6. Strom und Straße

»Ein friedlich Regiment und eine freie Bahn

Für Alles, was der Mensch gebraucht und schafft,

Das ist es, was der Völker Wohlfahrt gründet.«


Als der Herr der Schöpfung dem Menschen jenen herrlichen Garten baute, in welchem er die ersten Tage seines Daseins in stiller Sammlung verbringen sollte, um sich auf eine thatenreiche und arbeitsvolle Zukunft vorzubereiten, durfte unter den hörbaren Lauten des jungen Erdenlebens auch das Murmeln der Quelle, das Plätschern der Welle, das Brausen des Falles und das Rauschen der Woge nicht fehlen. Und zwar war es nicht der Zweck der Bewässerung allein, welchem die vier Ströme Pison, Gihon, Hidekel und Phrat ihr Entstehen verdankten, sondern das Wasser hat in Beziehung auf den Menschen noch eine andere, eine höhere, man möchte fast sagen eine erziehliche Aufgabe zu lösen.


»Vom Wasser haben wirs gelernt,«


singt der wandernde Müllerbursche, wenn er die Gründe aufzählt, die ihn aus der Heimath in die Fremde geführt haben:


»Das hat nicht Ruh bei Tag und Nacht,

Ist stets auf Wanderschaft bedacht,«


und wer an sich selbst den eigenthümlichen Einfluß empfunden hat, welchen das rastlos zum Meere eilende Element auf das empfängliche Gemüth hervorbringt, dem wird der Glaube an jene Aufgabe nicht schwer werden.

Stellt man sich auf eine Brücke und blickt senkrecht hinunter auf die vorüber eilenden Wellen, so scheint es, als ob das Wasser stehe, während man selbst sich in Bewegung befinde, und recht gut kann man, ohne lächerlich zu sein, diese optische Täuschung zu einem Hinweis machen auf das Sehnen nach der Ferne, mit welchem der Gott der Gewässer die seinem Walten Lauschenden gefangen nimmt.

Der erste Mensch nahm nach seinem Erwachen zum Selbstbewußtsein eine reiche Menge von Gegenständen wahr, durch deren Betrachtung er seine Sinne schärfen und sein Urtheil üben sollte. Die erste Frage, welche er sich stellte, war auf das Wesen dieser Dinge gerichtet, dann aber folgte sofort das Verlangen, ihren Ursprung kennen zu lernen. Lange Zeit hat wohl das paradiesische Elternpaar am Ufer des Flusses gestanden, um Räthsel zu ergründen, welche uns schon seit Jahrhunderten zur offenbaren Alltäglichkeiten geworden sind. Je schwieriger ihrem einfachen und ungeübten Verstande die Lösung wurde, desto mehr hofften sie dieselbe in der Richtung zu finden, aus welcher die Wasser kamen, und so richteten sie ihre Schritte stromaufwärts, bis sie an der Quelle standen und das Räthsel ihnen immer noch Räthsel blieb.

Der forschende Geist kennt keine Ruhe, keinen Stillstand. Thürmt sich ihm ein unüberschreitbares Hinderniß entgegen, so sucht er in andrer Richtung, in andrer Weise sein Ziel zu erreichen. »Das Wasser lockt, die Welle zieht,« heißt es im alten Fischerliede; die flimmernden Strahlen, welche von Streif zu Streif hüpfen, das gesprächige Plätzschern und geheimnisvolle Flüstern an den Ufersäumen, das unaufhaltsame Vorwärtsdrängen der wechselvollen und doch ewig gleichbleibenden Massen, deren Tiefe der Fuß des Unerfahrenen nur zaudernd und zitternd sucht, das spurlose und keine Wiederkehr findende Verschwinden der sich vorüberwälzenden lebenspendenden und doch mit dem Tode drohenden Materie richtet den Flug der Phantasie in das Weite und läßt sie dort die Erklärung des Wunders suchen, welches seine Geburt dem Schooße der Erde, seine Verbreitung dem Gesetze der Schwere und sein stetes Fortbestehen dem Wechsel der Temperatur verdankt.

Fort also, den Wellen nach, immer dem Laufe des Baches, des Flusses, des Stromes entlang bis an die Küsten des nimmersatten, durstigen Meeres wanderte der Mensch, den Lockungen der Nixen und Wassernymphen folgend, denen er sich nicht entziehen konnte. Aber diese Wanderung war nicht in Tagen und Wochen vollendet, sondern sie bedurfte langer Jahresreihen und wurde von zahlreichen Ruhepunkten unterbrochen. Der Sterbliche wollte das Verborgene erkennen, er wollte, wie die Bibel sich ausdrückt, »sein wie Gott;« deshalb mußte er den engen Horizont seiner ursprünglichen Heimath erweitern, mußte das Unbekannte suchen, nachdem er das Bekannte erforscht und begriffen hatte, mußte die Erde mit all' ihren Erscheinungen, Gesetzen und Kräften geistig zu erobern suchen, und ward also von dem Engel mit dem flammenden Schwerdte, von der ihm gewordenen Mission aus dem Paradiese getrieben.

Als er an dem Meere ankam, war er gewachsen, war zum Volke geworden, hatte gelernt, sein persönliches Wohl mit demjenigen der Gesammtheit seiner Brüder zu vereinigen und die Bedingungen zu suchen, von deren Erfüllung dieses Wohl abhängig war. Vor allen Dingen aber hatte er eine werthvolle Erfahrung gemacht, nämlich die, daß die Natur ihm in dem Laufe der Gewässer die besten, kürzesten und bequemsten Straßen bot, welche für die wirthschaftliche und politische Entwickelung seiner Nachkommen unbedingt nöthig waren.

Je mehr die Zahl der Seinen wuchs, desto mehr wuchs in ihnen der Drang nach Ausbreitung über die Erde. Die Gebirge mit ihren Felsenriesen, die Wälder mit ihrer undurchdringlichen Wildniß, die Wüsten mit ihren todesstarren Strecken stellten dieser Ausbreitung noch unbesiegbare Hindernisse entgegen, die fließenden Wasser aber durchbohrten diese Felsenketten, durchbrachen diese Wildnisse, belebten diese Wüsten und luden ihn also ein, treue Kameradschaft mit ihnen zu halten. Und als er dann den ersten schwimmenden Baumstamm gesehen und daraus den Schluß gezogen und zur Anwendung gebracht hatte, daß die Fluth auch ihn und seine Lasten tragen werde, that er den ersten Schritt zu einem[262] Verkehre, welcher seine zahllosen Arme rund um den Erdball schlingt und die entlegensten Fernen mit einander verbindet.

Von dem einfachen Flosse bis zum ausgehöhlten Kahne, dem gezimmerten Boote weiträumigen Schiffe war der Sprung nicht zu groß. Der Fisch mit seinen Flossen wurde ihm zum Modell für Ruder und Steuer, vom Nautilus lernte er das Segeln, und nun es auf diese Weise ermöglicht war, die Richtung und Geschwindigkeit der Bewegung nach Belieben zu verändern, durfte es der schwache Mensch wagen, den Kampf mit den Wogen und Winden des Meeres aufzunehmen.

Dem Verkehre zu Lande gelang es nicht, mit solcher Raschheit vorwärts zu dringen. Der Nomad veränderte zwar seinen Aufenthalt, so oft es seinen Heerden an der nöthigen Weide gebrach, aber er kehrte doch immer wieder an diejenigen Orte zurück, welche ihm als fruchtbar bekannt waren; er fühlte keinen Bedarf nach Straße, und die Wasserwege legten ihm Schwierigkeiten entgegen anstatt seinen langsamen Zügen förderlich zu sein. Er bewegte sich im offenen Lande, und wo sich ihm der Wald oder das Gebirge entgegenstellte, kehrte er wieder um.

Der Jäger war der Erste, welcher in die Urwildnisse eindrang und von seinem Muthe sich in unbekannte und also gefahrdrohende Gegenden führen ließ. Kehrte er zurück, so rühmte er sich der ausgeführten Großthaten und erregte dadurch die Lust Anderer, ein Gleiches zu thun. Jetzt verbanden sich Mehrere zu weiten Zügen, um Abenteuer aufzusuchen; die gangbarsten Stellen der Wälder wurden gefunden, die Pässe, welche über die Gebirge führten, entdeckt und dadurch Raub- und Kriegszüge vorbereitet, durch welche die geographische Kenntniß der Binnenländer ihre erste Verbreitung erhielt. Ist es doch heut' noch eine der ersten Aufgaben des Feldherrn, diejenigen Länder genau zu studiren, gegen welche sich seine Operationen richten, und vor allen Dingen für gute und genügende Wege zu sorgen, auf welchen seine Truppen sich bewegen können.[263]

Doch waren dies nur Privatunternehmungen, deren Erfolge keine bedeutenden sein konnten, und oft klang die Kunde von einem entlegenen Lande nur wie eine fremde Sage aus der Ferne herüber. Anders war es, wenn in einem rings von Gebirgen umschlossenen Gebiete sich die Bevölkerung so vermehrt hatte, daß die nöthige Nahrung nicht mehr zu erlangen war. Dann stürzten sich die wehrhaften Krieger wie eine immer größer werdende Lawine von den Bergen herab auf die Tiefländer überschwemmten Strecken, viele Tausende von Quadratmeilen groß, unterjochten die Völkerschaften, auf welche sie stießen und trugen den Sieg auf den Spitzen ihrer Schwerter so weit, bis sie endlich des Kämpfens müde wurden und sich zur Ruhe setzten. Ein solcher Stoß, welchen eine Nation auf die andere ausübte, pflanzte sich oft von einem Erdtheile auf den anderen über, brachte die Menschen mit einander in Verbindung und gab Veranlassung zum Anlegen von Wegen und Straßen, für welche es sonst noch Jahrhunderte lang kein Bedürfniß gegeben hätte.

Solche Züge sind ganz besonders von den Hochebenen zwischen Altai und Himalaya ausgegangen und haben ihre Völkerfluthen bis hinab nach Sibirien, hinüber nach Japan, hinunter nach Indien, herüber nach Europa, ja sogar bis nach Mittelafrika gewälzt. Der Name Mongole hat sich seit jenen Zeiten bis auf die heutige Gegenwart herein in lebhaftem Andenken erhalten.

Als die seßhaften Völker anfingen, Städte zu bauen, stellte sich die Nothwendigkeit heraus, die Ortschaften durch Straßen zu verbinden, um dem gegenseitigen Verkehre die nöthige Förderung zu erweisen. Da die meisten dieser alten Städte an Flüsse gelegt waren, so boten die letzteren die passendste Gelegenheit für den Hin- und Hertransport; freilich war das oft nicht ausreichend genug, und so bildete sich bald ein Nebenverkehr auf Landwegen. Derselbe fand mittelst Lastthieren statt, welche bei der Unsicherheit der damaligen Zeiten in Karawanen versammelt wurden und nur zu gewissen Zeiten ihre beschwerliche Reise antraten.

Diese Art und Weise der Personen- und Güterbeförderung hat sich in Gegenden, deren örtliche Beschaffenheit das Anlegen fester Straßen nicht erlaubte oder deren Bevölkerung sich dem industriellen und commerciellen Fortschritte entzog, bis heut' erhalten, und ganz besonders ist dies bei dem Oriente und den Wüstenstrecken Afrika's der Fall, wo Pferd und Kameel fast ausschließlich noch die Beförderungsmittel bilden.

Das erste, einfachste, aber zugleich kostspieligste Beförderungsmittel war die menschliche Kraft selbst, deren Anwendung eine so naheliegende ist, daß wir ihr selbst in unserer vorgeschrittenen Zeit noch in tausendfältigen Erscheinungen begegnen. Die Anwendung der Schleife bildete den ersten Fortschritt auf diesem Felde und hat sich im Schlitten bis auf uns erhalten. Ein ungleich größerer Schritt aber war der, welchen man von der Schleife zum Rade that. Dieses ist für uns eine der alltäglichsten Erscheinungen, für welche das gewöhnliche Auge kaum mehr einen aufmerksamen Blick übrig hat, und doch gehört die Erfindung desselben zu den einflußreichsten und wohlthätigsten, welche jemals gemacht worden sind. Abgesehen von dem feststehenden Rade, welches als Rolle oder überhaupt Maschinentheil die bedeutendsten Lasten überwältigt und die verschiedenartigsten Arbeiten unternimmt, ist es das fortlaufende, um eine Achse sich drehende Rad gewesen, welches zur Anfertigung aller fortrollenden Transportwerkzeuge, wie Wagen, Karren etc., führte und mit Nothwendigkeit zur Herstellung von Straßen zwang. Die bewegende Kraft mag sein, welche sie wolle, Mensch, Thier oder Dampf, immer muß sie sich des Rades bedienen, und wenn ein neuerer Gelehrter weissagt, daß für die nächsten Jahrhunderte eine Erfindung zu erwarten sei, durch welche der Radmacher und Wagenbauer in Ruhestand versetzt werden müsse, so ist die Erfüllung dieser Prophezeihung mit vollem Rechte zu bezweifeln. Hebel, Rolle, Rad, schiefe Ebene, Keil und Schraube sind die sechs Grundformen aller unserer Werkzeuge und Maschinen; die Mechanik kann nach vorwärts schreiten durch eine neue Anwendung einer, oder eine noch nicht dagewesene Verbindung mehrerer dieser sechs sogenannten »einfachen Maschinen«, nie aber wird sie vermögen, zu ihnen eine siebente zu entdecken, und daher steht eine Verabschiedung des Rades wohl schwerlich zu erwarten.

Die Erfindung desselben fällt jedenfalls in das graueste Alterthum zurück, denn in den ältesten Urkunden fast aller Völker der vorchristlichen Zeit finden wir bereits den Wagen erwähnt und zwar meist in seiner besonderen Anwendung als Kampf- und nach beendeter Schlacht als Siegeswagen. Alle aus jenen Zeiten herüberklingenden Nachrichten sind meist kriegerische und wir dürfen uns nicht wundern, daß wir oft nur auf diesem Wege von Einrichtungen hören, welche vorzugsweise bestimmt sind, dem Frieden zu dienen. Auch das Wort »Heerstraße« enthält einen deutlichen Hinweis darauf, daß der Wegebau sich willig den Gesetzen, welche das Schwert dictirte, fügen mußte, und die alten, berühmten Römerstraßen zum Beispiele waren zunächst für die Zwecke des Krieges angelegt.

Strom und Straße. Bei diesen beiden Worten dürfen wir nicht ausschließlich an Wasserstraßen und Landwege denken. Es giebt Strömungen und Bewegungen, welche einem höheren, dem geistigen Gebiete angehören und hier nicht übergangen werden dürfen.

Eine gewisse Anschauung des Erdenlebens nennt dasselbe eine Pilgerschaft und bezeichnet die Bilder von einem Lebenspfade, einem Lebenswege, einer Lebensbahn als wohlberechtigte Ausdrücke. Auch die Bibel bedient sich dieser sinnbildlichen Sprache, indem sie von einem schmalen und einem breiten Wege spricht, von denen der erstere zum ewigen Leben, der[270] letztere aber zur ewigen Verdammniß führe. Wie das Dasein eines jeden einzelnen Menschen seinen Anfang, seine Richtung und sein Ende hat, so auch die Entwickelung ganzer Völker, des menschlichen Geschlechtes überhaupt, ja des großen irdischen Lebens im Allgemeinen.

»Die Entwickelung der irdischen Verhältnisse folgt dem Laufe der Sterne, geht also von Osten nach Westen,« heißt das erste und oberste Gesetz, nach welchem sich alle fruchtbringende Bewegung auf unserm Planeten regelt. Man hat das Vorhandensein eines solchen Gesetzes von verschiedenen Seiten lebhaft bestritten, aber es ist nicht zu leugnen, daß die Meinung Derer, welche sich zu ihm bekennen, Vieles für sich habe.

