Fünfzehnter Brief.

London, den 15ten April 1827.


Liebste Freundin!


Endlich ist der langersehnte Brief erschienen, und sogar zwei auf einmal. Warum sie so lange unterwegs geblieben? Quien sabbe! wie die Südamerikaner sagen. Wahrscheinlich ist der offizielle Leser faul gewesen, und hat sie zu lange liegen lassen, ehe er sie künstlich wieder zugesiegelt hat.

Aber wie zart und lieblich, theure Julie, ist Dein Gedicht – ein ganz neues Talent, das ich an Dir entdecke. Ja, gebe Gott doch, »daß alle Deine Thränen zu Blumen werden, uns zu schmücken und uns durch ihren Duft zu erfreuen«, und daß diese schöne liebevolle Prophezeihung bald in Erfüllung gehe! Doch sind selbst die schönsten Blumen so zu teuer für mich erkauft. Deine Thränen wenigstens sollen nicht darum fließen![1]

Was Du von H. sagst: »qu'il se sent misérable, parcequ'il n'est fier que par orgeuil, et liberal que par bassesse«, ist schlagend, und es wird leider auf gar zu viele Liberale passen!

Ich schrieb Dir in der bewußten Angelegenheit, Du möchtest dabei nur an Dich selbst denken, und Du erwiederst: Ich wäre ja Dein Selbst. Du Gute! ja ein Selbst werden wir bleiben, wo wir auch sind, und hätten die Menschen Schutzgeister, die unsern müßten gemeinschaftlich wirken – aber es gibt hier wohl keinen andern Schutzgeist, als die moralische Kraft, welche in uns selbst liegt!

Und in M.. sieht es so traurig aus? Es stürmt, schreibst Du, und die Gewässer drohen Verderben! Doch seitdem sind 14 Tage verflossen, und ehe dieser Brief bei Dir ankömmt, schon 4 Wochen – ich darf also hoffen, Du liesest ihn im Grünen, wo Alles um Dich blüht und der Zephyr fächelt, statt dem Heulen des häßlichen Sturms. Ich sagte meinem alten B..dt: in M. wären abscheuliche Stürme. »Ja, ja,« erwiederte er, »das sind die von Brighton.« Wenn Du das gewußt hättest, liebe Julie, so wären sie Dir gewiß angenehmer vorgekommen; sie brachten Dir ja die jüngsten Nachrichten von Deinem Freunde. Wer doch mit ihnen segeln könnte!

Unserm verehrten Premier bitte ich, meinen innigsten Dank zu Füßen zu legen. Wären doch alle unsers Standes ihm gleich, wie viel populairer würde dieser seyn, wären doch alle Minister überall so edel[2] und gerecht, wie viel weniger Unzufriedenheit würde in allen Ländern herrschen, und wäre er selbst doch noch freier und unabhängiger von so manchen Gewichten, die schwer danieder ziehen, wo Aufschwung nöthig ist.

Hier ist Alles beim Alten und eine prächtige Fete bei Lord H ... beschloß an diesem Abend die Lustbarkeiten vor Ostern. Die meisten Weltleute machen jetzt von Neuem einen kurzen Aufenthalt auf dem Lande, und beginnen dann erst in 14 Tagen die eigentliche Season. Auch ich werde wieder auf einige Tage nach Brighton gehen, will aber vorher noch das große Lord Mayor diné abwarten.


Den 16ten.


Heute fand dieses in Guildhall statt, und nach glücklich überstandner Mühseligkeit, freut es mich sehr, ihm beigewohnt zu haben.

Es dauerte volle 6 Stunden, und wurde 600 Personen gegeben. Die Tafeln waren sämmtlich, der Länge des Saales nach, neben einander parallel laufend gestellt, bis auf eine, welche quer vor auf einer erhöhten Estrade stand. An dieser saßen die Vornehmsten und der Lord Mayor selbst. Der Coup d'oeuil von hier war imposant, auf den ungeheuern Saal und seine rund um laufenden hohen Säulen, mit den unabsehbaren Tischen und colossalen Spiegeln[3] hinter ihnen, die sie bis ins Unendliche zu verlängern schienen. Die Erleuchtung machte Nacht zu Tag, und zwei Musikchöre in der Höhe, auf einem Balkon am Ende des Saals uns gegenüber, spielten während den Gesundheiten, denen immer ein Tusch voranging, allerlei Nationelles. Der Lord Mayor hielt, wohlgezählt, 26 längere und kürzere Reden. Auch einer der fremden Diplomaten wagte sich an eine solche, aber mit sehr schlechtem Erfolg, und ohne die Gutmüthigkeit des Auditoriums, das jedesmal, wenn er nicht weiter konnte, so lange hear hear schrie, bis er sich wieder gesammelt, wäre er förmlich stecken geblieben.

Bei jeder Gesundheit, die der Lord Mayor ausbrachte, rief ein mit silbernen Ketten behangener Ceremonienmeister hinter seinem Stuhle: Mylords and Gentlemen, fill Your glasses! Die Lady Mayoreß und alle ihre Damen erschienen übrigens in abscheulichen Toiletten, und mit entsprechenden Tournüren. Mir war der Platz neben einer Amerikanerin, der Niece eines frühern Präsidenten der vereinigten Staaten, wie sie mir sagte, aber ich erinnere mich nicht mehr, von welchem, angewiesen. Es ist zu vermuthen, daß weder ihr rothes Haar, noch ihr Albinos teint bei ihren Landsmänninnen häufig vorkömmt, sonst würde das schöne Geschlecht daselbst nicht so sehr gerühmt werden. Ihre Unterhaltung war aber recht geistreich, manchmal fast mit der Laune Washington Irwings.[4]

Um 12 Uhr begann der Ball, welcher sehr originell seyn soll, da Creti und Pleti darauf erscheint, ich war aber von dem sechsstündigen Diné, in voller Uniform, so ermüdet, daß ich schnell meinen Wagen aufsuchte, und mich zu Hause begab, um einmal wenigstens vor Mitternacht zu Bett zu kommen.


Brighton, den 17ten.


Diesen Morgen lasen wir schon die gestern erwähnte Rede des Diplomaten in den Zeitungen, NB. so wie sie hatte gehalten werden sollen, aber nicht wie sie gehalten worden war, und dergleichen kommt wohl nicht selten vor.

Gleich nach dem Frühstück fuhr ich mit Graf D.., einem sehr lustigen Dänen, hierher, und brachte den Abend bei Lady K ... zu, wo ich noch viele der frühern Badegäste antraf, auch Lady G ...., deren Du Dich aus Paris erinnerst, wo der Herzog von Wellington ihr Anbeter war.

Apropos von diesem, liest Du die Zeitungen? In der politischen Welt ist hier eine gewaltige Krise eingetreten. Durch die Ernennung Cannings zum Premier haben sich die andern Minister so beleidigt gefühlt, daß, mit Ausnahme von Dreien, die übrigen Sieben den Abschied genommen haben, obgleich welche darunter sind, die, wenn ihre Parthei nicht noch siegt, das Staatsgehalt schwer entbehren können,[5] wie z.B. Lord Melville. Der Herzog von Wellington verliert auch sehr bedeutend dabei, und Er, der Alles war, ist, wie sich ein ministerielles Journal, mit der gewöhnlichen Übertreibung des hiesigen Partheigeistes heute ausdrückt »nun politisch todt«. Es hat aber doch etwas Großartiges, so seiner Meinung alle persönlichen Rücksichten aufzuopfern. Die Carrikaturen regnen auf die Geschlagnen herab, und sind mitunter recht witzig, besonders wird dem nicht sehr geliebten, alten Großkanzler Lord Eldon, übel mitgespielt, so wie dem Grafen W ....... einem sonderbaren alten Manne, der einen ungeheuren aristokratischen Stolz besitzt, wie eine Mumie aussieht, und ohngeachtet seiner 80 Jahre, täglich auf einem Hartdraber zu sehen ist, wie er durch St. James Park mit der Schnelligkeit eines Vogels hindurchfliegt. Diesen Moment hat man auch für die Carrikatur gewählt, mit der boshaften Unterschrift:


The flying privy.


Er hatte nämlich früher das privy seal, welches nebst den übrigen Insignien, aus der Luft auf das sich mit allen Zeichen des Abscheus wegwendende Publikum niederfällt – denn die zweite Bedeutung des Worts läßt sich leicht errathen.


Brighton, den 20sten.


Heute habe ich die Erfahrung gemacht, wie gefährlich die hiesigen Nebel werden können, was ich[6] früher kaum glauben wollte, da sie in London gewöhnlich nur zu komischen Scenen Anlaß zu geben pflegen.

