Erster Auftritt.

[25] Der Schauplatz verändert sich nunmehr gänzlich und stellet den Berg Rhodope vor.

Orasia. Ismene.


ORASIA.

Nun wird mein Orpheus bald aus dieser Höle gehen.

Ich warte schon auf ihn

Mit mehr, als schmerzlichem Verlangen;

In Hoffnung, daß sein eifriges Bemühn,

Dazu ein übermäßigs Lieben

In einzig angetrieben,

Ganz Fruchtlos abgegangen.

Und o wie werd' ich mich erfren'n,

Kann ich nur ihn allein,

Ohn Eurydice, wieder sehen!

Jedoch ich weiß nicht, was mir fehlt.

Ich fühle was, das meine Sele quäl't;

Ich merke, daß der Haß in meiner Brust sich reget,

Da eine neue Furcht der Adern Lauf beweget.

Und doch spür' ich zugleich in diesem Leiden

Den Vorschmack gröster Freuden.

Aria.


DER CHOR.

Furcht und Hoffnung / Haß und Liebe

Bestreiten mein verwirrtes Herz.

Sagt ihr Sterne: soll ich hoffen?

Soll ich hassen? soll ich lieben?

Mich erfreuen? mich betrüben?

Lieb' und Freud' hat mich betroffen;

Doch empfind' ich Haß und Schmerz.[25]

Mein Haß, der bloß auf Eurydice fällt,

Rührt her von meiner Furcht, sie wiederum zu sehen.

Doch sollte dieß geschehen:

So weiß ich schon die Mittel anzuwenden,

Die stark genug, sie in die Unter-Welt

Aufs neu zu senden;

Und sollt' ich auch mit diesen meinen Händen

In Orpheus Beyseyn selbst sie tödten.

ISMENE.

Laß, Königinn,

Falls du dich selber liebst, von diesem Vorsatz ab!

Willt du, daß deine Rache

Den Orpheus dir zum Feinde mache?

Doch solltest du auf deinem Sinn

Bestehen:

So wirds nicht anders gehen.

ORASIA.

Du redest mir mit guten Gründen ein;

Ich hab' auch schon das Werk ganz anders eingesehen.

Du weisst, daß wir des Bacchus Fest

Noch heute feyerlich begehen.

Wann Eurydice nun hiebey sich sehen lässt:

So soll mein Weiber-Volk, das dann von Weine voll,

Vor Raserey erhitzt und toll,

Sie alsofort in hundert Stücke reissen.

ISMENE.

Kann man sich aber auch verheissen,

Daß Orpheus wird verschonet seyn?

ORASIA.

Laß du mich sorgen! Ismene. Ist die Rache

Nicht eine wunderbare Sache![26]

Sie kützelt uns, und wirkt doch lauter Pein;

Sie nimmt des Menschen Herz mit steter Unruh' ein.

Aria.


DER CHOR.

Bitter und süß sind Rachgier und Liebe;

Beydes vergnügt / und quälet zugleich.

Die Begierden zu zwingen / mich selbst zu besiegen /

Ist bloß mein Vergnügen /

Und bleibt mein Himmelreich.


Orpheus kömmt.


Quelle:
Georg Philipp Telemann: Die wunderbare Beständigkeit der Liebe, [Hamburg] [1726], S. 25-27.
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