Im Walde

Jüngst hab' ich drüber nachgedacht,

Verstimmt und unzufrieden,

Was mir die Gabe eingebracht,

Die mir Natur beschieden.


Mit welchem Kranze mich umlaubt

Mein Dichten und mein Denken?

Und schweigend mußte ich das Haupt

Mit bittrem Lächeln senken. –


Des Liedes sanfter Wellenschlag

Geht im Gebraus verloren!

Was soll der Dichter heutzutag?

Er singt vor tauben Ohren.


Warum ward nicht des Sanges Kraft

Anstatt in meine Seele,

Wo sie mir doch nur Leiden schafft,

Gelegt in meine Kehle?
[181]

Da wär' ich Königin im Reich

Der Triller und Kadenzen,

Mein Name würde sternengleich

In den Journalen glänzen. –


Statt daß der Schönheit reine Norm

Sich meinem Geist enthüllte,

O, daß sie doch in Tanzesform

Mein Gliederspiel erfüllte!


Da würden sie mit Mund und Hand

Mich als »Ereignis« grüßen!

Zwei Welten lägen, froh entbrannt,

Anbetend mir zu Füßen.


Das wäre mir ein Glückeszug!

Das wären mir Talente,

Die man mit gutem Recht und Fug

Mit diesem Namen nennte! –


So dachte ich, mein Unmut schwoll,

Und ganz von ihm befangen

Bin ich, im Herzen finstern Groll,

Hinaus zum Wald gegangen.


Ein schöner, milder Herbsttag war's,

Vielleicht die letzte Spende,

Der letzte Sonnenblick des Jahrs,

Das nah schon seinem Ende.


Wohl sprach der Blätter Gelb und Rot

Von Scheiden und Verzichten,

Doch um so treuern Gruß entbot

Das Immergrün der Fichten.
[182]

Ein sanfter Geist des Friedens hieß

Mich hier willkommen wieder;

Auf einem moos'gen Steine ließ

Ich mich zur Ruhe nieder.


Hoch über mir das reine Blau,

Um euch ein Meer von Strahlen,

Zu Füßen mir der Morgentau,

Bunt schillernd gleich Opalen!


Es schienen Erd' und Himmel traut

In Eines zu verschwimmen!

Da wurd' es plötzlich in mir laut

Von wundersamen Stimmen.


In meiner Seele ward es Tag,

Ich jauchzte auf und fühlte,

Wie unsichtbarer Flügelschlag

Die heiße Stirn mir kühlte.


Mein Geist, von frischem Mut geschwellt,

Trieb neue Blütenranken

Und es umwob mich eine Welt

Von tönenden Gedanken. – –


Des Leid's hab' ich nicht mehr gedacht,

Davon ich erst beklommen;

Dank einer rätselhaften Macht

War es von mir genommen.


Lebendig ward mir im Gemüt

Der eig'nen Kraft Erinnern,

Und tief beseligt, dankerglüht

Rief es in meinem Innern:
[183]

Trinkt immerhin vom gold'nen Wein

Des Ruhms in vollen Zügen!

Mir ward die Gabe, die allein

Sich selber kann genügen!


Die Kunst, die himmelangehaucht,

In stillen Waldeslauben,

Den Beifall nicht der Menge braucht

Um an sich selbst zu glauben.


Ihr müßt nach einem Publikum

Mit Sehnsuchtblicken spähen,

Und bleibt dies ferne oder stumm,

So ist's um euch geschehen!


Doch meine Herrin, Poesie,

Tritt allwärts mir entgegen,

Am öd'sten Strand entböte sie

Mir ihren Gruß und Segen.


Sie hebt mich über all den Wust

Mit ihren starken Schwingen

Und heißet frisch in meiner Brust

Des Liedes Quellen springen.


Und wenn dem Lied voll Lust und Schmerz

Auch keine Seele lauschet,

Genug, daß es mein eig'nes Herz

Begeistert und berauschet!


Nehmt Gold und Ruhm als Lohn dahin,

Sirenen und Silphiden!

Mir ward der Dichtkunst Strahl – ich bin

Mit meinem Teil zufrieden!

Quelle:
Betty Paoli: Gedichte. Auswahl und Nachlaß, Stuttgart 1895, S. 181-184.
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