5. Mensch und Thier

»Herr, wie sind Deine Werke so groß;

Deine Gedanken sind so sehr tief!«

Psalm 92, 6.


Nicht zufällig stellt der Psalmist in diesem Worte die Begriffe »Werk« und »Gedanke« neben einander; denn während bei dem Menschen das Denken dem verständigen Wirken vorangeht und es begleitet, muß jeder Gedanke der göttlichen Allmacht sofort Gestalt und Wesen annehmen und als Erschaffenes, als Creatur sich offenbaren.

Die Gesetze, Kräfte und Erscheinungen der Natur sind nichts Anderes, als in die Zeitlichkeit getretene Gedanken des Ewigen, durch eine unfehlbare und allweise Logik zu einer Predigt verbunden, welche ebensowohl den strengen Ernst einer allwaltenden Gerechtigkeit, wie das Evangelium einer unendlichen Liebe verkündigt. Diese wunderbare Logik zeigt sich als eine lückenlose und Stufe für Stufe fortschreitende Entwickelung des nächst Höheren und Vollkommeneren aus dem vorangehend Niederen, aber seinem Zwecke vollkommen Entsprechenden, und wo das schwache Auge des Sterblichen eine Lücke in der Kette der Schöpfung zu gewahren vermeint, da thut sich dem späteren und schärferen Blicke das Geheimniß kund, daß die Woche des Schaffens noch nicht bis zu dem siebenten Tage, dem großen Sabbathe der Ruhe vorangeschritten sei.

Jede höhere Stufe kennzeichnet sich durch eine größere Selbstständigkeit des Lebens, eine vermehrte Freiheit der Bewegung und eine immer deutlicher ausgesprochene Individualität (Persönlichkeit).

Das erste Lebenszeichen unseres Planeten bestand in der durch elementare Bewegungen hervorgebrachten Bildung und Gestaltung der Erdmasse. Wir haben diesem gewaltigen Gähren und Treiben nicht beigewohnt; aber wir sehen es, zu Stein erstarrt, seine Felsenwogen aus der Tiefe emportragen und erkennen in jeder Anschwemmung oder Ablagerung des irdischen Stoffes und jeder metallischen oder krystallinischen Erscheinung den wahrheitstreuen Zeugen einer Jahrmillionen umfassenden Entstehungsperiode. Die hierbei thätigen Urgewalten arbeiten noch heut an der Umgestaltung des Stoffes, und die allmälig aber sicher vor sich gehende Veränderung der Erdoberfläche giebt in einer ununterbrochenen Bewegung den Beweis, daß fortwährendes und bis heut' noch nicht erloschenes Leben selbst die starre und an sich todte Materie beherrsche.

Diese unselbstständige Bewegung, dieses willenlose Leben des Unorganischen gewinnt immer wachsende Freiheit erst im Reiche der organischen Körper, welche bis hinauf zum Menschen einen immer bestimmter erkennbaren persönlichen Character zur Geltung bringen.

Die Pflanze hat sich mit den edleren und feineren ihrer Glieder schon von der Erde losgerissen. Zwar kriechen ihre niederen Gattungen und Arten noch am Boden hin, aber die höheren streben kühn empor zum Sonnenlichte und zahlen nur im Blätterfalle dem Boden, welcher sie tyrannisch an den Wurzeln hält, den schuldigen Tribut.

Auch einige der untersten thierischen Wesen vermögen der Erde noch nicht zu entfliehen, aber während selbst den freien Theilen der Pflanze jede Willkür mangelt, ist ihnen schon diejenige Selbstständigkeit der Bewegung geschenkt, welche ihnen erlaubt, dem Instincte der Erhaltung und Vermehrung zu folgen. Und in diesem Instincte ist dasjenige unbestimmbare Prinzip zu erkennen, welches sich durch seine Herrschaft über den Körper später als thierische Seele offenbart und als Geist im Menschen die höchste Stufe seiner Entwickelung erreicht.

Der Uebergang aus dem Pflanzenreiche in das Thierreich ist nicht ein plötzlicher und unvorbereiteter, sondern wie wir gesehen haben, daß es Pflanzen giebt, die ein Wachen und Schlafen, ja sogar eine Empfindung zu haben scheinen, so giebt es auch Thiere, welche wachsen und sich vervielfältigen wie die Pflanzen, Thiere, die man lange nur für Pflanzen gehalten hat und die es in der That doch nicht sind. Aber ist dieser Uebergang einmal geschehen, so eilt die Organisation auch mit raschen Schritten durch die zahlreichen Classen der animalischen Welt bis an jene Grenze, an welcher die Wissenschaft die Frage aufwirft: »Nun sage, Mensch, woher Du stammst!«

So stolz wir selbstgefälligen Menschenkinder auf unsere wissenschaftlichen Eroberungen sein zu müssen glauben, es ist doch nur eine geringe Tiefe, bis zu welcher wir in den »Reichthum beides, der Weisheit und Erkenntniß Gottes« eingedrungen sind. Während das Große, das Augenfällige zumeist und vor allen Dingen unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, vollziehen sich in unserer unmittelbaren Nähe, ja an uns selbst, tausend Wunder, welche wir nicht beachten, weil sie uns alltäglich erscheinen oder zu ihrer Betrachtung einer Bewaffnung unserer Sinneswerkzeuge bedürfen. Und doch ist das Kleine im Haushalte der Natur von unendlich höherer Bedeutung als das Große; denn das Letztere baut sich aus dem Ersteren auf und entnimmt nur ihm die Mittel seines Fortbestandes.

So auch im Leben der Thiere.

Elephanten, Nashörner, Flußpferde, Löwen, Tiger, Riesenschlangen, Krokodile, sie, die Riesen und »Helden« des Thierreiches, sind aller Welt bekannt, und hunderte von Menagerien und zoologischen Gärten bemühen sich, die Kenntniß über sie zu verbreiten, aber


»der Käber und dat Würmelein«


und all' die »Thierikens«, deren Dasein nur mittelst der Loupe zu bestimmen ist, finden wenig Gnade vor den Augen des großen Publikums, obgleich auch hier die Behauptung gilt, daß das »schlichte Heldenthum« oft höheren Werth in sich berge, als die »große Reckenthat.« Was ist die Kraft des[205] Elephanten, der Muth des Löwen und die Kühnheit des Tigers gegen die Arbeit der kleinen Koralle, welche ganze Inseln und Inselgruppen aus der Tiefe des Meeres emporhebt? Welches andere Thier, und wäre es noch so riesengroß, kann seine Muskelkraft mit derjenigen des Floh's messen, welcher mehrere Hundert mal höher springt, als er selber ist? Selbst der mit 4000 dolchähnlichen Zähnen gespickte Rachen eines Riesenhaifisches muß verlieren bei einem Vergleiche mit den Freßwerkzeugen jener winzig kleinen Insecten, welche sich in die gigantischen Stämme der Deakwälder einbohren und das eisenfeste Holz zu Staub und Mehl zermalmen.

Und von welch hoher Bedeutung sind all die kleinen, mikroskopischen Thierformen, deren Kenntniß wir erst der neueren Zeit verdanken, für die Architektur des himmlischen Baumeisters!

In einem einzigen Tropfen Wasser schwimmen viele Tausende von Infusorien, und das höchste organische Geschöpf, der Mensch, beherbergt in seinen Eingeweiden, in seiner Haut, seinen Haaren, im Schleim, der an seinen Zähnen haftet, in dem Blute, das ihm durch die Adern rollt, unzählbare lebende Wesen. Sein Leib ist für Millionen verschiedener und fast unentdeckbarer Geschöpfe eine große wandelnde Welt, wie der ganze Erdball für die Völker des menschlichen Geschlechtes es ist. Sein Sterben und das Verwesen seines Leichnams ist nur der Augenblick, an welchem sich sein Fleisch und Blut wieder in neue Thierarten verwandelt, und selbst in größere, dem bloßen Auge sichtbare Geschöpfe, deren erste Stoffe, Keime und Eier er in sich getragen, ohne eine Ahnung davon zu haben.

Auf dem Grunde des Meeres und der süßen Gewässer bilden die winzigen Foraminiferen mächtige Ablagerungen; ebenso sind viele ausgedehnte Bodenschichten des Festlandes, zum Theil die festesten Felsen, aus ihnen entstanden. In der Steinkohlenformation Rußlands an den Ufern der Dwina hat man ungeheure Bergkalklager gefunden, welche aus ihnen bestehen. Der Grobkalk des Pariser Beckens, der Kalksand an den verschiedensten Meeren, der Schlamm vieler Häfen, ganze Gebirgsschichten haben sich aus ihnen gebildet. Der nordwestliche Theil von Berlin, die sogenannte Friedrich-Wilhelmsstadt (Louisenstraße, Carlsstraße), steht auf einer Schicht von zum Theil noch lebenden Infusorien, und es ist dadurch der Einsturz mehrerer neugebauter Häuser herbeigeführt worden, weil die Baumeister es versäumt hatten, den Baugrund genau zu untersuchen. Diese Schicht ist 15 bis 100 Fuß mächtig, und welche Menge solcher Thiere zu ihrer Bildung gehörten, läßt sich aus der Angabe ersehen, daß erst 41000000000 einen Kubikzoll Erde bilden. Die nach oben weiße, nach unten graue Erde am Südrande der Lüneburger Haide bei Ebsdorf, 28 Fuß mächtig, das kreideähnliche Gestein bei Jastraba in Ungarn, 14 Fuß mächtig, die Bergmehlschichten bei Bagnola in Toskana, 10 Fuß mächtig, verdanken ihnen ihre Entstehung. Auch die Erde, welche gewisse wilde Völker essen, ist nichts Anderes als Infusorienerde. Sogar in der Luft sind diese Thiere zu finden. Wenn der Seefahrer bei der Rückkehr aus Indien oder vom Cap der guten Hoffnung auf dem Wege nach Europa ungefähr den 20. Grad nördlicher Breite schneidet, so sieht er nicht selten die Segel seines Schiffes sich mit einem feinen Staube bedecken, den er Passatstaub nennt, weil ihn der in diesen Gegenden herrschende Passatwind herbeigeführt hat. Dieser Staub kommt aus Afrika und zeigt sich bei mikroskopischer Betrachtung als nur aus Infusionsthierchen bestehend. Ebenso verhält es sich auch mit derjenigen Erscheinung, welche man Staubnebel, Meteorstaub, Staubregen u.s.w. nennt und auch zuweilen bei uns, mehr aber noch im südlichen Europa bemerkt wird.

Von diesen nur durch das Glas erkennbaren Thieren bis hinauf zu dem oft über 200 Centner schweren Walfische hat ein jedes seine eigene Aufgabe zu erfüllen und kehrt dann wieder in seine Urbestandtheile zurück.

