Siebzehnter Brief.

[135] London, den 20sten August 1827.


Liebe Getreue!


Die Neugierde führte mich heute nochmals zu den Arbeiten am Tunnel, wo ich in der Taucherglocke mit auf den Grund des Wassers hinabfuhr, und wohl eine halbe Stunde dem Stopfen der Lehmsäcke, um den Bruch wieder mit festem Boden zu füllen, zusah. Einen ziemlich starken Schmerz in den Ohren abgerechnet, aus denen sogar bei manchen Menschen Blut fließt, ohne jedoch nachher der Gesundheit zu schaden, fand ich es, je tiefer wir sanken, desto behaglicher in dem metallenen Kasten, der oben dicke Glasfenster hat, neben welchen zwei Schläuche ausgehen, die frische Luft ein- und die verdorbene auslassen. Dieses Behältniß hat keinen Boden, sondern nur ein schmales Brett, um die Beine darauf zu stellen, nebst zwei festen Bänken an den Seiten. Einige Grubenlichter geben die nöthige Helle. Die Arbeiter hatten herrliche Wasserstiefeln, welche 24 Stunden lang der[136] Nässe widerstehen, und es belustigte mich, die Adresse des Verfertigers derselben hier bei den Fischen, »auf des Stromes tiefunterstem Grunde« in mein Portefeuille zu schreiben.

Nachdem ich glücklich dem Wasser widerstanden, hätte mir am Abend bald das Feuer einen üblen Streich gespielt. Ein herabgebranntes Bougeoir zündete, als ich auf einen Augenblick in eine andere Stube gegangen war, die Papiere meines Schreibtisches an, und ehe ich löschen konnte, wurden viele mir sehr interessante Sachen vernichtet. Brief-Copien, Kupfer und Zeichnungen, ein angefangener Roman (wie Schade!) eine Unzahl gesammelter Adressen, ein Theil meines Tagebuchs – Alles wurde ein Raub der Flammen. Lächeln mußte ich als ich sah, daß die Quittungen unberührt geblieben, die unbezahlten Rechnungen aber alle bis auf die letzte Spur consumirt waren. Das nenne ich ein verbindliches Feuer! Der große Pack Deiner Briefe ist nur rundum angebrannt, so daß sie jetzt wie auf Trauerpapier geschrieben, aussehen. Auch ganz richtig – denn Briefe unter Lieben trauern immer, daß man sie überhaupt zu schreiben genöthigt ist. Den Dir bekannten Wiener Courier mit 100,000 Glück, der zum Neger geworden, aber glücklich das Leben gerettet und sein Kleeblatt conservirt hat, sende ich als Zeugen und Boten des Brandes jetzt wieder zurück.


[137] Den 21sten.


Es gibt in dem unermeßlichen London so viel terra incognita, daß man, auch nur vom Zufall geführt, stets etwas Neues und Interessantes darin antrifft. So kam ich diesen Morgen nach Linkoln Inn fields, einem herrlichen Square, wohl eine deutsche Meile von meiner Wohnung entfernt, mit schönen Gebäuden, hohen Bäumen und dem wohlunterhaltendsten Rasenplatz versehen. Der ansehnlichste Palast enthält das Collegium der Wundärzte, mit einem sehr interessanten Museum. Einer der Herren zeigte mir die Anstalt mit vieler Gefälligkeit.

Das erste, was meine Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, war eine allerliebste kleine Seejungfer, die vor einigen Jahren in der Stadt für Geld gezeigt, und dann für tausend Pfd. Sterl. verkauft wurde, worauf man erst entdeckte, daß sie nur ein chinesisches betrügliches Kunstprodukt sey, aus einem kleinen Orang Outang und einem Lachs auf das künstlichste verfertigt. Die wirkliche Existenz solcher Geschöpfe bleibt also nach wie vor ein Problem.

Daneben stand ein veritabler großer Orang Outang, der lange hier lebte, und sogar mehrere häusliche Dienste im Hause verrichtete. Herr Clist, so hieß mein Führer, versicherte, daß er diese Affenart für ein eigenes Geschlecht halten müsse, das dem Menschen näher stehe als dem Affen. Er habe das erwähnte Individuum lange aufmerksam beobachtet, und die sichersten Anzeichen von Nachdenken und Ueberlegung bei ihm gefunden, die offenbar über den bloßen Instinkt hinausgingen. So habe z.B. Mr.[138] Dyk, wie er ihn nannte, gleich andern Affen, nach erhaltener Erlaubniß die Taschen der Menschen untersucht, ob Eßwaaren darin seyen, aber stets das, was er darin fand, wenn es seinem Zweck nicht entsprach, sorgfältig wieder hineingesteckt, statt es, wie seine Kameraden, wegzuwerfen oder hinfallen zu lassen. Auch sey er gegen das geringste Zeichen von Mißfallen so empfindlich gewesen, daß er Tage lang darüber habe schwermüthig bleiben können, und oft habe man ihn den Hausdienern, wenn ihnen die Arbeit sauer zu werden schien, freiwillig Hülfe leisten sehen.

