Zweytes Kapitel.

[341] Wie Panurg Burgvogt von Salmigundien ward, und wie er sein Korn in der Grun aß.


Pantagruel, als er nunmehr die ganze Dipsodische Landesverwaltung in Ordnung bracht, vergabt' Panurgen die Burgvogtey von Salmigundien, so jährlich 6789106789 Realen fix eintrug ohn die losen Gefäll von den Schlammbyßkern und Mayenkäfern, welche sich, ein Jahr ins ander gerechnet, auf 2435768 bis 2435769 Langwollenhammel beliefen, auch mitunter wohl, wenn es ein gut Schlammbyßker-Jahr war und die Maykäfer sehr gesucht, trieb ers auf 1234554321 Serafinen; glückt' aber nicht alle Jahr. Und hielt euch auch der neue Herr Burgvogt so wohl und rathsam Haus damit, daß er in noch nicht vierzehn Tagen so fix' als lose Gefäll der Vogtey auf drey Jahr verdilapidiret hätt. Verdilapidiret, nicht etwann buchstäblich, wie ihr denken möchtet, mit Klösterstiften, Tempelbauen, Fundirung von Schulen oder Spitälern, oder daß er seinen Speck sonst vor die Hund geworfen hätt; sondern verthäts mit tausenderley kleinen ergötzlichen Tractamentlein und Festlichkeiten, wo offene Tafel für jedermann gehalten ward, insbesonders für gute Camarad, junge Maidel und schmucke Dirnlein. Schlug Holz, verbrannt die grossen Stämm, damit[341] er die Asch verkaufen könnt, nahm Geld zum Voraus auf, kauft' theuer, schlug wohlfeil los, und aß sein Korn in der Grun auf. Als Pantagruel den Handel erfuhr, ward er darüber mit nichten bös, unwirsch noch mürrisch. Denn ich habs euch zuvor schon gesagt, und sags noch einmal, es war das best lieb klein großherzigst Biedermandl so je an der Hüft einen Degen trug. Nahm nix für ungut, ließ alles grad sein, legt' alles wohl aus, grämt' sich nicht, erzörnt sich nimmer. Auch wär er traun aus dem göttlichen Häuslein der Vernunft gar weit spaziert, wenn er sich groß hätt kümmern und entrüsten wollen. Denn alle Schätz und Herrlichkeiten soviel der Himmel ihrer deckt und die Erd nach allen Maasen der Höh' und Tief, der Läng und Breit in sich beschließet, sind ja nicht werth daß wir uns drum erhitzen, oder Seel und Sinnen dadurch verwirren lassen sollten. – Er nahm Panurgen blos auf die Seit und hielts ihm liebreich für, daß wenn er so fort wollt leben und kein beßrer Haushälter seyn, es ganz unmöglich, oder zum mindesten doch sehr schwer würd halten ihn jemals reich zu machen.

Reich? sprach Panurg: stand euer Sinn euch darnach, mich – mich reich zu machen in dieser Welt? Alle gute Geister! denkt lieber darauf daß wir ein lustigs Leben führen: all andre Sorg, all andrer Kummer sey doch fern von dem hochheiligen Domicilio eures himmlischen Gehirns, deß Klarheit nimmer auch nur das kleinste Wölklein von Welkmuch noch Griesgram betrüben müß! Wenn Ihr frisch, fröhlig und guter Ding seyd, hab ich des Reichthums voll und satt. Die ganze Welt schreyt Wirthschaft! Wirthschaft! führt aber wohl Mancher die Wirthschaft im Mund und weiß nicht was er redt.

Bey mir, bey mir muß man sich Raths erholen. Und wisset dieß: das was man mir zum Vorwurf macht, ist nichts als eine Nachahmung gewesen der Universität zu Paris und Parlamentes: an welchen Orten der wahre Brunnquell und leiblich Fürbild aller Pantheologie und[342] aller Gerechtigkeit wohnhaft ist. Ein Ketzer, wers bezweifelt, wers nicht steif und fest glaubt! Selbige essen auch ihren Bischof, oder was gleichviel, des Bisthums Einkünft auf ein ganz Jahr, ja wohl mitunter auf zwey, an Einem Tag auf; nämlich an dem Tage da er seinen Einzug hält. Und hilft ihm auch kein Ausred dagegen, wo er nicht auf dem Fleck lebendig will gesteinigt seyn. – Ferner üb' ich hierin die vier Haupt-Tugenden: Klugheit, indem ich Geld zum voraus aufnehm: denn man weiß nie was biegt noch bricht. Wer weiß ob die Welt noch drey Jahr lang steht? Und stünd sie auch länger, wer wär so toll, daß er drey Jahr zu leben sollt hoffen?


Nie war ein Sterblicher von Gott noch so beglückt,

Daß er gewiß wär ob den Morgen er erblickt.


Gerechtigkeit, oder Justitia commutativa, indem ich theuer einkauf, (nämlich auf Borg,) und wohlfeil wieder verkauf (für baares Geld). Was sagt Cato von diesem Punkt in seinem Haushalt? der Hauswirth, sagt er, muß ein steter Verkäufer seyn. Solchergestalt ist ganz ohnmöglig daß er nicht reich sollt werden zuletzt, wenn nur das Fässel immer lauft.

Distributiva, indem ich die guten (merket, die guten!) und artigen Kamrad satt mach und fütter, die Fortuna, gleich dem Ulysses, aufs Riff des bellenden Magens geworfen hat ohn allen Mußtheil. Deßgleichen die guten (merkt wohl, die guten!) und jungen Maidel (merket, die jungen!) denn nach dem Ausspruch Hippokratis ist Jugend unwillig des Hungers, insonderheit wenn sie risch, rührig, munter, feurig, tummlig, sprunghaft, gespässig ist. Welche Maidels den braven Leuten auch gern und willig Vergnügen machen; denn sie sind soweit ganz Platonisch und Ciceronianisch gesinnt, daß sie sich nicht für sich allein in dieser Welt geboren[343] meinen, sondern mit ihrer eignen Person ihrem Vaterland und Freunden beystehn.

Stärk, indem ich die großen Bäum umhau, wie ein andrer Milo, die finstern Wälder licht, die Hölen der Wölf, Schwein, Füchs, die Mord- und Diebsgeklüfter, Falschmünzerwerkstätt, Banditennester, und Ketzerwinkel von Grund ausrod und sie zu schöner freyer Haid und Buschwerk eben', dabey viel Holz mach, trotz dem geschicktesten Kegelschieber, und die Stühl für die jüngste Nacht in Bereitschaft halt.

Mässigkeit, ich eß mein Korn in der Grun, wie ein frommer Klausner, ich leb von Wurzeln und Salat, entschlag mich aller Fleischesgelüsten und leg also etwas zuruck für die Armen und Lahmen. Denn damit erspar ich die theuern Jäter, die Schnitterleut die gern viel saufen, und das ohn Wasser; die Stoppler, denen man Wecken muß geben; die Drescher die einem nicht einen Bollen, Lauch noch Zwiebel im Garten lassen, auf Autorität der Vergilianischen Thestilis; die Müller, das gemeiniglich Spitzbuben sind, und die Bäcker, die's nicht besser machen. Ist dieß etwann ein klein Ersparniß? Nicht zu gedenken des Hamsterschadens, Speichereinfalls, und was die Kornwürm und Wibel fressen.

Aus grünem Korn macht ihr die schöne, grüne Supp, die so leicht verdaulich, so magentröstlich ist, die euch das Hirn ausweitet, die Lebensgeister erheitert, das Gesicht erquickt, den Hunger öffnet, den Schmack erfreut, das Herz beruhigt, die Zung kützelt, die Backen roth macht, die Mäuslein kräftigt, das Blut abkühlt, das Zwerchfell erleichtert, die Leber frischt, die Milz erschließt, die Nieren luftet, die Lenden schmeidigt, den Rückgrat lockert, die Harngäng säubert, die Saamenbläslein dehnt und ausspannt, die Cremasteres abbrevirt, die Blas purgirt, die Genitalien aufbläht, die Vorhaut corrigirt, die Eichel incrustirt, das Glied rectifizirt, euch offnen Leib, gut grölzen, fisten, farzen, pfergen, harnen, niesen, schluchsen, husten, speyen, kotzen, gähnen, schneuzen, schnaufen, athmen, pusten, schnarchen,[344] schwitzen, dunsten, den Sterzen spitzen, und tausend andre Wunder mehr verrichten macht.

Ich merk wohl, sprach Pantagruel, ihr wollt draus folgern daß Leut von schwachem Verstand nicht viel in kurzer Zeit vergeuden können. Ihr seyd der Erste nicht, der diese Irrlehr erfunden hat. Nero behauptet's auch, und bewundert' vor allen Menschen den C. Caligula seinen Oheim, welcher sein ganz Vermögen und Erbgut das ihm Tiberius hinterlassen, durch wunderwürdige Erfindung in wenig Tagen verthät und durchbracht.

Aber, anstatt den Römischen Tafel- und Aufwandgesetzen nachzuleben wie sich gebühret, dem Orchischen, dem Fannischen, dem Licinischen, dem Didischen, dem Cornelischen, dem Lepidianischen, Antischen und denen der Korinther, wodurch einem Jeden streng verwehrt war, des Jahrs mehr auszugeben als ihm seine jährlichen Einkünft erlaubten, habt ihr Proterviam begangen, das bey den Römern ein Opfer war gleichwie das Pascha-Lamm der Juden, da mußt auch alles was nur eßbar, verschlungen werden; ins Feuer warf man was überblieb, es durft kein Brösel bis auf den nächsten Morgen bleiben. Ich kann von euch mit Wahrheit sagen was Cato vom Albidius sagt', der, als er durch übertriebne Verschwendung sein Hab und Gut rein aufgezehrt und nur ein Haus noch übrig hätt, das Haus in Brand steckt', um sagen zu können: Consummatum est; wie nachmals der heilige Thomas von Aquin, als er die Lampret gar aufgeschmaust hätt: dieß macht mir nix.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 341-345.
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