10.

[171] Es giebt so bange Zeiten,

Es giebt so trüben Muth,

Wo alles sich von weiten

Gespenstisch zeigen thut.


Es schleichen wilde Schrecken

So ängstlich leise her,

Und tiefe Nächte decken

Die Seele zentnerschwer.


Die sichern Stützen schwanken,

Kein Halt der Zuversicht;

Der Wirbel der Gedanken

Gehorcht dem Willen nicht.


Der Wahnsinn naht und locket

Unwiderstehlich hin.

Der Puls des Lebens stocket,

Und stumpf ist jeder Sinn.


Wer hat das Kreuz erhoben

Zum Schutz für jedes Herz?

Wer wohnt im Himmel droben,

Und hilft in Angst und Schmerz?


Geh zu dem Wunderstamme,

Gieb stiller Sehnsucht Raum,

Aus ihm geht eine Flamme

Und zehrt den schweren Traum.


Ein Engel zieht dich wieder

Gerettet auf den Strand,

Und schaust voll Freuden nieder

En das gelobte Land.


Quelle:
Novalis: Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Band 1, Stuttgart 1960–1977, S. 170-171.
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