Ein Bekannter hatte mir eins seiner Jagdpferde geborgt, da die meinigen in London geblieben sind, und ich nahm mir vor, meine Direktion diesmal nach einer mir noch unbekannten Seite der Dünen zu nehmen, die man die Teufelsschlucht nennt, war auch schon mehrere Meilen durch Berg und Thal über den glatten Rasen fortgeritten, als plötzlich die Luft sich zu verfinstern anfing, und in wenigen Minuten ich nicht mehr 10 Schritt weit vor mir sehen konnte. Dabei blieb es auch, und war fortan an keine Aufhellung des Wetters mehr zu denken. So verging wohl eine Stunde, während ich bald dort, bald dahin ritt, um einen gebahnten Weg aufzufinden. Meine leichte Kleidung war schon durchnäßt, die Luft eiskalt geworden, und hätte mich die Nacht übereilt, so wäre die Perspective eine der unangenehmsten. In dieser Noth, und ganz unbekannt mit der Gegend, fiel es mir glücklicherweise ein, meinem alten Pferde, das so oft hier den Fuchsjagden beigewohnt, völlig freien Willen zu lassen. Nach wenig Schritten, und sobald es sich frei fühlte, drehte es auch sogleich in einer kurzen Volte um, und setzte sich in einen ziemlich animierten Galopp, den Berg, wo ich mich eben befand, grade herunter laufend. Ich nahm mich wohl in Acht, es nicht mehr zu stören, ohngeachtet der halben Dunkelheit um mich her, selbst als es durch ein Feld hohen stachlichten Ginsters[7] in fortwährenden Sätzen, wie ein Hase, brach. Einige unbedeutende Gräben und niedrige Hecken hielten es natürlich noch weniger auf, und nach einer starken halben Stunde angestrengten Laufens brachte mich das gute Thier glücklich an die Thore Brightons, aber von einer ganz andern Seite, als von welcher ich ausgeritten war. Ich fühlte mich sehr froh, so wohlfeilen Kaufs davongekommen zu sein, und nahm mir ernstlich vor, in diesem Nebellande künftig vorsichtiger zu seyn.

Meine Abende bringe ich jetzt gewöhnlich bei Lady K.. oder Mrß. F ... zu, und spiele Ecarté und Whist mit den Herren, oder Loo mit den jungen Damen. Diese kleinen Kreise sind weit angenehmer als die großen Gesellschaften der Metropolis. Denn dort versteht man Alles, nur eben die Geselligkeit nicht. So werden Künstler dort auch blos als Modesache vorgeführt und bezahlt; mit ihnen zu leben, Genuß aus ihrer Unterhaltung zu ziehen, das kennt man nicht. Alle wahre Bildung ist meistens nur politischer Natur, und der politische Partei- wie der modische Kastengeist gehen auch auf die Gesellschaft mit über. Es entsteht daraus ebensowohl ein allgemeines Decousu, als eine strenge Abscheidung der einzelnen Elemente, welches, verbunden mit dem an sich schon höchst unsocialen Wesen der Engländer, den Aufenthalt für den Fremden auf die Dauer unangenehm machen muß, wenn er sich nicht die intimsten Familienkreise öffnen, oder selbst ein lebhaftes politisches Interesse annehmen kann.[8]

Am glücklichsten und achtungswürdigsten ist in dieser Hinsicht ohne Zweifel die wohlhabende mittlere Classe in England, deren active Politik sich nur auf das Gedeihen ihrer Provinz beschränkt, und unter der überhaupt ziemlich gleiche Ansichten und Grundsätze herrschen. Diese unmodische Classe allein ist auch wahrhaft gastfrei und kennt keinen Dünkel. Sie recherchirt den Fremden nicht, aber kömmt er in ihren Weg, so behandelt sie ihn freundlich und mit Teilnahme. Ihr eignes Vaterland liebt sie leidenschaftlich, aber ohne zu persönliches Interesse, ohne Hoffnung auf Sinecuren, und ohne Intrigue. Diese Art Leute sind zwar auch manchmal lächerlich, aber immer achtungswerth, und ihr National-Egoismus in billigere Schranken gebannt.

Wie ehemals in Frankreich kann man daher mit vollkommenem Rechte auch in England sagen: que les deux bouts du fruit sont gatés, die Aristokratie und der Pöbel. Die erste hat allerdings eine bewunderungswürdig herrliche Stellung – aber ohne große Mäßigung, ohne große, der Vernunft und der Zeit gebrachte Concessionen, wird sie diese Stellung vielleicht kein halbes Jahrhundert mehr inne haben. Ich sagte dies einmal dem Fürsten E ..., und er lachte mich aus, mais nous verrons!

Schlüßlich ercerpiere ich Dir noch einige Stellen aus den hiesigen Journalen, um Dir einen Begriff von der Freiheit der Presse zu geben.
[9]

1) »Jedes Schiff in England sollte seine Freudenfahnen aufstecken, denn Lord Melville war ein Incubus, auf den Dienst drückend. Verdienstvolle Offiziere mögen nun eine Chance finden, unter Lord Melville hatten sie keine.«

2) »Wir hören aus guter Quelle, daß der große Capitaine (Lord Wellington) sich außerordentliche Mühe gibt, wieder in das Cabinet zu dringen, jedoch vergebens. Dieses verzogne Kind des Glücks hätte sich nicht einbilden sollen, daß sein Austritt einen Augenblick das Gouvernement in Verlegenheit setzen könnte. Wir glauben übrigens, daß er nicht der einzige Ex-Minister ist, der bereits seine Thorheit und Arroganz bitter bereut.«

3) »Das Minister-Septemvirat (sieben sind, wie gesagt, ausgeschieden), welches erhöhte Stationen erzwingen wollte, ist Herrn Humes neuem Penalty- Gesetz viel Dank schuldig; denn nach dem alten Gesetz wurden Bediente, die höheres Gehalt von ihren Herrschaften extorquiren wollten, mit Recht in die Tretmühle geschickt.«

4) »Man versichert, ein großer Septemviratist (Lord Wellington) habe sich erboten, in den Dienst zurückzukehren, jedoch nur unter der Bedingung, daß man ihn zum dirigirenden Minister, zum Groß- Connetable, und zum Erz-Bischof von Canterbury mache.«
[10]

Unsre Minister würden sich nicht wenig wundern, wenn eine der löschpapiernen Zeitungen so mit ihnen umspränge.

Morgen begebe ich mich nach der Stadt zurück, denn wie einst die Römer Rom, nennen auch die Engländer London nun »die Stadt.«


London, den 22sten.


Ich kam grade noch zur rechten Zeit an, um einem großen Diné beim neuen Premier beizuwohnen, zu dem ich die Einladung schon in Brighton erhalten.

Dieser ausgezeichnete Mann macht die Honneurs seines Hauses ebenso angenehm, als er die Herzen seiner Zuhörer im Parlament hinzureißen weiß. Schöngeist und Staatsmann tour à tour, fehlt ihm nichts als eine bessere Gesundheit, denn er schien mir sehr leidend. Mistriß Canning ist ebenfalls eine geistreiche Frau. Man behauptet, daß sie das Departement der Zeitungen im Hause habe, d.h. diese lesen müsse, um ihrem Manne die nöthigen Auszüge daraus mitzutheilen, und auch selbst manchmal einen Partheiartikel darin zu schreiben nicht verschmähe.

Ein Concert bei Gräfin A .... war sehr besucht. Galli und Madame Pasta, die vor kurzem angekommen sind, und die Oper sehr heben werden, sangen darin. Die Zimmer waren gepfropft voll, und mehrere junge Herren lagen auf dem Teppich zu den[11] Füßen ihrer Damen, den Kopf bequem an die Sophakissen gelehnt, die den Schönen zum Sitze dienten. Diese türkische Mode ist wirklich recht bequem, und es wundert mich ungemein, daß sie C. in Berlin noch nicht eingeführt, und sich einmal bei Hof zu den Füßen einer der Hofdamen hingelagert hat. Man würde vom englischen Gesandten dies gewiß sehr »charmant« wie die Berliner sagen, gefunden haben.


Den 25sten.


Nach langer Zeit besuchte ich heute wieder das Theater. Ich traf es glücklich, denn Liston spielte zum Kranklachen in einer kleinen Farce, die zur Zeit Ludwig XV. in Paris vorgeht. Ein reicher englischer Kaufmann, den der Spleen quält, reist nach jener Stadt, um sich zu zerstreuen. Kaum ist er im Gasthofe einige Tage etablirt, als man ihm den Besuch des Polizeiministers meldet, der (sehr gut im Costume der Zeit gehalten) sofort eintritt, und dem erstaunten Citisen eröffnet, wie man einer berüchtigten Spitzbubenbande auf der Spur sey, welche diese Nacht noch hier einbrechen wolle, um ihn, bei dem man viel Geld vermuthe, zu berauben und zu ermorden. Alles hänge nun von seinem Benehmen ab, fügt der Minister hinzu, wenn er sich das Geringste merken lasse, weniger heiter scheine als sonst[12] oder irgend etwas besonders thue, was Besorgnis verrathe, und dadurch vielleicht die Unternehmung der Räuber beschleunige, so könne man ihm für nichts stehen, und sein Leben sey in der höchsten Gefahr, denn noch wisse man selbst nicht, ob die Hausleute mit im Complott wären. Er müsse sich daher auch wie gewöhnlich um 10 Uhr ins Bett legen, und es darauf ankommen lassen, was dann geschähe.

