Fünf und Zwanzigstes Kapitel.

[422] Wie sich Panurg beym Her Trippa beräth.


Hört an, fuhr Epistemon fort, was ihr, wenn ihr mir folgen wollt, noch thun könnt eh wir wieder heim zu unserm König gehn. Hie unweit der Insel Bouchard wohnt Her Trippa. Ihr wißt wie er durch Astrologi, Geomanti, Chiromanti, Metopomanti und andre Künst vom gleichen Schrot alle zukünftige Ding weissaget. Laßt uns von eurer Sach mit ihm traktiren. – Davon, sprach Panurg, weiß ich just nix, wohl aber weiß ich daß ihm einsmals, derweil[422] er sich mit dem grossen König von himmlischen und übernatürlichen Dingen besprach, die Hof-Lakayen auf der Stieg beym Hinterpförtlein nach Herzenslust sein Weib kartätschten, die traun nicht schlecht war. Und Er, der alle ätherische und irdische Ding ohn Brill belugt', Vergangenheit und Gegenwart am Schnürlein hätt, und alle Zukunft zum voraus sagt, sah nur sein Weib nicht wackeln, und hats auch nimmermehr erfahren. Wohl! laßt uns zu ihm, weil Ihrs wollt. Man kann zuviel nicht lernen. –

So kamen sie des andern Tages zu dem Her Trippa ins Quartier. Da verehrt' im Panurg einen Wolfspelz, ein groß Bastardschwert schön verguldet, mit sammtener Scheid und funfzig baare Engellotten, worauf er ihm sein Sach vertraulich exponirt. Alsbald zum ersten Willkomm schaut' ihm Her Trippa ins Gesicht, und sprach: du hast die Metoposkopi und Physionomi eines Hahnreys, und zwar eines famosen notorischen Hahnreys! Betrachtet' darauf von allen Seiten Panurgens rechte Hand, und sprach: der falsche Strich den ich da überm Monte Jovis seh, den hat gar eigentlich weiter kein Mensch in der Hand als ein Hahnrey. – Dann macht' er hurtig mit einem Griffel eine Anzahl verschiedlicher Punkt, addirt' sie zusamen auf geomantisch, und sprach: die Wahrheit ist nicht so wahr als es gewiß ist, daß du alsbald nach deiner Hochzeit zum Hahnrey wirst werden. – Hierauf befrug er Panurgen um das Horoskop seiner Geburth, und als ers erhalten, stellt' er darnach sein himmlisch Haus in allen Theilen, beschaut' den Stand und die Aspekten nach ihrem Drey-Schein: dann holt er einen schweren Seufzer und sprach: Ich sagt' dirs schon vorhin expreß, du würdest Hahnrey werden, da war kein Hülf; hie seh ich nun aufs neu bestätigt und schwör dirs zu daß du ein Hahnrey werden mußt. Zudem wirst du von deinem Weib geschlagen, und von ihr bestohlen werden: denn ich seh im siebenten Haus die schlimmsten[423] Aspekten und Schlägerey aller gehörnten Zeichen, als Widder, Steinbock, Stier etcetera. Im vierten, Jovem in cadenti und den Geviert-Schein des Saturn in Conjunction mit Mercurio. Ach! dir wirds hart gehn, armer Mann!

Und dir werd ich die höllische Darr anhusten, alter Narr, Geck, Unhold der du bist! versetzt Panurg. Wenn alle Hahnreys beysammen sind, wirst du ihnen die Fahn fürtragen. Wie kommt mir die Blatter doch zwischen die Finger? Und wie er dieß sprach, hielt er die beiden vordersten Finger wie zween Hörner dem Her Trippa ausgereckt hart vor die Stirn, und ballt' die adern zusamen. Dann sprach er zum Epistemon: Hie seht ihr den leibhaftigen Olus des Martial, der weiter nichts trieb als andrer Leut Elend und Noth zu erforschen und auszuspüren, derweil sein Weib die Fickmühl dreht'! Er selbst dabey ein ärmerer Lump als Irus; gleichwohl dummdreister, stolzer, unleidlicher als siebzehn Teufel: mit einem Wort: Πτωχαλάζων (Ptochalazon), wie die Alten solch Pracher-Grob mit Recht nannten. Kommt, laßt dieß Kalbsgehirn, diesen schäumenden Hundstags-Narrn, den man an Ketten legen sollt, hie mit seinen Hausteufeln storchen so lang er Lust hat. Ich werd bald glauben daß die Teufel solch einem Rekel zu Diensten stünden! er hat noch nicht das A B C der Weisheit los, das » Kenn dich selbst«; rühmt sich den Splitter in seines nächsten Aug zu sehn, und sieht den dicken Balken nicht, der ihm in seine beyden spießet. Er ist just so ein Polypragmon wie ihn Plutarch beschrieben hat; er ist eine zweyte Lamia, die in fremden Häusern, auf offenem Markt, im Volke schärfer als ein Luchs sah, aber in ihrem eignen Haus blinder war als ein Maulwurf, bey ihr selbst keinen Stich sah: denn wenn sie heim kam, nahm sie ihr Fürsteck-Aug, wie eine[424] Brill, aus ihrem Kopf und thäts in einen hölzernen Bundschuh hinter der Hausthür. –

Auf diese Wort ergriff Her Trippa ein Tamarisken-Zweiglein. – Daran, sprach Epistemon, thut er ganz wohl; Nikander nennt es Propheten-Baum. – Wollt ihr die Wahrheit, sprach Her Trippa, hievon noch deutlicher erfahren durch Pyromanti? durch Aeromanti, berühmt durch Aristophanes in seinen Wolken? durch Hydromanti? durch Lekanomanti, vor diesem bey den Assyrern so berühmt und approbirt durch Hermolaum Barbarum? In einem Becken mit Wasser sollt du dein künftig Weib mit zween Lümmeln tanzen sehen. – Wo du etwann, versetzt' Panurg, mir mit der Nas ins Loch wilt guken, nimm auch zuvor die Brill fein ab. – Durch Katoptromanti? sprach Trippa weiter, mittelst deren der Römischen Kaiser Didius Julianus alles was ihm bevorstand errieth? Da darfs der Brill nicht; in einem Spiegel siehst du sie so natürlich kacheln, als ob ich sie dir in dem Born des Minerventempels bey Paträ wies. Durch Koscinomanti, vor Zeiten bey den Römern so heilig gehalten in ihren Cerimonien? Wir nehmen ein Sieb und eine Scheer, so wirst du dein blaues Wunder sehen. Durch Alphitomanti, beschrieben in Theokrits Pharmaceutria? und durch Aleuromanti, wenn man Mehl mit Waitzen zusammen menget? Durch Astragalomanti? Ich hab die Knöchlein schon hie in der Tasch. Durch Tyromanti? Ich hab just einen paßlichen Käs von Brehemont. Durch Gyromanti? So sollt du mir brav Reifen schlagen, und werden sämmtlich linkwärts fallen, das schwör ich dir. Durch Sternomanti? Mein Treu, du hast ein sehr ungeschlacht Bruststück. Durch Libanomanti? Braucht blos ein wenig Weihrauch. Durch Gastromanti, die zu Ferrara lange Zeit die Frau Jakoba Rhodigin' trieb, engastrimythischen Angedenkens? Durch Cephalonomanti, wie sie die Teutschen brauchten, und dabey einen[425] Eselskopf auf Kohlen brieten? Durch Ceromanti? So wirst du das Bild deines Weibes und ihrer Pauker in flüssigem Wachs auf dem Wasser sehen. Durch Kapnomanti? Auf glühende Kohlen streuen wir Mohn- und Sesamkörner. O wackrer Spaß! Durch Axinomanti? Schaff nur ein Beil und einen Gagt-Stein; den thun wir auf den Rost. O wie so meisterlich übt dieß Homer an Penelope's Freyern! Durch Onymanti? Bring Oel und Wachs. Durch Tephramanti? Die Asch wird dir dein Weib in sauberer Positur in der Luft formiren. Durch Botanomanti? Ich hab hie eben Salbeyblätter. Durch Sykomanti? o edle Kunst, in Feigenblättern! Durch Ichthyomanti, vordem so weitberufen, und unfehlbar durch Tiresias und Polydamas ausgeübt, als sie im Graben Dina weiland in des Apollo heiligem Hain in Lycien exerciret ward? Durch Chöromanti? Schaff nur brav Schwein her: du sollt davon die Blas abkriegen. Durch Kleromanti? wie man die Bohn am Samstag Abend vor Epiphaniä im Kuchen find. Durch Anthropomanti, die Heliogabalus, Kaiser in Rom trieb? Sie ist zwar etwas säuisch, aber du wirsts schon ausstehn, weil du einmal zum Hahnrey auserkohren bist. Durch Sibyllinische Stichomanti? Durch Onomatomanti? Wie heissest? – Leckarß, versetzt' Panurg. – Etwann durch Alektryomanti? So mach ich hie einen stattlichen Cirkel her, theil ihn vor deinen sichtlichen Augen in vierundzwanzig gleiche[426] Theil, schreib dann auf einen jeden Theil einen Buchstaben aus dem Alphabet, und leg ein Waitzenkörnlein hin auf jeden Buchstaben; darauf lass ich einen schönen Hahnen darüber, muß aber noch ein Junggesell seyn. Was gilts, so sollt du sehn, daß er die Körnlein von den Buchstaben H. A. H. N. R. E. Y. so divinatorisch fressen wird, als weiland unterm Kaiser Valens, der seinen Nachfahr wissen wollt, der alektryomantische Hahnen-Prophet die Buchstaben Θ. Ε. Ο. Δ. abfraß. Wollt ihrs erforschen durch Haruspiz? durch Extispiz? durch Augurien aus der Vögel Flug? durch Oscinen-Sang? durch solistimischen Tanz mit Enten? – (durch Schitztispiz, antwort Panurg. –) Oder auch durch Nekromanti? Flugs werd ich euch einen kürzlich verstorbenen Leichnam erwecken, wie Apollonius von Tyana den Achilles, und wie die Hex im Beyseyn Sauls: der soll uns das Kurz und das Lang der Sach so haarklein melden, nicht mehr noch minder, als auf Beschwörung der Erichtho ein Todter weiland dem Pompejus den ganzen Hergang und Verlauf des Pharsalischen Treffens prophezeyet'. Oder, wenn ihr vor Toden Furcht habt, wie alle Hahnreys von Natur, so thu ichs schon durch Skiomanti.

Geh, rief Panurg, zum Teufel! du Hundsnarr, und laß dich einen Albaner laternen, bis du den spitzigen Hut aufs Ohr kriegst. Wetter! soll ich nicht gar noch einen Smaragd oder Hyänen-Stein unter der Zung tragen, oder mich mit Widhopfszungen und Laubfroschherzen behängen, oder ein Drachenherz und Leber fressen, um aus der Schwän und Vögel Sang mein Schicksal zu erfahren, wie weiland die Araber in Mesopotamien? Zu dreyssig Teufeln fahr doch dieser Hornochs von Hahnrey, dieser Mauschel und Teufelszaubrer, Hexenmeister des Antichrist! Kommt, laßt uns wieder zu unserm König: ich weiß, es wird ihm gar nicht recht seyn, wenn er hört daß wir in dieses vermummelten Teufels Spelunk gewesen. Mich reut daß ich her ging.[427] Hundert Nobel und vierzehn Bauern gäb ich, mein Seel! mit Freuden drum, wenn ihm der Bursch, der mir vor diesem im Latz faucht', gleich mit seinem Speichel den Schnautzbart illuminiren dürft. Potz Sakerdamm! hat er mich nicht mit seinem Teufelsspuk und Wust, mit seinen Zauber- und Hexenkünsten ganz eingeschwafelt! Also nehm ihn der Teufel auch zu sich. Sprecht Amen dazu, und kommt zur Tränk. Mir schmeckt kein Bissen unter zwey Tagen, nicht unter vieren.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 422-428.
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