II

[62] Jene dreißiger Jahre, die sich durch eine gewisse Einfachheit der Toiletten auszeichneten, hatten nur einen seltsamen Auswuchs: die Steifärmel. Man hatte, wie schon erwähnt, bei der Emanzipation von Zwang und Unbequemlichkeit die häßlichen engen Aermel abgeschafft und dieselben zuerst nach oben erweitert und ihnen den Namen »Schöpskeulen« gegeben, der wahrscheinlich an Häuslichkeit und weibliche Pflicht, auch beim Fleischer, wie in der Küche Bescheid zu wissen, gemahnen sollte. Indeß um diese Façon ganz entsprechend zu gestalten, erschien es nothwendig, ihnen an der Achsel etwas Halt zu geben, Man befestigte dann etwas Steifgaze darin, die sich später zu einem luxzen Aerwel gestaltete, den man in den Kleiderärmel[62] band. Bald aber fand man dies ungenügend, denn die Aermel wurden immer weiter, auch nach unten, wo sie ein Bündchen im Handgelenk schloß; dies steigerte sich so, daß man schließlich zu einem paar Aermel so viel Stoff brauchte, wie sonst zu einem Nock. Man legte also die sich doch immer leicht zerdrückende und weich werdende Steifgaze bei Seite und fertigte kleine Ballons, die in ihrem Umkreis einen Reifen von Fischbein oder Rohr hatten, wohl auch nach oben und unten kleine Fischbeine zu weiterer Stütze. Da es, wenn man sich auch so viel Paar derartige Aermel hätte anschaffen wollen, als man Kleider besaß, der Platz gar nicht erlaubte, sie damit aufzubewahren, so nähte man an die Aermel je 4 Bändchen, die mit 4 andern im Kleid korrespondirten – nun denke man sich bei einem schnell nöthigen Toilettenwechsel das Vergnügen für Dame und Kammerjungfer, diese acht Schleifchen erst auf- und dann wieder zuzubinden, wobei in der Eile leicht ein Versehen geschah das die Arbeit erneuerte, denn hatte man nicht die richtigen Bänder zusammengebunden, so erhielten Aermel und Figur ein ganz verdrehtes Ansehen, dem sich Niemand aussetzen konnte. Um den Steifärmeln eine gefälligere Form zu geben und sich nicht der Gefahr preiszugeben, wie mit gebrochenen Flügeln zu erscheinen, wenn die Fischbeinreifen im Gedränge, auf engen Plätzen, im Konzert und Theater oder mit den Wänden enger Korridore in Kollision geriethen, kam man auf den Gedanken, die betreffenden Ballonärmel mit Federn zu füllen. Das mochte nun im Winter gehen. Aber man denke sich diese Federbetten auf dem Oberarm auch bei 20–30 Grad Sommerhitze! und man trug sie unter den Mousselin- und Gazekleidern so gut wie unter einem[63] von Wolle und Seide, ja unter denen erst recht, weil da die Reifen um so eher durchschimmerten! Eine Dame bildete damals ein ziemliches Viereck, ihre Hauptbreite war über die Achseln hinweg, jeder Shawl, jedes Tuch, ja jedes große »Umschlagetuch« mußte so getragen werden, daß es oberhalb der Steifärmel ruhte und war man genöthigt, im Winter einen Mantel darüber zu hängen, so ward die Gestalt vollends unförmlich, um so mehr, als diese Mäntel von Tuch, Cashmir oder Seide, auf alle Fälle aber doch sehr dick wattirt waren. Man trug vielleicht auch darum im Winter zu Spaziergängen und Besuchen wattirte seidene Ueberröcke von dunkler, meist schwarzer Farbe und dazu eine »Boa« von Pelz und kleine Muffe.

Man war wieder einmal in's Menageriegebiet gekommen. Noch einmal feierte van Aaken einen glänzenden Triumph. Die große Boa constrictor, die er mit über's Weltmeer gebracht und in allen deutschen Städten sehen ließ, wie sie ein Dutzend Kaninchen spielend verzehrte, war zum Ideal der Damenwelt geworden – keine eherne Schlange, eine Schlange von weichem Pelz hatte man aufgerichtet zum neuen Abgott. Fünf bis acht Ellen mußte ein solches Ungeheuer messen, das man um den Hals schlang und womit es so reizend und kokett sich spielen ließ. Es war der treueste Begleiter jeder Dame, nicht nur im Schlitten und auf der Straße, im Salon, Zimmer, überall hatte man es bei sich und im Ballsaal war es erst recht unentbehrlich und bildete den graziösesten Gegensatz zu einer duftigen Toilette, zu bloßen Schultern und Armen, um die es so weich und lose sich schmiegte. Jede Dame erschien sich wie eine Schlangenkönigin und es kam mit den Boas ordentlich wieder ein Anflug von[64] Romantik in die nüchterne Welt der guten Gesellschaft. Wie viele Anbeter haschten nicht nach einem Ende der sieben Ellen, um sich darin zu verfangen, wie viele unvorsichtige Tänzer stolperten nicht minder davon entzückt über ein gleiches und wie viele Anekdoten gab es nicht von aus den Schlitten verlornen Boas, die auf hellglänzendem Schnee zusammengeringelt liegend von den Findern wirklich für gefährliche Ungethüme gehalten worden waren. So harmlos die Zeit damals war, so einfach die Toiletten, deren einzige Extravaganzen eben in Steifärmeln und Boas gipfelten – gerade diese beiden Dinge wurden von der Männerwelt vielfach angefochten – natürlich, wie immer, vergeblich! Die Steifärmel machten sich der Nachbarschaft so unbequem, wie in jüngst vergangenen Jahren die Krinolinen – denn wer zwischen zwei Damen saß, durfte seine Arme kaum bewegen, ohne von beiden Seiten gestoßen zu werden und in Gefahr zu kommen auf eine Boa zu treten! Im Wagon, auf Reisen – man denke, daß man damals meist noch in engen Postwagen und Omnibussen fuhr – ging es nie ohne beißende Bemerkungen über die Steifärmel ab, ebenso bei Tafel und andern Gelegenheiten, wo man in Neih und Glied zu sitzen pflegte, mußte auf diese obere Breite der Damen Rücksicht genommen werden! Und damit diese Resultate erzielt wurden, mußten die armen Männer, wenn sie mit ihren Frauen ausgehen wollten, geduldig warten, bis bei einem Kleiderwechsel jene acht Bänderchen auf- und zugeknüpft waren u.s.w., wie für die Boas, die ihnen nicht minder im Wege waren und von denen sie nur die unzweckmäßigen Seiten kennen lernten, 5–50 Thaler bezahlen, je nachdem die weiblichen Ansprüche in die Höhe gingen![65]

Und dennoch! als die Steifärmel abgelegt wurden und man die weiten Aermel hängend trug, ja von der Achsel an sie immer breiter abnähte um einen herabfallenden Sack zu bilden, in dem ein zierliches Damenhändchen fast verschwand und selbst eine große Hand ein niedliches Ansehen gewann – da vermißten die Männer vielmehr als die Frauen, die früheren Stützen und Steifen, Ballen und Reifen, da waren sie es, welche die neue Tracht für »salopp« erklärten, bis sie endlich allgemein geworden war und dann wieder in auf die verschiedenste Weise hergestellten Puffen und Aermeln sich erging, um durch diese Variationen später wieder zu engen Aermeln zu gelangen. Die Mode war aber damals so tyrannisch, daß fast immer nur höchstens zwei bis drei Aermelschnitte nebeneinander hergehen konnten und sie mindestens in jeder Saison an allen Kleidern geändert werden mußten. Auf dieselbe bedenkliche Weise begannen auch die Röcke sich zu erweitern.