»Wozu sind die Myriaden von häßlichen Würmern, die lästigen Insecten, das schmarotzende Ungeziefer, die schleichenden und reißenden Thiere da, welche mit Wollust in dem Leben ihrer Mitgeschöpfe wühlen?« fragt da der Zweifler oder der Wißbegierige. Alle jene, trotz der vorgeschrittenen Cultur noch so zahlreichen und oft weit ausgedehnten Erdlager, welche der Pflug noch nicht berührte, wären vielleicht schon längst steinartig verhärtet, wenn sie nicht alljährlich durch Legionen von Würmern, Käfern, Schnecken und anderen Thieren durchwühlt und aufgelockert würden. Die unterirdischen, vielfach gewundenen Gänge, Zellen und Behausungen dieser kleinen Geschöpfe sind ebenso viele künstlich gebaute Kanäle, durch welche der befruchtende Regen in den tiefen Grund dringt und die Luft den Wurzeln neue Nahrungsstoffe zuführt. Gott hat Alles weiser geordnet, als der Sterbliche kennt und begreift. Wo der Mensch Störungen seiner eigenen Absichten oder Fehler in der Naturordnung beklagen zu müssen glaubt, ist ihm ohne sein Wissen und Verstehen eine Wohlthat geschehen, deren segensvolle Folgen sich auf die Zeitdauer von vielen Jahren erstrecken, um den etwaigen augenblicklichen Schaden tausendfach zu ersetzen. Ebenso ist der Dank, welchen der Mensch dem sogenannten Ungeziefer und den fleischfressenden Thieren schuldet, kein geringer. Diese Geschöpfe haben im Naturstaate die Sanitätspolizei zu führen. Wo der Mensch durch Nachlässigkeit und Mangel an der nöthigen Reinlichkeit im Begriffe steht, seiner Gesundheit zu schaden, da wird er durch die sofort auftauchenden Wohlfahrtspolizisten gezwungen, das zu thun, was er zu seinem eigenen Schaden unterließ. Ist dieser Zweck erreicht, so verschwinden die kleinen kribbelnden, krabbelnden, zwickenden, stechenden und beißenden Detectives wieder, indem sie das Gelingen ihrer Sendung mit dem Märtyrertod besiegeln. Friede ihrer Asche!

Bei dem endlosen Entstehen und Vergehen im Reiche des irdischen Lebens, vermittelt durch die Prozesse des Verdorrens, Verwittern und Verfaulens, würde sich in kurzer Zeit eine Menge in Auflösung begriffener organischer Körper ansammeln, die in Folge der ihnen entströmenden schädlichen Gase wahre Brutstätten von Epidemieen bilden müßten, deren traurige Folge der Tod alles Lebenden wäre. Hier hat nun die allweise Vorsehung eine außerordentlich zahlreiche Rettungsschaar gebildet, die in den verschiedensten Sectionen eingreifen muß, um dem Verderben rechtzeitig zu steuern. Kaum schmückt das Vermächtniß irgend eines wohlgefütterten Zugthieres die belebte Straße, so kommt der bekannte dickleibige Käfer herbeigesummt und fertigt mit erstaunlicher Geschicklichkeit kleine Kugeln aus dem bildsamen Materiale, um in dieser Form das Anstößige unter die Erde zu bringen.[206]

Kaum hat ein Feldmäuslein, eine Eidechse oder irgend eine Natter die »irdische Bahn vollendet,« so naht der gelbgestreifte Todtengräberkäfer, um des Amtes zu warten, welches aus seinem Namen zu ersehen ist. Jedes Wild zieht sich, sobald es den Tod nahen fühlt, in die tiefste Einsamkeit zurück, um dort in Ruhe zu verscheiden; ist dies geschehen, so fallen unzählige Wächter der Gesundheit über die Thierleiche her, um durch die Vernichtung des faulenden Fleisches den üblen Folgen vorzubeugen. Jedes Wässerlein hat seine Polizei, jeder Bach seine Krebse, die nur vom Aase leben, jeder Fluß seine Räuber, die aber nichts weniger als den Galgen verdienen; in den stehenden See'n und schlammigen Strömen verschlingt das gefräßige Krokodil, der unersättliche Alligator ungeheure Mengen verwesender Stoffe, und die Piraten des Meeres, denen die Sorge über das allgemeine Wohlbefinden anvertraut ist, sind, der Größe ihres Gebietes angemessen, gar nicht zu zählen.

So hat jedes, auch das kleinste und unscheinbarste, das häßlichste Wesen seine Bestimmung, um deretwillen ihm der denkende Mensch die wohlverdiente Achtung zollt. Eine Frage nach der Bestimmung des Thierlebens im Großen und Ganzen würde eine, ganze Bände umfassende Antwort erfordern, die sich übrigens dem ernsten und liebevollen Beobachter ganz von selbst an die Hand giebt. Der Fleischesser, der Gerber, der Schuhmacher betrachtet die Welt der Thiere von einem sehr materiellen Standpunkte, während der Künstler durch die Macht der Idee den Stoff zu durchgeistigen weiß. Dem Forscher aber sind all' die vielen und verschiedenartigen tierischen Daseinsformen ebenso viele Offenbarungen einer aus dem Staube in das Reich des Geistes emporführenden Wesenskette, deren jedes einzelne Glied zur Bildung des Ganzen erforderlich war, und grad so und nicht anders ist, als es sein Zweck erforderte.

Diese Zweckmäßigkeit leuchtet am deutlichsten aus der Fortpflanzung der Thiere hervor; Wesen, deren Menge nach dem weisen Haushaltsplane der Natur so groß sein muß, daß der Mensch sie mit keiner seiner Zahlen zu bestimmen vermag, zeugen Millionen Nachkommen, obgleich sie vielleicht kaum vom Aufgange bis zum Niedergange der Sonne leben, während andere, die über ein Jahrhundert alt werden können, sich so spärlich vermehren, daß durchschnittlich auf mehrere ihrer Lebensjahre die Erzeugung nur eines Jungen gerechnet werden darf. Die Ersteren scheinen geboren zu werden, blos um sich fortzupflanzen und zu vermehren; die Letzteren aber haben andere und höhere Aufgaben zu lösen, und je mehr das ihnen innewohnende seelische oder geistige Princip sich entwickelt, desto bedeutender wird ihre Form, desto geringer ihre Zahl und desto länger die Zeit ihres Lebens.

Der Seidenwurm legt jährlich bei 500 Eier, die Bienenkönigin bei 40000. Eine Termitenkönigin wird im Zustande der Befruchtung 2000mal größer im Umfange, als sie gewöhnlich ist und legt dann innerhalb 24 Stunden 80000 Eier. Im churbraunschweigisch-lüneburgischen Antheile des Harzes wurden im Jahre 1783 über 3 Millionen Fichten durch den Fichtenborkenkäfer zerstört; um den Tod nur eines Baumes herbeizuführen, waren an 80000 dieses schädlichen Insectes thätig, also wurde die angerichtete Verwüstung durch über 240000 Millionen Käfer hervorgebracht. Ein Häring trägt über 20000, ein Karpfen über 30000 Eier; in einer einzigen Auster hat man über 3 Millionen Eier gezählt; ein Paar des höhlengrabenden Kaninchens kann sich unter günstigen Umständen binnen 4 Jahren auf 1200000 Stück vermehren; ein Paar Feldmäuse vermag es in der Zeit nur eines Jahres auf 20000 zu bringen, und auch die Vermehrung der Ratten ist eine so bedeutende, daß sie besonders in großen Haupt- und Hafenstädten zur wahren Plage werden. Besonders berühmt ist in dieser Beziehung Paris, wo in jedem Jahre zur Winterszeit die großartigsten Jagden angestellt werden und man alsdann wohl in einer einzigen Nacht 50000 tödtet. Auch der in dieselbe Classe der Nagethiere zählende Prairiehund vermehrt sich in so außerordentlicher Weise, daß im Flußgebiete des Colorado ein Reisender volle drei Tage brauchte, um eine Ansiedelung dieser Thiere zu passiren. Sie hatte eine Länge von 15 und eine Breite von 8-9 deutschen Meilen und enthielt mindestens 30 Millionen Bewohner.

Diese Vermehrung steht stets im gleichen Verhältnisse mit dem Nutzen und im ungleichen mit der Schädlichkeit der Thiere, obgleich zuweilen das Gegentheil der Fall zu sein scheint. Der Seidenwurm, die Biene, der Häring u.s.w. müssen eine so außerordentliche Fruchtbarkeit besitzen, weil ihr Zweck es erfordert. Häringe werden jährlich über 1200 Millionen gefangen, und wie viel braucht wohl ein Walfisch von diesen Thieren, um sich zu sättigen? Dafür erscheinen sie eben auch in Zügen, die oft 3 deutsche Meilen lang, 2 Meilen breit, bis 200 Klaftern tief und so dicht sind, daß ein Fisch an und auf dem anderen liegt. Wie könnte ferner allein die Bewohnerschaft Londons jährlich 110 Millionen Stück Austern verspeisen, wenn diese Muschel nicht eine so ungeheure Vermehrungsfähigkeit besäße, und ebenso ist es mit den Kaninchen, von welchen allein Ostende allwöchentlich bis gegen 100000 Stück in die Londoner Küchen liefert.

Das Krokodil, welches oft eine Länge von 30 Fuß erreicht und mehr als 100 Zähne im Rachen trägt, legt jährlich mehr als 100 Eier; aber diese werden bald von feindlichen Thieren zerstört, sodaß die Vermehrung des furchtbaren Thieres nicht zu groß werde. Löwen und Tiger hausen einsam in ihren Wüsten und Dschungeln, und Geier und Adler schweben vereinzelt in den Lüften. Je schädlicher ein Thier, desto schwieriger ist seine Vermehrung; es ist an ein bestimmtes Klima gebannt, während das nützliche Geschöpf dem Menschen in alle Zonen zu folgen vermag.[213]

Und wie in der Fortpflanzung, so tritt uns in dem Baue, in dem ganzen Leben jedes einzelnen Thieres die Mahnung entgegen, die göttliche Allmacht und Weisheit zu bewundern.

Wie leicht wird das riesigste Thier von einem Zufalle, einem kleinen Feinde, einer Krankheit niedergestreckt, während ein scheinbar schwaches und widerstandsloses Wesen die höchste Lebenszähigkeit entwickelt! Die Schnecken z.B. scheinen nur aus einem zerfließenden Schleime zu bestehen, aber nicht nur ersetzen sich bei vielen von ihnen die abgeschnittenen Theile wieder, sondern aus jedem losgerissenen Stücke wird ein eigenes, selbstständiges und sinnreich gebautes Thier, wie das bei dem Seesterne der Fall ist, an dem man über 80000 Gelenke gezählt hat. Will unsere gewöhnliche Schnecke einer anderen ihre Zuneigung zeigen, so schießt sie ihr einen kleinen, vierschneidigen Pfeil entgegen oder drückt ihr denselben in die Brust. Dieser Amorspfeil ist von kalkartigem Stoffe und steckt sehr lose in einer beutelartigen Höhle am Halse. Erst nachdem diese Liebesaufforderung verschossen ist, nähern sich die beiden Thiere einander zur Begattung.

Wer lehrt die junge Spinne ihr zartes Werk schaffen, von welchem 4000 Fäden erst so dick sind wie 3 Fäden einer ausgewachsenen Spinne? 4000000000000 Fäden einer jungen Spinne haben noch nicht die Dicke eines Menschenhaares! Die Farbe eines Schmetterlings besteht aus Schuppen, die wie die Ziegel eines Daches über einander liegen; auf jedem Quadratzolle sind 14400000 solcher Schuppen vorhanden. Jedes Auge eines Schmetterlings besteht wieder aus über 15000 Linsen, wovon jede die Kraft eines besonderen Auges besitzt. Und dieses Wunderwerk wird während eines Augenblickes durch den Schnabel eines Vogels zerstört! Eben solche Facettenaugen hat auch die Fliege, von welcher wir allein in Europa 1700 Arten kennen.