Zu den fast unglaublichen Verwundungen gehört folgende: Herr Clist zeigte mir den Vordertheil der Brust eines Menschen in Spiritus, den eine Deichsel bei durchgehenden Pferden so mitten durchgerannt und angespießt hatte, daß er nachher nur mit großer Kraftanstrengung mehrerer Leute von ihr wieder abgezogen werden konnte. Der Schaft war immediat bei Herz und Lungen vorbeigegangen, die er jedoch nur sanft zur Seite gedrückt, ohne sie im geringsten zu verletzen, wohl aber vorn und hinten die Rippen zerbrochen hatte. Nachdem der Mann von der Deichsel abgezogen worden war, blieb ihm noch so viel Kraft, daß er zwei Treppen hoch steigen und sich zu Bette legen konnte. Er lebte seitdem vierzehn Jahre gesund und wohl, die Herren Chirurgen hatten ihn aber nicht aus den Augen gelassen, und bemächtigten sich seines Körpers sobald er tot war, um ihn, nebst der Deichsel, die als eine Reliquie in der Familie aufbewahrt wurde, ihrem Museo einzuverleiben.[139]

Merkwürdig war mir noch ein kleines, schöngeformtes Windspiel, welches in einem Keller vermauert, und nach vielen Jahren im Zustand völliger Vertrocknung gefunden wurde. Es erschien wie von grauem Sandstein ausgehauen, und bot ein rührendes Bild der Resignation, wie zum Schlaf zusammengerollt, und mit einem so wehmüthigen Ausdruck des Köpfchens dar, daß man es nicht ohne Mitleid ansehen konnte. Eine eben so verhungerte und vertrocknete Katze sah dagegen wild und teuflisch aus. So, dachte ich mir, bleibt Sanftmuth selbst im Leiden schön! Es war wie ein Bild des Guten und Bösen in gleicher Lage, und doch mit so verschiedener Wirkung.

Endlich muß ich noch des Skeletts des berühmten Franzosen erwähnen, der sich, noch lebend, doch schon als Skelett hier sehen ließ, da wirklich seine Knochen fast ganz ohne Fleisch und nur von Haut bedeckt waren. Sein Magen war kleiner wie bei einem neugebornen Kinde, und der Aermste zu einer fortwährenden Hungerkur verdammt, da er nicht mehr als eine halbe Tasse Bouillon täglich verzehren konnte. Er ward zwanzig Jahre alt, starb hier in London, und verkaufte sich noch lebendig dem Museo.

Während dem Zuhausefahren hatte ich beim Wechseln am Turnpike eine Menge kleines Geld bekommen, und amüsirte mich, in einer seltsamen Laune, jedesmal wenn ich einem arm aussehenden zerlumpten Menschen begegnete, ein Stück dieses Geldes stillschweigend aus dem Wagen fallen zu lassen. Auch nicht einer ward es gewahr, sie gingen alle ruhig vorüber.[140] Und gerade so macht es Fortuna! Sie fährt auf ihrem Glückswagen fortwährend durch die Welt, und wirft mit verbundenen Augen ihre Gaben aus. Wie selten wird sie aber einer von uns gewahr, und bückt sich darnach, sie aufzuheben. Ja meistens sucht er eben im günstigen Moment wo anders.

Als ich indeß zu Hause kam, fand ich diesmal wirklich eine Gabe des Schicksals, und eine sehr teure – einen langen Brief von Dir. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

Der Herr von S., dessen Du als späten Badegast erwähnst, ist ein alter Bekannter von mir, ein seltsames Original, dem wir alle gut waren, und dennoch alle unwiderstehlich zum Besten haben mußten, und dem fortwährend die ernstesten und lächerlichsten Dinge zugleich begegneten. Du hast Dich selbst überzeugen können, daß er wie eine Carrikatur aussieht, und von allen am wenigsten zum Liebesglück geschaffen schien. Nichts destoweniger war er als junger Lieutenant wie ein Wahnsinniger in eine der schönsten Frauen seiner Zeit, die Baronin B ... verliebt, und als diese eines Abends ihn durch ihren beißenden Spott auf das Aeußerste gebracht, stach er sich vor ihren Augen den Degen durch den Leib. Das Eisen war mitten durch die Lunge gegangen, so daß ein Licht, welches man an die Wunde hielt, vom Athemholen verlöschte. Dem ungeachtet wurde unser tragischer Narr geheilt, und Frau von B ..., die ohnedem[141] ziemlich galant war, von der bewiesenen Liebe so gerührt, daß sie, nach der völligen Herstellung ihres desperaten Liebhabers, nicht länger grausam zu bleiben vermochte, und ihm endlich ein belohnendes Rendez-vous verhieß. Ich weiß nicht, wie ein teuflischer Schadenfroh unter seinen Kameraden davon Kunde bekam, und dem armen S ..., über dessen Todtstechen, so ernstlich es war, man doch nur gelacht hatte, den abscheulichen Streich spielte, ihm einige Stunden vor der bestimmten Zeit eine starkwirkende Medizin beizubringen. Man kann sich den burlesken Erfolg denken; indessen bekam es dem Spaßmacher doch übel. S. tödtete ihn im Duell zwei Tage darauf, mußte den S ....schen Dienst verlassen, und hat nun, wie ich höre, unter Alexanders Fahnen sich ein besseres Loos erkämpft. Gern hätte ich den drolligen Kauz wieder gesehen, dessen Leidenschaften nun wohl auch gleich seiner angebornen Possierlichkeit minder hervorstechend geworden seyn mögen!


Salthill, den 25ten.


Ich habe mich endlich aufgemacht, und die Stadt mit L .... verlassen, der mich einige Tage begleiten will, worauf ich allein weiter in's Land hineinreisen werde. Der erste Ruhepunkt ist ein reizender Gasthof in der Nähe von Windsor, der der Villa eines Vornehmen gleicht. Die lieblichste Veranda mit Rosen und allen möglichen rankenden Pflanzen, so wie mit Hunderten von Blumentöpfen geschmückt, nimmt[142] die ganze Fronte ein, und ein auf das sorgfältigste gehaltner pleasure ground und Blumengarten dehnt sich weit vor meinen Fenstern aus, von denen ich eine herrliche Aussicht auf das gigantische Schloß von Windsor habe, das in der Ferne, in den Rahmen zweier Kastanienbäume eingefaßt, wie ein Feenschloß in der Abendsonne glänzt. Der lange Regen hat alles smaragdgrün gefärbt, und das liebe frische Land hat den wohlthätigsten Einfluß auf meine Stimmung. Ich spreche dabei viel von Dir, gute Julie, mit L ..., dessen Gesellschaft mir sehr angenehm ist. Morgen gedenken wir eine Menge Dinge zu sehen, heute Abend mußten wir uns, da es schon zu spät war, mit einem Spaziergang im Felde begnügen, und machten dann ein gutes Diné mit Champain, der auf Deine Gesundheit, wie sich von selbst versteht, getrunken wurde.


Den 26sten.


Früh am Morgen fuhren wir nach Stoke-Park, der Besitzung des Enkels des berühmten Quäkers Penn, wo im Schlosse noch ein Teil des Baumes aufbewahrt wird, unter dem er den Vertrag mit den Chefs der Wilden schloß, von dem Pensylvanien seinen Namen hat. Wir sahen hier in einem schönen Park die größte Varietät von Damm-Hirschen, wie sie sowohl L ... als mir noch nicht vorgekommen waren, schwarze, weiße, getigerte, scheckige, schwarze mit weißer Blässe, und braune mit weißen Füßen. Park und Garten, obgleich recht schön, boten doch[143] nichts Außerordentliches dar. Dies war dagegen sehr der Fall in Dropmore, dem Lord Grenville gehörig, wo die wundervollsten Bäume, und einer der reizendsten Blumengärten unsere ganze Aufmerksamkeit erregten. Es waren eigentlich drei oder vier Gärten an verschiedenen Orten vertheilt, im Reichthum der Blumen wirklich einzig – theils Parthieen mit Beeten auf dem Rasen, theils auf Kies. Die Letzteren nehmen sich in der Regel weit schöner aus. Besonders originell und vom ausgezeichnetsten Effekt war es, daß jedes Beet immer nur eine Art Blumen enthielt, welches über das ganze Bild einen unbeschreiblichen Reichthum gesättigter Farbenpracht verbreitete. Eine Unzahl von Geranien aller Art und Färbung, nebst vielen andern Blumen, die wir kaum kennen, oder höchstens nur einzeln besitzen, bildeten große und imposante Massen. Eben so viele hundert Arten Malven und Georginen. Dabei waren die Farben im Großen so sinnig zusammengestellt, daß das Auge überall mit wahrem Genuß darauf ruhte.

Ein großer Theil des Parks bestand dennoch nur aus dürrem Boden mit Kiefernhaide und Haidekraut, völlig wie in unsern Wäldern. Der Rasen zeigte sich noch verbrannt, demungeachtet gab die große Cultur dem Ganzen ein durchaus liebliches Ansehen, und bestärkte mich wieder in meiner Ueberzeugung, daß mit Geld und Sorgfalt in dieser Hinsicht jeder Boden, nur das Clima nicht, bezwungen werden kann.

Nachdem wir noch einen andern Park besehen hatten, der einige ausgezeichnet schöne Aussichten darbot, fuhren wir nach Windsor, um das neue Schloß[144] (welches ich, wie Du Dich erinnerst, nur von Außen bei meinem letzten Dortseyn gesehen) en detail zu betrachten. Unglücklicherweise kam mit uns beinahe zugleich der König mit seinem Gefolge in fünf Phaetons, mit Pony's (kleinen Pferdchen) bespannt, dort an, so daß wir über eine Stunde warten mußten, ehe er wieder fortfuhr, und uns der Eingang gestattet werden konnte.

Wir besuchten unterdessen Eaton College, eine alte, von Heinrich VI. gestiftete Erziehungsanstalt, äußerlich ein weitläuftiges und schönes gothisches Gebäude mit einer dazu gehörigen Kirche, innerlich von einer Simplizität, die kaum von unsern Dorfschulen übertroffen werden kann. Weiße, kahle Wände, hölzerne Bänke, und die darin eingegrabenen Namen der Schüler, die hier studierten, (mitunter berühmte Männer, wie Fox, Canning und andere) sind Alles, was man in den Sälen sieht, wo die vornehmste Jugend Englands erzogen wird. König Heinrichs Stiftung gemäß bekommen die Freischüler Tag für Tag kein andres als Schöpsenfleisch. Was muß sich der Stifter hierbei nur gedacht haben!

Die Bibliothek ist recht schön dekorirt und hat interessante Manuscripte.

Als wir von Eaton zurückkamen, war der König wieder abgefahren, und Herr Whyattville, sein Architekt, welcher den neuen Schloßbau leitet, hatte die Güte, uns mit größter Gefälligkeit von allem genau zu unterrichten. Dieser Bau ist ein ungeheures Werk, und der einzige dieser Art in England, welcher nicht[145] allein mit vielem Gelde und technischer Fertigkeit, sondern auch mit ungemeinem Geschmack, ja Genie ausgeführt wird. Die Größe und Pracht des Schlosses, welches, noch nicht halb fertig, schon an drei Millionen unsers Geldes gekostet hat, ist in der That eines Königs von England würdig. Auf einem Berge, grade über der Stadt sich erhebend, und auf allen Seiten eine herrliche Aussicht und Ansicht gewährend, bietet seine Lage schon einen großen Vortheil dar. Sein historisches Interesse, sein hohes Alter, und die erstaunliche Größe und Ausdehnung, die es jetzt erhält, vereinigen sich, es einzig in der Welt zu machen.

Die Pracht des Innern entspricht dem Aeußern. In den ungeheuren gothischen Fenstern kostet z.B. jede der einzelnen Spiegelscheiben zwölf L. St., und Sammt, Seide und Vergoldung blenden im Innern das Auge. Eine hohe Terrasse auf der Seite der Zimmer des Königs, die die Treibhäuser nach Innen bildet, und nach Außen nur eine hohe schroffe Mauer im ernsten Charakter des Ganzen zeigt, umschließt den reizendsten Blumengarten und pleasure ground. Die vier großen Eingangsthore im Schloßhofe sind so sinnig angebracht, daß jedes einen der interessantesten Theile der Landschaft wie im Rahmen faßt.

Alle Zusätze sind, wie ich wohl schon erwähnt, so vortrefflich ausgeführt, daß sie vom Alten nicht zu unterscheiden sind, und ich mag es nicht tadeln, daß man dabei, auch im weniger Geschmackvollen, sich dennoch ganz treu an den frühern Styl gehalten hat. Dagegen gestehe ich, daß die Verzierungen des Innern, ungeachtet ihres Reichthums, mir Vieles[146] zu wünschen übrig ließen. Sie sind zum Theil höchst überladen, und nicht immer, weder dem Charakter des Ganzen analog, noch von angenehmer Wirkung.


Den 28sten.


L .... verließ mich gestern schon, früher als er erst gewollt, was mir sehr leid that, da ein so anmuthiger und freundlich gesinnter Gesellschafter jeden Genuß verdoppelt. Ich fuhr daher noch an demselben Tage mit einem Bekannten von den Horseguards, der hier stationirt ist, nach St. Leonhards-Hill, dem Feldmarschall Lord H ... gehörig, an den mir E ..... einen Brief mitgegeben hatte.

Das Wetter, welches früher bezogen, und von Zeit zu Zeit regnerig gewesen, war heute prächtig, kaum eine Wolke am Himmel. An keinem schöneren Tage konnte ich einen schöneren Ort sehen als St. Leonhardshill. Diese Riesenbäume, dieser frische Wald voller Abwechselung, diese bezaubernden Aussichten in der Nähe und Ferne, dies liebliche Haus mit dem heimlichsten und entzückendsten aller Blumengärten, diese üppige Vegetation, und diese reizende Einsamkeit, aus der man, wie hinter dem Vorhang lauschend, eine Welt voll Mannigfaltigkeit meilenweit im Thale unter sich erblickte, hat ihres Gleichen nicht in England. Die Besitzer sind zwei sehr liebenswürdige alte Leute, der eine von fünf und achtzig, die andere von zwei und siebenzig Jahren, leider ohne Kinder und fast ohne nahe Verwandte, so daß alle[147] ihre Herrlichkeit an entfernte theilnahmlose Menschen fällt. Der alte Herr fand sehr viel Wohlgefallen an meinem Enthusiasmus für die Gegend, und lud mich auf den folgenden Tag bei sich ein, was ich auch mit Vergnügen annahm. Zu Heute war ich schon von meinem Bekannten, Capt. B .... zur Meß der Garde in Windsor eingeladen, wo ich mich um 6 Uhr hinbegab, und erst um Mitternacht wieder weg kam.

Bei guter Zeit am andern Morgen citirte mich Lord H ...., welcher Ranger of the Park in Windsor ist, und mir diesen zeigen wollte, ehe der König darin erscheint. Denn dann sind die Privatanlagen desselben für Jedermann ohne Ausnahme, der nicht zu der eben eingeladenen immediaten Gesellschaft des Königs gehört, hermetisch verschlossen.

Ich kam etwas spät, der gute alte Herr schmälte ein wenig, und gleich mußte ich in den mit vier herrlichen Pferden bespannten Landau hinein, mit welchen wir eiligst durch den hohen Buchenwald dahin rollten. Der König hat in seinem immensen Park von Windsor, der 15,000 Morgen groß ist, mehrere Fahrwege für sich allein anlegen lassen, die nach den interessantesten Punkten hingeleitet sind. Auf einem solchen fuhren wir, und gelangten nach einer halben Stunde zu den königlichen Ställen, wo die viel besprochene Giraffe sich jetzt befindet. Wir erfuhren hier leider, daß der König eben auch seine Wagen hatte bestellen lassen, die schon angespannt auf dem Hofe standen. Es waren sieben, von allen Formen, aber alle mit ganz niedrigen Rädern, auf das Leichteste gleich Kinderwagen gebaut, und mit[148] kleinen Ponys bespannt, der des Königs mit vieren, die er selbst fährt, die andern mit zweien, und die meisten Pferde von verschiedenen Farben. Lord H .... sah diese Equipagen mit Schrecken, da sie ihn fürchten ließen, der König möchte uns begegnen, und sich mal à son aise fühlen, unerwartete Fremde zu sehen, denn der Monarch ist darin seltsam. Es ist ihm unangenehm, irgend ein fremdes Gesicht, oder überhaupt Menschen in seiner Besitzung zu sehen, und der Park ist daher auch, die hindurchführenden Hauptstraßen ausgenommen, eine völlige Einsamkeit. Des Königs Lieblingsparthien sind außerdem dicht umschlossen, und täglich werden noch große Pflanzungen angelegt, um Alles mehr privatim und versteckt zu machen. An manchen Orten, deren Beschaffenheit so ist, daß man leicht einen lauschenden Blick hineinwerfen könnte, sind sogar drei Etagen Plankenzaun übereinander gethürmt.

