Vierter Auftritt

[221] Herr Gotthart. Jungfer Fröhlichin.


HERR GOTTHART. Nun, das höre ich recht gern! Jungfer Muhme. Sie haben also Verse miteinander gemacht und darnach getankt. Das ist mir ungemein lieb! Auf diese Weise glaub' ich doch, daß Sie Ihr Wort halten und meinen Sohn kurieren werden. Er hat meines Wissens in Jahr und Tag nicht getanzt. Ohne Zweifel sind es doch verliebte Verse gewesen, die Sie gemacht haben?

JUNGFER FRÖHLICHIN. Ja, warum nur nicht verliebt! Ihr Herr Sohn hat nicht für einen Dreier verliebtes Blut in dem Leibe.

HERR GOTTHART. Ja, das weiß ich leider! Seitdem er von Universitäten gekommen ist und sein Malum mitgebracht hat, so achtet er auch das schönste Frauenzimmer nicht. Allein, ich dächte, Jungfer Muhme, Sie müßten ihn durch Ihre Lustigkeit verliebt machen.

JUNGFER FRÖHLICHIN lacht. Das weiß ich nicht. Allein, es muß doch ein recht verzweifeltes Zeug sein, die Hypochondrie. Was meinen Sie wohl? Er getrauete sich nicht einmal, mir einen Kuß zu geben, aus Furcht, daß ich das Malum hypochondriacum bekommen möchte.[221]

HERR GOTTHART. Wie? Sie haben ihm einen Kuß angeboten, und er hat ihn nicht haben wollen?

JUNGFER FRÖHLICHIN. Ach nein! Herr Vetter! Sie müssen mich auch recht verstehen. Es kam ihm selbst von ungefähr die Lust darnach an: und da wandte ich nur vor, ich möchte das Malum hypochondriacum darnach kriegen: den Augenblick verging ihm aller Appetit darnach.

HERR GOTTHART. Ja, das glaube ich! warum haben Sie ihm auch das gedroht, Jungfer Muhme? Mit der Hypochondrie kann man ihn ärger schrecken als mit dem Kobolde.

JUNGFER FRÖHLICHIN. Ich dachte, ich wollte es einmal so mit ihm machen, als ein gewisser Wundarzt es mit seinem Kranken gemacht, der sich eingebildet, er hätte eine Nase, die fünf Ellen lang wäre.

HERR GOTTHART. Haha! ich sehe schon. Sie haben sich einmal seiner Schwachheit gleichstellen wollen, um zu sehen, ob er seine eigne Torheit an andern nicht erkennen würde.

JUNGFER FRÖHLICHIN. Das war eben meine Meinung, Herr Vetter. Man kann ja einem Kinde seine Unart nicht besser abgewöhnen, als wenn man sie ihm nachmachet und fraget: Wie läßt mir das? Nehmen Sie mir's nicht übel, daß ich Ihren Herrn Sohn mit einem Kinde vergleiche.

HERR GOTTHART. Nein, nein; Sie haben ganz recht. Aber bei einem Hypochondristen hilft das alles nichts. Man macht ihn nur noch zehnmal ärger, wenn man seine Torheit annimmt. Das habe ich oft erfahren. Mein Sohn hält alles für Ernst und nicht für eine Vexiererei; so leichtgläubig ist die Hypochondrie.

JUNGFER FRÖHLICHIN. Unmöglich!

HERR GOTTHART. Ja, ja, wie ich Ihnen sage: Ich habe dergleichen Exempel an meinem Sohne oft erlebt. Ich wollte Ihnen wohl ein paar Begebenheiten erzählen; allein Sie möchten meinem Sohne nur gram werden: und das wollte ich nicht gern.

JUNGFER FRÖHLICHIN. Ach nein, Herr Vetter! sorgen Sie dafür nicht. Die Unarten, die ein Mensch nur wegen seiner Krankheit hat, die vergehen auch gemeiniglich mit der Krankheit wieder; und ich hoffe, Ihren Sohn noch gesund zu machen.

HERR GOTTHART. Nun, daran werden Sie ein christliches Werk tun! So will ich Sie Ihnen nur getrost erzählen. Ich muß doch ohnedem[222] suchen, wie ich Ihnen die Zeit vertreibe. Was meinen Sie wohl? meinem Sohne kömmt es einmal im Schlafe vor, als wenn er sich einen Nagel durch den Fuß getreten hätte.

JUNGFER FRÖHLICHIN lächelnd. Nun?

HERR GOTTHART. Den Augenblick erwacht er darüber; und weil er in der Nacht keinen Lärmen machen will, aus Furcht, wir möchten uns entsetzen und vor Schrecken den Tod haben: so verbindet er sich im Finstern den Fuß, so gut er kann, und geht wieder zu Bette und schläft auch bis an den hellen Mittag ganz geruhig.

JUNGFER FRÖHLICHIN. Nun, das war eine fromme Wunde!

HERR GOTTHART. Wie sie ihn aufwecken, daß er zu Tische kommen soll, so springt er aus dem Bette; erschrickt aber und besinnt sich, daß er einen lahmen Fuß hat. Er besieht und befühlt sich, sieht aber kein Blut auf dem Verbande und fühlt auch keine Schmerzen. Er löset endlich die Binde auf und findet weder Wunde noch Narbe.

JUNGFER FRÖHLICHIN Ja, ja, im Traume läst sich's gut schlagen, hauen und stechen, es gibt keine Wunden.

HERR GOTTHART. Gleichwohl blieb er dabei, er hätte sich den Fuß verwundet und meinte, die Wunde wäre nur deswegen so geschwinde zugeheilet, weil er sie gleich den Augenblick zugebunden und nicht zum Bluten kommen lassen.

JUNGFER FRÖHLICHIN. Nun, das gestehe ich! zu solchen Einbildungen gehört ein hypochondristischer Glaube!

HERR GOTTHART. Hören Sie nur weiter. Des Abends, da er wieder zu Bette gehen soll, so entdeckt er seine Not dem Diener Heinrich. Ich hatte nun dem Kerl scharf anbefohlen, er sollte ihm in allen Stücken nachgeben und sich, soviel möglich, in ihn schicken. Daher rät ihm der wunderliche Kauz, er sollte, wenn er sicher schlafen wollte, künftig allemal mit Pantoffeln zu Bette gehen.

JUNGFER FRÖHLICHIN. Der Vogel! und der Herr Sohn tat es auch wirklich?

HERR GOTTHART. Ja, so wahr ich hier stehe! Ein ganzes halbes Jahr lang ist er beständig mit Pantoffeln zu Bette gegangen, bis ich endlich dahinter kam. Hätte es länger gewähret, er hätte mich um alles mein Bettzeug gebracht. Alle Monate mußte ich die Betten überziehen lassen, und kein Mensch konnte begreifen, wovon die Wäsche so zerrissen war.[223]

JUNGFER FRÖHLICHIN lacht sehr. Auf die Art wunderte mich's nicht, wenn er gar gepanzert und gestiefelt zu Bette gegangen wäre, aus Furcht, daß er sich einmal den Rückgrat zerbrechen möchte. Wie gewöhnten Sie ihm aber endlich diese spanische Mode ab?

HERR GOTTHART. Womit? damit, daß ich ihm vernünftig vorstellete, wie lächerlich seine Torheit wäre, und dem Diener in seiner Gegenwart einen derben Verweis für seinen eulenspiegelschen Rat gab.

JUNGFER FRÖHLICHIN lachend. Nun! so wundert mich's nicht, daß er so treuherzig glauben konnte, ich kriegte vom Küssen die Hypochondrie.

HERR GOTTHART. Wissen Sie was, Jungfer Muhme? Wir wollen es auf den Abend bei Tische so einfädeln, daß er sie noch einmal um einen Kuß bitten soll, und da müssen Sie ihm auch einen erlauben, damit er sehe, daß Sie ihn nur vexiert haben.

JUNGFER FRÖHLICHIN lacht. Ei! gehorsame Dienerin.

HERR GOTTHART. Nun, ich bitte Sie recht sehr darum, Jungfer Muhme. Der Herr Vater ist, die Wahrheit zu sagen, jetzt mit ihm deswegen ausgegangen, daß er ihm eine Lust und Liebe zum Frauenzimmer beibringen will.

JUNGFER FRÖHLICHIN lacht sehr. Nun, das bekenne ich! das ist schön, wenn der Schwiegervater dem Schwiegersohne Lust und Liebe zur Braut beibringen muß. Aber sagen Sie mir doch, Herr Vetter, weiß denn schon jemand von Ihren Leuten, was wir im Sinne haben? Sie sind ja gar zu erschrecklich gefällig und freundlich gegen mich, insonderheit die Kathrine.

HERR GOTTHART. Die Kathrine?

JUNGFER FRÖHLICHIN. Wie gesagt. Ich habe fast mit Gewalt Ihre Küche, Ihre Schlafstube und alle Schränke und Betten hier im Hause besehen und bewundern müssen; und dabei sagte sie mir soviel Schönes von Ihnen, von Ihrer Haushaltung und insonderheit von dem jungen Herrn vor, daß ich mir nichts anders einbilden kann, als daß sie den Braten riecht.

HERR GOTTHART. Ei, ei! das will ich doch nimmermehr hoffen! oder der Schleichvogel muß uns belauscht haben. Aber warte! ich will dich gewiß noch heute abend wieder belauren.

JUNGFER FRÖHLICHIN. St! mich dünkt, ich höre was rauschen. Es rührt sich was vor der Türe.


Quelle:
Die bürgerliche Gemeinschaftskultur der vierziger Jahre. Herausgegeben von Prof. Dr. Brüggemann, Leipzig 1933, S. 221-224.
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