Was aber die Poesie der Toiletten betrifft, die mit der Einfachheit sich vereinigen ließ, so zeigte sie sich im Sommer in dem vorherrschenden Weiß der Kleider und Blousen, zu den letzteren trug man bunte Röcke und Gürtel und in jenen hellfarbige Shawls, vorzugsweise aus himmelblauer, rosa, lachsfarbener, gelber oder weißer Gaze, welche man »Wolken« nannte. Es waren Duft gewordene Boas, die, mochten sie nun auf Spaziergängen im Winde flattern oder im Ballsaal die ausruhende Tänzerin nur wie mit »gewebter Luft« leicht verhüllen (2 Ellen breit und 5 – 6 Ellen lang) in der That einen graziösen Effekt hervorbrachten. Denn man wollte damals eben noch zart, graziös sein – waren auch die Zeiten der Idylle vorüber, so betrachteten sich die deutschen Mädchen[66] doch noch als Lilien auf dem Felde, die nur ihres Lebens sich freuen, darum auch gefallen wollten und sich sonst keine Sorge um ihre Zukunft machten. Dabei herrschte noch der Sinn für stille Häuslichkeit vor, der sich in zierlichen Tändelschürzchen mit kleinen Täschchen dokumentirte. Man machte diese Schürzchen sowohl aus duftigem, weißen Linon und Batist mit den zierlichsten Stickereien, Garnirungen und bunten Bändern geschmückt, wie von Wolle oder Glanzkattun mit bunten Litzchen benäht oder von schwarzer oder bunter Seide, meist Foulards, gleich den Herrentaschentüchern mit Kanten. Auf der Straße trug man in Kanevas gestickte Anhängetaschen und die Hausfrauen liebten es daheim, am Schlüsselhaken, am Gürtel oder am klirrenden Chatelet von Stahl ein Schlüsselbund zu tragen, um so die pflichtgetreue Häuslichkeit in etwas forcirter Weise anzudeuten.

Georges Sand tauchte ja eben auf mit seinen Romanen von unglücklicher Liebe und noch unglücklicherer Ehe, mit ihren ersten Mahnungen an das Sklavenjoch der Frauen, und das junge Deutschland verkündete die Emanzipation des Fleisches, trat für die Rechte der Sinne ein und nannte dies ein Eintreten für die Rechte der Frauen! und die guten deutschen Hausfrauen beeilten sich, zu verstehen zu geben, daß sie keinen andern Gedanken hätten, als wirthschaftlich zu sein und zu bleiben und nebenbei zu tanzen und für ihre Töchter auf den Bällen Tänzer und Männer zu suchen. Das hinderte aber nicht, daß die Frauen und Fräuleins mindestens heimlich George Sand's Romane lasen, aus Heine's »Buch der Lieder« von jungen Herren sich vorlesen ließen, Mundt's »Madonna« und Gutzkow's »Wally« sich von befreundeten Studenten, denen auch[67] verbotene Bücher zugänglich waren, sich zu verschaffen suchten, nebenbei auch für Lord Byron schwärmten und bald Schlegel's »Lucinde« und Tieck's »Vittoria Accorambona« in den Leihbibliotheken suchten.

Aber, wie gesagt, entweder um bei all dem entweder den Schein zu retten, oder, weil es das französische Bürgerkönigthum so wollte, war und blieb man bei all dem äußerst einfach und solid in den Moden. So trat z.B. an Stelle der großen runden Hüte eine eigenthümliche Façon, welche man »Kieben« nannte. Sie waren irgend einem ländlichen Nationalkostüm entlehnt und überragten das ganze Gesicht rundum, das wirklich wenig davon zu sehen war und man alle Begegnenden nur dann erkennen konnte, wenn man sich ihnen unmittelbar gegenüber befand. Im Sommer trug man sie von Stroh, italienisch wie deutsch, oft auch schwarz und weiß melirt; gleichzeitig kamen die »Helgoländer« auf, meist aus weißem oder grauem Batist, die nun vollends nicht nur das ganze Gesicht, sondern auch den Nacken mit dem bis auf die Schultern herabflatterndem Tuch verbargen, aus welchem solch' ein, dem damals modischsten Seebad und seinen Eingebornen entlehnter, Hut bestand. Wie man denken kann, waren sie im Sommer sehr warm, weshalb in manchen Städten die Sitte aufkam, sie bei abendlichen Spaziergängen nach Sonnenuntergang abzunehmen und auf dem Sonnenschirm oder in der Hand nach Hause zu tragen.

In der Politik herrschte ziemliches Stilleben, es gab wenig hervorragende Persönlichkeiten und Ereignisse, die man in dieselbe hätte hinübernehmen können, in's, neckische Spiel der Mode.

Es war eben so still, daß, als Louis Philipp, um[68] die Blicke seiner Pariser von seinen Börsenspekulationen und Verfassungsbrüchen abzuziehen, ihren Hunger nach Preßfreiheit und irgend einer Gloire durch ein Schauspiel zu stillen, auf ein eigenthümliches Mittel verfiel: die Asche Napoleons sich von den Engländern auszubitten, im Triumph von St. Helena überzuführen und mit großem Gepränge im Dome der Juvaliden beizusetzen, dieser Vorgang auch in der Mode zur Geltung kam. Es war dies eine Farbenzusammenstellung, die man »Napoleons Asche« nannte und auf Seide, Wolle, Kattun übertrug. Grauer Grund mit verschwindend kleinen Tüpfelchen von Weiß, Schwarz, Braun und Gelb. Dies häßliche Fabrikat ward wirklich von den deutschen Frauen mit demselben Enthusiasmus getragen, wie von den Französinnen – nun, sie wußten so wenig was sie thaten, wie es Louis Philipp wußte, als er den Namen Napoleon Bonaparte und die Erinnerungen an das glorreiche Kaiserthum in Frankreich wieder zu Ehren brachte.

Vom Jahre 1840 wollte man gern eine neue Aera datiren, Der König Friedrich Wilhelm III. von Preußen starb, unter dessen Regierung es selbst die großsprecherischsten Preußen geduldig ertrugen, daß sie keine ständische Vertretung, noch Verfassung hatten, wie jeder kleine Duodezstaat sie längst empfangen und zwar aus Pietät, weil derselbe König vor dreißig Jahren einmal in der Noth einen Aufruf »An mein Volk« erlassen, warauf dies Volk wirklich sich erhoben hatte, so kühn gewesen war, die fremden Herrscher aus Deutschland zu jagen und so – liebevoll, die heimischen wieder einzusetzen in all' ihre Macht, so vertrauend, daß es schon aus der Hand der Dankbarkeit und Liebe seiner aus der Bedrängniß erretteten Landesväter[69] die versprochenen Güter: Preßfreiheit, Verfassung, Vereins- und Versammlungsrecht u.s.w. erhalten würde, ohne deshalb auch eine Hand zu regen, oder ein Wort zu sagen. Nun wurde freilich aus dem Allen nichts, aber die guten Preußen waren ja gut soldatisch geschult, dieser anerzogene Gehorsam und die Pietät gegen den »Heldenkönig«, den Erlasser jenes Aufrufs »An mein Volk«, ließen es in Berlin nicht einmal 1830, wo es ja in allen Völkern zuckte, zu einer Lebensäußerung kommen und erst als der greise König das müde Haupt zur letzten Ruhe legte, wagte man auf eine Aenderung des Systems zu hoffen und zu – warten.

Aber auch Friedrich Wilhelm IV. sprach voll Pietät gegen seinen Vater das geflügelte Wort: »Nie soll sich ein Blatt Papier zwischen mich und mein Volk drängen« – und das andere: »Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen« und das Volk erhielt wieder nichts. Aber im »weißen Saal« zu Berlin ward doch eine Art Ständeversammlung in Scene gesetzt und die einmal geweckten Hoffnungen, die dieser Thronwechsel hervorgerufen, waren doch trotz Censur und Ausweisungen aller mißliebigen Elemente nicht wieder zum Schweigen zu bringen.

Und da denn wieder hie und da ein kühnes Wort fiel von deutscher Einheit, so suchte Friedrich Wilhelm IV., gerade so wie Louis Philipp den Hunger der Franzosen nach Gloire durch das mit der Asche Napoleons getriebene Schauspiel, den Hunger nach deutscher Einheit dadurch zu befriedigen, daß er – den Ausbau des Kölner Domes beschloß zum Symbol derselben und ganz Deutschland zu diesem Werke aufrief.

»Christlich-germanisch« war nun hier das von ihm[70] gegebene Losungswort – christlich-germanisch ward die Kunst, ward auch die Mode und um dies zu erklären, mußten wir diesen Umweg machen durch das Labyrinth der Politik. Eine etwas forcirte Romantik begann zu herrschen, man kehrte zu mittelalterlichen Trachten zurück. Die schon erwähnten Puffenärmel erhielten in verschiedenen Gestalten immer die Oberhand. Die Röcke verlängerten sich und mußten wenigstens rundum zu anmuthigem Faltenwurf auftreffen, wenn sie auch nur kleine Schleppen haben durften. Die Kleidertaillen verlängerten sich, man trug all gemein Schneppen und um dieselbe, statt des Gürtels, gelegt eine dicke Schnur mit vorn bis ziemlich auf die Füße herabhängenden dicken Quasten von Posamentarbeit, die man wieder mehr zum Ausputz zu verwenden anfing. Die Schnüre waren von Seide und von der Farbe des Kleides oder des Aufputzes, man trug aber auch schwarze, die zu allen Kleidern paßten, auch zu ganz weißen gewählt wurden, da diese meist faltenreiche Taillen und eine Art offener, griechischer Aermel hatten, so ward diese einfache Toilette, wenn sie noch ein weiter schwarzer Tüllshwal vervollständigte, zur Rosenzeit eine weiße Rose an der Brust, häufig mit der einer – Kindesmörderin verglichen, oder doch mit einem Mädchen aus dem Mittelalter, das zum Schaffott ging. Vielleicht auch sollte dies Kostüme an »Antigone« gemahnen, die man eben damals, um der Antike mehr als den deutschen Dichtern zu huldigen, mit Mendessohn's Musik auf die Bühne brachte; vielleicht auch unausgesprochen den »Weltschmerz« vertreten, der noch in voller Blüthe stand. Ich habe zuweilen gedacht, dieser Weltschmerz war mit daran schuld, daß sich die Taschentücher groß erhielten, die unsere Mütter in[71] unförmlicher Größe – ein und eine halbe oder auch ein und dreiviertel Elle im Geviert – zu fertigen liebten. Das war freilich damals nöthig gewesen in jenen sentimentalen Zeiten, in denen eben bei jeder erdenklichen Gelegenheit Thränen der Rührung vergossen wurden, wo aus Liebe, Freundschaft, Theilnahme, Hingebung auch bei den freudigsten Anlässen geweint ward und wo die meisten Mädchen und Frauen weinten aus »unverstandener Sehnsucht«, überhaupt aus der selbstgeschaffenen Qual, »nicht verstanden« zu werden – oder auch beim Abschied, wenn ein Familienglied in eine andere Stadt reiste, was man bei der Beschwerlichkeit und Seltenheit des damaligen Reisens immer als ein höchst bedenkliches Ereigniß betrachtete. Nachher weinte man nicht mehr so viel aus diesen Motiven – aber der Weltschmerz, der zu einer Art weltvernichtendem Humor sich zwang und neben dem weinenden Auge ein lachendes hatte, forderte wenigstens noch, daß man das Taschentuch immer zur Hand hatte. Ob nun von Leinen oder Batist, es war mit einem sehr breiten Steppsaum versehen, im letztern Falle mit Spitzen besetzt, später mit einer Kante über den Saum gestickt und stets so in der Hand getragen, daß die vier Zipfel desselben lose auseinanderfielen und fast die Straße berührten. Je tiefer dies geschah, je nobler war der Eindruck, den eine so ihr Taschentuch spazieren führende Dame hervorbrachte. Damit wir nicht nöthig haben, wieder auf diesen wichtigen Artikel der Lingerie zurückzukommen, wollen wir gleich einschalten, daß von da ab derselbe immer kleiner ward, bis er die jetzige Kleinheit erreichte – ein in so fern bemerkenswerther Umstand, als doch die Mode sonst in andern Dingen Sprünge liebt und mit groß und[72] klein wechselt, statt wie hier vom allergrößten bis zum allerkleinsten in steter Folge zu bleiben. Der Schluß ist dann also, daß die Frauen sich das Weinen abgewöhnt haben, daß es nicht mehr Mode, nicht mehr zeitgemäß ist. Ob sie keine Ursache mehr dazu haben? ob sie gesünder sind? wir bezweifeln das Eine, wie das Andere! Vielleicht nehmen sie sich manche Dinge weniger zu Herzen, wie früher – vielleicht waren auch die Thränen ein Ventil, der Ueberreizung der Nerven abzuhelfen – vielleicht erhalten die Kraft- und Stoffgläubigen damit recht, daß die jetzige Frauenwelt weniger zart empfindet, weil sie weniger zart sich nährt, als früher meist geschah – und vielleicht ist des Räthsels ganze Lösung: es ist eben nicht mehr Mode! die Taschentücher sind dazu zu fein und zu klein!

Doch kommen wir wieder auf die christlich-germanischen Moden zurück. Die Kleidertaillen verlängerten sich immer mehr und wurden endlich bis auf und über die Hüften reichend geschweift nach der Figur gearbeitet, ganz nach Art der Ritterdamen; man legte häufig zierliche Querfalten mit fünf Längenbündchen darüber, gerade so, wie man es auf alten mittelalterlichen Gemälden findet. Die Taillen waren viereckig ausgeschnitten oder ganz hoch bis an den Hals gehend, den ein dichtes Tüllbürstchen vortheilhaft garuirte.

Diese langen und hohen Taillen hatten nur den einen Uebelstand, daß sie im Rücken entweder mit Schnüren durch gegen dreißig Schnürlöcher zugeschnürt oder mit einem Dutzend paar kleiner Hefte und Schlingen zugeheftelt werden mußten. Da war es denn absolut unmöglich, daß eine Dame allein mit ihrem Anzug fertig werden konnte,[73] namentlich im ersteren Falle – im letzteren vermochten geschickte Hände und Arme sich wenigstens einigermaßen selbst zu helfen. Es war allerdings das wichtigste Argument gegen die Frauenemanzipation: eine Frau, die ohne fremde Hilfe nicht einmal vermochte, sich so anzuziehen, daß sie sich sehen lassen konnte – wie konnte die selbstständig sein wollen! Wo Schwestern, wo Mutter und Tochter bei einander wohnten, wo eine Kammerjungfer bei der Hand war – da dachte man gar nicht über diese Unbequemlichkeit nach – aber auf der Reise und für alle alleinstehenden Damen führte sie die größten Inkonvenienzen mit sich. Allein man ertrug jahrelang diese Qual, nur älteren Frauen und Dienstmädchen war es gestattet, Taillen zu tragen, die vorn geschlossen wurden, jenen als Ueberröcke, diesen als Jäckchen, die sie aber auch nur bei der Hausarbeit trugen und dann im Zumachen ihrer meist zu engen Sonntagskleider noch ungeschickter waren als ihre Herrinnen. Denn damals mußte jedes Kleid am ganzen Oberkörper auf das Knappste anliegen, Wespentaillen zu erreichen war das höchste Schönheitsstreben aller Mädchen, aller Mütter für ihre Töchter und es galt als höchst unelegant und aller Grazie Hohn sprechend, wenn ein Gürtel weiter als dreiviertel oder eine ganze Elle gemacht werden mußte. Mit den verlängerten Taillen verlängerten sich natürlich auch die Corsetts und in beide ward eine solche Masse Fischbein verschwendet, daß es deshalb immer mehr im Preise stieg, bis endlich die Wallfische nicht genug mehr liefern konnten und die Industrie sich anstrengen mußte, um künstliches Fischbein – Vallosin – zu erfinden und zu erzeugen.

Nun kam wirklich wieder eine neue Aera mit dem Jahre[74] 1848 – freilich weniger für die Mode, denn in diesen Stürmen, die mit Eins Alles hinwegfegten, was bisher für unantastbar gegolten, hatte freilich Riemand Zeit, über neue Moden zu sinnen, noch verlohnte es sich der Mühe, sie anzulegen: man hatte eben Größeres zu thun; Hochgestellte und Reiche suchten sich zu verstecken und einzuschränken – sie sahen Schreckgespenster vor sich, zitterten immer, daß es noch zum Guillotiniren oder zum »Theilen« kommen würde – so lebten die Vornehmen in mißvergnügter Zurückgezogenheit, die Reichen wollten Alles eher als wie sonst ihren Reichthum zur Schau tragen – so wußten die Modezeitungen kaum, woher sie ihren Stoff nehmen und was sie berichten sollten. Jedermann schränkte sich ein, freiwillig oder gezwungen

Nur eine neue Farbenzusammenstellung tauchte auf, die vorher so arg verpönte: Schwarz-roth-gold. Nicht nur die Männer trugen es in Kokarden, Schärpen und Bändern: auch die deutschen Frauen legten es an, denn die deutsche Industrie beeilte sich, es zu Bändern, Cravatten, Tüchern, Shwals, Haarputzen, Stickereien, Ränder um Briefbogen u.s.w. zu verwenden. Als mein Geburtstag in jenen denkwürdigen März fiel, so ward ich von meinen Freundinnen, weil sie wußten, daß ich schon lange diesen Farben gehuldigt, förmlich mit Gaben und Stickereien überschüttet, bei welchen allen daß Schwarz-roth-gold eine Nolle spielte. Als Gürtel – man trug damals dergleichen auch zu den langen Schneppentaillen – habe ich mich lange nicht davon trennen können. Sonst aber förderte diese Zeit wenig Neues in den Moden zu Tage.

Wohl ein Jahrzehnt erhielt sich für Damen jeden Alters die Mode, nicht ohne Ueberwurf, ohne Mantille zu erscheinen,[75] an denen nur immer die Schnitte wechselten. Schwarzer Taffet war dabei vorherrschend, es gab wohl keine Dame, ob jung, ob alt, die nicht eine Mantille dieses Stoffes besessen hätte. Schwarzer Atlas und Sammt ward ebenso dazu verwendet, für die Jugend auch mit Vorliebe weißer Caschemir. Eine Zeitlang waren sie mit bunter Seide gefüttert, später wieder ohne Futter. Es lag etwas unendlich Uniformes in dieser Mode, da wie gesagt jedes Alter, jeder Stand ihr huldigte. Zuweilen hatte man diese Mantillen auch vom Stoff des Kleides wenn dasselbe einfarbig von Wolle oder Seide war. Es war gewiß sehr hübsch und praktisch, zum Ausgehen, zum Eintritt in Theater, Conzerte u.s.w., einen solchen Gegenstand überzuwerfen, bei einem schnellen Ausgang brauchte man es auch mit der übrigen Toilette nicht so genau zu nehmen – aber es war unendlich komisch, daß man auch kein fremdes Zimmer zu betreten, sich in einem andern Haus gar nicht sehen zu lassen wagte, wenn man z.B. im Winter, unter dem Mantel nicht noch eine Mantille umgehangen hatte! Sollte man da jenen im Vorzimmer ablegen und hatte man diese nicht um, so erklärte man letzteres als Grund, nicht dableiben zu können, der, wenn anderer fremder Besuch da war, auch als stichhaltig befunden ward, gab man jedoch jener Nöthigung nach weil man nur en famille sei, so trat man dann mit Lächeln und verschämtem Augenniederschlag ein – als sei man zu wenig oder nicht anständig bekleidet, und man trug doch eine gleich an den Rock befestigte hohe, in zierliche Falten gelegte Taille mit langen halbweiten Aermeln mit mannigfachen Ausputz versehen, am Handgelenk zierliche, meist gestickte Manschetten oder Unterärmel und[76] wenn sie offen waren, dazu noch oft kostbare Bandgarnituren, die auch der Hand ein viel gefälligeres Aussehen gaben, als die späteren pappartigen oder gar aus Papier gefertigten Stulpen! Aber so sonderbar ist nicht nur die Mode, sondern auch die Sitte, daß man in diesem Jahr den Anstand zu verletzen glaubt, in Verlegenheit kommt und sogar Scham empfindet über etwas, das im folgenden Jahr ganz in der Ordnung ist.

Die Faltentaillen, die wir hier erwähnten, begannen sich mehr und mehr vorn zu lockern, die Rücken sich zu glätten und endlich war es erlaubt, sie vorn zu schließen – und das war der Hauptschritt zu weiblichor Selbstständigkeit! Anfänglich mußte das unsichtbar bleiben, man heftelte oder schnürte vorn das Futter des Kleides zusammen und legte dies in Falten darüber – im Rücken behielt man noch den Schein bei, als sei die Taille da zugeschnürt oder geheftelt, aber man kam nun doch wirklich in die glückliche Lage, sich selbst ohne fremde Hilfe an- und ausziehen zu können. Es war dies wirklich der wichtigste Schritt zur Emancipation!

Noch im vorigen Jahre hätten wir dies Wort mit stolzer Sicherheit hinschreiben können – aber jetzt, wo die eleganten Gesellschafts- und Balltoiletten wieder im Rücken geschnürt werden und darum die Befürchtung nahe liegt, daß vielleicht über kurz oder lang mindestens die ganze junge Damenwelt es erst winder unelegant, unfein und schließlich unanständig finden wird, sich ihre Taillen vorn und eigenhändig zu schließen, jetzt bangt uns, jenen Satz auszusprechen! –

Jene ereignißreichen Jahre waren, wie erwähnt, unfruchtbar für die Mode – die Industrie lag dannieder,[77] weil das Kapital sich verkroch, die Modenärrinnen schmollten womöglich hinter herabgelassenen Rollos, weil Niemand sie beachtete und sie auf der Straße hie und da Gefahr liefen, verspottet zu werden und die Mehrzahl der Frauen, die, wenn sie nichts Besseres zu thun hat, gedankenlos und gelangweilt jeder neuen Toilette, die ihr begegnet, nachgafft und jeden Schwindel mitmacht, hatte jetzt eben zu denken, fühlte sich getragen, gehoben von den Schwingen der Zeit und trug die gewohnten Kleider, ohne neue Schnitte dafür zu begehren, wo es sich darum handelte, dem ganzen deutschen Reich und allen politischen Verhältnissen einen neuen Zuschnitt zu geben.

Der schöne Traum währte nicht lange – es kam die Reaction, es kamen die Kämpfe um die Reichsverfassung – es kam Angst und Schrecken und Noth für die Einen – Hohn, Triumph und Uebermuth machten sich nun bei den Andern geltend.

Aus jener Zeit datirte sich auch das Vorherrschen des Schwarz-Weißen. Die preußische Soldateska hatte ja überall in Deutchland die Revolution niederwerfen helfen und mit dem Triumph der preußischen Kreuzritter- und Junkerpartei sympathisirten die Herrscherinnen im Reich der Aristokratie und der Mode. Das Schwarz-Weiße wagte sich sieghaft hervor und behauptete sich noch lange in schwarz und weiß gestreiften oder karrirten Kleidern aller Stoffe, besonders in solchen Bändern auf Hüten u.s.w., und um deren Effekt noch zu erhöhen, verband man weißen Taffet und schwarzen Sammet und bald figurirte das vielbeliebte schwarze Sammetbändchen auf allen weißen Seidenbändern und Hüten, sogar den dichten weißen Schleier von schimmernder Donna-Marta-Gaze – diesen reizenden[78] Stoff, der sich durch viele Epochen erhielt – das schwarze Sammetband ward auf allen Kleidern der Konfektionen verwendet, gleichviel, welche Farbe sie hatten, es verstieg sich sogar auf die Lingerie, auf Tüll und Mull und war überall eines reizenden Effektes gewiß. Allmälig natürlich verlor dies »Schwarz-Weiße« seine erste Bedeutung, wie denn überhaupt die politische »Farbenspielerei« halb von selbst, halb sogar durch offizielle Maßregeln verschwand. Denn wie die einzelnen Kleinstaaten, welche die deutschen Farben bei dem Militär eingeführt hatten, dieselben wieder abzulegen befahlen und überhaupt alles Deutsche auf's Neue mit einer gewissen Beruhigung und heimlichen Schadenfreude seitens der Machthaber wieder ad acta gelegt ward, so hatte schon Niemand mehr Lust, hiergegen zu demonstriren, die rothen Bänder, Tücher und Shawls brachten in manchen Staaten ihre Träger und Trägerinnen sogar mit der Polizei in Kollision, immer und überall aber in die Gefahr, zu den politisch Kompromittirten gerechnet und von der guten Gesellschaft gemieden zu werden – da verschwanden sie natürlich.

Das Grün-Weiße in Sachsen, das Blau-Weiße in Baiern u.s.w., war auch nur eine vorübergehende Erscheinung partikularistischer und loyaler Sympathien – und so kamen wie gesagt alle diese heraldischen Farbenzusammenstellungen wieder aus der Mode – daß sie aber einmal darin waren und zwar nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen, wollten wir nicht mit Stillschweigen übergehen – denn es war immerhin ein gutes Zeichen für die Stellung der Frauen, denn auch die Frau hat ein Vaterland, auch sie gehört zum Volke und hat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht einer politischen[79] Meinung. Wie wenig ich auch damals mit jenen schwarzweißen Kreuzzeitungsdamen oder mit den grün-weißen sächsischen Hofdamen sympathifirte – ich achtete und achte sie tausendmal höher als jene Indifferenten, denen es ganz gleichgiltig war, welche Ereignisse ihr Vaterland erschütterten, nach welchen Prinzipien es regiert ward, wenn nur sie selbst dabei nicht in ihren Amüsements, in ihrem Familienleben gestört wurden!

Es währte indeß auch in Frankreich nicht lange mit der Republik – der Staatsstreich machte den Präsidenten zu einem Kaiser, die Veilchen und Blumen des Kaiserreichs standen wieder in Blüthe, seine goldenen Bienen durchsummten die Welt – veilchenblau war bald die herrschende Modefarbe und goldene Bienen, überhaupt alle Arten Insekten, wurden auch in Deutschland zu Nadeln verarbeitet und getragen.

Aber was half ein Kaiser für das Reich der Mode! – das bedurfte einer Kaiserin – sie sollte ihm auch werden.

Eines Tages berichteten die Zeitungen von einer Jagd in Campiègne, an welcher sich auch Damen betheiligt hatten, darunter befanden sich auch Fräulein von Rothschild und deren Freundin: Gräfin Eugenie von Montigo; diese schöne Spanierin erregte allgemeines Aufsehen und ward wie folgt beschrieben:

»Eugenie trug ein glänzendes Amazonenkleid und ritt ein andalusisches Vollblutpferd. mit dem ihr Rothschild ein Geschenk gemacht hatte. Der anmuthige, feine und elegante Wuchs war eingeschlossen in ein knappes Mieder; darunter ein weiter langer Rock und graue Beinkleider. Mit einer ihrer kleinen Hände im Stulphandschuh hielt[80] sie die Zügel ihres flüchtigen Renners, mit der andern trieb sie denselben mit einer kleinen Reitpeitsche mit Perlmuttergriff, besetzt mit echten Perlen, an, und während ihre Füße in glänzenden Lackstiefelchen mit hohen Absätzen und Sporen sich gegen die bestaubten Flanken ihres Renners drückten, denn sie saß auf ihrem Pferde wie ein echter Reiter und verschmähte den Sattel, dessen sich die Damen gewöhnlich bedienen. Die langen Flechten ihres Goldhaares waren unter einem niedlichen Filzhute aufgerollt, den eine prächtige Straußenfeder schmückte, die mit einer Diamantagraffe befestigt war. Ihre blauen Augen schossen nach allen Seiten hin zündende Blitze, und ein süßes Lächeln umspielte die zartgeformten rosigen Lippen, welche beinahe beständig ihre weißen Zähne blicken ließen. Ihr klassisches Profil schien von einem Heiligenschein umgeben und bezauberte Alle.«

Diese Dame ward die Herrscherin von Frankreich, ward die Beherrscherin des Reiches der Mode und ist es achtzehn Jahre lang geblieben!

Der Kaiser hatte sie auf jener Jagd 1852 gesehen und sich vorstellen lassen – und alle Welt beschäftigte sich von da an mit ihr und ihrer Schönheit, ohne noch zu ahnen, welchen Ausgang die kaiserliche Gunst diesmal nehmen werde.

Da verkündigte eines Tages der Moniteur der erstaunten Welt und dem betäubten Frankreich, daß der Kaiser Napoleon um die Hand des Fräuleins von Montijo geworben und sie erhalten habe.

Noch ehe sie Kaiserin geworden, adoptirte die Mode die Lackstiefelchen mit den hohen Absätzen von der schönen spanischen Reiterin, sowie ihre Weste – beide Kleidungsstücke[81] bisher der zarten Damenwelt ziemlich unbekannte Gegenstande, ebenso ihre Eugenienlocken und alle Damen der Crème der Gesellschaft bemühten sich, den Mund immer ein wenig offen zu halten, weil dies der schönen Spanierin so unvergleichlich ließ – und eben so beneideten sie ihr das goldene Haar – das konnte man sich freilich nicht eher erzeugen, bis man es wagte, falsches zu tragen, oder bis Eugenie auf die Idee kam, ihr eigenes noch mit Goldstaub zu pudern und man ihr dies nachahmte – und die ihren Mund aufsperren wollten, weil es für elegant galt und keine schönen Zähne hatten, holten sich bei ihrem Zahnkünstler auch dafür Rath.

Falsches Haar und falsche Zähne wurden bald ein nothwendiger Luxusartikel – das dafür von manchen Damen verausgabte Geld wiegt oft allein das auf, was vor dreißig Jahren die ganze Jahrestoilette einer in anständigen, aber nicht glänzenden Verhältnissen lebenden Dame kostete.

Und so war die Göttin der Mode eingezogen in unser Jahrhundert, da es eben seine zweite Hälfte begann und sie war gekommen, nicht, wie sonst wohl in zarter, hilfloser schüchterner Weiblichkeit, in duftige Stoffe gehüllt, mit lieblichen Blumen geschmückt und von leichten Bändern zephyrhaft umflattert – sondern hoch zu Roß, eine kecke Reiterin, die auch, wann sie vom Pferde stieg, mit derben Stiefelchen von Leder und hohen Absätzen – jeder zart gewöhnte Frauenfuß früherer Zeit mußte davor erschrecken! – amazonenhaft und energisch auftrat und so Manches zertrat, was bis dahin für weibliche Sitte gegolten – sie war gekommen in jenem seltsamen Gemisch von männlichen Manieren und weiblicher Koketterie, mit[82] einem Raffinement in beiden, das graziös und herausfordernd zugleich den Uebermuth mit der Anmuth verknüpfen wollte. Von dem Tage an, wo Eugenie Kaiserin von Frankreich geworden, war die Geschichte der Mode eigentlich nur eine Geschichte der Einfälle Eugeniens und bildete ein Supplement zur Geschichte des französischen Kaiserthums.

Das Bild der schönen Kaiserin, über die man erst gelacht und von deren Jugendleben man sich die pikantesten Abenteuer erzählt hatte, war bald in allen Händen – nicht nur die Franzosen, auch die deutschen Damen beeilten sich, es in ihre Phothographie-Albums (die ja auch unter ihrer Herrschaft mode wurden) aufzunehmen und entwickelten das höchste Interesse für diese neue wunderbare Heilige.

Und man mußte es gestehen: in vielen Dingen hatte sie Geschmack und wahrhaft geniale Einfälle. Die langen, knapp anliegenden und doch anmuthig gefalteten Schneppentaillen, die hoch hinaufgehend, aber vorn über weißen Untertaillen mit den zierlichsten Stickereien oder Spitzenarrangements geöffnet getragen wurden, ließen die Gestalt vortheilhaft erscheinen, die Aermel erweiterten sich zu graziösen Formen und als die Taillen sich noch mehr zu Schößchen verlängerten, welche die Hüften glatt umschlossen, die Röcke breite Falbeln und Sammetausputz erhielten und sich schleppenartig verlängerten, da war eigentlich einmal eine Tracht gefunden, welche den Malern zusagte und im Haus, wie auf der Straße und im Theater das gleiche Glück machte.

Aber dergleichen Perioden währen selten lange; im Reich der Mode ist eben kein Stillstand und wenn einmal eine Tracht vernünftig ist, so wird sie bald zur Unvernünftigkeit übertrieben.[83]

Wie die Pariser einst die Göttin der Vernunft angebetet hatten, so beteten sie bald die schöne Kaiserin an, die Göttin der Mode. Auf der Weltausstellung in Paris 1855 war es der größte Stolz der Aussteller, wenn irgend ein Gegenstand den Beifall der Kaiserin erhalten, war er gar von ihr gekauft worden, so war das Glück der Firma gemacht. Bald wetteiferten alle Industriellen damit ihre Produkte nach Eugeniens Namen zu nennen und ihren Einfällen zu huldigen. Es war dies allerdings nicht nur eine Form, wie man sie gegen andere Fürstinnen auch beobachtet – Eugenie hatte in der That Geschmack, sie verstand die Erfindungen des Luxus zu würdigen und zu beurtheilen, und es war ihr dabei nichts zu theuer. Sie griff in einen immer gefüllten Säckel und feilschte nie um den Preis, wie so manche andere Fürstin. Und dann: wenn eine andere Fürstin irgend ein Erzeugniß der Industrie sich widmen läßt, ihm ihren Namen gibt, so hat dies doch immer nur eine lokale Bedeutung – was aber die Kaiserin der Franzosen für schön und passend erklärte, das hatte ja Bedeutung für die Welt. Und weil es Eugenie, mehr als je einer andern Frau, gelang, durch ihre Schönheit und durch ihre stete Beschäftigung mit der Mode fast der ganzen Welt zu imponiren, sie von den Launen ihres Geschmackes abhängig zu machen – deshalb imponirte sie den Parisern und ward wirklich von ihnen vergöttert; welche willkommnere Nahrung konnte die französische Nationaleitelkeit finden, als das Bewußtsein, durch die interessanteste und verschwenderischste Frau den Geschmack von ganz Europa und halb Amerika zu dirigiren?

Wir sagten schon, wie von dem Tage an, wo Eugenie[84] von Montijo eingezogen war in die Tuilerien als Kaiserin von Frankreich, die Geschichte der Mode eigentlich nur eine Geschichte der Einfälle Eugeniens war und ein eigenes Supplement bildete zur Geschichte des französischen Kaiserreichs.

Eugenie war zugleich die erste Modistin Frankreichs. Sie beschäftigte sich täglich mit der Prüfung neuer Toiletten. Bei ihren Lever in den Tuilerien waren eine Menge Gliederpuppen aufgestellt, von denen jede einen vollständigen Damenanzug vom untersten Kleidungsstück angefangen trug. Die Kaiserin war ja besonders Meisterin in der Herstellung eines vollkommenen Ensembles und repräsentirte damit gewissermaßen auch die Macht ihrer Zeit, die auf ein solches in fast allen Stücken und auf allen Gebieten mehr Werth legt, als auf die hervorragende Schönheit des einzelnen Theils eines Ganzen und als auf virtuose Einzelheiten. Man rollte diese Toiletten im Ankleidezimmer der Kaiserin auf Rädern an ihr vorüber und sie wählte davon diejenige aus, welche gerade ihrem Geschmack, ihrer Laune am besten entsprach. Die meisten Costüme mußten nach ihren eigenen Angaben verändert werden und die meisten derselben trug sie nicht mehr als einmal.

Als der Krimkrieg ausbrach und Frankreich und England auf der Seite des Sultans kämpften, bekamen die Moden einen orientalischen Anstrich. Bunte türkische Muster kamen auf, die großen, kostspieligen Doppelshwals, die zwar niemals ganz verschwunden, aber doch Jahrelang sehr zurückgedrängt worden waren, gehörten bald zu den unerläßlichsten Toilettenstücken einer distinguirten Dame und Wien eiferte mit Paris um die Wette in ihrer Herstellung,[85] da die echten ostindischen doch eben nur den Wenigsten erschwinglich waren. Daneben tauchten die malerischen Beduinen auf vom feinsten weißen Kaschmir mit oder ohne seidene Streifen oder Stickereien an, bis zu praktischeren, dichteren Wollstoffen, weite Radmäntel und Burnusse, Kopfputze von Sammt und Federn mit Gold und jene reizenden Gewebe von Chenille, die um Kopf und Hals sich gleich sanft und weich zu schmiegen wußten. Dachte die Kaiserin eine Zeit lang doch selbst an einen Triumphzug über Wien und Konstantinopel nach der Krim – wo man vielleicht gerade zur Einnahme von Sebastopol anlangen wollte.

Indeß ließ diese doch zu lange auf sich warten und man fand es gerathen, diese Reste zu unterlassen. Die Kaiserin kränkelte und im August 1855 ward durch den Moniteur verkündet: daß sie sich Mutter fühle. In dieser Zeit erfand Eugenie die Krinoline – wie die Einen sagten, um den erwähnten Zustand nicht auffällig zu machen, wie die Anderen sagten: gerade um dies zu thun – bekanntlich ward die Krinoline immer mehr erweitert und alle Damen in der ganzen zivilisirten Welt ahmten dies nach – werden das spätere Geschlechter für möglich finden? und wie werden sie darüber urtheilen, daß danach über ein Jahrzehnt lang sich alle Damen in Tonnen verwandelten, die nur noch durch die weitesten Flügelthüren gehen konnten ohne anzustreifen? Erst hatte ein Gewebe von Roßhaar diesem Gegenstand den Namen gegeben, bald aber war dasselbe unzureichend und jenes Stahlgestell, das einem großen Vogelbauer glich, trat an seine Stelle und behauptete sich so lange, wie es auch von allen Seiten verhöhnt werden mochte, von der Straßenjugend angefangen[86] bis zu den Herren der Presse und der Salons, wie auch die Männer in der Familie und in der Wissenschaft, z.B. die Aerzte, dagegen eifern mochten, wie auch die Aesthetiker und Künstler sich entsetzten, daß die Frauen aufgehört hatten, menschlichen Gestalten zu gleichen und von einem malerischen Fallenwurf nicht mehr die Rede sein konnte. In Konzerten, Theatern, Eisenbahn-Waggons – überall inkommodirten die Damen einander, sich selbst, überall mußten sie die Witze und aufgebrachten Blicke der Männer ertragen, die neben diesen aufgebauschten Kleidern sich kaum mehr zu rühren wußten und unsichtbar wurden – aber es war Alles vergeblich – allmälig trug sogar jede ländliche und städtische Magd ihre Krinoline so gut wie jede Künstlerin auf dem Theater, selbst wenn sie eine Johanna D'Are oder Venus darzustellen hatte! Aber man muß auch hinzufügen: wagte eine Dame ohne jede Krinoline auf dem Theater zu erscheinen, so lächelte die jeunesse d'oré und das Parterre lachte – und hatte eine Dame den Muth, überhaupt keine zu tragen und so über die Straße zu gehen, so sahen ihr die Leute staunend nach als einer Abnormität, bezeichneten sie vielleicht höhnisch als Sonderlingin, Gelehrte, Blaustrumpf, Emanzipirte! Und der Ehegemahl, der, wenn er mit seiner Gattin am Arm promeniren wollte und bei jedem Schritt, den er that, mißmuthig darein sah, weil er immer von ihren Stahlreifen gestoßen und inkommodirt ward, fand daheim, daß seine Gattin sich und ihn vernachlässige, wenn sie beim ersten Frühstück ohne Krinoline unter dem Schlafrock erschien – mochte dieser noch so sauber, das ganze Negligé noch so elegant sein, sie sah ihm »salopp« aus, sobald das Kleid nicht von dem gewohnten Aufbau getragen ward.[87]

Die Geschichte der Krinoline, von ihrer widerwärtigen Entstehung an durch alle Jahre ihre Existenz hindurch lehrt mehr als Alles wie die Mode ihre Herrschaft über Frauen und Männer, und ihre Ansichten von Anstand und Sitte von Ordnung und Schönheit ausübt – denn auch den Frauen, die sich einige Jahre der lang der abscheulichen zu widersetzen suchten, blieb schließlich nichts andres übrig, als sie, wenn auch in bescheidener Weise, mitzumachen, wenn sie sich nicht eben so nicht etwa nur dem Nasenrümpfen der Modedamen, fondevn dem Lächeln und Spott der Männer aussetzen wollten, wie durch ihre Uebertreibung. Alle, die nicht auffallen wollten, mußten sich mit zum Tragen der Krinoline entschließen, wenn sie auch nur solche von kleineren Dimensionen wählten. –

Da die Napoleoniden herrschten, mußten, wie schon erwähnt, selbstverständlich Bienen und Veilchen eine große Rolle spielen. Die ersteren figurirten darum auf vielen Schmuckgegenständen – da sie aber doch gewissermaßen ein Vorrecht des Hofes waren, so brachte man neben ihnen auf Knöpfen, Nadeln u.s.w. auch andere Insekten zum Vorschein: Goldkäfer, Fliegen, Spinnen – schön oder häßlich, es war Alles einerlei, wenn es nur zur Welt der Insekten gehörte. Die Beilchen kamen auf Hüten, Balltoiletten, Bändern, überall zum Vorschein und Veilchenfarbe war lange Modefarbe. Tellergroße Bouquetts von Beilchen, – denn auch die Blumen, die lieblichsten, eigensten Kinder der Natur, wurden in die Krinolinenmode mit hineingezogen und haben sie leider immer noch nicht überwunden! – galten als besonders elegant und viele Hunderte dieser holden Frühlingskinder, dieses Inbegriffs aller Poesie, mußten und müssen noch heute ihr[88] Leben opfern, um in Drathgestelle gezwängt, von Papier, Blonden und Spitzen umgeben in einer einzigen Ballnacht, also profanirt unter Gas- und Menschen-Dunst, Staub und Hitze, nur noch in ihrer Masse beachtet, dahin zu sterben! Was ist dadurch aus der Veilchenpoesie geworden? Wie glück lich schätzte sich in früherer Zeit jeder Liebende, jeder Verehrer, der ein Sträußchen von der Brust, aus dem Gürtel seiner Angebeteten erobern konnte, oder ihr selbst eines überreichen durfte, das sie dann öffentlich oder verstohlen bei sich trug und es dann zum ewigen Andenken unter andern holden Erinnerungszeichen verwahrte! Was hat dagegen solch' ein noch immer modernes Crinolinen-Bonquett für einen Werth? – Freilich, es hat einen sehr reellen für – den Käufer! Die Dame, die es geschenkt bekommt, hat das Bewußtsein, daß ihr Verehrer sich's etwas hat kosten lassen, sie darf hoffen, daß er in der Lage ist für einen Gegenstand, der andern Tags für immer ruinirt und nur zum Wegwerfen bestimmtist, viele Gulden und Thaler zahlen zu können – und diese Zahlungsfähigkeit ist heut zu Tage die Hauptsache. Der raffinirte Luxus ist der Götze der heutigen Zeit – es kommt wenig mehr darauf an, ob ein Gegenstand schön ist oder nicht, wenn man nur das triumphirende Bewußtsein hat, daß er viel kostet – das ist die Hauptsache! Dieser Luxus und diese Anschauung der Dinge ist durch Eugenie und das französische Kaiserreich allerdings mit Blitzesschnelle aufgekommen und en vogue geworden – daß dieser Luxus aber geblieben und die Gegenwart aller Orts beherrscht in gesteigerter Progression, das ist wahrhaftig nicht mehr auf Frankreich und Spanien zu schieben.

Doch kehren wir wieder in jene Zeit zurück, wo auf[89] das orientalische Interesse das italienische folgte und dazu die englisch-französische Expedition nach China (1860) alles Chinesische, besonders in den Einrichtungen beliebt machte. Denkwürdige Tage, wie die von Solferino, wurden durch ein neuerfundenes Roth verherrlicht, das dem Purpur Konkurenz bereitete. Doch behauptete derselbe sein Recht – diesmal weniger bei den Anhängern des fürstlichen Purpurs, als bei seinen Gegnern. Aus gewohntem Uebermuth hatte Eugenie die rothwollenen Unterröcke auf die Tagesordnung bebracht und die elegantesten Damen hatten sie für die Straße angenommen und ließen sie unter den dunklen, durch eine eigenthümliche Vorrichtung roulleau-artig aufgezogenen Schleppkleidern sehen, indeß es vorher jede Dame, auch die einfachste und sparsamste für unmöglich gehalten hätte andere als weiße, waschbare Jupons, auch im schlechtesten Wetter und im tiefsten Winter zu tragen und nun gar sehen zu lassen. Aber halb dieselben ergänzend, halb ihnen zum Gegenstück erschienen ihnen die rothen Blousen – die Nachahmungen des Garibaldihemdes. Junge Damen und kleine Mädchen trugen diese ganze im Schnitt eines Männerhemdes aus rothem Flanell gefertigten Blousen gerade so wie sie Herren und Knaben trugen, doch wie die Männer noch Weste und Ueberrock darüber zogen, so wählte auch die elegantere Damenwelt darüber ein Jäckchen – Zuaven-Jäckchen waren die beliebtesten, entweder von Sammt oder Tuch oder auch von dem gleichen Stoff wie das Kleid.

Und damit war auch die erste Losung zu jener Zerstückelung und Vermannichfaltigung der Kostüme gegeben, wie sie immer mehr um sich griff und jetzt noch herrschend[90] ist bis zur äußersten Konsequenz – oder besser müßte man sagen bis zur äußersten Inkonsequenz. Während an den früheren Kleidern und Ueberröcken Jahrzehende lang Taillen und Röcke miteinander verbunden waren und es eines einzigen Griffes in den Kleiderschrank, oder einer einzigen Bezeichnung für die Kleidung, welche man anlegen wollte, an das Kammermädchen bedurfte, um zu erhalten, was man brauchte, und es für ganz undenkbar gegolten hätte, Rock und Leibchen von verschiedenen Stoffen zu tragen, so entstand nun durch die Garibaldi-Blousen eine vollständige Nevolution auch in den Garderobe-Angelegenheiten. Widerstanden auch Viele den rothen, demokratischen Blousen – so kamen doch bald Bloufen von allen Stoffen und Gattungen in den Handel, durchsichtige weiße und schwarzseidene zu Röcken von allen Farben waren bald jeder Dame unentbehrlich, dann hatte man sie von Kaschmir oder Mousselin für Sommer und Winter und bald wurden auch die Taillen der Kleider nach diesem Schnitt gearbeitet und Gürtel von Leder, Sammt oder Seide mit breiten Schlössern dienten der Figur zum einzigen Halt.

Waren die weiblichen Gestalten zur Zeit der langen Schleppen und Schößchentaillen mit so viel Fischbein umgeben gewesen, daß jedes Korset einem Küraß glich und noch außerdem in jeder Kleidertaille die Fischbeine nach Dutzenden zählten, so verschwanden diese nun fast gänzlich und die weibliche Büste erhielt ein vollständig verändertes Ansehen. Der Ausspruch des Philosophen Hegel bewährte sich wieder einmal: Bei den Griechen bildete sich das Gewand nach der Gestalt – in der Gegenwart bildet der Schneider die Gestalt nach dem Gewande.[91]

Wir wollen nicht untersuchen, ob Sitte, Grazie und Anstand bei dieser erwähnten Schneiderthat gewonnen oder verloren, uns auch nicht mit der Hoffnung schmeicheln, der lockere Grundcharakter, welchen die Mode in dieser Beziehung annahm und noch behauptet, sei eine Rückkehr zur Natur und Einfachheit, oder sei ein Sieg der Gesundheitslehre, eine Maßregel, hervorgegangen aus der Einsicht, daß diese lose Tracht die vortheilhafteste sei für die edelsten Organe des weiblichen Organismus; wir sehen auch darin nicht weniger und nicht mehr als eine Laune der Mode, die vielleicht bald wieder der ganz entgegengesetzten weichen kann. Denn diese scheinbar naturgemäße Mode vertrug sich schon mit der allernaturwidrigsten: der Krinoline, und verträgt sich heute noch mit einer, von allen Naturfreunden, Aerzten, Aesthetikern vergeblich bekämpften: den falschen Haaren und Haar-Imitationen und Unterlagen auf allen Frauenköpfen. Es ist also, wie fast immer, auch hierbei kein einheitliches vernünftiges Prinzip in der Mode – und darum gar nicht darauf zu verlassen, daß wir nicht auch in dieser Beziehung wieder einen gänzlichen Umschwung erleben.

Bemerkt muß aber doch werden, daß die Blousen und dis daraus hervorgegangenen lockeren Taillen dem Bedürfniß des weiblichen Geschlechtes nach freierer Bewegung entgegenkommen. Turnen und gymnastische Uebungen, wie sie namentlich der weiblichen Jugend allmälig zugänglich gemacht wurden, hätte sich in der früheren Tracht gar nicht bewerkstelligen lassen. Die kleinen Kragen, Manschetten und Stulpen, welche denen der Herren ziemlich glichen und gleichen, die hohen Absatzstiefelchen – das Alles war und ist ein wenn auch immerhin nur unklares[92] Haschen nach Emanzipation, – die nun einmal zu den Zeitforderungen gehört und nur sehr oft noch auf eine sehr verkehrte Art gestellt wird und in noch verkehrterer sich geltend zu machen sucht. Auch das Kapitel über die Hüte liefert dazu seinen Beitrag.

Jahrzehnte hindurch hatten immer Jung und Alt, Mädchen und Frauen, die nämliche Hutfaçon getragen, wenn sie auch mit jeder Saison eine etwas andere Gestalt annahm, größer oder kleiner, mehr nach hinten oder nach vorne getragen ward – immer existirte kein wesentlicher Unterschied zwischen Jugend und Alter, außer daß als Aufputz bei jener die Blumen, bei diesem Federn und Bänder vorherrschten und dabei das nur der Jugend geziemende Rosa vermieden ward. Und eben diese Jahrzehnte hindurch waren alle Hüte um das Gesicht, wenn auch in wechselnden Arrangements mit Tüll oder Blonde garnirt, der weiße häubchenartige Duft galt als unerläßlich, und unter dem Kinn durch Bänder geschlossen.

Da auf einmal fiel es Eugenien ein, in einem kleinen (nach damaligen Begriffen) runden Strohhut mit ringsum aufwärts gebogener Krempe und einer schwarzen, das Gesicht bis zu den Augen beschattenden Blonde zu erscheinen, ohne jede weiße Garnirung, Federn und Sammelbaud von gleicher (brauner oder grauer) Farbe wie der Hut, bildeten den übrigen Aufputz, ein Gummischnürchen diente als Befestigungsmittel. Diese Hüte waren eine allgemeine Ueberraschung, und da sie wirklich graziös und poetisch aussahen, jedes Gesicht das sie halb zeigten, halb verhüllten, jugendlicher erscheinen ließen und plötzlich mit jeder herkömmlichen Mode brachen, so machten sie in jeder Beziehung Effekt. Eugenie war selbst in jenem bedenklichen[93] Alter, wo die Dreißig überschritten ist und jede Dame noch ungestraft darnach trachten darf, die früheren Jugendreize zu conserviren und wenigstens die Erinnerung daran noch lebendig zu erhalten – dabei leistete der neu erfundene Hut die trefflichsten Dienste und er hatte ja zugleich etwas von dem Kühnen, Amazonenhaften, das ja überhaupt der schönen Spanierin dazu verholfen, Kaiserin von Frankreich zu werden. Und weil nun, ihrem Beispiel folgend, neben den jungen alle Damen, die noch etwas auf ihr Aeußeres hielten, nach diesem Hute griffen, indeß die ältere Generation und ängstliche, philisterhafte Gemüther den geschlossenen Hut beibehielten, so nannte man diesen idealen Amazonenhut spöttelnd den »letzten Versuch«.

Wenn die damaligen Spötter hätten ahnen können, wie solid dieser schon als kokett verdächtigte Amazonenhut im Vergleich zu seinen Nachfolgern war! Er beschirmte wirklich das Gesicht vor der Sonne, die Augen vor Licht und Staub, den Kopf vor Regen und Erkältung er verdiente wirklich den Namen eines Hutes, während, die nachfolgenden Façons immer kleiner und völlig unnütz wurden gegen Sonne, Hitze, Kälte, Licht, ein gänzlich zweckloses Etwas, das nur immer theurer und vergänglicher wird, weder eine Zierde noch ein Schutz ist. Und dabei sind auch die sogenannten geschlossenen, und für ältere Damen bestimmten Hüte der gleichen Zwecklosigkeit verfallen, und jede Matrone würde sich heutzutage glücklich schätzen, wenn sie noch immer einen so zweckmäßigen »großen« Hut tragen dürfte, wie der seiner Zeit als keck und kokett verschriene Amazonenhut war. Heute fände man ihn eben noch für eine Großmutter zu alt und zu philisterhaft![94]

Neben dieser gänzlichen Zwecklosigkeit der Hüte ward eine zweckmäßige Kopfhülle erfunden, die auch wieder aus dem Orient oder Algier stammt. – Eugenie brachte sie wohl von ihrer letzten Triumphreise mit, der Eröffnung des Suez-Kanals, wo auch die Nielrosen und die Nielfarbe herstammten –: der Baschlik, der wenigstens im Wagen, und Abends bei schlechtem Wetter treffliche Dienste leistet.

Doch – wir sind der Gegenwart nahe gekommen – und es ist nicht unseres Amtes, noch unsere Absicht, hier über die Moden der Gegenwart und der Zukunft zu plaudern – das finden die Leserinnen ja trefflich verzeichnet und vorgezeichnet in den betreffenden Moderubriken des Bazar, der Illustrirten Frauenzeitung u.s.w.

Wir wollten nur einige Rückblicke werfen auf die Moden der Vergangenheit, die wir selbst erlebten, sammt ihrer kulturhistorischen Bedeutung, und zwar auf jene, welche die meisten Leserinnen vielleicht nicht mit gesehen und getragen haben – aber über all' das, was sich in dieser Beziehung im letzten Jahrzehent ereignete sind sie jedenfalls besser unterrichtet als wir selbst, und haben mehr Interesse daran. Wir verzichten auch darauf, an das seit einigen Jahren in der Mode mitsprechende und florirende »Bismark, Barzin« u.s.w., große patriotische Triumphe und Hoffnungen zu knüpfen; daß uns künftig nicht mehr Paris und das Ausland nicht mehr die neuen Moden bringen möge! Wir haben, als der letzte Krieg begann, nicht mit eingestimmt in den lächerlichen Chorus mancher Frauen und Männer, welche ihren Patriotismus darin kund zu geben suchten, daß sie zur Ablegung der »welschen« Moden und zur Erfindung einer[95] deutschen Mode aufforderten! Wir meinten, die Frauen hätten überhaupt, und namentlich in solcher Zeit, Wichtigeres zu thun, als sich mit den Angelegenheiten der Mode zu beschäftigen. Noch mehr aber erklärten wir, daß wir Zeit und Kräfte nur an erreichbare Aufgaben setzen und nicht an unerreichbare und unwesentliche verlieren mögen. Die Mode aber gehört zu den Dingen, mit denen Götter selbst vergebens kämpfen, und wenn wir zuweilen geneigt sind, sie zu verwünschen, so erklärt uns die Volkswirthschaft, daß wir Ursache haben, sie zu segnen!

Alles, was uns vom Standpunkt der weiblichen Emanzipation auf diesem Gebiete zu thun obliegt, ist, daß wir uns von jeder Mode zunächst das Aesthetische und Schöne und dasjenige auswählen, was unserer Individualität am besten entspricht und daß wir diejenigen Moden, welche jene höheren Forderungen der Sitte oder Schönheit verletzen, nicht mitmachen und uns ihren Szepter nur so weit unterwerfen, als wir es müßten, um nicht aufzufallen und die Lacher herauszufordern.[96]

Quelle:
Louise Otto: Frauenleben im Deutschen Reich: Erinnerungen aus der Vergangenheit mit Hinweis auf Gegenwart und Zukunft, Leipzig 1876, S. 62-97.
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