Vier und zwanzigster Brief.

[381] Cobhamhall, den 30sten Juni.


Geliebte Freundin!


Nachdem ich meinen Brief an Dich abgeschickt hatte, und dann mit einigen Damen eine Landparthie gemacht, fuhr ich auf eine Assemblee beim Herzog von Clarence, wo diesmal ein solches ächt englisches Gedränge war, daß es mir, wie vielen Andern, durchaus nicht gelang, hereinzukommen, und wir nach einer halben Stunde unverrichteter Sache wieder abziehen mußten, um uns auf einem andern Balle zu entschädigen. Die Masse im ersten Zimmer wurde so zusammengepreßt, daß mehrere Herren ihre Hüte aufsetzten, um nur besser mit den Armen arbeiten zu können. Mit Juwelen bedeckte Damen wurden förmlich niedergeboxt, und fielen oder standen vielmehr in Ohnmacht. Schreien, Stöhnen, Fluchen und Seufzen waren die einzigen Töne, die man vernahm. Einige[382] nur lachten, und so unmenschlich es war, muß ich mich doch anklagen, selbst unter diesen letztern gewesen zu seyn, denn es war doch gar zu spaßhaft, so etwas Gesellschaft nennen zu hören. In der That hatte ich es aber auch so arg bisher noch nicht erlebt.

Früh am andern Morgen ritt ich nach C ... hall, um einige Tage dort zuzubringen, auf eine Einladung zu Lord D. Geburtstag, der heute ländlich und anspruchslos gefeiert wurde. Die Familie befand sich, ausser mir, ganz allein noch durch den ältesten Sohn mit seiner schönen und lieblichen Frau vermehrt, welche gewöhnlich in Irland residiren. Häuslichkeit war überall an der Tagesordnung. Man aß früh, um gegen Abend dem Soupé im Freien beiwohnen zu können, welches Lord D .... allen seinen Lohnarbeitern gab, ohngefähr 100 an der Zahl. Es ging dabei höchst anständig zu. Wir saßen im pleasure ground am eisernen Zaun, und auf der gemähten Wiese waren die Tische für die Leute gedeckt. Erst bekamen ohngefähr 50 junge Mädchen aus der Lankaster'schen Schule, die Lady D .... im Park gestiftet, Thee und Kuchen. Alle waren egal angezogen, und mitunter recht hübsch, Kinder von 6–14 Jahren. Nach diesen erschienen die Arbeiter und setzten sich an eine lange Tafel, die reichlich mit ungeheuern Schüsseln voll Braten, Gemüse und Pudding besetzt war. Jeder brachte sein Besteck und seinen irdenen Becher selbst mit. Die Diener des Hauses legten vor, machten überhaupt die Honneurs und schenkten das Bier aus großen Gartengießkannen ein.[383] Die Musikanten des Dorfes musicirten dazu, und zwar weit besser als die unsrigen, waren auch weit besser angezogen, dagegen die Arbeiter nicht so gut und reinlich aussahen, als unsre Wenden in ihrer Sonntagstracht. Es waren durchaus nur diejenigen Bewohner des Dorfs und der Umgegend eingeladen, die fortwährend für Lord D .... arbeiten, sonst Niemand. Die Gesundheiten aller Mitglieder der Familie des Lords wurden mit neunmaligem Hurrahgeschrei sehr förmlich getrunken, worauf unser alter Kutscher Child (jetzt in Lord D ....s Dienst) der eine Art englischer Improvisatore ist, mitten auf den Tisch stieg, und eine höchst possirliche Rede in Versen an die Gesellschaft hielt, in der auch ich vorkam, und zwar indem er mir wünschte


to have allways plenty of gold and never to become old,


(immer genug Geld zu haben und nie alt zu werden)


was der doppelten Unmöglichkeit wegen fast satyrisch klang.

Während dieser ganzen Zeit, und bis es dunkel ward, tanzten und hüpften die kleinen Mädchen unter sich mit großer Gravität auf dem Rasen, ohne irgend einen Zusammenhang, wie Marionetten, rastlos umher, die Musik mochte schweigen oder spielen. Unsere Gesellschaft im pleasure ground ward endlich auch von dieser Tanzlust angesteckt, und ich selbst[384] gezwungen, mein deßhalbiges Gelübde zu brechen, was ich meiner Tänzerin, der 60jährigen Lady D ..., ohnmöglich abschlagen konnte.


Den 4ten Juli.


Lange habe ich mich nicht so gut amüsirt als hier. Am Tage mache ich in der schönen Gegend Excursionen, oder fahre in Lady D ...s Phaeton und Einspänner ohne Weg und Steg in den Wiesen und dem Hohlwalde des Parks umher, und auch Abends nehme ich, wie Jeder, nicht mehr Theil an der Gesellschaft als mir gefällt. Gestern saßen wir so Alle (9 Personen) wohl ein paar Stunden lang nach dem Essen in der Bibliothek gemeinschaftlich zusammen, und lasen, jeder aber, versteht sich, sein eignes Buch, ohne daß ein einziges Wort, die Lectüre unterbrochen hätte, über welches peripathetische Stillschweigen wir doch zuletzt selbst lachen mußten, eingedenk des Engländers, welcher in Paris behauptete, que parler c'était gâter la conversation.

Nachdem ich am ersten Tage die erwähnte Lankaster'sche Schule besichtigt hatte, wo eine einzige Person 60 Mädchen unterrichtet, die aus der Umgegend, so weit sie dem Lord gehört, täglich auf 4 Stunden hierherkommen, ritt ich nach Rochester, um die Ruinen des dortigen alten Schlosses zu besehen, ein schöner Ueberrest des Alterthums. Was nicht mit Gewalt[385] zerstört wurde, steht noch felsenfest seit Wilhelm des Eroberers Zeiten, also mehr als 800 Jahre. Besonders schön sind die Ueberreste des Eßsaals mit colossalen Säulen, verbunden durch reich verzierte sächsische Bogen. Die Stein-Ornamente wurden alle in der Normandie gearbeitet und zu Wasser hergesandt. Ich erstieg die höchste Spitze der Ruine, wo ich eine herrliche Aussicht fand, auf die Vereinigung der beiden Flüsse Medway und Themse, die Städte Rochester und Chatham nebst den Dock-Yards in der letzten, und einer reich bebauten Umgegend.

Zum Diné bekam unsere Gesellschaft einen Zuwachs durch Mr. und Msts. P ..., Mr. M .... und einen Neffen Lord D ....s; Msts. P ... erzählte eine gute Anekdote vom Schauspieler Kemble. Auf einer seiner Kunstreisen in der Provinz spielte dieser in einem Stück, worin ein Kameel vorkömmt. Er sprach deßhalb mit dem Decorateur und äusserte: daß gerade, wie er heute gesehen, ein Kameel in der Stadt sey – der Decorateur möge sich es daher ansehen, um sein artificielles Thier demselben so ähnlich als möglich zu machen. Der Mann schien hierüber sehr verdrüßlich und erwiederte: es thäte ihm leid, daß die Herren von London glaubten, in der Provinz sey man so gar unwissend; was ihn beträfe, so schmeichle er sich, ohne weitere Inspektion, heut Abend ein natürlicheres Kameel herzustellen, als irgendwo eins in der Stadt umhergehen könne.[386]

Am folgenden Tage wurde abermals, und zwar diesmal in Gesellschaft der Damen, ausgeritten, und später, nach dem Luncheon, eine Wasserfahrt auf Lord D ....s eleganter Jacht gemacht. Bis zur Themse fuhr ich die Gesellschaft four in hand, was ich in der letzten Zeit so wenig geübt habe, daß an einem Kreuzwege meine leaders (Vorderpferde) mit ihren Köpfen wider meinen Willen in das Innere einer quer vorbeieilenden Diligence geriethen, und dadurch in beiden Wägen, sowohl vor als hinter mir, einige Schreie des Schreckens hervorriefen, was den alten Child, der mich als seinen Schüler ansieht, sehr entrüstete.

An einem Tage verlor ich so, wie der große Corse, all meinen Ruhm in der großen Kunst, die Zügel zu führen, die man vom Throne regieren, vom Bocke fahren nennt. Ich mußte daher auch den letzteren abdiciren, weil die Damen behaupteten, daß ihr Leben, während ich diesen Platz einnähme, in zu großer Gefahr schwebte.

Dieß verdroß mich so sehr, daß ich, auf der Jacht angekommen, sogleich die Strickleitern hinaufkletterte, und im Mastkorbe blieb, wo ich, von einem lauen Zephyr gefächelt, gemächlich die stets sich ändernde Aussicht bewundern, und über meinen tiefen Sturz philosophiren konnte.


[387] Den 5ten.


Nachdem ich heute noch fleißig geholfen, einige neue Prospekte im Gebüsch auszuhauen, woran wir Alle Hand legten, und einen Weg im Park angegeben hatte, dem man die Ehre anthun will, ihn nach mir zu benennen, nahm ich herzlichen Abschied von dieser vortrefflichen Familie, die den Vornehmen jedes Landes zum Muster dienen könnte, und kehrte, versehen mit mehreren Empfehlungsbriefen für Irland, nach London zurück.


Den 8ten.


Da ich vor meiner Abreise Dir noch vielerlei mit meinen Pferden, Wagen und Vögeln (von den letztern erhältst Du einen ganzen Transport der seltensten) zusenden will, so habe ich dieser Tage mit allerlei Einkäufen viel zu thun gehabt. Während dem gerieth ich auf die Ausstellung des Gewerbfleißes, wo man gar manches Interessantes sieht, als z.B. eine Maschine, die alle im Gesichtskreis befindlichen Dinge perspektivisch, so zu sagen, von selbst zeichnet; ein Fortepiano, das, ausser zu dem gewöhnlichen Gebrauche zu dienen, auch noch hundert Stücke extra allein spielt, so daß man diese mit eignen Phantasieen auf den Tasten begleiten kann; ein sehr compendieuser Haustelegraph, der die Bedienten mehr als zur Hälfte, und ihre lästige Anwesenheit fast ganz[388] erspart; eine Waschmaschine, die für die größte Menge Wäsche doch nur eine Gehülfin braucht; eine höchst elegante Buttermaschine, um sich in Zeit von zwei Minuten die Butter selbst beim Frühstück zu verfertigen, und mehr andere Neuigkeiten dieser Art.

Von hier fuhr ich nach der größten Nursery (Handelsgarten) in der Umgegend Londons, welche ich schon lange zu sehen gewünscht. Die mannichfachen Bedürfnisse so vieler reicher Leute bringen hier Privatunternehmungen von einem Umfang hervor, wie man sie sonst nirgends antrifft. So fand ich in diesem Garten eine Sammlung Gewächshäuser von jeder Größe. Bei vielen waren schmale bleierne Röhren, längs dem Rahmen des Glasdaches hin angebracht, ohngefähr drei an jeder Seite des Daches. In diese Röhren sind ganz schmale Löcher gebohrt, nach Verhältniß ihrer Höhe vom Boden. Das bloße Drehen eines Hahnes füllt die Röhren mit Flußwasser, und in demselben Augenblick entsteht im ganzen Hause ein dichter Regen, gleich dem natürlichen, den man anhalten läßt, so lange man will. Dies macht das beschwerliche Begießen fast ganz unnöthig, wirkt viel kräftiger und gleichförmiger ein, und nur, wo zu dichte Blätter vielleicht dem Regen undurchdringlich sind, wird nachgeholfen.

Gegen Schloßen fand ich folgende einfache Vorrichtung. Auf dem Forst des Glasdaches, wie auf den beiden Seitenmauern sind eiserne Spitzen befestigt, und zwei Fuß über dem Glase zusammengerolltes[389] Segeltuch an sie befestigt. Kommen Schloßen, so wird durch eine leichte und schnelle Vorrichtung dieses Segeltuch, vermittelst angezogener Schnüre, stramm aufgespannt, so daß es gleichsam ein doppeltes Dach bildet, und alle Schloßen davon abprallen müssen, ohne das Glas berühren zu können.

Ohne mich in das Detail der unzähligen Ananassorten, Rosen etc. einzulassen, bemerke ich nur, daß im Departement der Gemüse 435 Arten Sallat, 261 Erbsen und 240 Kartoffeln zu haben waren, und so fort im gleichen Verhältniß fast mit allen Gegenständen des Gartenhandels.

Auf dem Rückwege begegnete ich den Tyrolern, die sich einen freien Tag gemacht hatten, und frug das Mädchen, meine alte Bekannte, wie sie denn alle mit ihrem hiesigen Aufenthalt zufrieden wären? Sie versicherten enthusiastisch, »daß ihr Heiliger sie hierher geführt haben müsse, denn wenige Monate hätten ihnen nun schon 7000 L. St. eingebracht, die sie sich baar mit ihren zwölf Liedern ersungen.«

Der Fürst Esterhazy hat dies Gejodle hier Mode gemacht, und Mode ist hier Alles. Die Sontag und Pasta, ohngeachtet ihres herrlichen Talents, haben doch eigentlich auch nur diesem Umstande: daß sie Mode wurden, ihr Glück in London zu verdanken; denn Weber, der sich zu diesem Ende nicht zu benehmen wußte, erhielt bekanntlich fast nichts, die beiden[390] Bohrer, Kiesewetter, deßgleichen, und mehrere Andere von großem Verdienste waren nicht glücklicher.

Indem ich von der Mode rede, wäre es wohl gerade hier passend, mich vor meinem Abgange aus England noch einmal etwas weitläuftiger über das Wesen der dortigen Gesellschaft auszulassen, das allerdings einen Fremden noch mehr als Nebel, Dampfmaschinen und Postkutschen in diesem gelobten Lande auffallen muß. Es ist wohl nicht nöthig, hier erst zu bemerken, daß bei solchen allgemeinen Schilderungen nur das Vorherrschende ins Auge gefaßt wird, und bei dem Tadel, den das Ganze trifft, der hundert ehrenvollen Ausnahmen, die so vollkommen das lobenswertheste Gegentheil aufstellen, nicht gedacht werden kann.

England befindet sich, allerdings mit Berücksichtigung eines ganz verschiedenen allgemeinen Zeitgeistes, dennoch in einer ähnlichen Periode wie Frankreich, 30 Jahre vor der Revolution. Es wird ihr auch wie jenes verfallen, wenn es ihr nicht durch radikale, aber successive Reform entgeht. Nah verwandte Grundübel sind hier vorhanden, wie dort. Auf der einen Seite: Uebermacht, Mißbrauch der Gewalt, versteinerter Dünkel und Frivolität der Großen; auf der andern zum allgemeinen Nationalcharakter gewordner Egoismus und Habsucht beim ganzen Volke. Die Religion ruht nicht mehr im Herzen und Gemüth, sondern ist eine todte Form geworden, trotz dem ungebildetsten Katholicismus, mit weniger Ceremonien,[391] aber mit gleicher Intoleranz und einer gleichen Priesterhierarchie verbunden, die jedoch, ausser ihrer Bigotterie und ihrem Stolz, noch das voraus hat, daß sie das halbe Vermögen des Landes besitzt.1

Diese Ursachen haben auch dem, was man vorzugsweise Gesellschaft nennt, eine analoge Richtung geben müssen. Die Erfahrung wird dies Jedem bestätigen, der Gelegenheit zur näheren Beleuchtung des high life in England findet, und höchst interessant wird es ihm seyn, zu beobachten, wie verschieden dieselbe Pflanze sich in Frankreich und bei John Bull durch die Verschiedenheit des Urgrundes ausgebildet hat; denn in Frankreich entwickelte sie sich mehr aus dem Ritterthume und seiner Poesie, nebst einer allerdings in der Nation dominirenden Eitelkeit, verbunden[392] mit leichtem Sinn und einer wahren Freude an der Socialität; in England dagegen aus einer brutalen Vasallenherrschaft, dem spätern Handelsglück, angeborner übler Laune des Volkes und einer von jeher ziemlich versteinerten Selbstliebe.

Man bildet sich gewöhnlich im Auslande eine mehr oder weniger republikanische Ansicht von der englischen Gesellschaft. In dem öffentlichen Leben der Nation ist dieses Prinzip allerdings sehr bemerkbar, und wird es immer mehr; eben so in der Art ihrer Häuslichkeit, wo zugleich auch der Egoismus seltsam vorherrscht. Erwachsene Kinder und Eltern werden sich schnell fremd, und was wir Häuslichkeit nennen, ist daher hier bloß auf Mann und Frau und kleine Kinder anwendbar, so lange diese in der unmittelbaren Abhängigkeit vom Vater leben. Sobald sie größer werden, tritt sogleich republikanische Kälte und Trennung zwischen ihnen und den Eltern ein. Ein englischer Dichter behauptet sogar: die Liebe der Großväter zu ihren Enkeln entstehe blos daher, weil sie in ihren erwachsenen Söhnen nichts anders als begierige und feindliche Erben sähen, in ihren Enkeln aber wiederum die künftigen Feinde ihrer Feinde liebten. Ein solcher Gedanke selbst konnte nur in einem englischen Gehirne entstehen!

In den gesellschaftlichen Verhältnissen dagegen ist von oben bis auf die untersten Stufen herab auch nicht eine Spur republikanischer Elemente anzutreffen. Hier ist Alles im höchsten Grade mehr als aristokratisch,[393] es ist castenartig indisch. Eine andere Ausbildung der heutigen sogenannten großen Welt würde vielleicht noch statt gefunden haben, wenn in England ein Hof, im Continentalsinne, Ton und Richtung in höchster Instanz angegeben hätte.

Ein solcher ist aber hier nicht vorhanden. Die englischen Könige leben als Privatleute, die meisten Hofchargen sind fast nur nominell, vereinigen sich höchst selten, nur zu großen Gelegenheiten, und da sich doch irgendwo in der Gesellschaft ein Focus organisiren muß, von dem das höchste Licht und die höchste Autorität fortwährend ausstrahlt, so schien die reiche Aristokratie berufen, diese Stelle einzunehmen. Sie war aber, bei aller ihrer Macht und Reichthum, dennoch nicht allein im Stande, diesen Platz vollständig zu behaupten. Der englische Adel, so stolz er ist, kann sich doch an Alter und Reinheit, wenn solchen Dingen einmal Werth beigelegt werden soll, nicht exclusiv nennen, kaum mit dem französischen, durchaus aber nicht mit dem höheren, großentheils in Takt gebliebenen Deutschen messen. Er blendet nur durch die weislich immer beibehaltenen alten historischen Namen, die wie stehende Masken durch die ganze Geschichte Englands durchgehen, obgleich immer neue Familien und oft solche, die von ganz geringen Leuten, oder Maitressen etc. abstammen, dahinter stecken. Englands Adel hat freilich die solidesten Vorzüge vor dem anderer Länder, durch seinen reellen Reichthum, und noch mehr durch den Antheil an der Gesetzgebung, den ihm die Verfassung einräumt;[394] da er aber im gesellschaftlichen Leben nicht deßhalb, sondern gerade nur vom affi chirten edleren Blute und höherer Extraction seinen Hochmuth hernehmen und beurkunden will, so ist allerdings die Prätension doppelt lächerlich.

Man fühlte dies vielleicht instinktmäßig, und so wurde durch stillschweigende Uebereinkunft als unumschränkte Herrscherin nicht die Aristokratie, nicht das Geld (denn da die Aristokratie eben so reich als die Industrie ist, so konnte die höchste Gewalt unmöglich auf diese übergehen) sondern eine ganz neue Macht: die Mode – auf den Thron gestellt, eine Göttin, die nur in England wahrhaft personell, wenn ich mich so ausdrücken darf, despotisch und unerbittlich herrscht, immer aber durch einige geschickte Usurpatoren beider Geschlechter sinnlich repräsentirt wird.

Der Castengeist, der sich von ihr herab jetzt durch alle Stufen der Gesellschaft mehr oder weniger erstreckt, hat hier eine beispiellose Ausbildung erhalten. Es ist hinlänglich, einen niederern Kreis vertraut besucht zu haben, um in dem auf der Leiter immediat folgenden gar nicht mehr, oder doch mit großer Kälte aufgenommen zu werden, und kein Bramine kann sich vor einem Paria mehr scheuen, als ein anerkannter Exclusiv vor einem Nobody. Jede Gesellschaftsart ist von der andern getrennt, wie ein englisches Feld vom andern, durch Dornhecken. Jede hat ihre eignen Manieren und Ausdrücke, ihren cant, wie[395] man es nennt, und vor allem eine vollkommne Verachtung für alle unter ihr stehenden. Man sieht auf den ersten Blick hieraus, daß die Natur einer solchen Gesellschaft höchst kleinstädtisch in ihren einzelnen Cotterien werden muß, was sie gar sehr von der Pariser unterscheidet.

Obgleich nun die Aristokratie, wie ich bemerkte, als solche nicht an der Spitze dieses seltsamen Ganzen steht, so übt sie doch den größten Einfluß darin aus. Es ist sogar schwer, fashionable zu werden ohne vornehmer Abkunft zu seyn, aber man ist es auch noch lange nicht, wenn man vornehm, noch weniger, weil man reich ist. So ist es beinahe lächerlich, zu sagen, aber doch wahr, daß z.B. der jetzige König, Georg IV., höchst fashionable ist, der vorige es nicht im Geringsten war, und keiner der Brüder des jetzigen es ist, was übrigens zu ihrem größten Lobe dient, da ein wahrhaft ausgezeichneter Mann nie frivol genug seyn wird, um in dieser Categorie sich auf die Länge behaupten zu können, noch zu mögen. Dennoch würde es auch mißlich seyn, bestimmt anzugeben, was auf der andern Seite eigentlich die höchsten Stellen in jener Sphäre verbürge. Man sieht abwechselnd die heterogensten Eigenschaften darauf Posto fassen, und auch politische Motive können in einem Lande wie dieses nicht immer ohne Einfluß darauf bleiben, doch glaube ich, daß Caprice und Glück, und vor Allem die Weiber, auch hierin, wie in der übrigen Welt, das meiste thun.[396]

Im Ganzen aber zeigen allerdings die modischen Engländer, ohne deßhalb ihre angeborne Schwerfälligkeit und Pedanterie sehr ablegen zu können, als den Hauptzug ihres Strebens, das lebhafte Verlangen: die ehemalige französische sittenlose Frivolität und Jactance in ihrem vollen Umfang zu erreichen, während gerade im umgekehrten Verhältniß die Franzosen jetzt diese Disposition mit altenglischem Ernste vertauscht haben, und täglich mehr einem würdigeren Lebenszweck entgegen gehen.

Ein heutiger Londner Exclusiv ist daher in Wahrheit nichts anders, als ein schlechter Nachdruck, sowohl der ehemaligen Roués der Regentschaft, als der Höflinge Ludwig XV. Beide haben miteinander gemein: Selbstsucht, Leichtsinn, unbegränzte Eitelkeit und einen gänzlichen Mangel an Herz – beide glauben sich mit Hohn und Uebermuth über Alles hinwegsetzen zu können, und kriechen nur vor einem Idol im Staube, jene Franzosen ehemals vor ihrem König, diese Engländer vor dem von ihnen eben anerkannten Herrscher im Reiche der Fashion. Aber welch ein Contrast in dem ferneren Resultat! In Frankreich wurde die Abwesenheit der Moralität und Ehrlichkeit wenigstens durch ausgesuchte Höflichkeit ersetzt, für den Mangel an Gemüth durch Geist und Amabilität entschädigt, die Impertinenz, sich für etwas Bessers als Andere zu halten, durch hohe Eleganz und Gefälligkeit der Formen erträglich gemacht, und die selbstsüchtige Eitelkeit wenigstens durch den Glanz eines imponirenden Hofes, ein vornehm repräsentirendes[397] Wesen, die vollendete Kunst des feinen Umgangs, gewinnende Aisance, und eine durch Witz und Leichtigkeit fesselnde Unterhaltung gewissermassen gerechtfertigt, oder wenigstens entschuldigt. Was bietet uns dagegen ein englischer Dandy dar!

Sein höchster Triumph ist, mit den hölzernsten Manieren, ungestraft, so ungeschliffen als möglich aufzutreten, ja selbst seine Höflichkeiten so einzurichten, daß sie der Beleidigung nahe sind, in welchem letztern Benehmen er besonders seine Celebrität sucht. Statt nobler Aisance, sich jeder Gêne der Schicklichkeit entledigen zu dürfen, das Verhältniß mit den Frauen dahin umzukehren, daß diese als der angreifende und er nur als der duldende Theil erscheint, seine beßten Bekannten, sobald sie ihm nicht durch die Fashion imponiren, gelegentlich aus Laune so zu behandeln, als kenne er sie nicht mehr »to cut them« wie der Kunstausdruck heißt, den unsäglich faden Jargon und die Affektation seines »set« gut inne zu haben, und stets zu wissen, was »the thing« ist – das ohngefähr macht den jungen »Lion« in der Modewelt. Hat er noch dazu eine besonders hübsche Maitresse, und ist es ihm nebenbei gelungen, irgend eine Thörin zu verführen, die albern genug war, sich der Mode zu opfern, und Mann und Kinder seinetwegen zu verlassen, so erhält seine Reputation einen noch höhern Nimbus. Verschwendet er dabei auch noch viel Geld, ist er jung und hat einen Namen im Peerage-Buch, so kann es ihm kaum mehr[398] fehlen, wenigstens eine vorübergehende Rolle zu spielen, und er besitzt jedenfalls in vollem Maße alle Ingredienzien für einen Richelieu unserer Zeit. Daß seine Konversation nur in trivialen Lokalspässen und Medisance besteht, die er einer Frau in großer Gesellschaft in's Ohr raunt, ohne darauf zu achten, daß noch Jemand anders außer ihr und ihm im Zimmer ist, daß er mit Männern nur vom Spiel und Sport sprechen kann, daß er außer der Routine einiger Modephrasen, die der seichteste Kopf gewöhnlich am beßten sich merkt, höchst unwissend ist, daß seine linkische Tournüre nur die nonchalance des Bauerburschen erreicht, der sich auf die Ofenbank hinstreckt, und seine Grazie viel Aehnlichkeit mit der eines Bären hat, der im Auslande tanzen gelernt – alles das raubt ihm keinen Stein aus seiner Krone.

Schlimmer noch ist es, daß trotz der vornehmen Rohheit seines äußern Betragens, der moralische Zustand seines Innern, um modisch zu seyn auf einer noch weit niedrigern Stufe stehen muß. Wie sehr der Betrug in den vielen Arten von Spiel, die hier an der Tagesordnung sind, in der großen Welt vorherrscht, und lange mit Erfolg ausgeübt, eine Art von Relief giebt, ist notorisch, aber auffallender ist es noch, daß man den crassesten Egoismus, der doch auch solchen Handlungen nur zum Grunde liegt, gar nicht zu verbergen sucht, sondern ganz offen als das einzige vernünftige Prinzip aufstellt, und »good nature,« oder Gemüth als comble der Gemeinheit[399] belacht und verachtet, wie es in keinem andern Lande der Fall mehr ist, wo man sich solcher Gesinnungen wenigstens schämt, wenn man sie hat. »We are a selfish people, sagt ein beliebter Modeschriftsteller, I confess, and I do believe that what in other countries is called ›amor patriae‹ is amongst us, nothing but, a huge conglomeration of love of ourselves; but I am glad of it; I like selfishness; there's good sense in it« und ferner, nicht etwa satyrisch, sondern ganz ernsthaft eifrig gemeint:

»Good nature is quite mauvais ton in London, and really it is a bad style to take up, and will never do.«

Freilich, wenn man jedes Gefühl auf das spitzfindigste analysiren und verfolgen will, so wird man vielleicht immer eine Art von Egoismus im tiefsten Grunde entdecken, aber eine edle Scham wirft eben deßhalb bei allen andern Nationen einen Schleier dar über, wie auch der Geschlechtstrieb etwas sehr Natürliches und Wahres ist, und dennoch, auch vom Rohsten, verborgen wird.

Hier schämt man sich aber der crassesten Eigenliebe so wenig, daß mich ein vornehmer Engländer einmal belehrte, ein guter foxhunter müsse sich durch nichts in der Verfolgung des Fuchses irre machen lassen, und wenn sein Vater vor ihm, über eine Barriere gestürzt, da läge, so würde er, »if he could'nt help it« mit seinem Pferde unbedenklich über oder[400] auf ihn springen, ohne sich vor beendigter Jagd weiter um sein Schicksal zu bekümmern.2

Bei alle dem hat unser pattern eines Dandy auch in seinen bösen Eigenschaften nicht die geringste Selbstständigkeit, sondern erscheint nur als der ängstlichste Sclave der Mode bis in die größten Kleinigkeiten, so wie der demüthigste Trabant des Glücklichen, der noch höher steht, als er. Würde plötzlich Tugend und Bescheidenheit Mode, so würde Niemand exemplarischer darin seyn, so schwer es ihm ankommen möchte.

Ohne alle Originalität und ohne eigne Gedanken ist er eigentlich jener Tonfigur im Galgenmännchen zu vergleichen, die eine Weile mit allen menschlichen Eigenschaften täuscht, aber plötzlich in Koth zusammenfällt, sobald man entdeckt – daß sie keine Seele hat.

Wer die besten der neueren englischen Romane liest, namentlich vom Verfasser des Pelham, wird aus ihnen eine ziemlich richtige Idee der englischen fashionablen Gesellschaft sich abstrahiren können, wenn er Notabene nicht vergißt, das abzurechnen, was die nationelle Eigenliebe sich zuschreibt, ohne es zu besitzen,[401] nämlich Grazie für ihre Roués, verführerische Formen und gewinnende Unterhaltungsgabe für ihre Dandies. Ich habe eine Zeit lang sowohl die Zirkel derjenigen besucht, die den Gipfel bewohnen, als der, welche sich in der Mitte des modischen Narrenberges, und auch derjenigen, die an seinem Fuße sich angesiedelt haben, und sehnsüchtig nach jenem für sie unerreichbaren Gipfel blicken – selten aber fand ich eine Spur jener anziehenden Gesellschaftskunst, jenes vollkommen und wohlthuend befriedigenden Gleichgewichts aller socialer Talente, eben so weit entfernt von Zwang als Licenz, welches Verstand und Gefühl gleich angenehm anspricht, und fortwährend erregt, ohne je zu ermüden, eine Kunst, in der die Franzosen so lange fast das einzige europäische Vorbild waren.

Statt dessen sah ich in der Modewelt, mit wenigen Ausnahmen, nur zu oft eine wahre Gemeinheit der Gesinnung, ein wenig gezierte Immoralität, und den offensten Dünkel, in grober Vernachlässigung aller Gutherzigkeit, sich breit machen, um in einem falschen und nichtigen »Refinement« zu glänzen, welches dem gesunden Sinn noch ungenießbarer wird, als die linkische und possirliche Preciosität der erklärtesten Nobodys. Man hat gesagt: Laster und Armuth sey die widerlichste Zusammenstellung – seit ich in England war, scheint mir Laster und Plumpheit noch ekelerregender.[402]

Doch laß mich, vom Allgemeinen auf's Einzelne übergehend, einige Herren dieser Region selbst flüchtig skizziren.

Zuerst begegnet uns ein schwer hörender und schwer sprechender Edelmann, eine lange, blonde Figur, was die Soldaten Napoleons im gemeinen, aber passenden Ausdruck un grand standrin nannten, mit einem Gesicht von der coupe der ächt spanischen Merinos und nur in sofern »good looking,« als dies ohne alle Feinheit der Züge und geistvollen Ausdruck derselben möglich ist. Das unbedeutende Auge spiegelt nur eine große Idee ab, nämlich die, welche das Individuum von sich selbst hegt.

Sehen Sie sich diesen Mann an, sagte ich zu meinem kürzlich debarkirten Freunde, er ist kein Dandy, dazu auch nicht mehr jung genug; demohngeachtet aber und in noch höherer Potenz dermalen der Sultan der Mode in England. »Unmöglich,« rief mein Freund, »Sie scherzen.« Nicht im Geringsten, erwiederte ich, und ohngeachtet dessen, was Sie sehen, und was Sie nicht zu bestechen scheint, besitzt dieser glückliche Sterbliche doch einige Eigenschaften für die Rolle, welche er spielt, die nicht zu verachten seyn möchten. Und die sind? unterbrach mich H ..... Für's erste, belehrte ich ihn, ist er einer der vornehmsten und reichsten Edelleute des Landes, für den wenigstens 50,000 Irländer, die er nicht leicht mit seiner Gegenwart beglückt, Hunger leiden müssen; ferner ist er noch unverheirathet, und an Person[403] wie Geist von der wünschens- und empfehlenswerthesten Mittelmäßigkeit, die weder Neid erregt noch Anstoß giebt. Dabei ist er genereus für seine Umgebung, giebt gerne Feste, sieht gerne Leute, läßt sich von den Damen geduldig und mit solchem Vergnügen beherrschen, daß er ihnen Leib und Seele à Discretion hingeben würde, hat ferner das beste Palais in London und das schönste Schloß auf dem Lande, und ist endlich, um gerecht zu seyn, in Meublen, Equipagen und Festen geschmackvoller und erfindungsreicher, als viele Andere, was ihm aber unter solchen Umständen am meisten zur Ehre gereicht, ein sehr rechtlicher Mann.

Dies Letztere könnte gewissermaßen im Widerspruch mit dem erscheinen, was ich früher über die Haupteigenschaften der Modischen gesagt, aber abgerechnet, daß die Ausnahme keine Regel bildet, so muß man auch bedenken, daß die Bewunderer eines glänzenden »Fripon« auch eine »dupe« unter sich zu schätzen wissen.

Schwerlich wäre er auch mit allen genannten Vorzügen so hoch gestiegen, wenn nicht ein großes fremdes Talent sich ihn ausersehen gehabt hätte, um durch und mit ihm, sich selbst eben so hoch auf den Thron zu stellen.

Dem stolzen und männlichen Geiste dieser Dame, den sie, wo sie will, unter der gewinnendsten Affabilität zu verbergen weiß, verbunden mit aller diplomatischen[404] Schlauheit ihres Standes, ist es gelungen, der englischen Suprematie den Fuß auf den Nacken zu setzen, doch konnte sie dem Hofe, der sie seitdem umgab, und sich blindlings von ihr beherrschen ließ, weder ihren Witz und Takt, noch ihre vornehme Haltung, noch jene zurückschreckende Artigkeit gegen Alle, die nicht zu den Auserwählten gehören, mittheilen, die das nec plus ultra dessen ist, nach dem die Exclusives zu streben haben. Fast burlesk ist daher der Abstand, der zwischen ihr und dem Mitregenten in jeder dieser Hinsichten statt findet. Dennoch herrschen beide jetzt im Olymp neben einander. Aber auch die unsterblichen Götter müssen Opposition erleiden, und als solche sehen wir einen Giganten in dem Marquis v ...... auftreten, der, so zu sagen, dem Reich der Unterwelt gebietet. Bei gleichem Reichthume, mehr Verstand und Geschmack, vornehmern Manieren, als der Herzog, und geistvollern, obgleich häßlichen Zügen, ist auch seine Reputation positiver. Seines Charakters wegen wird er zwar vielleicht von Manchen gemieden, von Andern aber desto eifriger aufgesucht, und obgleich auch er den weisen Grundsatz der sich wichtig und gesucht machen wollenden englischen Modewelt: nur sehr schwer Jemanden zu seiner Intimität zuzulassen, streng beobachtet, so hält er sich doch im Allgemeinen populärer, als die von mir zuerst genannten Koryphäen. Auf seinen großen Assembleen darf z.B. der König der Juden erscheinen, der des H ..... Thüren stets verschlossen, und die der S .... höchstens diplomatisch[405] im Geheim geöffnet sieht, und noch manche andere Dii minorum gentium findet man dort, als zu Dutchesses und Ladies gewordene Schauspielerinnen u.s.w., die man in jenen Cirkeln par excellence nicht leicht zu sehen bekömmt.

Der junge Erbe eines berühmten Namens und eines großen Besitzers schien auch Ansprüche auf eine dominirende Stellung machen zu wollen; da aber bei ihm die vortrefflichen Lebenslehren, welche die Briefe seines Ahnherrn enthalten, auf ein sehr dürres Feld gefallen sind, und andere Umstände ihn noch nicht hinlänglich begünstigt haben, so mußte er sich bisher mit sehr untergeordneten Hoheitsrechten und der bloßen Anerkennung seiner schönen Wagen und Pferde, wie den Reizen seiner gefeierten Maitresse begnügen.

Eine hohe Stufe des Einflußes nimmt ferner ein fremder Ambassadeur ein, der ohne allen Zweifel die erste verdiente, wenn der beste Ton, gemüthliche Liebenswürdigkeit, hoher Rang, der feinste Geschmack, und ohngeachtet einer angenommenen englischen Tournure, doch eine völlige Abwesenheit jener Schwerfälligkeit und Pedanterie, die englische Fashionables nie los werden können – die einzigen Ansprüche dazu gäben. Aber eben, weil er sowohl durch seine ausländische, immer über die Anglomanie den Sieg davon tragende Liebenswürdigkeit, wie durch seine deutsche Gemüthlichkeit den Engländern zu fern steht, erregt er zum Theil mehr noch ihren Neid, als ihre[406] Bewunderung, und obgleich ihn die Meisten recherchiren, schon weil er Mode ist, so bleibt er ihnen doch immer ein mehr fremdes Meteor, das sie hie und da sogar anfeinden, und zu dem sie jedenfalls solches Herz nicht fassen können, wie zu ihrem eignen Jupiter Ammon, noch dem sie sich so blindlings unterwerfen wollen, wie der autorité sans replique ihrer Autokratin. Leicht würde vielleicht auch die schöne Gemahlin des Ambassadeurs die Rolle jener Dame gespielt haben, die sie an Reizen, wie an Jugend übertrifft, und eine Zeit lang mochten die Chancen zwischen beiden gleich stehen; aber sie war zu harmloser Gemüthsart, zu natürlich und zu gutmüthig, um definitiv obzusiegen. So hoch sie daher auch ihren Platz im Reiche der Mode einnimmt, hat ihr jene doch, vor der Hand wenigstens, den höchsten abgelaufen. Niemand wird sie aber der genannten Ursachen wegen weniger liebenswerth finden.

Unter den weiblichen Mitherrscherinnen erster Categorie muß ich noch einiger andern erwähnen, die Niemand übergehen darf, der den Eintritt in das Heiligthum wünscht. Oben an steht zuerst eine nicht mehr ganz junge, aber immer noch schöne Gräfin, eine der wenigen Engländerinnen, von der man sagen kann, daß sie eine vollkommen gute und wahrhaft distinguirte Tournure habe. Sie würde mit ihren Naturgaben in jedem andern Lande gewiß durchaus liebenswürdig geworden seyn, hier hat sie dem Gepräge des lieblosen und alles menschlich Schöne und[407] Liebenswerthe so vernichtenden Castengeistes der hiesigen Gesellschaft nicht ganz entgehen können. Man hat sie oft und auf häßliche Weise in der boshaften age angegriffen, ohne ihr jedoch schaden zu können. Sie steht zu hoch und zu lieblich dazu da.

Eine schottische Viscounteß, die ganz speziell im Schatten der fremden Herrscherin sich entfaltet hat, unter deren Fittigen ich sie vor 12 Jahren noch ziemlich demüthig emporklimmen sah, hat seitdem allen Hochmuth, um nicht zu sagen, coarseness ihrer Bergcompatrioten angenommen. Von der erwähnten impertinenten Artigkeit hat sie nur die erste Eigenschaft zu erlangen verstanden, und würde, wenn sie nur ihren Mann und nicht auch ausserdem ein großes unabhängiges Vermögen und dadurch politischen Einfluß beherrschte, wohl schwerlich von ihrer hohen Gönnerin auf den jetzt inne habenden Platz gestellt worden seyn, obgleich man in einem, so verschiedene Zwecke beabsichtigenden, weiblichen Ministerium auch zuweilen odd characters gebrauchen mag. Vor 12 Jahren, als ich England zum erstenmal besuchte, war diese Dame recht hübsch, und damals schon in diplomatischen Fesseln, aber anderer Art. Jetzt lebt sie bloß der Modeherrschaft und der Politik.

Wie die nachsichtige Gouvernante der übrigen erscheint eine dritte Lady, welche, glaube ich, auch auf den Titel einer deutschen Reichsgräfin Anspruch macht, der zwar in England sehr gering geachtet wird,[408] aber, von einer Engländerin besessen, durch sie natürlich einen ganz andern Glanz erhalten muß. Dieser Titel in der Familie wurde auf dieselbe ehrenvolle Art erlangt, welcher die ersten Herzöge Englands den ihrigen verdanken. Eine Ahnfrau der Familie gefiel einem deutschen Kaiser, u.s.w. Ihre Enkelin würde jedoch schwerlich ein gleiches Glück gemacht haben, obgleich sie in der That noch einige Spuren der österreichischen Unterlippe in ihrem etwas in die Länge gezogenen Gesichte aufweisen kann. Sie ist bei gebildetem Geist wohl die gutmüthigste der Lady Patronesses, sehr inoffensive, und sieht oft so aus, als wenn sie die häusliche Fireside weit mehr lieben und zieren würde, als ihren hohen Posten für Almacks.

Als ihr Gegensatz kann eine andere Gräfin betrachtet werden, eine Französin von Geburt, die aber, von Kindheit an nach England emigrirt, längst vollständig nationalisirt wurde, und gewiß nicht zu ihrem Vortheil. Dennoch ist sie mehr für die Gesellschaft gemacht geblieben, als die bisher geschilderten. Sie ist durchaus eine Frau von Welt, nicht mehr jung, aber ebenfalls noch gut conservirt, mit vielsagenden, feurigen Augen und schönen dichten Augenbraunen darüber, denen auch Viele Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Die Chronique scandaleuse hat von ihr behauptet, sie habe es im Conseil der dirigirenden Modedamen vorzüglich übernommen, wie bei den alten französischen Regimentern immer einer unter den Offizieren dazu gewählt wurde, die Valeur der Neuangekommenen auf die[409] Probe zu stellen und der Tateur genannt wurde, dieselbe Rolle gegen alle Neulinge hinsichtlich ihrer Fähigkeit Mode zu werden, in der großen Welt zu spielen.

Es bleiben nun noch zwei Frauen übrig, mit denen die Zahl der Auserwählten ziemlich geschlossen ist, ja die letzte davon gehört schon eigentlich nicht mehr dazu, und schwebt mehr vereinzelt in der Atmosphäre, wie ein Comet im Planetensystem. Beide sind Marquisinnen, beide passiren für hübsch, beide sind reich, die eine hat auch Verstand, welcher der andern abgeht, und es ist daher wohl möglich, daß die erste sich durch die Zusammenstellung mit der andern ziemlich beleidigt fühlen würde, wenn dieser bescheidne Versuch einer flüchtigen Charakteristik ihr je unter die Augen käme.

Es ist überhaupt Schade, daß diese Frau eine so große Meinung von sich selbst hat, und als eine der heftigsten Ultras ganz in Politik vergraben ist. Wenn sie in ihrem alten Schlosse, das einst der Königin Elisabeth zugehörte, Hof hält, scheint sie sich wirklich in der douce illusion zu befinden, sie selbst sey Elisabeth. Die Politik hatte sie damals mit der Alleinherrscherin etwas gespannt, folglich auch mit ihrem Satelliten, dem großen und langen H ...... Dagegen sah man zwei andere wichtige Personen im Reiche der Mode sehr häufig in ihrem Hause, das sich übrigens in der Politik blindlings dem Helden von Waterloo unterworfen hatte. Da die eine dieser Personen ein Dandy der höchsten Art, die andere aber der[410] erste bel esprit der hohen Gesellschaft ist, so muß ich ihnen wohl auch eine kurze Aufmerksamkeit schenken.

Nur in der Unschuldsepoche der englischen Modeherrschaft, wo man noch das Ausland für seine Sitten copirte, und nicht die jetzige Selbstständigkeit, die nun sogar als Muster für andere Länder aufzutreten anfängt, erlangt hatte, regierte ein Dandy hauptsächlich durch seine Kleidung, und der berühmte Brummel tyrannisirte mit diesem einzigen Mittel bekanntlich Jahre lang town and country. Jetzt ist dies nicht mehr der Fall; der höhere Exclusiv affektirt im Gegentheil eine gewisse Unaufmerksamkeit auf seine Kleidung, die sich fast immer gleich ist, und, weit entfernt jeder Mode zu folgen oder solche zu erfinden, bleibt sein Anzug höchstens nur durch Feinheit und Sauberkeit ausgezeichnet. Es gehört jetzt allerdings schon mehr dazu, der Mann nach der Mode zu seyn. Man muß unter andern, wie einst in Frankreich, der Ruf eines herzlosen Weiberverführers haben, und ein gefährlicher Mensch seyn. Da man es aber den ehemaligen Franzosen an glänzender Liebenswürdigkeit und einnehmender Gewandtheit, mit einem undistinguirten Aeußern und unbezwinglich holprigen Manieren, auch bei dem besten Willen nicht gleich zu thun im Stande ist, so muß man sich dafür, wie Tartuffe, als ein gleich süßer und giftiger Heuchler geltend zu machen wissen, mit leisem Gespräch, welches jetzt Mode ist, und falschen Worten sich die Bahn zu jeder gewissenlosen Handlung im Dunkeln brechen, als da sind falsches Spiel und[411] Betrug des Neulings in jeder Art von Sport, bei dem so mancher junge Engländer, statt gehoffter Belustigung, Selbstmord und Verzweiflung einerndtet, oder, wo diese Künste nicht anwendbar sind, durch Intriguen aller Art die im Wege Stehenden um Ehre oder Vermögen zu bringen suchen, im geringsten Fall aber sie wenigstens ihres Einflusses in der ausgewählten Gesellschaft zu berauben wissen.

Wer Englands Schattenseite genauer kennt, wird mich hier nicht der Uebertreibung zeihen, und es nicht auffallend finden, daß der von mir erwähnte Modeheld, ein junger Mann von guter Abkunft, aber ohne Vermögen, und im Grunde nicht als ein geschickter Chevalier d'industrie, sich durch den Namen sweet mischief (sanftes Verderben) eben so gut charakterisirt als geschmeichelt fühlt. Die Marquise scheint bis jetzt nur von dem sweet angezogen worden zu seyn, es besteht größtentheils in, wie man sagt, unterhaltender, süß zugeflüsterter Verläumdung, vielleicht lernt sie später auch noch das mischief kennen.

Der bel esprit, dessen caustische Kraft man so ungeheuer fürchtet, daß man ihm wörtlich, wie die Wilden den Teufel, hofirt, damit er nicht beiße, hat eine der widerlichsten Außenseiten, die mir noch vorgekommen sind. Er ist wohl über fünfzig Jahre alt, und sieht vollkommen aus wie eine in Galle eingemachte bittere Pomeranze, ein grau und grünlicher alter Sünder, der bei Tisch nicht essen kann, bis er zwei oder drei Menschen ihres guten Namens beraubt, und eben so viel andere, oft nichts weniger als geistreiche,[412] Bosheiten gesagt hat, die aber dennoch von allen sich in seinem Bereich Befindenden, stets mit lautem Beifall und convulsivischem Lachen aufgenommen werden, obgleich Manchem dabei die Gänsehaut überrieseln mag, daß, sobald er den Rücken gekehrt, ihm Gleiches wiederfahren werde. Aber der Mann ist einmal Mode. Seine Aussprüche sind Orakel, sein Witz muß exquisit seyn, seitdem er das Privilegium dazu von der fashionablen Gesellschaft erhalten hat, und wo die Mode spricht, da ist, wie gesagt, der freie Engländer ein Sclave. Ueberdem fühlt der Vulgaire wohl, daß er in Künsten und geistreichen Dingen im Allgemeinen kein recht competentes eigenes Urtheil hat, und applaudirt daher am liebsten blindlings einem bon mot, wenn er andere lachen sieht, so wie ihn jedes Urtheil, wenn es aus patentirtem Munde kömmt, – eben so wie das hiesige Publikum einen ganzen Winter lang sich durch die Tyroler Gassendudler, für schweres Geld, welches die grüne Fleischerfamilie lachend einstrich, – bis in den dritten Himmel entzücken ließ.

Bald hätte ich aber vergessen, daß mir noch eine letzte Dame mit wenigen Worten zu schildern übrig bleibt. Es ist dies eine recht artige petite maitresse, der zugleich ihr großer Reichthum erlaubt, das ein wenig leere, aber doch ganz hübsche Köpfchen mit den schönsten Steinen aller Farben zu schmücken, die England aufweisen kann. Wenn man sie früh, languissant auf ihrer chaise longue hingeworfen sieht, er blickt man in hundert eleganten Behältern um sie[413] her unzählige Colifichets, niedlich ausgelegt, deren Vorweisen aber dennoch kaum hinreichend ist, eine stets stockende Unterhaltung im Gang zu erhalten. Ein meistens gegenwärtiger Hausfreund, auf dessen Lippen ein fortwährend nichts sagendes Lächeln schwebt, bringt ebenfalls nicht viel Veränderung in's Gespräch, und die Busenfreundin, eine Art beweglicher Zwerg, mit einem pied de nez ist noch aimabler, wenn sie schweigt, als wenn sie spricht. Zwei allerliebste Kinderpuppen in den niedlichsten Phantasiekleidungen, welche häufig mit den Colifichets zusammen ausgestellt werden, und recht artig plappern, vollenden das Gemälde. Die arme Marquise, welche bei allem Schmachten und blassem durchsichtigen Teint, doch, wie alle etwas beschränkten Geister, auch zuweilen recht boshaft werden kann, zumal wo ihre Eitelkeit mit in's Spiel kömmt, ärgert sich fortwährend, daß sie nicht ganz Mode und recht fashionable, weder Fisch noch Fleisch, wie man sagt, werden kann. Dieser fortwährende Amphibienzustand ist auch sehr unangenehm, und scheint sans remêde, denn sie mag nun einmal die Gurli spielen, ein andermal die Tugendheldin affichiren, oder durch einen frischen Aufenthalt in Paris sich ein neues Lustre zu geben versuchen – it will never do.

Ueber die berühmten Almacks und die unrivalisirte Macht der Lady Patronesses habe ich Dir schon geschrieben. Zwei große Akte ihrer Herrschaft muß ich aber noch hinzufügen.[414]

Einmal geboten diese Damen in ihrer liebenswürdigen Laune, daß Jeder, der nach Mitternacht auf den Ball käme, nicht mehr eingelassen werden sollte. Der Herzog von Wellington kam einige Minuten später aus der Parlamentssitzung und glaubte, für ihn werde die Ausnahme nicht fehlen. Point du tout, der Held von Waterloo konnte diese Festung nicht erobern, und mußte unverrichteter Sache wieder abziehen.

Ein andresmal erließen die Lady Patronesses den Befehl, daß nur solche Herren, welche krumme Beine hätten, in weiten Pantalons auf Almacks erscheinen dürften, allen andern wurden kurze Hosen vorgeschrieben, in England, wo selbst der Name dieses Kleidungsstückes sonst verpönt ist, ein kühner Befehl.

Die Furcht vor dem neuen Inquisitionstribunal war so groß, daß man auch hier im Anfang gehorchte, später erfolgte indeß eine Reaction. Eine große Anzahl Herren erschienen an den Thoren in den probirten Pantalons, und verlangten Einlaß, indem sie sich der krummen Beine schuldig erklärten, und im Fall man ihnen nicht glauben wolle, die Lady Patronesses einluden, sich selbst durch genauere Untersuchung davon zu überzeugen. Seit dieser Zeit drückten die Damen über diesen Theil der männlichen Kleidung ein Auge zu.


[415] Den 10ten.


Es ist mir um so lieber, daß ich auf meiner Abreise von hier begriffen bin, da mir eben noch etwas eben so Unangenehmes als Unerwartetes begegnet ist, was mich in dem Augenblick mehr en vûe setzt, als mir lieb ist.

Schon einmal, glaube ich, schrieb ich Dir von einer Nichte Napoleons, die ich zum erstenmal beim Herzog von Devonshire sah, wo sie sich eben sehr eifrig mit H. Brougham unterhielt, als ich ihr bekannt gemacht wurde. Sie ist schön gewachsen, hat außerordentlich brillante Farben, Napoleons antike Nase, große ausdrucksvolle Augen, und alle französische Lebhaftigkeit, als Zugabe noch mit italiänischem Feuer gemischt. Dabei etwas Excentrisches in ihrem ganzen Wesen, was ich wohl liebe, wenn es Natur ist, obgleich ich offen bekennen muß, daß es mir hier nicht ganz frei von Absicht und Angewöhnung schien. Indessen ihr Name imponirte mir. Du kennst meine Ehrfurcht vor dem erhabnen Kaiser, jenem zweiten Prometheus, den Europa an einen Felsen jenseits der Linie schmiedete, jenen Riesen, welchen eine Million Pigmäen endlich zu ihrem Nachtheil erschlugen, weil sie nicht Kraft genug hat ten, diesen mächtigen Geist zu zähmen, daß er ihnen Dienst geleistet hätte.

Hauptsächlich um von ihm zu sprechen, ging ich also fleißig zu ihr, und cultivirte die Bekanntschaft[416] der etwas männlich schönen Frau mehr als ich sonst gethan hätte, nicht weil sie wenig Mode war, sondern weil diese Art weiblicher Charaktere und Reize überhaupt keineswegs diejenigen sind, welche ich vorziehe.

Unterdeß waren wir ziemlich bekannt mit einander geworden, als sie nach Irland abreiste, und ich ihrer nicht weiter gedachte.

Vor einigen Wochen kam sie wieder hier an, von ihrem Manne, einem Engländer, geschieden, den sie, excentrisch genug, nur deshalb geheirathet hatte, um mit ihm nach Helena gehen zu können, was später dennoch vereitelt ward.

Ihr französisches Wesen und ihre lebhafte Unterhaltung, nebst allen diesen Details, zogen mich von neuem an, und ich sah sie noch öfter als früher. Vorige Woche trug sie mir auf, ihr ein Billet zu einem dejeuné champêtre im Garten der horticultural society zu verschaffen, über welches Fest auch Lady Patronesses gesetzt worden sind. Als ich das Billet brachte, verlangte sie, ich solle sie begleiten. Ganz gutmüthig erwiederte ich, daß hier, wo die Gesellschaft so kleinstädtisch sey, leicht ein Gerede darüber entstehen könne, und wir morgen vor einem Zeitungs-Artikel nicht sicher wären, wenn wir diesen Ort allein mit einander besuchten. Statt der Antwort brach sie in Thränen aus, und sagte: es thue nichts, denn ihr wäre alles ohnehin jetzt einerlei, da sie morgen nicht mehr auf dieser Welt seyn würde. –[417] Dabei zog sie ein Fläschchen Opium oder Blausäure aus ihrem Busen, und versicherte, daß sie diese noch vor Nacht auszuleeren entschlossen sey, bis dahin aber sich betäuben wolle so gut es gehe.

Ich war nicht wenig erstaunt über ein so unerwartetes propos, suchte indeß die schluchzende Schöne so gut ich konnte zu beruhigen, warf das Giftfläschchen zum Fenster hinaus, und äußerte die Hoffnung, daß die heitre Fete, die Gesellschaft, die freie Luft, der Beifall, den ihre hübsche Toilette einerndten müsse, gewiß dieser thörichten, aufgeregten Stimmung schnell Herr werden würden.

Obgleich ich ihre näheren Verhältnisse nicht kannte, so war doch nicht schwer zu errathen, daß eine unglückliche Liebe im Spiel seyn mußte, der einzige Grund, aus welchem Weiber sich das Leben zu nehmen pflegen, und da ich ähnlichen Schmerz auch in meinem Leben empfunden habe, so gestehe ich, daß sie mir sehr leid that, und ich ihre Aeußerungen, wenn auch übertrieben, doch nicht ganz für leere Affektation hielt.

Unterdessen war mein Wagen gekommen, und wir stiegen ein, indem sie nochmals wiederholte, sie dränge sich blos zu dieser Zerstreuung, weil sie die Marter der Einsamkeit nicht länger zu ertragen vermöge.

Während der Fahrt kam es denn zu einer vollständigen Confidence, die ich übergehe, denn es war das alte Lied von Liebesleiden und Freuden, was der Mensch eben so sicher in jeder Generation wiedersingt, als Nachtigall und Zeisig die ihrigen.[418]

Während ich meiner schönen Freundin möglichst Trost einsprach, konnte ich mich nicht enthalten, innerlich Betrachtungen anzustellen, wie sonderbar das Schicksal spiele, und wie noch viel sonderbarer es von uns selbst gehandhabt und beurtheilt werde. Neben mir saß die Nichte Napoléon's! des einstigen Herrn fast der ganzen civilisirten Welt, eine Frau, deren Onkel und Tanten Alle noch vor kaum vergangener Zeit auf den ältesten Thronen Europa's saßen, während sie jetzt durch die ungeheuersten Ereignisse in die Classe der gewöhnlichen Gesellschaft herabgeworfen worden sind – und das Alles hat dennoch nicht den geringsten Eindruck mehr auf das neben mir sitzende Individuum gemacht, keinen Schmerz bei ihr zurückgelassen, aber die Untreue eines albernen englischen Dandy's erregt ihre Verzweiflung, und bringt sie zu dem Entschluß, seinetwillen ihr Leben zu enden!!! Mit einer wahren Indignation rief ich ihr zu, daran zu denken, wem sie angehöre, und an das erhabne Beispiel vom Ertragen des Lebens in wahrem Unglück, das ihr großer Oheim ihr und der Welt gegeben. Aecht weiblich aber gab sie gar nichts auf diese Tirade und erwiederte: Ach wenn ich jetzt die Wahl hätte, j'aimerai cent fois mieux être la maitresse heureuse de mon amant que Reine d'Angleterre et des Indes.

Bei alle dem schien die Fete und die Gesellschaft, so wie einige Gläser Champagner beim Frühstück, die ich ihr einnöthigte, ihre Verzweiflung bedeutend zu mildern, und ich brachte sie um 6 Uhr zurück, (ziemlich[419] sicher, daß keine zweite Opiumflasche geholt werden würde) um meine Toilette zu einem großen Dinné bei unserm Gesandten zu machen, das ich nicht versäumen wollte.

Denke Dir nun meinen wirklich nicht geringen Schreck, als mir einige Tage darauf R. mit seinem gut angenommenen englischen Phlegma erzählt: Heute früh hat sich die W .... im Serpentineriver ersäuft, ist nachher von einem vorbeigehenden Bedienten herausgefischt und schon mehrere Stunden ehe unsereins aufsteht, unter großem Volkszulauf nach ihrer Wohnung zurückgebracht worden. »Mein Gott, ist sie todt?« rief ich. »Ich glaube nicht,« erwiederte R ... »sie soll, wenn ich recht hörte, wieder zu sich gekommen seyn.«

Ich eilte sogleich nach ihrer Wohnung, fand aber alle Läden verschlossen, und der Diener äusserte, daß Niemand außer dem Arzte vorgelassen würde, die Herrschaft sey tödtlich krank.

Das heißt doch die Narrheit ein wenig zu weit treiben, dachte ich bei mir selbst, und diese, ihrem unsterblichen Verwandten so schlecht nachahmende Nichte, illustrirt recht die Wahrheit: wie viel leichter und schwächer es sey, ein unerträgliches Leid durch Selbstmord abzuwerfen, als es kühn bis zum letzten Athemzug zu tragen!

Doch fühlte ich lebhaftes Bedauern mit der armen Frau, und freute mich fast, daß meine nahe Abreise mir das Wiedersehen derselben, nach einer solchen[420] Catastrophe erspare, da ich ihr weder helfen noch ihr Benehmen billigen konnte. Wie sie gestern die Hortikultural Gardens, besuchte auch ich heute, nämlich bloß um mich von diesen unangenehmen Eindrücken zu zerstreuen, eine große Gesellschaft bei der Marquise H.. Kaum war ich durch einige Zimmer gegangen, als ich dem Herzog von C. in den Wurf kam, einem Prinzen, der, obgleich er sich nicht pikirt, ein Liberaler zu seyn, doch die Oeffentlichkeit sehr liebt.

Kaum wurde er mich ansichtig, als er mir schon von weitem zurief: »O P ..... was zum T .... haben Sie für Streiche gemacht? Es steht schon in den Zeitungen, daß sich die W .... Ihretwegen ersäuft hat.« .....»Meinetwegen, E.K.H.? was für ein Mährchen!« Läugnen Sie es nur nicht, ich sah Sie ja selbst solus cum sola mit ihr im Wagen – alle Welt ist davon unterrichtet, und ich habe es auch schon nach B. an den K. geschrieben. Nun diese fremde Sünde auf mein Conto fehlte mir noch, erwiederte ich verdrießlich. Uebrigens wissen Sie, daß dem Napoleonischen Geschlechte nur die Engländer verhängnißvoll sind. Der Höchste desselben hat der ganzen Nation die Schmach seines Todes zum ewigen Vermächtniß hinterlassen, seine arme Nichte wird wohl nur einen einzigen englischen Dandy den unterirdischen Mächten weihen; aber da die Nemesis, in der Weltgeschichte wie in den kleinen Lebensverhältnissen, nie ausbleibt, so ist es wohl möglich, daß einst noch ein Buonaparte des kaiserlichen Ahnherrn[421] schmähliches Ende an der Nation rächt, und sich auch vielleicht einmal ein englischer Dandy in Paris der schönen Augen einer Nachkommin Napoleons wegen erschießt. Wir Deutsche begnügen uns, jenen Helden und sein Geschlecht in jeder Hinsicht nur von weitem zu bewundern, denn gleich der Sonne, that es einst in der Mittagshitze nicht gut, zu nahe seinem Glanz zu wohnen, und heut ist das Gestirn untergegangen.3

Damit empfahl ich mich, und gab, zu Hause angekommen, sogleich Befehl zur Beschleunigung meiner Abreise. Hoffentlich werde ich im Stande seyn, morgen schon meinen Zug in entferntere, freiere Gegenden zu beginnen, und sobald soll kein städtisches, eingepferchtes Leben mir wieder nahen!

Irgendwo sagt Lord Byron von sich: seine Seele habe nur in der Einsamkeit ihren vollen freien Wirkungskreis gehabt. Diese Wahrheit paßt auch, sehe ich, auf geringere Leute, denn mir geht es nicht anders. In der lästigen Gesellschaft fühle ich die Seele stets nur halb, und schrecklich ist mir schon der Gedanke: jetzt sollst du, wo möglich, aimable seyn! Dagegen bin ich, wie Du weißt, eben in der Einsamkeit[422] am wenigsten allein, und am seltensten entbehre ich dort, meine theure Freundin, Deiner Gesellschaft.

Bist Du auch noch so fern, so umschwebt doch mein Geist Dein Wachen wie Deine Träume, und über Meer und Berge hin empfindet mein Herz den liebenden Pulsschlag des Deinen.

L.


(Ende des vierten und letzten Theils.)

1

Es ist höchst auffallend, daß englische Schriftsteller sich auf alle Weise abmartern, um auszumitteln, worin der Grund der unermeßlichen Armentaxen, und des immer künstlicher und drohender werdenden Zustandes der arbeitenden Klassen in Großbritannien bestehe, und wie ihm abzuhelfen sey, zu welchem letzteren Ende Einige sogar systematische Menschenausfuhr, wie die von baumwollenen Zeugen und Stahlwaaren, nebst Gouvernements-Prämien dafür empfehlen – da doch das wahre augenblickliche Heilmittel so nahe liegt, – es bedürfte weiter nichts als Aufhebung des Zehnten, der überdieß, weil er mit der vermehrten Cultur steigt, die alleinige Ursache ist, daß in England selbst noch ungeheure Strecken eines Bodens, den man bei uns gut nennen würde, wüste liegen bleiben, indem Niemand sein Capital und seinen Schweiß bloß für die Pfaffen hergeben will.

A.d.H.

2

Gewiß ist die neue Pariser Gesellschaft: hilf Dir selbst, so wird Dir Gott helfen, in praxi noch nicht so weit gekommen.

A.d.H.

3

Wir hätten Bedenken tragen können, das Vorhergehende im Texte stehen zu lassen, wenn das Wesentliche der Begebenheit nicht schon, mit noch viel näheren, wenn gleich zum Theil unrichtigen Details, aus mehreren öffentlichen Blättern dem Publikum bekannt geworden wäre.

A.d.H.

Quelle:
[Hermann von Pückler Muskau]: Briefe eines Verstorbenen. Dritter und Vierter Theil: Ein fragmentarisches Tagebuch aus Deutschland, Holland und England geschrieben in den Jahren 1826, 1827 und 1828, Band 4, Stuttgart 1831, S. 381-423.
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