Zweiter Auftritt

[187] Amor. Die Zufriedenheit. Lottchen.

Letztere beide sind in modester Kleidung als Bauernmädchen gekleidet.

Amor als Bauernjunge. Alle drei schleichen herein.


AMOR. Wir sind am Ziele. Nun seid vorsichtig und verlaßt euch auf Amor und die Geister.

ZUFRIEDENHEIT. Ich sehe den Magier auch hier nicht.

AMOR. Er muß hier sein. Ich will ihn suchen, vielleicht hat ihn sein Mut hinter eine Hecke getrieben.


Geht ab.


LOTTCHEN. Himmel, wie soll das enden? Gestern abends versprachst du mir, daß mein Karl an des schwäbischen Kaufmanns Hand mich zur Vermählung holen würde. Den ganzen Abend und die lange Nacht warten wir vergebens, erst heute Mittag kömmt der kleine Knabe geflogen, bringt dir einen Brief, und ohne ein Wort zu sagen, verkleidest du dich und ziehst an der Hand des Knaben mit mir bis hieher. Ich kenne die Gegend, doch stand hier seine Fischerhütte, und kein Palast. Was ist aus ihm geworden? Wo ist er?[187]

ZUFRIEDENHEIT. Behutsam! Sei nur ruhig. Ich will dir den Brief lesen, den die Geister mir durch Amor gesendet haben. Liest. »Hochzuverehrendes Wesen! Beneidenswerte Zufriedenheit! In größter Eile berichten wir Ihnen: der Magier Ajaxerle hat durch Unvorsichtigkeit unsern Plan vernichtet, indem er die Zeit versäumte, Sie und den Fischer abzuholen. Wir müssen nun zu einem neuen schreiten. Der Fischer befindet sich in der Gewalt des Hasses, der seine Hütte in einen Palast umzauberte. Reisen Sie daher schnell in Verkleidung an Amors Hand nach seiner neuen Wohnung. Vor dem Hause wird der Magier Sie erwarten und Ihnen alles aufklären. Den Fischer werden wir sogleich nach Hause expedieren. Wir Geister dürfen uns dem Haß nicht nähern, sonst entzweit er uns, und wir kommen nicht zum Zweck, darum halten wir uns verborgen und verlassen uns ganz auf Ihre Klugheit, denn nur die Zufriedenheit kanns mit dem Haß aufnehmen. Bis Mitternacht muß die Sache beendet sein. Mit ausgezeichneter Achtung und namenloser Verwirrung Dero ergebenster Geisterverein auf dem Scheckel.« Ja wohl Verwirrung! So viele Geister und ein so geistloser Plan. Welche Unsicherheit? Der Magier ist ja wieder nicht hier. Arme Lakrimosa, warum besitze ich keine Zauberkräfte? Was für armseligen Geistern hast du dein Glück vertraut! Doch stille, hier kömmt ein Diener. Wenn ich nur Karl sprechen könnt, dann würde ich mich schon in die Sache finden. Tophan geht über die Bühne. Pst, Freund, ist der Herr des Hauses nicht zu sprechen?

TOPHAN trotzig. Nein! Er kömmt erst heute abend an.

ZUFRIEDENHEIT. Wo ist er denn?

TOPHAN. Er holt seine künftige Frau, es ist schon alles zur Vermählung bereitet.

LOTTCHEN. Himmel!

ZUFRIEDENHEIT. So führ uns zu dem Hausinspektor.

LOTTCHEN. Ach ja, wenn du deinen Herrn liebst, so –

TOPHAN wild. Schweigt! Ich liebe niemand, ich kann mich selbst nicht leiden, und mein Handwerk ist der Haß.[188]

ZUFRIEDENHEIT. So melde uns aus Haß.

TOPHAN. Das will ich tun, aus Mißgunst meld ich an, aus Liebe nicht. Ärgerlich. Wenn es nur keine Frauenzimmer auf der Welt gäbe.


Ab.


LOTTCHEN. Er hat mich vergessen und heiratet vielleicht jetzt eine Königstochter.

ZUFRIEDENHEIT. Nur ruhig, daß man uns nicht erkennt.


Der Haß aus dem Palast. Tophan. Diener.


HASS. Wo sind die Mädchen?

TOPHAN. Hier! Sie scheinen mir verdächtig.

HASS. Was wollt ihr?

LOTTCHEN. Ach! Zur Zufriedenheit ängstlich. Was wollen wir denn?

ZUFRIEDENHEIT. Euer Gnaden verzeihen, wir sind zwei arme Verwandte des Herrn vom Hause, die zu ihm gereist sind, ohne von seinem Reichtum noch unterrichtet zu sein. Unser Bruder ist im nächsten Dorfe zurückgeblieben und wird gleich nachkommen.

HASS. Das ist Betrug! Ergreift sie schnell!

LOTTCHEN. O Himmel! Wer beschützet uns jetzt?

AMOR springt aus dem Blumengebüsche und tupft schnell den Haß mit seinem Pfeile ans Herz, schalkhaft. Still, still! Ich hab ihn schon verletzt! Läuft ab.

HASS zu den Dienern. Haltet! Ich war zu rasch! Hm! Ein hübsches Mädchen. Kneipt sie in die Wange. Ich vergesse beinahe, daß ich der Haß bin! Nun, womit kann ich euch dienen?

ZUFRIEDENHEIT. Wenn Sie uns nur ein kleines Plätzchen gönnen wollten, um dort die Ankunft des Herrn abzuwarten.

LOTTCHEN. Wir bitten recht schön!

HASS. Nein! zum Fortjagen sind sie zu hübsch und zum Betrug zu unschuldsvoll. Zu den Dienern. Zeigt ihnen das Domestikengebäude, dort können sie ihn erwarten. Wo kommt ihr her?

ZUFRIEDENHEIT. Aus dem Salzburgischen.

HASS. Wirklich? glückliches Salzburg, ein zweites Sachsen, wo die hübschen Mädchen wachsen. Für sich. Das ist ein[189] Kapitalmädchen! Wenn ich nur der Haß nicht wär, – das ist doch fatal! die könnte mich glücklich machen. Denn wenn sie mich alle Tage mit ihren schönen Augen nur hundertmal anblickt, so habe ich die Woche hindurch siebenhundert schöne Augenblicke. Nachdenkend. Das ist doch fatal, daß ich der Haß bin, jetzt wär ich viel lieber ein Salzburger. Adieu! schöne Salzburgerin.


Geht ab und wirft ihr im Abgehen Küsse zu.


ZUFRIEDENHEIT macht ihm einen Knix nach. Adieu, schöner Salzburger! Vielleicht gelingt es uns, dir die Suppe zu versalzen. Zu Lottchen. Komm!


Geht mit ihr in das Nebengebäude ab.

Die Bühne ist leer.


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 187-190.
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