2. Land und Wasser

Er hat um das Wasser ein Ziel gesetzet, bis das Licht sammt der Finsterniß vergeht.

Hiob.


Jede Bewegung verursacht ein Geräusch, einen Ton, dessen Höhe und Tiefe von der Geschwindigkeit der Bewegung sowohl als auch von der Beschaffenheit und Größe des sich bewegenden Körpers abhängig ist. Die Bewegung der Himmelskörper muß also auch von Tönen begleitet sein, eine Annahme, auf welche sich die Vermuthung begründet, daß da droben im unendlichen Aether ein ununterbrochenes und gewaltiges Singen und Klingen stattfinde, welches man die »Musik der Sphären« genannt hat.

Es scheint, daß bei dieser Vermuthung sehr viel Phantasie aufgewandt worden ist; denn bei der außerordentlichen Dünnheit des Aethers fehlt es im Himmelsraume wahrscheinlich an jedem Mittel, einen Schall fortzupflanzen und also wahrnehmbar zu machen. Das schwache menschliche Ohr wäre unmöglich im Stande, jene Klänge auch nur für eine Minute auszuhalten, und der erste Schritt in die Unendlichkeit würde unfehlbar vom augenblicklichen Tode begleitet sein.

Aber gäbe es eine Möglichkeit, sich hinaufzuschwingen zwischen die Bahnen der Sterne und dort einen festen Punkt zu gewinnen, um die Millionen von Welten an sich vorübersausen zu lassen, so würde auch ohne jene tödtenden Klänge der Eindruck ein gar nicht mit der menschlichen Sprache zu bezeichnender sein. Die fast gedankenschnelle Bewegung der uns in allen Richtungen umblitzenden Sphären wäre mit dem Auge gar nicht zu fassen. Eine Sonne, welche jetzt als ein kleiner, kaum wahrnehmbarer Punkt am fernen Horizonte erschiene, würde im nächsten Augenblicke als ein unendlicher, blendender und Alles versengender Feuerball von kaum meßbarer Größe an uns vorüberzucken und fast in demselben Momente als stecknadelkopfgroßes Johanneswürmchen am entgegengesetzten Ende des Gesichtskreises wieder verschwinden. Und in diesem nie ruhenden, ewig wogenden Meere glanzumflossener Himmelskörper wäre unsere von unzähligen Millionen Wesen bevölkerte Erde einer der kleinsten, der verschwindendsten Tropfen, obgleich auch sie einen überwältigenden Anblick böte, wenn es möglich wäre, z.B. vom Monde aus uns ihr zu nähern und allmählich auf ihre Oberfläche herabzusteigen.

Stellen wir uns im Geiste auf die Spitze eines der Ringgebirge des Mondes, welcher der Erde immer nur eine und dieselbe Seite zukehrt, so würde uns der von uns bewohnte Planet als eine helle Scheibe von ungefähr fünf Fuß Durchmesser erscheinen, auf deren Oberfläche, ebenso wie wir es von der Erde aus auf der Mondscheibe bemerken, lichtere und dunklere Partieen wahrnehmbar wären. – Und könnten wir unseren Standort verlassen, um uns der Erde zu nähern, so würde ihre Größe zunehmen, je weiter wir an sie herankämen.

Die lichteren Stellen würden das Meer bezeichnen, dessen Wasser die darauffallenden Sonnenstrahlen kräftiger reflectiren, als es von dem Festlande geschieht, dessen Thalpartieen wieder dunkler erschienen, als die Höhen der Gebirge.

Erst nur mit dem Rohre, bald aber auch mit dem bloßen Auge würden wir einen Schleier bemerken, welcher theils in festen, compacten und cumulirenden Massen, theils auch zerrissen und in federigen oder langgestrichenen Zügen unserm Blicke von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort die Erde verhüllt und seine Schatten auf dieselbe wirft. – Es sind die Wolken.