Mr. Jackson, mehr todt als lebendig über diese Nachricht, will sogleich das Haus verlassen, der Minister erwiedert aber ernst, daß dies durchaus nicht zugelassen werden, ihm auch nichts helfen könne, da die Räuber bald seine neue Wohnung auffinden, und er dann um so sichrer ihre Beute werden müsse. »Beruhigen Sie sich«, schließt Herr v. Sartines, »es wird Alles gut gehen, wenn Sie nur gute Contenance halten.«

Du stellst Dir leicht vor, zu welchen lächerlichen Scenen die schreckliche Angst des alten Kaufmanns, die er fortwährend unter Lustigkeit zu verbergen suchen muß, Anlaß gibt. Sein Bedienter, ein ächter Engländer, immer durstig, findet unterdessen in einem Schrank Wein, den er gierig austrinkt. Es ist aber Brechweinstein, und er bekömmt in wenig Minuten die heftigsten Uebelkeiten, wodurch sein Herr sich nun überzeugt, daß, anstatt ihn zu erstechen oder zu erschießen, man den Plan gemacht habe, ihn zu vergiften. In diesem Augenblick erscheint die Wirthin mit der Chocolade. Außer sich faßt sie Liston[13] bei der Gurgel, und zwingt sie die Tasse selbst auszutrinken, welches diese, obgleich in großer Verwunderung über die seltsamen Sitten der Engländer, sich doch zuletzt ganz gern gefallen läßt. Das stumme Spiel Listons dabei und wie er, seines Versprechens sich plötzlich erinnernd, nachher, krampfhaft lachend, bloßen Spaß daraus machen will, ist höchst drollig. Endlich kömmt 10 Uhr heran, und nach vielen burlesken Zwischenscenen legt Herr Jackson sich, mit Degen und Pistolen und in seinen Sammthosen ins Bett, dessen Vorhänge er dicht zuzieht. Unglücklicherweise hat die Tochter vom Hause eine Liebschaft, und bevor noch der Fremde das Logis bezogen, ihrem Liebhaber bereits in demselben Zimmer ein Rendezvous gegeben. Um die Entdeckung zu vermeiden, kommt sie jetzt leise hereingeschlichen, löscht das Licht behutsam aus, und geht ans Fenster, in welches ihr Amant schon hereinsteigt. So wie dieser in die Mitte des Zimmers springt und zu sprechen anfängt, hört man seltsame Angsttöne im Bette, und eine Pistole fällt mit Geprassel heraus, bald nachher die andere, der Vorhang thut sich auf, Liston versucht einen schwachen Stoß mit dem Degen, der aber seiner zitternden Hand ebenfalls entfällt, worauf er sich ebenfalls herausstürzt und in seinem abentheuerlichen Costüme vor dem eben so erschrockenen Mädchen auf die Kniee fällt, und herzbrechend um sein Leben fleht, während sich der Liebhaber schleunig hinter dem Bette versteckt. Da öffnen sich die Thüren, und der Polizeiminister tritt mit Fackeln ein, um dem zitternden[14] Jackson anzukündigen, daß die Bande gefangen sey, aber, fügt er, die Gruppe vor sich betrachtend, lächelnd hinzu: »Ich mache Ihnen mein Compliment, daß Sie, wie ich sehe, Ihre Zeit auf eine so gute Art anzuwenden gewußt haben.«


Den 26sten.


Einen recht wunderlichen Ort habe ich heute früh besucht, eine Kirche, der Areopag genannt, wo ein Geistlicher, the Reverent Mr. Taylor, gegen das Christenthum predigt, und Jedem erlaubt, öffentlich zu opponiren. Er hat von den englisch-christlichen Kirchen nur das beibehalten, daß man auch hier für seinen Platz einen Schilling bezahlen muß. Hr. Taylor ist gelehrt, und kein übler Redner, aber ein eben so leidenschaftlicher Schwärmer für die Zerstörung der christlichen Religion, als es so viele Andere für ihre Begründung gegeben hat. Er sagte außerordentlich starke, zuweilen wahre, oft schiefe, manchmal witzige und auch ganz unanständige Dinge. Der Saal war üb rigens gedrängt voll von Zuhörern aus allen Ständen. Hier, wo die Nation auf einer so geringen Stufe religiöser Bildung steht, begreift man wohl, daß ein solcher negativer Apostel viel Zulauf haben kann. Bei uns, wo man auf dem vernunftgemäßen Wege allmählicher Reform schon weit fortgeschritten ist, würde ein Unternehmen dieser Art die Einen mit heiligem Abscheu erfüllen, den Andern nicht[15] nützen, und alle mit Recht schockiren, die Polizei es aber ohnedem unmöglich machen.

Der erste Almacks-Ball fand diesen Abend statt, und nach Allem, was ich von dieser berühmten Reunion gehört, war ich in der That begierig, sie zu sehen, aber nie ward meine Erwartung mehr getäuscht. Es war nicht viel besser wie in Brighton. Ein großer, leerer Saal mit schlechten Dielen, Stricke darum her, wie in einem arabischen Lager der Platz für die Pferde abgepfercht ist, ein paar kleine nackte Nebenstuben, in denen die elendesten Erfrischungen gereicht werden, und eine Gesellschaft, wo, ohngeachtet der großen Schwierigkeit, Entreebillets zu erhalten, doch recht viel Nobodys sich eingeschwärzt hatten, und die schlechten Tournüren und Toiletten vorherrschend waren, das war Alles, mit einem Wort, ein völlig wirthshausmäßiges Fest, höchstens nur Musik und Beleuchtung gut – und dennoch ist Almacks der höchste Culminationspunkt der englischen Modewelt.

Diese übertriebene Einfachheit war indeß in ihrem Ursprung absichtlich, indem man grade der Pracht der reichen parvenûs etwas ganz Wohlfeiles entgegensetzen und es demohngeachtet, durch die Einrichtung der Lady Patronesses, ohne deren Genehmigung Niemand Theil daran nehmen konnte, inaccessibel für sie machen wollte. Das Geld und die schlechte Gesellschaft (im Sinne der Aristokraten) hat sich aber dennoch Bahn hereingebrochen, und als einzig Charakteristisches ist blos das unpassende Aeußere geblieben,[16] welches nicht übel dem Lokal eines Schützenballes in unsern großen Städten gleicht, und mit dem übrigen englischen Prunk und Luxus so lächerlich kontrastirt.


Den 1sten Mai.


Bei Est ... fand ich gestern Morgen den Fürsten S ......, der erst vor wenigen Monaten, von der Krönung in Moskau kommend, hierdurch nach Brasilien gegangen war, und jetzt bereits von dort zurück kam. Wie schnell man doch in unsern Zeiten die größten Reisen mit Leichtigkeit zurücklegt! Von allem was er gesehen, gab er, für Naturschönheiten, der Insel Madeira den Vorzug. Er hatte von da kaum 8 Tage bis London gebraucht, was mir große Lust macht, die Exkursion auch zu versuchen, sobald die Season vorüber ist.

Von 4 Uhr Nachmittags bis 10 Uhr Abends saß ich im Hause der Gemeinen, gedrängt, in fürchterlicher Hitze, höchst unbequem, und dennoch mit so angespannter Aufmerksamkeit, so hingerissen, daß die 6 Stunden mir wie ein Augenblick vergingen.

Es ist in der That etwas Großes um eine solche Landesrepräsentation! Diese Einfachheit in der Erscheinung, diese Würde und Erfahrung, diese ungeheure Macht nach Außen, und dieses prunklose Familienverhältniß im Innern. –[17]