Wir eilten daher sehr, wenigstens die Giraffe zu sehen, die uns zwei Türken, die sie von Afrika herübergebracht, vorführten. Ein seltsames Thier in der That! Du kennst seine Gestalt, aber nichts kann eine Idee von der Schönheit seiner Augen geben. Denke Dir ein Mittelding zwischen den Augen des schönsten arabischen Pferdes und des reizendsten südlichen Mädchens mit langen rabenschwarzen Wimpern und dem innigsten Ausdruck von Güte, verbunden mit vulkanischem Feuer. Die Giraffe liebt die Menschen, und ist äußerst »gentle« und von gutem Humor, auch gutem Appetit, denn sie säuft täglich die Milch von drei Kühen, die neben ihr ruhen.[149] Ihre lange, himmelblaue Zunge gebraucht sie wie einen Rüssel, und nahm damit unter andern meinen Regenschirm weg, der ihr so gefiel, daß sie ihn gar nicht wieder herausgeben wollte. Ihr Gang war noch ein wenig ungeschickt, da sie sich auf dem Schiff verlegen hatte, sie soll aber im ganz gesunden Zustande sehr rasch sein, wie die Afrikaner versicherten. Aus Furcht vor dem König trieb uns Lord H .... zur Eile, und nachdem wir nur durch einen kleinen dichtverpflanzten Teil des pleasure grounds der Cottage gefahren waren, und diese selbst blos von weitem erblickt, dirigirten wir uns nach Virginiawater, dem Lieblingsaufenthalte Sr. Majestät, wo er auf einem zwar künstlichen, aber sehr natürlich aussehenden, großen See täglich zu fischen pflegt. Ich war nicht wenig verwundert, hier die ganze Gegend plötzlich einen ganz andern Charakter annehmen zu sehen, der in England sehr selten vorkömmt, nämlich den des eigenen Vaterlandes. Kiefern und Fichtenwald, mit Eichen und Erlen gemischt, und darunter unser Haidekraut und auch unser Sand, auf dem die Pflanzungen dieses Frühjahrs sämmtlich vertrocknet waren. Ueber das Pflanzen auf Sand hätte ich den königlichen Gärtnern guten Rath geben können, denn ich überzeugte mich, daß sie die Behandlung solchen Bodens gar nicht verstehen. Auf dem See schaukelte sich eine Fregatte, und an seinen Ufern waren viele angenehme Spielereien, chinesische und amerikanische Häuser etc. mit Geschmack und ohne Ueberladung angebracht. Die Eile, mit der uns der Lord trieb, ließ uns Alles nur flüchtig und größtentheils nur in der[150] Ferne betrachten; ich war jedoch sehr froh, durch diese Gelegenheit wenigstens eine allgemeine Idee des Ganzen bekommen zu haben.

Der alte Mann kletterte mit vieler Mühe auf den Sitz des Wagens und stand dort aufrecht, von mir und seiner Frau gehalten, um zu spähen, ob der König nicht etwa doch irgendwo hervorbrechen möchte, und beruhigte sich erst wieder ganz, als sich die Thore des Allerheiligsten hinter uns geschlossen hatten.

Auf dem Rückwege sahen wir auch die Jagdpferde des Königs, schöne Thiere, wie Du denken kannst, und eine eigne Art sehr zierlicher, ganz kleiner Parforce-Hunde, die man ausser Englands nicht findet.

Mit gutem Appetit kamen wir zum Essen zurück, wo ich noch einige andere Gäste antraf. Unsre Wirthin ist eine sehr liebenswürdige Dame, und eben so parkomane als ich. Alle die herrlichen großen Bäume vor dem Hause, unter und zwischen denen man, wie so viele einzelne Tableaux, die verschiedenen Aussichten erblickt, sind von ihr selbst vor 40 Jahren gepflanzt worden, und nur zwei davon hat sie in dieser Zeit wieder weggenommen. Jeden Tag überzeuge ich mich mehr, daß die breiten, zu offenen Aussichten, welche hier fast ganz verbannt sind, alle Illusion zerstören. Einige ganz alte Anlagen abgerechnet, findest Du fast kein Haus oder Schloß in England, dessen An- und Aussicht nicht vielfach durch hohe Bäume unterbrochen wäre. In den Abbildungen[151] davon wird man getäuscht, weil die Zeichner gewöhnlich, da ihre Hauptabsicht ist, die Architektur des Gebäudes und seinen Umfang zu zeigen, die davorstehenden Bäume weglassen.

Eine recht zweckmäßige Sache im hiesigen Garten war ein gigantischer Parapluie, von der Größe eines kleinen Zeltes, unten mit einer eisernen Spitze versehen, um ihn in den Rasen zu stecken, so daß man an jedem beliebigen Orte sich vor der Sonne geschützt darunter hinsetzen konnte.

Es war mir sehr willkommen, als der freundliche Hauswirth mich auf morgen wieder einlud, an welchem Tage die Hofdamen der Königin von Würtemberg dort essen sollten, was, wenn sie hübsch sind, unsre Parthie nicht verderben wird. Nach Tisch machten wir noch einen Spaziergang, und besahen eine Cottage im Thalgrund des Parks, die, überall von Berg und Wald umschlossen, einen reizenden Contrast zu der reichen Villa in der Höhe bildet, und ritten dann in der Nacht (B. und ich) bei romantischem Sternenlicht zu Haus.


Den 29sten.


Nachdem ich früh in Windsor einen Besuch bei Mistriß C .... abgestattet, deren hübsche Töchter Du aus früheren Briefen kennst, fuhr ich um 4 Uhr[152] wieder zu Lord H ..., immer mit neuem Entzücken den herrlichen Eichenwald seines Parks genießend, an dessen Eingang die niedlichste Gärtnerwohnung von rohen Stämmen und Aesten geschmackvoll aufgebaut, und mit Rosen überwachsen, den lieblichen Charakter des Ganzen schon im voraus anzeigt. Ich fand eine große Gesellschaft, die Oberhofmeisterin, zwei Hofdamen und zwei Cavaliere der Königin von Würtemberg, sämmtlich Deutsche, le Marquis de H ..., einen Franzosen mit seinen zwei Söhnen und seiner artigen Tochter, einer ächten Pariserin, ferner einen englischen Geistlichen und noch einen andern fremden Edelmann.

