11.

[171] Ich weiß nicht, was ich suchen könnte,

Wär jenes liebe Wesen mein,

Wenn er mich seine Freude nennte,

Und bei mir wär', als wär' ich sein.


So Viele gehn umher und suchen

Mit wild verzerrtem Angesicht,

Sie heißen immer sich die Klugen,

Und kennen diesen Schatz doch nicht.


Der Eine denkt, er hat's ergriffen,

Und was er hat, ist nichts als Gold;

Der will die ganze Welt umschiffen,

Nichts als ein Nahme wird sein Sold.


Der läuft nach einem Siegerkranze

Und Der nach einem Lorbeerzweig,

Und so wird von verschiednem Glanze

Getäuscht ein jeder, keiner reich.


Hat er sich euch nicht kund gegeben?

Vergaßt ihr, wer für euch erblich?

Wer uns zu Lieb' aus diesem Leben

In bittrer Qual verachtet wich?


Habt ihr von ihm denn nichts gelesen,

Kein armes Wort von ihm gehört?

Wie himmlisch gut er uns gewesen,

Und welches Gut er uns bescheert?


Wie er vom Himmel hergekommen,

Der schönsten Mutter hohes Kind?

Welch Wort die Welt von ihm vernommen,

Wie viel durch ihn genesen sind?
[172]

Wie er von Liebe nur beweget

Sich ganz uns hingegeben hat,

Und in die Erde sich geleget

Zum Grundstein einer Gottesstaat?


Kann diese Bothschaft euch nicht rühren,

Ist so ein Mensch euch nicht genug,

Und öffnet ihr nicht eure Thüren

Dem, der den Abgrund zu euch schlug?


Laßt ihr nicht alles willig fahren,

Thut gern auf jeden Wunsch Verzicht,

Wollt euer Herz nur ihm bewahren,

Wenn er euch seine Huld verspricht?


Nimm du mich hin, du Held der Liebe

Du bist mein Leben, meine Welt,

Wenn nichts vom Irdischen mir bliebe,

So weiß ich, wer mich schadlos hält.


Du giebst mir meine Lieben wieder,

Du bleibst in Ewigkeit mir treu,

Anbetend sinkt der Himmel nieder,

Und dennoch wohnest du mir bei.

Quelle:
Novalis: Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs. Band 1, Stuttgart 1960–1977, S. 171-173.
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