Der Condor, welcher mit ausgespannten Flügeln 12 Fuß mißt und wie ein König in den Lüften herrscht, horstet 10 bis 15000 Fuß hoch in den Felsen der Anden, und doch thut es ihm der winzig kleine Kolibri gleich, der ihm bis zu einer Höhe von 10000 Fuß folgt. Wunderbar ist die Regelmäßigkeit, mit welcher die Streich- und Zugvögel ihren Standort wechseln. Die Schwalben kommen in Würtemberg um den 8., in Berlin um den 18., im mittleren Dänemark um den 29., in Königsberg um den 31. April und in Kopenhagen um den 5. Mai von ihrer Wanderung zurück. Jede von ihnen kennt ihre Heimath und ihr Nest ganz genau, und so ist es mit' all unseren gefiederten Freunden, welche uns auf einige Zeit verlassen, um die Wärme des Südens aufzusuchen. Aber auch bei niedrigeren Thieren ist dieser Ortssinn zu beobachten. So wurden bei Ascension eine 8 Centner schwere Riesenschildkröte gefangen, um lebend nach Europa gebracht zu werden. Unterwegs erkrankte sie aber und wurde deshalb angesichts der britischen Küste in das Meer geworfen. Zwei Jahre später fing man dasselbe Thier bei Ascension wieder; es hatte also den Weg in die 800 Meilen entfernte Heimath wiedergefunden.

Der Bau eines jeden Thieres ist mit weiser Fürsorge für seinen Aufenthalt und seine Lebensweise eingerichtet. Der Maulwurf, welcher seine unterirdischen Gänge gräbt, besitzt die dazu nothwendigen Schaufelfüße ebensowohl, wie der Fregattvogel die, ausgebreitet 14 Fuß klafternden Flügel, um als kühnster der Segler die Oceane zu überfliegen. Die im grünen Blätterwerke aus dem Eie gekrochene Raupe, deren einzige Aufgabe in der Befolgung ihrer Gefräßigkeit besteht, vermag nur kurze Zeit ohne Nahrung zu bestehen, während das Kameel, für die wasserarme Wüste bestimmt, acht Tage lang zu dürsten vermag und auch ohne Nahrung eine Zeit lang von dem Fette seines Höckers lebt. Das Faulthier, gewohnt, die Bäume bis auf den letzten Rest ihrer genießbaren Theile abzunagen, besitzt in seinen Krallen die besten Werkzeuge, sich auf ganze Wochen klammernd festzuhalten; die 100 Arten von Affen, deren lebhaftes Temperament sie ohne Ruhe und Rast von Zweig zu Zweig, von Ast zu Ast treibt, sind mit Händen und Schwänzen versehen, welche diese Beweglichkeit ermöglichen, und die Antilope, deren einzige Waffe in der Flucht besteht, vermag mit ihren zierlichen Hufen die weitesten Strecken in stürmender Eile zu durchjagen. Die Schnecke baut sich ihren ambulanten Palast, die Termite ihre Volkscaserne, die Biene ihre zellenreiche Honigfabrik, der Vogel sein kunstvolles Sommerlogis, das Eichhörnchen seinen luftigen Kober, der Biber seine submarinen Familienzimmer, der Hamster seine unterirdischen Vorratskammern, der Fuchs sein Malepardus, der Bär seinen Rheumatismuskeller, und wer zu bequem ist oder es vergessen hat, bei Mutter Natur einen architectonischen Cursus zu nehmen, der schmeichelt sich in die Gewogenheit des Menschen ein, der ihm entweder eine weiche Sophaecke vermiethet oder einen Kunstpavillon mit der Firma »Villa Staar« zur Verfügung stellt.

Die Farbe der Thiere wird nicht vom Zufalle bestimmt, sondern auch in ihr offenbart sich das Walten einer gütigen Vorsehung, welche durch den Einfluß, den sie der rein äußeren Welt auf die Gestaltung und Ausstattung selbst des organischen Lebens erlaubt, ihren Geschöpfen die freundlichsten Vortheile bietet. Die Raupe und der Schmetterling, sie tragen beide die Farbe der Pflanzentheile, von welchen sie vorzugsweise ihre Nahrung nehmen, und sind auf diese Weise dem oberflächlichen Blicke ihrer zahlreichen Feinde entzogen. Aus eben diesem Grunde haben die Tagfalter eine helle, die Dämmerungs- und Nachtfalter eine düstere Färbung. Wenn sich die Lerche, das Rebhuhn eng an die Scholle des Ackerfeldes schmiegt, so kann selbst das scharfe Auge des Falken sie kaum von dem Boden unterscheiden. Das Gesetz der Farbenharmonie zieht sich durch die ganze irdische Schöpfung. Da die Pflanzenwelt der tropischen Zone eine in den reichsten Nuancen schillernde und flimmernde ist, so ist auch das Thierreich dort durch seine farbenprächtigsten Exemplare vertreten, während die Zahl und Lebhaftigkeit der Farbentöne sich je weiter nach dem Norden, desto mehr vermindert. Und nicht etwa blos die kleineren Thiere stehen unter dieser Farbenabhängigkeit, sondern wir haben selbst unter den größesten der Säugethiere die auffälligsten Beispiele. Der nordamerikanische Bison mit seiner schmutzig-dunklen Färbung paßt ganz vortrefflich in die vom Pfluge noch unberührten Ebenen des »dark and bloody ground«, des finstern und blutigen Bodens, wie der Yankee die Prairie nennt, während der Jak oder Grunzochs Innerasiens neben dem Braun des sonnverbrannten Niederlandes auch die Farbe des ewigen Schnee's an sich trägt, zu welchem er in die Berge des Himalaya emporsteigt. Der Bär der gemäßigten Zone sieht schwarz, braun oder grau, der Eisbär aber trägt das verunreinigte Weiß, welches den Schnee- und Eisfeldern des Nordens eigenthümlich ist.[214]

Ebenso bewundernswerth ist die Beziehung, welche zwischen der Gestaltung und Größe eines Landes und derjenigen seiner Thiere stattfindet. Gebirge haben andere Thiere als ebene Länder, vielfach vom Wasser zerrissene Flächen tragen nicht dieselbe Fauna, wie compacte, trockene Striche; große Festländer besitzen auch größere Thiergattungen, kleinere Festländer und namentlich Inseln auch kleiner gestaltete Thiere. So finden sich die Riesen der jetzigen Thierwelt, der Elephant, das Nashorn, das Nilpferd, die Giraffe, der Löwe und Tiger in Asien und Afrika, den breiten, massigen Erdtheilen, während das schmälere Amerika nur den Tapir, das Ljama und einige Rinderarten besitzt, und auf Neuholland das größte Säugethier, das Känguruh, nur in seinen stärksten Exemplaren 140 Pfund schwer wird. Der Tapir ist ein Kälbchen gegen den Elephanten und der Jaguar der neuen Welt nur eine Katze gegen den Löwen der alten Welt.

Auch die Eigenschaften desjenigen Elementes, in welchem das Thier lebt, trägt es an sich. Das Landthier zeigt ein festes Knochengerüste und eine schwere Muskulatur, ganz so, wie sich die Ländermuskeln um das Felsenskelett der Erde legen; das Luftthier ist leicht und voll lebendiger Beweglichkeit, wie die Gashülle, welche uns umgiebt, und dem Bewohner des Wassers ist die schlüpfrige Weichheit und Kälte der feuchten Flüssigkeit eigen.

Dem unbeweglichen, irdischen Stoffe am nächsten verwandt, ist die Koralle für immer an den Boden gebannt; freier schon sind die Muscheln und Schnecken, haben aber für die ganze Zeit ihres Lebens die anerkannt fürchterlichen Lasten eines Hausbesitzers zu tragen; der Krebs wird von seiner »Erdenhülle« so beengt, daß er gezwungen ist, von Zeit zu Zeit buchstäblich aus der Haut zu fahren; der Wurm wird von der festen Materie nicht belästigt, aber »der Schmutz ist seine Welt,« in der er sich bohrend windet; das Reptil hat die Erlaubniß, »den Sonnenstrahl zu speisen,« doch wird es nie befreit von dem Fluche, »Erde zu essen sein Leben lang,« und ob das Landthier einer noch so hohen Classe oder Ordnung angehöre, die Erde hält es fest, hemmt seine Bewegungen und beeinflußt seinen Character, der ein vorwiegend phlegmatischer ist.

Größere Freiheit und Schnelligkeit ist den Bewegungen der Wasserthiere, besonders den Bewohnern der Seen und des Meeres gestattet. Ohne Wärme, wie die Feuchtigkeit, in welcher sie leben, ist das Blut in den Adern der meisten von ihnen kalt; stumm sind sie, wie ihr Element, und giebt sich ihr Dasein dem Ohre zu erkennen, so geschieht es durch dasselbe Plätschern, dasselbe Rauschen, welches das Wanderlied des Baches und die Ode der Meereswogen bildet. Jener Zauber, welchen die geheimnisvolle Tiefe auf das menschliche Gemüth ausübt, theilt sich auch ihren Bewohnern mit, deren Leben wie ein anziehendes und doch ungelöstes Räthsel sich der Betrachtung verbirgt. Wundersam, ungreifbar und gefährlich, wie die Tiefe, über welche »keine Balken« führen, sind auch die Wesen, welche in ihr leben:


» ... Von Salamandern, Molchen und Drachen

Regt sich's in dem furchtbaren Höllenrachen.

Schwarz wimmeln da, in grausem Gemisch,

Zu scheußlichen Klumpen geballt,

Der stachlichte Rache, der Klippenfisch,

Des Hammers gräuliche Ungestalt,

Und dräuend weist die grimmigen Zähne

Der entsetzliche Hai, des Meeres Hyäne.«


Fröhlich und munter, behend und gewandt, anziehend und freundlich regt sich dagegen das thierische Leben in der Luft, durch deren leicht bewegliche und anschmiegende Fluth der helle Strahl der Sonne flimmert. Das schaukelt und gaukelt, das schwirrt und flirrt, das brummt und summt, das lächelt und fächelt, das ist ein Singen und Klingen, ein Hüpfen und Schlüpfen, ein Necken und Verstecken, ein Lauschen und Rauschen hoch oben, tief unten, bald hier, bald dort, allüberall, wohin sich nur das fleißige Auge wendet, um die Lieblinge des Naturfreundes zu entdecken und ihren blitzesschnellen, zierlichen oder majestätischen Bewegungen zu folgen.

Leise, wie das Säuseln des Zephyrs, klingen die süßen, abgerissenen Laute des träumenden Rothkehlchens; scharf und heiser, wie der Windstoß durch die Felsenenge pfeift, dringt der Schrei des Adlers über die Steinschluchten dahin; schrill und ängstlich, wie die Stimmen der den Sturm verkündenden Luftstöße tönt der warnende Ruf der Möven, die in wirbelndem Fluge das Riff umkreisen; in ruhig klarer Bewegung, wie der Strom des hohen Aethers, passiren die scheidenden Zugvögel in dicht geschlossenen Phalanxen oder gabelförmigen Schwadronen den lichten Horizont; in wellenförmigen Intervallen oder spielendem Wiegen, in kühnen Exercitien oder in souverainer Würde badet der Tagvogel seine Brust in der goldenen Luft, während Käuzchen und Uhu, die Katzen der Lüfte, mit gespenstischem Flügelschlage durch die Schatten des nächtlichen Dunkels schwimmen, um dem Aberglauben Stoff zu tausend furchterweckenden Mährchen zu geben.

Aber wie die Nacht, die dunkelgewandige, sich bei unbedecktem Himmel mit Millionen von Sternen schmückt, so entfaltet auch, wenn die Sonne ihre Purpurgluth im Meere gelöscht, das Thierreich sein phosphorisches Leuchten, um dem Strahle zu antworten, welcher den Gruß des Firmamentes zur Erde bringt. Die Tiefe des Meeres flammt in magischem, geheimnißvollem Lichte, in welchem sich die gefräßige Tintorera, der pfeilschnelle Hummer, die kugelnde Qualle und die vielarmigen Stelleriden baden; am Buge des Schiffes springt die schäumende Spiegelung mit demantischem Flimmer empor, und hinter dem Steuer öffnet sich eine breite, hellflammende Furche; die Schaar der Delphinen wälzt sich in siedendem Golde; wie flüssigem Metalle entschlüpft, werfen sich fliegende[221] Fische in die Luft, und um jeden Felsen, um jede Klippe, an jedem Orte der Küste kocht, wallt und spritzt es wie zerflossene Sternenmasse.

Und wie im feuchten, so auch im luftförmigen und auf dem festen Elemente. Im tiefen Dunkel des tropischen Urwaldes entzünden zahllose Insecten ihre Leuchten und erfüllen Luft, Gebüsch und Erde mit zauberischem Glanze. In gradlinigem Fluge trägt der Elater zwei Punkte beständigem Lichtes auf dem Brustschilde; die Lampyris wiegt sich mit ab- und zunehmendem Schimmer des Unterleibes in unsicheren Linien zwischen den Zweigen, während die große Fulgura den blasenartigen Kopf in eine Laterne verwandelt, so hell, daß man dabei lesen könnte. Daher nennt man dieses cicadenartige Insect auch »Laternenträger.« Zahllose andere Feuerträger gesellen sich zu ihnen, und als sei man in einen Mährchenforst versetzt, so zucken die lebenden Funken und Blitze in der Nähe und Ferne, in Höhen und Tiefen und schlingen ihre glänzenden Arabesken durch die Nacht. Und dazu flackert das Irrlicht über dem Sumpfe, und dem Gewirre der vom Alter oder Sturme niedergerissenen oder todt und faulend in den Lianen hängenden Stämme entströmt ein nebelnder Schein, welcher die barocken Gestalten der Pflanzenreste in den abenteuerlichsten Contouren erscheinen läßt. Der bescheidene Schimmer, welchen wir an unserm Johanneswürmchen bemerken, ist nicht im Stande, uns ein Bild jenes »nächtlichen Feuerwerkes im Urwalde« zu geben.

Und dieses an Gestaltungen und Wundern so reiche Thierleben wurde von der Vorsehung mit einem Geschenke begnadigt, welches zu den köstlichsten Gaben der irdischen Natur gehört – mit einer Stimme.

Die Thätigkeit des Auges hat es mit den äußeren Gestaltungen zu thun und ist fast ausschließlich auf die Erkenntniß nur der körperlichen Eigenschaften eines Wesens gerichtet; das Ohr aber dient einer höheren Aufgabe, indem es die Wirkung eines inneren, eines seelischen Lebens in sich aufnimmt und an die geistige Erkenntniß weiter befördert. Das Auge giebt dem menschlichen Gemüthe weniger Nahrung als das Gehör, erst durch dieses Letztere wird der Mensch mitfühlendes Wesen aller anderen mit Empfindung begabten Geschöpfe. Auch die angenehmste, die schönste Landschaft ist leblos, wenn sie nicht durch das Erbrausen des hohen Waldes, das freundliche Murmeln der Quelle, das lustige Plätschern des Baches, das rollende Getöse des Stromes, das Summen der Käfer und Bienen, den Gesang der Vögel und die verschiedenen Töne der vierfüßigen Thiere eine Seele erhält, welche sich dem lauschenden Ohre zu erkennen giebt. Wie uns das Schweigen des Todes mit Schauder erfüllt, so erfreut die Stimme der Natur das menschliche Herz. Sie erweckt uns zu großen Gedanken und Empfindungen und beschäftigt uns mit dem Gedanken von der allgemeinen Verbindung der erschaffenen Wesen. Alles wird zum Psalm des Geschöpfes auf seinen Schöpfer. Wer hat dieses Loblied von tausend und abertausend abwechselnden Tönen, wiederholt vom Echo der Felsen und Wälder nicht schon vernommen? Wen ließ es ungerührt, der für zartere Empfindungen noch ein Herz im Busen trug? Wer hätte nicht oft selig in das Freudengetümmel der Schöpfung hineinjauchzen mögen und rufen mit dem königlichen Dichter des jüdischen Alterthums: »Lobet den Herrn auf Erden Alle, die sein Wort ausrichten; denn sein Name allein ist hoch!«

Nicht alle Thiere besitzen eine eigentliche Stimme, und zwar, weil nicht alle mit einer Lunge und den mit ihr verbundenen Stimmwerkzeugen versehen sind; aber dennoch wissen die meisten von ihnen nach ihrer Art ein Geräusch hervorzubringen, um nach den ihnen verliehenen Kräften auch mit in das hörbare Legen einzugreifen. Einige geben durch das bloße Aneinanderschlagen ihrer Glieder einen Ton von sich, wie die Feldgrillen oder die Heimchen, welche ihr weithin tönendes Gezirpe dadurch verursachen, daß sie die trockenen, häutigen Flügeldecken ein wenig erheben und über einander hin- und herschieben. Andere lassen ein Getöse laut werden, indem sie mit gewaltiger Kraft Flüssigkeiten aus Höhlungen ihres Körpers hervorstoßen, wie der Walfisch, welcher brausend Fontainen in die Höhe treibt. Andere erregen das ihnen eigenthümliche Summen und Brummen entweder durch den behenden Flügelschlag oder durch die Reibung, welche die Luft in den Luftlöchern ihres Körpers hervorbringt. Lungenlose Thiere können nur ein Geräusch, einen Schall, einen Ton hervorbringen, welchem der Mensch keine Articulation abgewinnen kann, trotzdem aber muß er sich vor der Behauptung hüten, daß in diesem Geräusche nicht das Mittel zur Verständigung, zur Sprache liege. Wir kennen die Wunder der Thierwelt noch zu wenig, und es ist anzunehmen, daß sogar Thiere niederer Ordnungen, von denen unser grobes Gehörorgan nie einen Laut vernimmt, doch vielleicht Töne besitzen, welche für uns unhörbar sind; wenigstens ist es zweifellos, daß jedes Thier eine Art und Weise besitzt, sich mit Seinesgleichen zu verständigen. Das Gegentheil wäre nur von solchen Thieren zu behaupten, welche, wie viele Arten der Thierpflanzen und Gewürme, sich nicht unter einander begatten, sondern jedes ohne Zuthun eines andern sein Geschlecht durch sich selbst vermehrt. Sie haben nicht nöthig, einander zu suchen oder ihre Triebe zu erkennen zu geben und leben, mit ihren Begierden in sich selbst verschlossen, allein und in tiefster Einsamkeit.

Jede der so unendlich verschiedenen Arten von Geschöpfen, ungeachtet sie allesammt bei und durcheinander wohnen, bildet für sich gleichsam nur ein eigenes Reich, und keine von ihnen versteht die Sprache, die Sitte oder das Zeichen der anderen. Die Ameise hat Verständniß nur für die anordnenden Winke von Ihresgleichen; die Biene unterhält sich nur mit der Biene; der Rabe folgt nur dem Raben, die Schwalbe der Schwalbe, der Storch dem Storche. Gott trennt durch unzerstörbare Schranken, und wie der Mensch nur den Menschen versteht, so auch jede Gattung der Thiere nur die zu ihr Gehörigen. Was in dieser Gattung vorgeht, wie sie denkt, wie sie fühlt, nach welchen Gesetzen sie handelt, wie sie das ansieht, was außerhalb ihres Kreises ist, das weiß kein anderes Wesen, das nicht in diesen Kreis gehört. Alles ist in sich abgeschlossen, und nur der Gottheit bleibt das Verborgenste jeder Creaturenfamilie offenbar. Wäre der Mensch in das Wesen, in die Triebe, Instincte und Mittheilungszeichen nur einer einzigen Thierart eingeweiht, welch' ein unermeßlicher Schatz von neuen Kenntnissen und Ansichten würde da vor ihm aufgethan sein. Das ganze All der Dinge würde ihm neu erscheinen und so manches unerforschte und tief in sein Leben greifende Räthsel enthüllt vor seinem Auge liegen! Das Mährchen konnte die Weisheit Salomo's nicht größer erscheinen lassen, als durch die Behauptung, daß er die Sprachen aller Thiere verstehe.[222]

Oder sollte die Meinung von der Abgeschlossenheit der einzelnen Thierclassen doch vielleicht eine irrige sein und sich ein gewisses »Einander verstehen« weiter erstrecken, als man gewöhnlich annimmt? Die Forschung steht sehr oft vor Erscheinungen, welche eine sogenannte »unumstößliche Wahrheit« in das Schwanken bringen und dem Wissen neue, bisher ungeahnte Gesichtspunkte öffnen. Es läßt sich nicht leugnen, daß die Thiere Gehör und Beobachtungsgabe besitzen, und wie der Hund die Worte oder Pantomimen seines Herrn richtig zu deuten lernt, so entsteht vielleicht auch zwischen Thieren verschiedener, wohl gar weit entfernter Gattung eine Art von Verständniß für die gegenseitige Sprache und Ausdrucksweise.

Ungemein wunderbar sind die Einrichtungen, welche der Schöpfer zum Hervorbringen der eigentlichen Stimme getroffen hat. Der Bau der Sprachwerkzeuge bringt je nach seiner Verschiedenheit auch eine Verschiedenheit der Stimme hervor, und im Allgemeinen läßt sich das Gesetz aufstellen, daß diese Stimme um so modulationsfähiger sei, als die Gefühle eine größere Entwickelung besitzen. Je größer die Lungen sind, um so kräftiger ertönen die von ihnen ausgestoßenen Laute. Ist die Luftröhre weich, so ist die Stimme matt und dumpf, besteht die Röhre dagegen aus einer Reihe von knorpeligen Ringen, so wird der Ton ein weit mächtigerer, schärferer und schneidenderer sein.

Wie in der Welt der Thiere überhaupt, so zeigt sich auch in den Stimmen derselben die reichste Abwechslung. Jedes Thier hat seine eigenthümliche Stimme, an der es sofort erkenntlich ist, und nur wenigen Vogelarten ist es gegeben, auch fremde Laute nachzuahmen.

