Klaglied eines Mädchens

[260] (1775.)


Ach, wie ist mir's trüb im Sinn!

Alle Freuden sind dahin!

Ruh' und Hoffnung sind verschwunden!

Öd' und bang sind meine Stunden!

Ach, wie ist mir's trüb im Sinn.


Dem ich ehmals alles war,

Ach, wie ist er wandelbar!

Der mir ewig Treu versprochen,

Ach, er hat den Schwur gebrochen!

Dem ich ehmals alles war!


Kalt verwendet er den Blick,

Giebt kein Lächeln mir zurück!

Der mir sonst so freundlich lachte,

Mich an Glück zum Engel machte,

Kalt verwendet er den Blick!


Andre sieht er freundlich an,

Scheut sich, mir sich nur zu nahn!

Den ich sonst allein entzückte,

Der auf mich alleine blickte,

Sieht nun andre freundlich an!


Armes Sträußchen, welke nur!

Ihm entriß ich dich der Flur!

Aber Chloens war ihm lieber,

Spröde ging er dich vorüber;

Armes Sträußchen, welke nur![261]


Ach, der kalte falsche Mann!

Chloen ist er zugethan!

Und ich hätte gern mein Leben,

Alles um ihn hingegeben!

Ach, der kalte falsche Mann!


Gott! wie ist mein Jammer groß!

Leid und Thränen sind mein Los!

Geh, mein Leben, nun ins Trübe!

Ach, du falsche, falsche Liebe!

Gott, wie ist mein Jammer groß!


Alle Männer will ich fliehn!

Alle sind von falschem Sinn!

Keinem will ich mich ergeben!

Menschenfeindlich will ich leben!

Alle Männer will ich fliehn!


Quelle:
Deutsche Nationalliteratur, Band 50, Stuttgart [o.J.], S. 260-262.
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