Zweiter Brief.

[22] Wesel den 20sten Sept. 1826.


Geliebte Freundin!


Nachdem ich von Göthe und seiner Familie noch Abschied genommen, und eine vornehme und reizende Malerin zum Letztenmal in ihrem Attelier besucht, verließ ich voll angenehmer Erinnerungen das deutsche Athen.

In Gotha hielt ich mich nur so lange auf als nöthig war, um einen alten Freund und Kriegs-Kameraden, den Minister und Astronomen (Himmel und Erde in seltner Berührung) Baron von L ..... zu besuchen, welchen ich noch immer an den Folgen seines unglücklichen Duells in Paris leiden, aber dieses Ungemach auch mit eben der Ruhe des Weisen tragen sah, die er in allen Lagen des Lebens zu behaupten wußte.

Es war schon dunkel, als ich in Eisenach ankam, wo ich an einen andern meiner ehemaligen Kameraden einen Auftrag des Großherzogs hatte. Ich sah[23] sein Haus hell erleuchtet, hörte Tanzmusik und trat mitten in eine große Gesellschaft, die verwundert mein Reise-Costüm und meine Jagdmütze betrachtete. Es war die Hochzeit der Tochter vom Hause, welche man feierte, und herzlich bewillkommte der Vater mich dabei, als er mich erkannte. Ich entschuldigte bei der Braut mein unhochzeitliches Kleid, trank ein Glas Eispunsch auf ihr Wohlergehen, ein anders auf das des Vaters, tanzte eine Polonaise und entschwand à la française.

Gleich darauf machte ich meine Nachttoilette und legte mich im Wagen behaglich zur Ruhe.

Als ich erwachte, befand ich mich schon eine Station vor Cassel, an demselben Ort, wo wir vor 10 Jahren die seltsame entrée mit einer aufrecht stehenden, zerbrochenen Wagendeichsel machen mußten, auf der der Postillon zu reiten schien. Ich frühstückte hier, vielfach jener Reise gedenkend, fuhr durch die traurig schöne Hauptstadt ohne mich aufzuhalten, später durch einen herrlichen Buchenwald, der im hellen Sonnenschein wie grünes Gold erglänzte, machte bei Vestuffeln romantische Betrachtungen über einen komischen Berg, den der Vorzeit mosige Trümmer deckten, und traf, durch lange einförmige Gegenden forteilend, zu meiner Eßstunde im alten Bischofssitze zu Osnabrück ein.

Die zweite Nacht schläft man immer noch besser als die erste im Wagen, dessen Bewegung, auf mich wenigstens,[24] wie die Wiege auf Kinder wirkt. Ich fühlte mich sehr wohl und heiter am nächsten Morgen, und bemerkte, daß das Land allgemach anfing, einen holländischen Charakter anzunehmen. Altväterische Häuser mit vielfachen Giebeln und Schiebfenstern, ein unverständliches Plattdeutsch, welches an Wohllaut dem holländischen nichts nachgiebt, phlegmatischere Menschen, besser meublirte Stuben, wiewohl noch ohne holländische Reinlichkeit, Thee statt Kaffee, überall vortreffliche frische Butter und Rahm, nebst erhöhter Prellerei der Gastwirthe – Alles zeigte eine neue Schattirung dieser bunten Welt.

Die Gegenden, durch welche mein Weg führte, gehörten einer anmuthigen und sanften Natur an, besonders bei Stehlen an der Ruhr, ein Ort, für den gemacht, der sich vom Getümmel des Lebens in heitre Einsamkeit zurückzuziehen wünscht. Nicht satt sehen konnte ich mich an der saftig frischen Vegetation, den prachtvollen Eich- und Buchen-Wäldern, die rechts und links die Berge krönen, zuweilen sich über die Straße hinzogen, dann wieder in weite Ferne zurückwichen, aber überall den fruchtbarsten Boden begränzten, braun und roth schattirt, wo er frisch geackert war, hell oder dunkelgrün schimmernd, wo junge Wintersaat und frischer Klee ihn bedeckten. Jedes Dorf umgiebt ein Hain schön belaubter Bäume, und nichts übertrifft die Ueppigkeit der Wiesen, durch welche sich die Ruhr in den seltsamsten Krümmungen schlängelt. Ich dachte lachend, daß, wenn Einem prophezeihet würde, an der Ruhr zu sterben, er sich hier[25] niederlassen müsse, um auf eine angenehme Weise die Prophezeihung zugleich zu erfüllen und zu entkräften. Als ich gegen Abend noch diese freundliche Landschaft mit unsern düstern Föhren-Wäldern verglich, erschien, wie durch Zauberspruch, plötzlich eine Zunge heimisches Land mit Kiefern, Sand und dürren Birken, so weit das Auge reichte, über den Weg gelagert. Nach zehn Minuten schon begrüßten uns aber wieder grüne Matten und stolze Buchen. Welche Revolution hat diesen Sandstrich hier hineingeschoben?

Einige Meilen von Wesel wird indessen das ganze Land tout de bon vaterländisch, und da hier auch die Chaussée aufhört, watet man von neuem in Berliner Streusande. Ich kam unglücklicherweise einen Tag zu spät, um sogleich mit dem Dampfboot von hier abgehen zu können, sonst hätte ich, von Weimar aus gerechnet, London in 41/2 Tagen erreicht. Nun werde ich zu Lande bis Rotterdam reisen, und dort die Abfahrt des nächsten Schiffes erwarten müssen.


Rotterdam, den 25sten.


Meine Reise von Wesel bis Arnheim war ziemlich langweilig. Langsam schlichen die Pferde durch eine wenig ansprechende Gegend im endlosen Sande hin. Nichts Interessantes zeigte sich als große Ziegeleyen an der Straße, die ich aufmerksam besichtigte, da sie den unsrigen so sehr vorzuziehen sind. Desto belohnender,[26] und wirklich von magischer Wirkung ist dagegen der weite Garten, welcher sich zwischen Arnheim und Rotterdam ausbreitet. Auf einer Chaussée, von Klinkern (sehr hart gebrannte Ziegel) gebaut, und mit feinem Sande überfahren, eine Straße, die durch nichts übertroffen werden kann, und nie auch nur die schwächste Spur eines Gleises annimmt, rollte der Wagen mit jenem leisen, stets den gleichen Ton haltenden Gemurmel des Räderwerks hin, das für die Spiele der Phantasie so einladend ist. Obgleich es in dem endlosen Park, den ich durchstrich, weder Felsen noch selbst Berge giebt, so gewähren doch die hohen Dämme, auf welche der Weg zuweilen hinansteigt, die Menge, große Massen bildender Landsitze, Gebäude und Thürme, wie die vielen aus Wiesen, Ebnen, oder über klare Seen auftauchenden kolossalen Baum-Gruppen, der Landschaft eben so viel Abwechselung von Höhe und Tiefe, als malerische Ansichten der verschiedensten Art; ja ihre größte Eigenthümlichkeit besteht eben in dieser unglaublichen Bewegung und Mannichfaltigkeit der Gegenstände, die ohne Aufhören die Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Städte, Dörfer, Schlösser mit ihren reichen Umgebungen, Villen von jeder Bauart mit den niedlichsten Blumengärten, unabsehbare Grasflächen mit Tausenden weidender Kühe, Seen, die im Umfang von 20 Meilen bloß durch Torfstich nach und nach entstanden sind, unzählige Inseln, wo das baumlange Schilf, zum Decken der Dächer sorgfältig angebaut, Myriaden von Wasservögeln zur Wohnung dient –[27] alles bietet sich fortwährend die Hand zu einem freudigen Reigen, in dem man wie im Traume durch flüchtige Pferde fortgerissen wird, während immer neue Palläste, immer andere Städte am Horizont erscheinen, und ihre hohen gothischen Thürme in dämmernder Ferne mit den Wolken sich verschmelzen. Eben so läßt in der Nähe eine oft groteske und stets wechselnde Staffage keinem Gefühl der Einförmigkeit Raum. Bald sind es seltsam mit Schnitzwerk und Vergoldung verzierte Wagen ohne Deichsel, und von Kutschern regiert, die in blauen Westen, kurzen schwarzen Hosen, schwarzen Strümpfen und Schuhen mit ungeheuren silbernen Schnallen, auf einer schmalen Pritsche sitzen; oder zu Fuß wandernde Weiber mit sechs Zoll langen goldnen und silbernen Ohrringen behangen, und chinesischen Sommerhüten, gleich Dächern auf den Köpfen; bald zu Drachen und fabelhaften Ungethümen verschnittene Taxus-Bäume, oder mit weiß und bunter Oelfarbe angestrichene Lindenstämme, asiatisch mit vielfachen Türmchen verzierte Feueressen, absichtlich schief liegend gebaute Häuser, Gärten mit lebensgroßen Marmor-Statuen in altfranzösischer Hofkleidung durch das Gebüsch lauschend, oder eine Menge 2–3 Fuß hoher, spiegelblank polirter Messingflaschen auf den grünen Wiesen am Wege stehend, die wie pures Gold im Grase blinken, und doch nur die bescheidne Bestimmung haben, die Milch der Kühe aufzunehmen, welche daneben von jungen Mädchen und Knaben emsig gemolken werden – kurz eine Menge ganz fremder ungewohnter[28] und phantastischer Gegenstände bereiten jeden Augenblick dem Auge eine andere Scene, und drücken dem Ganzen ein vollkommen ausländisches Gepräge auf. Denke Dir nun dieses Bild noch überall in den Goldrahmen des schönsten Sonnenscheins gefaßt, geziert mit der reichsten Pflanzenwelt, von riesenhaften Eichen, Ahorn, Eschen, Buchen bis zu den kostbarsten ausgestellten Treibhaus-Blumen herab, so wirst Du Dir eine ziemlich genaue, und keineswegs übertriebene Vorstellung von diesem wunderbar herrlichen Theile Hollands machen können, und dem hohen Vergnügen meiner gestrigen Fahrt.

Nur ein Theil derselben machte, hinsichtlich der Vegetation und Mannichfaltigkeit eine Ausnahme, war mir aber in anderer Hinsicht, wenn auch nicht so angenehm, doch nicht weniger interessant. Nämlich zwischen Arnheim und Utrecht findet man 4 Meilen lang den Sand der Lüneburger Haide, so schlecht als die schlechtesten märkischen Ebnen. Demohngeachtet, und so viel wirkt verständige Cultur! wachsen neben den Kiefern-Gebüschen, die der Boden nebst dürrem Haidekraut allein von selbst hervorbringt, die wohl bestandendsten Anpflanzungen von Eichen, Weiß- und Rothbuchen, Birken, Pappeln u.s.w. freudig auf. Wo der Boden zu wenig Kraft hat, werden sie nur als Strauchwerk benutzt, und alle 5–6 Jahre abgetrieben, wo er etwas besser ist, als Stämme in die Höhe gelassen. Die herrliche Straße ist hier durchgängig mit wohlerhaltenen dichten Alleen eingefaßt, und, was mir merkwürdig war,[29] ich fand, daß trotz des dürren Sandes Eichen und Buchen noch besser als Birken und Pappeln zu gedeihen schienen. Eine Menge der so überaus netten holländischen Häuser und Villen waren mitten in der wüsten Haide aufgebaut; mehrere noch im Werden, so wie die Anlagen darum her. Ich konnte mir nicht erklären, daß so Viele sich gerade dies unwirthbare Terrain zu kostspieligen Etablissements ausgesucht, erfuhr aber, daß das Gouvernement weise genug gewesen sey, diesen ganzen, bisher als unbrauchbar liegen gelassenen Landstrich den angränzenden Gutsbesitzern und andern Vermögenden auf 50 Jahr unentgeldlich und Abgabenfrei zu überlassen, mit der einzigen Bedingung, es sogleich durch Anpflanzungen oder Feldbau cultiviren zu müssen. Später zahlen ihre Nachkommen eine sehr billige, entsprechende Rente. Ich bin überzeugt, nach dem, was ich hier gesehen, daß der größte Theil unsrer hungrigen Kiefernwälder durch ähnliches Verfahren und fortgesetzte Cultur in hundert Jahren in blühende Fluren verwandelt, und die ganze todte Gegend dadurch wahrhaft umgeschaffen werden könnte.

Utrecht ist zierlich gebaut, und wie alle holländischen Städte musterhaft reinlich gehalten. Das buntfarbige Ansehn der Häuser sowohl, als ihre verschiedenen Formen, die engen gekrümmten Straßen, und ihr altväterisches Ensemble erscheinen mir viel gemüthlicher als die sogenannten schönen Städte, die sich wie eine mathematische Figur überall rechtwinklicht durchkreuzen, und wo jede Straße in trostlos[30] langer Linie mit einem Blick zu übersehen ist. Die Umgegend ist reizend, die Luft sehr gesund, da Utrecht am höchsten in Holland liegt, und wie man mir sagte, auch die Gesellschaft im Winter und Frühling sehr belebt, weil der reichste Adel des Landes sich hier aufhält. Der Handel dagegen ist unbedeutend, und die ganze Allüre der Stadt und Menschen mehr aristokratisch.

Von hier fuhr ich nach Gouda, dessen Dom durch seine köstlichen Glasmalereien berühmt ist. Für eins dieser Fenster wurden von einem Engländer ohnlängst 80,000 Gulden vergebens geboten. Es gleicht an Ausführung einem Miniatur-Gemälde und glänzt in unbeschreiblicher Farbenpracht, ja die Edelsteine und Perlen an dem Schmuck der Priester wetteifern mit ächten. Ein anderes schenkte Philipp II. der Kirche, dessen eine Hälfte der Blitz kurz darauf zerschmetterte, was gewiß in jener Zeit als omineus angesehen wurde. Er selbst ist darauf abgebildet, und zwar in einem Mantel von ächter Purpurfarbe, nicht das gewöhnliche Roth, sondern ein violett schimmerndes, zwischen Veilchenblau und Cramoisi spielend, schöner als ich es je noch auf altem Glase sah. Auf einem dritten befindet sich das Portrait des Herzogs von Alba. Alle Fenster sind von ungewöhnlich großen Dimensionen, und mit wenigen Ausnahmen tadellos erhalten, sämmtlich aus dem 15. und 16. Jahrhundert bis auf eins, welches erst im 17. gemalt wurde, und auch den Verfall dieser Kunst sehr verräth, indem es den übrigen sowohl an Gluth[31] der Farben, als an Erfindung und Zeichnung weit nachsteht.

Wer Gouda gesehen hat, kann sich die Reise nach dem schiefen Thurme zu Pisa ersparen, denn hier scheint die halbe Stadt nach diesem Prinzip aufgeführt worden zu seyn. Obgleich den Holländern, die man in mancher Rücksicht nicht unpassend die Chinesen Europas nennen könnte, gar wohl zuzutrauen wäre, absichtlich für ihre Häuser eine so seltsame Bauart gewählt zu haben, so rührt dieses, fast Schrecken erregende Schiefsteben der hiesigen Gebäude doch wahrscheinlich größtentheils nur von dem unsichern morastigen Grunde her1. Fast alle Häuser stehen mit den Giebeln nach der Straße zu, und jeder derselben ist verschieden ausgeschmückt. In sehr engen Gassen sieht man sie sich fast erreichen und ein Dreyeck bilden, unter dem man nicht ohne Besorgniß hingeht.

Da es Sonntag war, fand ich die Stadt höchst belebt, wiewohl nur durch stillen und decenten Jubel. Die meisten Menschen standen müßig, gafften, zogen aber sehr höflich den Hut vor meinem Wagen ab.[32]

Bevor man Rotterdam erreicht, fährt man durch eine lange Reihe Landhäuser mit fortlaufenden Blumenparterres, die auf beiden Seiten durch schmale Kanäle von der Straße getrennt sind. Zu jedem derselben führt eine mächtige Zugbrücke, welche seltsam mit der Unbedeutendheit des Wassers contrastirt, denn ein herzhafter Sprung brächte zur Noth auch von einem Ufer auf's andere. Eben so barokk sind die thurmhohen Windmühlen vor der Stadt. Sie sind vielfach vergoldet und mit dem absonderlichsten Schnitzwerke versehen, bei manchen aber ausserdem die Mauern noch mit dichtem Rohre so fein bedeckt, daß es in der Entfernung Pelzwerk gleich sieht, andere bieten einen beschuppten Crokodillenleib dar, einige gleichen chinesischen Glockenthürmen, alle zusammen machen aber dennoch einen imponirenden Effekt. Dazwischen ragen die Maste des Hafens und die großen mit Glas gedeckten Schuppen hervor, in denen die Kriegsschiffe gebaut werden, und kündigen die See- und Handelsstadt an.