Bald auch würden wir bemerken, daß uns ein unsichtbarer Stoff umgiebt, dessen Dichtigkeit und Widerstandskraft zunimmt, je weiter wir uns der Erde nähern. Wir würden seine Bewegungen fühlen und den Einfluß, welchen er auf unsere Constitution äußert, immer deutlicher empfinden. – Es ist die atmosphärische Luft, welche die Erde als ein flüssiges Meer umfluthet, dessen Tiefe man nach verschiedenen Gesichtspunkten zu bestimmen vermag.

Zu athmen vermag der Mensch nur bis zu einer Entfernung bis zu drei Viertel Meilen von der Erdoberfläche. Lambert schätzte die Tiefe des Luftoceans auf 4, Birt auf 61/2, Halley auf 91/2 und Kepler auf 10 Meilen. G. Schmidt stellte die wirkliche Höhe der Lufthülle da, wo ihre sie emportreibende Federkraft und die sie herabziehende Anziehungskraft der Erde im Gleichgewichte stehen, auf 27 Meilen, während Laplace, einer der größesten Naturkundigen, die Grenze der Höhe, bis zu welcher die Lufthülle der Erde noch angehören kann, da bestimmt, wo die nach obenhin zunehmende Centrifugalkraft mit der Schwere ins Gleichgewicht kommt und diesen Punkt, über welchen hinaus jedes Lufttheilchen von der Erde fortgeschleudert würde, auf 5682 Meilen berechnet.

Die atmosphärische Luft besteht außer einer Wenigkeit an Kohlensäure aus

77 Gewichtstheilen oder 79 Raumtheilen Stickstoffgas und

23 Gewichtstheilen oder 21 Raumtheilen Sauerstoffgas;

die große Menge, welche ein Mensch an Sauerstoff verbraucht, ist aber so gering gegen den Sauerstoffgehalt des Luftoceans, daß die ganze jetzt lebende Menschheit zehn Millionen Jahre athmen könnte, ehe sie ihn verbraucht hätte.

700 Kubikzoll Luft wiegen ungefähr 31 Gran, und auf jeden Quadratzoll der tiefsten Stellen der Erdoberfläche drückt die ganze Masse der daraufruhenden Luftsäule mit einem Gewichte von 15 Pfunden. Ein erwachsener Mensch, dessen Körper etwa 12 Quadratfuß Oberfläche bietet, trägt also, ohne es zu bemerken, einen Luftdruck von 34,300 Pfund.

Das Weltmeer, welches sich unserm Blicke als ein riesiges, blitzendes und schillerndes Ungeheuer, dessen unzählige Arme wie die Fänge eines monströsen Polypen das Festland umfassen, darstellt, trennt das Letztere in zwei große Continente[133] und eine unzählige Menge kleinerer Landestheile, welche, da sie ganz von Wasser umgeben sind, Inseln oder Eilande genannt werden. Streng genommen sind auch die beiden Festländer Inseln, da auch sie ringsum von den Fluthen des Wassers umspült werden.

Dem Flächenraume nach verhalten sich die Erdtheile wie folgend zu einander:


Asien

793,964 Qu.-Meilen

Amerika

750,055 Qu.-Meilen

Afrika

543,570 Qu.-Meilen

Europa

182,571 Qu.-Meilen

Australien

161,452 Qu.-Meilen

Land am Südpol

2,288 Qu.-Meilen

Summa

2,433,900 Qu.-Meilen


Asien participirt also mit 40, Amerika mit 35, Afrika mit 24, Europa mit 10, Australien mit 8 und das Südpolland mit 3 Theilen an der Masse des festen Landes.


Von der Oberfläche des Wassers kommen auf


das nördliche Eismeer

200,000 Qu.-Meilen

das südliche Eismeer

350,000 Qu.-Meilen

das indische Meer

1,313,000 Qu.-Meilen

den atlantischen Ocean

1,635,000 Qu.-Meilen

den großen Ocean

3,329,000 Qu.-Meilen

Summa

6,827,000 Qu.-Meilen


Also verhalten sich die Flächen der fünf Meere in der angegebenen Reihenfolge ungefähr wie 4, 7, 26, 33 und 67.

