Versuch eines deutschen Wörterbuchs.

[55] 1751.


Da einige Gelehrte unter uns so mutig sind und es wagen, ihrer deutschen Muttersprache sich nicht weiter zu schämen, so werde ich es verantworten können, daß ich mir vorgenommen habe, durch gegenwärtigen Versuch den Plan zu einem vollständigen deutschen Wörterbuche zu entwerfen.

Ich habe gefunden, daß viele deutsche Wörter so unbestimmt sind, daß oftmals derjenige, der sie braucht, etwas anderes dabei denkt, als er eigentlich denken sollte; und derjenige, der sie hört, wird, wo nicht gar betrogen, doch leicht irr gemacht.

Es wird daher unumgänglich nötig sein, daß die Gelehrten sich mit vereinten Kräften bemühen, die wahrhaften Bedeutungen der Wörter festzustellen. Der Vorteil, den wir im gemeinen Leben davon haben werden, ist unaussprechlich. Wir werden einander besser und mit völliger Zuverlässigkeit verstehen, alle Zweideutigkeiten werden sich verlieren, und mancher, den man jetzt aus Mißbrauch einen gepriesenen, Mäcenas genannt hat, wird künftig hören, daß er ein Dummkopf sei.

Ich ersuche meine Landsleute um ihren Beitrag zu diesem[55] Wörterbuche. Für mich allein ist dieses Werk viel zu groß und wichtig. Vielleicht bin ich zu offenherzig, daß ich dieses Bekenntnis von mir selbst thue. Bei denen, welche glauben, derjenige sei noch kein rechter Gelehrter, der nicht wenigstens sechs Folianten edieren könne: bei diesen werde ich mich durch meine Bescheidenheit in schlechte Hochachtung setzen. Aber es sei darum! Kommt nur mein Wörterbuch zustande, so wird es sich alsdann schon zeigen, ob diese arbeitsamen Kreaturen noch ferner Gelehrte werden können, ohne der Sprache Gewalt anzuthun.

Von der Einrichtung dieses Wörterbuchs habe ich nicht nötig, etwas weiter zu erinnern. Aus den Proben, welche ich davon liefere, wird man meine Absicht deutlicher sehen können. Ich verlange darin etwas mehr als eine grammatische Abhandlung. Meinethalben mag man es Reallexikon nennen, ich bin es zufrieden. Glaubt man, daß ich bei einigen Artikeln zu weitläufig gewesen bin und Sachen ausgeführt habe, welche die Absicht und die Grenzen eines Wörterbuches überschreiten, so will ich diesen Vorwurf doch lieber leiden als etwas ausstreichen. Ich will hundert Artikel im Bayle aufweisen, wo man deutlich sieht, daß der Titel der Anmerkungen wegen dasteht, und dennoch bleibt es Bayles Wörterbuch.

Ich habe weiter nichts zu erinnern, als daß ich mein Vorhaben den Gelehrten nochmals aufs beste empfehle, damit ich dieses wichtige Werk durch ihre Beihilfe sobald als möglich zustande bringen könne. –


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Menschenfeind. Unter diesem Namen verstehen einige Sittenlehrer gemeiniglich diejenigen verdrießlichen und mürrischen Leute, welche mit ihrem Schöpfer hadern, daß er sie zu Menschen gemacht hat, und welche niemals mißvergnügter sind, als wenn sie sich in Gesellschaft anderer Menschen befinden. Ich will nicht untersuchen, wie weit diese Sittenlehrer recht haben. Ich glaube aber, daß noch eine andere Bedeutung des Wortes Menschenfeind statthaben kann.

Ich setze, und zwar vermöge der Erfahrung, voraus, daß gemeiniglich der Mensch nichts anderes ist als ein Tier, welches nur sich für vollkommen, alle andere menschliche Tiere aber, die um dasselbe herum sind, für fehlerhaft und lächerlich hält; welches diejenigen Pflichten gegen andere niemals ausübt, die es doch von andern verlangt; welches glaubt, daß alles, was erschaffen ist, nur seinetwegen erschaffen ist; welches[56] sich Mühe giebt, dasjenige zu scheinen, was es nicht ist; welches sehr mühselig lebt, um elend zu sterben; welches thöricht ist, weil es das Vermögen hat, vernünftig zu sein; und welches nicht leiden kann, daß man ihm alle diese Wahrheiten vorsagt. Wer so verwegen ist, dieses zu thun, der ist sein Feind.

Menschenfeinde sind also Leute, welche die Wahrheit sagen – ein häßliches Laster, wodurch man die glückselige Einbildung andrer Leute stört und zugleich sein eigenes Glück hindert.

Ein Menschenfeind würde ich sein, wenn ich sagen wollte, daß Neran unter dem Vorwande seiner obrigkeitlichen Pflicht Ungerechtigkeiten ausübte, die Bürger um ihre Nahrung brächte, mit dem Schweiße gedrückter Unterthanen wucherte, die Seufzer der Witwen wider sich reizte und das Vermögen verlassener Mündel an sich risse ... Alles dieses thut Neran, es ist wahr. Ich aber hüte mich wohl, dem Neran dieses vorzuhalten, denn ich mag keines Menschen Feind sein. Einen Vater des Vaterlandes, einen Priester der Gerechtigkeit, den großen Neran nenne ich ihn, so oft ich zu ihm komme – und ich befinde mich wohl dabei. Wie Neran ist, so sind noch viele andere; und ich würde von den größten Palästen anfangen und bis in die Hütten des geringsten Landmanns gehen können, wenn ich nötig hätte, durch mehrere Exempel zu beweisen, daß man ein Menschenfeind würde, sobald man die Wahrheit sagt.

Und wie froh wäre ich, wenn meine Lehren einen Eindruck bei den boshaften, gefährlichen, unbedachtsamen, verstockten (ich weiß beinah nicht, wie ich sie arg genug schimpfen soll) – mit einem Wort: bei den verhaßten Satirenschreibern fänden, welche einen rechten Beruf daraus machen, Erbfeinde der Menschen zu sein ... So lange die weltliche Obrigkeit nicht Anstalt macht, diese Menschenfeinde auszurotten, so lange wird ein Betrüger nicht eine Stunde sicher sein können, den angemaßten Titel eines ehrlichen Mannes zu behaupten ...

Unter diesen satirischen Menschenfeinden halte ich diejenigen für die unerträglichsten, welche mit lachendem Munde das Thörichte an den Menschen entdecken. Nichts erbittert mehr als eine solche Wahrheit, die man uns mit einer spöttischen Miene sagt; denn oftmals sind wir hierin den Affen gleich, welche nie grimmiger werden, als wenn man sie spottend nachahmt und die Zähne bleckt.

Zum ewigen Ruhme unsers schönen Geschlechts muß ich[57] erinnern, daß alles, was ich bisher gesagt habe, von ihm nicht zu verstehen ist. Nichts auf der Welt ist ihm angenehmer als eine ungeheuchelte Wahrheit, und bei ihm ist nur der ein Menschenfeind, welcher schmeichelt ... So merklich sind die Vorzüge, welche solches Frauenzimmer vor uns eingebildeten Männern hat, welches wir doch aus einem lächerlichen Stolze nur ein schwaches Werkzeug nennen.

Pflicht. Pflicht, Amtspflicht, teure Pflicht, Pflicht und Gewissen – sind bei unterschiedenen Leuten, die in öffentlichen Geschäften stehen, eine gewisse Art Formeln, welche zu den Kurialien gehören. In der That haben sie weiter nichts zu bedeuten, als was die übrigen Kurialien bedeuten; inzwischen aber sind sie doch so unentbehrlich als diese und gehören mit zur Legalität.

Einen in Pflicht nehmen – wird also bei dergleichen Leuten so viel heißen, als einem ein Amt geben, worin er unter dem Vorwande seiner aufhabenden Pflicht dasjenige ausüben kann, was ein Unverpflichteter zu thun nicht wagen darf, ohne seine Leidenschaften zu verraten. Weil in gewissen Gegenden geistliche und weltliche Ämter nicht anders als durch viele Geschenke und aufzuwendende Unkosten erlangt werden, so ist es gar wohl zu verstehen, was die geleistete teure Pflicht heißt; und alsdann wird der Ausdruck: seine Pflicht sorgfältig zu erfüllen suchen, nichts anderes sagen, als wenn ich spräche: sich sorgfältig bemühen, auf alle mögliche Art von andern so viel wieder zu erpressen, als das Amt gekostet hat.

Es läuft wider meine Pflicht, wird ein gewissenhafter Richter sprechen, wenn ihm der Beklagte Geschenke anbietet. Ein vernünftiger Beklagter aber wird es gar leicht begreifen, daß des gewissenhaften Richters Frau Liebste nicht in Pflichten steht .... Ich habe einen Schösser gekannt, welcher das Expensbuch beständig vor sich liegen hatte und daher von sich selbst rühmte, daß er seine Pflicht niemals aus den Augen ließe .... Ex officio arbeiten, würde ein Schulmann vielleicht durch pflichtmäßig arbeiten übersetzen. Aber das wäre ein erschrecklicher Schnitzer wider den juristischen Donat. Wer es gründlicher lernen will, was das bedeutet, den will ich an einen gewissen Amtmann weisen. Wenn dieser über die nahrlosen Zeiten und den Verfall der Sporteln klagt, so spricht er allemal: »Ein ehrlicher Mann kann es fast nicht mehr ausstehen. Lauter Arbeit ex officio! Bald Armensachen, bald Bericht wegen brandbeschädigter Unterthanen, bald wegen herrschaftlicher Sachen! alles ex officio!« – Sachen also, davon[58] in der Taxordnung nichts steht, sind Sachen ex officio, und freilich sind dergleichen Arbeiten bis in den Tod verhaßt.

Quelle:
Rabeners Werke. Halle a.d.S. [1888], S. 55-59.
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