Drey und Zwanzigstes Kapitel.

[414] Wie Panurg von Wiederumkehr zum Großmurrnebrod handelt.


Lasset uns, fuhr Panurg fort, wieder hin zu ihm, ihn an sein ewiges Heil ermahnen. Ja kommt in Gottes Namen, kommt um Gottes Willen! Wir thun daran ein christlich Werk: zum wenigsten, wenn er auch Leib und Leben müßt lassen, daß doch sein Esel gerettet wird. Wir werden ihn zur Zerknirschung seiner Sünden bringen, daß er die frommen Väter, ab- und anwesende, um Verzeihung bittet; das nehmen wir gleich zu Protokoll, damit sie ihn nicht nach seinem Tod in Bann thun und zum Ketzer sprechen, wie die Irrwisch die Pröpstinn von Orleans: und daß er zu des Frevels Sühn' in allen Klöstern dieses Gaues den guten[414] Vätern brav Spenden, Messen, Seelämter und Anniversarien stift; daß sie allsammt auf seinen Sterbetag fünffache Schnabelweid erhalten immer und ewig, und der grosse Humpen voll besten Weins an ihren Tischen vom Bruder Gärtner, Nollhart und Layen bis zum Priester und Chorherrn, bey Novizen und Reglern reihum trab. So mag ihm Gott noch gnädig seyn.

Ho ho ich irr, ich schwatz ins Blau! der Teufel hol mich, wo ich hingeh. Gotts Wetter, die Stub ist schon voll Teufel: ich hör sie schon wie sie sich zausen und teuflisch fäusteln, wer die Großmurrnebrodische Seel erschnappen soll, wer sie zuerst schlucks drucks Herrn Volland soll zuspediren. Hebt euch weg, ich geh nicht hin, der Teufel hol mich wo ich hingeh. Machten wohl gar ein X für'n U und erwischten statt Murrnebrods den armen Panurg, itzt da er quitt ist? Gingen ihm so schon oft hart beym Fell weg als er annoch im Pfeffer saß und in Schulden bis über die Ohren. Hebet euch weg, ich geh nicht hin. Bey Gott ich sterb vor höllischer Hundsangst. Unter verhungerte Teufel, was? und Faktor- und Rotten-Teufel? Hebet euch weg! Ich wett, aus Furcht vor ihnen kommt weder Jakobiner, Franziskaner, Carmeliter, Kapuziner, Theatiner noch Minimus zu seinem Begräbniß. Und weislich! warum hat er ihnen im Testamente nichts vermacht? der Teufel hol mich wo ich hingeh. Wenn er verdammt wird, mag ers haben. Was schimpft er auf die lieben Patres? Warum verjagt er sie aus der Stub, just da ihm ihr Beystand, ihr fromm Gebet, ihr heiliger Zuspruch am meisten noth thät? Warum vermacht' er zu Testament ihnen nicht mindestens ein Paar Knöchlein, ein armes Mumpfel, ein Magenpflaster, den armen Leuten, die nichts in der Welt als ihr Leben haben? Geh hin wer mag, der Teufel hol mich, wo ich hingeh. Wenn ich hinging, holt' mich der Teufel sicherlich. Pest! hebt euch weg!

Willst du, mein Jahn, daß dich gleich dreyssigtausend Schieböck voll Teufel holen? Thu drey Ding: Gieb mir[415] deinen Beutel. Denn das Kreuz widersteht dem Zauber; und könnt dir gehen wie jüngst dem Mautner Hans Dodin von Couldray, am Furth zu Vede, als die Küriser den Mühlen-Steig zerbrochen hätten. Der Scharrbatz traf am Ufer den Bruder Adam Bollart Observantiner von Mirebeau, Franziskanerordens, und versprach ihm ein neu Kleid mit dem Beding daß er ihn Huckeback auf seinen Schultern über den Strom trüg. Denn es war gar ein starker Hach. Wurden also des Handels eins; mein Bruder Bollart schürzt' sich auf, bis ans Gemächt, lud wie ein klein artig Sankt Christöffel, seinen Suplikanten Hans Dodin auf den Rücken, und trug ihn also wohlgemuth, wie Aeneas seinen Vater Anchisen aus dem Trojanischen Brand, und sang ein schön Ave maris Stella dazu. Wie sie nun eben im tiefsten Furth, just oberhalb des Mühlrads waren, frug er ihn, ob er auch Geld bey ihm hätt. – Ey, antwort Dodin, die schwere Huck voll, und wegen des versprochenen Kleides habt nur kein Bangen. – Wie! spricht Bollart, du weißt daß ein ausdrücklich Kapitel unsrer Regel uns streng verbeut, Geld bey uns zu tragen. Vermaledeyet bist du fürwahr, der du mich also zur Sünd verleitest. Konntest du nicht deinen Beutel beim Müller lassen? Unfehlbar sollst du mirs itzund büssen, und wo ich dich in unserm Kapitel zu Mirebeau jemals erwisch, sollt du das Miserere haben usque ad vitulos? – Sofort ließ er die Händ ab, und schmiß den Dodin kopfunter mitten ins Wasser 'nein.

Nach diesem Beyspiel, Bruder Jahn mein süsser Freund, daß dich die Teufel nicht lang turbiren und gemächlicher holen mögen, gieb du mir deinen Beutel, und trag kein Kreuz an dir. Denn die Gefahr springt in die Augen. Hast du Geld oder Kreuzer bey dir, schmeissen sie dich etwann auf Felsen, wie der Adler die Schildkröt, wenn er sie knackt (wie gings dem Glatzkopf Aeschylus?) und[416] würdest dir weh thun, das wär mir Leid, Freund! Oder lassen dich etwann gar in ein Meer fallen, weit, wer weiß wohin, wie den Ikarus, und hieß darnach das Mare Klopfleischiacum.

Fürs zweyt, sey quitt. Denn die Teufel sind den quitten Leuten sehr zugethan. Dieß seh ich an mir; die Schälk umschwänzen mich itzt, und courtesiren mit mir in einem fort, das ihre Art doch sonst nicht war, als ich annoch im Pfeffer und in Schulden saß. Denn eines Schuldners Seel ist gar wurmstichig und hektisch, ist keine Speiß für Teufel. Zum dritten, mit deiner Kutt und deinem härenen Kapot, geh wieder zum Herrn Murrnebrod. Und wo dich in der Jupp nicht dreyssigtausend Kahn voll Teufel holen, zahl ich den Schoppen unds Holz dazu. Und wenn du zu deiner Sicherheit etwann Gesellschaft nöthig hast, komm nicht zu mir, das rath ich dir. Nix! hebt euch weg! ich geh nicht hin, der Teufel hol mich, wo ich hingeh. –

Ich macht' mir, antwort Bruder Jahn, wohl weniger draus als einer dächt, wenn ich nur meinen Fochtel zur Hand hätt. – Du greifsts schlau an, versetzt Panurg, und redest wie ein pfiffiger Doctor vom Fach davon. Zu meiner Zeit, als ich noch auf der hohen Schul in Toledo studirt', da sagt zu uns der hochwürdige Pater im Teufel, Picatrix, damalen Rector der diabologischen Facultät, daß sich die Teufel von Natur eben so sehr vor dem Glanz der Degen, wir vor dem Licht der Sonnen scheuten. Fürwahr, auch Herkules, als er blos mit der Keul und Löwenhaut zur Höll und allen Teufeln ging, jagt' ihnen kein solch Schrecken ein, als nach der Zeit Aeneas im funkelnden Harnisch und mit seinem Fochtel, den er mit Hülf und Rath der Sibyll zu Cumä stattlich blank geputzt und gefegt hätt. Dieß mocht wohl auch die Ursach seyn, warum Herr Johann Jakob Trivulz, da er zu Chastres starb, ihm seinen Degen[417] bringen ließ, und so mit blosem Degen in Händen rund um sein Bett her fechtend starb, als ein beherzter tapfrer Ritter, und durch dieß Fechten die Teufel all, die ihm am Todessteig aufpaßten, zu Paaren trieb. Die Massoreten und Kabbalisten, wenn ihr sie fragt, warum kein Teufel nimmermehr ins irdische Paradies sey kommen, geben euch keinen andern Grund als daß an der Pfort ein Cherubim mit feurigem Schwert steh. Ich bekenn zwar, um nach der wahren Toledaner-Diabologi zu reden, daß allerding die Teufel wohl durch keine Schwertstreich sterben können: aber ich behaupt zugleich nach eben derselben Diabologi, daß sie Continui Solutionem erleiden können, wie wenn du mit deinem Fochtel etwa quer durch eine helle Feuerflamm, oder in einen dicken finstern Rauch hiebst: und schreyen teufelmässig, wenn sie die Solution verspüren, denn es tut ihnen teuflisch weh.

Wenn du das Aufeinanderrennen zweyer Herreshaufen siehst, denkst du, Cujunkel, der schreckliche Lärm und grosse Tumult den man da hört, käm von den Menschenstimmen her, dem Stoß der Panzer, dem Krachen des Pferd-Zeugs, dem Schwung der Streitäxt, dem Sprung der Piken, dem Splittern der Lanzen, vom Schrey der Getroffnen, vom Schall der Trommeln und Trommeten, vom Wiehern der Roß, vom Donner der Büchsen und Kartaunen? Es ist was dran, ich kanns nicht leugnen; aber der große Haupt-Rumor, das wahre Zedermordjo kommt von den heulenden und wehklagenden Teufeln, die, wenn sie dort im Handgemeng auf die Seelen der armen Blessirten lauern, von unversehens Schwertstreich empfangen, und Trennung der luftigen Stetigkeit ihres unsichtbaren Wesens erleiden: wie wenn Herr Rauchschwalb einem Lakayen, der Speck vom Spieß nascht, mit dem Stock ein Feuchtes über die Finger zög. Da schreyn und heulen sie dir wie Teufel; wie Mars, von dem Homer bericht daß er, vor Troja vom Diomedes blessirt, furchtbarer und lauter gebrüllt hab als zehntausend Mann zusammen. Doch! was schwatzen wir hie viel von blanken Harnischen und feurigen Schwertern? Von der Art ist nicht dein Fochtel; denn meiner Treu! vor eitel Ruh und langem Feyern ist er weit blinder und rostiger worden[418] als ein altes Fleischscharren-Schloß. Darum thu eins von beydem: entweder feg ihn blitzblank und funkelhell, oder, wo er so rostig bleibt, komm nicht dem Haus Großmurrnebrods zu nah! Ich für mein Theil geh nicht hin; der Teufel hol mich, wo ich hingeh.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 414-419.
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