Fünfter Auftritt.

[9] Argan. Angelique. Toinette.


ARGAN. Also denn, mein Kind, ich habe dir eine Neuigkeit mitzuteilen, die du dir vielleicht nicht vermutest. Es hat jemand um dich angehalten. Wie! – Du lachst? – Ja, ja, das Wort Heirat gefällt dir; es klingt allen jungen Mädchen gut. Oh, Natur! Natur! – Wie ich sehe, meine liebe Tochter, habe ich nicht nötig, dich erst zu fragen, ob du etwas dagegen hast.

ANGELIQUE. Ich muß alles tun, Herr Vater, was Euch gefällig sein wird, mir zu befehlen.

ARGAN. Es freut mich, daß ich eine so gehorsame Tochter habe. Die Sache ist also abgemacht, und ich habe dich versprochen.

ANGELIQUE. Es ist meine Schuldigkeit, Herr Vater, Eurem Willen in allem blindlings zu folgen.

ARGAN. Meine Frau, deine Stiefmutter, hatte im Sinne, ich solle dich in ein Kloster schicken, dich und deine kleine Schwester Louison; sie war von jeher darauf erpicht.

TOINETTE beiseite. Die liebe Seele hat ihre guten Ursachen.

ARGAN. Sie wollte in diese Heirat nicht willigen; ich habe es aber durchgesetzt und mein Wort gegeben.

ANGELIQUE. Ach, mein Vater, wie danke ich Euch für alle Eure Güte!

TOINETTE zu Argan. Wahrhaftig, das freut mich um Euch, und Ihr habt in Eurem ganzen Leben nichts Klügeres getan.

ARGAN. Ich habe deinen Zukünftigen noch nicht gesehen: aber man sagt mir, ich würde mit ihm zufrieden sein und du ebenfalls.

ANGELIQUE. Ja, gewiß, mein Vater.

ARGAN. Wie! Kennst du ihn denn schon?

ANGELIQUE. Weil Eure Zustimmung mir erlaubt, Euch mein Herz zu eröffnen, so darf ich Euch nicht verschweigen, daß der Zufall uns vor sechs Tagen zusammengeführt hat, und daß sein Antrag eine Folge der Zuneigung ist, die wir vom ersten Augenblick an füreinander gefaßt haben.

ARGAN. Das hatten sie mir nicht gesagt; aber es ist mir[10] lieb zu hören, und um so viel besser so. Sie versichern mir, es sei ein langer, hübscher junger Mensch.

ANGELIQUE. Ja, Herr Vater.

ARGAN. Gut gewachsen.

ANGELIQUE. Jawohl.

ARGAN. Von angenehmem Wesen.

ANGELIQUE. Ganz recht.

ARGAN. Eine gute Physiognomie –

ANGELIQUE. Eine sehr gute!

ARGAN. Verständig und von guter Familie –

ANGELIQUE. Ja, das ist er.

ARGAN. Sehr höflich –

ANGELIQUE. Der höflichste Mensch von der Welt.

ARGAN. Soll gleich gut Lateinisch und Griechisch sprechen –

ANGELIQUE. Davon weiß ich nichts.

ARGAN. Und wird in drei Tagen sein Diplom als Doktor der Medizin erhalten.

ANGELIQUE. Er, mein Vater?

ARGAN. Ja. Hat er dir's nicht gesagt?

ANGELIQUE. Nein, wahrhaftig. Wer hat Euch das aber erzählt?

ARGAN. Herr Doktor Purgon.

ANGELIQUE. Kennt Doktor Purgon ihn denn?

ARGAN. Schöne Frage! Er muß ihn ja wohl kennen, weil er sein Onkel ist.

ANGELIQUE. Cleanthe wäre Herrn Purgons Neffe?

ARGAN. Was für ein Cleanthe? Wir sprechen von dem, der um dich hat anhalten lassen.

ANGELIQUE. Ganz recht!

ARGAN. Nun also! Und der ist Herrn Purgons Neffe; der Sohn seines Schwagers, des Doktors Diafoirus: selbiger Sohn heißt aber Thomas und nicht Cleanthe; und wir haben diese Heirat heut morgen verabredet, Herr Purgon, Herr Fleurant und ich: morgen soll mein zukünftiger Schwiegersohn mir von sei nem Vater vorgestellt werden. Was ist dir denn? Du bist ja ganz außer Fassung?

ANGELIQUE. Ach, bester Vater, ich sehe, Ihr habt von ganz einem andern gesprochen, als an den ich dachte!

TOINETTE. Wie, Herr Argan, hättet Ihr wirklich einen so närrischen Gedanken gehabt? Und wolltet Ihr mit Eurem vielen Gelde Eure Tochter an einen Arzt verheiraten?[11]

ARGAN. Ja. Was hast du darein zu reden, du unverschämte Spitzbübin?

TOINETTE. Sachte, sachte, Herr Argan. Ihr fangt gleich mit Schimpfworten an. Können wir denn nicht miteinander reden, ohne uns zu ereifern? – So, laßt uns die Sache einmal ganz gelassen betrachten. Was habt Ihr für einen Grund, wenn's Euch gefällig ist, um diese Heirat zu wünschen?

ARGAN. Was für einen Grund? Schwach und kränklich, wie ich bin, will ich einen Arzt zum Eidam und Ärzte zu Verwandten haben, um mir zuverlässigen Beistand gegen meine Krankheit zu sichern; um die Quellen zu den Mitteln, die mir verschrieben werden, in meiner Familie zu wissen, und um die Konsultationen und Verordnungen immer bei der Hand zu haben.

TOINETTE. Sehr gut! Das nenne ich wenigstens einen Grund anführen, und es ist ein Vergnügen, sich einer mit dem andern in aller Sanftmut zu besprechen. Aber, mein bester Herr, antwortet mir einmal auf Ehre und Gewissen: seid Ihr krank?

ARGAN. Was, du Spitzbübin, ob ich krank bin? Ob ich krank bin, du unverschämte Kreatur?

TOINETTE. Ei nun ja, Herr Argan, Ihr seid krank; darüber wollen wir nicht miteinander zanken. Ja, Ihr seid sehr krank, das gebe ich zu, und kränker als Ihr denkt: damit wären wir fertig. Aber Eure Tochter soll einen Mann für sich nehmen; und da sie nicht krank ist, scheint mir's nicht nötig, ihr einen Arzt auszusuchen.

ARGAN. Es ist ja auch meinetwegen, daß ich ihr diesen Arzt ausgesucht habe; und eine wohlgeartete Tochter sollte sich freuen, wenn sie für die Gesundheit ihres Vaters heiraten kann.

TOINETTE. Meiner Seel', Herr Argan; dazu kann ich nicht schweigen: wollt Ihr, daß ich Euch als Freundin einen Rat gebe?

ARGAN. Laß einmal hören!

TOINETTE. Daß Ihr an diese Heirat nicht denken sollt.

ARGAN. Und der Grund?

TOINETTE. Der Grund? – Weil Eure Tochter nicht darin einwilligen wird.

ARGAN. Sie wird nicht einwilligen?

TOINETTE. Nein.[12]

ARGAN. Meine Tochter?

TOINETTE. Eure Tochter. Sie wird Euch sagen, daß sie weder von Herrn Diafoirus, noch von seinem Sohne, Herrn Thomas Diafoirus, noch von allen Diafoirus der ganzen Welt das mindeste wissen will.

ARGAN. Aber ich will etwas von ihnen wissen, ich; und überdem ist die Partie viel besser als man denkt. Herr Diafoirus hat nur den einen Sohn zum Erben; Herr Purgon, der weder Weib noch Kind hat, verschreibt diesem um seiner Heirat willen sein ganzes Vermögen; und Herr Purgon ist ein Mann, der sich auf volle achttausend Franken jährlicher Renten steht.

TOINETTE. Der muß eine hübsche Menge von Menschen umgebracht haben, daß er so reich geworden ist!

ARGAN. Achttausend Franken Renten wollen etwas sagen; und dazu noch das Vermögen des Vaters!

TOINETTE. Herr Argan, das ist alles recht schön und gut: aber ich bleibe doch dabei: ich rate Euch unter uns, sucht ihr einen andern Mann aus; sie ist nicht dazu gemacht, Madame Diafoirus zu werden.

ARGAN. Ich will es aber so.

TOINETTE. I pfui! Sagt doch das nicht!

ARGAN. Was! Ich soll das nicht sagen?

TOINETTE. I nein!

ARGAN. Und warum soll ich's nicht sagen?

TOINETTE. Weil man behaupten wird, Ihr wüßtet nicht, was Ihr sprächt.

ARGAN. Mögen die Leute sagen, was sie wollen; aber ich sage dir, ich will, daß sie erfüllen soll, was ich versprochen habe.

TOINETTE. Nein; ich weiß gewiß, sie tut es nicht.

ARGAN. Ich werde sie schon zwingen.

TOINETTE. Ich wiederhole Euch, sie tut es nicht.

ARGAN. Sie tut es, oder ich stecke sie in ein Kloster.

TOINETTE. Ihr?

ARGAN. Ich.

TOINETTE. Pah!

ARGAN. Was – Pah?

TOINETTE. Ihr steckt sie nicht in ein Kloster.

ARGAN. Ich stecke sie nicht in ein Kloster?

TOINETTE. Nein.

ARGAN. Nicht?[13]

TOINETTE. Nein.

ARGAN. Oho, das ist ja allerliebst. Ich soll meine Tochter nicht in ein Kloster schicken, wenn ich will?

TOINETTE. Nein, sage ich Euch.

ARGAN. Wer wird mir's wehren?

TOINETTE. Ihr selbst.

ARGAN. Ich?

TOINETTE. Ja. Das bringt Ihr nicht übers Herz.

ARGAN. Das werde ich.

TOINETTE. Ihr scherzt nur.

ARGAN. Ich scherze gar nicht.

TOINETTE. Die väterliche Zärtlichkeit wird Euch ergreifen.

ARGAN. Sie wird mich nicht ergreifen.

TOINETTE. Eine kleine Träne oder zwei, ein Paar Arme um Euren Hals geschlungen, ein recht zärtlich gesprochenes »mein Herzensväterchen« werden hinreichen, Euch zu rühren.

ARGAN. Das alles wird mir nichts anhaben.

TOINETTE. Ja, ja.

ARGAN. Ich sage dir, daß ich nicht davon ablasse.

TOINETTE. Kleinigkeit!

ARGAN. Nichts da von Kleinigkeit.

TOINETTE. Mein Gott, ich kenne Euch ja; Ihr seid gutherzig von Natur.

ARGAN heftig. Ich bin nicht gutherzig, ich werde auch böse, wenn ich will.

TOINETTE. Ereifert Euch nicht; Ihr bedenkt nicht, daß Ihr krank seid.

ARGAN. Ich befehle ihr unweigerlich, sie soll sich drauf gefaßt machen, den von mir bestimmten Mann zu nehmen.

TOINETTE. Und ich verbiete ihr unweigerlich, auch nur daran zu denken.

ARGAN. In welchem Lande leben wir denn? Und was ist denn das für eine Frechheit, daß ein spitzbübisches Dienstmädchen sich erdreistet, so mit ihrem Herrn zu reden?

TOINETTE. Wenn ihr Herr nicht weiß, was er tut, so hat ein vernünftiges Dienstmädchen das Recht, ihn zurückzuhalten.

ARGAN. Warte, du impertinente Kreatur, ich schlage dich tot! Er verfolgt sie.[14]

TOINETTE stellt einen Stuhl zwischen ihn und sich. Es ist meine Pflicht, mich Dingen zu widersetzen, die Euch Schande bringen würden.

ARGAN läuft mit seinem Stock um den Stuhl herum. Komm nur heran; ich will dich reden lehren!

TOINETTE ihm immer ausweichend. Mir liegt nur dran, daß Ihr keine Torheit begeht ...

ARGAN wie zuvor. Kröte!

TOINETTE wie zuvor. Und ich werde die Heirat nie zugeben.

ARGAN wie zuvor. Meerkatze!

TOINETTE. Ich leide es nicht, daß sie Euren Thomas Diafoirus nimmt.

ARGAN wie zuvor. Rabenaas!

TOINETTE wie zuvor. Und sie wird mir mehr gehorchen als Euch.

ARGAN stillstehend. Angelique, willst du mir die infame Kreatur gleich festhalten?

ANGELIQUE. Ach, lieber Vater, macht Euch nur nicht krank.

ARGAN. Wenn du sie nicht festhältst, gebe ich dir meinen Fluch.

TOINETTE im Weggehen. Und ich enterbe sie, wenn sie Euch gehorcht.

ARGAN wirft sich in seinen Lehnstuhl. Ach! ach! Ich kann nicht mehr. Das wird mein Tod sein!


Quelle:
Molière: Der eingebildete Kranke. Leipzig 1945, S. 9-15.
Lizenz:
Ausgewählte Ausgaben von
Der eingebildete Kranke
Der eingebildete Kranke
Le Malade imaginaire /Der eingebildete Kranke: Franz. /Dt.
Der eingebildete Kranke (insel taschenbuch)
Der eingebildete Kranke (Suhrkamp BasisBibliothek)
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