Bald nahm mich eine lange von Menschen wimmelnde Straße auf, der ein hohes schwarzes Thurm-Zifferblatt mit feurig rosenrothen Zahlen und Weisern zum point de vûe diente, und ich brauchte wohl eine gute Viertel-Stunde, bevor ich im Hotel des bains auf dem Quai anlangte, wo ich jetzt sehr gut und bequem logirt bin. Vor meinen Fenstern übersehe ich eine breite Wasserfläche mit den vier Dampfschiffen, von denen eines mich übermorgen nach England bringen soll. Böte rudern emsig auf und ab,[33] und die geschäftige Menge eilt auf dem Quai rastlos durcheinander, dessen Rand mit himmelhohen Rüstern geschmückt ist, die wahrscheinlich schon zu Erasmus Zeiten hier gepflanzt wurden. Nach einem kleinen Spaziergang unter diesen Bäumen nahm ich eine gute Mahlzeit ein, und schrieb dann an diesem ellenlangen Brief, der leider mehr Porto kosten wird, als er werth ist. Mit meiner Gesundheit geht es immer noch nicht ganz nach Wunsch, obgleich von Tag zu Tage besser. Vielleicht kurirt mich völlig das Meer, und einige Gläser Seewasser, welches ich zu mir nehmen werde, sobald ich auf seinen Wellen schaukele.


Den 26sten.


Die Lebensart nähert sich hier den englischen Sitten. Man steht spät auf, ißt an table d'hôte um 4 Uhr, und trinkt Abends Thee. Uebrigens ist für Fremde in der großen Stadt wenig Abwechselung vorhanden, da sich nicht einmal ein stehendes Theater hier befindet. Nur zuweilen geben die Schauspieler vom Haag einige Vorstellungen in einem schlechten Lokal. Alles scheint mit dem Handel beschäftigt, und findet seine Erholung nachher, sehr angemessen, nur in häuslichen Freuden, an denen aber ein bloß Durchreisender freilich keinen Theil nehmen kann. Um einiges englische Geld einzuwechseln, ging ich in das Comtoir eines iüdischen Banquiers, der sich, ohngeachtet[34] der Geringfügigkeit der Summe, mit der größten Unterwürfigkeit benahm, und nachdem er mir sorgsam das Geld selbst aufgezählt hatte, mich bis an die Hausthür begleitete. Ich war daher nicht wenig verwundert, nachher von meinem Lohnbedienten zu erfahren, daß man das Vermögen dieses Mannes auf zwei Millionen Gulden schätze. Es scheint also, daß viel Geld hier die Banquiers noch nicht so hochmüthig gemacht habe, als in andern Ländern. Ich besah hierauf das Arsenal, welches ich, im Vergleich mit englischen Etablissements dieser Art, nur unbedeutend fand. Mehrere der Schuppen sind mit Pappe gedeckt, was sehr dauerhaft sein soll, und gut aussieht. Es wird dazu ganz gewöhnliche starke, in viereckige Platten geschnittene Pappe genommen die man in einem Kessel, worin Holztheer siedet, mehrmals eintunkt, bis sie auf beiden Seiten überall ganz damit bedeckt und durchzogen ist, worauf man sie zum Trocknen an die Sonne hängt. Dann werden die einzelnen Stücke auf dem sehr flachen Dache gleich Kupferplatten übereinander gelegt, und mit Nägeln auf die darunter befindlichen Bretter festgemacht, welche sie viele Jahre lang gänzlich gegen Nässe schützen. Nach Aussage der Marine-Beamten soll ein solches Dach sogar weit länger als Schindeln oder das beste getheerte Segeltuch halten. Interessant war mir in einem der Säle das sehr detaillirte, ganz auseinander zu nehmende Modell eines Kriegsschiffes, welches für die Seeschule zu Delfft verfertigt ward, und den Unterricht überaus anschaulich macht.[35] Die goldene Gondel des Königs, obgleich sie der der Cleopatra wahrscheinlich an Pracht nicht gleich kommen mag, wird dennoch von den guten Holländern mit großer Selbstzufriedenheit gezeigt, verfault aber hier im Trocknen, da sie nur selten gebraucht wird.

Die Umgegend von Rotterdam ist wegen ihrer hübschen Landmädchen und saftigen Früchte berühmt, welche (die letztern nämlich) einen nicht unbedeutenden Ausfuhrartikel nach England abgeben. Nirgends findet man wohl Weintrauben von so ungeheurer Größe. Ich sah mehrere auf dem Markt zum Verkauf ausgestellt, deren Beeren das Ansehn und den Umfang von Pflaumen hatten. Indem ich noch weiter müßig umherschlenderte, erblickte ich den Ankündigungszettel eines Panorama des Aetna, trat im Gefolge einer Damengesellschaft hinein, und ach! verlor hier mein Herz. – Das reizendste Mädchen, das ich je gesehen, lächelte mich am Fuße des feuerspeyenden Berges mit Augen an, die aus seinen ewigen Flammen ihre Glut geschöpft haben mußten, während ihre schalkhaften Lippen üppig blühten, wie die rothen Blumen des neben ihr prangenden Oleanders. Der lieblichste Fuß, der wollüstigste Körper im reinsten Ebenmaß, Alles vereinigte sich, sie, wenn auch nicht zum himmlischen, doch gewiß zum verführerischsten irdischen Ideal zu erheben. War dies ein Holländerin? O nein, eine ächte Sicilianerin, aber leider, leider! – nur gemalt! Drum warf sie mir auch, als ich das Paradies wieder verließ, aus ihrer Weinlaube nur[36] triumphierend spöttische Blicke zu, denn seit Pygmalions Zeiten vorbei sind, konnte diese nichts mehr beleben, nichts verführen. – Wer mag aber wissen, ob nicht dennoch ein süßes Schicksal mich irgendwo das Original antreffen läßt? Wenigstens ist eine solche Hoffnung und ein solches Bild kein unangenehmer Reisebegleiter; schlimm nur, daß ich mit ihm jetzt gerade dem Nebel-Lande, und nicht den schönen Feuer-Gegenden zuwandle, die eine wärmere Sonne von oben, und geheimnißvolle Gluthen von unten, zwischen zwei Feuer genommen haben. Morgen aber schon wird statt dieser Wärme das kalte nasse Meer um mich wogen, ich aber gewiß nicht, indem ich das liebe Holland verlasse, mit dem unartigen Voltaire ausrufen: Adieu Canards, Canaux, Canailles!

Von London schreibe ich Dir erst wieder, wenn ich dort einen längern Aufenthalt mache, worüber ich mich erst an Ort und Stelle bestimmen will. En attendant schicke ich Dir beiliegend den Steindruck des Dampfschiffes, mit dem ich absegle. Ein † bezeichnet, in der Art, wie die alten Ritter ihre Namen unterschrieben, die Stelle, wo ich stehe, und mit einiger Hülfe Deiner Einbildungskraft wirst Du sehen, wie ich mit meinem Tuch zum Abschiede wehe, und Dir tausend Liebes und Herzliches aus der Ferne zurufe.


Dein treuer L ...

1

Ich erinnere mich von einem griechischen Kloster in der Wallachey gelesen zu haben, dessen vier Thürme jeden Augenblick einfallen zu wollen scheinen. Dennoch ist diese optische Täuschung nur dadurch hervorgebracht, daß sowohl die Richtung der Fenster, als mehrere rund umherlaufende Banden schief gestellt sind.

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Dritter und Vierter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland und England geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828, Band 3, Stuttgart 1831, S. 22-37.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Briefe eines Verstorbenen
Briefe eines Verstorbenen: Ein fragmentarisches Tagebuch
Briefe eines Verstorbenen: Herausgegeben von Heinz Ohff
Ironie Des Lebens: Bd. Einleitung. Aus Den Zetteltoepfen Eines Unruhigen. Die Pfarre Zu Stargard. Scheidung Und Brautfahrt.-2.Bd. Briefe Eines Verstorbenen (German Edition)

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Prinzessin Brambilla

Prinzessin Brambilla

Inspiriert von den Kupferstichen von Jacques Callot schreibt E. T. A. Hoffmann die Geschichte des wenig talentierten Schauspielers Giglio der die seltsame Prinzessin Brambilla zu lieben glaubt.

110 Seiten, 4.40 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon