Erstes Kapitel.

[336] Wie Pantagruel eine Utopische Coloni in Dipsodien einführt'.


Nachdem Pantagruel ganz Dipsodien erobert, führt' er in das Land eine Utopische Coloni, an Zahl 9876543210 Mann, ohn die Weiber und kleinen Kindlein; Handwerksleut aus allen Zünften, Professores aller ersinnlichen freyen Künst, ernanntes Land, das sonst nicht sehr bewohnt und meist verödet war, zu restauriren, zu bevölkern und wiederum in Flor zu bringen. Und ward hiezu nicht nur bewogen durch die ausnehmende Menschenmeng an Männern und Weibern in Utopien, die sich allda heuschreckenmäßig gemehret hatten (denn ihr wißt wohl, und brauchs euch nicht erst lang zu sagen: die Zeugungsglieder der Utopier waren so fruchtbar, und die Matrices der Utopierinnen so räumig, schleimig, zellig und widerhaltig, nach rechter Bauart, daß aller neun Monat sieben Kinder zum wenigsten, theils Männlein theils Fräulein aus jeder Eh erzielet wurden: nach dem Fürgang des Jüdischen Volkes in Aegypten, wenn anders de Lyra nicht deliriret): noch auch so sehr durch Fruchtbarkeit, heilsame Luft und Commodität des Dipsodierlandes, als weil ers in Pflicht und Gehorsam wollt halten durch diese neue Einführung seiner alten getreuen Unterthanen. Welche seit unvordenklicher Zeit keinen andern Herren ausser ihm gesehen, erkannt, gehuldigt noch bedienet hatten, und seitdem sie das Licht der Welt zuerst erblickt, zugleich mit ihrer Muttermilch die süsse Gelindigkeit und Milde seiner Regierung eingesogen, darinn tagtäglich aufgenährt und bethauet worden. Woraus man sich zu ihnen mit Gewißheit versah, daß sie viel eher dem leiblichen Leben entsagen würden, als dieser ersten alleinigen, ihrem alten Stammherrn von Natur zuständigen Lehens-Treu und Ergebenheit, wohin man sie auch immer verstreuen und führen möcht: und nicht nur sie samt ihren Kindern und Leibeserben hiebey verharren, sondern auch in selbiger Treu und Gewärtigkeit die in sein Reich neu[337] einverleibten Nationen erhalten würden. Wie dann auch allerding geschah, und ihm sein Absehn keineswegs vereitelt ward. Denn wenn ihm schon die Utopier vor ihrem Auszug treu und gewärtig gewesen waren, wurden es nun die Dipsodier nach wenigen Tagen des Umgangs mit ihnen noch mehr, durch den besonderen natürlichen Eifer der alle Menschen zu allen Dingen so sie mit Lust thun, anfangs spornt; und klagten nur allein darüber, mit Anrufung des höchsten Himmels und aller bewegenden Geister darinn, daß ihnen des guten Pantagruels Ruhm nicht eher wär zu Ohren kommen.

Hiebey bemerket nun, ihr Zecher: daß es der rechte Weg nicht ist, ein neu erobert Land in Pflicht und Gehorsam zu erhalten, wenn man, wie etliche tyrannische Geister zu ihrem Schimpf und Schaden irrig vermeinet haben, die Völker kränkt, plackt, schindet, martert, druckt, beraubt und sie mit eisernen Ruthen züchtigt; kurz, wenn man sie verschlingt und frißt nach Art des ungerechten Königs, welchen Homerus Demoboron nennet, das ist Volksfresser. Ich will euch hiebey nicht erst die alten Geschichten anziehn, sondern nur blos erinnert haben an das was eure Väter gesehen, ja wohl ihr selbst mit eignen Augen, wenn ihr nicht allzu jung seyd. Wie ein neugeboren Kindlein muß man sie wiegen, säugen, ihnen schön thun: wie einen neugepflanzten Baum sie schützen, schirmen, vor allem Windbruch, Unbill und Wetterschaden hüthen. Wie einen Menschen der von schwerer langwieriger Krankheit wiederum sich zur Genesung erholen will, muß man sie warten, schonen, stärken; bis sie in ihren Herzen selbst der Meinung werden, daß sie von allen Königen und Fürsten der Welt keinen so ungern zu ihrem Feinde, keinen lieber zum Freund haben möchten. Also bezwang Osiris der grosse Aegypterkönig den ganzen Erdkreis, nicht sowohl durch Gewalt der Waffen, als durch Erlösung der Unterdruckten gute heilsame Lebensregeln, bequeme Gesetz, Wohlthätigkeit und Milde. Derhalb ihn die Welt auch den großen König Evergetes, das ist Wohlthäter zubenannt hat, nach dem Gebot des Jupiter an das Weib Pamyle. Fürwahr, auch[338] Hesiodus in der Götterlehr, wo er von höchsten Wesen handelt, stellet die guten Dämonen (ihr mögt sie auch Engel oder Genien heissen, wenn ihr wollt) als Mittler oder Binnengeister zwischen die Götter und Menschen, setzt sie den Menschen vor, den Göttern nach; und weil des Himmels Huld und Segen durch ihre Händ uns zufließt, sie auf unser Glück allzeit bedacht sind und das Unglück stets von uns wenden, schreibt er ihnen ein Königsamt zu, sintemalen es ganz und gar der Könige Pflicht ist, stets gutes, nimmer böses zu thun.