Die Stellen, an denen Festland und Wasser zusammenstoßen, also die Küsten, sind in ihrer Ausdehnung und Beschaffenheit von ungemeinem Einflusse auf die Entwickelung der Länder und deren Bevölkerung. Je größer die Ausdehnung der Küste ist und je weniger Gefahr dieselbe der Schifffahrt entgegenstellt, desto günstigere Erfolge bietet sie den wirthschaftlichen Bestrebungen. Außer Australien, dessen Küstenlänge wegen der großen Anzahl von Inseln schwer zu bestimmen ist, besitzen an Ausdehnung der Küste


Afrika

3,520 Meilen

Europa

4,300 Meilen

Asien

7,700 Meilen

Amerika

8,400 Meilen


eine Zusammenstellung, welche sehr zu Gunsten des letztgenannten Landes ausfällt.

Wollte man fragen, wie viel Wasser die ganze Erde besitzt, so würde es unmöglich sein, eine Antwort darauf zu geben. Der Inhalt der Meere, Seen, Ströme, Flüsse und Bäche läßt sich nicht genau bestimmen, ebenso wenig derjenige der Wolken. Jeder Körper, und sei er noch so fest, noch so dicht, hat flüssige Bestandtheile an sich, und die Unmöglichkeit einer solchen Beantwortung leuchtet am meisten ein bei der Betrachtung, daß das feuchte Element sich in stetem, nie rastendem Umlaufe befindet.

Das reine oder destillirte Wasser besteht ungefähr aus zwei Volumen Wasserstoffgas und einem Volumen Sauerstoffgas und ist fast nur auf künstlichem Wege herzustellen, da selbst das ihm am ähnlichste Regenwasser selten vollständig rein die Erde berührt. Das Gewicht des Wassers ist demjenigen der Luft gegenüber so groß, daß eine nur 32 Fuß hohe Wasserüberfluthung des Erdballes denselben Druck ausüben würde, wie die ganze ungleich höhere Luftatmosphäre. Daher kommt es, daß das Wasser in einer Pumpe nur 32 Fuß hoch steigt und nur bei tieferstehender Klappe durch mechanische Kraft höhergetrieben werden kann.

Am meisten mit fremdartigen Bestandtheilen gemischt ist natürlich das Seewasser, welches beispielsweise im nördlichen atlantischen Ocean unter 100,000 Theilen


2,660

Theile Chlornatrium,

510

Theile Chlormagnesium,

123

Theile Chlorcalcium und

466

Theile schwefelsaures Natron, also in Summa

3,765

feste Theile mit sich führt.


Diese Salzung des unermeßlichen Weltmeeres ist auch eines jener großen Naturgeheimnisse, deren Ergründung dem Menschen die schwierigsten Hindernisse in den Weg legt. Lassen wir die Aufklärung der Zukunft über und begnügen wir uns mit der dankbaren Anerkennung der göttlichen Weisheit, welche durch die Vermischung des Festen mit dem Flüssigen eine dem Leben der Erde so segensreiche Anordnung traf.

Was die Tiefe des Meeres betrifft, so ist dieselbe natürlich nicht eine gleichmäßige, und wir verdanken ihre Kenntniß erst der neuern Zeit. Zwischen Brasilien und St. Helena ist bei 26,000 Fuß der Grund noch nicht erreicht worden und auf der Linie von Amerika nach Tristan da Cunha will man im Jahre 1852 die ungeheure Tiefe von 46,200, ja sogar von 49,800 Fuß ermittelt haben, also eine weit über zwei deutsche Meilen betragende Entfernung zwischen dem Boden und der Oberfläche des Meeres. Nimmt man die Spitzen der höchsten Gebirge auf rund 28,000 Fuß an, so ergiebt sich eine Erhebung der Erdrinde bis zu 77,000 Fuß, und mit Erstaunen muß man an die Gewalten denken, welche solche Massen festen und schweren Gesteines bis über die Wolken emportrugen.

Während diese Gewalten, dem Feuer des Erdinnern entströmend und den daselbst eingeschlossenen Gasen angehörig, die riesigsten Gebirgsstöcke in wenigen Stunden emporzuthürmen im Stande waren, äußerte das Wasser einen wenn auch langsamen aber doch nicht weniger umgestaltenden Einfluß auf die Beschaffenheit der Erdoberfläche. Der Tropfen, welcher aus der Wolke fiel, um das Meer zu suchen und auf dem Strahle der Sonne wieder emporzusteigen, wirkt ohne Unterlaß auflösend, fortführend und neugestaltend und bildet den Schlüssel, welchem sich die Fruchtbarkeit der Erde öffnet, um Leben und Bewegung selbst aus dem todten Steine springen zu lassen.

Die alte Anschauung von der Vierzahl der Elemente, Feuer, Wasser, Luft und Erde, ist nicht so absurd und lächerlich, wie es Dem und Jenem zuweilen erscheinen mag. Wenn diese vier Dinge auch nicht die Grundbestandtheile der Naturkörper bilden, so liegen in ihnen doch die Grundbedingungen alles irdischen Lebens, und wenn die Erde den Schauplatz zu diesem Leben bietet, so ist es das Wasser, welches der Luft und dem Lichte den Zugang ermöglicht und ihre Wirkungen vorbereitet.

Und dieses Leben, es blüht und glüht nicht blos auf der Erde, sondern es legt seine unzähligen Gestaltungen ebensowohl in den winzigsten Tropfen wie in die ewig sich neugebährenden Fluthen des unermeßlichen Oceans. Ja, gerade im Wasser begegnet das Auge des Kundigen einer größeren, reicheren und fast überwältigenden Menge von Lebensformen, als außerhalb desselben im freien Lichte der Sonne.[134]

Fragen wir nicht, wie beide, Land und Wasser, sich in einer Schöpfungsperiode bildeten, welche um viele Jahrtausende hinter der Gegenwart liegt. Sie sind da und tragen das Ihrige zu den Bestandtheilen des Körpers bei, welcher uns und allen irdischen Wesen gegeben ist. Bewundern wir vielmehr die Allmacht Gottes, welche aus einer Hand voll Staubes und einer kleinen Menge Wassers Körper formte, deren Darstellung selbst der größesten Kunst und Wissenschaft eine ewige Unmöglichkeit bleiben wird und die zur Wohnung von Geistern dienen, deren Ursprung und Zukunft als unerforschte Räthsel in der Hand des himmlischen Vaters liegen.

Die alten Bewohner Mesopotamiens erzählten sich eine Geschichte von Oannes, dem großen Lehrer, welcher aus den Fluthen des Wassers stieg, um die Menschen zu unterrichten in Allem, was ihnen zu wissen nöthig war. Diese Sage sollte den Einfluß bezeichnen, welchen das flüssige Element auf die Entwickelung der Erde und ihrer Bewohner hervorbringt, die durch die friedlichen oder zerstörenden Wirkungen des Wassers freiwillig oder gezwungen zu Betrachtungen und Beobachtungen geführt wurden, deren kluge Befolgung eine immer weitere Bildung nach sich zog.

Wenn der Psalmist die Angst seines Herzens nicht besser und wahrer zu beschreiben vermag, als durch die Worte: »Gott, hilf mir, denn das Wasser gehet mir bis an die Seele!« so durfte er für eine Qual seines Herzens Trost bei dem Allgütigen suchen und finden; wenn aber die wirklichen Fluthen über das Land brausen und dem bedrohten Menschenkinde »bis an die Seele gehen,« so führt kein Gebet, sondern die kräftige Anstrengung seines schwimmenden Armes ihn an das rettende Ufer, und die Noth und Gefahr wird ihm zur Lehrerin, deren Stimme er niemals wieder vergessen kann.

Wie sehr die todte, starre Erde des belebenden Wassers bedarf, zeigt sich am Augenfälligsten da,


» ... wo sich im Sonnenbrande

Die öde Hammada erstreckt

Und man im glühend heißen Sande

Nicht einen grünen Halm entdeckt,«


wo die zitternden Reflexe des Sonnenlichtes sich als Mark und Bein verzehrende Fluth über den sterilen Boden lagern und es nur dem künstlich emporgezwungenen Tropfen gelingt, aus dem versengten Lande eine Oase, »das grünende Auge der Wüste,« hervor zu zaubern. Und der Segen des einzelnen Tropfens wächst mit dem hervorsprudelnden Quell, dem schwellenden Bache, dem rauschenden Strome und findet seine größte Bedeutung in den »Leben spendenden Wogen des Meeres.«

Darum waren schon in den ältesten Zeiten die Wellen der Schauplatz heiliger Handlungen, ja sogar Gegenstand der Anbetung, darum sprach Christus am Brunnen zu Sichar vom »Wasser des Lebens«, und darum knüpfte er an das Wasser sein Sacrament von der Aufnahme in den Bund der christlichen Kirche.

Anfänglich stand der Mensch rathlos vor dem brausenden Schwalle der Brandung und schrieb sein »Finisterre« an die vom schäumenden Gischte bedeckten Felsen der Meeresküste. Bald aber trieb ihn die Notwendigkeit oder der Unternehmungsgeist hinaus auf die offene See; die Ungeheuer, mit denen seine ängstliche Phantasie die feuchte Tiefe bevölkert hatte, kleideten sich in freundliche Formen; die Säulen des Herkules, die Scylla und Charypdis verloren ihre Schrecken, und das kühne Auge des Entdeckers erkannte in dem »weltumgürtenden« Oceane einen Sammelplatz unerschöpflichen Reichthums und die Tummelstätte eines alle Länder verbindenden und alle Völker mit sich fortreißenden Verkehres.

Die Gefahren und Wunder des Oceans, welche den früheren Menschen erschreckten, haben dem männlicher gewordenen Geiste gegenüber ihr Fürchterliches verloren und reizen ihn zu jenem fruchtbaren Forschen und Wagen, welches trotz allen Martyrerthums für Wissenschaft und Leben gleich große Erfolge in sich birgt. Sein »Sesam, thue dich auf!« schallt gebieterisch über die Schätze bergenden Wasser; seine segelbefiederten Adler schlagen, vom hohen Stapel stürzend, ihre schimmernden Schwingen von Küste zu Küste, von Continent zu Continent; seine Dampfräder schäumen durch Ebbe und Fluth, und seine Maschinen bohren die mächtigen Schrauben durch Strudel und Strömungen; seine Eisenschienen überbrücken die Arme der Meere, seine Tunnels steigen bis unter den Grund der Flüsse und des Oceans, und sein geflügeltes Wort zuckt mit dem electrischen Funken hoch in der Luft und tief unten im Grunde der See rund um die wirbelnde Erde. Für ihn hat »das Wasser Balken,« denn er ist Herr des Elementes geworden, welches nur Dem sich feindlich zeigt, welcher sich muthlos und feig vor den Gewalten beugt, die dem Geschlechte der Menschen zu Diensten bestimmt sind.

Land und Wasser. Wie verschieden sind beide einander, und doch giebt es Aehnlichkeiten zwischen ihnen. Man stelle sich auf den Stock eines hohen Gebirges und werfe das Auge auf die rundum in immer größerer Tiefe und Entfernung sich wellenförmig wölbenden, bald den blitzenden Sonnenstrahl zurückwerfenden, bald in Grün sich kleidenden und in dunstblauer, nebelhafter Ferne sich verlierenden Bergeskuppeln, und der Eindruck wird derjenige eines Meeres sein, dessen Wogen unter dem Winke eines allmächtigen Willens mitten im Sturme zu Stein erstarrt sind. Und man stelle sich an das Ufer des Oceans; man sehe, wie seine Fläche sich weit und immer weiter ausbreitet, eine Welle, eine Woge hinter der andern sich emporthürmt und die drohenden Wasser aufsteigen wie eine in verschwimmender Höhe bis in die Wolken und den Aether reichende Wand, und der Eindruck[141] wird derjenige einer Gebirgsmasse sein, welche, in den Gluthen des Erdinnern brodelnd und von denselben emporgehoben, ihre Häupter und Gipfel in ewiger Bewegung durcheinander wirft. –

Wenn Lenau sagt:


»Wie mich oft in grünen Hainen

Ueberrascht ein dunkles Weh,

Muß ich nun auch plötzlich weinen,

Weiß nicht wie, hier auf der See,«


so klingt aus seinen Worten die Aehnlichkeit zwischen Land und Wasser in der Wirkung, welche der Anblick des Mächtigen, des Erhabenen in der Menschenbrust hervorbringt. Es ist jenes Empfinden der gegenwärtigen Kleinheit und Bedeutungslosigkeit, jenes Ahnen einer besseren und höheren Zukunft, welches das Herz beschleicht, den Busen schwellt und das Auge unwillkürlich mit wehmüthigen und doch wohlthuenden Thränen befeuchtet. Und wer diese Macht des Eindruckes empfunden, der kann und mag nimmer davon lassen. Mag die Armuth den Gebirgsbewohner weit hinaus in die Fremde, hinunter in das flache Land treiben, er muß doch zurück und findet Ruhe nur zwischen den aufstrebenden Zacken seiner Berge, und mag der Seemann weit hineinwandern in das grünende und blühende Land und schwelgen in Vogelsang und Blumenduft, es kommt doch die Stunde, in welcher ihn die Sehnsucht nach dem Meere übermannt und ihn zurückzieht auf die Planken seines Fahrzeuges, wo er dem gewohnten Sogge lauschen und dem Sturme kühn die Stirn bieten kann.

Ihm ist das Meer die Geliebte, welche mit ihrer Schönheit seine Sinne gefangen nimmt, in nie sich erschöpfender, wechselvoller Laune ihn in steter Arbeit und Bewegung erhält und sich bald mit freundlichem Lächeln, bald mit schmollendem Zürnen, bald mit drohender Erregung seinen Willen unterwirft.

Ja, es ist wahr, mag das Festland der Gefahren und Abenteuer noch so viele bieten, so ist doch die See das fruchtbarste Feld zur Bewährung des persönlichen Muthes, der Besonnenheit, der Geistesgegenwart, überhaupt der Ueberlegenheit des Geistes über die Materie. Denken wir uns einen Sturm, wie ihn der Dichter beschreibt:


»Und siehe, aus der weiten Ferne

Zieht doch das Wetter schon heran;

Es fliehen ahnungsvoll die Sterne

Und der Passat wird zum Orkan.

Da glühet in dem Wetterleuchten

Der aufgeregten Wogen Gischt,

Die, als ob sie zum Himmel reichten,

Sich bäumen, daß es dampft und zischt.

Da hängt die Wolke bis zur Welle,

Der Himmel bis ins Meer herab;

Da stürzt der Blitz, der tageshelle,

Sich flammend in das feuchte Grab.

Die Windesbraut, das Steuer höhnend,

Reißt jäh die Barke mit sich fort.

Gebeugt von ihrer Wucht, stürzt dröhnend

Der Mast zu Deck und über Bord.

Da höret man der Brandung Brausen;

Schon glänzet durch die Nacht ihr Schaum –

Ein Stoß – ein Schrei – und Wogen sausen

Durch Leck und Luken in den Raum.

Da sitzet an dem frühen Morgen

Das Wrack am öden, fernen Strand,

Da ruhet Alles wohl geborgen

Tief unten in des Meeres Sand;

Da liegt der Mensch mit seinem Hoffen,

Mit all' dem Glück, das ihm gelacht,

In seiner besten Kraft getroffen

Von einer einz'gen Wettersnacht,«


so muß man dem kühnen Manne, welcher sich dem schwachen Baue seiner Hände anvertraut, um sich durch Noth und Tod zum fernen Land zu ringen, wohl Bewunderung zollen. Er kämpft mit der Macht des Sturmes und des Wetters, der Strömungen und Gezeiten und weiß selbst der Barre, dem Maskaret, der Bore oder Pororóca zu entgehen, jener furchtbarem senkrechten Wassermauer, welche unter meilenweit hörbaren Brüllen aus dem Meere in die Mündungen der Ströme tritt und allem Menschenwerk mit augenblicklicher und vollständiger Vernichtung droht. Er segelt mit demselben Muthe unter der Hitze des Aequators, welche die Planken seines Schiffes ausdorret, sodaß der Theer aus allen Fugen läuft, wie in den Breiten des Nordpoles, wo er sich durch die Flarden des gefrorenen Meeres sägt und zwischen Eisbergen schwimmt, deren Größe man schon auf 1500 Millionen Kubikfuß geschätzt hat.

Die Verachtung aller Gefahr geht sogar so weit, daß z.B. einer der berühmtesten englischen Seeleute den atlantischen Ocean nicht anders als »den alten Häringsteich« nannte, ein Umstand, der es uns nicht als ein Wunder erscheinen läßt, daß die Chinesen die Engländer am Liebsten mit dem Worte »Yang-kuei-dze«, d.h. »Meerteufel«, bezeichnen.

Flüchtig und ruhelos wie die beiden Elemente, in denen sie sich bewegen, sind die Erscheinungen des Oceans gegenüber denen des Festlandes, welches dem Anker einen Grund und dem Menschen eine Heimath gewährt. Deshalb hat die bleibende Scholle einen unendlich höheren Werth für den Erdensohn als die trügerische und flüchtige Woge, und mit Blut und Leben steht er ein für das Fleckchen Erde, welches er sein Eigen oder sein Vaterland nennen darf.


»Wir pflügen unser eigen Land;

Wir habens wohl errungen.

D'rum fechten wir auch Hand in Hand

Wenn Feinde eingedrungen«


klingt es im Yankee-Doodle, und dieses Erringen und Behaupten hat Heldenthaten geboren, von denen »noch der Nachwelt Stimme spricht.«

Wen das Schicksal, ihm den ruhigen Genuß des heimischen Heerdes verwehrend, hinaustrieb in die weite Welt, der lernt aus der Größe seiner Entsagung und der Macht seiner zurückblickenden Sehnsucht die Bedeutung des Verlorenen erkennen; denn wenn wir auch hier »keine bleibende Stätte haben,« so sind wir doch mit tausend Banden an den Boden gefesselt, dem wir entwuchsen, und ob die Fremde uns noch so Vieles gewährt, Eins versagt sie uns doch: die Stillung jenes tiefinnern Wehes, welches Conrad Crez, der deutsche Dichter in Amerika, so treffend zu zeichnen versteht:


»Land meiner Väter, länger nicht das meine,

So heilig ist kein Boden, wie der deine.

Nie wird dein Bild aus meiner Seele schwinden,

Und knüpfte mich an dich kein lebend Band,

Es würden mich die Todten an dich binden,

Die deine Erde deckt, mein Vaterland!«[142]

Quelle:
Geographische Predigten von Karl May. 2. Land und Wasser. In: Schacht und Hütte. 1. Jg. Dresden (1876). Nr. 18, S. 141-143.
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