Die französischen Herrn haben sehr gescheidterweise bei dem alten Lord ohne Verwandten die Cousinschaft geltend gemacht, sind sehr gut aufgenommen, wohnen in der Cottage im Thale, die ich gestern beschrieb, und haben alle Anwartschaft, die Erben des ganzen colossalen Vermögens zu werden. Auch sieht man die kleine Französin schon für eine große Parthie an. Von allen interessirte mich indessen die Gräfin am meisten, weil sie eine höchst liebenswürdige alte Frau ist, voller Würde und Höflichkeit mit dem anmuthigsten Geiste verbunden, die überdieß viel gesehen und erlebt hat, und es auf interessante Weise wieder zu erzählen weiß. Sie sagte mir Manches über Lord Byron, der als Knabe lange in ihrem Hause lebte, und schon damals so unbezähmbar war, daß sie, wie sie sagte, unsägliche Noth mit dem trotzigen, gern Unheil anstiftenden Buben gehabt habe. Sie hielt[153] ihn nicht für schlecht, aber doch für böse, weil er von jeher eine Art Vergnügen daran gefunden habe, wehe zu thun, besonders Weibern, obgleich, wenn er liebenswürdig seyn wollte, ihm, wie sie selbst nicht läugnen konnte, kaum Eine zu widerstehen vermochte. Seine Frau, fuhr sie fort, sey allerdings eine kalte, eitle, und dabei noch dazu gelehrte Närrin gewesen, aber Byron habe sie auch übel behandelt, und wirklich raffinirt gemartert, wahrscheinlich besonders deßwegen, weil sie ihn zuerst ausgeschlagen, als er um sie anhielt, wofür er ihr gleich am Hochzeitstage eine nie endende Rache geschworen habe.

Ich traute diesen Erzählungen nicht sehr, so viel Respekt ich auch sonst für die alte Dame fühlte, denn eine Dichterseele, wie die Lord Byrons, ist schwer zu beurtheilen! Der gewöhnliche Maaßstab paßt nun und nimmermehr dafür, und ich bezweifle sehr, daß bei dem Geäusserten ein anderer angelegt war.

Wenn man sich irgendwo gut gefällt, gefällt man auch gewöhnlich selbst, und so bat man mich denn dringend, einige Tage in diesem kleinen Paradies wohnen zu bleiben. Meine Rastlosigkeit ist aber, Du weißt es zur Genüge, eben so groß als meine Trägheit, und wie ich da, wo ich einmal fest sitze, schwer zur Bewegung zu bringen bin (témoin mein unnützer langer Aufenthalt in London) so kann ich mich auch schwer zum Bleiben zwingen, wo das Interesse des Augenblicks bereits erschöpft ist. Ich lehnte also die Einladung dankbar ab, und kehrte nach Salthill zurück.


[154] Den 30sten.


Die Terrasse des Schlosses zu Windsor dient den Städtern zu einer sehr angenehmen Promenade, welche häufig durch die Musik der Garde belebt wird.

Ich besuchte sie diesen Morgen mit den liebenswürdigen Misses C., und machte dann der Castellanin des Schlosses, einer alten unverheiratheten Dame, mit ihnen eine Visite.

Man konnte nicht schöner wohnen. Jedes Fenster bot dem Blicke eine andre herrliche Landschaft dar. Die jungen Damen hatten sich unterdessen in den Nebenstuben vertheilt, und ich erschrak fast, als die bejahrte Jungfer mich beim Arme nahm und mir zuflüsterte: sie fühle jetzt noch ein wahres Bedürfniß, mir eine zwar alte, aber doch sehr interessante Merkwürdigkeit in ihrem Schlafzimmer zu zeigen. – Das Schlafzimmer einer Engländerin pflegt sonst ein Heiligthum zu seyn, das nur den Vertrautesten geöffnet wird. Ich war also nicht wenig über diese Offerte verwundert, um so mehr, da die alte Dame ohne Weiteres gerade auf ihr Bett zusteuerte, die Vorhänge aufzog, und .... que diable veut elle faire? sagte ich zu mir selbst – als sie mich auf einen Stein in der Wand aufmerksam machte, auf dem ich eine verwitterte Inschrift erblickte. »Dies hat ein junger reizender Ritter in seiner Todesstunde geschrieben, my dear Sir, der hier im Gefängniß schmachtete,[155] und unter dem Stein erdrosselt wurde.« »Mein Gott fürchten Sie sich denn nicht, hier zu schlafen?« erwiederte ich; »wenn der junge Ritter nun als Geist wiederkehrte?« – »Never fear«, rief die joviale Alte, »in meinen Jahren ist man nicht mehr so furchtsam, und vor lebenden und todten jungen Rittern sicher.«

Wir wanderten nun nach der herrlichen Capelle zum Gottesdienst. Die Banner, Schwerdter und Coronets der Hosenbandritter, stolz rund umhergereiht, das trübe Licht der bunten Fenster, das künstliche Schnitzwerk in Stein und Holz, die andächtige Menge, gaben ein schönes Bild, nur durch Einzelnheiten entstellt, wie z.B. das ridicüle Monument der Prinzessin Charlotte, wo die vier Nebenpersonen alle dem Beschauer den Rücken kehren, ohne irgend etwas anders von sich sehen zu lassen, wogegen aber die Prinzessin doppelt erscheint, zugleich als Leiche daliegt und als Engel in die Höhe fliegt.

Von dem Gesang und der Musik umwogt, überließ ich mich, still in eine Ecke gedrückt, meinen Phantasieen, und vergaß, im Reich der Töne tief versunken, bald Alles um mich her. Ich dachte mich endlich selbst todt, und als Besucher jener gothischen Kapelle, die wir, liebe Julie, bauen wollen, vor meinem eignen Grabe stehend. Auf einem weißen Marmor-Sarkophag, dem Chore gegenüber, in der Mitte der Kirche, lag vor mir eine in faltenreiche Gewänder gehüllte Gestalt, ein Lamm und einen Wolf zu[156] ihren Füßen. Ein anderes gleiches Postament daneben war noch leer. Ich näherte mich, und las folgende Inschriften in den Marmor gegraben, und mit goldenen Metall-Buchstaben überkleidet. Auf der schmalen Vorderseite unter dem Haupte des Liegenden standen folgende Worte:


In Deinem Schooß, o Gott!

Ruht seines Geistes unvergänglich Theil –

Denn des ewigen Lebens Gesetz

Ist Sterben und Auferstehn!


Auf der anstoßenden Seite war geschrieben:


Seiner Kindheit fehlte ihr größter Segen –

Liebevolle Erziehung in der Eltern Haus!

Seine Jugend war stürmisch, und eitel und thöricht –

Doch nie entfremdet von Natur und Gott.


