Fünfter Auftritt

[516] Voriger. Baumeister. Sockel.


SOCKEL. Guten Morgen, Herr von Wolf! Sie haben mich rufen lassen, ich wäre schon gestern gekommen, aber ich hab ein Haus stützen müssen, was ich vor zwei Jahren erst gebaut hab. Verstanden? Ich sag Ihnens, man möcht jetzt lieber Holz hacken als Häuser bauen. Erstens brennen s' Ziegel, wenn man einen nur ein unbeschaffenes Wort gibt, so fallt er schon voneinander. Nachher wollen s' immer ein Million Zins einnehmen, lauter Zimmer, keine Mauern. Verstanden? Drum sind manche moderne Häuser auch so dünn, als wenn s' bloße Futteral über die alten wären. Hernach hat halt ein Baumeister vor Zeiten auf solide Einwohner rechnen können, aber jetzt zieht sich ja manchmal ein Volk hinein, das nichts als rauft und schlagt, Tisch und Stühl umwirft und das Unterste zu oberst kehrt. Ja wo soll denn da ein Haus die Geduld hernehmen, da wirds halt springgiftig, und endlich fallts vor Zorn zusamm. Verstanden?

WOLF. Das ist alles ganz recht, aber jetzt lassen Sie uns vernünftig reden.

SOCKEL. Erlauben Sie, aber meine Reden sind ein wahrer Triumph der Vernunft. Verstanden?

WOLF. Ich habe Ihnen die unangenehme Nachricht zu sagen, daß Sie den Bau des Schlosses nicht bekommen werden.

SOCKEL. Hören Sie auf, oder ich stürz zusamm wie eine alte Gartenmauer. Das ist ja nach unserer Verabredung nicht möglich. Verstanden?[516]

WOLF. Der gnädge Herr will den Baumeister Gründling nehmen.


Ein Bedienter, der Flottwell das Frühstück gebracht hat, kommt zurück.


SOCKEL. Aber es war ja schon alles richtig. Ich hab Ihnen ja tausend G –

WOLF rasch auf den Bedienten blickend. Nun ja, Sie haben mir da tausend Gründe gesagt, die –

SOCKEL. Nein, ich habe Ihnen versprochen –

WOLF. Ja, Stampft unwillig mit dem Fuß. Sie haben versprochen, gute Materialien zu nehmen. Fritz, dort hat jemand geläutet. Der Bediente geht in ein Kabinett ab. Aber ich kann nicht dafür, daß ein anderer gekommen ist, der noch größere Versprechungen gemacht hat und das Schloß um zehntausend Gulden wohlfeiler baut.

SOCKEL. Aber das ist ja ein elender Mensch, der gar nicht zu bauen versteht. Ein hergelaufener Maurerpolier, ein Pfuscher, und ich bin ein Mann auf dem Platz. Verstanden?

WOLF. Es macht Ihnen sehr viel Ehre, daß Sie so über Ihren Kollegen schimpfen, aber das kann die Sache nur verschlimmern!

SOCKEL. Aber Sie bringen einem ja zur Verzweiflung. Beiseite. Ich kann den Bau nicht auslassen, er trägt mir zu viel ein. Macht gegen das Publikum die Pantomime des Geldzählens. Verstanden? Laut. Liebster Herr Kammerdiener, ich weiß, es hängt nur von Ihnen ab. Der gnädige Herr bekümmert sich nicht darum, er ist zu leichtsinnig. Ich geb Ihnen tausend Gulden Konventionsmünze.

WOLF. Herr! – Was unterfangen Sie sich –

SOCKEL. Ich unterfange mich, Ihnen noch fünfhundert Gulden zu bieten.

WOLF. Sie häufen ja Beleidigung auf Beleidigung –

SOCKEL. Freilich, ich bin der brutalste Kerl auf der Welt. Aber jetzt bin ich schon in meiner Grobheit drin, ich muß Ihnen noch fünfhundert Gulden antragen.

WOLF. Halten Sie ein! Sie empören mich mit solchen unmoralischen Zumutungen![517]

SOCKEL beiseite. Ah, da möcht man sich selber köpfen.

WOLF. Ich sehe ein, daß Ihre Ehre –

SOCKEL. Ah was Ehre! Es ist einem gerade keine Schande, wenn man ein Schloß baut, aber in Feuer lassen s' einem auch nicht vergolden deswegen. Beiseite. Nur das Geld ist verloren!

WOLF. Man wird Sie auslachen!

SOCKEL. Freilich, es hats die ganze Stadt erfahren.

WOLF. Wie war das möglich?

SOCKEL. Weil ichs meiner Frau gesagt hab.

WOLF. Ja sind Sie denn verheiratet?

SOCKEL. Leider! Verstanden?

WOLF ängstlich. Haben vielleicht Kinder!

SOCKEL. Jawohl.

WOLF. Ach, das ist ja sehr traurig. Wie viele?

SOCKEL. Mein Gott, soviel Sie wollen, verschaffen Sie mir nur den Bau.

WOLF. Ja das muß ich wissen.

SOCKEL. Fünf, und zwei noch zu erwarten! Verstanden?

WOLF. Entsetzlich! Das rührt mich!

SOCKEL. Lassen Sie sich erweichen. Nehmen Sie die zweitausend Gulden.

WOLF mit Bedauern. Sie sind Familienvater! Sie haben fünf Kinder! Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Und der andere Baumeister hat vielleicht keine Kinder.

SOCKEL. Kein einziges.

WOLF. Ah, da müssen Sie ja den Bau erhalten. Das wäre ja die höchste Ungerechtigkeit.

SOCKEL. O Sie edelmütiger Mann!

WOLF. Jetzt kann ich Ihr Geschenk annehmen. Aber Sie müssen mir versprechen, ein Meisterstück für die Ewigkeit hinzustellen –

SOCKEL. Zehn Jahre keine Reparatur –

WOLF. Denn der Vorteil meiner gnädgen Herrschaft geht mir über alles.

SOCKEL weinend. Große Seele!


Beide in Flottwells Kabinett ab.[518]


Quelle:
Ferdinand Raimund: Sämtliche Werke. München 1960, S. 516-519.
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