Der Völkerfriede

[297] Trag nicht empor ins Himmelreich,

Was auf der Erde hat zu bleiben!

Du bist noch lange Gott nicht gleich

Und willst dich ihm doch einverleiben.

Du wirfst ihm alle irdschen Fragen

Zur pflichtgemachten Lösung hin;

Die Allmacht soll sich für dich plagen;

Das ist des Glaubens Zweck und Sinn.


Erscheint dir eine Last zu schwer,

Will Etwas dir nicht gleich gelingen,

So sorgt dich das nicht allzusehr,

Du kannst es ja dem Vater bringen.

Du bist von ihm einst ausgegangen

Und kehrest einst zu ihm zurück;

Du brauchst von ihm nur zu verlangen,

Dein Heil ist ja sein eignes Glück.[297]


So soll Gott Alles für dich thun;

Er soll sogar auch für dich lieben.

Auf seiner Güte auszuruhn,

Ist dir verbrieft, ist dir verschrieben.

Du brauchst nichts weiter, als zu glauben,

Daß er die Welt zum Besten lenkt,

Und eifrig gegen den zu schnauben,

Der Gottes Reich sich anders denkt.


Und gläubig schnaubend, lächelst du,

Erfüllt von heilgem Himmelsfeuer,

Dem Nächsten Gottes Liebe zu – –

Die deinige ist dir zu theuer.

Die göttliche reicht für die Schaaren

Der Ungezählten ewig aus;

Die menschliche hat man zu sparen;

Sie geht nicht übers Ich hinaus.[298]


Und dieser Glaube will der Welt

Durch diese Liebe Frieden bringen

Und läßt als Herrscher und als Held

Sein »Et in terra pax« erklingen!

Und dieser Glaube, viel zerrissen,

Stets mit sich selbst in Zank und Streit,

Er will allein zu finden wissen

Das, was ihm fehlt, die Einigkeit!


O, glaub an diesen Glauben nicht!

Glaub nur allein an Gottes Liebe.

Was er der Menschheit auch verspricht,

Nichts ist, was er nicht schuldig bliebe.

Es kann nur einen Glauben geben,

Wie es nur eine Liebe giebt,

Und beide sind vereint im Leben

Dann, wenn der Mensch den Menschen liebt.[299]


Nun steig empor ins Himmelreich,

Und bring herab den Völkerfrieden!

Er ist dem Dort und Hier zugleich,

Der Erde nicht allein, beschieden.

Hol uns den einen Glauben wieder,

Der auch nur eine Liebe kennt,

Dann schwebt mit ihm der Engel nieder,

Den man den Völkerfrieden nennt.[300]


Quelle:
Himmelsgedanken. Gedichte von Karl May. Freiburg i.Br. (1900), S. 297-301.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Himmelsgedanken
Himmelsgedanken. Gedichte
Himmelsgedanken. Gedichte von Karl May

Buchempfehlung

Lessing, Gotthold Ephraim

Philotas. Ein Trauerspiel

Philotas. Ein Trauerspiel

Der junge Königssohn Philotas gerät während seines ersten militärischen Einsatzes in Gefangenschaft und befürchtet, dass er als Geisel seinen Vater erpressbar machen wird und der Krieg damit verloren wäre. Als er erfährt, dass umgekehrt auch Polytimet, der Sohn des feindlichen Königs Aridäus, gefangen genommen wurde, nimmt Philotas sich das Leben, um einen Austausch zu verhindern und seinem Vater den Kriegsgewinn zu ermöglichen. Lessing veröffentlichte das Trauerspiel um den unreifen Helden 1759 anonym.

32 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon