Siebentes Kapitel.
[38] Captatio beneuolentiae. Vorlesungen. Das zweyte Kapitel vom Taufnamen. Die Avisen.

Der Ludimagister war ein Politikus. Er hatte das im Augenblicke weg, daß Türk das andre Ich des gnädigen Herrn sey. Da er auch nunmehro schon über eine halbe Stunde mit Seiner Gnaden in Freude und Leid konversiret hatte, so waren ihm Hände und Füße schon etwas weniger im Wege, ums Herz wurde es ihm merklich leichter, heller im Kopfe, und das Band seiner Zunge ward los. Er bewunderte in einer wohlgesetzten Rede die Talente des Hundes, erstaunte über die Geschicklichkeit desselben, strich seine Größe, Schönheit und Folgsamkeit heraus, betheuerte, es fehle ihm nichts als die Sprache ....

»Schnack! fiel ihm der Edelmann ins Wort; kann wohl sprechen nach seiner Art. Alloh Türk! pahrel hoch!«

Der Hund brach in ein Mittelding von Heulen und Bellen aus.

Der Schulmeister schlug mit so künstlicher Verwunderung, als hätte er in seinem Leben keinen Hund heulen gehört, die Hände zusammen, verdoppelte seine Lobsprüche, und schloß mit der Versicherung, er hätte nun und nimmer geglaubt, daß ein unvernünftiges Vieh so was lernen könnte. – Dadurch brachte er sich denn einen treflichen Stein bey dem Edelmann ins Brett.

»Und was das schnakisch ist, Schulmeister, daß so 'n Hund Fransch versteht. – Aber nicht eins ins ander zu reden; – was ich sagen wollte, Schulmeister, so hab ich ihn herkommen lassen, daß er mir das Siegfriedenbuch da 'n bischen vorlesen soll. Geh Er da man sitzen, und wenn Er noch 'n Schnaps will, kann Er sich man einschenken.«[39]

Danke gar schöne. Mögte mir zu viel werden, Eu'r Gnaden. –

Hiermit nahmen also die Vorlesungen ihren Anfang, und es gieng so scharf über den hörnernen Siegfried und über des Ludimagisters Lunge her, daß das Buch in zween Vormittagen von einem Ende bis zum andern durchgelesen war, wobey der Vorleser nicht ermangelte, die dunkeln Stellen, deren für den Edelmann nicht wenige waren, durch eingestreuete Anmerkungen, Erinnerungen, Erläuterungen und Gleichnisse – noch dunkler zu machen. Die Seele des Junkers war das unbeschriebenste Blatt von der Welt. Stand ja etwas drauf, so warens ein Paar Dintenkleckse. Kein Wunder also, wenn die Rittergeschichte einen tiefen Eindruck auf ihn machte.

Es ist ausgemacht gewiß, daß die Grille des Pommerschen Edelmanns, sein Geschlecht müsse wohl ursprünglich vom tapfern und mannlichen Ritter Siegfried dem Hörnernen abstammen, diesen Vorlesungen ihren Ursprung zu danken habe. Der Name Seyfried, der in der Lindenbergischen Familie seit undenklichen Generationen so erblich ist, als – sans Komparaison – der Name Heinrich bey den Grafen von Reuß, oder Ludwig bey den französischen Monarchen, bestärkte ihn in seiner Meynung. Und er, der all sein Tage nichts bewiesen hatte, bewies und behauptete nun dagegen männiglich, es müsse sich einmal irgend ein Pfarrer versprochen, oder ein Küster im Kirchenbuche verschrieben haben. Und diese Meynung war er immer bereit mit Säbel und Pistolen zu verdefendiren, wie er sagte. – Nun weißt Du, freundlicher Leser, warum unser Edelmann, wie wir in unserm ersten Kapitel vom Taufnamen anmerkten, es gar zu gern hörte, wenn man ihn Siegfried nannte, weil man nehmlich seinen Ursprung dadurch anzuerkennen schien. Seine Haus- und Dorfgenossen mußten sich wohl in ihn schicken; und da es seinen[40] Nachbarn und etwanigen Bekannten auch nichts verschlagen konnte, ob der Herr von Lindenberg, Siegfried oder Seyfried hieß: so blieb er im ungekränkten Besitz des Namens, dem er so herzlich gut war. – Aber wir fahren in unsrer Geschichte fort.

»Hagel noch mal, Schulmeister, wie ist Er an das Buch gekommen?«

Habs mal gekauft, Eu' Hochwohlgebohrnen Gnaden, als ich meiner Mutter Brudersohn besucht, der in Greifswalde studirte. Ich hörte, daß es ein großer vornehmer Professor in Greifswalde gemacht hätte, und da dacht ich, ich müßte die etlichen Dreyer schon dran wenden.

»Alle Blix! 's muß 'n ganzer Kerl seyn, der Professor – sagt er nicht so? – der so'n Buch machen kann. Bin 'n Edelmann, so gut wie der Kaiser, aber so'n Buch wüßt ich nicht zu machen, nee, und wenn ich die ganze Welt haben sollte. 'Sist'n allerwelts Kerl, der Siegfried! Mögt auch wol mal so um mich 'rum hauen! Hätt sich auch wohl passen können, wenn ich im Dienst geblieben wäre. Aber der Lindwurm, das war'n Racker, so war er. Wüßt ich man mal einen, ich wollt'n lebendig braten, daß er die Angst kriegen sollte. Und da könnt' einer denn auch 'n Buch von machen. Nicht wahr, Schulmeister?«

Allerdings Eu'r Gnaden. Und wenn Eu'r Gnaden denn des Fortunatus Wünschhütlein hätten ...

»Kenne das Dings nicht.«

O Eu'r Gnaden, das war ein köstliches Ding! Ich habe ein kurjoses Buch von diesem Fortunatus mit dem Wünschhütlein und Säckel zu Hause ...

»War das 'n Edelmann, der Fortnaz?«

Allerdings, Eu'r Gnaden! – Das Buch könnt ich Eu'r Gnaden vorlesen ...

»Das kann Er, Schulmeister!«[41]

– und wenn Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden allergnädigst erlauben wollten ...

»Der Blix! das will ich ganz gern, Schulmeister!«

– so könnt ich morgen damit den Anfang machen. Und wenn Eu'r Gnaden ein Liebhaber vom Herzbrechenden sind ...

»Nicht sonderlich, daß ich wüßte.«

Sonst könnt ich auch die Geschichte vom Oktavianus mitbringen ...

»War's auch 'n Kavalier?«

Allerdings Eu'r Gnaden, und ein Römischer Kaiser dazu; aber weil Dero nicht sonderlich fürs Tragische sind ...

»Nee! Nee! Schulmeister bring er das Acktafijanusbuch man auch mit, versteht er, weil's doch von'm Kaiser ist.«

Auf diese Art wußte der Ludimagister immer Ein Buch aufs andre folgen zu lassen; ein Kunstgriff, den er zwar der Sultaninn Scheherazade, die so schön ein Mährchen ans andre zu nähen wußte, nicht abgelernet haben konnte, der ihm aber treflich zu statten kam, sich allmählig dem Herrn Siegfried von Lindenberg unentbehrlich zu machen. Der Edelmann lernte auch nach und nach ein Urtheil über die Bücher fällen, die er vorlesen hörte. Sonderlich erklärte er sich herzlich für die Ritter, an denen er recht viel Bieders, Großes und Gutes bemerkte, und nährte seinen Geist mit ihren großmüthigen und schönen Thaten. »Denn, sieht Er, Schulmeister, pflegte er zu sagen, um sich hauen, kann 'n jeder, der man 'n fixen Säbel und Mark in den Knochen hat. Aber so'n ganz Königreich mir nichts dir nichts wegschenken, das einer eben mit saurem Schweiß und Blut eingenommen hat, oder 'ne Prinzeßinn zu erlösen, die einer sein Lebstage nicht mit Augen gesehen hat, der Blix Schulmeister, das ist'n andrer Schnack.«[42]

Den Kaiser Oktavianus aber erklärte er schlechtweg für einen schäbigten tückischen Schurken, und dessen Mutter für eine verläumderische, garstige, klatschmäuligte Petze, von denen er in seinem Leben kein Wort mehr hören wollte. Das Genovefenbuch sey nicht 'n Haar besser, und Junker Schmerzenreich wäre, mit Permißion zu melden, ein Schleef Aergern konnt er sich über alle Maaßen, wenn er lesen hörte, daß die Ritter an Galatagen in köstlichen Schammlott, oder in grünen Purpur gekleidet waren. Das wäre man nichts. Ein ächter Kriegsmann müsse nichts als seine Uniform tragen; doch ließe er wohl 'n Friesrock überher gelten, wenn's kalt wäre. Schöne Kleider aber, das thäte so heraus kommen, als wenn einer sich der Uniform schämen thäte, u.s.w.

Hätte der Ludimagister die Ehre gehabt, mit den Geschöpfen des unvergleichlichen Cervantes und des komischen Smollet bekannt zu seyn, so wäre ihm wohl nichts leichter gewesen, als aus unserm Edelmann einen Pommerschen Don Quixotte oder Sir Launcelot Greaves zu machen.

Als nun der ganze Apparatus von Büchern, die der Schulmeister ehemals zum Behuf seiner Abendvorlesungen in der Schenke angeschaffet hatte, auch auf dem Schlosse eins nach dem andern vorgelesen und wieder vorgelesen waren, bis der Edelmann fast alles auswendig wußte, begann er nach und nach einigen Ekel vor der losen Speise zu empfinden, und beliebte sich darüber gegen den Ludimagister wie folgt zu erklären:

»Weiß den Kukuk nicht, wie's kömmt, Schulmeister, aber es kömmt mir vor, so thut es, als wenn das Melusinenbuch nicht mehr so hübsch ist.«

Inuenies alium, si istum fastidis, Alexin! versetzte der Ludimagister. Es giebt ja mehr zu lesen, gnädiger Herr! Zum Exempel, was meynen Eu'r Gnaden[43] – jedoch mit unterthänigster Submißion unter Eu'r Gnaden besseres Videtur – wenn Eu'r Gnaden die Avisen kommen ließen?

»Kenne die Dinger nicht, Schulmeister!«

Avisen, unterthänigst! will ich die Gnade haben Dero zu sagen, sind so halbe Bogen, auch wohl ganze Bogen, wo alles drinn steht, was in der ganzen Welt paßiret.

»Alle Blix, Schulmeister! das muß schnurrig seyn! Steht denn auch drinn von dem Hasen, den Türk letztens greifen thät?«

Allerdings Eu'r Gnaden! – Zwar – Wiewohl – Was das anlangt – So eigentlich will ich das nun wohl eben – – Indessen aber – Es könnte doch drinn stehen.

»Hätt mir das längstens sagen können. Steht denn auch drinn, wenn 'n Ritter 'n Haselwurm schmohren thut?«

Allerdings, Eu'r Hochwohlgebohrne Gnaden. So was Remarkabels steht immer drinn.

»Wills kommen lassen, Schulmeister. Wo kriegt man die Dinger? Hä?«

Werden vieler Orten gedruckt, Eu'r Gnaden! Habe mir aber sagen lassen, mit hoher Permißion, daß sie in Hamburg die besten drucken. Hab auch wohl eher welche gesehen, die in Berlin gemacht waren.

Wills kommen lassen. – Krischan! – Ruft mir mal den Verwalter. – Bin doch kurjos; will doch mal hören, obs von Türk drinn steht. – Verwalter, was ich sagen wollt, schick er mal gleich stantepeh 'n Kerl zu Pferde weg nach Hamburg und Berlin, und laß Er mir mal alle Avisen kommen, die da gemacht werden. Laß Er'n brav zu reiten, daß er auf 'n Mittag wieder hier ist, versteht Er.

Halten zu Gnaden, versetzte der Ludimagister, Hamburg liegt wohl, wer weiß wie viel Tagereisen von hier, wo die Elbe ins Mittelländische Meer fällt ....[44]

»Weiß wohl, sagte der Edelmann; dachte man nicht gleich daran.«

– aber wenn Eu'r Hochwohlgebohrnen Gnaden aufs nächste Postamt schicken wollten .....

»Das will ich. Verwalter! schick Er stantepeh auf's nächste Postamt.«

– so könnte sie der Postbote immer mitbringen.

»Kann angehen, Schulmeister.«

Quelle:
Johann Gottfried Müller: Siegfried von Lindenberg. Hamburg 1779, S. 38-45.
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