Also ward Alexander von Macedonien Herr des Weltalls. So unterwarf ihm Hercules die ganze Vest, indem er die Menschen von Ungeheuern, Druck, Tyrannei und Schatzung befreyet', sie glimpflich regiert', bei ihren billigen Rechten schützt', sie zu gelinder Polizey und ihrer Landesart paßlichen Gesetzen anhielt, was da fehlt' ergänzet', das zu Viel beschnitt, und alles Vergangne verziehn sein ließ, wie der Athener Amnesti war, nachdem durch Thrasybuli Muth und Geschicklichkeit die dreyssig Tyrannen vertrieben worden, nach der Zeit in Rom erkläret durch Cicero, und unter Kaiser Aureliano wieder erneuert. Dieß sind die Philtra, sind die Jynges und Liebeszauber, mit denen friedlich man behauptet was mühevoll erobert ward. Und ist auch für den Eroberer, er sey Fürst, König oder Weiser, kein glücklicher Regiment gedenkbar, als wenn er der Tugend Gerechtigkeit nachfolgen läßt. Seine Tugend erhellete aus dem Sieg und aus der Eroberung. Seine Gerechtigkeit wird erhellen, wenn er mit Lieb und guter Meinung des Volks Gesetz und Ordnungen giebt, Religion einführet, Jedem sein[339] Recht anthut: wie der edle Poet Maro vom Octavianus Augustus sagt:


Dem gern ihm unterwürfigen Geschlechte

Gab Er als Bändiger Gesetz und Rechte.


Eben darum nennet Homerus in seiner Ilias die guten Fürsten und grossen Könige Kosmitoras Laon, das ist Volksschmücker. Dieß war das Augenmerk des weisen, staatsklugen und gerechten Numa Pompilius, andern Königs von Rom, als er verbot dem Gott Termino an seinem Feyertag, den man die Terminalien nannt, etwas Geschlachtetes zum Opfer zu bringen; uns zur Warnung daß man die Grenzen der Länder und deren Zuwachs soll in Frieden, Güt und Freundlichkeit regieren und wahren, nicht die Händ dabey mit Blut und Raub besudeln. Wer anders thut, wird nicht allein verlieren was er gewonnen hat, sondern er leidet auch noch dazu den Schimpf und Spott daß man ihm nachsagt, er habs mit Sünden böslich gewonnen, aus Ursach, weil ihm der Gewinnst unter den Händen zu nicht ist worden. Denn schlimm gewonnen, schlimm zerronnen. Und ob er auch selbst sein Lebenlang es für sein Theil in Frieden genöß, und seine Erben verlörens wieder, wäre doch des Todten Schimpf derselbe, und sein Gedächtnis mit Fluch beladen, als eines schnöden Eroberers. Denn ihr führt selbst den Spruch im Mund: Unrecht gewonnen Gut erbt nicht aufs dritte Glied.

Bemerket noch zu diesem Stück, ihr Alt-Gichtbrücher, wie durch dieß Mittel Pantagruel geschickt zwo Engel aus Einem macht'. Welches ihm anders und besser gerieth als Karln dem Grossen sein kluger Rath damit er zween Teufel aus Einem macht', als er die Sachsen nach Flandern zog, und die Flamänder nach Sachsen setzte. Denn weil er die unlängst von ihm dem Reich erst einverleibten Sachsen nicht dergestalt gewältigen konnt, daß sie nicht stündlich rebellisch wurden, so oft er etwann nach Spanien oder in andre entlegne Länder erfordert ward, versetzt' er sie in ein ihm eigen und von Natur gehorsam Land, das ist nach Flandern; und die Flamänder und Hennegauer, seine natürlichen Unterthanen,[340] bracht er nach Sachsen, weil er sich, obschon verpflanzt in fremde Gauen, derselben Treu versichert hielt. Begab sich aber daß die Sachsen in ihrem alten Trutz und Aufruhr beharreten, und die Flamänder in Sachsen wohnhaft, ebenfalls der Sachsen Sinn und Sitt annahmen.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 336-341.
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