Die heutige Debatte war überdies vom höchsten Interesse. Das vorige Ministerium hat, wie Du weißt, größtentheils resignirt, unter ihnen die wichtigsten Männer Englands, ja selbst der (nach Napoleons und Blüchers Tode) berühmteste Feldherr Europa's. Canning, der Vorfechter der liberalen Parthei, hat dieses Ministerium besiegt, und ist trotz aller ihrer Anstrengungen der Chef des neuen geworden, dessen Zusammensetzung ihm, wie es in England in solchem Falle üblich ist, allein überlassen wurde. Aber die ganze Gewalt der entrüsteten Ultra-Aristokratie und ihres Anhangs drückt noch immer schwer auf ihn, ja selbst einer seiner bedeutendsten Freunde, ein Commoner dazu wie er, ist gleichfalls einer der ausscheidenden Minister, und schließt sich der ihm feindlichen Parthei an. Dieser (Mr. Peel) eröffnete heute den Kampf, in einer langen und geschickten, sich jedoch zu oft wiederholenden Rede. Es würde mich viel zu weit führen, und ganz über die Gränzen einer Correspondenz wie die unsrige hinausgehen, wenn ich mich in das Detail der grade jetzt vorliegenden politischen Fragen einlassen wollte, meine Absicht ist nur, Dir die Taktik anzudeuten, mit der auf der einen Seite gleich vom Anfang an der Gewandteste der neuen Opposition angriff, und dann erst noch mehrere gemeinere Streiter derselben losgelassen wurden, die regellos bald da bald dort anpackten; dagegen die alte Opposition der Whigs, die jetzt das liberale Ministerium aus allen Kräften unterstützt, umgekehrt und zweckmäßiger mit dem[18] kleinen Gewehrfeuer anfing, und nachher erst, als schweres Geschütz, einen ihrer Hauptkämpfer, Brougham, sich erheben ließ, welcher in einer herrlichen Rede, die wie ein klarer Strom dahin strömte, seine Gegner zu entwaffnen suchte, sie bald mit Sarkasmen peinigte, bald einen höheren Schwung nehmend, alle Zuhörer tief ergriff und überzeugte. Z.B. wenn er sagte: »Nicht um Plätze zu erlangen, nicht um Reichthümer zu erwerben, ja nicht einmal um den Catholiken unsres Landes ihr natürliches und menschliches Recht wiedergegeben zu sehen, eine Wohlthat, um die ich seit 25 Jahren Gott und die Nation vergebens anrufe, nicht für alles dieses habe ich mich dem neuen Ministerium angeschlossen, nein, sondern nur, weil, wohin ich mein Auge wende, nach Europa's civilisirten Staaten, oder nach Amerika's ungeheurem Continent, nach dem Orient oder Occident, ich überall die Morgenröte der Freiheit tagen sehe, – ja, ihr allein habe ich mich angeschlossen, indem ich dem Manne folge, der ihr Vorfechter zu seyn, eben so würdig als willig ist!«

Hier schloß der Redner, nachdem er noch die feierliche Erklärung abgegeben, daß er um so unpartheiischer hierin sey, und seyn könne, da er nie, und unter keiner Bedingung je in ein Ministerium dieses Reichs treten werde1. –[19]

Schon früher hatte ich Brougham gehört und bewundert. Niemand hat wohl je mit größerer Leichtigkeit gesprochen, stundenlang in einem nie unterbrochenen klaren Fluß der Rede, mit schönem und deutlichem Organ, die Aufmerksamkeit fesselnd, ohne irgendwo anzustoßen, nachzusinnen, zu wiederholen, oder, sich versprechend, ein Wort für das andere zu gebrauchen, welche störenden Fehler z.B. die Reden Peel's oft verunstalten. Brougham spricht, wie ein geübter Leser Gedrucktes vorliest – demohngeachtet sieht man darin nur außerordentliches Talent, beißenden, vernichtenden Witz und seltne Gegenwart des Geistes, doch die jedes Herz erwärmende Kraft des Genies, wie Canning sie ausströmt, besitzt er, meines Erachtens, nur in weit geringerem Grade.

Jetzt erst trat Canning, der Held des Tages, selbst auf. Wenn der Vorige einem geschickten und eleganten geistigen Boxer zu vergleichen war, so gab Canning das Bild eines vollendeten antiken Gladiators. Alles war edel, fein, einfach, und dann plötzlich ein Glanzpunkt, wie ein Blitz hervorbrechend, groß und hinreißend. Eine Art Ermattung und Schwäche, die, als sey es die Folge der so kürzlich erlebten Kränkungen, so wie der überhäuften Arbeit, seiner Energie etwas zu entnehmen schien, gewann ihm vielleicht in anderer Rücksicht noch mehr von Seiten des Gefühls.

Seine Rede war in jeder Hinsicht das Gediegenste, auch den Unbefangensten Ergreifende, der Culminationspunkt[20] des heutigen Tages! Nie werde ich den Eindruck vergessen, den sie, und jene schon berühmt gewordene, die er vor mehreren Wochen über die portugiesischen Angelegenheiten hielt, auf mich machten. Ich fühlte beidemal tief, daß die höchste Gewalt, die der Mensch auf seine Mitmenschen ausüben, der blendendste Glanz, mit dem er sich umgeben kann, und vor dem selbst der des glücklichen Kriegers wie Phosphorschein vor der Sonne erbleicht – nur in dem göttlichen Geschenk der Rede liege! Dem großen Meister in dieser nur ist es gegeben, Herz und Gemüth einer ganzen Nation in jene Art von magnetischem Somnambulismus zu versetzen, wo ihr nur blindes Hingeben übrig bleibt, und der Zauberstab des Magnetiseurs über Wuth und Milde, über Kampf und Ruhe, über Thränen und Lachen mit gleicher Macht gebietet.

Am folgenden Tage wurde das Haus der Lords eröffnet, unter gleich merkwürdigen Umständen als gestern das Haus der Gemeinen, jedoch zeigten sich darin keine so großen Talente, als Brougham und vor Allen Canning.

Lord Ellenborough (der beiläufig gesagt, die schönste Frau in England besitzt2, erhob sich zuerst, und sagte in der Hauptsache: Man klage die ausscheidenden Minister an, in Folge einer gemeinschaftlichen[21] Vereinigung resignirt, und sich dadurch des hohen Unrechts schuldig gemacht zu haben, dem Könige seine constitutionelle Prärogative: ganz nach freier Willkühr seine Minister zu erneuern, schmälern zu wollen. Zuvörderst müsse er daher verlangen, daß sie, um ihre Ehre zu retten, sich hierüber genügend rechtfertigten. Hier sah ich den großen Wellington in einer fatalen Klemme. Er ist kein Redner, und mußte nun bongré malgré sich wie ein Angeklagter vor seinen Richtern vertheidigen. Er war sehr agitirt, und dieser Senat seines Landes, obgleich aus lauter Leuten bestehend, die einzeln ihm vielleicht nichts sind, schien wirklich imposanter in seiner Masse für ihn, als weiland Napoleon und alle seine Hunderttausende. Daß so etwas aber nicht möglich wird, ist die große Folge weiser Institutionen! Es war bei alle dem rührend, den Heros des Jahrhunderts in einer so untergeordneten Lage zu sehen. Er stotterte viel, unterbrach und verwickelte sich, kam aber doch am Ende, mit Hülfe seiner Partei – die bei jedem Stein des Anstoßes (grade wie bei der Gesandtenrede am Lord Mayor's-Tage) durch Beifall und Lärm eine Pause herbeiführte, in der er sich wieder zurecht finden konnte – endlich so ziemlich damit zu Stande: zu beweisen, daß keine Conspiracy obgewaltet habe. Er sagte zuweilen starke Sachen, vielleicht mehr als er wollte, denn er war seines Stoffes nicht Meister, unter andern folgende Worte, die mir sehr auffielen: »Ich bin Soldat und kein Redner. Mir gehen alle Talente ab, in dieser hohen Versammlung[22] eine Rolle zu spielen, ich müßte mehr als toll seyn (mad), wenn ich je, wie man mich beschuldigt, dem wahnsinnigen Gedanken Raum hätte geben können, erster Minister werden zu wollen3

Alle ausgeschiedenen Lords, nach der Reihe, machten nun, so gut sie konnten, auch ihre Apologieen. Der alte Lord Eldon versuchte es mit dem Weinen, was er bei großen Gelegenheiten immer bei der Hand hat, es wollte aber heute keine rechte Rührung hervorbringen. Dann antwortete der neue Lord und Minister (Lord Goderich, ehemals H. Robinson) für sich und den Premier, der im Hause der Lords nicht erscheinen kann, weil er nur ein Commoner ist, als solcher aber dennoch jetzt England regiert, und zu berühmt als Mr. Canning geworden ist, um daß er diesen Namen gegen einen Lords-Titel vertauschen möchte.[23]

Der Anfang der sonst guten Rede des neuen Pairs erregte ein allgemeines Gelächter, denn der langen alten Gewohnheit getreu, redete er die Lords, wie den Sprecher des Unterhauses mit »Sir« statt »Mylords« an. Er war selbst so sehr dadurch decontenancirt, daß er sich vor die Stirne schlug, und eine ganze Weile sprachlos blieb, aber durch viele freundliche hear, hear, doch bald wieder seine Fassung gewann.

Lord Holland zeichnete sich, wie gewöhnlich, durch Schärfe und frappante Aufstellungen aus; Lord King durch vieles, zuweilen nicht sehr geschmackvolles Witzeln; Lord Landsdowne durch ruhigen, sachgemäßen, mehr verständigen als glänzenden Vortrag. Lord Grey sprach von Allen mit dem meisten äußern Anstande, den die englischen Redner fast ohne Ausnahme entweder zu sehr verschmähen, oder seiner nicht mächtig werden können. Einen ähnlichen Mangel an Anstand bietet das Lokal des Unterhauses dar, das einem schmutzigen Kaffeehause gleicht, und auch das Benehmen vieler Volksrepräsentanten, die mit dem Hut auf dem Kopfe oft auf den Bänken ausgestreckt liegen und sich während der Reden ihrer Collegen von Allotrien unterhalten, erscheint seltsam. Local und Verhandlung im Oberhause sind dagegen sehr schicklich.

Wenn ich von dem Totaleindruck dieser Tage auf mich Rechenschaft geben soll, so muß ich sagen, daß er erhebend und wehmüthig zugleich war. Das[24] Erste, indem ich mich in die Seele eines Engländers versetzte, das Zweite im Gefühl eines Deutschen!

Dieser doppelte Senat des englischen Volks, mit allen menschlichen Schwächen, die mit unterlaufen mögen, ist etwas höchst Großartiges – und indem man sein Walten von Nahem sieht, fängt man an zu verstehen, warum die englische Nation bis jetzt noch die erste auf der Erde ist.


Den 3ten.


Aus dem ernsten Parlament folge mir, zur Veränderung, heute ins Theater.

Man führt ein Spektakelstück auf, dessen äußere Ausschmückungen hier täuschender bewerkstelligt werden als irgendwo. Nur die »Scenery,« zweier Auftritte will ich beschreiben.

Zwischen Felsen, im wilden Gebirge Spaniens, erhebt sich ein maurisches Schloß in weiter Entfernung. Es ist Nacht, aber der Mond scheint hell am blauen Himmel und mischt sein blasses Licht mit den hellerleuchteten Fenstern des Schlosses und der Capelle. Ein langer sich durch die Berge ziehender Weg wird an mehreren Stellen sichtbar und führt zuletzt, auf hohe Mauerbogen gestützt, bis in den Vordergrund.

Jetzt schleichen vorsichtig Räuber aus den Gebüschen herbei, verbergen sich lauernd an der Straße,[25] und man hört aus ihrem Gespräch, daß sie eben einen Hauptfang zu machen gedenken.

Ihr schöner junger Hauptmann ist erkenntlich durch gebietenden Anstand und sein prächtiges Costume, im Geschmack der italienischen Banditi. Nach kurzem Zwischenraum sieht man in der Ferne die Schloßthore sich öffnen, eine Zugbrücke wird heruntergelassen, und eine Staatskutsche mit sechs Maulthieren bespannt, rollt dem Gebirge zu. Einigemal verliert man sie hinter den Bergen, immer größer kömmt sie wieder zum Vorschein (welches durch mechanische Figuren von verschiedener Dimension sehr artig und geschickt bewerkstelligt wird) und gelangt endlich im raschen Trabe auf die Scene, wo sogleich von den versteckten Räubern einige Schüsse fallen, deren einer den Kutscher tödtet, worauf die Beraubung des Wagens unter Lärm und Getümmel vor sich geht. Während diesem Tumulte fällt der Vorhang.

Beim Anfang des zweiten Akts erblickt man zwar wieder dieselbe Dekoration, aber sie erweckt ganz verschiedene Empfindungen. Die Lichter im Schloß sind verlöscht, der Mond ist hinter Wolken getreten. In der Dämmerung unterscheidet man nur undeutlich die Kutsche, mit aufgerißnen Thüren, auf dem Bocke liegt der getödtete Diener hingestreckt, aus einem steinigten Graben sieht man das blasse Haupt eines gefallenen Räubers hervorragen, und an einem Stamme lehnt der sterbende, schöne Hauptmann, dessen fliehende Lebensgeister der Knabe[26] Gilblas vergebens bemüht ist, zurückzuhalten. Dies halb lebende, halb tote Gemälde ist wirklich von ergreifender Wirkung.

Meine heutigen Frühvisiten waren nützlich, denn sie verschafften mir 3 neue Billets für die nächsten Almacks, und ich bewog sogar eine der gefürchteten, strengen Patronesses, mir ein Billet für eine kleine obscure Miss meiner Bekanntschaft zu geben, eine große faveur! Ich mußte aber lange intriguiren und viel bitten, ehe ich es errang. Die Miss und ihre Gesellschaft küßten mir beinahe die Hände, und benahmen sich, als wenn sie sämmtlich das große Loos gewonnen hätten. Je crois qu'après cela, il ya peu de choses qu'elle me refuserait.

Außer Almacks ist den englischen Damen am besten durch die Politik beizukommen. Diese letzte Zeit hörte man, weder bei Tisch noch in der Oper, ja selbst auf dem Ball nie etwas anders als von Canning und Wellington aus jedem schönen Munde, ja, Lord E. beklagte sich sogar, daß seine Frau selbst in der Nacht ihn damit behellige. Plötzlich im Schlafe habe sie ihn durch ihren Ausruf aufgeschreckt: »Wird der Premier stehen oder fallen?«

Wenn ich mich daher hier in nichts Anderm vervollkommne, so geschieht es wenigstens in der Politik und auch im Cabrioletfahren, denn das Letztere lernt man hier perfect, und windet sich im schnellen Lauf durch Wagen und Karren, wo man früher minutenlang angehalten haben würde. Überhaupt wird[27] man nach einem langen Aufenthalt in solcher Weltstadt in allen Dingen wirklich etwas weniger kleinlich. Man sieht die Dinge breiter und mehr en bloc an.


Den 10ten.


Das ewige Einerlei der Season geht noch immer so fort. Eine Soirée bei Lady Cooper, einer der sanftesten Lady Patronesses, eine andere bei Lady Jersey, einer der schönsten und ausgezeichnetsten Frauen Englands, vorher aber noch ein indisches Melodram, füllte den heutigen Abend recht angenehm. Das Melodram spielte auf einer Insel, deren Einwohner mit dem herrlichen Geschenk des Fliegens begabt waren. Die hübschesten Mädchen kamen, wie Kranichschwärme, in Masse angesegelt, und ließen nur, wenn man ihnen recht eindringlich die Cour machte, die Flügel sinken, aber zu viel durfte man auch nicht wagen, – ein Nu – und die gracieusen bunten Falter breiteten sich schnell aus, und weg waren sie, ohne daß man sogar die dünnen Seile sehen konnte, an denen sie heraufgezogen wurden.

Auf einem Diné und der darauf folgenden Soirée beim Fürsten Polignac waren mehrere interessante Personen zugegen, unter andern der Gouverneur von Odessa, einer der liebenswürdigsten Russen, die ich kenne, und Sir Thomas Lawrence, der berühmte[28] Maler, von dem man sagt, daß er alle die ungeheuren Summen, welche ihm seine Kunst einbringt, regelmäßig im Billardspiel verliert, weil er sich irrig darin ein Meister zu sein einbildet. Es ist ein Mann von interessantem Aeußern, mit etwas Mittelaltrigem in seinen Zügen, was auffallend an Bilder aus der venetianischen Schule erinnert.

Noch mehr zogen mich indeß die portugiesischen Augen der Marquise P ... an, denn portugiesische und spanische Augen übertreffen alle andern.

Die Niece des Fürsten Polignac erzählte mir, daß ihr Onkel, der bei einem noch ganz jugendlichen und angenehmen Aussehen doch einen ganz weißen Kopf hat, diesen in den französischen Revolutions-Gefängnissen, noch nicht 25 Jahre alt, in wenigen Wochen vor Kummer und Angst ergrauen gesehen hätte. Er mag den jetzigen Contrast mit damals gar wohlthätig finden, aber die Haare kann ihm leider die Restauration doch nicht wieder schwarz machen!4 Mich interessirte dieser Gegenstand, besonders deßhalb, gute Julie, weil die meinigen leider auch, mit zu viel Patriotismus, hie und da unsre Nationalfarben, schwarz und weiß, anzunehmen anfangen.[29]

Uebrigens ist die hiesige Season, wenn man, als lernbegieriger Fremder, alle Gradationen der hausmachenden Welt sehen will, kaum auszuhalten. Mehr wie 40 Einladungen liegen auf meinem Tische, fünf bis sechs zu einem Tage. Alle diese Gastgeber wollen nachher früh Visiten haben, und um höflich zu seyn, muß man sie in Person machen. C'est la mer à boire, und dennoch sehe ich Abends beim Vorbeifahren immer noch vor vielen Dutzenden mir unbekannter Häuser ebenfalls dichte Wagenburgen stehen, durch die man sich mühsam durchdrängen muß.

Ein Ball, dem ich neulich beiwohnte, war besonders prachtvoll, auch einige königliche Prinzen zugegen, und wenn dies der Fall ist, hat die Eitelkeit der Wirthe die Mode eingeführt, dies immer schon auf den Einladungskarten anzuzeigen.

»To meet his royal highness« etc. ist die lächerliche Phrase. Der ganze Garten des Hauses war überbaut und zu großen Sälen umgeschaffen, die man in weißen und Rosa-Mousselin drapirt, mit enormen Spiegeln und 50 Kronleuchtern von Bronze ausgeschmückt, und durch die Blumen aller Zonen parfumirt hatte. Die Herzogin von Clarence beehrte das Fest mit ihrer Gegenwart, und alles drängte sich, sie zu sehen, denn sie ist eine jener seltnen Prinzessinnen, deren Persönlichkeit weit mehr Ehrfurcht als ihr Rang gebietet, und deren unendliche Güte und im höchsten Grade liebenswerther Charakter ihr eine Popularität in England gegeben haben, auf die wir[30] Deutsche stolz seyn können, um so mehr, da sie aller Wahrscheinlichkeit nach einst die Königin jenes Landes zu werden bestimmt ist.

Die Person, welche diesen glänzenden Ball gab, war demohngeachtet nichts weniger als modisch, eine Eigenschaft, die hier den seltsamsten Nüancen unterworfen ist. Indes raffinirt Jeder, modisch oder nicht, wie er es dem Andern bei seinen Festen zuvorthun möge.

Die Gräfin L. gab den Tag nach dem erwähnten Ball einen andern, wo ich, gewiß tausend Schritt vom Hause schon, aussteigen mußte, da vor der Menge von Wagen gar nicht mehr heranzukommen war, und bereits verschiedene Equipagen, die sich gewaltsam Bahn brechen wollten, unter schrecklichem Fluchen der Kutscher unauflöslich zusammenhingen. Bei diesem Ball waren die Treibhäuser mit Moos aus verschiedenen Farben tapezirt, und der Boden mit abgehauenem Grase dicht belegt, aus dem hie und da Blumen frei hervorzuwachsen schienen, die vom Stiel aus erleuchtet waren, was ihre Farbenpracht verdoppelte. Die Gänge aber wurden durch bunte Lampen, die gleich Edelsteinen im Grase funkelten, markirt. Eben so hatte man solche bunte Arabesken im Moose der Wände angebracht. Im Hintergrunde schloß eine schöne transparente Landschaft, mit Mondschein und Wasser die Aussicht.


[31] Den 15ten.


Mit mehrern Damen diesen Morgen spazieren reitend, erhob sich die Frage, welchen Weg man nehmen sollte, den herrlichen Frühlingsnacht am besten zu genießen. Da sahen wir am hohen Himmel einen Luftballon schweben, und die Frage war beantwortet. Mehr als 10 Meilen folgten die unermüdlichen Damen, gleich eines steeple chase, dem luftigen Führer, der aber doch endlich unsern Blicken ganz entschwand.

Der Mittag war einem großen diplomatischen Diné gewidmet, wo mehrere der neuen Minister zugegen waren, und der Abend einem Ball in einem deutschen Hause, dessen solide und geschmackvolle Pracht den besten englischen gleichkömmt, und durch die liebenswürdigen Eigenschaften der Wirthe die meisten übertrifft, ich meine beim Fürsten Esterhazy.

Bald aber wird mein Journal den Reiseberichten des weiland Bernouilly gleichen, die auch nur von Einladungen, Mittagsmahlen und Abendunterhaltungen handeln. Aber Du mußt es nun schon hinnehmen, wie es sich trifft. Vergleiche dies Tagebuch mit einem Gewande, auf dem sehr verschiedne, reichere und ärmlichere Stickereien vorkommen. Der feste dauerhafte Stoff repräsentirt meine immer gleiche Liebe zu Dir und den Wunsch, Dich, so gut es geht, mein fernes Leben mit leben zu lassen; die Stickereien aber, die nur Copieen des Erlebten sind, müssen[32] daher auch den Charakter desselben annehmen, bald glühender in Farben, bald blässer seyn – und zu verwundern wäre es nicht, wenn sie in der dumpfen Stadt ganz verblaßten, die nimmer so liebliche Bilder bietet als die herrliche Natur!


Den 21sten.


Ich muß vor der Hand noch bei demselben Thema bleiben, und eines Frühstücks in Chiswick beim Herzog von Devonshire erwähnen, der hübschesten Art Feten, die man hier gibt, weil sie auf dem Lande, abwechselnd im Hause und in den schönsten Gärten, statt finden, Dejeuners heißen, aber erst um 3 Uhr anfangen und vor Mitternacht nicht aufhören. Der Fürst B ..., weiland Schwager Napoleons, war zugegen, auch einer von denen, die ich früher in einem äußern Glanz gesehen, den ihnen nur die damalige Welt-Sonne verlieh, und der mit ihr so schnell überall verlöscht ist!

Die größte Zierde dieses Frühstücks war aber die schöne Lady Ellenborough. Sie kam in einem kleinen Wagen mit Ponys bespannt an, die sie selbst dirigirte, und die nicht größer als kamtschadalische Hunde waren. Man möchte versucht seyn, von nun an dem Fuhrwerke der Venus die Tauben auszuspannen und Ponys statt ihrer vorzulegen.

Uebler wird aber mit allen Sorten Equipagen hier umgegangen als irgendwo. Auf dem gestrigen Almacks-Ball[33] entstand eine solche Bagarre unter ihnen, daß mehrere Damen Stunden lang warten mußten, ehe sich das Chaos entwickelte. Die Kutscher benehmen sich bei solchen Gelegenheiten wie unsinnig, um vorzudringen, und die Polizei bekümmert sich nicht um dergleichen in England. So wie diese heroischen Wagenlenker die kleinste Oeffnung vor sich sehen, peitschen sie ihre Pferde hinein, als wären Pferde und Wagen ein eiserner Keil. Beider Erhaltung wird für nichts geachtet. Auf diese Weise war eins der Pferde der liebenswürdigen Lady Stigo mit beiden Hinterbeinen in das Vorderrad des Nebenwagens so eingedrungen, daß es nicht mehr möglich war, es zu degagiren, und eine Umdrehung des Rades ihm ohnfehlbar beide Knochen zermalmt haben würde. Demohngeachtet war der fremde Kutscher kaum dahin zu bringen, still zu halten. Man mußte zuletzt, als sich die Foule etwas geklärt, beide Pferde ausspannen, und dann gelang es noch schwer, sie von einander zu lösen. Während dieser Zeit brüllte das arme Tier so laut, wie der Löwe Nero in Exeterchange. Ein Cabriolet wurde daneben ganz zertrümmert und fuhr seinerseits mit den Gabeln in die Fenster einer Kutsche, aus der das Zetergeschrei von mehreren Weiberstimmen anzeigte, daß sie schon besetzt war. Viele andere Wagen wurden noch beschädigt.

Nach dieser Schilderung würdest Du Gute, mit Deiner Poltronnerie Dich wohl hier nie mehr einem Wagen anvertrauen. Sicherer war es auch gewiß zu Zeiten[34] der Königin Elisabeth, wo Alles, auch die zarten Hoffräuleins, noch zu Pferde sich zu Balle begaben.


Den 27sten.


Ich hatte die Ehre, beim Herzog von Clarence zu speisen, wo auch die Prinzessin Augusta, die Herzogin von Kent mit ihrer Tochter und die Herzogin von Gloucester gegenwärtig waren. Der Herzog macht einen sehr freundlichen Wirth, und erinnert sich immer gütig der verschiednen Epochen und Länder, wo er mich früher gesehen. Er hat sehr viel National-Englisches, im besten Sinne des Worts, auch die englische Liebe zur Häuslichkeit. Es war heute der Geburtstag der Prinzessin Carolath, den er feierte, und ihre Gesundheit dabei ausbrachte, welches die sanfte Emilie, ohngeachtet der Intimität, mit der sie hier als Verwandtin der liebenswürdigen Herzogin behandelt wird, doch vielfach erröthen machte.

Unter den übrigen Gästen muß ich den Admiral Sir George Cockburn erwähnen, der Napoleon nach Helena führte, und mir nach Tisch viel von des Kaisers ungemeinem Talent erzählte, diejenigen zu gewinnen, welche er zu gewinnen die Absicht hatte. Der Admiral bewunderte auch die Aufrichtigkeit, mit der Napoleon über sich selbst, wie über eine fremde historische Person, sprach und unter anderem offen äußerte: die Russen hätten ihn in Moskau so völlig[35] überlistet, daß er jeden Tag bis zum letzten bestimmt auf den Frieden gehofft, bis es endlich zu spät gewesen sei. »C'était sans dout une grande faute«, setzte er nachher gleichgültig hinzu.

Die Töchter des Herzogs sind d'un beau sang, alle außerordentlich hübsch, wenn gleich alle in einem ganz verschiednen Genre; und unter den Söhnen zeichnet sich in vieler Hinsicht der Obrist Fitzclarence aus, dessen Landreise von Indien durch Aegypten nach England Du mit so viel Interesse gelesen hast. Er hat auch über die deutsche Landwehr geschrieben, deren Partisan er jedoch keineswegs ist. Selten findet man einen jungen Officier von so vielseitiger Bildung. Ich kenne ihn schon von älteren Zeiten her, und habe mich schon oft vieler Freundlichkeit von seiner Seite zu rühmen gehabt.

Seine älteste Schwester ist an Sir Sidney verheirathet, und ich hörte von ihr, daß in dieser Familie, seit Lord Leicesters Zeit, die ununterbrochne Reihe der Ahnenbilder nicht nur, sondern sogar eine Haarlocke von jedem der Vorfahren aufbewahrt werde. Auch finde sich dort, unter allen Documenten, noch eine Liste sämmtlicher Gäste bei dem Feste von Kennilworth und sehr merkwürdige Haushaltsrechnungen aus jener Zeit vor. Walter Scott hat, glaube ich, diese Papiere benützt.

Abends flötete die Pasta herrlich bei Gräfin St. A., und zwei bis drei Bälle schlossen den Tag.


[36] Den 29sten.


Herzlich mußte ich diesen Morgen über einen jungen Lord lachen, dem der Aufenthalt in Paris noch nicht viel genützt hat, und dessen schönes Pferd mehr als er selbst die Blicke im Park auf sich zog. Quel beau cheval vous avez là, sagte ich. Ja, erwiederte er mit seinem englischen Accent: »C'est une belle bête, je l'ai fait moi même, et pour cela je lui suis beaucoup attaché«. Er wollte ohne Zweifel sagen, daß er es selbst bei sich aufgezogen habe. Ist das nicht ganz der Pendant zu dem tauben russischen Officier in B., dem der König bei Gelegenheit eines auf den Tisch kommenden Esturgeons zurief: Ce poisson est bien fréquent chez vous, und der, aufstehend, mit einem tiefen Bückling, erwiederte: Oui, Sire, je l'ai été pendant quinze ans.

Rex Judaeorum gab ein prachtvolles Diné, dessen Dessert allein, wie er mir sagte, 100 Lst. kostete. Ich saß neben einer sehr geistreichen Dame, der Freundin des Herzogs von W ... Mtss. A ... eine sehr charakteristische, feine, nicht englische Physiognomie. Du kannst Dir denken, welche enragierte Politikerin! Ich habe sie ohne Zweifel nicht wenig ennuyiert, denn erstens bin ich ein Canningianer, zweitens hasse ich die Politik bei Tische. Wir sahen hier viel Pracht. Das Tafelservice war Vermeil und Silber, das zum Dessert, glaube ich, ganz Gold. Auch in der Nebenstube, unter dem Portrait des Fürsten Metternich[37] (Präsent des Originals) befand sich ein großer, ditto goldner Kasten, wahrscheinlich eine Copie der Bundeslade. Ein Concert folgte der Mahlzeit, in welchem Herr Moscheles so hinreißend spielte, wie seine danebenstehende junge Frau aussah, und erst um 2 Uhr kam ich auf den Rout des Herzogs von Northumberland, eine kleine Gesellschaft, zu der blos 1,000, sage tausend, Personen eingeladen worden waren. In einer ungeheuern Gemäldegallerie wurden bei 30 Grad Reaumur große Musikstücke aufgeführt. Man hörte aber nicht viel davon wegen des Lärms und Drängens. Der Schweißgeruch war gleich der schwarzen Höhle in Indien, fast unerträglich. Sind es nun wirklich civilisierte Nationen, die sich so amüsiren?


Den 31sten.


Die an Kohlenbergwerken reiche Lady L ..., deren Teint zu der Farbe jener den angenehmsten Gegensatz bildet, und deren air chiffoné ganz originell ist, zeigte mir diesen Morgen ihren Bazar. Es ist kein gewöhnlicher, denn es lagen wohl für 300,000 Rtllr. Edelsteine darauf. Das ganze Boudoir, voller Wohlgerüche, Blumen und Seltenheiten, das Clairobscur rother Vorhänge, und die Marquise selbst in einem gelben Gazekleide auf ihre Chaise longue hingestreckt, plongée dans une douce langueur, es war ein hübsches Bild »of refinement«. Diamanten,[38] Perlen, Feder und Tinte, Bücher, Briefe, Spielsachen und Petschaften lagen vor ihr mit einer angefangenen Börse. Unter den Petschaften waren zwei Inschriften pikant durch ihren Contrast; die eine, von Lord Byron, sagt in zwei schönen Strophen:


Love will find its way

Where wolves would fear to stray.


Liebe wird den Weg erspähn,

Wo der Wolf sich scheut zu gehn.


Die andere Inschrift sagt mit ächt französischer Philosophie: Tout lasse, tout casse, tout passe! Außerdem war nichts häufiger im Hause als Portraite des Kaisers Alexander in allen Größen, der in W ... der Marquise die Cour gemacht, und dessen Conterfei die Dankbarkeit daber so sehr vervielfältigt. Ihr Mann war dort Gesandter, und gebrauchte seine englische Prärogative im vollen Maße. Einmal boxte er mit einem Fiaker, ein andermal präsentierte er die Erzherzogin, und wenn ich nicht irre, gar die Monarchin selbst seiner Frau, statt umgekehrt, dann lief er in die Küche, seinen Koch zu erstechen, weil dieser seine Frau beleidigt, enfin il faisait la pluie et le beau temps à V .... ou plûstot l'orage et la grêle.

Denke nun, wie desappointirt die arme Dame, welche so lange auf dem Continent regierte, jetzt seyn muß, hier malgré ses Diamans, son rang et sa jolie mine, nicht recht fashionable werden zu können! Aber dieser Mode-Aristokratie ist schwerer beizukommen, als dem obersten Grade der Freimaurer, und[39] viel capriciöser ist sie noch dazu, als diese ehrwürdigen Männer, obgleich beide, wie der liebe Gott, aus Nichts schaffen!

Ich speiste bei Lord Darnley, wo ich unter andern den Lord Bloomfield, sonst ein markanter Mann und Favorit des Königs, du temps de ses fredaines, und den Erzbischof von York fand, ein majestätischer alter Herr, der als Hofmeister angefangen hat, und durch die Protektion seines Pupillen zu dieser hohen Würde gelangt ist. Nichts ist häßlicher und zugleich komischer als die Demitoilette der englischen Erzbischöfe. Eine kurze Schulmeisterperücke, schlecht gepudert, ein schwarzer französischer Rock und eine kleine schwarzseidne Damenschürze vorne über die Inexpressibles, wie sie die Bergleute hinten zu tragen pflegen. Lord D. lachte sehr, als ich ihn verwundert fragte: si ce tablier faisait allusion au voeu de chasteté. Ich besann mich in dem Augenblick nicht, daß die englischen Erzbischöfe, die sonst so ächt-katholisch sind, sich das Heirathen reservirt haben. Doch ist es wahr, daß ihre Frauen eigentlich nur wie Maitressen behandelt werden, denn sie dürfen nicht den Namen ihres Mannes führen.

Wir wurden sehr gut bewirthet, mit zahmem Garten-Wildpret und herrlichen Früchten von Cobham, und fuhren nach Tisch in ein Concert, was sich gar sehr von den hier gewöhnlichen unterschied. Es ist dies eine Entreprise mehrerer vornehmen Edelleute, Freunde der alten Musik von Händel, Mozart und[40] den alten Italienern, deren Compositionen hier allein aufgeführt werden.

Ich habe lange keinen ähnlichen Genuß gehabt. Was ist doch das moderne Trilliliren gegen die Erhabenheit dieser alten Kirchenmusik! Ich fühlte mich ganz lebhaft in die Jahre meiner Kindheit zurückversetzt, ein Gefühl, das in der That die Seele auf viele Tage stärkt und ihr von Neuem leichtere Schwingen gibt. Der Gesang war durchaus vorzüglich, und in seiner Einfachheit oft überirdisch schön, denn es ist unglaublich, welche Gewalt Gott in die menschliche Stimme gelegt hat, wenn sie recht angewandt wird, und einfach und sicher aus einem schönen Munde ertönt. Bei Händels Chören glaubte man entsetzt die Nacht zu fühlen, die sich über Egypten ausbreitet, und den Tumult der Heere Pharaos mit dem Gebrause des Meeres zu hören, das sie unter seine Wogen begräbt.

Ich konnte mich nicht entschließen, nach so heiligen Tönen die Ball-Fiedeln zu hören, und begab mich daher um 12 Uhr zu Hause, Almacks und noch einen andern Ball der fashionablen Welt gern im Stich lassend. Ich will den Nachhall jener Sphärenmusik mit in meine Träume hinübernehmen, und auf ihren Fittigen mit Dir, meine Julie, eine verklärte Nachtreise antreten. Are You ready? Now we fly ....


[41] Den 1sten Juni.


Sehr bei Zeiten weckte mich heute mein alter B ..., welches er nur thut, wenn ein Brief von Dir da ist. Bei minder wichtigen Gelegenheiten läßt er mich immer ruhen, wenn ich ihm Abends auch noch so sehr einschärfe, mich zu wecken. Die Entschuldigung ist dann stets: Sie schliefen so gut.