Auf der andern Seite:


Ernst war des Mannes Alter und trübe,

Gehüllt in dunkle Nacht wär' es gewesen,

Hätte nicht eine liebende Frau,

Der Sonne gleich, mit hellen wohlthuenden Strahlen

Gar oft die dunkle Nacht zum heitern Tag gemacht.


Auf der letzten Seite:


Des Greises Alter wurde ihm versagt. –

Was er gewirkt, und was er schuf?

Es blühet um Dich her –

Was sonst er Irdisches erstrebte und erwarb –

Den andern galt es viel, doch wenig ihm.


Nun dachte ich viel an Dich, und sie, und alle meine Lieben, und weinte im frommen Schmerze[157] über mich selbst – und als ich mit dem raschen Aufhören der Musik im vollen Accorde aus der Träumerei wieder wach wurde, liefen mir wahrhaftig die hellen Thränen über die Backen, so daß ich mich fast vor den Leuten schämte.


Den 31sten.


Gut bedient wird man in England, das ist wahr!

Ich war um 6 Uhr bei den Gardeoffizieren eingeladen, wo sehr pünktlich gegessen wird, und hatte mich beim Schreiben verspätet. Die Kaserne ist eine Stunde von meinem Gasthof (der wie gewöhnlich zugleich Posthaus ist) entfernt. Ich jagte also meinen Diener die Treppe hinunter »für Pferde.« In weniger als einer Minute waren diese schon angespannt, und in 15 war ich, mit Windesschnelle fahrend, mit dem Schlage sechs am Tisch.

Das hiesige Militair ist im ganzen weit gesellschaftlicher gebildet, als das unsre, schon aus dem Grunde, weil es viel reicher ist. Obgleich der Dienst nichts weniger als vernachlässigt wird, so ist doch von unserer Pedanterie nicht eine Spur, und ausser dem Dienst auch nicht der mindeste Unterschied zwischen dem Obristen und dem jüngsten Lieutenant. Jeder nimmt eben so ungezwungen als in andern Gesellschaften Theil an der Conversation. Bei Tisch sind auf dem Lande alle Offiziere in Uniform, in[158] London nur der, welcher du jour in den Beracken ist – nach dem Essen aber macht sich's jeder bequem, und ich sah heute einen der jungen Lieutenants sich im Schlafrock und Pantoffeln mit dem Obristen, der in Uniform blieb, zu einer Partie Whist hinsetzen. Die Herren haben mich, wenn mich kein anderes Engagement hindert, so lange ich in der Gegend bleibe, für immer zu ihrer Tafel gebeten, und sind ausserordentlich freundschaftlich für mich.

Am Morgen hatte ich Frogmore besehen, und noch einige Stunden mit Besichtigung der Gemälde in Windsor zugebracht. Im Thronsaal sind viele nicht üble Schlachtenbilder von West, die Thaten Eduards III. und des schwarzen Prinzen vorstellend, ein Gewühl von Rittern, schnaubenden Rossen, alten Trachten und Pferdeschmuck, Lanzen, Schwerdtern und Fahnen, das gut zur Dekoration eines Königssaales paßt. In einem andern Zimmer frappirte mich das höchst ausdrucksvolle Portrait eines Herzogs von Savoyen, ein wahres Herrscherideal. Luther und Erasmus, von Holbein, bilden ein paar gute Pendants, und zugleich Contraste. Das feine und sarkastische Gesicht des Letzteren scheint eben die Worte aussprechen zu wollen, die er dem Papste schrieb, als ihm dieser vorwarf, daß er die Fasten nicht halte: »Heiliger Vater, meine Seele ist katholisch, mein Magen aber protestantisch.«

Die Schönheiten am Hofe Carls des Zweiten, die eine ganze Wand daneben schmücken, könnten leicht[159] Gefühle gleicher Unenthaltsamkeit in anderem Sinne erwecken.

Frogmore bietet wenig Sehenswerthes dar. Die große Wasserparthie ist noch jetzt nur ein Froschsumpf, obgleich von Taxus und Rosenhecken umgeben. Ein ganzes Lager beweglicher, leichter Zelte auf dem Rasen nahm sich gut aus.


Den 3ten.


Ich habe mich überreden lassen, bei der schönen Lady G ..., einer nahen Verwandtin Cannings, einige Tage dem speciellen Landleben zu widmen.

Beim Frühstück erzählte sie mir, daß sie vor drei Monaten noch gegenwärtig war, als Canning von seiner Mutter, beide in bester Gesundheit, mit den Worten Abschied nahm: »Adieu, liebe Mutter, im August sehen wir uns gewiß wieder.« Im Juli starb die Mutter sehr plötzlich, und Anfang August folgte ihr der Sohn. – Welch' seltsames Zusammentreffen, denn zur bestimmten Zeit waren sie ja, wie abgeredet, wieder vereint!

Gestern und vorgestern fuhren wir zu den Races nach Egham, die auf einer von Hügeln umgebenen großen Wiese statt fanden. Ich traf viele Bekannte, ward vom Herzog von Clarence der Königin von[160] Würtemberg vorgestellt, wettete glücklich, und wohnte Abends einem Piquenique-Ball in dem Städtchen bei, der, tout comme chez nous, gar viel Kleinstädtisches und sehr lächerliche Dandi's vom Lande producirte.

Heute nahm eine andere Landparthie und ein Spaziergang mit den jungen Damen fast den ganzen Tag weg. Die jungen Engländerinnen sind unermüdliche Fußgängerinnen durch Dick und Dünn, über Berg und Thal, so daß etwas Ambition dazu gehört, um immer mit ihnen gleichen Schritt zu halten.

In dem Park eines Nabobs fanden wir eine interessante Merkwürdigkeit, nämlich zwei aus China hertransportirte Zwergbäume, hundertjährige Ulmen, ganz mit dem verkrüppelten, runzlichen Ansehen ihres Alters und doch kaum zwei Fuß hoch. Das Geheimniß, Bäume so zu ziehen, ist in Europa unbekannt.

Zuletzt stiegen die muthwilligen Mädchen sogar über eine Verzäunung des Windsor-Parks, und störten die streng gehütete königliche Einsamkeit mit ihren Scherzen und Lachen. Ich sah bei dieser Gelegenheit noch mehrere verbotene Parthieen des reizenden Aufenthalts von Virginiawater, wohin sich die Aengstlichkeit des Lord H ... nicht gewagt hatte, und wären wir ertappt worden, in so guter Gesellschaft hätte man es ohne Zweifel gnädig mit uns gemacht.


[161] Windsor, den 5ten.


Wir hatten uns in den vier Tagen meines Aufenthaltes so herzlich Alle genähert, daß der Abschied fast schwer wurde. Die Damen begleiteten mich wohl eine Stunde weit, ehe ich in den Wagen stieg. Ich pflückte einige Vergißmeinnicht am Bache, und übergab sie sentimental als stummen Abschied der schönen Rosabel zuerst, die gebietend unter ihnen stand, wie eine stolze Herrin unter lieblichen Sclavinnen. Sie löste sanft ein Blümchen aus dem Strauß, und drückte mir es wieder in die Hand. – Moquez-vous de moi, mais je le conserve encore.

Endlich fuhr ich, ganz niedergeschlagen davon, und dirigirte meinen Postboy nach den Barraks der Garde zu Pferd, wo ich noch gerade zur rechten Zeit zum Diné ankam. Mit vielem Champagner und Claret (denn ich war sehr durstig von den langen Promenaden, gute Julie), tröstete ich mich über die verlassenen Schönen, so gut sich's thun ließ, und fuhr dann mit Capt. B .... zu einer Soirée bei Mistriß C .... Hier wurde nach dem Thee um 11 Uhr, da der Mond wundervoll schien, auf den Wunsche der Damen, der Entschluß gefaßt, noch einen Gang im Park zu machen, um das gigantische Schloß von einem besonders vortheilhaften Punkte bei Mondschein zu betrachten. Die Promenade war abermals ein wenig lang, aber höchst belohnend. Der Himmel hatte Heerden von Schäfchen auf seine blauen Weiden geschickt, welches jedoch einer der Offiziere, nicht[162] sehr poetisch, aber allerdings ziemlich wahr, mit einem zusammengelaufenen Milchbrei verglich – und die Beleuchtung des glänzenden Mondes darüber konnte nicht herrlicher seyn. Wir wurden in unserer Freude aber bald ziemlich unsanft durch zwei Wildwächter mit Flinten unterbrochen, die uns als auf verbotenem Wegen gehend und als Friedensstörer (eine Gesellschaft von 20 Personen, meistens Damen und wenigstens 7 Gardeoffiziere in Uniform dabei) arretiren wollten. Sie begnügten sich indeß zuletzt mit zwei Offizieren, die sie sogleich mitnahmen. Welcher Unterschied der Sitten! Bei uns würden die Offiziere sich durch die ganz harten Worte, deren sich die Wächter bedienten, entehrt und vielleicht sie todtzustechen verpflichtet gefühlt haben. Hier schien Alles ganz in Ordnung, und nicht der mindeste Widerstand wurde geleistet. Wir Uebrigen gingen zu Hause und nach einer Stunde erst kamen die beiden Arretirten nach, die viele Weitläufigkeiten gehabt hatten, ehe man sie entließ. Der Rittmeister T ..., einer von ihnen, erzählte mit vielem Lachen, daß ihn der Förster sehr hart angelassen habe und gesagt: es sey eine Schande, daß Offiziere, die ihr Dienst verpflichte, Unordnung zu verhüten, sich nicht scheuten, selbst welche zu verüben etc.

»Ganz Unrecht hatte der Mann nicht«, setzte er hinzu, »aber der Damen Wünsche müssen immer befriedigt werden, quand même. –«

Im Gasthof fand ich meinen alten B., der vor sei nem Abgange noch meine persönlichen Befehle entnehmen[163] wollte. Ich bin mit dem cranologisch untersuchten Engländer sehr zufrieden, und werde den Landsmann daher nicht so sehr entbehren. Er bringt Dir einen großen Gartenplan von mir, auf dem ich vor dem Zubettegehen noch eine Stunde in meiner Schlafstube ausgestreckt lag, ehe ich damit fertig wurde, wie Napoleon auf seinen Karten und Weltplänen. Er zeichnete aber mit seinen rothen Nadeln Blut, ich nur Wasser und Wiesen, er Festungswerke, ich Lusthäuser, er endlich Soldaten, ich nur Bäume. Vor Gott mag es am Ende einerlei seyn, wie seine Kinder spielen, ob mit Kanonenkugeln oder Nüssen, aber für die Menschen ist es ein bedeutender Unterschied, und größer offenbar der, nach ihrem eigenen Urtheil, welche sie zu Tausenden todtschießen läßt, als der, welcher blos für ihr Vergnügen sorgt.

Eine lange Liste erklärt Dir den Plan, führe fleißig aus, was ich vorschreibe, und erfreue mich bei meiner Rückkunft mit der Realisirung aller Gartenträume, die Deinen Beifall haben.

Meine Absicht ist jetzt, noch einmal nach London auf wenige Tage zurückzukehren, um meine Pferde selbst einschiffen zu sehen, und dann erst meine längere Tour ins Land anzutreten. Das Tagebuch wird also wohl eine geraume Zeit lang anschwellen, ehe ich es Dir wieder zuschicken kann; glaube deßhalb nur nicht, daß ich in meinen Nachrichten saumseliger werde, denn, wie der geistreiche Prinz sagt: »ich kenne wenig Sachen, die ich lieber thue, als Dir zu schreiben.«

Dein L.

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Dritter und Vierter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland und England geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828, Band 4, Stuttgart 1831, S. 135-164.
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