Acht und Zwanzigstes Kapitel.

[434] Wie Bruder Jahn Panurgen in seiner Hahnrey-Angst Trost einspricht.


Versteh schon, antwort Bruder Jahn: allein die Zeit bricht alle Ding; wird alles alt und morsch, selbst Marmel und Porphyrstein. Wenn es mit dir auch noch zur Zeit so weit nicht ist, wirst du in etlichen Jährlein schon ein ander Lied singen, und eingestehn, daß Mancher den Sack statt Seckels lang hängt. Ich seh, das Haar wird dir schon grau auf deinem Kopf; dein Bart schaut aus wie eine Weltkart, nach den Flecken des Grauen, Weissen, Schwarzen und Braunen. Schau, hie ist Asien, hie Euphrat und Tigris, da Afrika,[434] dort die Mondsgebirg. Siehst du die Nil-Sümpf? Hie hüben Europa. Siehst du wohl Thelem? Dieß ganz schneeweisse Büschel hie, das sind die hyperboräischen Berg. Bey meiner Kehl, Freund! wann der Schnee erst auf den Bergen liegt, ich mein auf Haupt und Kinn, dann ist die Hitz im Hosenthal auch nicht mehr groß. – Daß dich die schwere Mauck! antwortet Panurg, von Topik weißt du nichts. Wann der Schnee auf den Bergen liegt, ist in den Thälern Blitz und Donner, Klamm, Wolf, Krebs, Rötheln, Sturm und alle Teufel los. Willt dus mit Augen sehn, geh in die Schweiz, beschau dir den Wunderberlich-See vier Stunden von Bern, gen Sion zu. Du spottest meiner grauen Haar, und bedenkst nicht daß es auch des Knoblauchs Natur ist. Hat er nicht weissen Kopf und grünen, stracken, saftigen Schwanz? Zwar ist nicht ohn, ich spür an mir ein Art von Alters-Indicium, doch eines rüstigen grünen Alters, (kein Mensch darfs hören, bleibt unter uns!) es ist: daß ich den guten Wein weit firner und mehr nach meinem Schmack find als ich sonst pflag, und mehr als sonst dem Krätzer aus dem Weg geh. Hierinn, merk wohl! steckt ein ich weiß nicht was von Sonnenuntergang, es zeigt daß der Mittag vorüber ist. Allein was thuts mir gutem Gesellen, so frisch als je, mehr als zuvor? Dieß schiert mich nix; mein Gram ist nur, wenn unser Herr Pantagruel einmal auf lange Zeit verreist und, ging er gleich zu allen Teufeln, ich ihm Gesellschaft leisten müßt, mein Weib mich könnt zum Hahnrey krönen. Dieß ist das grosse Donner-Wort. Denn alle Leut die ich drum frug, drohn mir damit und bleiben dabey daß mirs vom Himmel also verhängt sey. – Hum, antwortet Jahn, nicht alle Tag wird einer Hahnrey wie er möcht. Du wirst Hahnrey werden, ergo wird dein Weib schön seyn; ergo du des Glücks Goldsöhnlein: ergo hast du der Freund vollauf, ergo wirst seelig. Dieß ist Mönchs-Topik. Es wird dir Sünder ganz wohl gedeihen, ist dir noch nimmer so gut ergangen. Was verlierst du? Dein Glück wird blühn mehr denn zuvor. Wenn dirs also beschieden ist, willt du dich sträuben dawider? sprich, du
[435]

Holzel-Cujon, duGetretner Cujon

Schimmel-C., duStät'scher C.

Brenzel-C.Zerschrotner C.

Kaltwasser-C.Zerlaßner C.

Frost-C.Verschnupfter Cujon.

Bergunter-C.Preßhafter C.

Heudürrer C.Leckafter-C.

Zerbläuter C.Schlaff-C.

Schwiem-C.Verschoßner C.

Stoppel-C.Zersploßner C.

Wackel-C.Zerrührter C.

Armsünder-C.Miter-C.

Schlaps-C.Geprellter C.

Entkernter C.Schimpfel-C.

Lätsch-C.Bedreckter C.

Verschlagner C.Hohl-C.

Kreuzlahmer C.Dickschnut-C.

Gematschter C.Enthelmter C.

Vertrackter C.Wurm-C.

Entrahmter C.Fist-C.

Maucken-C.Aussatz-C.

Gekappter C.Gerupfter C.

Spadon-C.Schachmatt-C.

Gepritschter C.Schlaraff-C.

Besalbter C.Zottel-C.

Schaafzahmer C.Trepanirter C.

Gemolkener C.Vergilbter C.

Schofel-C.Entmannter C.

Wind-C.Zerpflückter C.

Wurmstich-C.Schwär-C.

Hartschlecht'ger C.Ausgenommener Herings-C.

Mollköpf'ger C.Mehlthau-C.

Bis-carioser C.Ohnmacht-C.

Korkholz-C.Spühligt-C.

Durchlauchter C.Gestippter C.

Schaaler C.Geschröpfter C.[436]

Larifari-CujonSteriler Cujon

Rachbeer-C.Frostballen-C.

Gehunzter C.Keucht-C.

Geknöchter C.Begoßner C.

Hitzblatter-C.Dünnbier-C

Beschmierter C.Fistelt-C.

Runzel-C.Labet-C.

Hagrer C.Entstielter-C.

Stumpfer C.Krätze-C.

Plackholz-C.Tuberkel-C.

Gewalkter C.Hink-C.

Castrirter C.Firlfanz-C.

Kalterbrand-C.Geschwefelter C.

Geschnittner C.Quappel-C.

Mehlgrind-C.Verhätschter C.

Bruch-C.Dörrfisch-C.

Gangrän-C.Langschmacht-C.

Hundsfisel-CujonGenaster Cujon

Seewasser-C.Entschaalter C.

Entpfropfter C.Krippenbeisser-C.

Verstopfter C.Entleibter C.

Verschlooster C.Demontirter C.

Maulschellirter C.Schlottert C.

Gefakter C.Schmachtriem-C.

Flietirter C.Gefaßter C.

Windbeutel-C.Brodloser C.

Schmarren-C.Ranz'ger C.

Kalt-Aschen-C.Diminutiv-C.

Stinkratz-C.Zirizari-C.

Umgeschlagner Wein-C.Latschari-C.

Schauder-C.Rost-C.

Skrupel-C.Schuft-C.

Krüpel-C.Vergebner C.

Verhexter C.Ein-Arm-C.

Schwindsucht-C.Verwirrter C.

Vernutzter C.Strunz-C.

Bockshorn-C.Gebeugter C.

Drucks-C.Steinreicher C.[437]

Mazerirter CujonOeder Cujon

Contrakter C.Kaputter C.

Degradirter C.Pudel-C.

Gliedlahmer C.Dünner C.

Kahlmaus-C.Schlier-C.

Furzaus-C.Geflickter C.

Gewelkter C.Erstarrter C.

Zerfetzter C.Cassirter C.

Verstutzter C.Null-C.

Wilper-C.Verschrumpfter C.

Armsünder-C.Fieber-C.


Ey Potz Cujorum und drey Teufel! Panurg, mein Freund, wenn du dazu versehen bist, willt du die Stern rückläufig machen? die himmlischen Sphären aus der Pfann drehn, die bewegenden Intelligenzen des Irrthums zeihen? die Spindeln der Parzen zerknicken, ihre Wirtel meistern, Spuhlen tadeln, Waifen lästern, Kunkeln schelten, Knäul abspinnen? Daß dich Gotts Marter, Cujy! so triebst dus ja toller als die Giganten. Hör an, Cujokel! was möchtest lieber seyn, jaloux ohn Ursach, oder Hahnrey unwissentlich? – weder dieß noch jens, antwort Panurg: doch hab ich einmal erst Wind davon, dann laßt mich sorgen: oder es müßt kein Knüttel mehr auf Erden seyn.

Mein Seel, Freund Jahn! das Best wird doch seyn, ich bleib ledig. Horch, was mir nun die Glocken sagen, itzt da wir näher sind: Frey nicht, frey nicht, nein, nein, nein, nein. Wenn freyst, freyst, freyst, nein, nein, nein, nein, wird Freyn dich reun, reun, reun, wirst Hahnrey seyn. Hilf heiliger Gott, itzt hab ichs dick. Wißt denn ihr andres Kutten-Volk in euerm Glatz-Hirn keinen Trost mehr? Ist denn der Mensch so von Natur verrathen und verkauft daß nicht ein Ehmann mehr durch die Welt könnt laufen ohn in die Abgründ und Gefahren des Hahnreythums zu fallen? – Ich will dir, sprach Bruder Jahn, ein Mittel lehren, wie dich dein Weib ohn dein Wissen und Willen nimmer zum Hahnrey machen soll. – O, rief Panurg, sag an, mein Freund, mein Sammt-Cujon, ich bitt dich[438] drum, erzähl! – So nimm, sprach Bruder Jahn, den Ring Hans Carvels Großjuwelirs beym König in Melindien.

Hans Carvel war ein kluger Zeisig, ein welterfahrner betriebsamer Mann, von gutem Verstand, gesundem Urtheil, kreuzbrav, leutseelig, liebreich, spendabel, ein lustiger Philosophus, im übrigen gar ein guter Gesell und Schäker wie man nur finden mocht, ein wenig dick von Leibsstatur, auch wackelt' er mit dem Kopf ein wenig; nicht allzuflink mehr auf dem Zeug. Auf seine alten Tag freyt er die Tochter des Amtmanns Concordat, ein schön, jung, flink, nett, gätlich Dirnlein, und die mit seinem Gesind und Nachbarn nur allzu schön und freundlich thät. Geschah demnach, daß nach Verlauf etlicher Wochen er auf sie so eifersüchtig als ein Tiger ward, und argwöhnt' daß sie sich wo anders am Zeug ließ flicken. Dem zu steuern, erzählt' er ihr nun Tag und Nacht die schönsten Geschichten von dem Unheil das Ehebruch stiftet, las ihr öfters die Legend von den klugen Jungfern, predigt' ihr Keuschheit, macht ihr ein Buch vom Lob der ehelichen Treu, worinn er die Bosheit verbuhlter Frauen bis in die Höll' verwünscht, und schenkt ihr ein schön Halsband reich besetzt mit orientalischen Sapphiren. Nichts desto weniger sah er sie mit seinen Nachbarn so vertraut und guter Ding, daß er tagtäglich nur immer eifersüchtiger ward. Als er nun wieder eines Nachts bey ihr in solchen Gedanken lag, träumt' ihm daß er mit dem Teufel spräch, und ihm sein Leiden klagt'. Darauf sprach ihm der Teufel Muth ein, steckt' ihm einen Ring an den mittelsten Finger, und sprach: Ich schenk dir diesen Ring; so lang du ihn wirst am Finger tragen, wird nimmer ohn dein Wissen und Willen ein Andrer fleischlich dein Weib erkennen. – Ey grossen Dank, Herr Teufel! spricht Carvel: verdamm mich Mahom, wo ich ihn je vom Finger laß. – Der Teufel verschwand, Hans Carvel wacht' ganz fröhlig auf: da spürt' er daß er seinen Finger in dem Wasistdas seiner Frau hätt. Hab aber noch zu melden vergessen, daß seine Frau als sie dieß merkt' den Steiß zurückzog, als wollt sie sagen: nix, nix, da thu was anders drein! Und hier bedünkt' es dem Hans Carvel als ob man ihm seinen Ring wollt rauben. – Ist dieß nun nicht ein untrüglich Mittel? Darum folg du meinem Rath,[439] und nimm dir ein Exempel dran: zu keiner Zeit laß deiner Frauen Ring vom Finger. – So endigt' ihr Gespräch und Weg.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 434-440.
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