Der Osten, also Asien, ist die Geburtsstätte des Menschen, und von hier aus breitete sich die immer wachsende Bevölkerung nach Westen aus und überschritt den Kaukasus ebenso wie die Landenge von Suez, um Afrika und Europa in Besitz zu nehmen. Von Letzterem ward erst Grönland und dann Amerika entdeckt und der Inselkreis des südlichen Weltmeeres in Besitz genommen. Mit dem Menschen wanderte Alles seiner Herrschaft Unterworfene von Osten nach Westen. Die Thiere, welche er zu zähmen verstanden hatte, zogen mit ihm, und die Pflanzen, welche seinem Eigenthumsrechte unterlagen, versetzte er an seinen jedesmaligen neuen Wohnsitz. Beide, Thiere und Pflanzen, lernten, sich acclimatisiren und erlangten nach und nach diejenigen Eigenschaften, durch welche sie befähigt wurden, die Zonenunterschiede in möglichst hohem Grade zu überwinden. Alle unsere Hausthiere, alle unsere Culturpflanzen haben – mit wenigen Ausnahmen – ihre Heimath in Asien und während ihrer Jahrhunderte langen Wanderungen sich die hohe Befähigung angeeignet, uns rund um den Erdball treue Begleiter zu sein.

So lange diese Bewegung sich von Osten nach Westen, nach Süden oder Norden richtet, ist sie eine erfolgreiche, während die umgekehrte Richtung entweder eine sofort verunglückte genannt werden muß oder einen kurzen Segen bringt, welcher sich schließlich in Unsegen verwandelt. Es mag Mühe kosten, die Ursachen dieser Erscheinung zu ergründen, aber die Erscheinungen selbst sind nicht zu leugnen und ebensowenig die Deutlichkeit, mit welcher sie auf ein bestimmtes und unumstößliches Gesetz hindeuten, in Folge dessen sie in das Leben treten.

Wie lange hatten die Eroberungen der alten Babylonier, Assyrer, Meder, Perser, Macedonier und Römer Stand? Warum sind die Chinesen schon seit über tausend Jahren zu einem vollständigen Culturmüßiggang verdammt? Welche Früchte haben uns die Kreuzzüge gebracht und die Römerzüge der Hohenstaufen gegenüber den unermeßlichen Verlusten, die wir durch sie erlitten? Warum mußte Napoleon der Große seine Kaiserkrone verlieren, sobald er sich gen Osten wagte? Warum sind die Völker des amerikanischen Festlandes dem Untergange geweiht? Eine Unzahl ähnlicher Fragen drängt sich dem aufmerksamen Freund der Geschichte auf, und es mag wohl sein, daß bei Beantwortung derselben sowohl örtliche als auch individuelle Gründe in Miterwägung gezogen werden müssen, immer aber wird als Hauptursache das oben angegebene Gesetz zu nennen sein.

Diesem Gesetze gegenüber kann man mit nicht sehr großem Vertrauen an die Zukunft der russischen und englischen Eroberungen in Asien denken. Der Spötter mag immerhin lächeln, aber die Geschichte geht unbeirrt ihren großen, ruhigen Schritt und zeigt wohl zuweilen ein nachsichtiges Schweigen, läßt sich aber nun und nimmermehr einen Ungehorsam gegen ihre eigenen Gesetze abtrotzen. Giebt es doch Gelehrte, welche den Fortbestand der Kartoffel in Zweifel ziehen und dabei auf die Krankheit hindeuten, welcher diese segensreiche Pflanze unterliegt, weil wir sie nicht dem Osten, sondern dem Westen verdanken.

Auch das Leben der Nationen, der Völker hat seine Ströme und Straßen, auf denen es sich ausbreitet oder welche seinen inneren Bewegungen Richtung geben. Der größeste, der gewaltigste Strom verdankt seinen Ursprung der Quelle, die dem dunklen Schooße der Erde entsteigt, aus den von allen Seiten herbeiströmenden Zuflüssen Vergrößerung zieht, durch ihre immer wachsenden Gewässer nach allen Richtungen Segen spendet und nach Lösung der ihr gewordenen individuellen Aufgabe sich mit den Wogen des Meeres vermählt, um nun der großen, allgemeinen Bestimmung des Oceanes sich dienstbar zu machen. So auch das Volk. Seine Anfänge sind klein, und sein Ursprung führt meist in das Dunkel der Verborgenheit zurück. Aber die ihm innewohnende Lebenskraft treibt es vorwärts zwischen den mannigfach gewundenen Ufern, welche ihm von den außer ihm liegenden Verhältnissen gezogen werden, an denen es sich reibt und die ihm innewohnenden Kräfte erprobt, um unter segensvoller Thätigkeit das ihm vorgesteckte Ziel zu erreichen. Denn wie jeder einzelne Wasserlauf für den Nutzen einer besonderen Gegend bestimmt ist, so hat auch jedes einzelne Volk an einer Aufgabe zu arbeiten, die ihre Grenzen innerhalb einer ganz bestimmten Ausdehnung von Zeit und Raum findet.[271]

Wenn die mit Feuchtigkeit und Electricität geschwängerte Atmosphäre ihre Last nicht mehr zu halten vermag, dann erhebt das Gewitter seine grollenden Donner und durchzuckt mit leuchtenden Blitzen den zur Nacht gewordenen Tag. Hohen Segen vermag es der ermüdeten und lechzenden Erde zu bringen; es erquickt die Natur nach angestrengtem Schaffen und sättigt den Boden mit neuen, fruchttreibenden Kräften. Aber auch das Verderben lauert hinter den hoch auf sich thürmenden Wolken, denn, wie Schiller sagt:


»Doch furchtbar wird die Himmelskraft,

Wenn sie der Fessel sich entrafft,

Einhertritt auf der eignen Spur

Die freie Tochter der Natur.

Wehe, wenn sie losgelassen,

Wachsend ohne Widerstand,

Durch die volksbelebten Gassen

Wälzt den ungeheuren Brand!

Denn die Elemente hassen

Das Gebild der Menschenhand.

Aus der Wolke

Quillt der Segen,

Strömt der Regen,

Aus der Wolke, ohne Wahl,

Zuckt der Strahl.«


Dann frißt das glühende Element die Erzeugnisse der menschlichen Arbeit mit nur schwer zu bewältigender Gier, und die Fluthen, von rapidem Wachsthum über die schützenden Ufer getrieben, rollen über Feld und Flur, ziehen das vergeblich gegen sie ankämpfende Leben in ihre schmutzige Tiefe und verwüsten die Stätten, in denen der Mensch seine Hoffnungen in die Erde legte, damit sie zu einer reichen Erndte heranreifen möchten.

So auch im Leben des Volkes. Auch hier giebt es einen Blitzstoff, welcher sich nach zunehmender Schwüle über gewisse Kreise entladen und entweder Heil oder Unheil bringen kann.


»Wo rohe Kräfte sinnlos walten,

Da kann sich kein Gebild gestalten;

Wenn sich die Völker selbst befrein,

Da kann die Wohlfahrt nicht gedeihn.

Weh, wenn sich in dem Schooß der Städte

Der Feuerzunder still gehäuft,

Das Volk, zerreißend seine Kette,

Zur Eigenhülfe schrecklich greift!

Da zerret an der Glocke Strängen

Der Aufruhr, daß es heulend schallt

Und, nur geweiht zu Friedensklängen,

Die Losung anstimmt zur Gewalt.«


Die Revolutionen mögen immerhin ihre Vertheidiger haben, welche sich Mühe geben, die Nothwendigkeit derselben zu begründen, es wird doch nie zu leugnen sein, daß die Gewalt eine gefährliche Maßregel sei und die, wenn auch langsamere aber friedliche Entwickelung der staatlichen Verhältnisse einer Ueberstürzung vorzuziehen ist, welche rücksichtslos über Glück und Leben zahlreicher Bürger streitet und den wirthschaftlichen Wohlstand ebenso wie die öffentliche Ruhe und Sicherheit erschüttert. Man hat die segensreichen Folgen der französischen Revolution gepriesen; diese Folgen sind allerdings nicht wegzudemonstriren, aber man vergleiche sie mit den Opfern, welche sie gekostet haben, und sie werden bedeutend an Werth verlieren. Die normale Höhe und Geschwindigkeit einer Strömung ist dem Wohlstande stets günstiger als eine Anschwellung der Fluth, welche auf das Signal »Im Hochlande fiel der erste Schuß« von den mit thauendem Schnee bedeckten Bergen mit drängender Gewalt zu Thale treibt.

Nicht alle Flüsse und Ströme ergießen ihre Wasser in das Meer; sie verlaufen sich zuweilen in sumpfiger Niederung oder versiechen im dürren Steppensande. Ein Blick in das Leben der Völker zeigt uns ähnliche Erscheinungen, über die hier nur eine Andeutung gegeben werden soll. Und wie auf höher liegendem Gebiete das Wasser ein lebhafteres Gefälle zeigt als in ebenen Ländern, so ist auch die Entwickelung der Gebirgsvölker eine durchschnittlich raschere als diejenige der tiefer wohnenden Nationalitäten. Die meisten der heilvollen Anstöße, welche die Geschichte des menschlichen Fortschrittes zu verzeichnen hat, sind von den Bergen herab gegeben worden, und wie jene stagnirenden Gewässer, welche wenig oder gar keinen Zu- und Abfluß zeigen, nur in streng von der Außenwelt abgeschlossenen Hochthälern oder auf ebener Niederung vorkommen, so ist auch nur an diesen beiden Punkten die Erscheinung zu bemerken, daß die Bewohner einer besonderen Gegend oder eines ganzen Landes sich dem kräftigen Vorwärtsdrängen der Cultur entzogen sehen.

Auch ein jeder einzelne Mensch hat seine Wege und Straßen, welche er geht, und fühlt den Einfluß gewisser Strömungen, dessen Wirkung er nicht zu annulliren vermag. Die sonnige Höhe einer von freundlichen Blumen geschmückter Flur, die nebelfeuchte Verborgenheit eines dunklen Waldgrundes, die düstere Armuth einer von Trümmern besäeter Felsenschlucht sind Orte, an denen der Quell zu Tage tritt. Ist's nicht mit der Geburt des Menschen dasselbe? Wie die Richtung eines Flusses von der Beschaffenheit seines Quellgebietes abhängig ist, so ist auch der Ort, an welchem ein Menschenkind das Auge erschloß, nicht gleichgültig für die spätere Richtung seines Lebens, für den Verlauf seines Schicksales. Und wie ein jeder Strom sein Dasein doch nur dem Meere zu verdanken hat, welches ihn mittelst der Wolken speist – Yang – tse – kiang, Meer-Sohn-Fluß, also Oceanssohn, nennen deshalb die Chinesen sehr bezeichnend ihren blauen Fluß – so ist auch jedes einzelne Individuum in geistiger und materieller Beziehung ein Kind zunächst[278] seines Muttervolkes und dann im Allgemeinen auch des großen Menschenoceanes, welcher seine Fluthen um den Ball der Erde schlägt. Eine jede Bewegung, welche auf diesem Oceane sich geltend macht, dringt früher oder später bis in die entferntesten Winkel und äußert ihre Kraft in höherem oder geringerem Grade selbst an dem einsamen Kohlenbrenner oder dem Einsiedler, welcher meint, in seiner verlorenen Klause der Welt entfremdet und von ihr abgeschlossen zu sein.

Aus der Quelle des mütterlichen Schooßes fließt das Menschenleben durch den Kreis der Familie und das Gebiet der Gemeinde und des Volkes hinaus in das bewegte Treiben des menschlichen Geschlechtes, überall Zuflüsse aufnehmend, nie ruhend, nie rastend, zu immerwährender Thätigkeit gezwungen, bis es in den Jahren des Alters ermüdet und in immer langsamerem Laufe zögernd seiner Auflösung entgegen geht. Kein Fußbreit des Stromes gleicht dem andern, kein Lebenstag ist ein vollständiges Bild des ihm nächstfolgenden; in reichem Wechsel hat sich die Kraft zu bewähren, und so einförmig auch die Tage irgend eines gewöhnlichen und anspruchslosen Menschen dahinzufließen scheinen, in dem Bette der Alltäglichkeit wirft doch die Strömung ihre Wellen, deren jede bei aller Aehnlichkeit doch so verschieden von der andern ist.

Das Wasser schlängelt sich glitzernd durch die saftige Matte, es springt spielend über die Kiesel des Baches, murmelt träumerisch zwischen buschigen Weiden dahin, rauscht schäumend über die hindernden Wehre, stürzt stiebend und zischend in den Kessel des Falles, fluthet rauschend, bald in gefährlichen Wirbeln, bald in ruhiger, schiffetragender Breite an Städten und Dörfern vorüber und wälzt endlich seine Wogen durch die Mündung, schon längst vorher mit den Gezeiten des Meeres kämpfend. Die Kindheit, das Jünglings-, Mannes- und Greisenalter bieten dieselben Erscheinungen, und überall sehen wir den ordnenden menschlichen Willen in Fehde mit den ungezügelten Gewalten der Natur, welche nur dann des Segens Früchte spenden, wenn sie gezwungen werden, sich weisen Gesetzen unterzuordnen.

Wie oft gleicht das Leben eines Menschen einer breiten, geebneten Chaussee, welche durch lachende Gefilde führt und das Vorwärtskommen beschleunigt, indem sie alle Hemmnisse schon im Vorher glücklich überwunden hat! Solche Menschen, meist hoch oder reich geboren, fliegen von Baum zu Baum, von Blume zu Blume, von Genuß zu Genuß und sehen in dem irdischen Sein nur eine ununterbrochene Reihe von Vergnügungen, in denen sie Glück und Befriedigung zu finden glauben. Und doch ist ihnen das wahre Glück, die wirkliche Herzensbefriedigung versagt, denn das Glück ist kein wirklicher, greifbarer Gegenstand, sondern einzig und allein nur zu finden in dem Ringen nach ihm. Nicht das Ziel ist es, was begeistert, sondern das Streben nach demselben bringt mit jedem neuen Schritte, jedem neuen Erfolge auch immer größere Genugthuung und Beseligung, und ist es erreicht, so schweift der Blick sofort wieder in die Ferne, um sich neue Ziele zu suchen.

Wie oft gleicht das Leben eines Menschen einer angestrengten und mühevollen Wanderung auf steilem, schwindelndem Pfade, der an Abgründen und Schluchten vorüber in das Land des Jenseits führt! Solche Menschen scheinen von der Vorsehung bestimmt, den Fluch: »Im Schweiße Deines Angesichtes sollst Du Dein Brot essen« in ganz besonderer Weise zu tragen; aber grad' die Leiden sind die besten Gaben des Himmels, und in den schmerzensreichen Geschicken ruht eine tiefe göttliche Weisheit und Liebe. Freilich wer das Leben von dem Standpunkte des Vergnügens aus betrachtet, will sich zu dieser Anschauung nicht bequemen; »laßt uns heut essen und trinken, denn morgen sind wir todt,« ist der Wahlspruch, welcher in der Vertheilung der irdischen Gaben eine Ungerechtigkeit des Himmels erkennt und die wohlthätige, erziehende Macht der Noth und der Sorge leugnet.[279]

Wie der Landmann eines Weges bedarf, um auf den Acker, die Wiese und in seinen Forst zu gelangen, so kann auch die Bodencultur im Großen und Ganzen der Verkehrsstraßen nicht entbehren, durch welche sie den Bezug ihrer Bedürfnisse und den Absatz ihrer Erzeugnisse ermöglicht. Und ebenso ist es mit der Industrie und dem Handel, welche in der Landwirthschaft ihre eigentlichste Basis finden und von ihr in hohem Grade beeinflußt und in Abhängigkeit gestellt werden.

Bei der rasch fortschreitenden Entwickelung aller unsrer geschäftlichen Verhältnisse macht sich vorzugsweise das eifrige Bestreben geltend, die Schranken möglichst zu überwinden, welche Zeit und Raum dem menschlichen Fleiße entgegenstellten. Zeit ist Geld, und mit dem Raume wachsen die Kosten. Während also die Einrichtung aller unserer heutigen Verkehrsmittel dahin zielt, den Verkehr zu beschleunigen und der Bewegung die erreichbarste Geschwindigkeit zu geben, ist die Construction unserer Wege und Straßen dahin berechnet, dieses Bestreben zu unterstützen, indem man den Raum zu verkürzen, zu verkleinern sucht.

Die Herstellung solcher dem Verkehre dienender Wege und Mittel erfordert zwar gegen früher ein ganz bedeutend höheres Anlage- und meist auch Betriebscapital, aber die Einnahmen stehen mit diesen Ausgaben auch in einem geraden und befriedigenden Verhältnisse, denn der Aufschwung des Verkehres zieht ganz nothwendiger und natürlicher Weise auch einen Aufschwung der Arbeit nach sich und bricht die Fesseln, welche den Menschen an die Scholle binden, auf welcher er geboren ist: Er tritt aus seinen engen Schranken heraus und wird Weltbürger; die Verhältnisse nivelliren sich; die Gegensätze gleichen sich aus, und mit der Erweckung neuer Bedürfnisse geht ihre schnelle und billige Befriedigung, welche der Civilisation zu Nutzen arbeitet, Hand in Hand.

Strom und Straße. Welche Fülle von interessanten Bildern und Erinnerungen wecken diese beiden Worte in uns! Von der Forelle im kühlen Waldbache und dem Krebse in den Höhlungen seiner Ränder bis hinunter zum riesigen Stör an den Mündungen des Meeres verfolgen wir eine Reihe Erscheinungen aus dem Tierreiche, welche schon die Phantasie des Knaben lebhaft beschäftigen und sowohl der Wissenschaft als dem Gaumen auch des erwachsenen Mannes nicht gleichgültig sind. Von dem kleinen Papierschiffe, welches das spielende Kind, sich als großer Seecapitain oder gar Admiral dünkend, der seichten, klaren Welle anvertraut, bis zum mächtigen Flosse oder dem feuersprühenden Dampfer, der den Verkehr des Binnenlandes mit den entferntesten Gestaden vermittelt, schweift das Auge über eine reiche Zahl von Einrichtungen, welche der menschliche Geist erfunden hat, um sich das tägliche Brod zu erwerben, welches freilich seine anspruchslose Gestalt sehr oft auch in die eines feineren Gebäckes verwandelt und zur Delicatesse wird. Auch müssen wir an die mythologischen und phantastischen Gestalten denken, mit denen die Alten und der Aberglaube späterer Zeiten die Bäche, Flüsse und Ströme belebte.

Bei den reichen Segen, welchen ein Fluß seinen Anwohnern, ja ganzen, weitgedehnten Länderstrecken gewährte, war es kein Wunder, daß die Völkerschaften des Alterthums, die ja jeder Idee gern eine persönliche Gestaltung gaben, auch den Strömen Wesen unterstellten, in deren Character die Eigenschaften des flüssigen Elementes einzeln oder im Verein zur Geltung kamen.

Jedes strömende Wasser, war es noch so klein oder auch noch so groß, hatte einen Gott oder eine Göttin, und so geschah es, daß man wohl gar beide als gleichbedeutend nahm und dem Flusse göttliche Verehrung erzeigte. Noch bis in die neueste Zeit hat sich diese Heilighaltung, wenn auch in verschiedener Weise und verschiedenem Grade, erhalten, und es mag hier nur genügen, auf den Nil und den Ganges zu zeigen, womit zugleich darauf hingewiesen ist, daß das Gesagte besonders auf die Völker des Orients Bezug findet.

Auch bei uns beschäftigt der Aberglaube sich mit Vorstellungen, welche die Wasser von übernatürlichen Wesen bewohnen lassen. Um auch hier von der See zu sprechen, so hat der Matrose seinen Klabautermann, seinen Windstillenseegeist, seine Gespenster-, Nebel- und Feuerschiffe, seinen fliegenden Holländer, seinen schwarzen Piraten, deren Zahl um viele gespenstische Capacitäten vermehrt werden könnte. Der Nordländer hat seinen »Stromgeist«, der Westländer seinen »ghost of the river«, der Binnenländer seine Wassernixen, und wenn heut' auch Jedermann die Sage von der Wirklichkeit wohl zu unterscheiden weiß, so sind diese Sagen doch unumstößliche Beweise früherer Kriterien.

Aber nicht blos im Wasser, sondern auch zu Lande auf den Wegen treibt allerlei Spuk sein Wesen. Besonders sind es die Kreuzwege, welche in Verruf gerathen sind, weil auf ihnen zu gewissen Zeiten heilloses Teufelsgezücht versammelt ist oder man auf ihnen Bannungen und Citationen vornehmen kann, wie die schwarze Magie sie ihren leichtgläubigen Jüngern lehrt oder vielmehr weißmacht. Fast jede Stadt, jedes Dorf hat in seiner Umgebung irgend einen Weg, auf welchem es »nicht richtig ist«, auf welchem es »umgeht«, und dergleichen dumme Dinge wurzeln viel tiefer und fester in dem Hirne des Volkes, als man meinen sollte.

Ein anderer, aber doch auch ein Spuk war der, welcher auf allen Wegen und Stegen und bei hellem, lichtem Tage unter der Devise: »Entschuldigen Se, een armer Reesender« seine unzähligen Anfälle auf Männlein und Weiblein machte. Gegen diese Erscheinungen half kein »Alle guten Geister loben ihren Meister«, half kein Kreuzschlagen, kein Paternosterseufzen, sondern die einzige Rettung bestand in einem[286] Griffe in die Tasche, dessen klingender Erfolg der Herr Urian dann kratzfußend mit einem »'schamster Diener« oder »Vergelts Gott zwanzig Tausendmal« quittirte.

Man sieht, diese Art Wesen fürchtete sich nicht, Gott im Munde zu führen, und aus einer Begegnung mit ihnen war also keine Gefahr für das Heil der Seele zu befürchten, vielmehr war ihre leibliche, ihre körperliche Ausstattung gar oft dazu angethan, Gefühle zu erwecken, welche ein Zeichen der wahren Frömmigkeit sind, aber ihr Anblick erinnerte doch zuweilen an die Sceggemy leggemy, die »armen Burschen« Ungarns, welchen jedmänniglich gern aus dem Wege geht, sintemalen ihnen wenig Gutes, wohl aber mancherlei schlimmer Schabernack zuzutrauen ist.

Diese Species stammte von »zu Hause«, hatte seine Heimath »bei Muttern«, nahm Absteigequartier »in der Herberge« und bereiste fechtbummelnd Böhmen, ohne einen Satz böhmisch, Frankreich, ohne ein Wort französisch, Dänemark, ohne eine Sylbe dänisch, und Polen, ohne einen Laut polnisch sprechen oder verstehen zu können. Kenntlich war das Individuum an dem zersessenen, ackerfurchigen Hute, den nach Luft schnappenden Stiefeln, dem graubraungrüngelben Hemdenkragen, den charpiefaserigen Hosen und Rockärmeln, dem »Berliner«, dem Knotenstocke, dem schlendernden »Komm-ich-heut-nicht-, komm-ich-morgen-gang« und einem Wanderbuche, in welchem sich die liebe Polizei durch gar manche holdselige Bemerkung wegen des »Bettels« verewigt hatte.

Auch dieser Spuk hat der unbarmherzigen Aufklärung weichen müssen; keine halb verschmachtete Nordhäuserkehle flötet mehr auf der staubigen Chaussee ihr klagendes


»'nen alten Gottfried hab' ich noch,

Der hat im Arm een großes Loch,

O Jemine, o Jerum!«


oder das beschaulich-erbauliche


»Wenn ich so off der Straße steh'

Und mir mein kleenes Geld beseh,

Da finde ich's, potz Sapperlot

Keen Bischen weiß, 's ist Alles roth!«


Es kann gar nicht geleugnet werden, daß in dem frischen, fröhlichen Wanderleben ein Reiz liegt, welcher den Fuß nach kurzer Ruhe immer wieder hinauszieht in die schöne, reiche Gotteswelt; auch waren die Anschauungen und Erfahrungen, welche der »Handwerksbursch« von seiner Wanderschaft mit in die Heimath brachte, von nicht geringem Werthe für ihn und Diejenigen, mit denen er in Berührung kam; aber die Gegenwart duldet nicht mehr den Bummelschritt der Vergangenheit; sie hält es für eine Sünde gegen die Pflichten des menschlichen Berufes, die kostbare Zeit und Arbeitskraft auf die Landstraße zu werfen, und bietet einem jeden arbeitslustigen und nach Erfahrung strebenden Menschen der Mittel und Wege genug, ohne Verschwendung des Augenblickes und der ihm innewohnenden Gaben zum Ziele zu gelangen.

Mag man immerhin die verloren gegangene Poesie des »Lebens auf der Walze« beklagen, eine große Anzahl der diesem Leben und Treiben Ergebenen waren Verehrer des süßen Nichtsthuns, lebten aus der Tasche Anderer und mußten moralisch als die Verbreiter von Gesinnungen genannt werden, welche mit der Zucht und Sitte nicht im Einklange stehen.

In der sittlichen Verkommung kann niemals eine Poesie liegen, und wer will es wohl wagen, das gigantische Ringen der jetzigen Zeit, den selbst die gewaltigsten Hindernisse überwältigenden, stolzen Flug des alle Versäumniß hassenden Menschengeistes poesielos zu nennen? Unsere Ströme werden schiffbar und tiefer, unsere Straßen breiter und kürzer, unser Jahrhundert schlendert nicht, nein, es rauscht auf den Fittichen des Dampfes seinen Zielen zu, und einem Jeden gilt der Mahnruf: »Rasch einsteigen, die Glocke hat zum dritten Male geläutet!«[287]

Quelle:
Geographische Predigten von Karl May. 6. Strom und Straße. In: Schacht und Hütte. 1. Jg. Dresden (1876). Nr. 36, S. 286-288.
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