Im Sumpfrohre, wo Gazellen und Giraffen trinken, liegt der Löwe und schläft am Tage, bis ihn die nahende Dämmerung weckt. Da richtet er sich auf, reckt die mächtigen Glieder und läßt jenes Gebrüll erschallen, welches die Berge zittern und die Heerden heulen macht. Erst seufzend, dann dumpf röchelnd, schwillt dieser furchtbare Laut, dem kein anderer im weiten Reiche der Töne zu vergleichen ist, in langgezogenen Stößen an, bis er zuletzt mit gewaltigem Donner die Luft erfüllt. »Rad«, d.i. »Donner« nennt daher der Araber den Machtruf des Thierkönigs, dessen Wirkung der Dichter beschreibt:


»Da liegt der Maure unter Palmen,

Vom Sonnenbrand herbei geführt;

Das Dromedar nascht von den Halmen,

Die noch der Samum nicht berührt.

Da trinkt das Gnu sich an der Quelle,

Der lebensfrischen, voll und satt,

Da naht verschmachtend die Gazelle,

Vom wilden Jagen todesmatt.

Da geht der Löwe nach der Beute,

Der König, kampfesmuthig aus,

Und in die unbegrenzte Weite

Brüllt er den Herrscherruf hinaus.

Und Mensch und Thier, Gnu und Gazelle,

Sie zittern vor dem wilden Ton

Und jagen mit Gedankenschnelle

Entsetzt, von Furcht gepackt, davon.«


Das Brummen des Bären durchschauert die Wildniß, die durchdringende Trompetenstimme des Elephanten läßt den Tiger erbeben; das Geheul der Wölfe verbreitet Schrecken über die Steppe und das muthige Wiehern des Schlachtrosses übertönt selbst die dumpfen Schläge der Kanonen, aber all' diese Stimmen können sich nicht messen mit den Lauten, welche der Löwe ausstößt, wenn er seine ebenholzschwarzen Krallen an Fels und Bäumen wetzt, um sich aus dem nächsten Duar (Dorf) den fälligen Tribut zu holen.

Von diesem entsetzlichen Löwendonner durchläuft die Ausdrucksfähigkeit der Thierstimme alle Grade bis zu der wundervollen Lieblichkeit, mit welcher der Gesang der Nachtigall, des orientalischen Bulbul oder des südamerikanischen Bellbird ertönt. Die vollendetsten Stimmwerkzeuge finden sich in den schönen und zahlreichen Classen der gefiederten Thierwelt, und es unterliegt gar keinem Zweifel, daß die Stimme zu der Größe, dem Baue, der Lebensweise und dem Character ihres Trägers in innigster Beziehung steht und als eins der hervorragendsten Merkmale betrachtet werden muß. Das Brüllen des Löwen, das Grunzen des Ochsen, das dumpfe »Ommu, ommu« der Hyäne, das scharfheulende »i–a–u, i–a–u« des Schakals, das Blöken des Schafes, das Miauen und Fauchen der Katze, der wilde, durchdringende Schrei des Raubvogels, das Girren, Trommeln und Lachen der Taube, das Schluchzen der Truthühner, das Schleifen des Auerhahnes, das Glucken und Krähen der Haushühner, aus all' diesen verschiedenen Stimmen läßt sich ganz genau auf den Character des betreffenden Thieres schließen, denn die Lüge hat sich leider wohl der menschlichen Rede, nicht aber der Sprache des Thieres bemächtigen können; die Stimme der Natur redet Wahrheit und führet niemals irre.

Die große Verschiedenheit zwischen den Vierfüßlern und Vögeln ist auch in ihren Stimmwerkzeugen ausgeprägt, und dieser Unterschied wird von der Classe auf die Ordnung, von dieser auf die Familie und von da sogar auf das einzelne Individuum fortgeführt. Die im Wasser lebenden Vögel schnattern und klappern, die von Insecten lebenden haben einen süßen, angenehmen, silberhellen Ton, die von Beeren und Früchten lebenden trillern und die körnerfressenden haben einen vollklingenden, stoßenden Gesang; aber all' diese Eigenthümlichkeiten zusammen ergeben ein vollständig harmonisches Concert, und die zärtlichen, süßklagenden Laute der Nachtigall, der freundliche Schlag der Wachtel, das Jubiliren der Lerche, der fröhliche Ruf des Finken, das kunstvolle Lied der Drossel, das Girren der Taube, der schmetternde, wechselvolle Triller[230] des Kanarienvogels, das Flöten des Pirols und die frischen Strophen des Wasserstaares bilden ebenso ein untrennbares Ganze wie die geschlossene Gesellschaft, der all' diese Individuen angehören.

Der König unter all diesen Sängern ist unbedingt und ohne Zweifel der nordamerikanische Spottvogel. Er hat die Größe einer Amsel und die schlanke Gestalt einer Bachstelze; sein Gefieder ist aschgrau oder dunkelbraun, am Bauche weißlich, der Schwanz weiß. Die Anmuth und Behendigkeit seiner Bewegungen, der lebensvolle Ausdruck seiner Augen, der Wohlklang und die Virtuosität seiner Stimme machen ihn zum Gegenstande der Bewunderung. Er ist aller Tonbiegungen und Wandlungen fähig von dem schmetternden Wirbel des Kanarienvogels bis zum heiseren Geschrei des kohlköpfigen Adlers. Es giebt keinen Laut, keinen Ton, den er nicht ganz genau und in groteskkomischer Weise wiederzugeben vermöchte. Er piept wie ein junges Hühnchen, das man getreten hat, und sogleich eilt die alte Henne glucksend herbei, ihre Brut zu schützen; er pfeift dem Hunde so täuschend, daß dieser schwanzwedelnd an seinem Herrn emporspringt; er kläfft wie der Hund, miaut wie die Katze, blökt wie das Schaf, wiehert wie das Füllen und bringt tausend possirliche Verwechselungen und Ueberraschungen hervor. Deshalb nennen ihn die Mexikaner »Cencontlatolli«, d.h. den Vogel mit 400 Zungen. Am Schönsten aber ist seine eigene Stimme, die an Umfang und Wohllaut nicht ihres Gleichen hat und alle Kehlen des Waldes überbietet.

Einige Vögel haben das Vermögen, Töne hervorzubringen, welche denen der menschlichen Sprache nahe kommen. Unter den Papageien giebt es sogar Arten, welche vielfach menschliche Geberden annehmen und räuspern, gähnen, husten, schnarchen, niesen, seufzen und lachen wie ein wirkliches Menschenkind. Selbst zum Gesange stimmen sie vorher ihre widerstrebende Kehle, und vermöge ihrer Gelehrigkeit geben sie ganze Sätze wieder, die sie gehört haben. Ebenso außerordentlich wie diese Gelehrigkeit ist auch ihr Gedächtniß. Ein Papagei wurde von seinem Herrn, einem Spanisch-Amerikaner, an einen Engländer verschenkt und lernte von diesem mehrere englische Worte und Redensarten. Nach langen, langen Jahren besuchte ein Spanier den Engländer, und beide bedienten sich der spanischen Sprache zu ihrer Unterhaltung. Der Papagei vernimmt nach so vielen Jahren zum ersten Male wieder die Klänge seiner alten Heimath, horcht auf, richtet sich empor, sträubt das Gefieder, stößt mit krampfhafter Heftigkeit einige spanische Worte aus, die er früher gelernt hat, und – stürzt leblos hernieder. Die Aufregung, die Freude hat ihn getödtet.

Es ist kein Wunder, daß die Luft, das leichte, lichte, tonzeugende Element, die vorzugsweise in ihr lebenden Geschöpfe mit der Gabe des melodischen Gesanges ausstattet; hören wir doch auch in der kräftigen, machtvollen aber eckigen und ungelenken Stimme des Landthieres die Eigenschaften seines Elementes characterisirt. Ebenso entspricht es dem Character der kalten, nassen Tiefe, daß ihre Bewohner stumm sind, wie sie selbst; wo aber eine Stimme an ihnen vernommen wird, da flößt sie ebenso Furcht und Schrecken ein, wie das Meer, wenn es laut wird, um mit dem Sturme ein donnerndes Zwiegespräch zu halten. Selten tönt diese Stimme so herzhaft lustig wie bei unserm Frosche, oder so metallisch wie bei manchen südamerikanischen Sumpfbewohnern, darunter ellenlange Frösche mit Ochsengebrüll. Manche Kröten haben nur einen heulenden, klingenden Ton, durch welchen sie an den Ufern von Gewässern mancherlei Sagen vom Glockengeläut im Walde oder von versunkenen Kirchen verursacht haben.

Aehnlich wie Laub- und Wasserfrösche unsere Sommernächte mit ihren wunderlichen Serenaden erfüllen, so ertönen auch die herzzerreißenden Stimmen ihrer liebenswürdigen südlichen Verwandten ganz besonders gern in naßwarmen Nächten, wenn die Luft den nahen Regen verkündigt. Das ist dann ein Quaken und Seufzen, ein Pfeifen und Schwirren, ein Bellen, Blöken und Brüllen, das einen musikalischen Europäer verrückt machen könnte. Aus diesem Wüthen und Toben schneidet das unheimliche Schnarren riesiger Laubfrösche heraus und wird begleitet von dem Basse ungeheurer Kröten, die ihre Wander- und Studentenlieder mit einem schallenden Hohngelächter schließen. Dazwischen tönt die Stimme des Kohlenfrosches wie ein lautes, einförmiges Gehämmer, die Bauskröte heult und klagt zum Verzweifeln, die große Kreuzkröte schreit gellend um Hülfe; die Trapicherokröte antwortet mit einem viertelstundenlangen, schneidenden Grunzen, und die Aqua- oder Riesenkröte giebt mit tiefem Brummen den Grundbaß zu diesem Katzenjammer mit solcher Genauigkeit an, als hätte sie Contrapunkt studirt.[231]

Auch die Thiere sind auf einander angewiesen; auch bei ihnen gewährt die Bildung von Gesellschaften entweder den besten Schutz gegen störende und vernichtende Natureinflüsse oder eine nothwendige Voraussetzung der Lösung derjenigen Aufgabe, welche ihnen im großen Haushalte der Natur zuertheilt worden ist. Diese Gesellschaften sind kleinere oder größere, je nach der Verschiedenheit der Triebe, von denen sie hervorgerufen wurden, und der äußeren Verhältnisse, unter denen sie sich entwickelten. Auch ihre Dauer ist dem Wechsel unterworfen und ihre Art und Weise eine so unendlich mannigfaltige, daß sie dem Beobachter ein reiches Feld der interessantesten Beobachtungen bietet.

Unter den gesellschaftlichen Trieben stehen der Fortpflanzungs- und der Wandertrieb oben an. Der erstere führt die einzelnen Individuen einander zu und binden sie entweder für eine nur kurze, oft aber auch für eine längere Dauer, zuweilen sogar für die ganze Lebenszeit. Während die Geschlechter gewisser Thierarten sich nur zu ganz bestimmten Zeiten suchen und einander dann fliehen oder wohl gar feindlich gegenüber stehen, beobachten wir bei anderen wieder eine ausdauernde und rührende Anhänglichkeit, welche nur durch den Tod oder andere gewaltsame Ereignisse aufgelöst werden kann. Man denke z.B. an die Tauben, bei denen Männchen und Weibchen mit einer Treue zusammenhalten, welche ihren Paarungen den Namen »Ehen« gegeben hat, oder an gewisse Stelzfüßler (Storch etc.), bei denen die eheliche Untreue nach einer vorher erfolgten förmlichen Gerichtsverhandlung sogar mit dem Tode bestraft wird, wie man wiederholt beobachtet hat.

Während die meisten Thiere in Monogamie leben, ziehen andere die von unseren Gesetzgebern angefochtene Vielweiberei vor und liefern uns Beispiele einer Haremswirthschaft, wie sie bei den Völkern des Orientes nicht ausgebildeter gefunden werden kann. Da lebt der »Herr des Hofes,« der »hellkrähende,« mit seinen Favoritinnen in einer ewigen Flitterwochenzeit und gebietet als unumschränkter Sultan oder Schah – hin – Schah über das Wohl und Wehe seiner scharrenden, kratzenden, gluchsenden und gackernden Zuleiken und Fatimen. Besonders hegt die Ordnung der Hühner, Schwimm- und Wasservögel mit allen ihr Zugehörigen eine sehr ausgeprägte Sympathie für diese türkischen Zustände, denen der eieressende Mensch die Reichlichkeit eines seiner liebsten und nahrhaftesten Genußmittel verdankt.

Der Wandertrieb greift weiter und vereinigt die Individuen und Ehen zu Horden, welche als fliegende Geschwader, galoppierende Kosakenpulke oder wandernde Zigeunerschaaren entweder der besseren Weide oder einer reichlicheren Tränke, meist aber der Wärme nachgehen, welche ihnen die südlicher gelegenen Länderstriche gewähren. Er liegt ebenso tief in der Natur wie der Geschlechtstrieb und macht sich mit einer Regelmäßigkeit geltend, daß man für gewisse Gegenden unter Berücksichtigung der jeweiligen Witterungsverhältnisse den Aufbruch der »wandernden Gesellen« fast auf den Tag berechnen und vorherbestimmen kann.

Obgleich sich besonders die Vögel, welche man nach der Verschiedenheit der Richtung und des Zieles ihrer Excursionen in Zug- und Strichvögel eintheilt, durch diesen Trieb auszeichnen, finden wir ihn doch auch bei den anderen Classen, von den Säugethieren bis herunter zu den niedrigsten Organismen thätig, und besonders fallen hier diejenigen Wanderungen in das Auge, welche die größeren Vierfüßler vornehmen.

Der nordamerikanische Büffel unternimmt zur Herbst- und Frühjahrszeit Wanderungen, welche Hunderte von Meilen weit gehen und bewegt sich dabei in solchen Massen, daß die Erde unter den stampfenden Tritten der dahinstürmenden Herden, welche nach Tausenden zählen, erzittert. Auch der Mustang, das wilde Pferd der Prairie, wechselt seine Weideplätze und jagt unter donnerndem Hufschlage mit fliegender Mähne und wehendem Schweife zwischen dem Norden und dem Süden in jährlichen Pausen hin und zurück. »Stampedo« nennen die spanisch-sprechenden Amerikaner das dadurch verursachte Getöse, welches, von weitem gehört, dem Rollen des fernen Donners und in größerer Nähe dem Tosen eines schweren Wasserfalles gleicht. Die tolle Truppe rast in stürzender Eile dahin, zerstampft Alles und Jedes, was unter ihre Hufe kommt, und verliert sich, wie ein gespenstisches Phänomen im Dunkel der Nacht, in die Wildnisse der Steppe, dem weiten Schauplatze der stürmenden Jagd. Die afrikanische Gazelle unternimmt Züge, welche diesen Wanderungen ebenbürtig zur Seite stehen, und besonders ist es der Springbock, der in so dichtgedrängten und in Folge des Druckes wehrlosen Schaaren seine weiten Reisen vornimmt, daß die schönen Thiere massenweis mit Prügeln todtgeschlagen werden. Unter den kleineren Landthieren sind es besonders der Flemming und einige Ratten- und Mäusearten, welche oft in gewaltiger Mannhaftigkeit der Wahrheit huldigen: »Wenn Jemand eine Reise thut, so kann er 'was erzählen;« die großartigsten Züge aber gehen in den Tiefen des Meeres vor sich. Hier genügt es, nur auf den Hering zu deuten, welcher von seiner Wanderlust zu Millionen und aber Millionen in die Netze der Fischer getrieben wird. Auch der riesigste Bewohner, der Wal, unternimmt bedeutende »Stromfahrten«; man hat den Potwal oder Cachelot in Schaaren von 5 bis 600 in den äquatorialen Gewässern gesehen, und ein solcher Zug gehört zu dem Großartigsten, was das Auge zu sehen vermag. Als ein Beispiel aus der Insectenwelt möge die Wanderheuschrecke erwähnt sein, deren gefräßige Wolken da, wo sie auffallen, einer jeden Vegetation die sicherste Vernichtung bringen.

Die liebenswürdigsten unter all' den wanderlustigen Geschöpfen sind unsere gefiederten Freunde, deren Scheiden wir stets mit Wehmuth bemerken und deren Kommen stets ein[238] freudiger Gruß entgegentönt. Sie beleben die Zinnen unsrer Thürme, die Giebel und Firsten unserer Häuser, die Bäume und Sträucher unserer Gärten und Wälder und gehören mit solcher Nothwendigkeit in unsere Städte-, Dorf- und Flurenbilder, daß wir sie gar nicht missen können. Der schwatzhafte, liebesselige Staar mit seinen zärtlichen Flötentönen begleitet bei uns das erbliche Amt eines Garteninspectors, die blitzesschnelle Schwalbe producirt sich als Voltigeur und Lufttausendkünstler, der liebe Storch dient sehr geheimen Familienzwecken, sie alle, alle sind uns an das Herz gewachsen und dürfen fest auf die Gastfreundlichkeit des Gebildeten und Naturfreundes rechnen, wenn auch der Gourmand eines eingebildeten Gaumenkitzels wegen die von ihnen empfangenen Wohlthaten mit dem schwärzesten Undanke belohnt und die liebenswürdigen Sänger so rücksichtslos, so ordinär, so profan – verspeist.

Wohl zu unterscheiden von den beiden genannten ist der politische, der echte Gesellschaftstrieb, welcher Stämme und Völker schafft und diese Verbindungen unter Gesetze stellt, nach denen das Ganze als ein wirklicher und geordneter Staat geleitet und regiert wird. Auch hier giebt es Monarchieen und Republiken, wie in der bösen Menschenwelt, wenn es auch die Forschung erst noch entdecken soll, ob sich die öffentliche Meinung auch wie hier in eine gemäßigte und radicale, in eine rechte und linke, in eine conservative und social-demokratische scheidet. Wir finden das menschliche Leben und Treiben in der Welt der Thiere zuweilen so überraschend vorgebildet, daß es gar nicht zu verwundern wäre, wenn die Bienen, Wespen, Ameisen, Termiten, Prairiehunde und Biber auch ihre Bebel's und Liebknecht's, ihre Lasker's und Windhorst's, ihre Beust's und Bismarck's hätten. Wer ein solches Völkchen, z.B. einen Ameisenstaat genau beobachtet, wird Gelegenheit haben, immer neue Merkwürdigkeiten zu entdecken, welche ihn unwillkürlich zu Vergleichen nöthigen. Die mannbare und wehrhafte Ameise gleicht dem alten römischen Bürger, welcher mit dem Schwerdte in der Faust den Beschäftigungen des Friedens nachging und jederzeit bereit war, das Acker- mit dem Schlachtfelde zu vertauschen. Sie führt eine wohleingerichtete Ackerwirthschaft, durch welche sie sich mit den zartesten und wohlschmeckendsten Vegetabilien versorgt und hält sich einen Stall voll der besten Milchkühe, mit deren honigsüßem Ertrage sie sich nach des Tages Last und Hitze erfrischt. Die Blattlaus ist das Melkthier der Ameise; sie wird von ihrer Herrin »eingestellt«, gefüttert, getränkt, gereinigt und gestriegelt und hat für diese sorgsame Pflege nichts weiter zu thun, als jenen süßen Saft auszuschwitzen, welchen die Ameise so vorzüglich schmackhaft findet. Eine nie ruhende Industrie hat in jedem solchen Baue, der von Außen ein bloßer Schmutzhaufen zu sein scheint, ihre Stätte aufgeschlagen und wird unterstützt durch eine bis in das Kleinste gehende Ordnung, welche das Wohlbefinden eines jeden einzelnen Thierchens auf eine wahrhaft beispielswürdige Weise berücksichtigt. Was Wunder, daß die Ameise ihr theures Heim mit allen Kräften und wahrhaft heldenmäßiger Tapferkeit gegen alle feindselige Invasion zu schützen sucht und lieber den ehrenvollen Tod auf dem Schlachtfelde stirbt, als sich freiwillig in das Joch der Sclaverei begiebt.

Diese Kriege zum Schutze des Vaterlandes entstammen einem man möchte sagen heiligeren Impulse, als die Turniere, welche viele der höheren Thiere zur Zeit der Paarung unternehmen, und sicheren den kleinen Patrioten die wärmste menschliche Theilnahme. Eigenthümlich ist, daß sich grad' das tiefer gestellte Insectenreich durch diese Völker- und Staatenbildung auszeichnet, während die Zusammenschaarungen höher organisirter Thierwesen des eigentlichen politischen Characters entbehren. Das verwilderte Pferd und Rind lebt in Heerden, der Hirsch, der Wolf in Rudeln, das Walroß wurde zu 2000 Stück beisammen gesehen, der Pinguin bedeckt mit seinen Schaaren meilenlange Küstenstrecken, aber eine so zu sagen staatliche Einigung ist bei ihnen allen nicht vorhanden, ebensowenig wie bei den Thieren der niedrigsten Abtheilung, obgleich viele von diesen, wie wir früher gesehen haben, zu Tausenden von Billionen ein Zusammenleben führen, welches nur durch rein äußerliche Ursachen bedingt ist.

Bei der Beurtheilung des Thierlebens muß der Mensch sich vor einem Fehler hüten, in welchen er gar leicht verfällt, weil er als größester der Egoisten alles Irdische auf sich, auf seinen Vortheil zu beziehen pflegt.

Als »Herr der Schöpfung« trachtet er, sich in ihren vollständigen Besitz zu bringen, leugnet ihren Selbstzweck durch den Eigennutz seines Thuns und verhält sich streng so, als sei alles Irdische in das Dasein gerufen nur für ihn, der als Gebieter nicht inner-, sondern außerhalb der Reiche der lebenden Wesen stehe.[239]

Deshalb ist er geneigt, Alles nur von seinem selbstischen Standpunkte aus zu beurtheilen und kommt so zu oft falschen Ansichten. Das Thier, welches ihm seine Freiheit nicht opfert, nennt er wild, dasjenige, welches sich zuweilen unter seinem Joche noch zu sträuben wagt, falsch und heimtückisch, das sich knechtisch unterwerfende treu, das Raubthier, trotzdem es nur dem ihm innewohnenden Naturgesetze folgt, blutdürftig und grausam, das Rind, das Schaf, die Seidenraupe, die Biene nützlich, die Viper, den Scorpion, die Raupe schädlich, und das Alles nur, weil er sich nicht zu der vorurtheilsfreien Anschauung erhebt, nach welchem jedes Wesen ebenso wie er selbst ein berechtigtes und wohlbegründetes Dasein zu führen hat, um einem weisen Schöpfungsplane zu dienen.

Und doch hat dieser Egoismus auch wieder seine volle Berechtigung, da durch ihn der kräftigste Hebel in Bewegung gesetzt wird, das Thierleben unter den Einfluß der alle feindseligen Gegensätze ausgleichenden Cultur zu stellen und den Frieden auch dahin zu bringen, wo die dem rohen Naturtriebe überlassenen Geschöpfe sich gegenseitig befehden, zerfleischen und vernichten. Der Tiger, welcher sich im Blute seines Opfers berauscht, die Boa, deren Schlund sich selbst für einen Ochsen zu weiten vermag, das Krokodil in seiner abschreckenden Gestalt und häßlichen Gefräßigkeit, sie alle müssen dem Menschen weichen, weil er die bisher von ihnen zu lösende Aufgabe in seine Hände nimmt, um in der Polizeiverwaltung der Natur das Präsidium zu führen und die lebenden Wesen unter eine Regierung zu vereinen, welche den Naturgesetzen Rechnung trägt, indem sie das unversöhnlich Schroffe mildert und in eine weniger rauhe Gewandung kleidet.

Deshalb muß die rohe und ungelenke thierische Kraft der überlegenen Gewandtheit des menschlichen Geistes weichen, und die Mörder und Tyrannen, die Riesen und Recken des Thierreiches flüchten sich vor ihm immer tiefer in die Wildnisse, wo sie früher oder später doch von seiner sicheren Hand erreicht und dem Untergange, dem Aussterben geweiht werden. Die vorsündfluthlichen Saurier und mit ihnen alle jene phantastisch gestalteten Riesengeschöpfe, deren Thätigkeit nur in einem ewigen und erbarmungslosen sich Vernichten bestanden zu haben scheint, sie sind verschwunden; so werden auch Arten, welche die Gegenwart noch kennt, aus dem Dasein scheiden und nur diejenigen Wesen erhalten bleiben, welche der allmäligen Civilisation der Erdoberfläche nicht einen unbeugsamen Widerstand entgegensetzen.

Diese Civilisation legt an die Berechtigung der Existens den Maßstab des Nutzens, welchen ein Geschöpf dem andern, vorzüglich aber dem Menschen bringt. Je größer die Vortheile sind, welche ein Thier dem Letzteren bietet, desto lieber und sorgsamer nimmt er es in seine Pflege, unter seinen Schutz und sorgt für die Erfüllung aller nothwendigen Lebensbedingungen. Mit ihm dem Menschen, entwickelt sich auch das Thier, indem es sich den verschiedenartigsten Veränderungen unterwirft, und es ist gar nicht zu leugnen, daß in Beziehung auf das Thierleben ebenso von einem Fortschritte gesprochen werden kann, wie in Beziehung auf die Zustände der menschlichen Gesellschaft. –

Es gab eine Zeit, in welcher der Mensch einsam stand in der großen, weiten Schöpfung, den anderen und zwar sehr oft feindlichen Daseinsformen gegenüber angewiesen allein auf seine noch unentwickelte geistige Kraft. Ohne äußere Vertheidigungswaffen sah er sich den Angriffen von Thieren ausgesetzt, mit denen er sich in körperlicher Beziehung unmöglich messen konnte und die er in seiner kindlichen Einfalt deshalb mit seinen jungen Begriffen mit einem höheren, göttlichen Wesen in Verbindung brachte: er betete sie an oder stellte sie wenigstens unter den Schutz der Religion, erklärte sie für heilig. Er hatte noch keine Beobachtungen gemacht, keine Erfahrungen gesammelt, hielt sie deshalb für geistig sich ebenbürtig und dichtete ihnen Eigenschaften an, welche ihr Dasein allein nur seiner Einbildungskraft verdankten.

Diese Phantasie blieb auch dann noch thätig, als seine fortgeschrittene Kenntniß einem jeden Wesen längst den ihm angewiesenen Platz angewiesen hatte, und Legende, Sage und Fabel sind bis auf die heutigen Tage thätig geblieben, die Seele des Thieres in eine innigere und nähere Beziehung zu dem Menschengeiste zu stellen, als es die Natur gethan hat. Die Mythologie und Geschichte der Alten kennt zahlreiche Wesen, welche halb Mensch, halb Pferd, halb Fisch oder Vogel waren, und berichtet von Thieren, welche mit den übernatürlichsten Gaben und Eigenschaften ausgestattet sind. Besonders gern thut dies die nordische Mythe, welche das Götterleben mit den wunderbarsten Thiergestalten schmückt und sogar die Seligen in Walhalla mit einem Eber versorgt, dessen Fleisch, wenn es verspeist worden ist, immer wieder lebendig wird, damit es morgen wieder geschlachtet und genossen werden kann. Wie bedauerlich, daß es nur in der Sage und nicht auch in Wirklichkeit solche »Braten ohne Ende« giebt!

Auch die späteren Zeiten haben ihre geheimnißvollen Erzählungen, welche, wie z.B. die Geschichte von der schönen Melusine, ihren eigenthümlichen Eindruck auf das kindliche Gemüth nicht verfehlen. Damals gab es noch Zauberer und Feen, welche arme Menschenkinder in Thiere verwandelten und sie nur unter schwer zu erfüllenden Bedingungen wieder frei gaben; da horstete noch der Vogel Greif über den Wolken, und Drachen, Lindwürmer und anderes furchtbare Gethier forderten die Heldenkraft des Muthigen zum Kampfe heraus. Bis in den heutigen Tag herein klingen diese romantischen Berichte und tauchen hier oder da ganz unerwartet in ihren Reflexionen in der Anschauung des Volkes empor. Mit einem Sperlingsei kann man sich unsichtbar machen; ein Schluck aus der in einem Ameisenhaufen vergrabenen Weinflasche giebt Elephantenstärke; der Zahn einer Fledermaus verleiht ewige Jugend; bei Liebestränken, Amuletten und tausend Geheimmitteln[246] spielen Theile des thierischen Körpers eine hervorragende Rolle, und sogar die Seelenwanderung spukt zuweilen noch in einem dunklen Kopfe, welcher sich zu dem heroischen Entschlusse geneigt finden läßt: »Alles will ich werden, nur kein Droschkengaul!«

Im Gegensatz davon hat auch die heilige Geschichte ihre Thiergestalten von der Schlange des Paradieses bis zu dem


» ..... Kripplein was,

Von dem ein Ochs und Esel fraß,«


bei welchem frommen Reime der weniger Befangene allerdings unwillkürlich an die bekannte A-B-C-Buch-Tragödie erinnert wird: »Ein toller Wolf in Polen fraß den Tischler sammt dem Winkelmaaß.« Lieblicher dagegen klingt die Erzählung von den Tauben Noahs und den Raben, welche den Propheten speisten. »Was hab' ich Dir gethan, daß Du mich schlägst nun zu dreien Malen?« fragt daß zum Verwundern Bileams Leibeselin, und bekannt ist ja, mit welcher ergreifenden Macht die biblische Sprache sich der Beispiele aus dem Thierleben zu bedienen weiß. Die ganze Sehnsucht eines von der Reue gefolterten Herzens ist ausgesprochen in den wenigen Worten: »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser;« wie erschütternd klingt die Drohung von dem Auge, welches »die Raben am Bache aushacken und die jungen Adler fressen,« und kein bezeichnenderes Wort für Christi Lehre und Character konnte es geben, als den Hinweis: »Siehe, das ist Gottes Lamm.« Wer hat noch nicht gelesen von jenem »Wurme, der nie stirbt,« oder von jener Scheidung in »Schafe und Böcke,« mit welcher der Letzte und Größeste der Propheten das Walten der ewigen Gerechtigkeit illustrirt?

Auch die heiligen Bücher und Traditionen anderer Religionen greifen fleißig in das Leben der Thiere oder nehmen dieselben wohl gar so in Schutz, daß sie die Tödtung derselben verbieten. »Thiur el Djinne,« Vögel des Paradieses nennt der Araber die Schwalben, weil sie, als der Herr den Garten Eden verschloß, an dem flammenden Schwerdte des Engels vorüberflogen, um dem Menschen in das Elend der Verbannung zu folgen; überhaupt versteht es der Orientale gut, in dieser Weise die bekannten Gestalten und auffälligen Erscheinungen des Thierreiches mit seinen religiösen Anschauungen in Verbindung zu bringen und sich mit einer Fülle von Mährchen und Sagen zu umgeben, welche dem realistischen Abendländer erdrückend vorkommen möchte. Dieser liebt die nüchterne, auf Thatsachen fußende Darstellung, und wo seine Dichtkunst sich mit dem Thiere beschäftigt, so thut er es, wie z.B. in dem Epos von Reinecke, dem Fuchse, oder im »Froschmäusler« von Fischart, als Psycholog oder Satyriker.

Das Thierreich ist höchst wohlhabend an psychologischen Characteren, und viele von ihnen sind so scharf gezeichnet, daß sie als Typen Eingang in die vergleichende Redeweise des alltäglichen Lebens gefunden haben. Von der Wachsamkeit des Hundes, der Falschheit der Katze, der Verschlagenheit des Fuchses, dem Fleiße der Biene, der Gefräßigkeit des Hamsters etc. kann man täglich und stündlich sprechen hören, und es ist hier wirklich der Mühe werth, beobachtende Vergleiche anzustellen.

Es giebt oft menschliche Physiognomieen, welche mit denen gewisser Thiere eine auffallende Aehnlichkeit haben, und eine genaue Beobachtung ergiebt dann stets, daß diese Aehnlichkeit sich nicht blos auf das Aeußere, sondern auch auf den Character erstreckt. Ein Gesicht mit eng bei einander stehenden Augen, zurückgebogener, niederer Stirn und schmalen, zugespitzten Zügen hat unbedingt etwas Raubvogelähnliches, zumal wenn der Kopf nach vorn getragen wird, während ein kurzer, starker Nacken, große Ohren, dicker und breiter Schädel, grobzügiges Gesicht mit breiter Nase, kleinen Augen und breiten, gradgeschnittenen und wulstigen Lippen unwillkürlich an jenes Thier erinnert, welchem man, wenn es drischet: »das Maul nicht verstopfen soll.« Mag man solche Vergleiche immerhin als gesucht bezeichnen, der aufmerksame Beobachter spricht mit vollem Rechte von Fuchs-, Mops-, Bullenbeißer-, Eulen-, Affen-, Esels- und anderen Gesichtern, und wenn wir das Recht in Anspruch nehmen, von Adler- und Habichtnasen zu reden, so müssen wir auch auf die Erlaubniß bestehen, andere Körpertheile zu einem Vergleiche heranzuziehen. Der Bau und die Haltung des Körpers, der Gang, der Klang der Stimme, die Art und Weise des Mienenspieles und des sprachlichen Ausdruckes sind hierbei mit in Betracht zu ziehen, und wenn wir hier Storchbeine, Reh- und Gazellenaugen, Stiernacken, Gorillaarme und Bärenschritt bunt untereinander aufzählen, so geschieht dies mit derselben Wahrheit des Vergleiches, mit welcher man z.B. von einem »Fuchsschwänzer« spricht, einem Menschen, der sich durch seine ganze Haltung und jede seiner Bewegungen als das zeigt, was er ist – ein »Schlaupelz,« dem es darum zu thun ist, durch scheinheilige Lobhudeleien seine Zwecke zu erreichen.

