Siebentes Kapitel.

[204] Wie Pantagruel gen Paris kam, und von den schönen Büchern der Liberey zu Sanct Victor.


Nachdem Pantagruel in Aurelians sehr brav studirt hätt, wollt er auch die grosse Universität zu Paris sehen. Vor seiner Abreis aber zeigt' man ihm an, daß bey Sanct Aignan im besagten Aurelians eine unmäßig grosse Glock schon über zweyhundert vierzehn Jahr in der Erden läg'; denn sie wär so groß, daß man mit keinerley Art von Hebzeug sie auch nur über Grund könnt rücken, obschon man alle Mittel und Weg dazu versucht hätt die Vitruvius de architectura, Albertus de re aedificatoria, Euclides, Theon, Archimedes und Hero de ingeniis lehren, es zög aber alls noch nicht. Demnach er der bescheidenen Bitt der Bürger und Einwohner dasigen Ortes ganz gern willfahrende versprach, sie auf den ihr bestimmten Thurn zu henken, hinging wo sie lag, und mit dem kleinen Finger euch die Glock so leichtlich aus der Erd hub wie ihr ein Sperber-Schellen hübet. Eh er sie aber im Thurn wieder aufhing, wollt er zuvor noch der Stadt damit ein Ständlein bringen, trug sie also und läutet' sie aus freier Hand durch alle Gassen zu grosser Lust des Volkes. Aber er richtet' damit ein sehr empfindlichs Unheil an: denn während er die Glock so umtrug und durch die Gassen läuten ließ, ward aller gute Wein in Orleans taub davon und schlug gar um, welches[204] die Leut erst abends darauf verspürten; denn auf den tauben Wein ward alle Welt so unmässig durstig, daß ihnen der Speichel in einem fort so weiß wie Malthesische Baumwoll vom Mund ging, und schrieen: Wir han den Pantagruel! und er hat uns die Kehlen versalzen!

Hierauf ging er gen Paris mit seinen Leuten, und bey seinem Einzug lief alle Welt hinaus ihn zu sehen; wie ihr denn wohl wißt daß das Volk in Paris ein Laff von Haus aus in B dur und moll ist: betrachteten ihn mit grossem Entsetzen, ja nicht ohn Furcht daß er ihnen das Stadthaus etwann wo andershin, in irgend ein Land a remotis trüg, wie sein Vater weiland die Glocken von Unser Frauen für seine Mär zum Halsband nahm. Und nachdem er daselbst eine Zeit lang gewohnt und alle sieben freye Künst mit allem Fleiß getrieben hätt, sagt er' es wär eine gute Stadt darinn zu leben, nicht aber zu sterben, weil sich die Pracher zu Sanct Innocenz an den Knochen der Todten die Aerß wärmten. Die Liberey zu Sanct Victor fand er sehr herrlich versehen, insonderheit mit etlichen Büchern so er da vorfand, von denen hie das Befundregister folget, et primo:


Bigua Salutis.

Hosackus juris.

Pantofla decretorum.

Malogranatum vitiorum.

Der theologische Garnknäul.

Das Plackholz der Prediger verfugt durch Turlupin.

Die Barrenhod der Tapfern.[205]

Das Bilsenkraut der Bischöf.

Memmendreckius de Affibus et Pavianis, cum commento Dorbellis.

Decretum universitatis Parisiensis super gorgiositatem muliercularum ad placitum.

Die Erscheinung der heiligen Gehl-Trud bey einer Nonn in Kindsnöthen zu Poissy.

Ars honeste farzandi in societate per M. Ortuinum.

Der Pönitenz Langschub.

Der Geduld-Strumpf oder alias Stiefel.

Formiciarium artium.

De Bouillonis usu, et honestate schöppeliundi, per Silvestrem Prieratem Jacobinum.

Der Gefoppte am Hof.

Der Notarien-Korb.

Das Ehstandsränzel.

Das Grubenlicht der Beschaulichkeit.

Die Flausen der Recht.

Der Wein-Stachel.

Der Käs-Sporn.

Schuhbutzium Scholarium.

Tartaretus de modo cacandi.

Die römische Baß-Posaun.

Bricot de differentiis Supparum.

Die After-Salb der Disciplin.

Der Demuth Pottschuh.

Der Dreyfuß guter Bußgedanken.

Der Großmuth Siedpfann.

Die Häkeleyen der Beichtiger.[206]

Das Knötel der Pfarrer.

Reverendi patris fratris Lubini, Gewaeschiae provincialis, de Spekseitiis schnappandis libri tres.

Pasquilli, doctoris marmorei, de capreolis cum Artischoco comedendis, tempore papali ab ecclesia interdicto.

Die heilige Kreuz-Findung, zu sechs Personen agiret durch die haarfeinen Clerici.

Die Brill der Rom-Fahrer.

Majoris, de modo worstifaciundi.

Der Prälaten Dudelsack.

Beda, de optimitate Kuttelium.

Der Advocaten Beschwer über die Reformation der Sportuln.

Der Procuratoren-Katzbalg.

Von Speckerbsen cum commento.

Des Ablaß Mast-Bissen.

Praeclarissimi juris utriusque doctoris Meister Plackarti Batzigrapii de fetzipletzendis glossae Accursianae Lappalibus repetitio enucidiluculidissima.

Stratagemata Freyschützii de Baignolet.

Freymauserus, de re militari, cum figuris Toffelii.

[207] De usu et utilitate abtegendi equos et equas, authore Magistro nostro de Quer-Kuh.

Das Bauerngrob der Dorfscholzen.

Magistri Nostri Rippenbrateselinklauii, de Senfo post prandium serviendo, lib. quatuordecim, appostillati per M. Vaurillonis.

Das Hodagium der Promotoren.

Jabolenus de cosmographia purgatorii.

Quaestio subtilissima, utrum Chimaera, in vacuo bombinans, possit comedere secundas intentiones: et fuit debatuta per decem hebdomadas in concilio Constantiensi.

Der Advocaten Hay-Schlund.

Schmatramenta Scoti.

Die Kahlmaus der Cardinäl.

De calcaribus removendis decades undecim, per M. Albericum de Rosata.

Ejusdem de castrametandis crinibus lib. tres.

Des Anton von Leven Einzug in Griechenland.

Marforii Baccalarii cubantis Romae, de strigilandis immummulandisque cardinalium mulis.[208]

Apologia Deß und Deß wider Die und Die so behaupten wollen daß des Papsts Maulthier nicht fressen könnt, ausser zu seinen bestimmten Stunden.

Prognosticatio quae incipit, Silvii Klingelsack, capriolata per M. N. Schnakentraumium.

Caldaunaei, episcopi, de emulgentiarum profectibus, enneades novem, cum privilegio papali ad triennium, et postea non.

Das Jungfern-Scherwenzel.

Der Wittwen Kahlarß.

Die Mönchs-Gugel.

Des Cölestinerordens Brimboria.

Der Manducanten Mauth-Gefäll.

Der Schliffel Zähnknapper.

Die Ratzfall der Gottesgelahrten.

Das Stiefelholz der Artemagistri.

Die Küchenjungen des Ockam mit einfacher Tonsur.

Magistri N. Tellerolecis, de grabelationibus horarum canonicarum, lib. quadraginta.

[209] Purzikekelium confratriarum, incerto authore.

Die Schalaun der Lollenbrüder.

Der Spanier Stinkbrodern, superantiquikapuzuliret durch Fra Inigo.

Die Brummkreß der Topfschlecker.

Hasifusicitas rerum Italicarum, authore magistro Bruslefer.

Raimundus Lullius de Narripossagiis principum.

Fitzliputzelium Kuttaismi, actore M. Jacobo Hogstraten haereticometra.

Warmhodionis de magistro nostrandorum magistro nostratorumque Trink-Liniis, lib. octo galantissimi.

Der Bullisten, Copisten, Scriptoren, Abbreviatoren, Referendarien und Datarien Pferdskracher compiliret durch Regis.

Immerwährender Kalender für Gichtische und Venerische.

Manieries Schlotfegiundi per M. Eccium.

Der Krämer Spuckat.

Die Gemächlichkeiten des Mönchlebeus.[210]

Das Mengelmuß der Bigoten.

Die Geschicht der Irrwisch.

Die Bettelstraß der Tausendbatzer.

Der Offizialen Gimpel-Schneis.

Der Cassierer-Driesel.

Wischiwaschata Sophistarum.

Antipericatametanaparbuzidiamphicribrationes mendicantium.

Der Reimdreher Windelschneck.

Der Alchymisten Blasbalg.

Das Zwickzwack der Bettelmönch verschnappsackt durch Bruder Fassatis.

Die Beinschellen der Religion.

Die Ballenpritsch der Bumbaumer.

Des Alters Armstütz.

Des Adels Beißkorb.

Das Affenpaternoster.

Die Daumschnüren der Andacht.

Der Quartanfasten Klostopf.

Der Politik Mörser.

Der Kläusner Mucken-Fächel.

Das Käppel der Penitenziarier.

Das Tricktrack der Klopfbrüder.

Bengelis de vita et honestate Hosiprangerum.

Liripii sorbonici moralisationes, per M. Lutpoldum.

Das Krimskrams der Reisenden.

Pottig der Potativbischöf.

[211] Zedrimordiones doctorum Coloniensium adversus Reuchlin.

Der Damen Schellenspiel.

Die Martingalische Kackerhos.

Vulpischwenzium Heyducorum per F. Pediflink.

Die fröhligen Schuhpletzer.

Mummschanz der Kobolt und Poltergeister.

Gerson, de auferibilitate papae ab ecclesia.

Die Alpenschleif der Graduirten und Ernannten.

Jo. Dytebrodii, de terribilitate excommunicationum libellulus acephalos.

Ingeniositas invocandi diabolos, et diabolas, per M. Gingulphum.

Das Potpourry der Perpetuonen.

Die Ketzer-Moresk.

Die Gramanzen Cajetani.

Netzenschnut, doctoris cherubici, de origine Rauchhandionum et Duckmaeuserium ritibus, lib. septem.

Neunundsechzig Breviarien vom dicken Schmeer.

Die Gauchmär der fünf Bettelorden.

Das Pelzwerk der Tirlupin extrahiret aus dem in die englische Summa incornifistibulirten Fahlstiefel.

Punktirbuch der Gewissensfäll.[212]

Der Präsidenten Prallwanst.

Asinikopium der Aebt.

Sutoris, adversus quendam qui vocaverat eum Schubiacum, et quod Schubiaci non sunt damnati ab ecclesia.

Cacatorium medicorum.

Der astrologische Schlotfeger.

Campi clysteriorum per § C.

Der Apotheker Furzzang.

Der Chirurgi Steißkuß.

Justinianus de capucis tollendis.

Antidotarium animae.

Merlinus Coccaius, de patria diabolorum.

Von denen etliche bereits gedruckt sind, und die übrigen soeben unter der Preß befindlich zu Tübingen der guten Stadt.

Quelle:
Rabelais, Franz: Gargantua und Pantagruel. 2 Bände, München, Leipzig 1911, Band 1, S. 204-213.
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