Es ist ein wahres Glück, daß ich nicht die Art Eitelkeit besitze, die durch Lob schwindlich wird – sonst müßtest Du einen rechten Thoren aus mir machen. Ach, ich kenne mich nur selbst zu gut, und hundert Fehler, die Deine Liebe zur Hälfte übersieht! Das kleine Teufelchen aber, das Du attackirst, spukt allerdings manchmal in mir. Es ist aber ein ziemlich unschuldiges, oft ein recht dummes, armes, ehrliches Teufelchen; eine Sorte die, hinsichtlich der Moralität, im Grunde zwischen Engel und Teufel in der Mitte steht, mit einem Wort: ein ächtes, schwaches Menschenkind! Da es Dir aber mißfällt, das kleine Teufelchen, so stecke ich es in die Bouteille wie Hofmann, und pfropfe sie mit Salomonis Siegel zu. Von nun an produciere ich Dir nur den Herrnhuter; denn Du weißt, unter ihnen verlebte ich meine Jugend, et si je m'en ressens, je ne m'en ressens guêres.

Auf dem Fancyball, den Du denen in Brighton nachahmen willst, erscheine ich gewiß, und es wird mich dennoch sicher Niemand erkennen, da ich nur unsichtbar zugegen sein kann. Ich werde bloß einen[42] Kuß auf Deine Stirn drücken, und dann wieder verschwinden wie eine Ahnung. Gib also Acht!


Den 3ten Juni.


Aus der großen Welt wandelte ich gestern wieder einmal in die City und beobachtete die mühsame Industrie, welche jener immer die frivolen Luxus-Artikel liefert. Täglich erfindet man hier etwas Neues. Dahin gehören auch die unzähligen Annoncen, und wie sie en evidence gesetzt werden. Früher begnügte man sich, sie anzuschlagen. Jetzt sind sie ambulant. Einer hat einen Hut von Pappe aufgesetzt, dreimal höher als andre Hüte sind, auf welchem in großen Buchstaben: Stiefel zu 12 Schilling das Paar rekommandirt werden. Ein andrer trägt eine Art Fahne, auf der ein Waschweib abgebildet ist, und darunter steht: Only one six pence a shirt. (Nur einen Sixpence das Hemde.) Kasten, wie die Arche Noah, ganz mit Annoncen überklebt und von der Größe eines kleinen Hauses, mit Menschen oder einem Pferde bespannt, durchziehen langsam die Straßen, und tragen mehr Lügen auf ihren Rücken als Münchhausen je finden konnte.

Als ich bei H.R ... anlangte, war ich sehr müde, und acceptirte eine Einladung, bei ihm auf dem Comptoir zu essen. Während dem Essen philosophirten wir über Religion. R. est vraiment un très[43] bon enfant, und gefällig, mehr wie Andere seines Standes, sobald er nur nicht selbst etwas dabei zu riskiren glaubt, was man ihm auch keineswegs verdenken kann. Bei dem Religionsgespräch war er übrigens gewissermaßen im Vortheil, da seine Glaubensgenossen von älterem Religionsadel sind, als wir Christen. Sie sind die wahren Aristokraten in diesem Fach, die durchaus noch nie eine Neuerung passiren lassen wollten. Ich sagte endlich mit Göthe: Alle Ansichten sind zu loben, und fuhr in einem höchst zerbrechlichen Fiaker wieder nach dem Westend of the town zurück, wo es weder Christen noch Juden, sondern nur Fashionables und Nobodys gibt, um bei Mistress P ... die Pasta wieder singen zu hören, und mit der Freundin des Lords H. de moitié Ecarté zu spielen.

Als ich endlich um 4 Uhr zu Haus kam und beim rosigen Tageslicht eingeschlafen war, bildete ich mir ein, mein Lager sey das Moos eines Waldes. Da weckte mich ein klägliches Geschrei. Ich sah mich um und erblickte einen armen Teufel, der eben von der Spitze eines hohen Baumes schräg durch die Luft fuhr, und neben mir zur Erde stürzte. Stöhnend und leichenblaß raffte er sich auf und jammerte schmerzlich: nun sey es aus mit ihm! Ich wollte ihm zu Hilfe eilen, als ein Wesen, das einem zugestöpselten Tintenfaß glich, herbeikam und dem halbtodten Menschen unter Flüchen noch mehrere Stöße mit dem Stöpsel gab. Ich packte es aber, zog den Stöpsel heraus, und wie die Tinte nachströmte, verwandelte[44] es sich in einen Mohren in glänzend silberner Jacke und prächtigem Costum, der lachend rief: ich sollte ihm nur in Frieden lassen, er wolle mir Sachen zeigen, wie ich noch nie gesehen. Jetzt fingen auch sogleich Zaubereien an, die alle Pinettis und Philadelphias der Welt weit hinter sich zurückließen. Ein großer Schrank unter andern veränderte seinen Inhalt jeden Augenblick, und alle Schätze Golkondas mit den unerhörtesten Seltenheiten kamen nach einander zum Vorschein. Ein dicker Mann mit vier hübschen Töchtern, welcher eifrig zusah, und den ich sogleich als einen Herrn erkannte, der früher in Brighton Bälle gab, und Rolls hieß, weshalb man ihn (seiner Corpulenz wegen) dubble Rolls, seine Töchter aber hut Rolls nannte, äußerte indeß, das Ding daure ihm zu lange, er sey hungrig. Sogleich rief der beleidigte Zauberer mit zorniger Miene, indem sein Anzug sich vor unsern Augen scharlachroth färbte:


Zwei wird fünf und sieben zehn.

Augen eßt! Der Mund soll seh'n,

Vorn und hinten wechselt schnell.

Fitzli Putzli very well.


Kaum war diese Beschwörung ausgesprochen, als ein prächtiges Mahl erschien, und der arme Rolls sich eifrig frische grüne Erbsen in die Augen steckte, die auch ohne alle Umstände heruntergingen, während er, mit dem Lorgnon vor dem Munde, alle die übrigen Wunderdinge, die sich auf der Tafel ausbreiteten, betrachtete und in Gedanken verschlang. Jetzt wollte[45] er Frau und Töchter auch dazu einladen, konnte aber über kein anderes Sprechorgan als dasjenige disponiren, dem gewöhnlich das Lautwerden untersagt ist, so daß alle hut Rolls sich über Papas sonderbare »propos« fast todt lachen wollten. Zu guter Letzt ging er noch, in der groteskesten Verdrehung, auf den Händen zum Zauberer hin, um sich zu bedanken, und langte en passant mit den Füssen in eine Schüssel tutti frutti, die sein neues Sprachorgan mit einem melodischen: Delicious! begleitete.

Hat man je von so tollen Träumen gehört, als mich hier heimsuchen? Es sind die trüben Dünste, die Stickluft Londons, die meine Sinne umnebeln. Ich schicke sie daher fort, um sich im heimathlichen Sonnenschein wieder aufzulösen, und lege auf ihre schweren Fittiche tausend liebevolle Grüße.


Deines treuen Freundes L.

1

Man sieht jetzt, daß dies nur eine Redensart war.

A.d.H.

2

Sie wurde später von demselben jungen Fürsten, der in diesem Briefe als schneller Reisender angeführt ist, mit gleicher Schnelligkeit nach dem Continent entführt.

A.d.H.

3

Diese Aeußerung des Herzogs ist seitdem, selbst im Unterhause, öfters zur Sprache gekommen; weniger bekannt aber möchte folgende ganz neuere seyn, die ich der liebenswürdigen Dame verdanke, an die sie gerichtet war. Im Monat November dieses Jahres 1830 unterhielt sich der Premier mit der Fürstin C. und der Herzogin von D. über mehreres Charakteristische der englischen und französischen Nation, und ihre gegenseitigen Vorzüge. Ce qui est beau, en Angleterre, sagte der Herzog mit vielem Selbstgefühl, c'est que ni le rang, ni les richesses, ni la faveur sauraient élever un Anglois aux premiéres places. Le génie seul les obtient, et les conserve chez nous. Die Damen schlugen die Augen nieder, und 8 Tage darauf war der Herzog von Wellington nicht mehr en place.

A.d.H.

4

Wie wenig mochte mein verstorbener Freund damals vermuthen, daß dieser schlecht organisirte Kopf noch solches Untheil über die Welt zu bringen bestimmt war! Auch aus ihm wird zwar, wie aus allem Uebel, einmal Gutes hervorgehen, aber schwerlich werden wir diese Früchte ärnoten.

A.d.H.

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Dritter und Vierter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland und England geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828, Band 4, Stuttgart 1831, S. 1-46.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Briefe eines Verstorbenen
Briefe eines Verstorbenen: Ein fragmentarisches Tagebuch
Briefe eines Verstorbenen: Herausgegeben von Heinz Ohff
Ironie Des Lebens: Bd. Einleitung. Aus Den Zetteltoepfen Eines Unruhigen. Die Pfarre Zu Stargard. Scheidung Und Brautfahrt.-2.Bd. Briefe Eines Verstorbenen (German Edition)

Buchempfehlung

Goldoni, Carlo

Der Diener zweier Herren. (Il servitore di due padroni)

Der Diener zweier Herren. (Il servitore di due padroni)

Die Prosakomödie um das Doppelspiel des Dieners Truffaldino, der »dumm und schlau zugleich« ist, ist Goldonis erfolgreichstes Bühnenwerk und darf als Höhepunkt der Commedia dell’arte gelten.

44 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon