Sechster Brief.

[135] London, den 25sten Nov. 1826.


Geliebteste!


Es ist mir zuweilen ein wahres Bedürfniß, einen Tag ganz allein zu Haus zuzubringen, und dann großentheilß in einer Art von träumerischem Hinbrüten zu durchleben, wo ich so lange Vergangenes und Neues und alle Affekte durchlaufe, bis durch die Mischung so vieles Bunten eine Nebelfarbe sich über Alles breitet, und die Dissonanzen des Lebens sich am Ende in eine sanfte, objektlose Rührung auflösen. Recht unterstützt wird man hier in solcher Stimmung durch die, mir sonst sehr unausstehlichen Drehorgeln, die Tag und Nacht in allen Straßen ertönen. Auch sie leyern im wilden Wirbel hundert Melodien untereinander, bis alle Musik sich in ein träumerisches Ohrenklingen verliert.

Amüsanter ist dagegen ein anderes hiesiges Straßenspiel, eine ächte National-Komödie, die eine etwas[136] genauere Beleuchtung verdient, und mir auch heute von unten meinen Fenstern heitere Zerstreuung heraufgeschickt hat.

Es ist dies Punch, der englische, ganz vom italiänischen verschiedene Pulcinella, dessen getreue Abbildung ich hier beifüge, wie er eben seine Frau todtschlägt, denn er ist der gottloseste Komiker, der mir noch vorgekommen ist, und so complet ohne Gewissen, wie das Holz, aus dem er gemacht ist, und ein wenig auch die Klasse der Nation, welche er repräsentirt.

Punch hat, wie sein Namensvetter, auch etwas von Arrak Zitronen und Zucker in sich, stark, sauer und süß, und dabei von einem Charakter, der dem Rausche, welchen jener herbeiführt, ziemlich gleich ist. Er ist überdieß der vollendetste Egoist, den die Erde trägt, et ne doute jamais de rien. Mit dieser unbezwingbaren Lustigkeit und Laune besiegt er auch Alles, lacht der Gesetze, der Menschen, und selbst des Teufels, und zeigt in diesem Bilde zum Theil, was der Engländer ist, zum Theil, was er seyn möchte, nämlich Eigennutz, Ausdauer, Muth, und wo es seyn muß, rücksichtslose Entschlossenheit auf der vaterländischen Seite, unerschütterlichen leichten Sinn und stets fertigen Witz auf der ausländischen – aber erlaube, daß ich, sozusagen mit Punchs eignen Worten, ihn weiter schildere, und aus seiner Biographie noch einige fernere Nachrichten über ihn mittheile.[137]

Als ein Nachkomme Pulcinellas aus Acerra ist er für's erste unbezweifelt ein alter Edelmann, und Harlekin, Clown, der deutsche Casperle selbst u.s.w. gehören zu seiner nahen Vetterschaft, er jedoch paßt, wegen seiner großen Kühnheit, am besten zum Familien-Chef. Fromm ist er leider nicht, aber als guter Engländer geht er doch ohne Zweifel Sonntag in die Kirche, wenn er auch gleich darauf einen Priester todtschlägt, der ihn zu sehr mit Bekehrungsversuchen ennüyirt. Es ist nicht zu läugnen, Punch ist ein wilder Kerl, keine sehr moralische Personnage, und nicht umsonst von Holz. Niemand z.B. kann besser boxen, denn fremde Schläge fühlt er nicht, und seine eignen sind unwiderstehlich. Dabei ist er ein wahrer Türke in der geringen Achtung menschlichen Lebens, leidet keinen Widerspruch, und fürchtet selbst den Teufel nicht. Dagegen muß man aber auch in vieler andern Hinsicht seine großen Eigenschaften bewundern. Seine admirable Herzens-Unempfindlichkeit und schon gepriesene, stete gute Laune, sein heroischer Egoismus, seine nicht zu erschütternde Selbstzufriedenheit, sein nie versiegender Witz und die consommirte Schlauheit, mit der er aus jedem mauvais pas sich zu ziehen, und zuletzt als Sieger über alle Antagonisten zu triumphieren weiß, werfen einen glänzenden Lüstre über alle die kleinen Freiheiten, die er sich im Übrigen mit dem menschlichen Leben herauszunehmen pflegt. Man hat in ihm eine Verschmelzung von Richard III. und Falstaff nicht ganz mit Unrecht gefunden. In seiner Erscheinung[138] vereinigt er auch die krummen Beine und den doppelten Höcker Richards mit der angehenden Beleibtheit Falstaffs, zu welcher noch die italiänische lange Nase und die feuersprühenden schwarzen Augen sich gesellen.

Seine Behausung ist ein auf vier Stangen gestellter Kasten mit gehörigen innern Dekorationen, ein Theater, das in wenigen Sekunden am beliebigen Orte aufgeschlagen wird, und dessen über die Stangen herabgelassene Drapperie Punchs Seele verbirgt, die seine Puppe handhabt, und ihr die nöthigen Worte leiht. Dieses Schauspiel, in dem er täglich, wie gesagt, in der Straße auftritt, variirt daher auch nach dem jedesmaligen Talente dessen, der Punch dem Publikum verdolmetscht, doch ist der Verlauf desselben im wesentlichen sich gleich, und ohngefähr folgender.

Sowie der Vorhang aufrollt, hört man hinter der Szene Punch das französische Liedchen Marlbroug s'en va-t-en guerre trällern, worauf er selbst tanzend und guter Dinge erscheint, und in drolligen Versen die Zuschauer benachrichtigt, weß Geistes Kind er sey. Er nennt sich einen muntern, lustigen Kerl, der gern Spaß mache, aber nicht viel von andern verstehe, und wenn er ja sanft werde, ihm dies nur vis-à-vis des schönen Geschlechts arrivire. Sein Geld verthue er frank und frei, und seine Absicht sey überhaupt, das ganze Leben hindurch zu lachen, und dabei so fett als möglich zu werden. Mit[139] den Mädchen sey er allerdings ein Versucher und Verführer, auch, so lange er es habe, ein Freund der bonne chère, wenn er nichts habe, aber auch bereit, von Baumrinde zu leben, und stürbe er einmal – nun so sey's eben weiter nichts, als daß es aus sey, und damit habe denn die Komödie von Punch ein Ende. (Dies letzte riecht ohne Zweifel ein wenig nach Atheismus.)

Nach diesem Monolog ruft er in die Szene hinein nach Judy, seiner jungen Frau, welche aber nicht hören will, und statt ihrer endlich nur ihren Hund schickt. Punch streichelt und schmeichelt ihm, wird aber von dem bösen Köter in die Nase gebissen, und so lange daran festgehalten, bis nach einer lächerlichen Balgerei und verschiedenen starken Spässen des nicht allzu discreten Punch, dieser endlich den Hund abwehrt, und derb abstraft.

Der Hausfreund Scaramutz tritt noch während diesem Lärmen mit einem großen Prügel ein, und setzt sogleich Punch zur Rede, warum er Judy's Lieblingshund geschlagen, der nie Jemanden beiße. »Auch ich schlage nie einen Hund«, erwiderte Punch, »aber«, fährt er fort, »was habt ihr selbst denn da in der Hand, lieber Scaramutz?« »O nichts, als eine Geige, wollt ihr vielleicht ihren Ton probieren? Kommt nur einmal her, und vernehmt das herrliche Instrument.« »Danke, danke, lieber Scaramutz«, erwidert Punch bescheiden, »ich unterscheide die Töne schon vortrefflich von weitem.« Scaramutz läßt sich[140] jedoch nicht abweisen, und indem er, sich mit Gesang accompagnirend, herumtanzt und seinen Prügel schwingt, giebt er, bei Punch vorbeikommend, diesem wie von ohngefähr einen derben Schlag auf den Kopf. Punch thut als merke er gar nichts davon, fängt aber auch zu tanzen an, und, seinen Vortheil wahrnehmend, reißt er plötzlich Scaramutz den Stock aus der Hand, und giebt ihm gleich zum Anfang einen solchen Schlag damit, daß dem armen Scaramutz der Kopf vor die Füße rollt – denn wo Punch hinschlägt, da wächst kein Gras. »Ha ha«, ruft er lachend, »hast Du die Geige vernommen, mein guter Scaramutz, und was für einen schönen Ton sie hat! So lange du lebst, mein Junge, wirst du keinen schönern mehr vernehmen. – Aber wo bleibt denn meine Judy. Meine süße Judy, warum kömmst denn du nicht?«

Unterdes hat Punch Scaramutz' Leiche hinter einem Vorhang verborgen, und Judy, der weibliche Pendant ihres Mannes, mit eben so viel Buckeln und noch monströserer Nase tritt auf. Eine zärtlich komische Szene erfolgt, nach der Punch nun auch nach seinem Kinde verlangt. Judy geht es zu holen, und Punch exstasiirt sich während dem in einem zweiten Monolog über sein Glück als Ehemann und Vater. Sobald das kleine Ungeheuer ankömmt, können Beide vor Freude sich kaum fassen, und verschwenden die zärtlichsten Namen und Liebkosungen an dasselbe. Judy geht jedoch häuslicher Geschäfte wegen, bald wieder ab, und läßt den Säugling in des Vaters[141] Armen, der, etwas ungeschickt, die Amme nachahmen und mit dem Kinde spielen will; dies fängt aber an jämmerlich zu schreien und sich sehr unartig zu gebährden. Punch sucht es erst zu besänftigen, wird aber bald ungeduldig, schlägt es, und da es nun nur immer ärger schreit, und ihm zuletzt gar etwas in den Händen zurückläßt, wird er wüthend, und wirft es unter Verwünschungen zum Fenster hinaus, direkt auf die Straße, wo es mitten unter den Zuschauern den Hals bricht. Punch biegt sich weit über die Bühne hinaus, ihm nachzusehen, macht einige Grimassen, schüttelt mit dem Kopf, fängt an zu lachen, und singt tanzend:


Eya popeya, mit dem Kindlein war's aus,

Du schmutz'ges Ding, pack dich fort aus dem Haus,

Bald mach ich ein andres, das wird mir nicht schwer,

Von wo du herkamst, kommen andere noch her.


Indem kehrt Judy zurück und fragt bestürzt nach ihrem Darling: »Das Kind ist schlafen gegangen«, erwiedert Punch gelassen, doch nach fortgesetzter Inquisition muß er endlich gestehen, daß es ihm während dem Spielen mit ihm von ungefähr aus dem Fenster gefallen sey. Judy geräth außer sich, reißt sich die Haare aus, und überhäuft ihren grausamen Tyrannen mit den schrecklichsten Vorwürfen. Vergebens verspricht er ihr la pace di Marcolfa1[142] sie will von nichts hören, sondern läuft unter heftigen Drohungen davon.

Punch hält sich den Bauch vor Lachen, tanzt umher, und schlägt vor Übermuth mit dem eignen Kopfe den Takt an den Wänden dazu, indem er singt:


Welcher tolle Lärmen um nichts,

Wegen des kleinen elenden Wichts!

Warte nur, Judy, dich will ich bekehren,

Will dir bald andere Mores lehren. –


Unterdessen ist aber hinter ihm Judy schon mit einem Besenstiel angelangt, und arbeitet sogleich aus allen Kräften auf ihn los.

Er giebt erst sehr gute Worte, verspricht nie wieder ein Kind aus dem Fenster zu werfen, bittet, doch den »Spaß« nicht so hoch aufzunehmen – als aber nichts fruchten will, verliert er abermals die Geduld, und endet wie mit Scaramutz, indem er die arme Judy todt schlägt. »Nun«, sagt er ganz freundlich, »unser Streit ist aus, liebe Judy, bist du zufrieden, ich bins auch. Na, so steh nur wieder auf, gute Judy. Ach verstell dich nicht, das ist nur so eine von deinen Finten! Wie, Du willst nicht auf? Nun[143] so pack Dich hinunter!« – und damit fliegt sie ihrem Kinde nach auf die Straße.

Er sieht ihr nicht einmal nach, sondern, in sein gewöhnliches schallendes Gelächter ausbrechend, ruft er: Ein Weib zu verlieren ist ein bonne fortune! und singt dann:


Wer möchte sich mit einem Weibe plagen,

Wenn er sich Freiheit schaffen kann,

Und sie mit Messer oder Stock erschlagen,

Und über Bord sie werfen kann.


Im zweiten Akt sehen wir Punch in einem Rendezvous mit seiner Maitresse Polly begriffen, der er nicht auf die anständigste Weise die Cour macht, und dabei versichert, daß sie nur alle seine Sorgen verscheuchen könne, und wenn er auch sämmtliche Weiber des weisen Salomo hätte, er sie ihr zuliebe doch alle todt schlagen würde. Ein Hofmann und Freund seiner Polly macht ihm darauf noch eine Visite, den er diesmal nicht umbringt, sondern nur zum besten hat, sich dann langweilt, und erklärt, das schöne Wetter zu einem Spazierritt benutzen zu wollen. Ein wilder Hengst wird vorgeführt, mit dem er eine Zeit lang lächerlich umher caracollirt, zuletzt aber durch entsetzliches Bocken des unbezähmbaren Thieres abgeworfen wird. Er schreit um Hülfe, und sein glücklicherweise eben vorbeigehender Freund, der Doctor, läuft schnell herbei. Punch liegt da wie halb todt, und jammert entsetzlich. Der Doctor sucht ihn[144] zu beruhigen, fühlt an seinen Puls und fragt: »Wo seyd Ihr denn eigentlich beschädigt, hier?« »Nein, tiefer.« »An der Brust?« »Nein, tiefer.« »Ist Euer Bein gebrochen?« »Nein, höher.« »Wo denn?« In dem Augenblick giebt aber Punch dem armen Doctor einen schallenden Schlag auf eine gewisse Parthie, springt lachend auf und singt tanzend:


Hier ist der Fleck, wo ich verwundet,

Und jetzt durch Sympathie gesundet;

Ich fiel ja nur ins grüne Gras,

Glaubt Esel Ihr, ich sey von Glas?


Der wüthende Doctor ist, ohne ein Wort weiter zu erwiedern, weggelaufen, kömmt gleich darauf mit seinem großen Stocke mit goldnem Knopfe wieder, und indem er ausruft: »Hier, lieber Punch, bringe ich Euch heilsame Medizin, wie sie für Euch allein paßt«, läßt er besagten Stock noch nachdrücklicher als Judy, wie einen Dreschflegel auf Punch 'ns Schultern arbeiten.

»O weh!« schreit dieser, »tausend Dank, ich bin ja schon gesund, ich vertrage überhaupt gar keine Medizin, sie giebt mir immer gleich Kopf- und Hüftenweh ...« »Ach, das ist nur, weil ihr noch eine zu geringe Dosis davon zu Euch genommen habt«, unterbricht ihn der Doktor, »nehmt immer noch eine kleine Gabe, und es wird Euch gewiß besser werden.«[145]

P. Ja, so sprecht ihr Doctoren immer, aber versucht es doch einmal selbst.

D. Wir Doctoren nehmen nie unsere eigene Medizin. Doch Ihr braucht jedenfalls noch einige Dosen.

Punch scheint besiegt, fällt entkräftet hin, und bittet um Gnade; als sich aber der leichtgläubige Doctor zu ihm herabbeugt, stürzt ihm Punch mit Blitzesschnelle in die Arme, ringt mit ihm und entreißt ihm endlich den Stock, mit dem er dann wie gewöhnlich verfährt.

»Jetzt«, ruft er, »werdet Ihr doch auch ein wenig von eurer schönen Medicin versuchen müssen, werthester Doctor, nur ein ganz klein wenig, geehrtester Freund. So ... und so ...«

»O Gott, sie bringt mich um ...« schreit der Doktor.

»Nicht der Rede werth, es ist einmal so gebräuchlich. Doctoren sterben immer, wenn sie von ihrer eignen Medizin genießen. Nur lustig, hier, noch eine, und die letzte Pille.« Er stößt ihm den Stock mit der Spitze in den Magen. »Fühlt Ihr die Wirkung dieser wohlthätigen Pille in Eurem Innern?«

Der Doctor fällt todt hin.

Punch lachend: »Nun, guter Freund, curirt Euch selbst, wenn Ihr könnt!«

(Geht singend und tanzend ab.)[146]

Nach mehreren Avanturen, die fast alle einen solchen tragischen Ausgang nehmen, wird endlich die Gerechtigkeit wach, und dem Punch ein Constabler zugesendet, um ihn zu arretiren. Dieser findet ihn, wie immer, in der besten Laune, und eben beschäftigt, sich mit Hülfe einer großen Rindviehglocke, wie er sagt, Musik zu machen (eigentlich ein sehr naives Geständnis der Musikcapacität der Nation.) Der Dialog ist kurz und bündig.

Constabler. M. Punch, laßt einmal Musik und Singen ein wenig bei Seite, denn ich komme Euch aus dem letzten Loche singen zu lassen.

Punch. Wer Teufel, Kerl, seyd Ihr?

C. Kennt Ihr mich nicht?

P. Nicht im geringsten, und fühle auch gar kein Bedürfnis, Euch kennenzulernen.

C. Oho, Ihr müßt aber. Ich bin der Constabler.

P. Und wer, mit Verlaub, hat zu Euch geschickt, um Euch holen zu lassen?

C. Ich bin geschickt, um Euch holen zu lassen?

P. Allons, ich brauche Euch ganz und gar nicht; ich kann meine Geschäfte allein verrichten, ich danke Euch vielmals, aber ich brauche keinen Constabler.

C. Ja, aber zufällig braucht der Constabler Euch.

P. Den Teufel auch, und für was denn, wenn ich bitten darf?[147]

C. O, bloß um Euch hängen zu lassen. – Ihr habt Scaramutz todtgeschlagen, euer Weib und Kind, den Doctor ...

P. Was Henker geht Euch das an? Bleibt Ihr noch viel länger hier, so werde ich's mit Euch ebenso machen.

C. Macht keine dummen Spässe. Ihr habt Mord begangen, und hier ist der Verhaftsbefehl.

P. Und ich habe auch einen Befehl für Euch, den ich Euch gleich notificiren will. (Punch ergreift die bisher hinter sich gehaltene Glocke, und schlägt dem Constabler damit dermaßen auf das Occiput, daß er wie seine Vorgänger leblos umsinkt, worauf Punch mit einer Capriole davonspringt, indem man ihn noch hinter der Szene jodeln hört:


Der Krug geht zu Wasser

So lang bis er bricht,

Ein lustiger Prasser

Bekümmert sich nicht.


Der Gerichtsbeamte, welcher nach dem Tode des Constabler gesendet wird, Punch zu verhaften, hat dasselbe Schicksal, wie jener, bis endlich der Henker in eigner Person Punch aufpaßt, welcher in seiner lustigen Unbefangenheit, ohne ihn zu sehen, selbst an ihn anrennt. Zum erstenmal scheint er bei dieser Rencontre betroffen, giebt sehr klein zu, und schmeichelt Herrn Ketsch nach Kräften, nennt ihn seinen alten Freund, und erkundigt sich auch sehr angelegentlich[148] nach dem Befinden seiner lieben Gemahlin, Mistriß Ketsch.

Der Henker aber macht ihm schnell begreiflich, daß jetzt alle Freundschaft ein Ende haben müsse, und hält ihm vor, welch' ein schlechter Mann er sey, so viel Menschen und selbst sein Weib und Kind getötet zu haben.

»Was die Letzteren betrifft, so waren sie mein Eigenthum«, vertheidigt sich Punch, »und Jedem muß es überlassen bleiben, wie er dies am besten zu nutzen glaubt.« »Und warum tödtetet Ihr den armen Doctor, der Euch zu Hülfe kam?« »Nur in Selbstvertheidigung, werthester Herr Ketsch, denn er wollte mich auch umbringen.« »Wie so?« »Er offerirte mir von seiner Medicin.«

Doch alle Ausflüchte helfen nichts. Drei bis vier Knechte springen hervor, und binden Punch, den Ketsch ins Gefängnis abführt.

Wir sehen ihn im nächsten Auftritt im Hintergrunde der Bühne aus einem eisernen Gitter den Kopf vorstrecken, und sich die lange Nase an den Eisenstangen reiben. Er ist sehr entrüstet und verdrießlich, singt sich aber doch nach seiner Manier ein Liedchen, um die Zeit zu vertreiben. Mr. Ketsch tritt auf, und schlägt mit seinen Gehülfen vor dem Gefängnisse einen Galgen auf. Punch wird kläglich, fühlt aber statt der Reue, doch nur eine Anwandelung großer Liebe und Sehnsucht nach seiner[149] Polly; er ermannt sich indeß bald wieder, und macht sogar verschiedene Bonmots über den hübschen Galgen, den er mit einem Baume vergleicht, den man wahrscheinlich zum bessern Prospekt für ihn hierhergepflanzt habe. »Wie schön wird er erst werden«, ruft er aus, »wenn er Blätter und Früchte bekommt!« Einige Männer bringen jetzt einen Sarg, den sie an den Fuß des Galgens hinstellen.

»Nun, was soll das vorstellen?« frägt Punch... »aha, das ist ohne Zweifel der Korb, um die Früchte hineinzuthun.«

Ketsch kehrt während dem zurück, und indem er Punch grüßt und die Thür aufschließt, sagt er höflich es sey nun alles bereit, Punch könne kommen, wenn es ihm beliebe. Man kann denken, daß dieser nicht sehr empressirt ist, der Einladung zu folgen. Nach mehreren Hin- und Herreden ruft Ketsch endlich ungeduldig: »Es hilft nun weiter nichts, Ihr müßt heraus und gehangen werden.«

P. Oh, Ihr werdet doch nicht so grausam seyn?

K. Warum wart Ihr so grausam, Weib und Kind umzubringen?

P. Aber ist das ein Grund, daß Ihr auch grausam seyn, und mich auch umbringen müßt?2[150]

Ketsch bedient sich keiner weitern Gründe, als der des Stärkeren, und zieht Punch bei den Haaren heraus, der um Gnade fleht, und Besserung verspricht.

»Nun, lieber Punch,« sagt Ketsch kaltblütig, »habt blos die Güte, Euern Kopf in diese Schlinge zu stecken, und Alles wird schnell zu Ende seyn.« Punch stellt sich ungeschickt an, und kömmt immer auf die unrechte Weise in die Schlinge. »Mein Gott, wie ungeschickt Ihr seyd«, ruft Ketsch, »so müßt Ihr den Kopf hineinstecken,« (es ihm vormachend). »So, und zuziehen«, schreit Punch, der den unvorsichtigen Henker schnell festhält, mit aller Gewalt zuschnürt, und mit großer Eile selbst am Galgen aufhängt, worauf er sich hinter die Mauer versteckt.

Zwei Leute kommen, den Todten abzunehmen, legen ihn, in der Meynung, es sey der Delinquent, in den Sarg, und tragen ihn fort, während Punch ins Fäustchen lacht und lustig forttanzt.

Doch der schwerste Kampf steht ihm noch bevor, denn der Teufel selbst in propria persona kömmt nun, um ihn zu holen. Vergebens macht ihm Punch die scharfsinnige Bemerkung: er sei doch ein sehr dummer Teufel, seinen besten Freund auf Erden von dort wegholen zu wollen; der Teufel nimmt keine Raison an, und streckt seine langen Krallen gräulich nach ihm aus. Er scheint schon im Begriff, augenblicklich mit ihm abzufahren, wie mit weiland Faust, aber Punch läßt sich nicht so leicht verblüffen! Herzhaft[151] ergreift er seinen mörderischen Prügel und wehrt sich, selbst gegen den Teufel, seiner Haut. Ein fürchterlicher Kampf beginnt, und – wer hätte es für möglich gehalten! Punch, mehrmals seinem Ende nahe, bleibt endlich glücklich Sieger, spießt den schwarzen Teufel auf seinen Stock, hält ihn hoch in die Höhe, und mit ihm jauchzend herumwirbelnd, singt er herzlicher lachend als je:


Vivat, Punch, aus ist die Noth,

Juchhe! der Teufel ist todt.


Ich überlasse Dir alle philosophischen Betrachtungen, deren sich nicht wenige an Punchs Lebenslauf anknüpfen lassen; interessant möchte besonders die Untersuchung sein, wie dieses sich täglich wiederholende, beliebte Volksschauspiel seit so vielen Jahren auf die Moralität des gemeinen Mannes hier eingewirkt haben mag?3

Zum Schluß skizzire ich am Rand für die tragische Gerechtigkeit noch ein zweites Portrait Punch'ns, wie[152] er im Gefängnis sitzt, und der Galgen eben für ihn herbeigebracht wird.

In meinem nächsten Briefe aber erhältst Du alle verlangte Details über B., welchen frommen Mann ich heute über den interessanten Sünder Punch vergessen habe. Adieu für heute.


Den 1sten Dezember.


Es wird Dir noch gegenwärtig seyn, was ich Dir vor einiger Zeit über die Art des Grundverkaufs oder vielmehr Verpachtung desselben schrieb. Da der Eigenthümer also nur auf 99 Jahre Besitz im besten Falle rechnen kann, baut er auch so leicht als möglich, und dies hat zur Folge, daß man öfters in den Londner Häusern seines Lebens nicht sicher ist. So fiel denn auch diese Nacht, ganz nahe von mir in St. James Street ein gar nicht altes Gebäude plötzlich wie ein Kartenhaus ein, und nahm auch die Hälfte des andern noch mit sich, wobei mehrere Menschen gefährlich beschädigt worden seyn sollen, aber doch größtentheils noch Zeit zur Rettung fanden, da drohende Vorzeichen sie avertirten. Bei der Schnelligkeit, mit der man hier aufbaut, wird ohne Zweifel das Gebäude in vier Wochen wieder stehen, wenn gleich ebenso unsicher wie vorher.[153]

Vor einigen Tagen wohnte ich der interessanten Eröffnung des Parlaments durch den König in Person bei, eine Ceremonie, welche seit mehreren Jahren nicht mehr statt gefunden hat.

In dem Saale des Oberhauses waren in der Mitte die Pairs versammelt, ihre rothen Mäntel nur nachlässig über die gewöhnliche Morgenkleidung geworfen. An der vordersten Wand stand der Thron des Königs, auf Gradins links saßen viele Damen im Schmuck, rechts das diplomatische Corps und die Fremden, dem Throne gegenüber sah man eine Barriere und hinter dieser die Mitglieder des Unterhauses in der bürgerlichen Kleidung unsrer Tage. Das Haus ausserhalb und die Treppen waren mit Dienern und Herolden im Costüme des vierzehnten Jahrhunderts bedeckt.

Um 2 Uhr verkündeten Kanonensalven den Anzug des Königs im großen Staate. Viele prachtvolle Wagen und Pferde bildeten den Zug, von dem ich schon eine Abbildung in mein Erinnerungsbuch aufgenommen4 und zum Contrast einen Triumphzug[154] Cäsars daneben placirt habe. Man frägt sich unwillkürlich bei dem Anblick dieser Bilder, ob die Menschen wohl seitdem wirklich weiter gekommen sind? Im Kunstsinn scheint es kaum, besonders wenn man nach den beiden hervorstechendsten und den höchsten Sitz einnehmenden Personen der respektiven Ceremonien urtheilt. Ich meine den königlichen Leibkutscher und Cäsar.

Gegen halb 3 Uhr erschien der König, allein von Allen in völliger Toilette, und zwar von Kopf bis zum Fuß in den alten Königsornat gekleidet, mit der Krone auf dem Haupt und den Scepter in der Hand. Er sah blaß und geschwollen aus, und mußte lange auf seinem Throne sitzen, ehe er genug zu Athem kommen konnte, um seine Rede abzulesen. Während dem warf er einigen der begünstigtesten Damen freundliche Blicke und herablassende Grüße zu. Lord Liverpool stand mit dem Reichsschwerte und der Rede in der Hand ihm zur Seite, auf der andern der Herzog von Wellington. Alle drei sahen aber so elend, aschgrau und abgelebt aus, daß mir nie menschliche Größe geringer an Werth erschien, ja die tragische Seite aller Komödien, die wir hier unten spielen, fiel mir fast schwer aufs Herz! Doch erregte es auch ein lebhaftes Gefühl des Komischen in mir zu sehen, wie[155] hier der mächtigste Monarch der Erde als Hauptacteur vor einem in seiner Meinung so tief unter ihm stehenden Publikum auftreten mußte! In der That erinnerte die ganze Scene des Ein- und Ausgangs, wie das Costume des Königs, frappant an die Art, wie hier die historischen Theaterstücke aufgeführt zu werden pflegen, und es fehlte bloß der obligate Flourish (Dusch der Trompeten) der das Kommen und Gehen eines Shakespear'schen Königs stets begleitet, um die Täuschung vollkommen zu machen.

Übrigens las Georg IV. ohngeachtet seiner Schwäche mit vielem Anstande und schönem Organ, aber auch mit königlicher nonchalance, die nicht viel darnach frägt, ob die Majestät sich verspricht, oder ein Wort nicht gleich dechiffriren kann, die banale Rede ab. Man sah indeß deutlich, daß der Monarch erfreut war, als die Corvée ihr Ende erreicht hatte, so daß der Abgang auch etwas rüstiger von statten ging als der Einzug.

Seit meinem letzten Briefe war ich zweimal im Theater, was man wegen der späten Eßstunden nie besuchen kann, wenn man irgendwo eingeladen ist.

Ich fand Mozarts Figaro im Drurylane angekündigt, und freute mich, die süßen, vaterländischen Töne wieder zu hören, ward aber nicht wenig von der unerhörten Behandlung überrascht, die des unsterblichen Componisten meisterhaftes Werk hier erfahren mußte. Du wirst es mir gewiß kaum glauben wollen,[156] daß weder der Graf, noch die Gräfin, noch Figaro sangen, sondern diese Rollen von bloßen Schauspielern gegeben, und die Hauptarien derselben, mit einiger Veränderung der Worte, von den übrigen Sängern vorgetragen wurden, wozu der Gärtner noch eingelegte englische Volkslieder zum Besten gab, die sich zu Mozarts Musik ohngefähr wie ein Pechpflaster auf dem Gesichte der Venus ausnahmen. Die ganze Oper war überdies von einem Herrn Bischoff (was ich auch auf der Affiche bemerkt sah, und zuerst gar nicht verstand) »arrangirt«, d.h. englischen Ohren durch die abgeschmacktesten Abänderungen gerechter gemacht. Die englische National-Musik, deren plumpe Melodien man keinen Augenblick verkennen kann, hat, für mich wenigstens, etwas ganz ausnehmend Widriges – einen Ausdruck brutaler Gefühle in Schmerz und Lust, der sich von Rostbeef, Plumb-Pudding und Porter ressentirt. Du kannst Dir also denken, welchen angenehmen Effekt diese Verschmelzung mit den lieblichen Compositionen Mozarts hervorbringen mußte.

Je n'y pouvais tenir, der arme Mozart kam mir vor wie ein Märtyrer auf dem Kreuze, und ich selbst litt nicht weniger dabei.

Dieses Unwesen ist umso bedauernswürdiger, da es im Ganzen hier keineswegs an vielen verdienstlichen Sängern und Sängerinnen fehlt, und mit einer vernünftigeren Behandlung sehr gute Vorstellungen gegeben werden könnten. Nur bedürfte es freilich,[157] wenn das Theater in Ordnung wäre, noch eines zweiten Orpheus, um auch das englische Publikum zu zähmen.

Weit besser war die Vorstellung in Coventgarden, wo Charles Kemble, einer der ersten englischen Schauspieler, die Rolle Karls II. vortrefflich gab. Kemble ist ein Mann von der besten Erziehung, der immer in sehr guter Gesellschaft gelebt hat, und war daher auch im Stande, den Monarchen königlich darzustellen, d.h. hier nur, ganz mit aller der Aisance, welche gewöhnlich den von jeher Hochstehenden eigen ist. Er weiß dem Leichtsinne Karls II. eine liebenswürdige Seite zu geben, ohne doch je, selbst im größten Abandon, den schwer nachzuahmenden Typus angeborener höchster Würde zu verlieren. Dabei war das Costume wie aus dem Rahmen alter Gemälde geschnitten, bis auf die größten Kleinigkeiten, was von allen andern Mitspielern eben so genau beobachtet wurde, weshalb Kemble, auch als Regisseur, sehr zu loben ist.

Ich muß jedoch sagen, daß in dem nächsten Stücke, wo Friedrich der Große die Hauptrolle spielte, nicht dieselbe Genauigkeit und Kenntnis fremden Costüms herrschte, und sowohl der König als seine Suite ihre Garderobe von der Harlekinspantomime geborgt zu haben schienen. Zieten unter andern meldete sich in einer hohen Grenadiermütze, und Seydlitz erschien mit langen Locken à la Murat, und eben so viel Orden, als jener königliche Comödiant trug,[158] die damals doch keineswegs in solcher Profusion Mode, und schon ein bloßer Gegenstand der Toilette geworden waren, wie es jetzt der Fall ist.


Den 2ten.


Ich esse oft beim Fürsten E., der den Diplomaten ein wahres Muster aufstellt, wie vornehme Repräsentation und angenehmer, leichter Umgang zu vereinigen sind, und wie man Jedem gefallen kann, indem man sich à sa portée zu stellen versteht, ohne doch den eignen Werth verkennen zu lassen, un vrai Seigneur, wie sie immer seltner werden. Auch hat wohl nie ein Fremder so vollständig in England reüssirt, und sich doch gewiß nie etwas gegen den englischen Dünkel dabei vergeben. Es gehörte dazu unendlich viel Takt, der süddeutsche leichtere Sinn, und der schlaueste Verstand hinter anspruchsloser Bonhomie verborgen, alles unterstützt durch einen hohen Namen und großes Vermögen.

Das übrige diplomatische Corps tritt mit wenigen Ausnahmen gegen ihn gar sehr in den Hintergrund, und die meisten Pleinpotentiaires verschwinden ohnedem hier sozusagen gänzlich in der Foule. Unter den Ambassadeurs spielt dagegen ein weiblicher noch eine große Rolle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Doch hierüber ausführlicher ein anderesmal. Ich[159] kam eigentlich nur auf die Diplomaten zu sprechen, weil ich Dir ein hübsches bon mot von einem derselben, den Du kennst, mitteilen wollte, welches ich eben in der heutigen Gesellschaft erzählen hörte. Graf H ... war früher Gesandte an einem, seiner Sparsamkeit wegen (pour ne pas dire mesquinerie), bekannten deutschen Hofe, und bekam bei einer solennen Gelegenheit eine Dose mit dem Portrait des Souverains zum Geschenk, die jedoch nur mit sehr kleinen und unansehnlichen Diamanten umgeben war. Kurz darauf bat ihn einer seiner Collegen, ihm doch das erhaltene Präsent zu zeigen. »Vous ne trouverez pas le portrait ressemblant,« sagte der Graf, indem er die Dose überreichte, – »mais les diamans.«

Mit vielem Vergnügen sehe ich auch zuweilen den alten Elliot, der, nächst dem ebenso trocknen als interessanten Lord St. Herbert, dessen Ségur so oft in seinen Memoiren erwähnt, zu den Doyens der englischen Diplomatie gehört, und sich noch immer seines Aufenthalts in Dresden mit ausserordentlicher Vorliebe erinnert. Er hat mehrere sehr liebenswürdige Töchter, und dabei Mühe, seine Familie standesmäßig zu erhalten, denn für so lange Dienste findet er sich nicht mit englischer Liberalität belohnt.5[160] Ein anderer interessanter Mann ist der Chevalier L.M., der früher beim Könige, noch als Prinz von Wales, sehr gut angeschrieben stand, und der Erwähnung verdient, einmal weil er seine Freunde vortrefflich und als höchst angenehmer Amphitryon bewirtet, zweitens weil er einer der originellsten Menschen, und einer von den wenigen ächt praktischen Philosophen ist, die mir vorgekommen sind.

Alle Vorurtheile der Menge scheinen für ihn nicht zu existiren, und Niemanden möchte schwerer, weder mit den großen Herren des Himmels, noch der Erde, zu imponieren seyn. Obgleich schon 60 Jahre alt, und den größten Theil der letzten Zeit über den unerhörtesten Schmerzen ausgesetzt, mit welchen Gicht und Stein einen armen Sterblichen plagen können, hört doch Niemand je eine Klage von ihm, noch kann seine stets heitere, ja lustige Laune einen Augenblick davon getrübt werden. Man muß gestehen, es giebt natürliche Gemüths-Dispositionen und Temperamente, die 100,000 Thaler Revenüen werth sind.

Als ich ihn vor einiger Zeit kennen lernte, hatte man ihm erst kürzlich die große Operation des Steinschnitts[161] gemacht, die der Arzt nicht unternehmen wollte, weil er sie bei der Schwäche des Patienten für tödtlich hielt, von diesem aber fast dazu gezwungen wurde.

Er konnte damals sein Bett noch nicht verlassen, sah wie ein Todter aus, und ich machte beim Hereintreten unwillkührlich eine mine de doléance, mit der ich ihm eben mein Bedauern bezeigen wollte, als er mir lachend ins Wort fiel und mir zurief, ich sollte nur die Grimassen lassen. Was nicht zu ändern sey, meinte er nachher, das müsse man ertragen, besser lustig als traurig, und was ihn beträfe, so habe er gewiß alle Ursache, wenigstens über seine Ärzte zu lachen, denn mehr als zehnmal hätten sie ihm mit Bestimmtheit den Laufpaß gegeben, und wären doch jetzt fast alle selbst vor ihm zum T ... gefahren. »Übrigens«, setzte er ganz resigniert hinzu, »habe ich mein Leben wie Wenige genossen, und muß auch die Schattenseite davon kennen lernen.«

Bei allen diesen Freuden und Leiden ist der lebenslustige Mann indeß doch so gut conservirt geblieben, daß er, seit er wieder herumgeht, in seiner artistischen Perrücke kaum mehr als ein Vierziger zu seyn scheint, und dabei eine kühne und rayonnante Physiognomie zur Schau trägt, deren Züge einst schön gewesen seyn müssen.


[162] Den 3ten.


Kemble gab mir heute wieder, im Falstaff, einen großen Genuß. Gewiß ist es, daß auch der größte dramatische Dichter des Schauspielers bedarf, um sein Werk zu vervollständigen. Ich habe die Natur des berüchtigten Ritters nie so vollkommen verstanden, und nie ist mir auch so anschaulich geworden, wie sein äusseres Benehmen seyn müsse, als seit ich ihn durch Kemble gleichsam wieder neugeboren sah. Sein Anzug und Maske sind zwar auffallend, aber keineswegs eine solche Carrikatur, wie auf unsern deutschen Theatern, noch weniger darin der Ausdruck eines Menschen ohne Stand und Erziehung, eines bloßen Farceur sichtbar, wie ihn z.B. Devrient in Berlin darstellt. Falstaff, obgleich von gemeiner Seele, ist doch durch Gewohnheit wie Neigung ein sehr geübter Hofmann, und das Rohr, was er oft in Gesellschaft des Prinzen zur Schau trägt, ist wenigstens eben so sehr ein absichtliches Spiel, das er benutzt, um den Prinzen zu amüsiren (denn Prinzen zu lieben, eben wegen der düstern Höhe ihrer Stellung, sehr oft das Gemeine, schon des Contrastes wegen) als seiner eignen Laune genug zu thun. Hier nüancirt nun Kemble den Charakter besonders fein, denn obwohl er in allen diesen verschiedenen Lagen die natürliche, unbesiegbare Lustigkeit, die witzige Geistesgegenwart und die ergötzliche Drolligkeit beibehält, die Falstaff als Gesellschafter so angenehm, ja[163] einmal gekannt, fast unentbehrlich machen, so ist er doch ein ganz andrer, wenn er bei Hofe in Gegenwart des Königs und ernster würdiger Männer erscheint, oder mit dem Prinzen und seinen Genossen Possen treibt, oder endlich mit diesen Letzteren allein bleibt. Im ersten Fall sieht man einen komischen Mann, ohngefähr wie den Maréchal de Bassompierre lächerlich dick, aber vornehm und mit Anstand, immer ein Spaßmacher, aber mit gutem Ton, nie ohne den gebührenden Respekt, den er dem Ort und der Umgebung schuldig ist, wo er sich befindet; in der zweiten Station läßt er sich schon weit mehr gehen, nimmt sich jede derbe Freiheit heraus, aber doch immer mit einer merklichen Rücksicht, die schmeichelnd den Prinzen hervorhebt, und sich nur das Privilegium des Hofnarren nimmt, der scheinbar alles sagen darf, was ihm in den Kopf kömmt; nur auf der letzten Stufe endlich sehen wir Falstaff im völligen Negligé, von dem aller Schein herabgefallen ist. Wie das Schwein in der Pfütze wälzt er sich hier behaglich im Kothe, und doch bleibt er auch dabei noch originell, erregt noch mehr Lachen als Abscheu, die große Kunst des Dichters, welcher auch bei den horrendesten Mißgeburten der Sünde und Schande, doch, gleich einem göttlichen Siegel, etwas in sie zu legen weiß, was unser Interesse erregt, und uns, fast zu unserm eignen Erstaunen, anzieht. Es ist dies die dramatische Wahrheit, die Schöpfungskraft der Schilderung, von der Walter Scott so artig sagt: »Sie läßt mich Shakespeare nur mit jenem Manne in den[164] arabischen Märchen vergleichen, der sich in jeden beliebigen Körper versetzen, und dessen Gefühle und Handlungen nachahmen konnte.«

Hierbei fällt mir ein daß ich nur einen Charakter in dieses unsterblichen Dichters Werken immer etwas verzeichnet fand, und keiner erregt auch allgemein weniger Interesse. Dies ist der König im Hamlet. Um nur eines Zuges zu erwähnen, so scheint es mir psychologisch ganz falsch, wenn der Autor den König niederknieen und dann ausrufen läßt: »Ich kann nicht beten.« Der König wird uns ja nirgends als ein Irreligiöser, ein grübelnder Skeptiker dargestellt, sondern bloß als ein grober sinnlicher Verbrecher, und ein solcher kann, sey er auch der ärgste, wie wir täglich erleben, nicht nur sehr gut und eifrig beten, sondern selbst beten, daß ihm sein Verbrechen doch gelingen möge, wie jene Frau, die man nach dem Fang einer ausgezogenen Diebesbande allein in ihrer Höhle auf den Knieen fand, wo sie zu Gott inbrünstig flehte, daß die Expedition, bei der sie die Räuber eben begriffen glaubte, doch glücklich ablaufen und sie recht viel erbeuten möchten.

Ja, öffentlich angeordnete Gebete haben oft keinen viel bessern Zweck, und was bietet im Felde der Religion die Geschichte für Beispiele dieser Art nicht dar! Nein, der verbrecherische König kann beten, aber wer es in dieser Tragödie nicht kann – das ist Hamlet. Denn nur der Ungläubige, der Alles ergründen[165] Wollende, der geistige Chemiker, dem ein scheinbar festes Gebäude nach dem andern einstürzt, der kann – bis es ihm nicht durch die allgöttliche Kraft gelungen, ein inneres Unzerstörbares aufzurichten,6 und soweit ist Hamlet offenbar noch nicht gekommen, – der allein, sage ich, kann nicht mehr beten, denn der Gegenstand fehlt ihm. Er kann sich's nicht mehr ableugnen, er spielt, indem er betet, nur Comödie mit sich selbst.

Dies ist ein schlimmer Durchgang, den diejenigen am armen Menschen verschulden, welche schon das[166] Kind mit falscher Lehre in das Bett des Procrustes zwingen, und dadurch den verkürzten Gliedern das Ausstrecken zu ihrer natürlichen Größe oft für immer unmöglich machen.

Doch zurück zum Schauspiel. Es ward mit einem Melodrama geschlossen, wo ein großer Newfoundland-Hund wahrhaft admirabel spielte, lange eine Fahne vertheidigte, den Feind verfolgte, nachher verwundet, blutend und lahm wieder auf die Bühne kam, und dort meisterhaft starb, mit der letzten genialen Zuckung im Schwanze. Man hätte darauf schwören sollen, das Thier wisse wenigstens so gut als einer seiner menschlichen Kameraden, was es zu agiren habe.

Ich verließ das Theater mit so guter Laune, daß ich nachher im Clubb 8 Rubber im Whist gewann, denn auch das Spielglück bannt man mit Frohsinn und Zuversicht. Aber gute Nacht für heute.


Den 4ten.


Mit Eröffnung des Parlaments fängt nun die höhere Gesellschaft an lebendiger zu werden, wenn gleich London en gros noch leer ist.

Gerade die elegantesten Damen der ersten Cirkel geben jetzt besondere kleine Gesellschaften, zu denen der Zutritt vielen Engländern weit schwerer wird, wie vornehmen Ausländern, denn die Despotie der Mode[167] herrscht, wie bereits erwähnt, in diesem freien Lande mit eisernem Scepter, und verzweigt sich durch alle Stände, weit mehr, als man auf dem Continent einen Begriff davon hat.

Doch, ohne mich jetzt noch in allgemeine Bemerkungen zu früh einzulassen, will ich Dir kürzlich meine Lebensart hier in London beschreiben.

Ich stehe spät auf, lese, als halb nationaliserter Engländer, beim Frühstück drei bis vier Zeitungen, sehe nachher in meinem Visitingbook nach, welche Besuche ich zu machen habe, und fahre diese dann entweder in meinem Cabriolet, oder reite sie ab, wobei, selbst in der Stadt, zuweilen Pittoreskes mit unterläuft, und namentlich die mit den Winternebeln kämpfende blutrothe Sonne oft eine eigenthümlich kühne und seltsame Beleuchtung hervorbringt. Sind die Besuche abgethan, so reite ich mehrere Stunden in der herrlichen Umgebung Londons spazieren, treffe mit der Dämmerung wieder ein, arbeite ein wenig, mache dann meine Toilette für das Diné, welches um 7 oder 8 Uhr statt findet, und bringe den Rest des Abends entweder im Theater oder in einer gebetenen kleinen Gesellschaft zu. Die lächerlichen Routs, wo man kaum einen Platz auf der Treppe findet, den ganzen Abend stößt oder gestoßen wird, und sich stets in Treibhaustemperaturen befindet – haben noch nicht begonnen. Man kann aber in England, ausser in wenigen der diplomatischen Häuser, Abends sich nur da einfinden, wo man besonders eingeladen ist.[168] In diesen kleinen Gesellschaften geht es ziemlich ungenirt her, aber allgemeinere Conversation findet nicht statt, und gewöhnlich wählt sich jeder Herr eine Dame, die ihn vorzüglich interessirt, und verläßt sie fast den ganzen Abend nicht. Manche Schönen bleiben bei dieser Gelegenheit wohl auch ganz allein sitzen, ohne ein Wort sprechen zu können, verrathen jedoch mit keiner Miene ihr Unbehagen darüber, denn sie sind sehr passiver Natur. Alle Welt spricht natürlich auch hier, tant bien que mal, französisch, aber auf die Länge ennuyirt die Damen doch die fortgesetzte Gêne und man hat daher keinen geringen Vortheil, wenn man auch nur einigermaßen fertig englisch spricht. Ich habe nicht gefunden, daß die Damen einen fremden Accent oder falsch angewendete Wörter und Phrasen, so wie man es den Männern in England vorwirft, belachen. Im Gegentheil ist die Unterhaltung mit ihnen die sicherste und angenehmste Art, englisch zu lernen. Ich bin überhaupt der Meinung, daß man Lehrer und Grammatik nur dann mit Nutzen braucht, wenn einem die neue Sprache durch die Praxis schon geläufig geworden ist. Nützlich aber mag es seyn (wer die nöthige Geduld dazu besitzt) wie der Fürst Czartoryski empfiehlt, damit anzufangen, den Dictionnaire auswendig zu lernen.

Du siehst, dieses Leben ist ein ziemliches far niente, wenn auch kein süßes für mich – denn ich liebe Gesellschaft nur im intimen Kreise, und attachire mich sehr schwer, jetzt beinahe gar nicht mehr,[169] an neue Bekanntschaften. Der Ennui aber, der mich in solcher Stimmung überfällt, steht zu sehr auf meinem undiplomatischen Gesichte verzeichnet, um sich nicht auch, ansteckend wie das Gähnen, den Andern mitzutheilen. Hie und da tritt dennoch eine Ausnahme ein. So machte ich heute die Bekanntschaft des Herrn Morier, des geistreichen und höchst liebenswürdigen Verfassers Hadji Baba's, sowie auch die des Herrn Hope, angeblich Autor des noch weit genialeren Anastasius. Dieses letztere Buch wäre Byrons würdig. Viele behaupten, Herr Hope, der im Äussern mehr Zurückhaltung als Genialität zeigt, könne es ohnmöglich geschrieben haben. Dieser Zweifel gründet sich vorzüglich darauf, daß Herr Hope unter seinem Namen früher ein Werk über Ameublement herausgab, dessen Styl und Inhalt allerdings ungemein mit dem glühenden, von Reichthum der Gefühle und Gedanken überströmenden Anastasius contrastirt. Einer meiner Bekannten sagte daher: »Eins oder das Andere. Entweder Anastasius ist nicht von ihm, oder das Meubelwerk.« Aber so verschiedner Stoff bringt wohl auch eben so verschiedne Behandlung mit sich, und wie ich Herrn Hope, vielleicht mit unwillkührlicher Vorliebe, beobachtet habe, schien er mir durchaus kein gewöhnlicher Mensch. Er ist sehr reich, und sein Haus voller Kunstschätze und Luxus, worauf ich wohl noch einmal zurückkomme. Seine Meubles-Theorie, die dem Antiken nachgebildet ist, kann ich aber in der Ausführung nicht loben, da die Stühle nicht zu regieren[170] sind, andere trophäenartige Ausstellungen lächerlich erscheinen, und die Sophas kleinen Gebäuden gleichen, mit überall hervorspringenden so scharfen Ecken, daß bei nachlässigem Niederlassen darauf eine gefährliche Verwundung nicht unmöglich wäre.

Als ich spät zu Haus kam, fand ich Deinen Brief, der mich, wie immer Nachrichten von Dir, mehr als Alles erfreute.

Sage aber nicht, daß der Schmerz der Trennung Dich so tief beuge, wenigstens laß es nicht tiefer seyn, als ein frohes Wiedersehen wieder aufrichten kann – und das ist ja wahrscheinlich nicht mehr fern. Daß Du uns aber schon auf die Unsterblichkeit verweisen willst, wenn es hier nicht gleich nach Wunsche geht, zeigt wenig christliches Vertrauen, meine Liebe. Nein, ich gestehe es, bei aller momentan eintretenden Melancholie bin ich doch im Ganzen noch leidlich irdisch gesinnt, »und diese Spanne Leben,« wie Du sie nennst, liegt mir noch recht sehr am Herzen. Freilich, wärest Du, meine liebende Schutzgöttin, zugleich auch Fortuna, so ginge mir's wahrscheinlich besser als irgend Jemand auf Erden, »et toutes les étoiles pâliraient devant la mienne« – aber schon dadurch, daß Du mich liebst, bist Du meine Fortuna, und ich verlange keine bessere.

Laß Dich also weder durch Deine eignen Schwermuthstunden, noch durch meine, irre machen. Was mich betrifft, so weißt Du: ein Nichts hebt den Barometer[171] meiner Seele, und ein Nichts oft läßt ihn wieder fallen. Es ist allerdings eine gar zu delikate moralische Constitution, die mir zu Theil wurde, und nicht zum hausbacknen Glück bestimmt – welches gröbere Nerven verlangt.


Den 5ten.


Oberon, Webers Schwanengesang, füllte mir den heutigen Abend. Musik und Gesang ließen bei der Ausführung viel zu wünschen übrig, doch war die Oper für London vorzüglich gegeben. Das beste in seiner Art waren die Dekorationen, besonders die, wo die Geister beschworen werden. Sie erscheinen nicht wie gewöhnlich in dem stehenden Costume feuerroter Hosen und Jacken, mit Furienhaaren und Flammen auf dem Kopf, sondern die weite Felsengrotte, welche das ganze Theater einnimmt, verwandelte sich plötzlich, jedes Felsstück, in andere phantastische und furchtbare Formen und Fratzen, leuchtend in buntem Feuer und fahlem Schein, woraus auch hie und da eine ganze Figur sich grinsend herausbog, während der schauerliche Gesang rund umher erschallte aus dem wimmelnden Felsenchor. Das Werk selbst halte ich für eine schwächere Arbeit Webers. Schön ist jedoch Einzelnes, namentlich die Introduktion, die etwas wahrhaft Elfenartiges hat. Weniger[172] gefällt mir die Ouvertüre, obgleich sie so sehr von Kennern gerühmt wird.

Ich hätte damit anfangen sollen, Dir zu sagen, daß ich bei einem großen Lever heute früh dem Könige vorgestellt wurde, wobei ich es als eine Seltsamkeit anführen muß, die in der so merkwürdigen freiwilligen Sequestrirung des jetzigen Monarchen ihren Grund hat, daß mit mir auch unser Legations-Secretär zum erstenmal präsentiert wurde, obgleich er schon seit zwei Jahren als solcher hier angestellt ist. Seine Majestät besitzen ein sehr gutes Gedächtnis und erinnerten sich sogleich meines früheren Aufenthalts in England, irrten sich aber dennoch um mehrere Jahre in der Epoche. Ich nahm die Gelegenheit wahr, mein Kompliment über die ungemeinen Verschönerungen Londons seit dieser Zeit anzubringen, die in der That dem Könige fast allein zu danken sind, und ging, nach gnädiger Erwiderung, fürbaß, wo ich mich dann an einen bequemen Platz stellte, um das Schauspiel recht gemächlich im Ganzen zu beschauen. Es war originell genug.

Alles ging der Reihe nach bei dem Könige vorbei, welcher, Kränklichkeitshalber, saß, machte dort seine Verbeugung, wurde angeredet oder nicht, und stellte sich hierauf entweder auf der andern Seite in die Reihe, oder verließ auch gleich den Saal. Alle, die zu irgend etwas ernannt worden waren, knieten vor dem Könige nieder und küßten ihm die Hand, wozu der amerikanische Gesandte, neben dem ich zufällig[173] stand, eine Satyrphysiognomie machte. Die Geistlichen und Rechtsgelehrten sahen in ihren schwarzen Talaren und weißgepuderten, kurzen und langen Perrücken sehr abentheuerlich aus, und einer wurde unwillkürlich der Gegenstand eines fast allgemeinen, schwer verbissenen Gelächters. Dieses Subjekt kniete nämlich ebenfalls nieder, weil es, wie die Engländer sich ausdrücken, »gerittert« (Knighted) werden sollte, und sah in dieser Stellung mit dem langen Vließ auf dem Kopfe einem zur Schlachtbank geführten Hammel täuschend ähnlich. Seine Majestät winkte dem Reichs-Kron-Feldherrn, ihm sein Schwerdt zu geben. Zum erstenmal vielleicht wollte aber dem rüstigen Krieger der Degen durchaus nicht aus der Scheide – er zog, rückte – alles vergebens. Der König mit ausgestrecktem Arme wartend, der Herzog vergebens alle Kräfte anstrengend, der unglückliche Märtyrer in stiller Ergebung daliegend, als wenn sein Ende jetzt herannahe, und rund umher der glänzende Hof in banger Erwartung – es war eine Gruppe, Gilray's Pinsel würdig. Endlich – fuhr, einem Blitze gleich, die Hofwaffe aus der Scheide. Seine Majestät bemächtigten sich derselben mit Ungeduld, da Höchst Ihnen aber wahrscheinlich über dem langen Warten der Arm eingeschlafen war, so trafen Sie mit dem ersten Schlage statt des neuen Ritters die alte Perrücke, welche einen Augenblick lang König und Unterthan hinter einer Pudersäule verbarg.
[174]

Den 6ten.


Schon lange hatte Herr R ... mich eingeladen, ihn auf seinem Landgute zu besuchen, und ich wählte den heutigen freien Tag, um mit meinem Freunde L ... zum Essen hinauszufahren. Der königliche Banquier hat noch keinen herzoglichen Sitz gekauft, und wohnt in einer anmuthigen Villa. Wir fanden außer einigen Direktoren der ostindischen Compagnie auch mehrere Mitglieder seiner Familie und seines Glaubens daselbst, die mir sehr wohl gefielen, wie ich es denn überhaupt an dieser Familie sehr schätze, daß sie Juden geblieben sind. Nur ein Narr kann Juden wegen ihrer Religion geringer als anders Gläubige achten, aber die Renegaten haben immer kein ganz zu verwerfendes Vorurtheil wider sich.

In drei Fällen möchte ich jedoch den Juden unbedingt erlauben, die Religion zu verändern. Einmal wenn sie sich wirklich einbilden, nur unter dem Namen Christen selig werden zu können; zweitens ihren Mädchen, wenn diese einen Christen heirathen wollen und ihn nicht anders bekommen können; drittens wenn einmal ein Jude zu einem christlichen Könige erwählt werden sollte, was auch nicht unmöglich ist, da ja noch weit Geringere als jüdische Barone, und solche, die notorisch gar keine Religion[175] hatten7, in neuerer Zeit schon öfters den Thron bestiegen haben.

Herr R. selbst war sehr guter Laune, amüsant und gesprächig. Es war drollig anzuhören, wie er uns die Gemälde seines Eßsaales, alles geschenkte Portraits der europäischen Souveräne und ihrer ersten Minister, explizirte, und dabei von den Originalen wie von seinen besten Freunden und gewissermaßen wie von seines Gleichen sprach. »Ja«, rief er, »hier der ... drängte mich einmal um eine Anleihe, und in derselben Woche, wo ich seinen eigenhändigen Brief erhielt, schrieb mir sein Vater aus Rom auch eigenhändig, ich solle ums Himmelswillen mich in nichts einlassen, da ich es mit keinem treuloseren Menschen als mit seinem Sohne zu thun haben könnte. C'etait sans doute très catholique, wahrscheinlich hatte aber doch die alte K ... den Brief[176] geschrieben, die ihren eignen Sohn so sehr haßte, daß sie von ihm, jedermann weiß mit welchem Unrecht, zu sagen pflegte: Il a le cœur d'un t ..., avec la figure d'un â ...«

Nun kamen die andern an die Reihe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Zuletzt nannte er sich jedoch demüthig nur den gehorsamen und genereus bezahlten Geschäftsmann und Diener sämtlicher hohen Potentaten, die er Alle gleich hoch verehre, die Politik möge stehen wie sie wolle, denn, fügte er lachend hinzu: I never like to quarrel with my bread and butter.

Es ist nicht wenig gescheut von R ..., daß er für seine Person weder Titel noch Orden angenommen hat, und sich so eine weit ehrenvollere Unabhängigkeit erhält. Gewiß verdankt er aber auch Vieles dem guten Rathe seiner höchst liebenswürdigen und einsichtsvollen Frau desselben Glaubens, die ihn auch, wenn nicht an Schlauheit und Geschäftssinn, doch wohl an Takt und Welt noch übertreffen möchte.

Ehe wir diesen Abend noch den Weg auf's Land einschlugen, hatte uns die erbeutete Staatskutsche eines andern Monarchen asiatischen Ursprungs, nämlich des Königs der Birmanen, zum Aussteigen verlockt. Da sie von Gold und Edelsteinen strotzt, die[177] man auf 6000 L. St. schätzt, so machte sie bei Licht allerdings einen glänzenden Effekt, und schien mir, hinsichtlich ihrer baldachinartigen, pyramidalischen Form, sogar geschmackvoller als die unsrigen. Seltsam war die darauf sitzende Dienerschaft, bestehend aus zwei kleinen Jungen und zwei Pfauen, aus Holz geschnitzt, schön bemalt und lackirt. Zwei weiße Elephanten zogen den Wagen, als er erobert ward, und 15,000 kleine und große, aber rohe Edelsteine, schmücken noch das vergoldete Holz und Goldblech, aus dem er besteht. Viele birmanische kostbare Waffen waren in dem geräumigen Saal als Trophäen umher placirt, was der ganzen Ausstellung ein doppelt reiches und interessantes Ansehen verlieh. Da man hier immer bei solchen Gelegenheiten viel für's Geld giebt, so war im Nebenzimmer noch ein Poecileorama angebracht, mit ebenfalls birmanischen und andern indischen Ansichten, die durch künstliche Beleuchtung mehrere Verwandlungen untergehen, und dadurch sehr lebendige Landschaftseffekte hervorbringen.

Ich weiß nicht, warum man dergleichen nicht mehr zu Zimmerdekorationen benutzt. Bei einem Feste z.B. müßte ein so präparirter Saal gewiß eine bedeutungsvollere Mannigfaltigkeit darbieten, als die gewöhnlichen abgedroschenen Verzierungen von bunten Behängen, Orangerie und Blumen.


[178] Den 8ten.


Ziemlich spät vom Diné bei Herrn von Polignac zurückkehrend, einem recht liebenswürdigen, aber auch höchst orthodoxen Repräsentanten de l'ancien regime, kam ich doch noch zeitig genug ins Theater um, nach dem Hauptstücke, den berühmten Mathews »At home« zu finden. Der Vorhang war herunter gelassen, und Herr Mathews saß vor demselben über dem Orchester, an einem mit Teppichen behangenen großen Tische.

Er fing damit an, dem Publikum discursive zu erzählen, daß er soeben von einer Reise nach Paris zurückkomme, wo er viele Originale kennengelernt, und manches scherzhafte Abentheuer bestanden habe. Unmerklich ging er nun aus der Erzählung in eine völlige dramatische Vorstellung über, wo er mit einem fast unbegreiflichen Talente und Gedächtniß vor den Augen des Zuschauers sich zutragen läßt, was er erlebt, indem er sein Gesicht, Sprache und ganzes Äußere mit Blitzesschnelle so total verändert, daß man es gesehen haben muß, um es für möglich zu halten. Alle seine äussern Hülfsmittel bestehen nur, bald in einer Haube, einem Mantel, einer falschen Nase, einer Perrücke etc., die er unter dem Teppich hervorzieht, und mit diesen einfachen Dingen augenblicklich die vollständigste Umwandlung hervorbringt.[179] Der Beifall war tobend, und das Gelächter hörte nicht auf. Die Hauptpersonen, welche in mehreren Verwickelungen auftraten, waren ein alter Engländer, der Alles im Auslande tadelt und zu Hause besser findet; eine Dame aus der Provinz, die, um französisch zu lernen, nie anders als mit dem Dictionnaire in der Hand auf die Straße geht, die Vorbeigehenden mit ihren fortwährenden Fragen belästigt, und jede Gelegenheit benutzt, andern Engländern mit ihrer Kenntniß auszuhelfen, dabei aber immer, wie man sich vorstellen kann, das Verkehrteste und Burleskeste, oft Equivokste, zur Welt bringt; ferner einem Dandy aus der City, der le grand air affektiren will, und seinem Gegensatze, einem dicken Farmer aus Yorkshire, der ohngefähr die Rolle des Pachter Feldkümmel spielt. Das Belustigendste für mich war eine englische Vorlesung Spurzheims über Craniologie. Die sprechende Ähnlichkeit der in England wohlbekannten Person, aller ihrer Manieren und des deutschen Accents, war so vollkommen, daß das Theater unaufhörlich vor Lachen erbebte. Weniger befriedigten mich andere Nachahmungen, unter andern Talma's, der für einen bloßen Possenreißer, ohngeachtet alles Talents dieses letzteren, doch zu hoch steht. Überdem ist der Tod des großen Tragikers noch zu neu, und der Schmerz über seinen unersetzlichen Verlust bei jedem Freunde der Kunst zu groß, um sich von einer solchen Parodie jetzt angesprochen fühlen zu können.[180]

Den Beschluß machte eine kleine Farce, wozu nun auch der Vorhang aufgezogen wurde, und in welcher Mathews ebenfalls nur allein spielte, und 7–8 verschiedene Rollen besorgte, ungerechnet der eines Hundes und eines Kindes, die zwar durch Puppen repräsentirt wurden, welche er aber beide ebenso meisterhaft bellte und plapperte, als er die übrigen sprach. Als französischer Hofmeister, der mit einem zehnjährigen jungen Lord auf Reisen gehen soll, sperrt er diesen gleich zu Anfang in einen Guitarrenkasten, um das Geld für die Diligence zu ersparen, und dennoch dem Herrn Papa anrechnen zu können. Auf der Station angekommen, nimmt er ihn jedesmal heraus, einmal um ihn Luft schöpfen zu lassen, und zweitens um seine Lektion zu gleicher Zeit mit ihm zu repetiren, wobei er denn als vollkommner Bauchredner das Gespräch höchst drollig durchführt. Besonders ist es komisch, wenn sich der Junge sträubt, wieder in den Kasten zu kriechen, und nun sein Murren wie seine Klagen, gleich dem Walzer im Freischützen, immer undeutlicher verklingen, bis das Behältnis endlich ganz zuklappt, und die letzten Töne aus dem verschlossenen Kasten nur wie ein schwaches Echo hervortönen.

Nach vielen Avantüren, die der forteilenden Diligence und ihren Passagieren zustoßen, tritt eine alte Jungfer auf (immer wieder Mathews) die einen Lieblingshund, der im Wagen nicht geduldet werden soll, dennoch einzuschwärzen sucht, und sich nun ebenfalls[181] den Guitarrenkasten ausersieht, um ihren Liebling darin zu verstecken. Bei der Eile, mit der sie die Sache ins Werk setzt, bemerkt sie aber nicht, daß der Platz schon besetzt ist. Doch kaum hat sie den Kasten aus der Hand gelegt, als der Hund zu knurren und zu bellen anfängt, der Junge zu heulen, und sie um Hülfe zu schreien, welches Trio die Galerie vor ausgelassener Freude fast wahnsinnig machte.

Das Ganze ist, wie Du siehst, nicht eben ästhetisch, und mehr für englische Magen eingerichtet, ja es thut Einem fast weh, so große Fertigkeit einzig auf so alberne Possen verwendet zu sehen, doch immer bleibt das dargelegte Talent ausgezeichnet, und selbst die physischen Kräfte bewundernswürdig, die ein so angestrengtes Spiel und fortwährendes Sprechen, mit den fatiganten Umkleidungen, ohne Anstoß mehrere Stunden hintereinander aushalten können.

Um Dir aber nicht eine gleich angestrengte Geduld zuzumuthen, will ich jetzt schließen, und wünsche herzlich, daß der magere Guckkasten dieser Stadt, wie ich ihn Dir entrolle, Dich nicht allzusehr langweilen möge. Tägliche Lebensbilder hast Du verlangt, kein statistisches Handbuch, keine Topographie, keine regelmäßige Aufzählung aller sogenannten Sehenswürdigkeiten Londons, und keine systematische Abhandlung über England erwartest Du von mir,[182] noch bin ich im Stande, sie zu liefern; also nimm fürder mit der anspruchslosen Hausmannskost freundlich fürlieb, die doch wohl zuweilen wenigstens ein Körnchen Pfeffer würzt.


Dein treuer L.

1

Jeder weiß in Italien, was la pace di Marcolfa bedeutet. Das gute Weib des ehrlichen Bertoldo (in dem alten Roman dieses Namens) sagte nämlich zur Königin: wenn sie und ihr Mann sich den Tag über gezankt hätten, machten sie den Abend wieder Friede, und dieser Friede wäre ihr so angenehm, daß sie öfters nur deshalb Zänkereyen anfingen.

2

Welches vortreffliche Argument gegen die Todesstrafe!

3

Dies erinnert mich an die alte Anekdote, wo jemand auf dem St. Markusplatz zu Venedig Pulcinella auf ähnliche Art agiren sah, als ein Pfäfflein daherkam, um eine extemporirte Abendpredigt zu halten. Es wollte sich aber nur ein sehr geringer Zirkel um ihn versammeln, weil Alles dem Possenreißer seine Aufmerksamkeit schenkte. »Ah, birbanti!« schrie endlich der entrüstete Prediger mit Stentorstimme, indem er sein kleines Crucifix hoch emporhielt, »lasciate quel e ..., venite qua, ecco il vero Pulcinella!«

4

Mein Freund führte eine eigenthümliche Idee aus, die seinen Hinterlassenen noch jetzt ein wehmüthiges Vergnügen gewährt. Er hatte nämlich viele große Foliobände mit Zeichnungen, Kupfern, Autographieen, mitunter auch kleinen Broschüren angefüllt, aber nicht wie gewöhnlich Alles durcheinander, sondern nur dasjenige, was er selbst erlebt und gesehen, in derselben Ordnung, wie er es gesehen, darin aufgenommen, und jede Abbildung mit einer Note begleitet, deren Totalität zugleich einen kurzen, folgerechten Abriß seines Treibens auf dieser Welt giebt, also einen wahren Lebensatlas, wie er ihn auch manchmal selbst nannte.

A.d.H.

5

Es ist ein sehr charakteristischer Zug für den sorglos heitern Charakter dieses liebenswürdigen Greises, daß er seit seinem Abgange von Dresden, vor 20 Jahren, noch immer eine große Menge Kisten mit seinen Effekten dort stehen ließ. Endlich bewog man ihn vor Kurzem, Jemanden die Untersuchung dieser Kisten anzuvertrauen, der bei den ihm bekannten, sehr beschränkten Vermögensumständen des Besitzers, nicht wenig verwundert war, in denselben noch wohlverpackt die damals dem englischen Gesandten gemachten Geschenke, mit Juwelen von Werth besetzt, vorzufinden.

6

Wie geschieht dies? doch wohl nur, wenn man endlich erkennt: daß Religion einzig und allein Sache des Herzens und Gefühls ist, wozu der Kopf nur taugt, um gleichsam als Wächter vor dem Heiligthume zu stehen, und es mit dem Schwerte der Vernunft vor seinen Erbfeinden zu bewahren, dem Aberglauben und der Unduldsamkeit. Begnügt er sich damit nicht, und will er begreifen lernen, was seiner Natur nach für uns unbegreiflich ist, so muß er jedesmal auf Abwege geraten, er nehme nun seine Zuflucht zu einer sogenannten positiven Religion, oder einem Systeme spekulativer Philosophie. Beide befriedigen nicht, sobald man mehr als ein interessantes Spiel der Phantasie, oder des Verstandes, daraus machen will – während das innere angeborne Gefühl Gottes, der Liebe und des Guten in jeder gesunden Geistesstunde, dem Niedrigsten an Geistesfähigkeit, wie dem Höchsten mit gleicher, unumstößlicher Sicherheit nicht nur als Glaube, sondern als die wahre Essenz seines Wesens, sein eigentliches Ich klar wird, ohne daß dabei weder Vernunft noch Verstand unmittelbar thätig zu werden brauchen, wenngleich beide dasselbe, bei eintretender Reflexion, bestätigen müssen.

A.d.H.

7

Es ist freilich sehr problematisch, was in den Augen der Frommen schlimmer sey, gar keine Religion zu haben, oder von einer andern Sekte zu seyn. Wenigstens entschied sich Ludwig XIV., doch auch ein Religionsheld, für die zweite Gesinnung. Der Herzog von Orleans schlug ihm einen Gesandten nach Spanien vor, den der König annahm, aber den Tag darauf widerrief, weil er gehört habe, das betreffende Individuum sey ein Jansenist. »Nichts weniger, Ihro Majestät,« versicherte der Herzog, »soviel ich weiß, glaubt er selbst nicht an Gott.« »Kann ich mich darauf verlassen?« frug gravitätisch der König. »Gewiß«, erwiderte lächelnd der Herzog. »Nun dann mag er in Gottes Namen den Posten behalten.«

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Dritter und Vierter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland und England geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828, Band 3, Stuttgart 1831, S. 135-183.
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