Drey und Dreyssigstes Kapitel.

[107] Wie etliche Schranzen des Pikrocholus ihn durch übereilten Rath in die äusserste Gefahr brachten.


Nach ausgepfändeten Wecken erschienen vor dem Pikrocholo der Herzog von Kleinitz, Graf Bravo und Hauptmann Dünnschiß, und sprachen zu ihm: Gnädigster Herr, heut machen wir euch zum glücklichsten, streitbarsten Prinzen der je gelebt hat seit dem Tod Alexanders von Macedonien. – Bedeckt euch, sprach Pikrocholus, bedeckt euch. – Dank, Herr, sagten sie, wir thun nur unsre Schuldigkeit. Das Mittel ist dieses: Ihr lasset einen Hauptmann hie in Garnison mit kleiner Schaar zur Deckung des Platzes, der uns fest genug bedünkt theils von Natur, theils auch durch eure Verschanzungen. Euer Kriegsheer theilt ihr in zwey Theil, wie ihr selbst am besten zu thun verstehet. Das eine Theil davon fällt über diesen Grandgoschier und sein Volk her: schlägt ihn aufs Haupt im ersten Anschuß. Da find ihr Geld im Überfluß, denn der Filz hats bey der Schwere. Filz sagen wir, weil ein adlig Herz, ein rechter Fürst niemals auch nur einen rothen Heller haben muß. Thaler sparen ist Filzen-Handwerk.

Das ander Theil ziehet derweil auf Onys, Sainctonge, Angomoys und Gasconien, auf Perigort, Medoc, Eslanes. Ohn Widerstand gewinnen sie Städt, Vesten, Schlösser. Zu Bajonn, zu Sainct Jean de Luc und Fontarabien nehmt ihr alle Schiff, damit ihr gegen Galizien und Portugal streift und alle meeranstössige Land bis Ulisbona plündert, wo ihr Zufuhr jedes Kriegsbedarfes für einen Eroberer schon finden werdet. Hohl mich St. Velten, Spanien ergiebt sich euch, denn es sind eitel arme Letzköpf. Nun fahrt ihr durch die Sibyllische Eng und richtet da zwo[108] Säulen auf, viel stattlicher als des Herkules, zu ewigem Denkmal eures Names, und wird derselbe Paß darnach das Pikrocholinen-Meer geheissen.

Habt ihr das Pikrocholinen-Meer erst hinter euch, so stehet auch schon Barbarossa dort und will euer Sklav seyn. – Ich nehm ihn zu Gnaden an, sprach Pikrocholus. – Wohl, aber er muß sich taufen lassen, sagten sie. Erstürmet dann die Königreiche Tunis, Hippo, Algier, Bona, Corona, kühnlich die ganze Barbarey. Geht weiter, so fallen euch in die Hand Majorka, Minorka, Sardinien, Corsika samt den übrigen Inseln des ligustischen und balearischen Meeres. Wendet euch links und schaltet frey über das ganze Narbonische Gallien, Allobrogien, Provinz, Genua, Lukka, Florenz und Gott genad dir alsdann, Rom. Der arme Junker Papst ist schon des Tods für Schrecken. – Bey meiner Treu, ich werd ihm nicht lang den Pantoffel lecken, antwort Pikocholus.

Jetzo ist Welschland euch unterthan, da habt ihr Napel, Kalabrien, Apulien, Sizilien alles im Sack und Maltha mit. Ich wollt nur daß sich die schnakischen Herrn Weiland-Ritter von Rhodus euch ein wenig widersetzten, daß man ihnen das Wasser beschaun könnt. – Doch ging ich auch, sprach Pikrochol, gern gen Laureto. – Nix da, nix, das kommt auf dem Rückweg, sagten sie. Von da ab nehmen wir Candien, Cypern, Rhodus und die Cycladischen Inseln und werfen uns auf Morea. Wir habens schon, Sankt Trinian! Gott schütz Jerusalem: denn der Sultan kann sich nicht messen mit eurer Macht. – So werd ich, sprach er, den Tempel Salomonis bauen. – Nein, sagten sie, noch nicht! Verziehet noch ein wenig. Seyd doch nur niemals so jähling in euern Unternehmungen.

Wißt ihr was Kaiser Octavian sagt, Festina lente? Ihr müßt zuvor Kleinasien, Karien, Lycien, Pamphylien, Cilicien, Lydien, Phrygien, Mysien, Betunien, Charazien, Satalien,[109] Samagerien, Castamena, Luga, Savasta, bis an den Euphrat haben. – Werden wir, frug Pikrocholus, auch Babel und den Berg Sinai sehen? Es ist zur Zeit, antworten sie, noch nicht von nöthen. Heißt es nicht satt sich abgeplackt, wenn man das hirkanische Meer durchschifft hat, die beyden Armenien und die drey Arabien beritten? – Mein Treu! sprach er, wir sind verthan. Ach arme Leut! – Wie so dann? frugen sie. – Was werden wir trinken in dieser Wüst? denn wie man sagt, ist Kaiser Julianus mit seinem ganzen Heer drin Dursts gestorben? – Wir han dem allen schon Rath erfunden, versetzten sie. Im Syrischen Meer habt ihr neuntausend vierzehn große Schiff, mit dem besten Wein beladen den die Erd trägt. Die sind in Joppen bereits gelandet. Dort haben sich zwey und zwanzig hundert tausend Kameel und sechzehnhundert Elefanten eingefunden, die ihr auf einer Jagd bey Sigeilme, als ihr nach Libyen kamt, gefangen. Und ausserdem habt ihr auch noch die ganze Karavan von Mekka erbeutet. Brachten die euch nicht Wein satt? – Aber er war doch matt, sprach er, wir hatten drum kein kühl Getränk. – Ey daß mich doch bald was anders biß! antworten sie, ein Held, ein Landzwinger, einer der nach der ganzen Weltherrschaft aus ist und trachtet, kanns nicht immer gemächlich haben. Dankt Gott daß ihr mit euerm Volk gesund und frisch bis zum Tigris seyd kommen.

Aber, sprach er, was thut derweil unser ander Heer, das den armen filzigen Schlucker, den Grandgoschier geschlagen hat? – Sie feyern auch nicht, sagten sie; werden ihnen alsbald begegnen. Sie haben Bretanien, Normandi, Flandern, Hennegau, Brabant, Artoys, Holland, Seeland für euch erobert, und über den Leib der Schweizer und Landsknecht weg den Rhein überschritten: auch hat ein Theil davon Luxemburg, Lothringen, Champagne, Savoyen bis gen Lyon bezwungen, an welchem Ort sie eure Besatzungen[110] kehrend von ihren See-Victorien im mittelländischen Meere gefunden; und haben sich, nachdem sie Schwaben, Wirtemberg, Bayern, Oesterreich, Mähren und Steyermark gewältiget, wieder in Böhmen zusammengeschlagen. Sind darauf mit aller Macht vereinigt auf Lübeck, Norwegen, Schweden, Rügen, Dazien, Esterlingen, Gothland, Grönland bis an das Eismeer geflogen, wonach sie die Orkadischen Insuln erobert, auch Schottland, Engelland und Irland unterjochet haben: sind von da das Sand-Meer und die Sarmaten durchschifft und haben Preussen, Polen, Lithauen, Rußland, Walachey, Siebenbürgen, Hungarn, Bulcharey, Türkey besiegt, gebändigt, sind bereits in Konstantinopel. – Macht nur, sprach Pikrochol, daß wir bald zu ihnen kommen: denn ich will auch Kaiser von Trapezunt seyn. Solln wir nicht all diese Türkenhund und Mahometisten erwürgen? – Ey was Teufel anders? antworten sie: und ihre Land und Güter schenkt ihr dann denen die euch redlich gedienet, – Wie billig, sprach er, von Rechtswegen. Ich schenk euch Carmanien, Syrien und ganz Palästina. – Ha, riefen sie, da thut ihr wohl dran, gnädigster Herr! Wir danken schön. Gott woll euer Wohlfahrt allzeit mehren.

Damals war auch ein Alter vom Adel mit zugegen, in mancherley Wagniß und Kriegesläuften wohl erfahren, namens Echephron, der sprach, als er die Reden hört': Ich sorg fast sehr daß all dieser Anschlag werd ausfallen wie der Schwank vom Milchtopf, daran sich der Schuster im Traum bereichert, drauf als der Topf in Scherben brach, nichts zu schmausen hätt. Worauf zielt ihr doch mit diesen stolzen Eroberungen? Was wird das End all dieser Kreuz- und Querzüg seyn? – Wird seyn, antwort Pikrocholus, daß wir, wenn wir heimkommen, uns gemächlich zur Ruh begeben. – Und wenn ihr etwann, frug Echephron, zufälliger Weis nicht wieder kämet? denn der Weg ist weit und gefährlich; wärs nicht besser daß wir uns von Stand an zur Ruh begäben, eh wir in die Gefahr uns wagten? – O um Gott! schrie Bravo, seht mir doch den armen Fasler! Ich[111] mein wir hockten uns lieber gar auf die Ofenbank und brächten da unser Zeit und Weil bey den Frauen mit Perlen-Fädeln und Spinnen zu, wie Sardanapalus. Wer sich nichts wagt, hat weder Pferd noch Maul, spricht Salomon. – Und wer zu viel wagt, spricht Echephron, der verlieret Pferd und Maul, antwortet Malcon. – Basta, vorwärts! schrie Pikrochol: ich fürcht mich nur vor dieses Grandgoschiers Legion Teufeln, wenn sie etwann, derweil wir in Mesopotamien stäken, uns in die Schlepp kämen. Da rath zu. – Gar wohl, gar wohl, antwortet Dünnschiß. Ihr schickt den Moskovitern nur ein klein Depeschlein zu, das stellt euch in einem Umsehn Vierhundertfunfzigtausend erlesenes Kriegsvolk auf die Bein. O wenn ihr mich zu euerm Leutnant setzen wolltet, ich freß euch ein Dukaten für n'e Laus auf. Ich mord, ich tob, ich schmeiß, ich zerreiß, schlag tod ohn Gnod! – Auf! schrie Pikrochol, macht euch fertig, und wer mich lieb hat folge mir!

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 107-112.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gargantua und Pantagruel
Gargantua. Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, 2 Bände
Gargantua und Pantagruel
Gargantua und Pantagruel, in 2 Bdn.
Gargantua und Pantagruel

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der grüne Kakadu. Groteske in einem Akt

Der grüne Kakadu. Groteske in einem Akt

In Paris ergötzt sich am 14. Juli 1789 ein adeliges Publikum an einer primitiven Schaupielinszenierung, die ihm suggeriert, »unter dem gefährlichsten Gesindel von Paris zu sitzen«. Als der reale Aufruhr der Revolution die Straßen von Paris erfasst, verschwimmen die Grenzen zwischen Spiel und Wirklichkeit. Für Schnitzler ungewöhnlich montiert der Autor im »grünen Kakadu« die Ebenen von Illusion und Wiklichkeit vor einer historischen Kulisse.

38 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon