Rübezahl empfängt einen Chymicum gar übel.

Es wird der kurtzweilige Leser im vierten Theil der Rübezahlischen Historien / etwan eine Geschichte antreffen / welche mir vom Hn. Hieronymo Sartorio gewesenem Apothecker zu Hirschberg / mündlich allhier zu Leipzig bey gebracht worden: wie nemlich der ungedultige Geist einē Wurtzel-Mann zum drittenmahl / wie er ist wieder gekommen die Weiß-wurtz aus dem Teuffels Grunde zu holen / in Stücken zurissen habe. Ein solchs hat sich auch fast begeben mit einem Chymico wie ich Anno 1664. im Anfang des Monats Julii von einem Vornehmen Manne aus Oedenburg in Ungarn allhier bin verständiget worden. Nemlich wie mich dieser Herr und vornehmer Freund seiner Zusprach würdigte; da erzehlete er mir folgende Begäbnüße welche er auch vor etliche dreyßig Jahr / als ein curioser; doch domahln ein Kriegsmann /ihme hatte beybringen lassen. Als zuföderst das ein Chymicus oder vilmehr Alchymista in Kundschafft gerathen sey / wie an einem gewissen Orthe auffn Riesen- und Carpatischen Gebürge / die rechte Lunaria an zutreffen stünde; welche man ihme trefflich wohl zum Goldmachē weiß zu Nutz zu machē. Unn derentwegen habe er sich gelüsten lassen / mit Gräbers Instrumenten die nachgewiesene Stelle zu suchen / umb das Gewächse aus der Erden heraus zulangē: Aber was geschicht? Wie er gleich im vollen Wercke begriffen ist / siehet er unverhofft den Rübezahl neben sich stehē: der ihn unverzögert zur Rede setzet / und mit Verdruß erfraget; was er da zu thun habe? Er soll sich bald weg machē / und ihme das Kraut stehen lassen: weil ers vor sich alleine gebrauchte / und keinem Menschen etwas davon zu nehmē gestatte. Und hiermit hat der beschämte Chymicus unverrichteter Sache / hübsch müssen abziehen / wie ein Marter vom Tauben Schlage wenn er davon verstöret wird / und seinen Muthwillen nicht vollbringen kan. Doch hat er dennoch / der abgewiesene Geld-kocher / das Wiederkommen nicht vergessen können: Sintemahl er sich nach Verlauff einer ziemlichen Frist wieder angefundē hat / umb als den seiner Begierde eine Gnüge zu leisten / und die Lunariam ihme zu compariren: Angesehen er domahln darzu wieder war veranlasset worden / daß man ein paar Jahr lang von Rübezahl bey denen Leuten nichts gehöret hat: derentwegen er in die irrige Gedācken gerathen / daß der Geist müsse von hinnen geschieden seyn / und sein Auffenthalt anderswo genommen haben: dannenhero er ihn auch in seinem Vornehmen verhoffentlich nicht verstören könte; sondern eine gewünschte Zeit zu rauben verstattet habe. Und in solchem Wahn macht er sich zum andernmahl zum wohlbewusten Ort / hebt an zu kratzen / und mit seinen Spaden das Erdreich auffzugraben: Aber in dem schürt der Hencker wieder zu / daß Rübezahl unversehens kurtz vor ihm zu stehen kömmt: derenthalben er erschrickt und über sein Zittern nicht übele parol ihme auffzurücken / sprechende: Mein Kerl wie stehen wir? Ist das unser letzter Verlaß? Ich hab dir ja gesaget / du solst zum andern mal dich nicht wieder anfinden: packe dich / und komm je zum dritten mahl nicht wieder: sonst sol es ärger ergehen / und wil ich mein procedere mit dir schärffen: denn die Lunariam laß ich mir nicht entfernen. Und hiemit hat sich der andere actus dieser Comoedie geendiget: Indem der ausgerichte Goldschmid leer vom Gebürge gezogen / und mit dem Ausputzer nach Hause gegangen war. Doch hat es noch einmahl mit ihm geheissen: Mit der Zeit vergehet das Leid: Frisch gewaget ist halb gewonen; Nam audentes qvādoq fortuna juvat. Nemlich wie drey Jahr verflossen / und nach der vorigen Ausfensterung vergangen gewesen / drinnen nicht minder das Geschrey vō Rübezahl sich geleget gehabt; Indem keiner von seiner Gegenwart was vernommen hatte: da hat sich der unbesonnene Alchymiste wieder auffgemacht / und war zu seiner All-Küh-misterey wieder auffgewachet: hoffende nunmehr endlich einen gutē Fund zu thun / und den lang-begehrten Schatz zu hebē. Und aus diesem Grunde war er zum drittenmahl in den Teuffels-Grund gekommen mit samt feinem Werckgezeug / in Willens ein exemplar: von der gewünschten Lunaria auß zu grabē: Aber es hat ihn nochmahln der gegenwärtige Geist allzu Früh-zeitig in dem propo gehindert / wie er ihn auff der That ertappet und flugs schrecklich ins Gesicht gekommen gewesen / und zwar mit diesen Dräungen: Hör / du leichtfertiger Vogel / wie reist dich der Kukuck / daß du zum dritten mahl meinem Willen widerstrebest? hab ich dich nicht gnug gewarnet / daß du mein Eigenthum solst ungehudelt lassen? Doch damit du nicht noch mehr kommest; so solstu itzt deine rechte Straffe ausstehen: Du bist nunmehr mein / und drauff wil ich dich in 1000. Stücken zureissen. Ach! hier war Lachen zu verbeissen gewesen; Denn der Rübezahl hatte seine positur auffs grausamste zugerichtet gehabt: So hatte das böse Gewissen den Mißhändler auch kein leidlichers dictiret / als was er vor Augē gesehen: doch war er schleunig vor dem Geist auff seine Knie gefallen / bittend: daß er ihme doch das Leben schencken möchte: So wolte er ihn sein lebelang nicht mehr kränckē; sondern die erzeigete Gnade allenthalben rühmen. Was geschicht? der Rübezahl lest seine zornige minen in etwas fallen /schencket den Ubertreter das Leben / und macht es wie ettliche lose Richter zu thun pflegen; Also / daß er an dem Ebræischen Worte Dam für die erste Bedeutung / welche ist Blut / die andere signification gut heisset / welche ist gut (oder vielmehr böße /) und Geld. Nemlich er hatte zur Rantzion seines Lebens 50. Rthlr. begehret / die er ihme innerhalb Vierthel Jahres Frist auff Tiburtii Tag zwischen 11. und 12. bringen sollen: welches der frey-gelassene auch mit dem Handschlag eingewilliget / und sich daneben für die erwiesene Wolthat bedancket: und damit seynd sie auff weitern Bescheid voneinander geschiedē / biß der bestimmte Tag heran genahet / da sich der Schuldener zu rechter Zeit angefunden / und das bahre Geld dem Gerichts-Herrn selber geliefert unn vorgezehlet hat. Siehe abermal was sich unverhofft hie ereiget? Nemlich es hatte sich der Erbare Rübezahl so liberal erzeiget / daß er nicht allein alles Geld seinem Debitori wieder geschencket / sondern auch noch zum Uberfluß die gehaltene parol an ihm trefflich gelobet hat /sprechende: Nun / weil ich gesehen habe / daß du deinen Worten nachkommen wollen / so nim dein Geld wieder zu dir / und behalt es; Ich wils dir hiemit wieder verehret haben. Und damit war wiederum ein jeder seinen Gang gegangen / unn hatte diese letzte scena an dem dritten actu der gespieltē Comœdie, auch ihr Auffhören gewonnen. Im übrigen hat hieraus unter andern Lehren ein Begieriger auch dieses zu fassen; daß der böse Feind niemaln so weit von uns sey / als wir uns wol einbilden / ungeachtet ob wir ihn gleich nicht sehen: sondern er schleicht uns augenblicklich und ohn unterlaß nach / wie aus dem Creutzbuche Hiobs zu ersehen ist. Man hat zwar ein Sprichwort: Wenn der Teuffel von Aach kömpt / nemlich wie Agricola in proverb. Ger. berichtet / so soll es zu Aachen in einem Thurm vor Zeiten gespücket haben /drauff aber endlich der Thurm eingefallen / und der Geist nach des närrischen gemeinen Mannes Einbildūg umbkommen und ersticket geworden: Aber wer hat davon gewisse Brieff u. Siegel / daß nunmehr kein Teuffel in der Welt sey? ungeachtet obgleich jener Abendtheuerlicher Priester auff der öffentlichen Cantzel am ersten Ostertage auffgetreten und ungescheuet vor iederman solchen Eingang seiner Predigt gehalten: rumpel de pumpel de düfel iß doot: de hölske Kappral iß nich mehr verhannen: Wie willen die Höll mit röse Saat beseyen / dat hübske wörtken wassen. Nemlich er kan auch nochwohl zum Uberfluß alludirt haben auff einen Biblischen Spruch: der Todt ist verschlungen in dem Sieg: Todt wo ist dein Stachel /Höll wo ist dein Sieg etc. Aber derentwegen hat der liebe GOtt nicht flugs mit dem Tode und Teuffel das Garaus gemacht / wenn er Ihm seinen unmässigen Vornehmen ein Ziel gesetzet hat; welchs einer leicht überschreiten mag / wenn man in der Gottlosigkeit und Ruchlosigkeit fortfähret.


Epilogus & Apologus.

Hiemit spring in die weite Welt herumb / ô Satyrischer Rübezahl / und richte aus / was ich dir befohlen habe: denn ich weiß / daß du von mir wohl so Ethisch zubereitet / und Morosisch gemachet bist / als irgend eine Sittenmeisterische Brut gewesen. Du bist gnugsam instruiret / allē Ständen ihrē Text zulesen: mache es nur erbaulich und erbarlich. Wie so / magstu / geehrter Leser sprechen? ist dieses Werck denn ein Apologus? R. Ja / wo kein bekandter / und allezeit auff einerley Art repetirter Epilogus ist / ibi subest Apologus: dessen Apologiam ich mir vorbehalten habe im restirendē Reformirten Rübezahl / nebenst hundert warhafftigen Rübezahlischen andern Geschichten /welche du gar wohl mit Verlangen erwarten kanst / so ferne du endlich einen Vergnügen dieses vollkommenen opusculi desiderirest. Im übrigen aber (damit ich dir ein noch rarers condimentum zeige / und das Maul nach was frischeren Tractamenten wässerigt mache /) hoffe mit ehesten meine Reformatam Astrologiam Cometicam, oder verblümte Vermählung des Himmels mit der Erden: Fürwahr mein köstlichstes / und noch zur Zeit bey keinem erhörtes oder vermuthetes Buch / in zweyen Tomis, cùm Theoreticô tùm Practicô, bestehend. Drinnen nunmehr handgreifflich und unfehlbar gnug berichtet wird / aus einer neulichsten invention, was ihm eigendlich die allzeit warnenden Cometen wollen / auf was vor ein gewisses Land sie zielen / und wer zugleich das Unglück über ein Volck ausrichten werden? Vale, & pretiosissimô Thesaurô tibi gratulare.

Quelle:
Praetorius, Johannes: Des Rübezahls Dritter und gantz Nagel-neuer Historischer Theil. Leipzig, Arnstadt 1673.
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