B. Ueber die Zwerge in Familiensagen.

[182] Der Vorberg, den man beim Besteigen der Harburg bei Wernigerode von Küster's Kamp aus überschreitet und welcher, ein Plateau bildend, »Rutsche fort« heißt, soll diesen Namen daher haben, daß der Teufel, entrüstet über die Aufrichtung eines Kreuzes auf dem Kreuzberge, welcher nördlich von der Harburg liegt, in der Absicht, dieses Kreuz und die Kapelle zu St. Theobald zu zerstören, die Burg, welche dem Berge den Namen der Harburg gegeben, von diesem fort geschoben und über das Plateau »Rutsche fort« auf den gegenüber liegenden Schloßberg transportirt habe; doch erreichte er seinen Zweck nicht. Kreuz und Kapelle blieben verschont, der Transport der Harburg aber auf den Schloßberg veranlaßte, daß von dem Grünstein-Dyk, welcher im Thiergarten hinter dem Eingange in diesen vom Schloß- und Theobaldskirchhof sich erhebt, eine bedeutende Partie da herausgerissen wurde, wo jetzt in demselben ein Steinbruch liegt.

Wir geben diese uns nachträglich mitgetheilte Sage zur Ergänzung der Sagen von der Harburg, wie sie gedruckt sind S. 50-53 unter Nr. 128-131 und 134; S. 55 Nr. 138-140; S. 60 Nr. 149.[182]

Zunächst ist zu bemerken, daß hier die Fortrückung des Schlosses von der Harburg nicht einem Zwerge, sondern dem Teufel zugeschrieben wird. Wie jedoch der Teufel auch nach den von uns im Texte mitgetheilten Sagen auf der Harburg zu Hause ist, zeigt besonders Nr. 137, S. 55.

Der Name Rutschefort ist entstanden aus Rochefort1, welches eine Zeit lang als Besitzung zu Wernigerode gehörte Jedoch ist der Name Rutschefort schon so lange vorhanden, daß er als eine bloße Entstellung nicht zu betrachten ist. Vielmehr weil die Sage vom Fortrutschen des Schlosses längst bekannt war, mag Rochefort in Rutschefort übergegangen sein. Interessant ist es, daß hiernach nun wirklich ein unbedeutendes Plätzchen an der Harburg den Namen Rutschefort erhalten hat.

Die Sage, wonach Zwerge das Wernigeröder Schloß erweitert und nach dem gegenüber liegenden Berge, auf dem es noch jetzt steht, versetzt haben, wird sich vielleicht ursprünglich mehr auf das innere Wachsthum des Geschlechtes, dem Wernigerode gehörte, als auf seine Wohnung bezogen haben. Ist auch diese Sage vielleicht nicht so entstellt, als ich früher glaubte, indem ja die Zwerge auch gleich den Kobolden gewiß Haus- und Herdgeister sind, sich also auch mit den äußeren Wohnungen edler Geschlechter, nicht blos mit deren innerm Wachsthum, beschäftigen mögen, so ist doch sicherlich auf den Verkehr der Zwerge mit der Burgfrau, den die Sage nur vorübergehend erwähnt, das Hauptgewicht zu legen. Von der Sage der Harburg abgesehen, erscheinen Zwerge in manchen neuern Familiensagen, aber eben so schon in der deutschen Heldensage als Personification der menschlichen Zeugung.

Nach dem Anhange des »Heldenbuchs« wußte der Zwergkönig Elberich, theils weil er nahe bei Kaiser Otnit's Vater und seiner Mutter, des Königs von Reußen Schwester, gesessen war, theils aus den Gestirnen, daß die Königin von ihrem Manne kein Kind empfangen würde. Es war ihm aber gar leid, daß sie ohne Leibeserben sterben sollten: denn[183] er fürchtete, nach ihrem Tode böswillige Nachbarn zu bekommen, vor welchen die Zwerge, wie schon Wilhelm Grimm bemerkt hat, überall große Scheu tragen. Unsichtbar, mit einem Ringe, den er vorher an den Finger gesteckt hat und für diesen Augenblick mit übernatürlicher Stärke ausgerüstet, geht er in die Kammer der Königin und überwältigt sie gegen ihren Willen. Dann sagte er ihr, wer er sei und warum er es gethan (»durch des besten Willen«), und schenkte ihr den Ring. So ward Kaiser Otnit geboren. König Eligas von Reußen ward über seine Schwester einst gar zornig von Elberich's wegen: allein »do das Elberich befand, do bracht er sy mit synen Listen wider zu samen, das sy Freund wurden«, was vielleicht ursprünglich von einem Streit der Königin mit ihrem Gemahl berichtet sein mag, wenn gleich andererseits dessen stillschweigende Zustimmung zu Elberich's Handlung auch bedeutsam ist. Nach dem Tode seines Vaters, des Königs Otnit, nahm Kaiser Otnit »eines heidnischen Königs Tochter, zu Rachaol gesessen«, mit Gewalt, taufte sie und nahm sie zu seinem ehelichen Weibe. Aber der Heidenkönig, um sich zu rächen, sandte einen Riesen und sein Weib mit zwei bösen Würmern in Kaiser Otnit's Land. Den letzten dieser Würmer tödtete nachher erst Dietrich von Bern.

Wie Geburt und Tod, nach meinem Dafürhalten, in deutscher Mythologie und Sage in der Regel gemeinsam repräsentirt sind, so bezieht sich der Zwergring hier auf die Geburt. Aber der Ring des Zwerges Andvare (s. Wilhelm Grimm, »Die deutsche Heldensage«, S. 385) bringt Jedem Tod, der ihn besitzt. Mit Recht knüpft daher unsere heutige Sage an den Zwergring, wie an den Nibelungenhort, das ganze Verhängniß (einer Familie).

Ueberhaupt aber werden wir nicht irren, wenn wir in dem Ringe, an den das Wohl einzelner Adelsfamilien geknüpft ist, und den Ahnfrauen dieser Häuser zum Lohn dafür empfangen haben sollen, daß sie Zwerginnen bei der Niederkunft beigestanden hatten, den Ring der deutschen Heldensage sehen.

Am bekanntesten ist diese Familiensage von der Familie Alvensleben; von ihr findet sie sich bereits in den »Deutschen Sagen« der Brüder Grimm.

Nachdem in S.W. Wohlbrück's 1819 erschienenen[184] »Nachrichten von dem Geschlechte Alvensleben und dessen Gütern« die Literatur der Sage aufgeführt ist, heißt es weiter: »In Zeiten der Kriegsgefahr hat die sichere Aufbewahrung des Ringes den alten Herren von Alvensleben manche Sorge gemacht. Einst ward er in einem Altar der Kirche zu Siepe unweit Calbe vermauert, ein anderes Mal wurde er nach Lübeck in sichere Verwahrung gegeben und eine Zeit lang war er dem Kloster Neuendorf anvertraut. Gewöhnlich bewahrte ihn in älteren Zeiten die Schloßkapelle zu Calbe, gegenwärtig befindet er sich auf dem Hause Erxleben schwarzer Seite. Einen ähnlichen, gleichfalls aus den Händen einer dankbaren Bewohnerin der Unterwelt unter ganz gleichen Umständen empfangenen Ring besaß und bewahrte ebenso sorgfältig die in ihren männlichen Gliedern im Jahre 1767 ausgestorbene mecklenburgische Familie von Negendank.«

Da sich der Zwergring hiernach in dem Dorfe Erxleben zu befinden scheint, so möge folgende Sage hier Platz finden. Im Riesen, einem Walde zwischen Erxleben und Bartensleben, ist ein gar anmuthiger Spring mit herrlichem Wasser; dort erschienen zwei Frauen auf dem Wasserspiegel, schaueten den ganzen Tag über aus der Quelle hervor und blickten dumpf brütend vor sich hin. Diese Sage setzte mein Erzähler zu einem Herrn von Alvensleben in Erxleben in eine wunderliche Beziehung, indem er, die Sage erklärend, behauptete: Derselbe habe zwei Frauen sich als Gespenster auskleiden und Tag für Tag auf den Wasserspiegel setzen lassen, um die Vorübergehenden und besonders die Hirten von dem schönen Platze an der Quelle zu vertreiben. Ich vermuthe, daß die Sage ursprünglich eine tiefer liegende Beziehung auf die Familie Alvensleben hat.

Im neunten Abschnitte meines Schriftchens »Aus dem Harze« erzähle ich die Sage von der durch Zwerge verlangten Hülfe in Geburtswehen von der Familie Asseburg (Falkenstein). Dort empfängt die Burgfrau zum Lohne drei Kugeln von Gold und drei Becher von Glas. Wird hierbei der Leser sich an Uhland's Gedicht, »Das Glück von Edenhall«, erinnern, so ist es eigen, daß einer der Becher zerbrochen sein soll, als um die Mitte des 17. Jahrhunderts zwei Junker auf das Wohl ihrer Mutter an deren Geburtstage ihn geleert[185] hatten, die noch an demselben Tage in ihrem Wagen sitzend von einem ausgetretenen Flusse verschlungen wurden, also im Wasser starben, wo den Zwergen nahverwandte Geister wohnen, nach einer Harzsage die Zwerge selbst. Nach den »Deutschen Sagen« der Brüder Grimm mußte eine Frau von Hahn der Frau eines Wassernixes unter dem Wasser beistehen.

Folgendes sei noch bemerkt. Nämlich erstlich, daß die Edelfrauen durch den Ring gewissermaßen als Schwanenjungfrauen (Valkyrien) gezeichnet werden; Wilhelm Grimm zeigte bereits in der »Deutschen Heldensage«, wie man sich durch einen Ring in Thiergestalt verwandelte; auch die sogenannten Wolfsgürtel, welche Wehrwölfe umschnallen, gehören wohl hierher. Einen solchen Ring nun nennt Notker suanerinc, »weil die Verwandlung in einen Schwan wohl die edelste und häufigste war«, bemerkt Wilhelm Grimm. Die Kette, woran in einer bekannten Sage der Schwan den Kahn zieht, auf dem der Schwanenritter kommt, der nach der Erzeugung eines der ersten rheinischen Geschlechter auf geheimnißvolle Weise wieder verschwindet, ist von Wilhelm Grimm schon dem Schwanenringe gleichgestellt, und ein mir erzähltes Kindermärchen von der Goldtochter und der Hörnentochter (Märchen für die Jugend, Halle 1854, Nr. 5) scheint dies zu bestätigen. Oft müssen auch die Ketten von verwünschten Jungfrauen abgerissen werden, bevor sie erlöst sind. – Zweitens sei bei Elberich noch an das Albdrücken erinnert, das seinen Namen bekanntlich von den Elben hat. Merkwürdig ist in dieser Beziehung die lebhafte Beschreibung von dem Besuche des Albs bei einer ältlichen Dame vornehmen Standes, welche mir in einem ältern Buche vorgekommen ist2.

Fußnoten

1 Spener, Historia insignium S. 767 sagt: »Ita notatur comitatus Rupifortius, seu Rochefort, nostris Rutschefort in Ardenna.« Ebenda wird S. 769-771 ein von Karl V. ertheiltes Diplom abgedruckt, worin für Rochefort Rutschenfort gesagt wird.


2 Dafür, wie Zwerge überhaupt Gedeihen wirken, auch bei Feldfrüchten, vgl. Müller u. Schambach, Nieder-Sächs. Sagen, S. 366. In anderer Hinsicht vergl. noch für das Wesen der Zwerge »die Sprachvergleichung und die Urgeschichte der indogermanischen Völker« von A. Kuhn, in dessen Zeitschrift IV, 2, S. 109, auch S. 113.


Quelle:
Heinrich Pröhle: Unterharzische Sagen. Aschersleben 1856, S. 182-186.
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