zugeschlossen. Der hierüber nicht weniger ungedultige als sorgfältige Gottwald fragte; zu was Ende so viel Knaben da versamlet / und mit was Rechte ihm sein Sohn vorenthalten würde! Ihm aber gab ein alter Ausländer in Römischer Sprache zur Antwort: daß sie auf ein gewisses Feyer alldar verwahret würden / und hätte die Gottheit dieses Ortes auf Kinder mehr Gewalt / als ihre eigene Väter. Gottwald bildete ihm nichts anders ein / als daß alle diese gefangene Kinder solten geopffert werden / daher ward er gleichsam un sinnig / ergrieff diesen Alten / und hätte ihn erwürget / wenn nicht mehr als zwantzig Jäger bey der Hand gewest wären / und ihn aus seinen Händen errettet hätten. Er fieng hierauf an die Menschen-Opffer auffs grausamste zu verfluchen. Ob nun wol dieser Alte uns versicherte / daß die Kinder keines Weges geopffert /sondern nach einer Monats-Frist ihren Eltern an denen von ihnen selbst bestimmten Orten wieder eingeliefert werden solten / und er darzu nur einen gewissen Platz benennen solte / war doch der mißträuliche Gottwald nicht zu besinnen / sondern erwischte eine bey dem Feuer liegende eiserne Zange / und hätte dem Alten einen hefftigen Streich damit versätzt / wenn die Jäger ihm nicht in die Armen gefallen wären. Hierdurch gewanen wir aber nichts anders / als daß die sämtlichen Jäger auf des Alten Befehl uns mit Gewalt drey Tage lang durch dicke Wälder / wir wusten nicht wohin / fortführeten / und uns endlich am Necker eine Meile von Schultzen verliessen. Uns auch daselbst unsere Waffen und Geräthe treulich einhändigten. Hertzog Gottwald war hierüber so erbittert / daß er diese lange Zeit weder aaß / noch redete / also wie die Spinnen von der Lufft lebte / ich aber redete sie beym Abzuge an: da sie anders den Nahmen redlicher Leute nicht Menschen-Räuber verdienen solten / möchten sie den vorenthaltenen Knaben in Monats-Frist zu Cisaris in das Heiligthum der Göttin Cisa lieffern. Denn weil der alte Ariovist des Vindelischen Königs Tochter geheyrathet / König Critasir aber die Vindelicher zum theil vertrieben hatte / und sie daher mit den Alemännern nicht zum besten stunden / wolte ich ihnen nicht die Stadt Bojodur / dahin wir trachteten / vorschlagen. Sie versprachen diß als ehrliche Leute zu erfüllen. Dieses veranlaßte uns / bey Samulocenis über die Donau / und von dar geraden Weges nach Cisaris zu gehen / welche Stadt aber für dreyzehn Jahren schon ihren Nahmen und Gestalt verlohren hatte. Denn nach dem Tiberius und Drusus den Rhetiern und Vindelichern auf dem Lechfelde den letzten Streich versätzt hatte / ward die Stadt Cisaris / welche ihren Nahmen von der daselbst verehrten Göttin Cisa bekommen / ihrer tapfersten Einwohner beraubet /und sie mit vielen Rhetiern in das wüste Mösien versätzet / hingegen diese Stadt mit sechs tausend Römischen Bürgern bevolcket / und nach dem Kayser Augusta genennet. Alle Sitten und Gesätze waren nach Römischer Art eingerichtet / daselbst an den Lech ein festes Schloß zum Zaume der Vindelicher gebauet /der Göttin Cisa Tempel[910] von der Flavia Veneria dem Pluto / und Proserpinen eingeweihet / und ihnen mit Noth erlaubet / ausserhalb der Stadt an einem verborgenen Orte der Cisa Bild / welches ein grosser steinerner / auf der Stirne mit zwey Flügeln versehener /unten am Halse mit Schlangen umwundener Kopff war / zu verehren. Der Kayser ließ alldar Geld müntzen / und darauf einen Tannzapffen pregen / welcher dieser Stadt / wie der Dattelbaum der Stadt Tyrus und Alexandriens / die Frucht der Fichtenbäume / der Mamertiner Zeichen war. Der Römische Rath aber hatte dieser besiegten Völcker halber dem Kayser ein prächtiges Sieges-Maal aufgerichtet. Wir blieben zu Augusta und giengen alle Tage in der Juno Tempel /und an den Ort / wo Cisa noch verehret ward; wir konten aber das allergeringste von unserm verlohrnen Sohne nicht erfahren. Worüber sich Hertzog Gottwald bey nahe zu tode grämete / auch in ein hitziges Fieber fiel; von welchem er nach dreyen Monaten allererst mit Noth errettet ward. Aber nach dessen Verschwindung war seine Traurigkeit so viel grösser / und sein Wunsch nichts anders / als daß er durch den Tod mit dem Geiste seines Sohnes / welchen doch der verfluchte Mord-Priester würde geschlachtet haben /möchte vereinbaret werden. Ich tröstete ihn so viel möglich / wiewol ich selbst wenig oder keine Hoffnung hatte / das Kind wieder zu sehen. Alleine bey ihm fiel aller Trost in Brunnen. Ich rieth ihm sich zu seinem Schwäher dem Könige Critasir zu begeben; aber hierzu konte er sich auch nicht entschlüssen /einwendende / daß nach dem Verlust seiner Gemahlin und dieses von ihr herrührenden unschätzbaren Pfandes er in seinẽ Augen nichts als ein Greuel seyn könte. Nach dem ein Vindelischer Edelmann mit uns Bekandschafft gemacht / und Gottwalds Kummer erfahren hatte / rieth dieser uns auffs beweglichste / wir solten die Göttin Cisa über den Zustand umb Rath fragen. Weil nun niemand leichter als ein Hülff- und Trost-loser Bekümmerter zum Aberglauben zu bringen ist / wurden wir endlich beredet / der Cisa einen schwartzen Wieder zu opffern / und mit dessen Blute auf einen küpffernen Teller unsere Frage: Wie der junge Gottwald sich befindete? zu schreiben. Nach vollbrachtem Opffer reichte uns der Priester / welcher unser Anmerckung nach den auf dem Altare liegenden Teller nie angerühret hatte / wieder zu. Darauf fanden wir mit Blute geschrieben:


Dein Gottwald lebt vergnügt. Doch wünsch ihn nicht zu sehen.

Denn / wenn du ihn wirst schaun / so ist's um dich geschehen.


Gottwald wuste nicht zu entscheiden: Ob er sich über dieser Antwort mehr zu erfreuen / oder zu betrüben hätte. Endlich machte er diesen Schluß: Ich bin meinem unglücklichen Leben so gram / daß ich ihn alle Augenblicke zu sehen verlange / umb nur vergnüget zu sterben. Wenig Tage hernach kam König Critasir biß an den Lech / allwo er sich mit dem Römischen Landpfleger zu Augusta / dem Lucius Aqvilius Florus / über der Gräntze vergliech; welche denn auch durch eine steinerne Seule / auf welcher ein Marmelner Tannzapffen fünff Füsse hoch stand / bezeichnet ward. Als die Einweihung dieser Seule / und die Opffer der Römer / oder vielmehr die Zauberey / dadurch sie die Feinde von ihren Gräntzen abzuhalten vermeinen / vorbey waren / welchen Gottwald nicht beyzuwohnen / noch sich zu erkennen geben wolte / verfügte ich mich selbst dahin / und traff daselbst den Ritter Zäringen / und Burghuß an / welche mich erkennten /umarmten / und bald voller Freuden zum Könige Critasir führten. Dieser nahm mich gar genädig auf / und sein erstes Wort war die Frage: ob ich ihm keine Nachricht zu geben wüßte / wo denn sein Eydam Hertzog Gottwald aus der Welt hin gestoben wäre? Ich[911] sagte ihm in ein Ohr; Er wäre in Augusta. Hierüber ward er so erfreut / daß er beyde Ritter befehlichte ihn auffs beweglichste zu ihrer Ersehung einzuladen. Also brachte ich ihm beyde auf den Halß / und Gottwald konte Ehrenthalben sich nicht länger verstecken. Ihre Zusammenkunfft bestand in eitel Umbarmungen und Küssen / der Rückweg nach Bojodur in angenehmen Erzehlungen der theils kläglichen /theils erfreulichen Gelücks-Fälle / welche dem alten Critasir nicht weniger Thränen auspresten / als Verwunderung verursachten. Hingegen versicherte uns dieser / daß seine Herrschafft über die Bojen in besserem Zustande wäre / als wir uns von einem verjagten Könige einbilden könten. Denn Marbod hätte zwar bey der Bojen Austreibung gegen ihn sehr strenge verfahren; nachmahls aber hätte er sich gegen sie sehr gütig bezeuget / und so wol die Noricher als Vindelicher durch seinen Beystand gezwungen; daß sie zwischen dem Flusse Jovarus / und dem Lech / alle Aecker mit den Bojen theilen / und den Critasir für ihren König erkennen müsten. Die Römer / welche von diesen beyden Völckern wo nicht als Herrscher / doch als Schutz-Herren gute Zeit waren verehret worden / hatten zwar vermeint / sich den Bojen zu wiedersetzen /aber König Marbod hatte dem Kayser durch eine Gesandschafft für Augen gestellt: daß die Bojen zu diesen Ländern das gröste Recht hätten. Denn nach dem die Bojen Italien gereumet / hätte ihr König der ältere Critasir mit des Kaysers August Einwilligung in dieser Gegend seinen Sitz genommen. Es hätte aber Bärebistes der Dacier König / welch Volck iederzeit eine Tod-Feindschafft gegen die Bojen und ihre Anverwandten die Bastarner geheget / durch eine sonderbare Arglist oder vielmehr einen abscheulichen Aberglauben / sie ohne Ursach ausgerottet. Denn dieser hätte sich mit einem lange in Egypten gewesenen Nachfolger des Zamolxes Decäneus verbunden / dem Volcke alles Weintrincken verboten / sich aber in einer Höle gleichsam zum Gotte gemacht / und endlich sie dadurch in eine solche Raserey verleitet / welche nicht ehe / als durch Ausrottung der Bojen wäre zu stillen gewest. Alleine diese Einwendung hatte beym Kayser August nicht so viel Nachdruck gehabt /als die siebenzig tausend außerlesenen Kriegsleute /welche Marbod an der Donau denen Römern allezeit mit ihren gegen Italien gewendeten Heerspitzen zeigete / auch zu mehrer Sicherheit der Bojen oberhalb Jovisum zwischen dem Uhrsprunge der Drave und dem Flusse Jovavus ein vortheilhafftes Lager mit zehntausend Marckmännern besätzte. Wordurch denn erfolget wäre / daß August zu Unterdrückung der Noricher und Vindelicher ein Auge zugedrückt hätte / sonderlich / da ohne diß die schwermenden Bojen / an welchen die Cimbern alleine nicht ihren Muth hatten kühlen können / ein an Italien nagender Wurm etliche hundert Jahr gewest waren / und es dem Kayser vorträglich zu seyn geschienen hatte / zwischen den Römern / und dem Marbod / gleichsam einen Mittel-Tamm zu haben / welcher verhinderte / daß sie einander nicht so bald möchten zu nahe kommen. Den fünfften Tag kamen wir nach Bojodur; allwo die Königin ja so sehr als Critasir über Hertzog Gottwalds unvermutheter Ankunfft / den sie fürlängst in einer andern Welt zu seyn geglaubt hatte / erfreuet ward /wiewohl ihre Augen beym traurigen Andencken ihrer so Helden-mäßig gestorbenen Tochter hundertmahl überlieffen. Ob nun wohl der König / und die Königin durch allerhand Anstalten ihn zu vergnügen trachteten / blieb doch die Schwermuth in seinem Hertzen so feste gewurtzelt / daß sie keine Ergetzligkeit der Welt verdrücken[912] konte. Weil seine Zunge aber entweder zu wehmüthig war / den Verlust seines einigen Sohnes zu erzehlen / oder er damit die Groß-Eltern nicht noch mehr betrüben wolte / ließ ich mich endlich durch das stete Anliegen der Königin bewegen selbten als die wahre Ursache seiner hefftigen Bekümmernüs zu eröffnen. Welche Wunde ich aber mit diesem Balsame überstriech / daß Gottwald an dem Marsingischen Hofe eine holdselige Tochter leben hätte. Dieser Bericht erweckte in Critasirs und seiner Gemahlin so seltzame Aufwallungen des Gemüthes / als nimmermehr ein von wiedrigen Winden bestürmtes Meer haben kan. Aber alles diß war gegen Gottwalds Unruhe nichts. Je schöner ihm gethan ward / ie wehmüthiger ward er / sonderlich da König Critasir zwar unterschiedene Leute aus dem Gabretischen Walde beruffen ließ / niemand aber weder von dem beschriebenen Jäger-Hause / noch von dem Raube so vieler Knaben das wenigste wissen wolte / weniger berichten konte. Critasir und die Königin verstellten hierüber ihren eigenen Schmertz / und redeten ihm aber vergebens ein / welcher sie hiervon abzustehen ersuchte / weil es doch in keiner menschlichen Gewalt stünde die Neigungen zu unser Frucht aus unsern Lenden zu reissen. Bald fieng er auch an / ihm hunderterley Beschuldigungen aufzubürden / daß er sein Kind so liederlich im Stiche gelassen hätte / da doch die Störche / umb ihr brennendes Nest auszuleschen / sich selbst verbrennten / umb ihre Jungen zu retten. Daher wäre kein Thier so unnatürlich / als welches den Nahmen des Vernünfftigen führte / wenn es seine angebohrne Liebe ablegte. Uns allen ward hierüber ie länger ie bänger / weil wir eine gäntzliche Verrückung der Vernunfft an ihm besorgten / sonderlich als er sich entschloß / in dem Gabretischen Walde entweder seinen Sohn / oder seinen Tod zu finden / und selbten so lange zu durchkreutzen / biß er das verlassene Jäger-Hauß wieder gefunden hätte. Alles Bitten des Königes und der Königin / welche an dem Gottwald einen mächtigen Pfeiler ihrer Herrschafft zu haben vermeinten / war vergebens / und weil traurige Leute iederzeit böses wahrsagen / wendete Gottwald ein / daß seine Anwesenheit ihm nur eine neue Verfolgung des Marbods auf den Halß ziehen würde; welcher ihn biß auf den Tod hassen müste / weil er ihn allzusehr beleidiget hätte. Weil nun Gottwald unmöglich länger zu erhalten war / muste nur Critasir in seinen Abzug willigen / und ich sein Gefärthe zu seyn mich entschlüssen. Critasir versahe uns mit mehren Knechten und aller Reise-Nothdurfft. Unsere Reise gieng nach Reginum die eusserste Gräntze der Bojen / und von dar in den Gabretischen Wald. In diesem brachten wir über vier Monat zu / und ist darinnen schwerlich ein Dorff zu finden / dahin wir nicht kamen / und uns umb das verlohrne Jäger-Hauß befragten. Aber kein Mensch wuste uns davon weniger von denen versammleten und zu einem gewissen Opffer oder Gottesdienste bestimmten Knaben etwas zu sagen / also daß wir endlich in die Gedancken kamen / unsere Augen müsten bezaubert worden seyn. Nichts desto weniger war Gottwald aus diesen Wildnüssen nicht zu bringen /wie er denn selten in einem Hause / sondern im Gehöltze / offt mit nicht geringer Gefahr / für Wölffen / Luchsen / und Bären / übernachtete / weil vielleicht die Traurigkeit mit Einöden / wie die Nacht-Eule mit der Finsternüß eine Verwandschafft hat. Massen es denn mit ihm in Wüsteneyen erträglich / ausser selbten aber fast nicht auszustehen war / und / nach der Egyptier Meinung / sein Leib wohl[913] ein rechtes Trauer-Grab seiner Seele fürbildete. Die lange Zeit / welche sonst allen Heftigkeiten ein geschwindes Ende macht / verlohr in seiner Bekü ernüs alle ihre Kräffte. Ich eriñerte ihn seiner vorigen Hertzhafftigkeit /und stellte ihm die ihn verkleinernden Schwachheiten für Augen; ich hielt ihm ein / daß wer nur in gutem und nicht auch in widrigem Glücke großmüthig wäre /das Hertze wider die Eigenschafft der Menschen in der rechten Brust hätte; daß ein jeder Tritt seiner Kleinmuth ihn drey Schritte von der Vernunfft / und zweymahl so weit von seinem Ruhme entfernete / aber ich predigte nur tauben Ohren und einer rauen Hartnäckigkeit. Wir verwilderten in dieser Einöde mit den Bäumen und Thieren / wir verlernten fast alles was menschlich war / nur Gottwald nicht das Gedächtnüs dessen / was ihn betrübte; sintemahl die Vergessenheit zwar eine Artzney der meisten Ubel / aber mehr ein Glücke als eine Kunst ist. Endlich kamen wir über den Mayn in das Theil des Hercynischen Waldes /welches der Speßhart genennt wird / und folgends über die Bintz in das Taunische Gebürge / wo wir von zweyen Barden angetroffen / und weil diese uns so viel von ihrer glücklichen Einsamkeit zu sagen wusten / in diesen Garten zu folgen beredet wurden. Daselbst nam uns der oberste Priester freundlich an / und weil die Barden sich für Aertzte der Gemüths-Kranckheit ausgeben / ließ er ihm alsbald angelegen seyn /den Fürsten Gottwald an seiner die Seele tödtenden Traurigkeit gesund zu machen. Er beredete ihn alsbald ihm die Ursache seiner Schwachheit zu eröffnen / welcher Wissenschafft eine halbe Genesung ist. Nach dem ihm nun theils Gottwald / theils ich seine unzählbaren Unglücks-Fälle kürtzlich entworffen hatte / sagte Eginhard der Barde: Es mangelte Gottwalden an der Erkäntnüs seiner selbst. Dieser Abgang wäre das Qvell aller Unvergnügungen / und die Ursache aller Vergehungen. Diesemnach das Gebot sich selbst kennen zu lernen nicht nur verdient hätte eine güldene Uberschrifft in dem Delphischen Tempel zu seyn / sondern es solte auch billich in aller Menschen Hertzen eingegraben stehen. Denn ob zwar diese Selbst-Erkäntnüs an sich nicht wenige Schwerigkeit hätte / so ersätzte doch die daraus erwachsende Vergnügung alle Müh und Beschwerligkeit. Sintemahl sich selbst kennen aller Weißheiten Weißheit / ja selbst der Gottheit höchste Ergötzligkeit in ihrer eigenen Betrachtung bestünde. Durch unsere Erkäntnüs aber würden wir beym ersten Anblicke gewahr werden / daß wir aus zwey gantz widrigen Helfften zusammen gesätzt wären / unter denen die irrdische stets die göttliche unter den Fuß zu bringen trachtete / und darzu sich der Gemüths-Regungen wie die Buhler der Kuplerinnen gebrauchte. Ob nun zwar unser himmlisches Theil einen viel edlern Ursprung und das Recht der Herrschafft hätte / so geschehe selbtem doch durch das irrdische ein grosser Eintrag / weil jenes durch eitel leibliche Werckzeuge würcken müste / und in diesen bleyernen Röhren meist alles ihr vom Himmel eingeflöstes Gold kleben bliebe / ihres Thuns Reinigkeit aber wie das Wasser in küpffern- oder zienernen Gefäßen allerhand schädliche Eigenschafften an sich ziehen müste. Unter diesen wäre nun eine der ärgsten / daß wir die Liebkosungen des betrüglichen Glückes / nicht aber die keinmahl ihren Nahmen oder ihr Wesen verändernde Tugend für unser höchstes Gut erkieseten. Alle andere Güter wären nach dem Unterscheide ihres Gebrauchs / oder gewisser Zufälle bald gut / bald böse. Bey hohen Würden könte man dem Vaterlande viel dienen / aber diese wären offt unser Fallbrett / wie das der Freygebigkeit allein nützliche Reichthum / ins gemein ein nagender Wurm in unserm Hertzen. Unsere Kinder wären unsere selbsteigene Ebenbilder / und gleichsam Pfänder der Unsterbligkeit / dahero nichts natürlicher wäre / als sie zu lieben / weil wir in ihnen nicht nur unsers gleichen /[914] sondern uns gleichsam selbst liebten / gleichwol aber vergessen wir unserer eigenen Sterbligkeit /wenn wir über ihrem Tode aus der Haut fahren / und ihnen wider aller Menschen Eigenschafft die Unsterbligkeit zueignen wolten. Warum zürnen wir nicht auch / daß die Bäume im Herbste ihre Blätter fallen ließen? daß die Sonne das lebhaffte Bild der Ewigkeit verfinstert würde? Wer könte die vom Silen dem Midas gegebene Lehre schelten: daß der beruhigende Tod dem beschwerlichen Leben weit fürzuziehen wäre? Insonderheit wären wir versichert / daß unsern Kindern / je zärter sie stürben / so viel weniger Weh geschehe / und ihnen desto weniger Flecken anklebte /hingegen gantz ungewiß / wie sie gerathen / oder was ihnen für Unheil im Leben begegnen würde. Natürliche Zufälle wären leichter zu verdeyen als Unfälle des Glückes. Traurigkeit und unmäßige Sorgen hätten ihre Wohnung in dem Vorhofe der Höllen / also versätzten sie die Seele in den Zustand der Verdammten /und ein trauriger machte sich gleichsam zum Selbst-Mörder unwissende / weil er weder sich selbst / noch sein eigenes Ubel / am wenigsten aber seine Artzney kennte / welche darinnen bestünde / sich dem unveränderlichen Verhängnüsse unterwerffen / das böse mit Gedult leiden / das bessere hoffen / und sich damit trösten; daß wenn die Zeit die böse Unreinigkeit unsers Lebens abgeschäumt hätte / das gute übrig bliebe. Mit diesen und andern Erinnerungen hielt Eginhard so lange an / biß er im Fürsten Gottwald seine mir unerweichliche Härte mäßigte / und handgreiflich wahr machte / daß die unverfälschte Weltweißheit die wahrhaffte Hertzstärckung einer zu Bodem geschlagenen Seele / und das gewisseste Mittel die Gemüths-Aufwallungen zu dämpffen wäre / worinnen die eigentliche Gesundheit bestehet. Ich nam aber auch hierbey wahr / was es für ein Unterscheid wäre / wenn zwey einerley Ding sagten. Denn auch diß / wormit ich nichts mehr gefruchtet / als wenn ich einen Schlag ins Wasser gethan hätte / war / wenn es aus Eginhards Munde kam / nicht ohne wichtigen Nachdruck /gleich als weñ die Worte auf zweyerley Lippen / eben so wol als die an unterschiedenen Enden der Welt gewachsenen Kräuter auch gantz unterschiedene Würckung haben müsten. In weniger Zeit verliebte sich Gottwald in die Lebens-Art der Barden so sehr / daß /ungeachtet Eginhard ihm ihre Weißheit als eine scharffe Zuchtmeisterin fürstellte / er sich als einen Barden einweihen ließ / und mich mit eben dieser Begierde ansteckte. Er ward hierauf ein gantz ander Mensch / unter allen Barden war keiner freudiger als er. Seine Verträuligkeit vergnügte alle so sehr / daß er nach Eginhards Tode einstimmig zum obersten Priester erwehlt ward / in welcher Würde ich ihn niemals habe an seine Fürstliche Hoheit dencken gehöret /noch ihn sich über etwas bekümmern / wol aber mit dieser hochansehnlichen Gesellschafft für Freuden sterben gesehen.

Niemand war der nicht über Döhnhofes Erzehlung ein besonderes Gefallen bezeugte. Hertzog Ariovist aber bat ihm der Anwesenden Gehör aus / seiner Erzehlung wegen des verlohrnen jungen Gottwalds /oder Ehrenfrieds / ein wenig Licht zu geben. Weil nun aller Augen ihn hierum durch ihr Stillschweigen ersuchten / fieng er an: Ich selbst kan Zeuge seyn / daß dieser Ehrenfried in dem angedeuteten Jägerhause des Gabretischen Waldes gefunden worden sey. Allen Deutschen ist bekand / wie meines Groß-Vaters Bruder für sechs und sechtzig Jahren in der Schlacht gegen den Julius Cäsar seine Gemahlin Berchtolds eines Schwäbischen Fürsten Tochter mit einer ihrer Töchter einbißte. Seine andere Gemahlin Vocione /des Norichischen Königs Vocion Schwester / welche ihm mein Groß Vater zu heyrathen rieth / ward zwar anfangs gleichfalls für todt geschätzt / es ereignete sich aber hernach / daß Vocione mit Ermegilden / Ariovistens ältesten Tochter / gefangen[915] war. Der König Vocion aber / welcher aus seinem schneeichten Gebürge einen Einfall in Italien dräute / brachte es so weit / daß Julius Cäsar nicht allein Vocionen und Ermegilden / welche aber kurtz hernach starb / ohne Lösegeld Ariovisten zuschickte / sondern auch / gegen Begebung alles auf die Heduer und Seqvaner habenden Rechtes / wider Ariovisten nichts feindliches zu beginnen sich erklärte. Nach einigen Jahren gebahr Vocione Ariovisten eine Tochter ihres Nahmens /welcher das nach der Zeit von ihm verlassene Reich zufiel / und sie / wiewol nicht ohne Unwillen / der einem Weibe zu gehorsamen ihnen verächtlich haltender Alemänner / die Herrschafft überkam. Es gieng ihnen aber wie den Bürgern zu Athen / welche das vom Phidias gemachte Minerven-Bild als grob und ungestalt verachteten / hingegen aber des Alcmenes zierliches nicht sattsam loben konten. Denn wie jenes / als beyde auf den bestimmten Stand des Tempels kamen / dieses bey weitem wegstach / also befunden die Alemänner / daß / als Vocione die Höhe der Herrschafft erlangte / niemand darzu geschickter wäre / als sie. Denn ob zwar ihr Reich durch den Abfall der Marckmänner in nicht weniges Abnehmen und Zerrittung gerieth / wuste doch die kluge Vocione zu grosser Verwunderung der Welt / das Steuer-Ruder ihrer Herrschafft so meisterlich zu führen / daß selbtes weder auf einer Seite von der Römer- noch auf der andern Seite von Marbods Macht zerschellet ward. Insonderheit wuste sie auf beyden Achseln so künstlich zu tragen / daß ihr keiner auf die Fersen zu treten sich unterstund / und wenn auch einer auf seiner Seite zu nahe kommen wolte / verwickelte sie des andern Nachbars Vortheil in ihre nöthige Erhaltung / daß dieser jenem alsofort die Spitze zeigte. Um nun keinem zu grosse Eyversucht zu verursachen / war sie nicht zu bereden sich an einen grossen Fürsten zu vermählen / welcher die Feindschafft wider die Römer oder den Marbod mit in ihr Hauß brächte; kleinere aber verschmähete sie als ihr unanständig. Sie hatte an ihr nichts weibisches als ihr Geschlechte / und bewieß durch ihre glückseelige Herrschafft / wie falsch eine Frau für nicht klug gehalten würde / welche mehr als ein Weib verstünde. Und daß sie so viel mehr sich von ihnen selbst entferneten / als sie den Männern nahe kämen. Ihr Absehn war stets auf Friede gerichtet / und wenn sie die Catten oder Cherusker mit in Krieg einflechten wolten / schützte sie für; einem Weibe stünde so wenig der Degen / als einem Manne der Spiegel an. Gleichwol erwarb sie durch ihre Ruh mehr / als andere Fürsten durch verderbliche Kriege / und der doch so herschsüchtige Marbod / als er mit seinen Marckmännern die Länder der Bojen besätzte / trat ihr dis alles gutwillig ab / was er von ihres Vaters Ariovist Gebiete besessen hatte. Derogestalt blühete das Alemañische Reich unter ihr lange Jahre mehr / als vorhin unter keinem Fürsten. Bey dessen Wolstande aber ward sie mit keinen gemeinen Leibes-Schwachheiten befallen. Vocione geriet hierüber in Gedancken sich ihrer Herrschafft zu enteusern / welche von einem siechen Leibe / und dardurch abgemergeltem Gemüthe / nicht gnugsam beseelet werden könte. Zu welchem Ende sie mich denn auch in einer Reichs-Versa lung mit gutem Willen aller Landes-Stände für ihren Sohn und Erbfolger erkiesete /weil mir die Herrschafft ohne diß nach ihrem Tode von rechtswegen zugehörte. Nach dem mein Alter aber noch nicht zur Herrschafft reif / sie aber bey jedermann überaus beliebt war / beschwuren sie sie nicht alleine auf alle ersinnliche Weise zwischen ihr und dem gemeinen Wesen keine Ehscheidung fürzunehmen / sondern sie verschrieben auch aus Rom und Griechenland die berühmtesten Aertzte ihrer Fürstin Kranckheit abzuhelffen. Alle aber / außer einem Griechen Eudämon / hielten ihr Ubel für unheilbar. Dieser versicherte hingegen Vocionen mit grossen[916] Betheuerungen ihr zu helffen; wenn ihm die benöthigten Mittel und Gelegenheit darzu verschafft würden. Als ihm nun in allem zu fugen versprochen / ja alles selbst nach Belieben anzugeben enträumet ward / erkiesete er hierzu die tieffste Einöde des Gabretischen Waldes / allwo ihm nach seinem Entwurff ein so genenntes Jägerhauß gebauet / und allen Jägern seinen Willen zu erfüllen anbefohlen ward. Auf besti te Zeit verfügte sich Vocione mit sehr wenigen ihrer getreusten Leute dahin / und / weil sie mich als ihren wahrhafften Sohn liebte / und niemahls gerne von sich ließ /muste ich ihr Gefärthe seyn. Alldar führte sie Eudämon den Morgen nach ihrer Ankunfft in ein Zimmer / in dessen Mitte eine leere Wanne eingesencket / darum aber hundert Knaben angebunden waren. Diesen Ort wiese Eudämon Vocionen zu ihrem Bade an. Diese lachte und fragte: Ob sie sich mit der Lufft waschen /und mit den Steinen trocknen solte / weil nirgends kein Tropffen Wasser zu sehen wäre? Eudämon antwortete: Wasser wäre sie zu heilen viel zu ohnmächtig / für ihre Kranckheit hätte sie einen viel kräfftigern Safft von nöthen. Vocione versätzte: Woher denn dieser Safft kommen solte? Eudämon wieß auf die gefässelten Knaben / und sagte: Aus den Adern dieser Kinder / derer Blut als ein rechtschaffenes Lebens-Oel alleine ihre Kranckheit wegnehmen könte. Behüte mich mein GOtt / fieng Vocione an / für einer so grausamen Genesungs-Art! Ich habe bey meiner Herrschafft mich für nichts mehr als für Blutstürtzung gehütet /ich habe nie ohne Zittern / auch wider die lasterhafftesten Menschen / ein Todes-Urthel unterschrieben / ja mir mehrmahls gewünscht / daß ich nicht schreiben könte; und ich solte nun / um die Hefen meines Alters zu läutern / dieser unschuldigen Kinder Blut verschwenden? Eudämon wolte einwenden: Wären Unterthanen schuldig um die Ehrsucht ihrer Fürsten zu vergnügen ihr Leben für sie im Kriege / da vielmahl etlichen tausend Menschen zur Ader gelassen würde /aufzuopffern / so wäre vielmehr verantwortlich / daß eine Anzahl Kinder ihr Blut den Fürsten zu ihrer Genesung zinseten / welches wol ehe ein Römischer Bürger zu Mästung der Murenen verbraucht hätte. Fürsten wären die Angelsterne des gemeinen Heiles /um dieses aber müste man alles geben / wie köstlich es auch wäre. Vocione brach ein: du mühest dich umsonst / mich zu einer so henckrischen Heilungs-Art zu bereden. Deine Artzneyen gehören in die Werckstadt des Busiris / und in Diomedens Stall / nicht auf meinen Thron / welchen ich vom Blute so rein / als das Altar der Paphischen Venus ist / zu erhalten / mich euserst bemühet habe. Gehe mit deinem verdammten Blut-Bade in deine Heymeth / wo die geilen Weiber an statt der Esels-Milch sich aus Milche gefangener Frauen zu baden nicht schamroth werden / um ihre Haut zart und weiß zu machen. Meinestu in diesem nicht so wilden Lande mit dieser holden Kinder Lebens-Oele deine abergläubische Artzney-Kunst / und dein schwartzes Gedächtnüs wie Draco seine Gesetze / und Othryades seinen Sieg mit Blute aufzeichnen? Eudämon erblaste über diesem scharffen Einhalte /und fieng an: Wenn die Hertzogin ihr ja ein Gewissen machte über Verspritzung so vielen zum Bade nöthigen Blutes; so solte sie doch durch das verhandene silberne Röhrlein nur aus einem oder zwey Knaben das Blut in ihre Adern einzöpffen lassen. Vocione wolte diesen vermeinten künstlichen Werckzeug das Blut aus einem Leibe in andern zu bringen nicht einmahl des Ansehns würdigen / sondern hob an: Wenn schon dieses ohne Zauberey durch natürliche Handgrieffe zu vollziehen möglich wäre / könte sie doch nicht glauben / daß diese neue Heilungs-Art der Natur gemäß / und einem Krancken dienlich wäre. Eudämon antwortete:[917] Sie dörffte so wenig an der Heilsam- als Mögligkeit zweiffeln. Er hätte hierinnen auch die Natur selbst zur Lehrmeisterin / welche aus den Stämmen den Safft oder ihr Blut in die darauf gepfropfften Zweige leitete / ja allen in Mutter-Leibe noch beschlossenen Kindern das Blut ihrer Mütter zur Nahrung durch die Nabelschnure einflößete. Dieses wäre der kürtzeste Weg einen Menschen zu nähren /und von Kranckheiten zu befreyen / weil das gute frembde Geblüte vermittelst der unaufhörlichen Herumkreissung des Geblütes / welches durch so enge Aederlein dringet / dadurch nicht einst die Lufft gehen würde / geraden Weges allen Adern und Eingeweiden unmittelbar mitgetheilet / hingegen alle durch den Mund empfangene Artzneyen durch den Magen und andere einen grossen Umweg machende Gänge geleitet / auch in ein und andern anbrüchigen Orte verderbt würden / ehe sie einmal in die Blut-Adern kämen /darinnen gleichsam das Leben selbst schwimmet. Vocione sätzte ihm entgegen: Wenn diese Blutzöpffung mit der Pfropffung eine Verwandschafft hätte; müste das gute Blut in einem kräncklichen Leibe bald auch verderben / weil der Safft der Stämme alsbald in den Pfropffreisern derselben Eigenschafft annähme. Die wunder-würdige Nährung der Kinder aber wäre dem grossen Schöpffer durch keine Kunst nachzuthun. Eudämon versätzte; die Kunst wäre nicht weniger eine Aeffin als eine Magd der Natur / und der Mensch ein Ebenbild Gottes / seine Vernunfft etwas himmlisches. In den Pfropffreisern müste der Stämme Safft seine Eigenschafft verändern / weil er sich durch das Holtz allzu sehr und enge durchdrängen / und sich gleichsam ausläutern müste. Hier aber gienge das Blut durch das Röhr ohne einig Gedränge / und daher behielte es alle seine gute Eigenschafften. Damit die Fürstin auch hierbey so viel weniger zweiffeln möchte / wolte er ein kranckes Kalb durch übergezöpfftes Blut eines gesunden Kalbes / oder eines andern Thieres / in ihrem Angesichte wieder zu Kräfften bringen. Vocione willigte hierein / worauf denn Eudämon einem Kalbe so viel Blut wegließ / daß es für Schwachheit nicht mehr auf den Füssen stehen konte. Hernach band er ein anderes auf gewisse Art / ritzte beyden Kälbern eine Ader so wenig / daß er mit Noth das silberne Röhrlein darein stecken konte / brachte also aus dem starcken in das matte ein ziemlich Theil Blutes / worauf dieses nach verbundener Wunde und Auflösung sich so frisch als anfangs für verlohrnem Blute bezeigte. Ob nun zwar Vocione diß nicht ohne Verwunderung ansahe / wolte sie sich doch keines weges bereden lassen / einiges Menschen Blut zu ihrer Gesundheit zu gebrauchen / sondern sie erklärte mit einer ernsten Gebehrdung: sie wolte lieber heute ihres Reiches und Lebens entpehren / als sie es durch unschuldig Blut hundert Jahre verlängern solte. Eudämon ward hierüber bestürtzt und fieng an: Wenn sie ja über Menschen-Blute eine so zarte Empfindligkeit hätte; solte sie sich nicht weigern / ihren Adern gesundes Kälber-Blut einzöpffen zu lassen. Vocione fiel ihm ziemlich entrüstet in die Rede: Wilst du Thörichter mich denn aus einem Menschen zu einem wilden Thiere machen? weil du selbst das Blut für den Wagen des Lebens und der Seele / und dafür hältest /daß das eingezöpffte Blut seine erste Eigenschafft in des andern Leibe behalte. Eudämon antwortete ihr mit grosser Demuth: Unser Fleisch und Blut hat mit andern Thieren eine grössere Verwandschafft und Gleichheit / als unsere Seele mit GOtt. Scheuen wir uns nun nicht ihr Fleisch zu essen / und selbtes in unsern Safft und Blut zu verwandeln; warum hat man Abscheu ihr Blut in unsern Adern zu beherbergen? Ja ich traute schier zu behaupten / daß das Blut der Thiere zu diesem Zwecke fast tauglicher als Menschen-Blut sey / weil Menschen ihres durch hunderterley Regungen / worvon andere[918] Thiere befreyt sind / verterben / ja mit ihrer Mutter-Milch nicht selten Gifft und Galle einsaugen. Ja weil eine Kranckheit für der andern bald hitziges / bald kaltes / bald dinnes / bald dickes Geblüte erfordert / hätte man aus so vielen Arten der Thiere das geschickste auszulesen. Alleine Vocione fuhr heraus: Sie möchte nichts viehisches in ihrer Seele / noch in ihren Adern haben. Mit diesen Worten gieng sie aus dem Zimmer / ließ dem bestürtzten eine Verehrung reichen / und ihn wieder in Gallien führen / woher er kommen war. Die Knaben wurden alle loßgebunden / und an die Oerter / wo sie waren weggenommen worden / wieder gebracht. Diesen Ehrenfried schickte Vocione zwar auch nach Cisaris / weil aber kein Tempel der Cisa mehr dar zu finden / weniger iemand / dem dieser Knabe gehörete / zu erfragen war / brachten die Abgeschickten ihn wieder zurücke / daher ihn Vocione bey Hofe behielt /wegen seiner Anmuth ihm den Nahmen Ehrenfried zueignete / und als ein Kind von edler Ankunfft rittermäßig erziehen ließ. Durch seine gute Art wuchs er alle Tage mehr in der Genade der Fürstin als im Leibe. Gegen mir zeigte er eine so grosse Begierde mir zu dienen / daß er mir / was ich wolte / an Augen ansah / also meinen Befehlen mit seinem Gehorsame allezeit zuvor kam. Mit dieser untadelhafften Zauberey stahl er mir derogestalt das Hertze / daß als nach der Zeit die länger zu herrschen unerbittliche Vocione die Herrschafft mir übergab / ich ihr für die Zueignung dieses Knabens mich absonderlich verknipffet zu seyn befand. Meine Gewogenheit gegen ihn ist auch biß auf heutigen Tag gewachsen / und der vorgestrige gewiesen / daß weder Vocione ihre Wahl /noch ich meine bißherige Zuneigung zu eines so grossen Fürsten Sohne zu bereuen Ursach habe. Jederman / insonderheit aber Döhnhoff schöpffte über dieser seinen Bericht bekräfftigenden Erzehlung grosses Vergnügen; mit welchem auch der übrige Tag vollends hingebracht ward. Auf den Morgen nahmen alle Gäste von den Barden Abschied / und reiseten wieder zu dem Schwalbachischen Sauerbrunnen / in welchem sie noch etliche Wochen mit den annehmlichsten Ergötzligkeiten zubrachten / weil der Feldherr Herrmann und Hertzog Arpus am Rheine theils auf die Römer / theils auf den ihnen verdächtigen Melo ein wachsames Auge hatten / und durch Befestigung Herrmansteins / wie auch andere gute Anstalten für die allgemeine Sicherheit wacheten. Die Sonne war schon in Löwen getreten / als Agrippine zu Schwalbach Abschied nahm / und über Verlassung einer so holdseligen Gesellschafft nicht weniger Wehmuth bezeugte / als über die Beständigkeit ihrer unzertrennlichen Freundschafft Versicherung that. Sie sagte / ihr wäre nicht unbekandt / daß Freunde dieser Zeit zwar meist Antlitze der Menschen / und Hertzen wilder Thiere hätten / aber sie wüste nichts von diesen Verstellungen / sondern ihr klebte vielmehr diese unschuldige Schwachheit an / daß sie weder Haß noch Liebe / weder Freude noch Leid verbergen könte / ungeachtet sie damit schon vielmahl bey Livien / und dem Tiberius angestossen hätte. Thußnelde schüttete ihrer aufrichtigen Offenhertzigkeit nach gegen Agrippinen ebenfalls ihr Hertz aus / und sagte: Sie wäre der Vollkommenheit ihrer Freundschafft so sehr versichert / daß selbte keinen Beysatz wörtlicher Versicherung wie ein fürtrefflicher Edelgestein keine Folge bedürffte. Hingegen würde Agrippine an ihr iederzeit ein deutsches Gemüthe finden / welches keinen falschen Schein / wie die Porcellane kein Gifft vertrüge; und ihr Mund wäre niemahls mit zweyerley Zungen trächtig. Keine geringere Versicherungen erfolgten zwischen Agrippinen / der Hertzogin Erdmuth / Adelmunden und Zirolanen / und wünschte Agrippine allen so scharffe Augen / wie sehr sie alle liebte / weil sie so unersättlich nach ihrer Liebe lüstern wäre. Sintemahl sie die Liebe[919] für den kräfftigsten Zunder der Gegen-Liebe hielte / also daß der / welcher sonst zu lieben ein allzuhartes Hertze hätte / doch Liebende zu lieben erweichet würde. Zuletzt nahm Agrippine vier goldene Müntzen heraus / welche ihr Vater Agrippa als Bürgermeister hatte schlagen lassen. Auf der einen Seite stand desselben Nahmen / auf der andern die zwey Häupter des Julius und Augustus. Diese ließ sie in der Mitte entzwey segen / gab die Helffte davon zum Pfande ihrer unzerbrechlichen Treue / die andere Helffte aber behielt sie als ein Pfand ihrer Hold und Gewogenheit bey sich. Sie begleiteten Agrippinen biß auf den halben Weg nach Meyntz / allwo Germanicus ihrer mit Verlangen erwartete. Wenig Tage nach ihrem Abschiede wendete sich auch die Hertzogin Erdmuth / und mit ihr alles andere Frauenzimmer an den Cattischen Hoff nach Mattium. Ariovist / dessen Liebe zu Zirolanen durch Erfahrung ihres Uhrsprunges / und weil sie des von ihm so sehr geliebten Ehrenfrieds Schwester war / hatte sich bey ihm dergestalt vermehret / daß er ohne sie nicht zu leben getraute / konte sich auch nicht überwinden sie zu verlassen / reisete also auch damit nach Mattium / allwo er vom Feldherrn / dem Hertzoge Arpus / Catumern und Siegesmunden seinem Stande gemäß empfangen ward. Daselbst rüstete er den jungen Gottwald recht Fürstlich aus / ließ ihn auch wie sich selbst bedienen / und versäumte die geringste Gelegenheit nicht durch Ritterspiele / annehmliche Unterhaltung / und alle ersinnliche Bedienungen sich in Zirolanens Gewogenheit zu versätzen / ungeachtet er ihr von Liebe zu sagen allzu ehrerbietig war. Denn wahrhaffte Liebe hat die Bescheidenheit allezeit zur Gefärthin; und wer das Geliebte hoch hält / wird sich nicht leicht unterstehen ihr offentlich von Liebe zu sagen. Alleine gegen alle seine Liebkosungen blieb Zirolane im Hertzen unempfindlich / als welches sie noch ihrem Rhemetalces als ein Altar / welches sein erstes Feuer niemahls ausleschen läst / vorbehielt. Gleichwohl bezeigte sie gegen Ariovisten alle Höfligkeit / durch welche sie ihm alle Tage nur mehr Angelhacken ans Hertze warff. Denn ein gutes Wort / ein Lächeln / ein geringes Kennzeichen des Wohlwollens eines tugendhafften Frauenzimmers würckt in einem ehrlichen Gemüthe mehr / als andere durch die nachdrücklichsten und freyesten Liebes-Bezeugungen. Zirolane merckte diß zwar / und hätte diese Würckung gerne verhütet /aber ihr stund eine sauersehende Ernsthafftigkeit und die Entziehung von seiner Gemeinschafft noch weniger an / weil diese scheinbare Art zu leben ins gemein von denen angenommen wird / welche für tugendhafft angesehen seyn wollen / was sie nicht sind. Zumal da Zirolane geschickt war durch ihre holdselige Bezeugungen nicht weniger Ehrerbietigkeit als Liebe andern einzudrücken. Als sie einsmahls in dem Garten zu Mattium in einer tieffsinnigen Einsamkeit herum gieng / machte ihm Ariovist einen Weg / daß sie ihm gleichsam ungefähr begegnen muste. Wie er ihr nun unvermuthet auf den Hals kam / faßte er ihm den Muth Zirolanen durch seinen Mund zu eröffnen / was ihr seine Augen und Anstalten schon tausendmahl verrathen hatten. Er redete sie demnach an: Unvergleichliche Zirolane: Ich würde wider ihre Vollkommenheit und meine Ehrerbietigkeit sündigen / wenn ich mich / daß ich sie liebte / zu erklären erkühnte /wenn mein Hertze länger dieselbe mit verborgenen Seuffzern zu verdrücken mächtig wäre. Denn ich weiß wol / daß Bescheidenheit eigentlich die zum Wesen der Liebe gehörige Tugend sey / und daß wer gefallen will / verstehen müste / ehrerbietig zu seyn / und wer in der Liebe vergnügt werden wolte / müste lange Zeit schweigen können. Zirolane färbte sich nicht allein über dieser unvermutheten Freyheit / sondern sie konte sich auch so geschwinde nicht aus ihren Gedancken auswickeln / daß sie ihre Zunge was anders zu antworten[920] hätte unterrichten köñen / als: Sie wüste wol / daß Ariovist zu schertzen gewohnt / aber / wenn er einem gemeinen wohlwollen den Titel der Liebe zueignete / allzu freygebig mit einer so köstlichen Sache wäre. Ariovist nahm diß Wort zu seinem Vortheile / und sagte: Er gestünde / daß das Wort der Liebe den Brand seiner Seele auszudrücken zu wenig Nachdruck hätte / aber weil diese ihrem eigenen Urtheil nach was so köstliches wäre / solte sie es doch in ihrem Hertzen nicht so verächtlich halten. Zirolane versätzte: Dieses hält die Liebe so hoch / als das gröste Heiligthum / und wird sie / so lange als ihr Hertze schlagen kan / in ihr nicht ausleschen / auch keine andere Flamme sie daraus vertreiben lassen. Welche Gottheit / sagte Ariovist / läßt ihr nur von einer einigen Hand Weyrauch streuen? welche verschmehet alle andere und zwar reinere Flammen? Zirolane antwortete: Ich weiß wohl / daß etliches Frauenzimmer sich an Vielheit ihrer Liebhaber ergetzet / entweder aus einem Uberflusse die Wahl zu haben / oder aus einem so reichen Vorrathe ihrer Schönheit ein desto prächtiger Sieges-Zeichen aufzurichten. Aber die Menschen sind in der Art der Liebe so unterschieden als im Geschmacke. Sie hielte die erzählte aber für die schnödeste Eitelkeit / durch welche sie so viel mehr verspielten / ie reicher sie an Buhlern würden. Eine Frau hätte mehr nicht als ein Hertze / also könte sie auch mehr nicht als eine Seele damit betheilen / wenn sie nicht den Apffel ihrer Ehre zugleich zertheilen / ihre Liebe aber zum Laster machen wolte. Ariovist seuffzete /und beklagte sich über ihre Unempfindligkeit gegen seiner Liebe. Er wüste zwar / daß Frauenzimmer aus der Unempfindligkeit eine Tugend machte / und daraus Ehre suchte; aber diese müste nach geprüffter Beständigkeit sich endlich in Mitleidẽ verwandeln / weñ sie nicht den Nahmen der Grausamkeit verdienen wolte. Zirolane versätzte mit einer etwas ernstlichen Gebehrdung: Er verstünde gar wohl / daß sie über ihr Hertze nicht mehr zu gebieten hätte / also sie nicht mehr geliebt zu werden geschickt wäre / und weil die Liebe ohne Hoffnung eine vergebene Beunruhigung seiner und ihrer wäre / möchte er doch ihm selbst nicht wehthun / wenn er ja mit ihr kein Erbarmnüs haben wolte. Ihre Ernsthafftigkeit war ein Blitz / und ihre Worte ein Donnerschlag in Ariovistens Hertze; gleichwohl sätzte er ihr entgegen: keine Liebe wäre ohne Hoffnung / oder zum wenigsten seine nicht. Zirolane begegnete ihm; wenn sie sich auf Unmögligkeit gründete / wäre sie ein schlechtes Abend-Brodt der Elenden. Ariovist fragte: Ob es denn unmöglich wäre / einen Undanckbaren aus seiner Liebe verstossen / da alle Rechte der Welt billigten dem nicht Treu und Glauben zu halten / der vorher treubrüchig würde? Dieses / antwortete Zirolane / ist allenthalben verantwortlich / nur nicht in der Liebe. Ariovist begegnete ihr: Ach unbarmhertzige Zirolane / was für grausame Gesätze schreibestu dir selber für! was für ein unerträgliches Joch machet sie aus der Liebe / welches der lindeste Balsam der Seele seyn soll! was für einen unverdienten Vortheil schantzet sie der Untreue zu / daß man die lieben soll / welche / wenn es möglich wäre /aus der gantzen Welt mit Strumpff und Stiel ausgerottet werden solten! Sie sperret hierdurch dem Meineyde Thür und Thor auf / wenn die Leichtsinnigkeit das Glücke verdienet geliebet zu werden. Zirolane brach ein: Sie redete der Untreue nicht das Wort / weniger liebte sie selbte / ungeachtet sie dem treubrüchigen nicht gram würde. Die vollkommensten Menschen wären auf eine zeitlang gewissen Schwachheiten unterworffen / wie die grösten Sterne der Verfinsterung. Ihre beständige Treue und das Rad der Zeit / welche alles umwendete / würde auch das Gemüthe ihres Rhemetalces verändern / und wieder in alten Stand sätzen. Sintemahl die Grösse seiner Liebe das Qvell der Eyversucht / die aber[921] eine Ursache seines Irrthumes und Unwillens gewest wäre. Ach! Zirolane /fieng Ariovist an / wie heuchelt sie frembden Lastern / wie betreugt sie sich selbst mit vergebener Einbildung! wie unrecht urtheilet sie / wenn sie die bittere Eyversucht zum Kinde der Liebe macht! Eyversucht bestünde aus eitel Gifft und Galle / sie qvälte sich mit Furcht und Neide / wie solte sie denn aus dem Honige der Liebe flüssen? Ihr Fürhaben verriethe sie / daß sie die bitterste Feindschafft in der Welt wäre. Denn sie glaubte nicht / daß sie geliebt würde / sonst hätte sie sich ja um nichts zu grämen Ursache / wie sie gleichwohl thäte. Daher wäre es ein grosser Irrthum / wenn man diese Pest der Liebe für eine schlechte Furcht das liebende zu verlieren hielte. Rhemetalces würde nicht im Grimme sich aus dem Staube gemacht haben /wenn ein Füncklein der Liebe in ihm steckte / und diß / was er liebte / für dem Verluste zu verwahren / die wenigsten Gedancken hätte. Zirolane antwortete; Also würde ich vielleicht auch urtheilen / wenn ich nicht mehr als ein Mann liebte. Ariovist fiel ein: Wie? solte das männliche Geschlechte dem weiblichen an Hefftigkeit der Liebe was bevor geben? Zirolane versätzte: Niemand würde daran zweiffeln / der einen Blick in die vergangene Welt zurück schickte / und das Gewebe Penelopens / den Rach- und Gifft-Becher der Camma / Artemisiens Glaß mit der Todten-Asche /Porciens Kohlen / Arriens Dolch / und die Holtzstösse der sich mit ihren Männern verbrennenden Weiber in Indien betrachtete; dahingegen schwerlich viel Männer zu nennen wären / die aus Liebe für seine Frau oder Buhlschafft gestorben wären. Ariovist fiel ein: Er wäre nicht gemeint dem Ruhme des weiblichen Geschlechtes den geringsten Abbruch zu thun; gleichwohl nöthigte ihn die Ehre des seinigen / und die Grösse seiner Liebe den Gracchus / den Cajus und Marcus Plautius als Muster männlicher Treue auf die Schaubine zu bringen. Der erste hätte aus zweyen in seinem Hause gefangenen Schlangen nach vernommener Auslegung der Wahrsager die männliche tödten / die weibliche leben lassen / nur daß ihn seine Cornelia überleben möchte; der andere hätte nach seiner Eh-Frauen das Leben für beschwerlicher als den Tod gehalten / und es ihm durch seinen eigenen Degen verkürtzet. Der dritte wäre zu Tarent unter dem Küssen und einbalsamen auf der Leiche und dem Holtz-Stosse seiner Orestilla verblichen / weil seine hertzliche Liebe für besser gehalten / mit ihr durch den Tod vereinbaret / als durchs Leben getrennet zu werden. Zirolane versätzte: dieses wären die einigen drey Wunderwercke der Römer / jedoch müste sie hierbey enträumen / daß die Männer auch so sehr / als Weiber / zu lieben weder Ursache noch Fähigkeit hätten. Denn der Schutz / und die Bedienungen der Männer sind solche Angeln der Hertzen und Ketten der Seelen / daß ein Frauenzimmer ihren auch vergehenden Beschirmer nicht weniger zu lieben / als Epheu seine Stütze /wenn sie schon verdorret / zu umarmen verbunden ist. Nach dem auch ein trauriger Geist der beqvemste Zeug der Beständigkeit / und das tauglichste Oel der Liebe ist / hat man für kein Wunder noch die Männer für verkleinerlich zu halten / daß unser feuchter und trauriger Geschlechte hefftiger und hartnäckigter in Liebe sey. Zumahl da die uns eigenthümliche Tugend der Zucht und Keuschheit / auch von uns derogleichen Beständigkeit / und die Eigenschafft des Palmbaumes erfordert / welcher / nach dem sein männlicher Nachtbar stirbet / oder wegkommt / mehr keine frische Blätter zu bekommen fähig ist. Zu geschweigen / daß das Frauenzimmer auch sich mit keiner andern Gemüths-Regung / als der Liebe zu überwerffen / diese also in ihrem Hertzen eine vollmächtige Königliche Gewalt hat. Hingegen haben Liebe / Ehrsucht / Rache und dergleichen im Hertzen der Männer eine[922] getheilte Herrschafft / also daß jede Regung stückweise nicht so viel / als bey uns die eintzele Liebe würcken kan. Es haben aber desthalben die Männer diesen Vortheil für uns / daß da wir uns der einigen Keuschheit und Treue zu rühmen haben / sie Treue / Tapfferkeit / Gerechtigkeit und andere Tugenden hauffen-weise aufzuführen haben. Ariovist säufftzete und fieng an: Grausame Zirolane / hat die Natur sie nur darum so scharfsinnig gemacht / daß sie unter dem Scheine des Lobes unserm Geschlechte den Gebrechen der Untreue aufrückte? hat die Natur sie darum nur so schön gebildet / daß sie an mir ihre Unbarmhertzigkeit ausübe? Alleine sie glaube mir / daß da gleich alle andere Männer laulichter lieben / als das Frauenzimmer; dieses alles zusammen laulichter liebe / als ich. Bey diesen Worten färbte sich Zirolane abermals / zumal da sie Thußnelden und Adelmunden wenig Schritte für ihr sahe. Sie brauchte daher ihre Ankunfft zum Vortheil sich Ariovistens zu entbrechen; aber indem Zirolane mit Adelmunden Gelegenheit zu sprechen nam / und Thußnelde schertzweise fragte / wormit Ariovist Zirolanen eine solche Röthe abgejagt hätte / beichtete er ihr seine Liebe gerade aus / ersuchte sie um ihren Beystand / weil er wol wüste / daß niemand in der Welt einen solchen Stern über Zirolanens Hertze / als sie / hätte. Thußnelde / welche diß Geheimnüs Ariovistens fürlängst ausgespüret hatte / weil die Liebe ohne Zunge schon ihre Verräther hat / nam die verträuliche Ausschüttung seines Hertzens mit Danck und Freundligkeit an / und sagte: Sie wünschte mehr / als Zirolanens Beständigkeit sie hoffen ließe / ihm hierinnen einen guten Dienst zu thun; weil sie dieses angezielte Bündnüs dem allgemeinen Wohlstande Deutschlandes für überaus verträglich hielte. Ihm würde zwar vielleicht kund worden seyn / daß ihr Bruder Siegesmund auf diese tugendreiche Fürstin stets ein Auge gehabt / und destwegen mit Rhemetalcen etliche mahl zerfallen wäre; aber ihre Schwester-Liebe wäre niemahls mächtig gewest / sie zu der Schwachheit zu verleiten / daß so lange Rhemetalces Zirolanen treu verlieben / sie bey ihr für ihn kein Wort verlohren. Sie versicherte ihn auch / alles euserste vorzukehren / daß im Fall der in Zirolanens Seele so tieff eingewurtzelte Rhemetalces daraus zu heben wäre / einem so vollkommenen Fürsten ihr Bruder keinen Eintrag thun solte. Ariovist ward hierdurch so sehr in seinem Vorhaben gestärcket / daß / wie schlechten Trost er von Zirolanen gleich bekommen / er nunmehr auf sie eine grosse Rechnung machte. Er suchte daher die verbindlichsten Worte her Thußnelden für eine so übermäßige Gnade zu dancken; daß sie aus bloßer Großmüthigkeit sich auf seine als die schwächste Seite schlüge; Ja was alle Staffeln der Großmüthigkeit überstiege / sie für ihn wider sich selbst zu kämpffen übernähme. Thußnelde eröffnete Ariovistens Vorhaben alsbald dem Feldherrn / und dieser dem Hertzoge Arpus und seiner Gemahlin. Weil nun niemand war /der nicht Zirolanen von aller Verbindligkeit freysprach / und ihre Heyrath an Ariovisten für ein Mittel hielt ihn vom Marbod / wider welchen Zirolane die Feindschafft mit ins Hauß brächte / wie auch den Römern abzuziehen / arbeiteten alle an Zirolanen sie zur Vernunfft zu bringen. Weil nun diß so geheim nicht geschehen konte / daß nicht Fürst Siegesmund hiervon Wind kriegte / Thußnelde auch ihm rund abschlug / für ihn bey Zirolanen gut in Worten zu seyn /ward er darüber so ungeduldig / daß er ohne Abschied aus Mattium zoh / und sich zu seinem Vater Segesthes verfügte. Inzwischen ließ ihr Thußnelde fleißig angelegen seyn Rhemetalcens Untreu mit den heßlichsten / Ariovistens Hoheit und Tugenden mit den schönsten Farben abzumahlen / und das Recht / einem Eydbrüchigen nicht glauben zu halten / behauptete sie unwiderleglich. Alleine wenn Zirolane ihren Gründen nichts mehr entgegen[923] sätzen konte / fieng sie an: Ich habe Untreue zu begehen eine viel zu zarte Seele /noch weniger stehet es in meinen Kräfften dessen zu vergessen / den ich einmahl so feste ins Hertze verschlossen; Auch habe ich von Kind auf gelernet / daß der Unbestand in sich eine grosse Schwachheit und wenig Vernunfft habe; daß man sich langsam entschlüssen solle / sein Hertz einem andern zu verpfänden / wenn diß aber geschehen / stünde es einem nicht wol an / ja nicht einst in unser Gewalt das Pfand wieder zu rauben / und einem andern seines darauf habenden Rechtens zu entsätzen. Kein Gesätze noch Vortheil könte uns auch ohne des Pfandhabers Einwilligung diese Macht geben. Thußnelde hielt ihr zwar ein: Rhemetalces hätte sich seines Rechtes und Besitzthums selbst begeben / und ihre Hertze / welches er als das edelste Kleinod der Welt in dem innersten seiner Seele verwahren sollen / selbst von sich gestossen. Jedermann aber wäre berechtigt frembdes Gut / wenn es vom Besitzer weggeworffen würde /aufzuheben. Wie machte denn sie ihr es so schwer ihr eigenes und verschmähetes Hertze wieder zu nehmen? Aber Zirolane blieb darbey / daß Rhemetalces an nichts / als an Ubermaaße seiner Liebe schuldig wäre / und daß er die vermeinte Verletzung ihrer Pflicht durch seine Abwesenheit an ihr hätte straffen / keines weges aber sich ihrer Liebe entbinden wollen. Als nun Thußnelde gleichwol nicht abließ ihr einzureden und zu pressen / fieng sie an: holdseeligste Thußnelde; sie untersuche ihr eigenes Hertze / und urtheile / ob ohne meine Schande an meinem die Ehrsucht mehr Theil haben solte / als treue Liebe. Rhemetalcen habe ich für die einige Glückseeligkeit erkieset / mißgönnet mir nicht / daß / wo er ja untreu worden / auch mein einiges Unglücke sey / und ich durch meinen leichtgläubigen Wanckelmuth mir nicht das zweyte selbst auf den Hals ziehe / bey welchem ich des Trostes meiner Unschuld beraubt seyn würde /den ich bey dem erstern habe / daß ich in meinem Elende doch vergnügt seyn könne / weil mich mein Gewissen keines Lasters anklagt. Weil nun mein Verhängnüs und mein Hertze an Rhemetalcen so feste verknüpfft ist / so gönne sie mir doch / gerechteste Thußnelde / die Glückseeligkeit der Sclaven / welche / ob sie wol unter ihren Ketten mehrmahls verschmachten / dennoch die Freyheit haben zu lieben und zu hassen / wen sie wollen. Hierüber fielen Zirolanen die Thränen aus den Augen / welche in Thußneldens Seele eine so mitleidende Wehmuth erweckten / daß sie an beyden Höfen / Zirolanens mit mehrern Zumuthungen zu verschonen / bewegliche Vorbitte einlegte. Sie selbst nam auch über sich Ariovisten mit der allen Dingen abhelffenden Zeit zu trösten / weil neue Wunden und neuer Schmertz nicht harte angerühret werden dörffte / und das Leid am geschwindesten verrauchte / welches am hefftigsten anfienge. Es wäre in der Liebe kein geringer Anfang /weñ einer sich bey der / welche er zu lieben ihm erkieset / sich in ein so hohes Ansehn versätzte; als Ariovist in den Augen Zirolanens wäre. Die Noth zwang Ariovisten / daß er für dißmahl mit der Hoffnung /und denen vielen vom Feldherrn / und denen Cattischen Fürsten erwiesenen Ehren-Bezeugungen sich vergnügen muste. Den Tag für seinem Abzuge hielt Ariovist noch einen prächtigen Turnier / darinnen er nebst sechs Alemännischen Rittern wider alle andere vertheidigte: daß seine auf eine Seule des Reñplatzes gesetzte Buhlschafft / welche Zirolanens augenscheinliches Ebenbild war / die schönste uñ tugendhaffteste Fürstin der Welt wäre. In diesem legte er so grosse Ehre ein / daß wie vorhin das Frauenzimmer Ariovisten den Ruhm eines höflichen / also der Cheruskisch- und Cattische Adel ihm das Lob eines tapfferen Fürsten geben musten. Dieser Turnier ward mit einem Kopff und Ring-Rennen beschlossen / darinnen er den vom Feldherrn aufgesätzten Degen mit vielen Edelgesteinen gewaan / bey dessen Uberlieferung er sagte: diesen[924] wolte er für die Freyheit Deutschlands so viel freudiger führen / weil er von einem so grossen Helden herkäme. Beym Abschiede verehrte ihm der Feldherr zwölff Cimbrische und Hertzog Arpus so viel Friesische Pferde. Ariovist aber ließ an beyden Höfen vom obersten bis niedrigsten niemanden unbeschenckt. Bey Zirolanen war er nicht mächtig viel Worte zu machen / sondern er bat alleine: weil er unwürdig wäre ihr Liebhaber zu seyn / möchte sie ihn doch nicht verschmähen zum Diener zu haben. Zirolane antwortete: wenn ich so viel Gewalt über meinen Willen hätte ihm zu gebieten / als mein Verstand erleuchtet ist Ariovisten für einen der vollkommensten Fürsten zu schätzen / würde ich mich glückseelig schätzen von ihm die kleineste Gewogenheit zu genüßen. Diese Verträuligkeit zu Mattium war denen Römern / noch mehr aber dem von Rom zurück gekommenen Adgandester ein scharffer Dorn in Augen. Dannenhero er dem Germanicus stets in Ohren lag /mit den Cheruskern und Catten aufs neue zu brechen /nachdem er nicht nur die Sicambrer und Chaucen von ihnen getrennet / sondern auch des Feldherrn eigenen Bruder Flavius auf seiner Seiten hätte. Aber Germanicus dachte viel weiter hinaus / und sagte Adgandestern / daß es bey instehendem Winter / und da man Ariovistens noch nicht versichert wäre / nicht Zeit wäre Krieg anzufangen / da die Deutschen zumahl so wol auf ihrer Hutt stünden. Damit auch diese so viel weniger Verdacht hätten / zertheilte er die am Rheine stehenden Legionen in Gallien. Der Feldherr zohe hierauf mit seinem Hofe und meisten Theile des Kriegs-Volckes wieder nach Teutschburg / allwo ihn die Cheruskischen Stände als den glücklichen Beschirmer der deutschen Freyheit mit tausend Freuden- und Glücks-Wünschen empfiengen.

Wie vergnüget man nun an dem Cheruskischen Hofe lebte / so unruhig war Adgandester und Sentia /welche den Untergang beyder Fürstlichen Häuser beschworen / und durch verwechseltes Austrincken ihres eigenen Blutes so schändlich / als Catilina die Vertilgung der Stadt Rom / bekräfftigt hatten. Nach dem sie lange mit einander gerathschlaget / reisete Adgandester zum Marbod / und weil er alle in der Barden Garten eröffnete Geheimnüsse durch seine Kundschaffter ausgespüret hatte / stellte er dem Marbod für Augen /was für Gefahr seiner Herrschafft ihm von Ariovisten / welcher seines Todfeindes des Gothonischen Fürsten Sohn / als sein Schoos-Kind bey sich erhielte / auch seine Schwester Zirolane zu heyrathen schlüßig wäre /zuhienge. Eben so wenig feyerte Sentia Segesthen anzustifften / daß er dem Germanicus für Augen stellte /was diese Heyrath für eine kräfftige Kette das Alemannische Hauß / welches zwischen der Donau und dem Mayn über so viel streitbare Völcker herrschte /mit den Cheruskern und Catten zu verbinden abgeben / den Römern aber für Nachtheil zuziehen würde. Hierdurch ward verursacht / daß Marbod Adgandestern / und Germanicus den Statilius an den Alemannischen Hof schickte. Da denn jener durch viel Verläumbdungen Zirolanens / und durch gewohnte Feilbietung der Marbodischen Tochter Adelgunde /dieser aber durch vielerley Staats-Gesätze und untergemischte Dräuungen dieser Heyrath vorbeugten. Nach dem diese nun die besorgte Verbindung in ihrer Blüte ersteckt zu haben vermeinten / drang Adgandester mit aller Gewalt beym Germanicus auf den Friedenbruch / und weil dieser ihm zu kaltsinnig vorkam /handelte er unter der Hand mit dem Tiberius / welcher aber wegen hohen Alters des Käysers / uñ sich ereignendẽ Schwachheit von seiner Seite nicht weichen wolte / und weil er auch dem Germanicus den versicherten Sieg nicht göñete / hierüber nicht wenig Schwerigkeit machte. Weil dieser Stein nun auf solche Art nicht fortzuweltzen war / vertröstete er den Tiberius / daß dafern die Römer mit den[925] Catten und Cheruskern brechen / und den Flavius in ein Theil seines väterlichen Erbes einsätzen wolten / traute er die Sicambrer und Chautzen selbst wider sie mit in die Waffen / durch ihr Gebiete einen freyen Durchzug /und noch über diß zu wege zu bringen: daß Hertzog Melo den Römern die Stadt oder das so genannte Altar der Ubier wieder abtreten würde. Diese Vorschläge waren in des Tiberius Ohren ein so süsser Klang / daß er von Stund an dem Germanicus schrieb / er möchte zwar mit dem Kriege noch zurück halten /inzwischen aber alles dahin richten / daß es auf allen Fall ihm an scheinbaren Vorwand eines rechtmäßigen Krieges nicht mangelte. Adgandester verfügte sich hingegen zum Hertzoge Melo / und Ganasch / zeigete selbten eine ihm vom Tiberius zugeschickte Vollmacht / unter des Kaysers Hand und Siegel / daß er mit ihnen wider die unruhigen Catten und den nach der Herrschafft Deutschlands strebenden Herrmann ein Bindnüs schlüssen / und in des Kaysers Seele schweren solte; daß er über dem Rheine keine Spañe Erde besitzen / sondern alles / was er eroberte / dem Melo / Ganasch und Flavius abtreten und einräumen /mit den Deutschen einen ewigen Friede machen / und durch die kräfftigste Einsegnung und Eydesleistungen den Rhein zur heiligen Gräntze machen wolte. Zu Versicherung seiner Gewogenheit wolte er auch auffs neue eine deutsche Leibwache aufrichten / und hierzu eitel Sicambrer und Chauzen nehmen; welche Hertzog Melo und Ganasch selbst auslesen / und ihnen gewisse Hauptleute fürstellen möchten. Durch diese betheuerte Vorschläge / die mitgebrachten Geschencke /und das Geld / wormit Adgandester beyder Hertzoge Kriegs-Hauptleute und Räthe bestach / erlangte er nicht nur alles / was er dem Tiberius versprochen hatte / sondern brachte auch zu Erstaunung gantz Deutschlandes zu wege; daß Hertzog Melo nicht allein gegen Auszählung fünffhundert Pfund Silbers den Cäcina mit der ersten und zwantzigsten Legion in die Stadt der Ubier einziehen ließ / sondern Hertzog Ganasch räumte gegen tausend Pfund Silbers den Römern das Eyland Burchanis / den einen Mund des Flusses Emß mit einem Stücke Landes ein / welches die Römer mit etlichen Batavischen Schiffen und einer Legion besätzten. Diese erwünschte Verrichtung benahm dem Tiberius alle vorige Bedencken mit den Deutschen zu brechen. Daher schrieb er an Germanicus; er solte diese gewünschte Gelegenheit nicht aus der Hand lassen; iedoch vorher einen scheinbaren Vorwand für die Gerechtigkeit der Römischen Waffen auffinden. Germanicus hielt hierüber Rath / und wurden der Herrmansteinische Festungs-Bau / das Erb-Recht des Flavius und allerhand andere Vorschläge auf den Teppicht gebracht / welche aber Germanicus alle verwarff. Endlich wischte Adgandester mit seinem fürlängst ausgedachten Vorschlage herfür: Germanicus solte auf den Tag / da zu Meyntz der dem Jupiter und August erbaute Haupt-Tempel wäre eingeweihet worden / ein allgemeines Opffer-Feyer und Spiele durch den Obersten Priester ausschreiben / und alle / welche aus Gallien und Deutschland dahin von Anfang gewiedmet worden / unter gewisser Straffe verschreiben. Weil nun die Deutschen biß an Mattium an / vorhin darzu gehöret hätten / würde sich Arpus zweiffelsfrey wiedersätzen und seinen Catten zu erscheinen verbieten / welches so denn für eine Versehrung des Römischen Gottesdienstes ausgelegt / und zum Vorwande des Krieges gebraucht werden könte. Uber diß solte Germanicus zu Meyntz eine Brücke über den Rhein und zu derselben Versicherung an die Spitze des zusammen flüssenden Rheines und Meynes eine Festung anlegen. So denn würde alles bey den Catten und Cheruskern brennen / und wenn Germanicus nicht selbst zum ersten loßschlagen wolte / würden die Deutschen am ersten den Degen ausziehen. Dieser Vorschlag ward von allen gebilliget / und auch beydes alsofort für die Hand genommen.[926] Hertzog Arpus ward über die Erforderung seiner Unterthanen /als einen weit aussehenden Eingrieff seiner Herrschafft / überaus erbittert / und noch mehr / als er vom Brücken- und neuen Festungs-Bau Nachricht erhielt. Daher ers durch den Grafen von Hohenstein dem Feldherrn alsbald zu wissen machte / welcher deñ vor rathsam hielt durch Gesandten dem Germanicus die Unbilligkeit dieses den Frieden störenden Vorhabens fürzustellen. Er schickte zu dem Ende auch den Graffen von Teckelnburg bald mitte / und Hertzog Arpus /der inzwischen bey Lebens-Straffe verboten hatte /daß kein Catte nach Meyntz / unter was Schein solches auch wäre / reisen solte / fertigte gleicher Gestalt den Hohenstein an Germanicus ab. Diese beschwerten sich über diese Neuerungen / welche dem getroffenen Frieden schnurstracks zu wider lieffen / und suchten daher um Erhaltung des so viel Blut gekosteten Friedens willen so wohl ein als des andern Abstellung. Germanicus antwortete beyden: Er wäre nie gesonnen gewest den Frieden zu brechen / hoffte auch nicht /daß solches durch seinen Bau und des obersten Priesters Beruffung geschehen wäre. Denn seine Brücke und Festung rührte nicht an das Cattische weniger an das Cheruskische Gebiete / weil jenes durch den Meyn vom Alemannischen abgeschieden wäre. Die Alemänner aber / welche denen Römern beyde Ufer des Rheines enthiengen / hätten darüber keine Beschwerde. Wegen der andern Beschwerde aber verwieß er sie an den obersten Priester. Die Gesandten sätzten dem Germanicus entgegen: Der neue Festungs-bau berührte daß Sudliche Ufer des Meyns /welches die Alemänner allezeit den Catten zugestanden hätten. Und wenn auch selbtes denen Catten nicht zugehörte / so würde doch kein klüger Fürst gestatten / daß der Nachbar ihm harte an seiner Gräntze durch eine so verdächtige Festung eine Prille auf die Nase sätzte / daraus er ihn alle Tage überfallen könte. In wenig Stunden wäre eine Schiffbrücke über den Meyn zu bauen / und also würde Hertzog Arpus nicht sicher seyn ungewafnet einen Fuß aus Mattium zu sätzen. Mit dem obersten Priester zu handeln hätten sie weder Vollmacht / noch ihre Hertzoge einigen Sinn / weil sie demselben keine obere Gewalt zustünden / sondern alleine mit dem Kayser und dem Germanicus zu thun haben wolten. Germanicus nahm diß alles zum Bedencken / verordnete aber den Lucius Apollinaris einen der fürnehmsten Priester / mit dem Grafen von Teckelnburg und Hohenstein sich zu vernehmen. Sie kamen unterschiedene mahl zusa en / und mühte sich Apollinaris auf alle Wege das Recht des Meyntzischen Tempels über ein Theil der Catten zu behaupten. Er führte zum Behelff an / daß alle Griechen / welche gleich unter hunderterley Herrschafften zertheilt gewest / sich alle Jahr nach Elis zum Haupt-Tempel des Olympischen Jupiters / und nach Doris zu dem Triopischen Apollo / das gantze kleine in so viel Königreiche zertheilte Asien sich zu der Ephesischen Magnetischen / und Pergeischen Diana / und nach Smyrna zu Jupiters Heiligthume / alle Eylande des Mittelländischen Meeres nach Co zu dem Esculapischen / und viel andere Länder nach Priene zu dem Heliconischen Neptun erscheinen / Opffer bringen /und denen daselbst angestellten Spielen beywohnen müssen; sondern daß eines oder des andern Volckes Ober-Herrschafft dardurch das wenigste wäre benommen worden. Weil nun unlaugbar wäre / daß bey Einweihung dieses Meyntzischen Haupt-Tempels die Catten / welche damahls unter Römischer Botmäßigkeit gewest wären / solchem wären zugeschlagen worden / könten sie sich dieses Heiligthums nicht entbrechen. Die Gesandten wendeten ein / daß die einen gantz absondern Gottesdienst habenden Catten sich nach andere dem Griechischen und Römischen beypflichtenden Völckern / welche zweiffels-frey auch mehr aus eigener Regung als aus Zwange dieses oder jenes[927] Heiligthum besuchten / nicht zu achten hätten. Uber diß wäre Welt-kündig / daß Griechenland und Asien zwar in viel Ober-Herrschafften zertheilet gewest wäre / aber diese und jene hätten doch einen allgemeinen Bund in Geist- und weltlichen Sachen mit einander gehabt / wären alle Jahr bald zu Smyrna /bald zu Ilium / bald zu Ancyra / bald in andern vornehmen Städten zusa en ko en / hätten über allgemeiner Wolfarth gerathschlaget / und gewisse Fürsten zu Pflegung der gemeinen Haupt-Tempel und des Gottesdienstes bestellet und die nöthigen Unkosten beygetragen. Dergleichen brüderliche Gemeinschafft zwischen den Römern und Catten nicht wäre. Apollinaris aber versätzte: Es rührte das Recht solcher gemeinen Tempel nicht aus einem solchen Bunde / sondern aus der Eigenschafft des Gottesdienstes her / und wäre diesem Genüge geschehen / wenn schon Sparta und Athen mit einander Krieg geführt / Nicäa und Nicomedia / Smyrna mit allen andern Städten in Asien sich um den Vorzug gezancket hätten. Diesem nach wäre die Besuch- und Opferung bey solchen Tempeln in alle Wege eine Noth und Pflicht / nicht aber eine blosse Gutwilligkeit. Deßhalben wären zwischen denen sich in zwey Herrschafften theilenden Juden für Alters so blutige Kriege erwachsen / weil die meisten Stä e nicht mehr hätten wollen in alten allgemeinen Tempel nach Jerusalem kommen / sondern ihnen zu Samaria einen besondern aufgerichtet; welchen Herodes nunmehr dem Kayser August eingeweihet hätte. Die Gesandten warffen ein: Also wäre gleichwohl der Samarische Tempel wider den alten behauptet / von Römern selbst gebilliget / ja / wie sie nicht anders wüsten / in Phönicien bey Stratons Thurme und bey dem Brunnen des Jordans dem Kayser noch zwey besondere Tempel aus weissen Marmel gebauet / und also der alten Tempel Umkreiß geschmälert worden. Wie dem aber wäre / so hätte Germanicus im Nahmen des Kaysers sich alles Rechtes über dem Rheine verziehen. Apollinaris wendete ein: der Kayser hätte sich nur aller weltlichen Botmäßigkeit / nicht aber der geistlichen / welche ohne des obersten Priesters Einwilligung ohne diß auf allen Fall ungültig wäre / begeben. Der Graf von Teckelnburg zohe etliche Müntzen des Kaysers August / darauf der Kayser zugleich als grössester Priester / mit vielen Opffer-Geschirren /herfür und fragte: Ob denn der Priester zu Meyntz mehr / als der zu Rom Macht hätte? Die Römer verstu ten hierüber / endlich fieng Apronius an: Germanicus hätte vom August nur als vom weltlichen / nicht als vom geistlichen Haupte der Römer Gewalt empfangen gehabt. Denn in Sachen der Heiligthümer könte er nur Priestern Gewalt auftragen. Hohenstein aber antwortete: derogleichen Spitzsinnigkeiten wären rechte Fallbrete Treu und Glaubens / welche bey Fürsten unversehrt bleiben müsten / wenn sie gleich sonst aus der gantzen Welt verbannet würden. Es würde dem Germanicus auch zu schlechtem Ruhme gereichen / wenn er sich mit Mangel habender Gewalt entschuldigen wolte; die gerade zugehenden Deutschen aber würden künftig hunderterley Bedencken haben auf der Römer Wort uñ Friedenschlüsse zu trauen. Hertzog Herrmann und Arpus würden auch biß auf den letzten Blutstropffen gefochten und von keinem Friede gehöret haben / weñ sie ihnen hätten träumen lassen / daß Kayser August / wider welchẽ sie gekriegt / daß er nicht ihr König würde / durch den Frieden ihr Gott werdẽ solte. Dahero würde ehe Hi el und Erde brechen / ehe die nur einen einigen Gott gläubenden Catten den August / welchen sie für einen sterblichen Menschen hielten / wie die Gallier zu Lugdun / die Spanier zu Tarracon / die Asier zu Ancyra anbeten / oder zum Bau des ihm zu Athen von den meistẽ Völckern der Welt besti tẽ Tempels /welcher vorher dem Olympischen Jupiter heilig gewest / einen Scherff oder Stein beytragen würden. Apronius[928] brach ein: Es wäre der Römer Meinung nicht /daß die Catten in diesem Tempel ihren Glauben abschweren und nebst dem Jupiter den Kayser anbeten solten. Dieser hätte seiner Bescheidenheit nach allezeit die Ehre und den Bau der ihm von Ländern angebotenen Tempel mehr verhindert / als befördert; des obersten Priesters Verlangen wäre alleine diß / daß diesem Tempel die gehörigen Opffer-Thiere geliefert /die Unkosten zu dessen Erbauung beygetragen / den Opffern und denen heiligen Spielen die Ehre der Beywohnung geleistet würde; welches ohne Abbruch ihrer im Hertzen habenden Glaubens gar wol geschehen könte. Hohenstein brach ein: die Deutschen sind zu solcher Heucheley ungeschickt / daß sie einen andern GOtt im Hertzen / einen andern eusserlich ehren. Wenn sie auch einem andern Herrn zinßen und Dienste leisten solten / würde Hertzog Arpus nur ihr halber Herr seyn / da sich doch die Herrschafft nicht theilen läst. Und warum hätten die Römer nicht das erste Jahr nach geschlossenen Frieden von den Catten dero gleichen verlangt? Apollinaris sagte: daß die allgemeinen Opfer und Spiele bey solchen Haupt-Tempeln nur alle fünff Jahr gehalten würden. Daher würde diese Beywohnung denen Catten mehr zur Lust als Beschwerde dienen. Alleine die Gesandten stunden auf ihrer Meinung / verfielen aber auf den verdächtigen Brücken- und Festungs-Bau / welchen Statilius /der darüber gesätzte Auffseher so klein machte / daß er nur die zu Handel und Wandel nöthige Brücke und das vom Germanicus an selbtes Ufer aus einer gewissen Andacht gelobtes Bild der Göttin Juno für einem Anlauffe der Räuber und Mordbreñer beschützen solte / und daher den Deutschen keinen Argwohn verursachen könte. Aber Tecklenburg begegnete ihm: Auch den blossen Brückenbau / welcher ein Zeichen einer über den Fluß habenden Herrschafft wäre / könten sie keines Weges verhengen. Sintemahl der Rhein eine Gräntze der Deutschen und Römer / also beyden gemein / und in gemeinen Sachen niemand ohne des andern Willen was zu bauen befugt wäre. Hätten die Römer mit den Deutschen was zu verwechseln / würden wie vorhin hierzu genungsame Schiffe verhanden seyn. Zumal da denen deutschen Fürsten ohne diß mit der Römischen Handlung wenig gedienet wäre / weil die Kauffleute nur Wein und andere zur Wollust und Verterb ihres Volcks dienende Waaren wider das alte Herko en ins Land brächten. Jedoch / weil Hertzog Arpus es einmahl wiewol nur stillschweigend beliebt hätte / wären sie nicht gemeint den Römischen Handelsleuten den offenen Marckt zu verwehren / noch die daselbst zu einem Freybilde aufgesätzte Säule des handelnden Mercur / welchẽ die Römer der nutzbaren Kaufmannschafft halber als einen Erhalter der Welt verehrten / zu versehren begehrten. Ausser dem gereichte es dem heiligen Rheinstrome zur Verkleinerung / daß selbter seinen Rücken unter das Joch einer Römischen Brücke wie eine gemeine Bach stecken solte. Bey nun unzuläßlicher Brücke wäre disseits keine / Befestigung nöthig / und der Juno Bild könte an dem viel höhern Ufer der andern Seite ansehlicher aufgesätzt werden. Es wären dergleichen Heiligthümer den Deutschen allzu verdächtig / nach dem sie gehöret / daß es die einfältigen Hispanier viel Blut /und bey nahe die Freyheit gekostet habe / weil sie die Phönicier einen Tempel des Hercules / die Zacynther ein ander Heiligthum an ihrem Ufer bauen / und sich aus diesen verdeckten Festungen bekriegen lassen. Apronius sätzte diesen entgegen; daß Germanicus nie kein Wort verlohren / noch einigen Argwohn geschöpffet ungeachtet die Deutschen der Mosel gegen über die Festung Herrmanstein gebaut / und gleichsam beyden Flüssen einẽ Zaum angelegt hätten. Teckelnburg antwortete: diese wäre auf dem deutschen Ufer einer neuen Römischen Festung gegen über gebauet / uñ wäre den Römern unverwehrt an dem Rheinufer Galliens zu denen vom Drusus angelegten funfzigen noch hundert neue Festungen aufzuführen. Mit derogleichen Sätzund[929] Gegensätzen giengen ein paar Monat hin / und ob wol Germanicus auf der Deutschen Seiten Recht und Billigkeit zu stehen befand / blieben doch die Römer / welche ungewohnet waren ihnen Gräntzmaale setzen zu lassen / bey ihrer Meinung. Maßen denn auch Germanicus den Gesandten endlich selbst Bescheid gab: Es wäre des Käysers Wille die Brücke über den Rhein zu bauen und zu versichern; also müste er warten / wer solchen Bau ihm zu verwehren sich an ihn reiben würde. Dafern auch die zu Jupiters und des Augustus Tempel gewiedmeten Catten durch ihre Besuchung des Feyers ihrer Pflicht kein Genügen thun solten / würde es dem grösten Priester zu Rom an Mitteln nicht fehlen /einen Tempel dem August auf die oberste Spitze des Taunischen Gebürges zu sätzen. Der Graf von Teckelnburg antwortete dem Germanicus mit einer unerschrockenen Freyheit: Und dem Hertzoge Arpus wird es weniger Müh kosten / einen Tempel vom Taunischen Gebürge herab zu werffen / als es ihm schwer gewest ist / eine besätzte Festung darauf zu schleiffen. Und über die neue Rhein-Brücke würde er sich mühen ehe in Gallien / als die Römer in Deutschland zu ko en. Germanicus hatte sich dieser hertzhaften Antwort so wenig versehen / daß er nichts anders zu versätzen / als zu fragen wuste: Ob ihm sein Fürst diß zu sagen befohlen hätte / und ob er als ein Gesandter oder als ein Herold den Römern den Krieg anzukündigen nach Mäyntz kommen wäre. Teckelnburg aber versätzte unerschrocken: Er und Hohenstein hätten als Bothschaffter sich um Friede und Eintracht lange genung beworben; nach dem sie aber des Germanicus Erklärung für nichts anders als eine Fehde hätten annehmen können / wäre er genöthigt gewest ihm eben diß / was ihre Vorfahren dem grossen Alexander zu verstehen zu geben / nemlich; daß die Deutschen sich für nichts als für dem Einfalle des Hi els fürchteten. Die Catten führten eben so wol / als der nach Carthago geschickte Fabius Maximus in ihrer Schoos Friede und Krieg. Jenen wolten sie mit den Römern gerne unterhalten / diesen aber könten sie nicht ausschlagen / wenn es anders nicht seyn könte. Germanicus fiel ein; So höre ich wol / ihr verlanget / daß ich aus euer Schoos eben diß / was der Rath zu Carthago nehmen soll / nemlich Krieg. Nein sagte Teckelnburg / wir lassen dem Germanicus eine freye Wahl / und dazu so viel Zeit / als er selbst verlangt. Denn wie streitbar gleich die Deutschen sind / halten sie doch den Friede für ein so schätzbares Kleinod / daß man Ursache habe sich hundert mahl zu bedencken / ehe man es wegwerffe. Also verlangen sie nicht / daß sich jemand hierüber aus dem Steigereiffen entschlüsse /und begehren niemanden wie Popilius Länas den Antiochus zu dem Ende in einen Sand-Kreiß mit ihrem Stabe einzuschlüssen. Germanicus / welcher ihm einbildete / daß keines Volckes Gesandter in der Welt gegen einem Römischen Feldherrn mit solcher Freyheit / und ohne mehr Erniedrigung zu reden befugt wäre / ward hierüber verdrüßlich / und antwortete: Arpus mag ihm selbst nehmen was er wil / und ich werde thun / was mir gefället. Und hiermit gieng er in sein inneres Gemach. Die Gesandten zohen hierüber sich gleicher gestalt unvergnügt zurücke / wären auch noch selbigen Abend aus Mäyntz gereiset / wenn nicht die Pforten schon wären geschlossen gewest. Um Mitternacht aber kam ein Freygelassener des Germanicus für der einen Pforte an / welchem auf sein ungestümes Verlangeñ sie wider Gewohnheit eröffnet werden muste. Auf den Morgen aber blieben alle Pforten länger geschlossen als sonst gewöhnlich war; welches in der Stadt bald einen Ruff machte / daß was sonderliches sich müste ereignet haben / sonderlich /weil man die gantze Zeit nach des Freygelassenen Ankunfft in des Germanicus Zimmer Licht gesehen hätte. Ehe auch die Thore geöffnet waren / ließ Germanicus beyde Gesandten noch einmal zur Verhör abholen /und fragte: Ob sie sich eines andern bedacht / und kein Mittel ihre Zwistigkeiten beyzulegen vorzuschlagen hätten? Teckelnburg[930] antwortete; Sie wüsten in beyden Sachen / welche wider den Frieden / die Freyheit und die Ehre der Deutschen lieffen / nichts nachzugeben / trauten auch solches bey ihren Herren nicht zu verantworten. Germanicus fiel ein / und sagte: Ich aber habe der Sache nachgedacht / und weil ich vielleicht am längsten hier Feldherr der Römer gewest /wil ich zeigen / wie hoch ich ihre Tugend und die Eintracht mit ihnen schätze. Daher verlange ich / so lange die Gewalt bey mir steht / keinen Catten zu unserm Tempel und Opffern zu nöthigen / und ich habe bereit befohlen / daß / was an dem Brücken- und Schantzbau angefangen worden / wieder abgethan werden solle. Bey so gestalten Sachen hat kein Catte wider die drey unschädlichen der Juno zu Ehren aufgerichte Bilder kein Wort zu sagen / welche wieder abzubrechen weder die Hoheit des Römischen Volckes / noch meine Andacht verstattet. Er händigte ihnen zugleich Schreiben an beyde Hertzoge ein / welche voller Freundschaffts-Bezeugung und Höfligkeit waren. Beyde Gesandten waren über dieser unvermuthet-guten Abfertigung wol vergnügt / eilten also desto mehr über den Rhein nach Mattium / allwo man dieser geschwinden Veränderung Ursache nicht zu errathen wuste / sonderlich da in wenig Tagen Nachricht einlief / daß der neue Bau bey Mäyntz völlig abgethan wäre. Vierzehn Tage darnach aber kam ein Gerichte aus Noricum / daß Käyser August wo nicht schon todt / doch zu Nola in Campanien todt-kranck wäre / die Römer auch wegen vieler Wunderzeichen an seiner Genesung verzweifelten. Deñ die Sonne wäre zu Rom gantz verfinstert / ein grosses Theil des Himmels in vollem Feuer gesehen / brennende Höltzer aus den Wolcken geworffen / blutige Schwantz-Gestirne wahrgenommen / als der Rath für ihn zu beten sich versa let / das Rathhauß verschlossen gefunden / und einer darauf sitzenden Nacht-Eule heßliches Geschrey gehöret worden. In dem verstriechenen Rosen-Monate hätte der Blitz des Käysers ins Capitolium gesätztes Bild gerühret / und im Worte CÆSAR den ersten Buchstaben vertilget; welches die Wahrsager bald dahin gedeutet hätten / daß / weil ÆSAR in Hetrurischer Sprache Gott hieße / August in hundert Tagen durch Ablegung seines sterblichen Leibes zum Gotte werden würde. Eben so ungewisses Geschrey kam aus Gallien / wiewol Germanicus zu Mäyntz sich anstellte / als weñ alles dieses ein falscher Ungrund wäre. In vierzehn Tagen aber brach des Käysers Tod endlich allenthalben heraus / und kam aus Noricum der junge Brederode ein Batavischer Edelmann zu Mattium an; dieser berichtete den Hertzog; daß er unter der Batavischen Leibwache des Käysers bedient gewest wäre / auch seine Leiche selbst gesehen hätte. Weil der Hertzog nun sich begierig stellte die Art sei nes Todes zu hören / erzehlete Brederode: der Käyser hätte von einem Jahre her sich der Herrschafft wenig mehr angenommen / sondern Livien und den Tiberius alles nach ihrem Wolgefallen einrichten lassen / auch vom Rathe einen Schluß ausgewürcket / daß Tiberius insgemein mit dem Käyser alle Länder verwalten möchte. Seines Todes hätte er mehrmals erwehnet /und an dem Reinigungs-Tage der Stadt Rom / als ein Adler ihm etliche mal ums Haupt geflogen und sich an einem Hause über den ersten Buchstaben des Nahmens Agrippa gesätzet / gemeldet / die zwey A würden bald mit einander vereinbaret werdẽ. Hierauf wäre er mit dem gantzen Hofe in Campanien verreiset / und weil er von dar den Tiberius in Illyricum verschicket / hätte er ihn diß Benevent begleiten wollen /und als ihm solches seiner Schwachheit halber widerrathen worden / hätte er heraus gefahren: Lasset mich / denn ich werde ohne diß nicht wieder nach Rom kommen. Zu Neapolis / dahin er dißmal viel stärckere Tagereisen / als vormals bey besseren Kräfften gethan hätte / wäre sein Zeitvertreib anfangs gewest; daß er die daselbst befindlichen Römischen Knaben Griechisch / die Griechischen Römisch kleiden / derogestalt in verwechselter Sprache um aufgesätzte Preiße mit einander streiten lassen.[931] Hernach hätte er sich mit Umfahrung des Meer-Ufers erlustigt / und weil ihn in dem Puteolischen Seebusem die Egyptischen Getrey de-Schiffe mit tausend Frolocken / Glücks-Wünschen und Lobsprüchen / daß sie durch ihn lebten / durch seine Hülffe schifften / ihm Freyheit und Glücke zu dancken hätten / empfangen / sich und ihre Moße bekräntzet / ihm Weyrauch angezündet / hätte er vierhundert güldene Müntzen den Schiffleuten jedoch mit dem Bedinge / daß sie sie an Würtze / Lein / Papier /Glaß und andere Egyptische Waaren anlegen solten /ausgetheilet. Nachmals wäre er bald auf einen / bald auf den andern Caprischen Eylande angefahren / und darauf geschlaffen. Und hätte der Käyser meist den Salustius Crispus bey sich gehabt / welchen August nunmehr eben so / statt des Mecänas / zu seinem geheimsten Rathgeber gebraucht hätte / wie er mit dem Tiberius an statt des Agrippa seine Sorgen getheilet. Zuweilen hätte ihn auch Sejus Strabo der Hauptmann über die Leibwache und Fabius Maximus / wie Livien sein Weib Martia unterhalten. Dieser hätte Livia durch besondere Arglist ausgefischet; daß der Käyser für wenig Monat auf dem Eylande Planasia gewest /lange mit dem jungen Agrippa gesprochen / ihn vielmahl umarmet / und mit Thränen gesegnet / also des Maximus Urtheile nach / ihn nicht nur wieder nach Rom zu nehmen / sondern wol gar auf den Käyserlichen Stuhl zu erheben bey sich beschlossen hätte. Zwey Tage darnach wäre Maximus todt in seinem Bette gefunden / und weil Martia ihren unverschlossenen Mund den Mörder ihres Ehmañs gescholten / geglaubt worden / daß ihm Livia durch Gifft fortgeholffen hätte. Diese hätte hierauf Post über Post in Illyricum dem Tiberius nachgeschickt / daß weil August kranck wäre / da ihm doch dazumahl das geringste nicht gemangelt hätte / er sich nichts auf der Welt hindern lassen solte / nach Hofe zu kommen. Kurtz darnach wäre der Käyser zu Neapolis am Durchlauffe kranck worden / welches er vom Giffte hergerührt zu haben glaubte / weil er einsmahls Livien selbst betreten / als sie im Garten die schönsten Feigen mit etwas angeschmieret / wo August sie alle Morgen selbst von Bäumen abzubrechen und zu essen gewohnt gewest wäre. Weil nun diese Kranckheit angehalten / hätte er / oder vielleicht Livia nicht länger in einer so grossen Stadt bleiben / sondern die Lufft ändern / und sich nach Benevent wollen tragen lassen. Zu Nola aber wäre er so schwach worden / daß er nicht weiter fortzubringen gewest. Aber Livia hätte das Hauß / darinnen der Käyser gelegen / mit so vielen Wachen besetzet / und die Zi er verschlossen /daß die Leibwache selbst nicht eigentlich hätte erfahren können / ob August noch lebe oder todt sey. Deñ man hätte keinmal einen seiner geheimsten Freygelassenen aus dem Zi er kommen sehen / welchem nicht die Augen voll Wasser gestanden. Gleichwol hätte Livia an Rath nach Rom geschrieben und sonst ausgesprenget / daß es sich mit dem Käyser bessere. Endlich wäre Tiberius den sechzehnden Tag des vom August den Nahmen führenden Monats früh für Tage zurück kommen / und etliche Stunden alleine beym Käyser nebst Livien geblieben / und mitler Zeit alle Liebste und Getreuste des Käysers abtreten müssen. Drey Stunden für Abende wäre Enceladus des Käysers liebster Freygelassener gantz verzweiffelt und trostloß zu ihm kommen / und ihm in Vertrauen entdecket: daß August gleich verschieden wäre / Livia aber hätte bey Leib- und Lebens-Straffe verboten keinen Menschen hiervon das wenigste mercken zu lassen. Tiberius hätte / als er vom Käyser Abschied genommen gehabt / vier Bücher mit aus dem Zimmer gebracht. Als er Enceladus nebst etlichen andern geheimsten Freunden aber hinein kommen / hätte August angefangen: Meine lieben Kinder es ist mit mir am Ende / was meinet ihr / habe ich auf der Schaubine dieser Welt auch einen tüchtigen Gauckler abgegeben? Ich hoffe /weñ die Menschen mir ja nichts guts nachsagen wolten / mir doch die Mauern[932] in Rom Zeugnüs geben werden; daß da ich sie von gebrennten Ziegeln gefunden / Marmeln verlassen habe. Er wünschte den Römern zwar einen bessern Fürsten als er gewest wäre; aber er hätte ihnen nur einen lassen müssen / welcher niemahls zweymahl über einer Sache rathschlagen solte. Nur wäre ihm leid / daß das Römische Volck von so langsamen Kinnbacken solte zerkäuet werden. Wie stehet es aber außerhalb des Hauses? Rühret sich noch niemand meines Todes halber? Wird auch jemand seyn / der mich beweine? Hierauf hätte ihm Enceladus den Spiegel geben / und nachdem er seine Haare verwirret / die Waagen verstellet gesehen /hätte er ihm jene kämmen / die schmincken ja ihm seinen mit Golde durchwürckten schneeweissen Rock /welche Todten-Tracht ihm der Käyser vorher selbst zu fertigen bestellt gehabt / anziehen müssen / vielleicht daß er noch wol gebildet und lebhafft verstorben zu seyn scheinen möchte. Als er auch gehöret / daß gleich Briefe von Rom ko en wären; hätte er gefraget: ob nicht die krancke Livilla des Drusus Tochter gesund worden wäre? hierauf wäre er eingeschlaffen /und nach einer Viertelstunde aufgefahren sich beklagende: daß ihn viertzig Jünglinge wegtragen wolten. Er hätte sich aber bald wieder besonnen / und verlanget / daß alle entweichen / Enceladus aber Livien holen solte. Als diese ko en / und ihn umarmet /hätte er angehoben: Gehab dich wol / Livia / und vergiß in nichts / daß dein Ehmann Käyser August gewesen sey; und wenig Augenblicke darnach wäre er unter Liviens Küssen an eben dem Tage / da er vor Jahren das erste mahl seine Bürgermeister würde angetreten / erblichen und ohne einig geklagten Schmertz / seinem offteren Wunsche nach / wie ein Licht ausgeloschen; Nach dem er sechs und siebtzig Jahre seines Alters weniger fünf und dreißig Tage /und nach der Schlacht bey Actium vier und viertzig seiner Oberherrschafft hingelegt. Livia / weil sie des Freygelassenen Anwesenheit wahrgenommen / hätte sie dem Käyser seinen Nahmen etliche mahl starck in die Ohren geruffen / die Leiche mit vielen Thränen genetzet / und ihm unzählbare Küsse auf den Mund gegeben / gleich als weñ sie seine durch den Mund ausfahrende Seele mit ihren Lippen auffangen und sich mit derselben aufs neue vermählen wolte. Endlich hätte sie dem Käyser den Siegelring / in welchen des grossen Alexanders Bild gestochen gewest / vom Finger gezogen / und dem Tiberius gleichsam als ein Kennzeichen der geerbten Herrschafft mit ziemlich freudigem Antlitze überbracht; nach dem sie vorher dem Käyser die Augen zugedrückt hätte / damit man derselben Sterne nicht hernach weiß werden sähe. Tiberius hätte alsbald fast in alle Länder der Welt viel Posten / die allererste aber durch den nach Neapolis reisenden Salustius Crispus mit einem Jagt-Schiffe von dar aus nach Planasia abgeschickt. Damit des Käysers Tod inzwischen geheim bleiben möchte / hätteste niemanden als ein Weib aus Egypten / welch Land alle andere die Leichen mit Saltz / Zedersafft /Hartzt / Honig / Wachs / Kalck und dergleichen verwahren gelehrt / zur Gehülffen gebraucht / und sie theils aus Gewohnheit / theils die Leiche für Gestanck und Fäule zu bewahren / mit ihr ehe sie erstarret und erblasset / abgewaschen / die Därmer herausgenommen / selbte in einem Kästlein vergraben / den Leib mit Aloe / Myrrhen / Casia erfüllet / alle Glieder eingebalsamet / in den Hals auch die edelsten Oele und Salbẽ gegossen; gleich als der Mensch auch nach dem Tode nicht der Wollust entpehren könte. Deñ Livia hatte bey Zeite alle Nothdurfft herbey geschafft / daß sie selbte nicht allererst im Libitinischen Tempel dorffte kauffen lassen / als in dessen Schatz-Ka er sie den Todten-Pfennig abzuliefern sie noch nicht für rathsam hielt. Zu so niedrigen Diensten erniedriget sich die Ehrsucht / wenn es um die Herrschafft zu thun ist. Bey der Leiche aber hätte sie / um ihr Geheimnüs nicht zu verrathen / kein Altar mit Rauchwercke unterhalten. Vierzehn Tage hernach wäre sein Tod doch ziemlich verdrückt geblieben / und hätte[933] Livia und Tiberius von Rom noch Aertzte und Artzneyen verschrieben / und in dem Hause / darinnen auch sein Vater Octavius verstorben / alle Anstalt gemacht / als wenn der Käyser noch lebte. Als aber sein Tod sich fast nicht mehr hätte verhölen lassen wollen / hätte Sejus Strabo der Oberste die gantze Leibwache für das Hauß erfordert / und ihnen angedeutet: der Kayser hätte die Sterbligkeit verlassen. Sie solten aber weder ihm seine Vergötterung / noch dem vom August erwehlten Erben und Reichsfolger die Herrschafft mißgöñen. Dieser wäre Tiberius / der ihnen genungsam bekañte Vater der Kriegsleute; welchẽ schon für geraume Jahre der Kayser als seinen Gehülffen neben sich auf den Thron gesätzet / und welcher vom Römischen Rathe schon durch einen Schluß hierzu wäre erkieset worden. Dahero nicht so wol durch ihn eine neue Herrschaffts-Art angefangen / als die löblichste des glückseligsten August im alten Gange fortgeführet werden würde. Denn sein Alter wäre schon allen Schwachheiten und Versuchungen entgangen; in seinem geführten Leben wäre nichts zu entschuldigen / sein Gemüthe wäre durch beyderley Glücke geprüfet / niemand lebte / welcher ein klügerer Bürgermeister / und ein tapfferer Feldherr gewest wäre / also / daß weñ gleich der unausmäßliche Leib des Reiches ohne ein Haupt bestehen könte / dessen Unmögligkeit doch die blutigen Bürger-Kriege erhärteten / wäre doch Tiberius würdig / daß die einhäuptige Herrschafft über das freye Rom mit ihm anfienge. Kayser August hätte Rom unverdanckbare Wolthaten erwiesen / aber diß wäre die gröste / daß seine Liebe frembdes seinem Geblüte vorgezogen / und den Tiberius zum Sohne angeno en hätte / nur daß er dem Vaterlande einen guten Fürsten gäbe. Denn von Fürsten gebohren werden / wäre ein blosser Zufall / und schlügen ihrer nicht wenig aus der Art; die Wahl aber hätte das Vor-Recht den besten im gantzen Reiche zu erkiesen. Also würde niemand als ein böser ein ander Haupt wünschen / weniger vorschlagen können. Hierauf hätten sich Livia und Tiberius an der Pforte sehen / und zugleich iedem von der Leibwache dreyhundert güldene Müntzen austheilen lassen. Weil die Hauptleute nun auf unverwendetem Fuße den Tiberius als ihr neues Haupt gegrüsset / hätte iemand unter der Leibwache / denen allen die Thränen häuffig aus den Augen geflossen / den Sinn / weniger das Hertze gehabt sich nach einem andern Herrn umzusehen. Nachgehends wäre die eingebalsamte Leiche des Kaysers auf einem prächtigen Ehrenbette mit einem weissen Goldstücke angethan in einem purpernen Mantel liegende und mit Lorbern gekräntzt / mit Blumen und Oelblättern bestreut / von vierzigen aus der Leibwache aus dem Hauße auf offentlichen Platz getragen und iederman gewiesen worden. Eben diesen Tag wäre der Hauptmann / welcher auf Planasia vom Kayser August wäre bestellt gewest auf den jungen Agrippa acht zu haben / nach Nola ankommen / und hätte dem Tiberius in Anwesenheit des Salustius Crispus und anderer Römer gemeldet: Agrippa wäre todt / und also sein Befehl vollzogen. Tiberius aber hätte dem Hauptmanne ernsthafft geantwortet: Er hätte ihm nichts befohlẽ / sondern er würde seines Thuns halber dem Rathe Rechenschafft zu geben haben. Salustius /welcher die Hand mit in diesem Morde gehabt / und mit in das peinliche Gerichte eingeflochten zu werden besorgt hätte / wäre hierüber erblasset / und / wie ihn des Kaysers freygelassener Polybius verständigt / voller Bestürtzung zu Livien ko en / und ihr gesagt: So würde Tiberius nicht lange Kayser seyn / wenn er die Heimligkeiten seines Hauses / die Rathschläge seiner Freunde / die Dienste der Kriegsleute offenbahren /und alles an Rath zu Rom verweisen wolte. Hierdurch enteusserte er sich der Gewalt eines Fürsten / welcher Grund kein ander wäre / als daß einer alles anordnete. Folgende Tage wäre von Neapolis und andern Orten ein so grosser Zulauff des Volckes gewest / daß sie in Nola bey der Leiche des Kaysers einander zum Theil erdrückt hätten. Niemand aber wäre dahin kommen /der ihm nicht ein reichliches Thränen-Opffer gezinset hätte. Denn wie es eine seltzame Glückseligkeit wäre unter einem guten Fürsten zu leben / also langten aller Welt Thränen nicht zu desselben Verlust auskommentlich zu beweinen.


Ende des fünfften Buchs des andern Theils.

Quelle:
Daniel Caspar von Lohenstein: Großmütiger Feldherr Arminius, Zweyter Theil, Leipzig 1690, S. 733-796,798-934.
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