Die Frage, ob das Thier eine Seele besitze, ist für den gegenwärtigen Stand unserer Kenntniß eine vollständig überflüssige, wenn auch die Untersuchungen über die Thätigkeit dieser Seele kaum über die Anfänge der thierpsychologischen Forschungen hinaus gediehen sind.[247]

Instinct oder Ueberlegung? Wie oft hört man diese beiden Worte aussprechen, die doch beide eine geistige Thätigkeit bezeichnen, welche auf die Handlungen des Thieres bestimmend einwirkt. Denn wäre unter dem Instincte ein bloßer, dem Bewußtsein vollständig fremder Naturtrieb zu verstehen, so müßte man von einem solchen auch bei der Pflanze sprechen, welche die Wurzelkeime in die dunkle Erde, die Blätterkeime aber dem Lichte der Sonne entgegentreibt. Instinct hat dann auch der Mensch, welcher tausend unwillkürliche Handlungen begeht, die mit einer berechnenden Absicht Nichts zu thun haben und Ergebnisse derjenigen Naturgesetze sind, denen er mit seinem ganzen Wesen und Leben gehorsamen muß.

Man darf sich wohl vor der Behauptung hüten, daß das Thun des Thieres ein mechanisches, eine Gewohnheitsfolge sei; denn wenn man zugiebt, daß jedes thierische Wesen dasjenige, was es zu vollbringen vermag, erst gelernt haben muß, so fühlt man sich gleich darauf in die Nothwendigkeit versetzt, zu gestehen, daß eben das Lernen eine geistige, eine selbständige Thätigkeit und Anstrengung voraussetzt.

Natürlich ist diese Thätigkeit bei den höher gestellten Geschöpfen eine ausgeprägtere, und darum können wir auch nur bei ihnen von einem wirklichen Character sprechen, der ein um so augenfälliger ist, je mehr die freie Selbstbestimmung hervortritt. –

Das Eingreifen des Menschen in das Leben der Thiere ist meist ein gewaltthätiges. In den zahlreichsten Fällen steht er ihnen als Mörder gegenüber, um mit ihren Körpertheilen des Leibes Nahrung und Nothdurft zu decken und einer Menge von Industriezweigen die nöthigen Producte an die Hand zu geben. Selbst da, wo er, wie z.B. der Landmann, seine thierischen Untergebenen mit dem Namen »Nutzvieh« bezeichnet, ist sein Verfahren von der Selbstsucht geboten, laufen seine sogenannten humanen Bestrebungen auf die Rücksichten des Eigennutzes hinaus und führt seine Pflege doch nur zu einer Schädigung an der Freiheit und dem Leben der in seinem Besitze befindlichen Geschöpfe.

Während in erster Linie hier der Jäger und der Fleischer zu nennen sind, darf das Thun und Treiben des Naturforschers ein weniger feindliches genannt werden, obgleich auch er zuweilen »den Tod im Blicke trägt.« Während bei den Andern der geschäftliche Gewinn als Triebfeder wirkt, folgt er dem edleren Wissensdurste, um die Gestaltungen einer reichbelebten Welt kennen zu lernen, die seinen Betrachtungen eine unendliche Fülle des anziehendsten Stoffes bietet.

Unter allen Menschenkindern aber, welche dem zoologischen Leben ihr Interresse widmen, ist keines demselben so freundlich, so rücksichtsvoll und nachsichtig gesinnt wie der Dichter, welcher selbst mit dem Behemoth und Leviathan innige Freundschaft schließt, nicht ein einziges der unzähligen Würmchen in seinem Rechte kränkt und das verklärende Licht seiner Poesie selbst über das absolut Häßliche und Abstoßende fallen läßt. Er lauscht dem Zirpen der Grille wie dem Brüllen des Löwen, dutzt sich mit Mäusen und Elephanten, parlirt mit Goldfischen und Walthieren und lebt mit all diesen Creaturen auf einem Fuße, der dieselben zur größten Dankbarkeit verpflichtet. Die Ergiebigkeit seiner Phantasie ist wirklich erstaunlich und die Geschicklichkeit, seinen Schützlingen ein beredter Sachwalter zu sein, bewundernswerth. Es giebt keine schlimme That oder Eigenschaft, der er nicht eine Ursache zur Entschuldigung abzugewinnen vermag, und wo ihm auch das nicht möglich ist und er sich alle Vertheidigungsmittel aus der Hand gerungen sieht, fühlt er sich keineswegs in Verlegenheit gesetzt, sondern greift mit stets schlagfertiger Taktik zum Humore, um das allseitige »Gruseln« vor den kleinen und großen Ungeheuern in ein heiteres Lachen zu verwandeln.


»Mich bizt neizwaz, waz mag daz seyn?«1


fragt in längst verklungener Sprache das alte Lied vom schwarzen Ritter Floh, und wer es gelesen oder gehört, muß schließlich zugestehen, daß der auf verborgenen Wegen wandelnde blutdürstige Held ein galanter Damenfreund ist, der ganz so wie die mittelalterlichen Burgherren und Edelknappen vorzugsweise dem schönen Geschlechte seine Tapferkeit und Minne widmet.

Nur er, der Dichter, bringt das Kunststück fertig, zwei spazierengehende Löwen einander so auffressen zu lassen, daß Nichts übrig bleibt


» ... von den Löwen edel,

Als nur die beiden Wedel.«


Und fast noch Wunderbareres leistet er, wenn er als Arzt seine Heilmittel dem Thierreiche entnimmt:


»Ein Mann, geplagt in seinem Haus,

Riß sich die ganzen Haare aus;

Dem heilt ich auf die kahle Stell

Ein Stückchen schwarzes Pudellfell.

'ne Sängerin litt schon lange Zeit

An ungeheurer Heiserkeit;

Mehlwürmer heilten diesen Fall,

Jetzt singt sie wie 'ne Nachtigall,«


erzählt er von seinen Curen, die gar nicht zu bezweifeln sind, wenn man an die Intimität denkt, in der er zu allen Geschöpfen steht, ihre Sprache kennt und ihnen alle möglichen Geheimnisse ablauscht. Während der prosaische Mensch das Pferd nur wiehern, die Ziege nur meckern und die Katze nur miauen hört, vermag der Dichter all diese Töne in echtes, richtiges Hochdeutsch zu übersetzen und weiß Wort für Wort und Sylbe für Sylbe, was gewiehert, gemeckert und miaut worden ist. Glücklicher Weise leidet er nicht an dem Fehler der Verschwiegenheit, und so erfahren auch andre Menschenkinder die ihnen sonst verborgenen Heimlichkeiten:[254]


»Der Hahn singt schon in aller Früh

Der Henne vor sein Kikriki;

Sogar der dumme Gimpel schreit

Von Liebesgram und Liebesleid.«


Besonders sind es die zartstimmigen, gefiederten Wesen, denen die Töne seiner Leier erklingen. Er weist ihnen im heiligen Reiche der Liebe die verantwortungsvolle Stellung als Briefträger an:


»O bitt Euch, liebe Vögelein,

Will keines von Euch mein Bote sein?«


läßt sie vor dem Auge des Liebchens als nachzuahmendes Beispiel leuchten:


»Zieht im Herbst die Lerche fort;

Singt sie leis ›ade!‹

Sag mir noch ein liebend Wort,

Eh' ich von Dir geh!«


und stirbt zuletzt gar mit ihnen im Schooße der Holden, welche ihm die Erhörung verweigert:


»Schießt mich ein Jäger todt,

Fall ich in Deinen Schooß;

Siehst Du mich traurig an,

Gern sterb' ich dann!«


Hat er auf diese Weise sein Herz von der Last der Seufzer befreit, so kann er sich den Ansprüchen des materiellen Lebens nicht länger entziehen; auch die Muse muß essen und trinken, wenn sie bei Kräften bleiben will, und dann treibt sie der Appetit sogar in die Nähe jenes Wesens, welches den Juden ein Aergerniß und den Muselmännern ein Gräuel ist:


»Heil Dir, geborstetes,

Ewig geworstetes,

Dutzend geborenes,

Niemals geschorenes,

Köstliches Schwein.

Heil, Heil und dreifach Heil

Dem Schwein und seinem Hintertheil!«


Am besten versteht es der Fabeldichter, mit der Thierwelt zu verkehren und diesen Verkehr besonders für die Jugend fruchtbringend zu gestalten. Auch der Componist ist zuweilen gemüthvoll genug, das geistreiche


»Der Kukuk und der Esel, die hatten ein Streit,

Wer wohl am besten sänge zur schönen Maienzeit.«


in Musik zu setzen, und manches in der Jugend gerngesungene Lied klingt, wie das alte, liebgewordene


»Weißt Du, wie viel Mücklein spielen«


bis in das späte Alter hinüber und hat seinen Einfluß auf die religiösen und sittlichen Ansichten eines mühevollen und prüfungsreichen Menschenlebens unbestritten ausgeübt. Die poetische Anschauung dringt nach und nach in das gewöhnliche Leben ein, beseitigt das Vorurtheil und mildert die Strenge. Sie hebt das Characteristische, das Beachtenswerthe hervor und erwirbt dem Thiere die menschliche Theilnahme und Dankbarkeit, wo es diese sonst vielleicht nicht gefunden hätte.


»Wer hat, wenn ich auf Gottes Welt

Allein mich fand, zu mir sich gesellt,

Wer hat mich geliebt, wenn ich mich gehärmt,

Wer, wenn ich fror, hat mich gewärmt,

Wer hat mit mir, wenn ich hungrig gemurrt,

Getrost gehungert und nicht geknurrt?«


rühmt Chamisso die Tugenden seines Hundes, und vergleicht man mit diesem Bilde den Character des Wolfes, des Fuchses, der Hyäne, die doch dem Hunde verwandt sind, so erkennt man den Einfluß des Menschen auf die in seiner Gesellschaft lebenden Thiere erst in seiner vollsten Stärke und Bedeutung.

Wenn die Bibel sagt, daß sich auch die leblose Creatur nach Erlösung sehne, so darf man dabei nicht an eine Himmelfahrt der Thiere denken, sondern dieses Wort will nur auf den Einfluß hinweisen, welchen der aus den Banden der Finsterniß befreite Menschengeist auf die Verbesserung aller irdischen Verhältnisse und also auch auf die Erscheinungen der verschiedenen Naturreiche auszuüben vermag und auch wirklich ausübt. Die Entwickelung des Menschen zieht alle unsre Daseinsformen in ihren Bereich, baut Stufe um Stufe dem großen Ziele der Vervollkommnung entgegen und führt mit Nothwendigkeit zur allmähligen Erfüllung des alten, biedern Wunsches, daß es


»Hier auf unsrer Erden

Mit Allem möge besser werden!«[255]


1

»Mich beißt Etwas, was mag das sein?«

Quelle:
Geographische Predigten von Karl May. 5. Mensch und Thier. In: Schacht und Hütte. 1. Jg. Dresden (1876). Nr. 32, S. 254-256.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Geographische Predigten
Geographische Predigten

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Das neue Lied und andere Erzählungen 1905-1909

Die Sängerin Marie Ladenbauer erblindet nach einer Krankheit. Ihr Freund Karl Breiteneder scheitert mit dem Versuch einer Wiederannäherung nach ihrem ersten öffentlichen Auftritt seit der Erblindung. »Das neue Lied« und vier weitere Erzählungen aus den Jahren 1905 bis 1911. »Geschichte eines Genies«, »Der Tod des Junggesellen«, »Der tote Gabriel«, und »Das Tagebuch der Redegonda«.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantische Geschichten II. Zehn Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.

428 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon