Siebender Auftritt.

[32] Orasia. Ismene. Die Priesterinn des Bacchus.

Ein Haufen besoffener und rasender Weiber davon jede einen mit Epheu umwundenen Stab in der Hand führet.

Aria.


Esprits de haine & de rage,

Demons, obeissez nous!

Livrez à nôtre couroux

L'ennemi, qui nous outrage.

Esprits de haine etc.


Ihr Plage-Geister /

Ihr Furien / gehorchet mir!

Ubergebet meiner Rache den Feind /

Der mich beleidiget hat.

Ihr Plage – etc.

ORASIA.

Geht, sucht den Läst'rer auf, der unser Thun verhönet!

Er soll noch heut des Bacchus Opfer seyn.

DIE PRIESTERINN.

Komm, Bacchus, grosser Sohn des grossen Jupiters,

Komm, räche dich und uns! Stellst du dich selber ein:

So werden wir durch deinen Beystand siegen,

Und soll er bald, zu deinem Ruhm', erliegen.

[32] Arioso.


CHOR.

Evohe! wir wollen siegen.

Unser Feind soll bald erliegen, Evohe!

DIE PRIESTRINN.

In welcher Höle mag er stecken,

Daß wir ihn nicht entdecken?


Sie suchen ihn allenthalben und Orpheus wird von weitem gesehen,


Jedoch ich seh' ihn schon,

Und Bacchus hat ihn uns, zum wolverdienten Lohn

Gerechter Strafen, übergeben.

ORASIA.

Ihr Götter! Orpheus lässt sein Leben

Ganz ohne Furcht und unverzagt.

Ich aber fühl' ein Schrecken, Zittern, Beben,

Und weiß nicht, was mir dieses sagt!


Orasia siehet wie es mit Orpheus abgehet. Die Weiber werfen indeß ihre Stäbe hurtig auf ihn loßund kommen mit einigen Stücken von seinem Lorbeer-Krantze und der Leyer als den Zeichen

ihres Sieges zurück.


PRIESTERINN.

So stirbt er denn, der Feind von Bacchus Heiligthum;

Durch diese Stäb' ist er erleget.

Die Strafen sind gerecht, die er itzt träget.

Nun wird sein Läster-Maul nicht mehr, an Bacchus statt,

Von Eurydicen Lobe singen,

Und diese Leyer soll nicht mehr zu ihrem Ruhm,

Wie vor, erklingen.

Arioso.


CHOR.

Evohe! Evohe! Orpheus erliegt.

Uns're Faust hat ihn besiegt.

Evohe! Evohe!

DIE PRIESTERINN.

Geht nun! zerreisset ihn, und streuet seine Glieder

In diesen nah-geleg'nen Fluß!

Von Bacchus, den die Welt gebückt verehren muß,

Soll jedermann erkennen,

Daß er der mächtigste, der gröste Gott zu nennen.


Sie gehen ab den Besehl der Priesterinn auszurichten.
[33]


Quelle:
Georg Philipp Telemann: Die wunderbare Beständigkeit der Liebe, [Hamburg] [1726], S. 32-34.
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